J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft
Part 9
Sie haben am Strande ein Boot genommen, das sie eingerichtet haben. Zwei Nächte noch mußten sie auf der Insel kampieren, während sie am Tage segelten, am dritten Tage kamen sie nach Sardinien, wo sie gut aufgenommen und nach Rom befördert wurden. Dort nahm die deutsche Botschaft sie in Empfang und versorgte sie zur Weiterfahrt. Die Glücklichen! Sie haben Mut bewiesen und ihr Glück verdient. -- Daß wir darunter litten, war klar. Wieder wurde verschärft, was noch zu verschärfen war. Ein neues Mittel wurde erfunden. Sämtliche Ausgänge wurden mit Gefangenen als Posten besetzt, das war ein ergötzliches Bild und führte zu ergötzlichen Szenen. Marder, welcher an dem Tore, das zu den Ställen führte, Wache hatte, waltete streng seines Amtes. Ein Franzose hatte einen Gefangenen beauftragt, ihm etwas von dort zu besorgen, Marder ließ ihn nicht durch. Nun kam der Franzose selber und forderte den Durchgang für den Beauftragten, worauf M. ihm kühl erwiderte: „Sie dürfen durch das Tor und sich alles besorgen, der Gefangene darf nicht durch. So ist mein Auftrag.“ Ein „_sale boche!_“ fluchend, mußte der sich nun selber bemühen. Gleich darauf wurde Marder seines Amtes, das er zu genau verwaltet hatte, entsetzt. Man kann es den Herren nie recht machen. -- --
In diese Zeit fällt der Entscheid über meine von allen Seiten unterstützte Eingabe um Freilassung. Und nun muß ich noch einmal, trotz meines Schwures, den Namen des widerlichen Mannes erwähnen. Die französische Regierung schrieb an die amerikanische und spanische Botschaft, daß sie gern meine Freilassung verfügt hätte, besonders da eine so hohe Dame, wie die Infantin Beatriz von Spanien, sich darum bemüht habe, daß dies jedoch unmöglich geworden sei durch das Attest des Arztes. _Dr._ Brausewetter sei „_en parfait état de sante_“, wie eine „_enquête minutieuse_“ ergeben, und „_mobilisable_“. Das war die Rache Marcantonis gewesen. Ich war ja so vieles gewöhnt worden, aber um meine Frau war mir’s leid. Die hatte so tapfer gekämpft, und nun diese Enttäuschung!
Der Zorn war bei ihr aufgewallt und bei mir. Ich setzte mich sofort hin, schrieb an beide Botschaften und auch an die Infantin Beatriz, daß mich das sichere Urteil des Arztes und die „_enquête minutieuse_“ aufs äußerste in Erstaunen gesetzt habe. _Dr._ Marcantoni habe nie eine Frage meiner Gesundheit wegen an mich gestellt, trotzdem die Bescheinigung des preußischen Kriegsministeriums vorgelegen, daß ich wegen Lungentuberkulose aus dem Heere geschieden sei; viel weniger habe er auch nur einmal mich untersucht. Es sei unerklärlich, wie er zu solchem Urteil käme und wie die Note der französischen Regierung von einer „_minutieuse enquête_“ sprechen könne. Wieder kam der Stein ins Rollen, aber der Weg, den er rollen mußte, war vorgezeichnet. Ein Arzt aus Bastia kam nach einiger Zeit, mich -- nun zum ersten Male -- zu untersuchen. Er bestätigte meine Angaben nach genauer Feststellung des Befundes und sagte mir dann, ich würde nun freikommen, sein Bericht sei günstig für mich. Durch das Bureau erfuhr ich, daß er mich als _immobilisable_ für jeden militärischen Dienst eingegeben habe, und daß damit meiner Freilassung nichts im Wege stände. Aber das konnte dem Ministerium natürlich nicht passen, es wäre in eine schlimme Lage gekommen und hätte der Infantin gegenüber einfach bekennen müssen, daß die leichtsinnige oder bewußt feindliche Eingabe des Marcantoni zu einem Irrtum geführt habe. Ein zweiter Arzt wurde beordert, das war bestellte Arbeit; er untersuchte mich und erklärte, daß zwar die Leiden vorhanden seien, daß ich aber doch soweit gesund sei, um einen _service militaire_ zu tun. Was sollte das wohl für ein _service militaire_ sein? Ich war doch Arzt, sollte ich zum Schreiber degradiert werden? Die Antwort der Regierung war klar. Es sei, so hieß es, nach dem Attest des ersten Arztes schon meine Freilassung verfügt gewesen, man habe aber nach dem Attest des zweiten die Verfügung wieder streichen müssen. Das war ja sonnenklar und hat uns nicht weiter überrascht. Ausharren hieß es nun und immer wieder ausharren, ob auch schwere Wolken über uns hingen.
