J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft

Part 6

Chapter 63,629 wordsPublic domain

Schön liegt Casabianda, der Neid muß ihm das lassen. Als uns die Terrasse freigegeben war, atmeten wir auf und genossen in vollen Zügen die reine Luft und die prächtige Aussicht. Vor uns, fast greifbar, nur durch Wiesen von üppigem Grün und kleine Waldungen getrennt, ragten in riesiger Kette die schneebedeckten Berge Korsikas empor. Der Anblick ist imposant, und er imponierte uns heute und er erfreute uns heute noch, auch noch am anderen Tage und einigen folgenden; dann aber erwachte wieder das quälende Bewußtsein, daß das nichts anderes sei als vergoldete Stäbe unseres Käfigs, und daß wir anderes zu tun hätten, als arbeitslos uns der Natur zu erfreuen. Und als uns so auch die Freude an der Natur genommen war, begann unser Leiden immer drückender die Brust zu beengen, daß wir fast zu ersticken meinten. Ein Etwas trat damals in die Erscheinung, das uns fast das Unerträglichste dünkte. Aus unseren eigenen Reihen traten einige hervor, die, der französischen Sprache kundig, sich dazu hergaben, ein gewisses Kommando über uns sich anzumaßen, unterstützt von der französischen Behörde. Es war natürlich, daß bei einer immer wachsenden Zahl von Gefangenen Disziplin herrschen mußte. So wurden wir in Gruppen und Sektionen eingeteilt, welche ihre Gruppen- und Sektionschefs hatten, für jedes Zimmer war weiter ein Zimmerältester verantwortlich. Zu diesem Posten waren nur solche möglich, welche Französisch gut sprachen. So war die Auswahl beschränkt, und es sind nicht immer die Taktvollsten, leider auch nicht immer die Besten gewesen, welchen solch Posten zugewiesen wurde.

Die Korsen hatten in Maurer ein gutes Medium gefunden, uns aufzuregen, nur hatten sie nicht bedacht, wie lange sich unser Haß zurückdrängen ließ, ohne zum Ausbruch zu kommen. Es war in ihnen von Anfang an die Lust wach, uns bis aufs Blut zu reizen, und dieser Lust frönten sie, wie ich es später noch zeigen werde, bis zum Satten. Der Spanier quält Tiere, ist aber gutmütig zu Menschen, der Franzose aber quält Menschen mit Lust, mit satter Lust. Was nun alles zu einem wilden Gebrodel in dem Höllenkessel von Casabianda vereinigte, war die verdammte Gleichheit unter den Franzosen und übertragen auch auf uns. Das habe ich nie so ausgeprägt empfunden als in jenen Tagen in Casabianda, „dort, wo es keinen Herrn und keinen Diener gibt“. Das mag schön klingen, aber für den souveränen Pöbel paßt es nicht. Einer dient nicht etwa dem anderen, sondern die Sucht, Herr zu sein über den anderen, ist nie so ausgeprägt wie hier. Wer nicht Herr sein kann und aufsteigen, der tut alles, hernieder zu ziehen; nur keinen Besseren anerkennen! Keine Autorität! Der gemeinste Schwätzer soll dem Denkenden gleichstehen. Der Kommandant, Herr Teissier, war ein Mann von Formen und Anstand, nicht gutmütig, aber entgegenkommend. Was wir anfangs für Gutmütigkeit hielten, war Schwäche, er konnte nicht „nein“ sagen, zu uns nicht, aber weniger noch zu seinen Untergebenen, und das führte naturgemäß zu Wirkungen. Der Operettenleutnant und allen voran der Arzt führten Regiment über ihn, diese an bevorzugter Stelle. Aber auch jeder Forestier, jeder Gendarm fühlte sich als Kommandant. So passierte folgendes, was etwa typisch für die Verhältnisse in Casabianda war:

