J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft
Part 8
Es ist 10 Uhr, ich habe meine Mahlzeit verzehrt und stecke mir trotz Maurer eine Pfeife an und trinke behaglich guten Wein. Der Wein ist fast glühend, er stand zu nahe am Ofen, und ich habe tüchtig eingekachelt, weil es eisig kalt war. Ich will mich einmal ordentlich aufwärmen auf Franzosen- und Korsenkosten. Darum lasse ich das Feuer nicht ausgehen, stecke immer neue Scheite hinein. Mögen sie mir das abziehen vom Gehalt als Médecin-Aide-Major, oder später von den Ersatzansprüchen; für die Franzosen besser, sie zahlen’s jetzt und ziehen’s später ab. Ich habe noch genug Holzscheite im Zimmer, und der Korridor liegt voll davon. Heute sind wir hundert Tage gefangen. Im Holzschuppen da oben feiert man gewiß. Ich wollte wohl mitfeiern, aber heute taugte ich wenig dazu. So sehe ich ins Feuer und schreibe folgendes herunter:
Zum hundertsten Tage unserer Gefangenschaft.
Am Franzosenfeuerofen feire ich allein den Tag, Und ich werfe große Stoven in den überheizten Ofen, Kost es, was es kosten mag, +Mich+ kostet es nichts! Wär ich als Spion gefangen, setzte ich mich nicht zur Wehr, Mitgefangen, mitgehangen, an die Wand und ohne Bangen, Das ist Krieg, und das ist Ehr, Das kostet das Leben. Aber so vom Schiff gezogen aufs Ponton und Château d’If, Immer weiter weggelogen, nach Frioul und auf die Wogen, Bis die Korsin heiser rief: Das kostet das Leben! Hundert Tage so bezwungen, so begeifert, maledeit, Von den blödesten der Jungen, Korsenförstern, Weiberzungen, In den Ofen, Scheit auf Scheit, Mag’s teuer euch kosten!
Rektor Kalb sagte mir vor einigen Tagen, daß die Gefangenschaft so sehr auf ihn gewirkt habe, daß er sich seiner Schüler nicht mehr entsinnen könne, kaum seiner Verwandten, er könne sie sich bildlich nicht mehr vorstellen. Andere versichern dasselbe. Ich zwinge mich, nicht an die Vergangenheit zu denken, weil das zu nichts führt, vor allem lasse ich die fruchtlosen Vorwürfe: Warum hast du das so gemacht und nicht so. -- Fatum. -- Was ich tat, mußte ich tun; daß es unglücklich ausschlug, wer will mich dafür verantwortlich machen, wo ich es selber nicht tue? Darum konzentriere ich mich auf das eine: Durch! -- Dich selber erhalten! -- Die Gefahr ist groß, aber vielleicht beurteilen wir die Möglichkeiten schwerer als sie sind, das habe ich in den letzten Tagen erfahren. Ich höre nicht mehr das sinnenverwirrende Stimmendurcheinander, ich spreche mit einzelnen, wie Mensch zum Menschen. Man muß sich langsam daran gewöhnen. Das Fürchterlichste war es doch: hundert Tage im Kreise schreiender, sich zankender, politisierender Massen zu leben. Es gab so viele gute Elemente, aber die schweigen mehr; und die schrien, waren meist die Gewohnheitsschreier, und sie zwangen die Ruhigen, auch zu schreien, wenn sie zu Worte kommen wollten. Das empfinde ich jetzt so tief, wo ich allein sitze. Das große Leiden bestand darin, daß wir hundert Tiere in einem Käfig waren, alle gierig nach derselben Kost, nach Freiheit, und edel genug, zusammenzustehen und keinen drinnen zu lassen, wenn der Wärter, die Käfigtür öffnen sollte. Das Massenwesen war es, was uns erdrückte, und es war uns aufoktroyiert, wir durften uns ihm nicht entziehen, wenn wir nicht Verräter werden wollten an denen, die mit gleicher Schmach von unseren gemeinsamen Feinden behandelt wurden. Aber daß das Massenwesen unsere Nerven zerreißt, das empfand ich gestern, als ich die erste ruhige Stunde nachmittags mit Radei sprach und später in Ruhe mit Bonitz über alles verhandelte. Köstliche Ruhe. Das vielköpfige Ungeheuer, die Masse, wirkt in kleinem Umfange so unerträglich. Man sagt zwar, daß die Einzelhaft weit schwerer zu ertragen sei als die Massenhaft; auf die Dauer mag beides gleich erdrückend wirken, wie alles, was dem Wechsel nicht unterlegen ist.