Daß die fünf Flüchtlinge nicht zurückkehren wollten, erzürnte die Machthaber, und deren Gereiztheit stieg. Nun hatten wieder fünf Mann einen Fluchtversuch gemacht: Marder, Seifried, Liebscher, Soennickens und Kühl, aber das Glück hatte sie nicht begünstigt wie ihre Vorgänger, sie wurden eingefangen und Gegenstand neuer unerhörter Vorgänge in Casabianda. Der frühere Polizeipräfekt von Paris, Herr Lepine, kommt nach Casabianda und betrachtet den Schauplatz so vieler Fluchtversuche. Die Erregung steigt auf allen Seiten aufs höchste, und ein seltsamer Abend war es, wie die Vorabende schwerer Ereignisse, als ich am 29. März, unserem Hochzeitstage, noch spät aufsaß und an meinem Tagebuch schrieb. Ich war lange über Erlaubnis aufgeblieben und schrieb alles nieder, was mir durch Herz und Sinne ging. Da öffnete sich gegen elf Uhr etwa, ohne daß ich ein Geräusch hörte, die Tür, ein Korporal wies auf mich: „_Voilà_.“ Hinter ihm trat der Chef-Adjutant, der Schwarze oder Mephisto, wie wir ihn nannten, ein, eine unheimliche Figur, wie auf der Lauer. Als er mich sah, war er ruhig: „Es ist Zeit, zu Bett zu gehen!“ sagte er, weiter nichts; dann ging er, lautlos wie er gekommen. Die Reitpeitsche, die ihn immer begleitete und die noch eine große Rolle spielen sollte, hatte er in der Hand getragen. Was hatte er gewollt, auf wen fahndete er? Etwas war im Gange gewesen, und der nächste Morgen brachte die Enthüllung. Wenige Stunden nach dem rätselhaften Besuche, der wohl mir nicht gegolten hatte, waren aus dem Nebenraum wieder sechs Mann entflohen. Sie hatten sich an Seilen von ihrem Fenster, dessen Kreuz sie ausgebrochen hatten, an der Stallmauer herabgelassen, waren so ins Freie auf gefährlicher Tour gelangt. Am nächsten Morgen war eine furchtbare Aufregung im Lager, die Flüchtlinge waren schon um drei Uhr morgens wieder eingefangen und saßen im Kerker.
Das war in der Nacht vom 29. zum 30. März geschehen. Vor wenigen Tagen hatten wir erfahren, daß der Chef-Adjutant drei der früheren Flüchtlinge in ihrer Kerkerzelle aufgesucht und mit der Reitpeitsche geschlagen hatte. Was diese Nacht geschehen, war das Ungeheuerlichste, was wir in unserer Gefangenschaft erlebten. Es drang erst gerüchtweise zu uns, wir wollten ihm nicht Glauben schenken, bis eine dahingehende Frage, die den vorübergeführten Gefangenen rasch gestellt worden war, bejaht wurde. Immer mehr kam aus guten Quellen eines nach dem anderen zutage. Simeoni hatte die Flüchtlinge um drei Uhr morgens, als sie von der Wache herangeführt wurden, vor dem Tore sich nackend entkleiden lassen, sie mit der Peitsche blutig geschlagen, auf den nackten Körper, jeden einzelnen, ihre Kleidung ins kalte Wasser geworfen, sie dann mit der Peitsche in den Kerker getrieben, dort von neuem gepeitscht. Wir wollten nicht glauben, was wir erfuhren, aber der Graf Peraldi selber sagte einem von uns alles, und als die erste Beschwerde abging, in welcher wir fälschlich den Chef-Adjutanten bezichtigten, gab er das Schreiben zurück: es sei nicht der, sondern Simeoni und ein anderer Offizier gewesen, den wir Falstaff nannten. Darüber hinaus gab es nichts, war das möglich gewesen, so konnten wir alles erwarten und es galt jetzt zu handeln. Faikos hatte die erste Beschwerde als Gruppenführer geschrieben, es war keine Antwort erfolgt. Jetzt trat an andere die gleiche Aufgabe heran, an mich als etwa Rangältesten, an Baron v. Weichs und _Dr._ Steinbrecher, die von ihren Gruppen dazu ersehen waren. Wir unterzogen uns der Aufgabe, der Gefahr uns wohl bewußt. Ehe ich die Eingabe machte, habe ich noch einmal mir von den Gefangenen die Einzelheiten bestätigen lassen, und folgende Briefe trafen aus dem Kerker ein.
