J. C. Lavater's Sittenbüchlein für das Gesinde
Part 2
Es ist edel und schön, um anderer Willen zu leiden; schön und edel und Gott wohlgefällig, die zu lieben, die uns hassen; die zu segnen, die uns fluchen; denen Gutes zu thun, die uns beleidigen, für die zu bitten, die uns mit Zorn und Unwillen verfolgen; denen mit aller Treue zu dienen, die alle unsere Treue verachten; mit denen immer zufrieden zu seyn, die niemals mit uns zufrieden sind. Das heißt: In Jesu Christi Fußtapfen treten, und der himmlischen Güte ähnlich werden, die auch Undankbare und Boshafte trägt; das heißt: Jesum Christum ehren, und seine Langmuth, Geduld und Güte andern Menschen gleichsam darstellen, offenbaren und sichtbar machen. -- _Ihr Dienstboten!_ dieß ist Gottes Meynung hierüber -- _Seyd eurer Herrschaft mit aller Furcht und Ehrerbietung unterthan, nicht allein den guten und bescheidenen, sondern auch den ungeschlachten_, den bösen und wilden; _denn das ist eine Gnade, so jemand um des guten Gewissens willen vor Gott Traurigkeiten erträgt, und Unrecht leidet. Denn was wäre das für ein Lob, wenn ihr um Missethat willen mit Fäusten geschlagen werdet, und das erduldet? wenn ihr aber um Wohlthaten willen leidet, und es dann erduldet, das ist eine Gnade bey Gott; denn darzu seyd ihr auch berufen, weil auch Christus für uns gelitten, und uns ein Vorbild gelassen hat, daß ihr seinen Fußtapfen nachfolgen sollt, welcher keine Sünde gethan hat, in dessen Mund kein Betrug erfunden ist, welcher, als er gescholten ward, nicht wiederschalt; als er litte, drohete er nicht, sondern überließ es dem, der da recht richtet._ 1. Petr. II, 18-23.
Sey auch mit deinem Lohne zufrieden, besonders, wenn er dir nach Abrede, und zu rechter Zeit gegeben wird. Ueberhaupt lerne zufrieden zu seyn mit allem, so wird alles dir zum augenscheinlichen Segen werden.
Und nun will ich noch zwey Worte beyfügen, und alles übrige deiner eignen Einsicht, und deinem Gewissen überlassen. --
Wenn du etwa Kindern abwarten must, so thu es doch mit aller Treu und Sorgfalt, als wenn sie deine eigne Kinder wären. Sey vorsichtig, wo du mit ihnen hingehst, wenn du sie niedersetzest, stellst, führst oder trägst. Spring nicht mit ihnen muthwillig hin und her! Verlasse sie nie, wenn du bey ihnen seyn sollst. Lehre sie nichts Böses, sondern Gutes. Erzähle ihnen keine Mährlein! Nichts von Gespenstern und bösen Männern; nichts vom Satan und Hexen; nichts von einem erzörnten Gotte, wenn es donnert; nichts von dergleichen Dingen, die entweder ganz keinen Grund haben, oder wovon du nichts verstehest, und das Kind nichts verstehen soll. Am allerwenigsten gewöhne sie zum Ungehorsam gegen ihre Eltern; sondern suche ihnen Achtung und Liebe gegen sie ins Herz zu pflanzen. Dein schneller Gehorsam müsse ihnen zeigen, wie sehr ihre Eltern des Gehorsams würdig sind. -- Wenn du aber auch den Kindern eben nicht selbst abwarten must; so sey sonst liebreich und gefällig gegen sie. Erzeige ihnen nach ihrem Betragen und ihrem Alter Achtung und Liebe.
In Ansehung deiner Nebendienstboten, wenn du solche hast, bezeige dich freundlich und friedlich! Weiche Zank und Streit aus! Hilf ihnen, und mach ihren Dienst nicht schwerer, sondern leichter! Sey ihnen ein gutes Exempel der Treu und des Gehorsams. Tritt nie mit ihnen wider deine Herrschaft zusammen! Verläumde und verschwätze sie nie mit ihnen. Ermuntre sie zur Geduld und zur Treue. Sind sie frömmer als du, so verlache sie nicht, und mach ihnen ihre Frömmigkeit nicht schwer! Sind sie nicht so fromm, wie du meynest zu seyn, so verachte sie nicht, verdamme sie nicht! Suche sie durch stille Tugend, unsträfliche Treu und sanfte Güte zu gewinnen -- denn, wenn du dieß thust, so kannst du dich und andere seelig machen.