Der Kommandant erlaubt mir, Erholungsbedürftige, nicht Schwerkranke, ins Hospital zu nehmen, immer „auf ihre eigene Gefahr“. Schwerkranke, schon dysentrische, kommen nicht in Betracht, weil die Heizungsvorrichtung noch nicht funktioniert; eine provisorische auf unsere Kosten legen zu lassen, wird mir erst erlaubt, dann wird die Erlaubnis wieder zurückgezogen. So nehme ich Bonitz und Radei ins Hospital. Bonitz ist stark erkältet, leidet überhaupt unter niedriger Temperatur, ich lege ihn zu mir ins Zimmer, wo ordentlich geheizt wird.
5. 12. Heute ist noch _Dr._ Arranza hinzugekommen. Ich werde zum Hauptmann gerufen, und nun passiert etwas, was wieder, meiner Meinung nach, nur im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten geschehen kann. Vier Forestiers haben das Gesuch um Invalidisierung eingereicht, ich werde beauftragt, das ärztliche Gutachten abzugeben. Man legt mir genau das vorgedruckte Gutachten vor, wie es _Dr._ M. früher gezeichnet hatte. Der Hauptmann bringt mir selber die vier Leute zu, setzt sich in mein Zimmer, während ich untersuche. Unter den vieren ist der, welcher mich nicht durch den Posten ließ und mir den Revolver auf die Brust setzte. Heut sieht er bittend zu mir. Ich untersuchte, gab genaues Urteil ab, es handelte sich um echte Staatskrüppel, unterzeichnete als offiziell beauftragter Médezin, und sie sind alle vier frei geworden, ohne neue Untersuchung. Ist das bei uns möglich? Es wird hier alles auf den Kopf gestellt, vor einigen Tagen sagte mir derselbe Hauptmann, der heute bei der Untersuchung zugegen ist, daß zweihundert von solchen, wie wir, Eide leisten können, das Wort eines französischen Soldaten sei glaubwürdiger. _Santa Republica!_ -- Nun sind sie alle äußerst höflich, und die Hunde, die eben so laut bellten, wedeln. Auch den Revierdienst der französischen Soldaten halte ich regelrecht mit Eintragung in die Revierbücher und Zeichnung meines Namens ab.