Ich genoß als Arzt eine gewisse Ausnahmestellung, welche zwar nicht im entferntesten derjenigen glich, die ich in Château d’If und Frioul gehabt hatte, die mir aber doch Freiheiten sicherte. So hatte ich keine Arbeit zu verrichten, trug ein _laissez-passer_, ausgestellt vom Kommandanten, bei mir, das mich berechtigte, die Posten jederzeit ungehindert zu passieren. Das ist ein Vorteil oder sollte einer sein. Als ich eines Tages mir aus der Kantine etwas besorgen wollte, ging ich am Posten vorbei, der mich anhielt. Ich zeigte ihm das Dokument, woraus er mir achselzuckend bedeutete, das sei ihm ganz gleichgültig. Ich pochte etwas energischer auf meine Rechte und bekam nun die Antwort, die wir von nun an zu allen Gelegenheiten und fast täglich hörten: „Ich sch..... auf den Kommandanten, der Kommandant bin ich!“ -- Ich geriet in Wut und wollte nun gerade durchdringen, weil ich damals noch reichlich harmlos über Machtbefugnisse des Kommandanten dachte; aber schon hatte der Kerl im Augenblick seinen Revolver entblößt, setzte ihn mir auf die Brust und sagte: „Einen Schritt weiter, und ich schieße Sie tot.“ -- Dieser Logik gehorchend, zog ich mich zurück und beschloß, über solches Vorgehen, das mir damals noch unerhört erschien, mich beim Kommandanten zu beschweren. Das geschah am nächsten Tage. Der Kommandant war außer sich über die Rücksichtslosigkeit des Forestiers und schrieb eine äußerst strenge, aber immerhin weise und gerechte Maßregelung einer solchen Insubordination auf mein _laissez-passer_ als Zusatz. Nun hatte ich das drohendste aller Schriftstücke in der Hand, aber versucht habe ich nie mehr, die Kraft solchen Talismans zu erproben. -- Wie gesagt, wo es nur am Platze war oder sein konnte, gebrauchte man das Wort: „Ich pfeife.“ Jeder Forestier (ich drücke mich sehr gewählt aus) pfiff auf den anderen, die anderen auf ihn und mit ihnen zusammen auf den vorgesetzten Offizier, dieser auf sie und auf die anderen Offiziere, und dann wiederum in Gemeinschaft mit dem Arzt, auf den sie alle pfiffen, und den anderen Offizieren auf den Kommandanten. Nur dem armen Kommandanten blieb im Lager nichts zu pfeifen, so mußte er sich schon höher hinaufbemühen. So herrschte ein Geist der Unordnung in Casabianda, der allem hohnsprach, was ich im militärischen Leben für möglich gehalten hätte, der Geist des souveränen Pöbels.

Casabianda, 10. November 1914.

Liebste Armgard!

Der letzte Brief, der wirklich an Dich abging, war eigentlich nicht für Dich berechnet, sondern für den Kommandanten. Ich schrieb ihn in gewisser Verzweiflung, um das Ohr des Kommandanten zu erreichen, das uns der Erste Offizier künstlich verschließt. Der Herr Maurer hatte mich dazu getrieben. Wiederum war ich zum Leutnant Simeoni gerufen, der mir sagte, daß der Geist der Rebellion in unsere Reihen gedrungen sei, und daß ich der Rebellenführer sei, der die anderen aufhetze. (Ich hatte meine Lampe erst fünf Minuten nach 9 Uhr statt Punkt 9 Uhr ausgemacht.) Er wolle heute noch Rücksicht nehmen, auch habe er das nur im allgemeinen gehört, nicht etwa durch Mr. Moré (das war gelogen, denn Mr. Moré hatte sich wieder einmal gebrüstet, daß er es dem Sanitätsrat eingebrockt habe). Er wollte also von Bestrafung absehen, aber wenn ich es noch einmal wagen sollte, mich beim Kommandanten zu beschweren, so würde er (der Kommandant bin ich) mich auf zwei Tage einsperren.

Ich hatte es satt und suchte das Ohr des Kommandanten durch den Brief an Dich, in dem ich Dir alle Schandtaten des Mr. Moré aufzählte, in der Sicherheit, daß er die Zensur nicht passieren, daß aber der Kommandant ihn lesen würde. Nun höre ich, daß er ungelesen durchgegangen ist, der Kommandant hat ihn gar nicht zu Gesicht bekommen, sein Zweck ist verfehlt, Dich hat er höchstens geängstigt. Das habe ich nicht gewollt! -- Neulich bekamen wir den ersten Sold in französischen Diensten, auch die Priester und Aerzte, die nicht gearbeitet haben. Einen Sou pro Tag, ich erhielt 4 Sous. Es werden noch mehrere kommen, die will ich für Hans bewahren. Ein Memento!

Unser Los ist unerträglich. Doch da es eben ertragen werden muß, solange psychische und physische Kraft standhalten, so will ich nicht jammern. Viele andere haben schwereres Los zu tragen, nur nicht so elend, so gedemütigt wie wir. Ich klammere mich nur noch daran, daß, wenn wir unseren alten früheren Stolz ganz eingesargt haben, ein neuer geläuterter Stolz entstehen wird. So muß es wohl kommen. Es ist unendlich schwer, die täglichen Demütigungen, die stündlichen Nadelstiche zu überwinden, den Hohn des Pöbels und unsere Ohnmacht. Manchmal meine ich, daß wir vom Propheten von Nazareth lernen dürften, dessen Stirn-, Hand- und Fußmale leuchteten als Sinnbild seines Stolzes. Wenn wir uns erst dazu durchgerungen haben werden, Schmähungen und gewollte Demütigungen unserer Feinde als Ehre zu empfinden! -- Ich glaube, ich komme solcher Auffassung näher, heute kann ich mich noch nicht zu ihr aufraffen.