Zivilist X., Korporalschaft Y.:
Lieber X.!
Simic, Lariga und ich waren heute zur Untersuchung. Der Arzt sagt, daß wir uns, die von dem Hieb herrührenden Wunden selbst beigebracht hätten. Ich konnte allerdings an seinen Mienen und an denen des Mephisto und des Grafen sehen, daß sie vom Gegenteil überzeugt waren. Man hat eben nur der Form genügt. Der Rote wartete draußen auf das Resultat. Der Graf und Mephisto sind uns wohlgesinnt. Der Graf bedauerte mein hartes Los. Ihr könnt mir alles bringen, Mephisto drückt beide Augen zu. Laß Dir also von Klos zwei Decken, Unterhosen und Mundharmonika geben und bringe den Kram rauf, auch Eßwaren aus der Kantine und falls Pakete angekommen sind. Auslagen vergüte ich Dir. Ebenso die weißen Schuhe vom Wandbrett und Spielkarten von X., und an der Bettstelle hängt ein kleiner Mantel, in welchem Du alles verstauen kannst. Besten Dank usw.
Lieber X.!
Zuerst die Angelegenheit mit Simeoni. Wir wurden also hinter dem Gut an der Düngergrube von einem Posten 3¼ Uhr und unter vielem Theater an das verschlossene Eingangstor geführt. Nachdem wir etwa eine Viertelstunde gestanden, kam Simeoni mit der Wache, die Bajonette aufpflanzen mußte. Simeoni gebärdete sich wie ein in höchster Ekstase befindlicher Wahnsinniger. Die eine Faust im Munde, knirschte er wie ein angeschossener Eber und in der erhobenen Rechten schwang er einen dreizölligen Ochsenziemer, den er zunächst wahllos über alle herniedersausen ließ. Als er dann des Heer ansichtig wurde, glaubte ich, er platze vor Wut: _cochons_, _boches_ usw. regnete es. Er fuhr Heer mit der Linken an die Kehle und ließ die Rechte fast drei Minuten lang auf dessen Schädel platzen, während ihn außerdem noch ein Förster festhielt. Dann hieß es, obgleich wir durchnäßt von Schweiß waren, splitternackt ausziehen. Heer war zuerst fertig, unter beständigen Schlägen, bekam einige besonders wuchtige Hiebe und flog nach links. Dann kam Simic, dem der bärtige Oberleutnant Stefani an die Kehle fuhr und ihn an die Wand drückte, mit der Rechten fest den Kopf bearbeitend. Dann flog er zu Heer. Mittlerweile hatte Simeoni bei Reichel das um den Leib gewickelte Seil entdeckt. Neuer Ausbruch des Vesuvs. Mit dem umgekehrten Ochsenziemer einen Schlag über den Kopf, das Loch sieht man heute noch. Noch einige Schläge über Rücken, Gesicht und Schenkel, und er flog samt Amade rüber zu den übrigen. Amade erhielt einen Hieb über den Rücken von ungelogen 2 Zentimeter Breite. Jetzt erblickte er mich. Ich wurde die ganze Zeit von einem Förster visitiert, der mich vielleicht so vor dem Strafgericht zu retten dachte. Simeoni zu mir: Was, du Schwein bist noch nicht ausgezogen? begleitet von einigen Hieben. Ich zog mich so schnell als möglich aus, welchen Augenblick Lariga benutzte, um zu den anderen zu entweichen. Ich bekam seine Hiebe mit und flog mit einem Fußtritt zu den anderen. So standen wir etwa sechs Minuten. Dann mußten wir die Kleider über die Arme nehmen und zum Kerker marschieren. Ich war der letzte und bekam unterwegs noch einige Hiebe über den Rücken. Am Kerker neue Wutszene. Wir mußten einzeln vor die Halle treten, bekamen jeder zwei echte germanische Jagdhiebe und durften eintreten. Dann wurde Reichel herausgeholt, natürlich immer noch ohne jedes Bekleidungsstück. Mit der Linken hielt er ihm den Revolver vors Gesicht, in der erhobenen Rechten wieder den Ochsenziemer. „Jetzt sagst du Schwein mir die Wahrheit, wo ihr heruntergekommen seid.“ -- „Bei der Bäckerei.“ Klatsch, gab’s einen Hieb. „Willst du die Wahrheit sagen.“ Reichel blieb dabei. Dann kam ich und ich sagte natürlich dasselbe, und daß wir Eier holen wollten. „Du lügst, du Hund, um vier Uhr war man bei mir und hat mir alles gesagt.“ Ich sagte: „Ich verstehe das nicht, da doch alles so ist, wie ich sage.“ In dem Augenblick kam der Kommandant und wir durften uns anziehen. -- Wer hat nun die Geschichte brühwarm hinterbracht? Gruß
Ulrich.