Hast du etwa übrige Zeit, so nutze sie zum Guten; zur Vermehrung deiner christlichen Erkenntniß und Tugend. Lies, lerne, oder schaffe etwas nützliches. -- Das übrige, was ich dir etwa sonst noch zu sagen hätte, sey deiner eigenen Einsicht und deinem Gewissen überlassen. Bitte Gott um Weisheit, insonderheit bey der Wahl und etwaigen Abänderung deines Dienstes; und wenn du etwa in andere bedenkliche Gewissensfälle kommst; und gieb acht, daß du dir weder durch unchristliche Leute, noch durch unedle, unordentliche Leidenschaften deines Herzens rathen lassest.
Die Summe als dessen, was ich dir hier sage, ist diese: Habe Gott vor Augen, und halte seine Gebote; denn das ist die Hauptangelegenheit aller Menschen; denn Gott wird alle Werke vor Gericht bringen; auch alle Heimlichkeiten, sie seyen gut oder bös.
Der Herr hat zum Gerichte Sich seinen Thron erhöht. Vor seinem Angesichte Bleibt nicht, wer widersteht. Ihr kühnen Sünder zittert; Bereut noch euren Spott. Sein Thron wird nie erschüttert; Der Herr bleibt ewig Gott!
=Gebetlied= eines =Dienstboten=.
Du aller Wesen Herr und Meister, Des Leibes Schöpfer, Geist der Geister, Mein Schöpfer, Vater, ich bin dein! Du hießest mich, o Allmacht, werden; Du setztest mich, dein Kind, auf Erden, Und deiner soll mein Herz sich freun.
Du heissest mich den Menschen dienen, Ja dir nur folg ich, folg ich ihnen, Dir, unser aller Herr und Gott. Drum hilf mir, meiner Herrschaft Willen Gewissenhaft und froh erfüllen, Als deinen Willen, dein Gebot.
Bewahre mich vor bittern Klagen, Lehr mich mein Joch gelassen tragen; Und stets auf dich, auf dich nur sehn. Herr, lehr mich reden, lehr mich schweigen, Mich unbeweglich treu erzeigen, Und nur gerade Wege gehn.
Der Herrschaft Glück soll mich erfreuen, Laß jeden Fehler mich bereuen, Und frömmer werde stets mein Herz. Bewahre mich vor Stolz und Neide, Vor Ungeduld, Herr, wenn ich leide, Sey du mein Trost in jedem Schmerz!
O gieb mir Weisheit mich zu schmiegen, Gehorsam, Herr, sey mein Vergnügen, Und Freude sey mir jede Pflicht. Mein Sitzen, Liegen oder Stehen, Mein Reden, Schweigen, Thun und Gehen Gescheh vor deinem Angesicht.
Du bist der Treue, der Gerechte, Der Herr der Herren und der Knechte, Der Armen wie der Reichen Heil. Der Allerniedrigste auf Erden Kann groß in deinem Reiche werden, Hat Fürsten gleich, Gott, an dir Theil!
Ja, du wirst ewig mich belohnen, In deinem Himmel werd ich wohnen, Dort König mit dir König seyn. Ach! Herr, mögt ich dieß stets ermessen, Nicht dein und deines Reichs vergessen, Wie würd ich ewig seelig seyn!
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Anmerkungen zur Transkription:
Im folgenden sind die Änderungen am Originaltext aufgeführt. Unter der Beschreibung der Änderung steht jeweils zuerst die Textstelle im Original, dann die geänderte Textstelle.
»fleisig« geändert zu »fleißig«: Nur dann recht thun, nur dann fleisig seyn, wenn die Herrschaft um die Nur dann recht thun, nur dann fleißig seyn, wenn die Herrschaft um die
»zusteht« geändert zu »zusieht«: Wege ist, oder dir zusteht; und nachlässig und träg, wenn sie dir den Wege ist, oder dir zusieht; und nachlässig und träg, wenn sie dir den
»Herschaft« geändert zu »Herrschaft«: und vorschwätzen, was im mindesten zum Nachtheil ihrer Herschaft und vorschwätzen, was im mindesten zum Nachtheil ihrer Herrschaft
»st« geändert zu »ist«: st Gottes Meynung hierüber -- _Seyd eurer Herrschaft mit aller Furcht ist Gottes Meynung hierüber -- _Seyd eurer Herrschaft mit aller Furcht
»Erkeuntniß« geändert zu »Erkenntniß«: deiner christlichen Erkeuntniß und Tugend. Lies, lerne, oder schaffe deiner christlichen Erkenntniß und Tugend. Lies, lerne, oder schaffe ]