Der Kommandant hat einfach gefordert, daß ich für das Lazarett volle Verantwortung nähme, auch für die, welche ich hereinlege. Das macht er gern so. Wir sitzen abends zusammen, Radei, Bonitz und ich, und sprechen über alle Ereignisse der vergangenen Tage. Wir lassen Revue passieren. Wir leben ein Narrenleben und wissen nie, was der morgige Tag bringen wird. Morgen ist Papas Todestag. Ich werde nach Hause denken. Was wir hier durchmachen, wird uns als klares Bild erst vor Augen treten, wenn der Vorhang sich darüber geschlossen hat, wenn das ewige Bildzittern, wie im Kinematographen, das schnelle Hin- und Herbewegen, wie dort, sich vor dem klareren Auge der Erinnerung zu einem vielleicht sogar folgerichtigen Bilde vereinigt. Manchmal denke ich, vielleicht ist all das, was wir erleben, gar nicht so unwichtig für uns, als könne es beitragen, Charaktere zu erziehen. Darin werde ich bestärkt, wenn ich sehe, wie der Willensschwache so widerstandslos verkümmert. Ja, wenn wir jünger wären und ein Leben vor uns hätten, das zu verwerten, was wir gelernt. Den Jüngeren mag die Schule wertvoll sein, für die Aelteren ist sie reichlich hart. Wir haben uns in unserem Alter und in unserer Stellung wie Hunde demütigen müssen, gehungert, gedarbt, uns mit Stroh, mit allerhand Ungeziefer geplagt, wir haben die zu Grabe getragen, die dem auferlegten Lose nicht gewachsen waren, andere hat die schwere Zeit für Tod oder Siechtum gezeichnet. Und ich sage mir doch, es war der Einblick in so vieles, das ich nie geahnt, politisch nicht und menschlich nicht, es war eine so romantische, gewaltig traurige Zeit, daß ich nur hoffe, ich halte sie durch, um den Kindern zu erzählen von dem, was das Leben bietet und fordert, von Recht und Unrecht, Ordnung und Unordnung, von falscher und wahrer Ehre. Ich fühle mich in der Besserung und denke, ich werde Widerstand leisten können. Wer weiß, was morgen auf mich hereinbricht. Gefaßt bin ich auf alles. Küsse die Kinder!
Max.
Herr Kommandant!
Ich erlaube mir, folgendes beschwerdeführend mitzuteilen: Am 30. November wurde mir von Herrn _Dr._ Marcantoni, Aide-Major, dann von Ihnen die ärztliche Vertretung des ersteren übertragen. Sie gaben mir schriftlich die Erlaubnis, in der Infirmerie Wohnung zu nehmen.
Ich übernahm den Posten und führte ihn, wie wir gelehrt sind, gemäß den Gedanken der Genfer Konvention in gleicher Behandlung der französischen Forestiers und Gendarmen, welche mir täglich zugeführt wurden und welche ich auch auf ihren Zimmern besuchte, wie der deutschen gefangenen Soldaten und Zivilisten aus. Von Ihrer Erlaubnis, Herr Kommandant, machte ich Gebrauch und legte drei Kranke, Bonitz, Radei und _Dr._ Arranza, provisorisch in die Infirmerie.
In der Zeit meiner Vertretung des Herrn _Dr._ Marcantoni wurde ich zugleich beauftragt, vier Forestiers auf Invalidität zu untersuchen, was ich tat, in der Meinung, hierin wie in der anderen Vertretung meine Pflicht getan zu haben. Gestern abend gegen 8.40 Minuten wurde gegen das Tor des Hospitals geklopft. Herr _Dr._ Marcantoni trat mit einigen Zivilisten und einigen Forestiers ein, Bonitz, Radei und ich waren in dem uns zur Verfügung gestellten Zimmer, welches durch den Ofen gut durchwärmt war. _Dr._ Arranza auf seinem Bette in der Halle. Herr _Dr._ Marcantoni führte aus, sein Haus sei zum Hotel und Bordell geworden, und forderte uns auf, sofort die Infirmerie zu verlassen. Als ich fragte, ob ich bleiben dürfte, sagte Herr _Dr._ Marcantoni: „Sie dürfen natürlich bleiben, aber besser, Sie gehen auch.“ So mußte ich schleunigst das Zimmer räumen; es wurde mir nicht erlaubt, meine Zigarrenkiste oder Eßwaren zu berühren. Als auch meine Patente als Stabsarzt von einem Zivilisten mit Beschlag belegt wurden, rief ich Herrn _Dr._ Marcantoni zu Hilfe, welcher mir erlaubte, meine Papiere mitzunehmen. Ich selbst wurde in einem Aufzuge, der meines Standes unwürdig war, in die Halle oben gebracht, wo ich ein Strohlager fand. Mein Einwurf, daß es sich bei den anderen um Kranke handele, begegnete einem Lachen des Herrn _Dr._ Marcantoni. Ich bin bereit, die Krankheiten der drei Kranken, wie ich sie notiert, wissenschaftlich zu beweisen.