Ein anderer Herr im Lager hatte einen Beschwerdebrief aufgesetzt, der mir und vielen anderen viel zu lau gegen diese unerhörte Barbarei erschien; ich sagte ihnen, ich wolle selber das Schreiben verfassen und verlas es dann. Es hatte vollen Beifall und folgenden Inhalt:
1. 4. 15.
An die amerikanische Botschaft, Paris.
Im Namen und Interesse der in Casabianda unter Militärverwaltung internierten Zivilgefangenen erlaube ich mir folgendes vorzutragen:
Die in Casabianda internierten Zivilgefangenen sehen sich in der dringenden Lage, die Hilfe der nordamerikanischen Botschaft, deren Schutze sie unterstellt sind, anzurufen, weil ihre Behandlung dem hohnspricht, was sie selbst in Kriegszeiten als menschenwürdig anzusehen gewohnt sind. -- Alle Repressalien, welche gegen sie ergriffen sind, wiegen nichts gegen das eine, die entehrendste aller Strafen, die Prügelstrafe in ihren Reihen. Die Prügelstrafe durch eine Reitpeitsche auf den bekleideten und nackten Körper ist ausgeführt durch drei französische Offiziere und ausgeübt an etwa acht Gefangenen durch dieselben Offiziere. -- Der erste Fall der Prügelstrafe betraf einige Flüchtlinge im Kerker. Der zweite ist noch gravierender, er ereignete sich vor zwei Tagen, nachdem eine Beschwerde über den ersten Fall eingereicht worden war, und trug sich so zu: Sechs Gefangene, welche auf einem Fluchtversuche eingeholt waren, wurden morgens etwa drei Uhr am Tore von Casabianda durch zwei französische Offiziere des Lagers gezwungen, sich nackend auszuziehen, mit dem Revolver bedroht und gepeitscht. Dann mußten die armen Gefangenen ihre völlig durchnäßte Wäsche in den Arm nehmen, wurden den etwa 150 Meter weiten Weg zum Kerker heraufgetrieben, dort wiederum gepeitscht. Sie mußten im nassen Hemde, von Frost und Schmerzen fast erstarrt, im Kerker bleiben; erst heute ist ihnen Stroh und Unterzeug gegeben. -- Ein Fluchtversuch, der von den Franzosen aus deutschen Lagern als Heldentat in französischen Zeitungen gepriesen wird, kann, von Deutschen ausgeführt, keine Schande sein und eine Strafe fordern, die bisher jeder Kulturstaat als unmenschlich aus seinen Rechtsbüchern ausgestrichen hat.
Eure Exzellenz bitten wir um schleunige Entsendung einer Kommission zur Feststellung unserer verzweifelten Lage und Bericht bei unseren Regierungen, da wir den augenblicklichen Stand für gefährlich erachten.
(gez.) _Dr._ M. Br....
* * * * *
Zugleich hatten Baron Weichs und _Dr._ Steinbrecher ihre Schriften verfaßt und sandten sie auf demselben Wege zum Kommandanten. Dessen erste Eingebung war, uns jeden auf 30 Tage, das Höchstmaß seiner Strafbefugnis, einzusperren.
+Kerker in Casabianda.+