Ich bitte, Herr Kommandant, Protest einlegen zu dürfen gegen eine derartig entehrende Behandlung, 1. als Arzt im Namen der Wissenschaft und Humanität, 2. als deutscher Sanitätsoffizier, in Berücksichtigung des erschwerenden Umstandes, daß ich kriegsgefangen und nicht in der Lage bin, mich gegen Beleidigung zu verteidigen, 3. als von Ihnen, Herr Kommandant, und von Herrn _Dr._ Marcantoni persönlich eingesetzter offizieller Stellvertreter des französischen Aide-Majors, dessen Funktionen mir übertragen sind und die ich erfüllt habe.
Sollten Sie, Herr Kommandant, für diese Frage nicht die zuständige Behörde sein, so bitte ich Sie, diese Beschwerde weiterzureichen. Zugleich bitte ich als Offizier meine Versetzung nach Corté so bald als möglich anordnen zu wollen, da nach der gestrigen Behandlung meine Stellung hier entwürdigt ist, und mich vom Dienste bei Herrn Dr. Marcantoni zu entbinden. -- Mit der Versicherung.....
_Dr._ Br., San.-R., St.-Arzt a. D.
Das Dokument, welches mir die Erlaubnis gab, in der Infirmerie zu wohnen, zeigte ich dem rasenden Marcantoni, der mir natürlich wieder sagte: „Ich pfeife auf den Kommandanten.“ Der Mann ist von einer satanischen Schlechtigkeit, das erkannte wohl jeder, auch die Franzosen. Er will uns zugrunde richten, uns schädigen und erniedrigen, wie er kann. Radei und Bonitz mußten am nächsten Tage zum Arzt, der sie, ohne sie zu untersuchen, gesund schrieb, ihnen sagte, sie sollten das Lazarett reinigen, und sie dazu anstellte. Dann sollten sie in den Kerker. Wofür? Es schreit zum Himmel!
Meine Beschwerde legte ich dem Kommandanten persönlich vor, der mich, nachdem er sie nochmals gelesen, rufen ließ. Es war dies auf dem Hofe. Er nahm mich beiseite, dann sagte er, er selber sei außer sich, daß so etwas vorgekommen sei, aber er könne nichts dabei tun. Ob ich nun damit zufrieden sei, daß er sofort nach Corté geschrieben, der Gouverneur möchte provisionell Order geben, daß ich als Offizier nach Corté berufen werde. Er selber könne nur verfügen, daß, ich nicht weiter unter Herrn _Dr._ M. zu stellen habe. Ich sprach nun sehr erregt zu ihm, erst französisch, dann riefen wir den Dolmetsch, Comte Peraldi. Ich bat ihn, dem Kommandanten zu sagen, daß ich nicht für mich spräche, sondern für die anderen. _Dr._ M. hat heute zwei Herren, Radei und Bonitz, die sich krank gemeldet, gesund geschrieben, und läßt sie wegen falscher Krankmeldung einsperren. Aber er hat kein Urteil über ihre Krankheit und kann es nicht haben, da er sie nicht einmal den Rock hat öffnen lassen, geschweige denn irgendeine Untersuchung vorgenommen hat. Ich kann wissenschaftlich beweisen, daß der Herr _Dr._ M. so keine Diagnose stellen kann, daß es sich bei ihm also nur um persönliches Uebelwollen handelt. Ich fuhr noch erregter fort: „Herr Kommandant, so sterben die Menschen hin, und so wird einer nach dem andern diesem Arzt zum Opfer fallen.“ Graf Peraldi verdolmetschte, ich griff des öfteren in schlechtem Französisch ein und sprach mit Händen und Füßen. Er fragte, was ich von ihm verlange. Ich antwortete, wir bäten um einen anderen Arzt, der Kranke sich zum mindesten ansähe. Weiter bat ich, man möchte von einer Bestrafung Radeis und Bonitz’ Abstand nehmen. Sie könnten weder arbeiten noch ins Gefängnis; sie seien krank. Er versprach alles, der arme Mann, wenn er es auch halten könnte! Um seinen Worten Applomb zu geben, rief er den Leutnant Simeoni, dem diktierte er die Namen beider mit dem Befehle, sie dürften nicht arbeiten, auch nicht in der Infirmerie, es sei ihnen auch jede Strafe zu erlassen.
Dann wandte er sich an mich und fragte, ob ich nun zufrieden sei. Ich war es und dachte, es würde geschehen, wie er es gesagt. Ich Optimist! Es waren wenige Stunden nach dieser Unterredung vergangen. Ich stehe in der Küche mit Bonitz und Radei und erzähle ihnen von dem Erfolge bei dem Kommandanten. Da kommt die Ordonnanz des Arztes: Bonitz und Radei sollen kommen zur Arbeit. -- Ich sage: Ich habe Auftrag vom Kommandanten, die beiden dürfen nicht arbeiten. Er kommt zum zweiten Male; ich rufe mir den Comte, der heute verdolmetscht hat. Der sagt der Ordonnanz: Sagen Sie dem _Dr._ M., Befehl vom Kommandanten, daß Bonitz und Radei arbeitsfrei sind. Jetzt kommt er zum dritten Male. Der diensthabende Offizier Simeoni steht da; ich wende mich an den. Simeoni sagt, daß er den Befehl habe, die beiden nicht zur Arbeit zu schicken.
Während ich mit dem verhandle, stürzt wie eine Viper aus dem Verstecke _Dr._ M. auf mich zu, den keiner vorher gesehen hatte. Er ergreift mich an der Weste: „Sie sollen’s mir büßen; jetzt sollen Sie arbeiten!“ Im Nu war ich umringt von bewaffneten Forestiers und wurde abgeführt.
Nun kommt, was folgt:
Casabianda, 10. Dezember 1914.
Herr Kommandant!
Meiner gestrigen Beschwerde über Herrn _Dr._ M. füge ich heute eine neue, weit schwerere zu:
Herr _Dr._ M. hat mich gestern handgreiflich festgenommen, mich unter Zurufung der Forestiers, unter Androhung von Gefängnis zum Lazarett zur Zwangsarbeit führen lassen, ist selber dorthin gekommen und hat mir aufgetragen, den Abort des Lazaretts zu reinigen und mich zur Arbeit angetrieben. Ich habe die Arbeit getan, bis ich durch Sie, Herr Kommandant, erlöst wurde. Der französische Militärarzt hat mich als wehrlosen gefangene deutschen Militärarzt in einer Weise, die mich entehren sollte, beleidigt.
Mit dem Vorgehen des Herrn _Dr._ M. gegen mich ist der internationale Aerztestand durch einen Arzt, der Offizierstand durch einen Offizier beschimpft. Ich bitte Sie, Herr Kommandant, mich zu schützen vor den Angriffen dieses Herrn und meine Beschwerde höheren Ortes vorzulegen.
Ich bin...
* * * * *
Der Vorfall hatte natürlich im Lager das größte Aufsehen erregt. Marcantoni stand wie ein Satan neben mir; ich war völlig ruhig, er um so erregter. Er schaufelte mit den Händen Schmutz vom Boden und sagte mir, so sollte ich es machen. Ich nahm einen Eimer, Wasser zu holen, während er im Lazarett blieb. Den Eimer ließ ich am nächsten Wasserkran stehen und lief herauf zum Kommandanten, der gerade im oberen Lager war. Der ging mit Simeoni und dem Comte. Ich trat auf ihn zu und berichtete deutsch, was mir _Dr._ M. zugemutet. Er war äußerst erregt, schickte sofort den Comte mit mir zu _Dr._ M., mit nun endlich energischem Befehl, mich zu keiner Arbeit, sei es, welche es sei, zuzuziehen. Der Comte war selber erregt, als er den Befehl überbrachte. Der Arzt gab mich frei.
Es war viel und Schweres, was mir in der kurzen Zeit durch den Kopf ging. Widerstand, Weigerung! Fünf bis zehn Jahre Zwangsarbeit stehen darauf. Den Mann niederschlagen! Tod ohne Zweifel, füsiliert werden. Ehrlos verscharrt werden in französischer Erde, nie den Meinen sagen dürfen, was mir geschehen und in mir unserer Nation, unserem Stande!
Ich bin mit Willen der Waffengewalt gewichen und tat das einzige, was ich tun konnte und mußte. Die Gründe sind klar. Erstens stehen Bonitz und Radei mir gesellschaftlich nicht nach, und was die arbeiten müssen, kann ich auch. Außerdem hat man mir eine Waffe in die Hand gegeben, die ich für andere gebrauchen kann. Ueber einen Zwischenfall traurigster Natur, der in diese ganze Aufregung fällt, will ich hier berichten. Schielke und Pressel sind flüchtig geworden, sie wollten am Strande ein Boot nehmen und nach Elba oder Sardinien fahren. Das ist fehlgeschlagen, sie sind festgenommen und zu vier Wochen schweren Kerkers verurteilt worden. Was das heißt, weiß keiner, der nicht diese vorweltlichen Löcher gesehen. Lt. Simeoni hat sich geäußert, sie wüßten wohl, daß da keiner nach vier Wochen lebendig herauskäme. Wir hoffen, es zu erreichen, daß die Strafe gemildert wird, sonst fürchten wir für ihr Leben.
Mein Kelch ist nicht voll, er beginnt sich langsam zu füllen. Ich bin gefaßt auf alles. Das eine hoffe ich jetzt mit immer größerer Zuversicht, daß man mich nicht geistig unterkriegen wird, wenn der Körper standhält. Ich spüre im Gegenteil etwas wie Gesundung. Je mehr auf mich geschlagen wird, desto härter will ich werden.
Am nächsten Morgen, dem 10. Dezember, überreichte ich meine Beschwerde persönlich dem Kommandanten. Er geriet in heftigste Erregung, ich habe ihn nie so gesehen. Aber die Angst, die Beschwerde weiterzugeben, überwog doch alles anständigere Denken. Er beschwor mich, ich solle ruhig bleiben, die Schuld trage die wahnsinnige Erregung der Franzosen gegen uns. Ich blieb fest, der Comte unterstützte mich. Der Kommandant sagte in größter Erregung: „_Le docteur est un homme charmant mais d’un race sale._“ Der Comte übersetzte mir das: _Dr._ Br. ist ein scharmanter Mann, aber leider eben Deutscher. -- Ich hatte mir das Wort, das ich nicht verstand, aber gemerkt, und ließ es mir später richtig übersehen, _sale_ heißt schmutzig. So beleidigte also auch der Kommandant seine Gefangenen, der uns als Gentleman galt.
Der Kommandant lief dann noch einige Male im Zimmer umher. Schließlich blieb er vor mir stehen und sagte: „Besinnen Sie sich 24 Stunden, so lange gebe ich Ihnen Bedenkzeit. Wenn Sie dann auf der Beschwerde bestehen, werde sich sie weiterreichen. Aber ich warne Sie.“ Ich ging, und nach 24 Stunden trat ich wieder vor ihn.
Was wird nun kommen? Vielleicht leugnet M. alles, dann komme ich vors Kriegsgericht wegen Verleumdung, oder 30 Tage Kerker! -- Gut! --
Repressalien folgen auf Repressalien, unerträglich fast.
Die Arbeiter und die Soldaten haben durchaus minderwertige Ernährung und weigern sich, hungernd zu arbeiten. Ein Trupp Soldaten wird vom Arbeitsführer zurückgebracht, jeder einzelne hat erklärt, er habe Hunger und fühle sich nicht fähig zur Arbeit. Sie werden vor das Haus des Kommandanten geführt, der droht ihnen, Bericht zu machen und ihren Transport nach Marokko zu beantragen. Aber er fühlt doch, daß es so nicht weitergehen kann, und so verhandelt er mit einigen von ihnen und gibt den Arbeitern Zulage an Brot und sonstiger Nahrung. Wieder wurde eine drohende Gefahr beseitigt. --
Wenn in unserem Zimmer auch keine Infektion aufgetreten ist, so hatten wir doch einen schweren Fall von Blinddarmentzündung, der für uns den immer wiederkehrenden Streit mit dem Lagerarzte auslöste. Marcantoni wird gebeten, den Kranken zu sehen. Er verweigert das: „Herunter soll er kommen, oder oben krepieren.“ Wer nur eine Ahnung von Blinddarmentzündung hat, der kennt auch die Gefahr, welche ein Aufstehen und Gehen mit sich bringt. Die Temperatur steigt und Schüttelfrost tritt auf. Zufällig kommt nachmittags der Kommandant zu uns, nun bitte ich ihn, den Kranken zu sehen, wir ständen machtlos, da uns jede Hilfe verweigert würde. Der Kommandant sagte, wie ein Greis mit den Achseln zuckend, wieder dasselbe: „Ich kann nichts tun. Marcantoni und immer noch Marcantoni! Keiner ist verantwortlich als der.“ Nun aber nahte auch die Aera Marcantoni ihrem Ende und heute war der Vielgeplagte auf Urlaub gefahren, ein junger Arzt vertrat ihn, der ihn bald ersetzen sollte. Das überdachte in diesem Augenblick der gestrenge Kommandant, und er gab mit Genehmigung dieses Arztes die Erlaubnis, das zweietagige Bett abzusägen und den Patienten im Bett herunterzutragen. Der hat sich in wenigen Wochen vom ersten Anfall erholt, und Marcantoni ließ seiner wissenschaftlichen Ader wieder freien Lauf und gab der Krankheit einen anderen Namen. -- Aber es ging abwärts mit Marcantoni. Die Schweizer Kommission kam unter Führung des Obersten Marvall. Auf den trat ich im Beisein Marcantonis zu, _Dr._ Heller auch, und nun berichteten wir von diesem Manne, der sich seines Standes unwert gezeigt, als Arzt und als Offizier. Wir wurden erregter und erregter, Marcantoni sah hämisch drein, er konnte nicht Deutsch, aber er fühlte jedes Wort, und unsere Augen wandten sich immer wieder zeigend gegen ihn, und der Oberst hörte zu und machte Notizen. Als ich auf das unerhörte Vorgehen Marcantonis gegen mich kam, wandte sich der Oberst zu mir: „Ah, Sie sind Doktor Brausewetter?“ Als ich bejahte, sagte er: „Nun, dieser Vorfall ist schon dem Roten Kreuz genau zur Vorlage gekommen; aber bitte, berichten Sie darüber noch einmal ausführlich.“ Einige Male unterbrach er: „Wurden Sie mit Gewalt bedroht?“ Ich bejahte, er notierte. Wir wollen hiermit die Tragödie Marcantoni beschließen, auch Patroklus-Maurer ist gestorben! Marcantoni verschwand bald von der Bildfläche, man hat ihn nicht wieder gesehen. Nach Berichten hat er die Uniform ausziehen müssen und ist zu 30 Tagen Gefängnis verurteilt. Jedes weitere Wort über diesen psychologischen Jago wäre zuviel. -- Ob wir dafür Herrn Obersten Marvall zu danken hatten, weiß ich nicht. Marcantoni war zum Fällen reif gewesen, und ich weiß auch, wer in der Schweiz so energisch für mich und gegen diesen Partei ergriffen.
Mit dem neuen Kommandanten, den wir als Ersatz des Herrn Teissier in Herrn Pleit, erhielten, sahen wir das Aufgehen gerechterer Tage, und es schien wirklich so, aber der Herr blieb nur kurze Zeit bei uns, wir haben es bedauert. -- -- --
Fünf unserer Mitgefangenen sind entflohen.