Zurück aus dem Feindesgewoge zur Idylle. Wir hatten eine Eingabe gemacht, man möchte uns gestatten, in einer Küche, die wir uns provisionell einrichten wollten, für einige Herren selber zu kochen. Die Eingabe ist günstig beschieden und uns ein kleiner Raum neben der Küche zur Verfügung gestellt, in welchem wir zwei kleine Herde aufstellen konnten. Zum Küchenchef bin ich erhoben, wieder eine der vielen Wechselstufen in meinem bewegten Leben. Präsident der Republik Château d’If, Chefarzt der Frauen- und Kinderstation in Frioul, Oberkoch für die Zuchthäusler mit garantiertem Mehreinkommen! -- Was winkt mir noch? Der Pfad scheint etwas abschüssig, aufwärts weist er nicht. Aber ich habe doch etwas zu tun. Der Arzt hier, ein junger Mann, ebenso abstoßend wie gesucht freundlich, hat sich mit Heller stark überworfen und ihm jedes Eingreifen in die Behandlung von Kranken, auch jede Bestellung von Medikamenten untersagt. Ich selber bin mit dem Knaben noch nicht recht in Berührung gekommen. In unseren Räumen sieht man ihn nicht, trotzdem er da oft genug not täte bei der wachsenden Dysenterie. Einen Toten hat sie schon gefordert.

Wenn ich also für den Magen der anderen sorge, so leiste ich ärztlich mein gut Teil, denn die Verpflegung ist erbärmlich, und die Fälle der Dysenterie sind zum großen Teile der Unterernährung zuzuschreiben.

Moritz und Radei sind mir zugeteilt. Radei versteht die Küche schon und kocht selbständig, Moritz gibt sich der neuen Schule mit bewunderungswürdigem Eifer hin. Wir kochten am Tage der Eröffnung ein recht einfaches Gericht, Rindfleisch mit Gemüsesuppe. Es war dasselbe wie in der Menage, und doch, wie anders! Uns mundete es kostbar, wie am heimatlichen Tisch. Alles, was wir bisher vermißten, Kraft in der Bouillon, Verschiedenheit in den Gemüsen (Kohl hatte ich ausgelassen), ein weiches und großes Stück Fleisch, ganz durchgekocht, fanden wir hier. Radei und ich übernehmen jeder abwechselnd die Garantie für gutes Essen. Am nächsten Tage kochte der „ungarische Professor“ sein Gulasch, das allgemeinen Beifall fand. Heute sitze ich nun frühmorgens 6½ Uhr bei scharfer Kälte oben in meiner offenen Küche und habe glücklicherweise so viel an die Mäuler der Fresser zu denken, daß ich den trostlosen Gedanken keinen Raum geben kann. So geht mein Leben in dem neuen Beruf Tag für Tag zu wie folgt:

Morgens beim Grauen Appell, dann ziehe ich zur Küche und mache großes Feuer, meist aus Selbsterhaltungstrieb, denn die Kälte macht sich recht bemerkbar. Dann bringt mein Bursche (wir leisten uns solchen Luxus für 50 Cts. täglich) Wasser und Waschgeräte nach oben, wo ich mich einer gründlichen Reinigung unterziehe, dann meinen Morgenkaffee wärme. Inzwischen kommen Radei und Moritz zur Menuberatung, dann Linke mit dem großen Einkaufskorb, Küchendienst. Endlich naht der Financier der Küchengesellschaft, Herr Gerson, mit seinem Notizbüchelchen und notiert, was wir ihm an Einkäufen als notwendig vorschlagen, nickt bejahend oder schüttelt mißbilligend den Kopf. Wir alle fünf gehören zu den Senioren der Gefangenen. Radei, der jüngste von uns, zählt 35 Jahre, Gerson und Moritz sind noch älter als ich, Linke geradeso alt. Nun geht es zum Einkauf. Zuerst herauf zum Fleischer, einem dicken braven Manne, der uns manch gutes Stück ausgesucht, manchen Vogel besorgt und auch manche Flasche Wein heimlich zugesteckt hat. Für 22 Personen Fleisch, also immerhin eine tüchtige Portion, denn wir haben Hunger und müssen nachholen. Dann zur Kantine, wo wir auch freundlich empfangen werden, wir sind immerhin gewichtige Gäste. Die alte Frau erzählt uns ihr altes Märchen von Guillaume, das ihr das Käseblättchen immer mit neuen Tricks mundgerecht auftischt, und die junge, deren Mann im Kriege ist, gibt aus, je nach den Nachrichten, die sie empfangen, reichlich oder weniger reichlich. Die Nachrichten müssen selten gut sein, denn sie wiegt immer knapper und steigt in Preisen. Bisweilen wird uns ein Morgenschnäpschen kredenzt, Branntwein, der Krämpfe erzeugt. Nun geht es ans Reinigen der Gemüse, des Fleisches, Aufsetzen des Wassers usw., bei dem sich mein Freund Moritz wie immer durch besondere Sorgfalt auszeichnet, bis die verschiedenen Sachen aufgesetzt sind und die Frager sich einstellen: „Was gibt es heute?“ Ihre Zahl vermindert sich zusehends, denn sie werden meist nicht eben freundlich behandelt. Sie sollten sich auch solche Fragen abgewöhnen, denn die Antwort ist doch immer die gleiche: Das weiß der Koch erst ganz bestimmt, wenn das Essen auf dem Teller liegt. -- Wie oft hat es sich gerächt, wenn wir so tiefe Weisheit mißachteten und in vorschneller Prognose die Tagesplatte verraten hatten, und nachher gestehen mußten, daß eben aus dem Wunderkochtopfe zum Schlusse etwas ganz anderes hervorgegangen war, als unsere Meinung gewesen. Wenn ich nun verrate, was es bisweilen gab, und bis zu welchen Höhen sich unsere Kochkunst verstieg, so schelte man uns nicht Schlemmer, wir haben es vorher schlecht genug gehabt, und solche Perioden des Wohllebens waren immer von kurzer Dauer, wer weiß, wie wir es später haben werden? Also nach dieser entschuldigenden Vorrede zur Aufzählung der Tagesplatten, die zu den außerordentlichen gehörten: Aal grün, Aal gebacken mit Breikartoffeln (dabei half, wie auch sonst oft, der Kapitän der Elsa Köppen, Herr William, der eine wunderbare Fähigkeit besaß, die Aale durch den Essig laufen zu lassen und dann ihnen das Fell über die Ohren zu ziehen), Kalbskeule mit Gemüse (_hors de concours_), Schweineschinken, Apfelmus, Fischsuppe mit Tomaten, Huhn mit Reis, gebratene Hühner, Rindfleisch mit Senfsauce, Bouillonkartoffeln und Sellerie, Karotten und Steinpilze mit Koteletts, frische Champignons, Kartoffelpuffer, Eierkuchen mit Obst usw. usw. Wenn man bedenkt, daß der Durchschnittspreis für die Portion 50 Cts. sein sollte, daß Herr Gerson böse Augen machte, wenn wir das Budget überschritten, daß wir keine weiteren Gewürze als Zwiebeln, Salz und Pfeffer zur Verfügung hatten, daß die Butter unerschwinglich teuer und das Schmalz ungenießbar war, so denke ich doch, daß wir das Unsere geleistet haben. Zur Kräftigung der Kasse wurde nachmittags Kaffee gekocht, an dem wir pro Tasse etwa 7 Cts. verdienten, und ein Cedratine dazu ausgeschenkt, der auch einen kleinen Ueberschuß ergab. Andernfalls wäre unser gemeinnütziges Unternehmen verkracht. Wenn nun alles sich gesättigt entfernt hatte, begann die Reinigung der Küchenräume durch eine angestellte Kraft. Später stand die Küche noch einmal den 22 Mitinhabern zur Verfügung, und manch Eierkuchen oder Kartoffelpuffer wurde darauf gebacken. Bisweilen, aber nur selten, an ganz besonders kalten Tagen, braute ich abends einen Eierpunsch, zu dem Anmeldungen zugelassen wurden. Das geschah besonders, wenn die Kasse Ebbe aufwies.

Daß ich nun doch die Küche aufgeben werde, hat verschiedene Gründe. Zuerst kann ich selber nicht essen, wenn ich koche, und nehme so viel zu wenig Nahrung zu mir. Ich werde Radei auf einige Zeit die Leitung übergeben und für einige Zeit auf Urlaub gehen. Der wird wohl auch nicht lange aushalten und Moritz auch nicht, denn sie sind beide nicht die Stärksten, und Arbeit, die zu leisten ist, ist weit größer, als der ahnt, welcher mit seinem möglichst tiefen Teller ankommt und sich seine Portion zumessen läßt. Dann aber will ich mich zurückziehen, weil die Küche zu exponiert liegt und wir das ganze Getriebe der korsischen Forestiers und Gendarmen wie auch Simeoni mit seiner Kommandostimme täglich vor Auge und Ohr haben. Ich möchte die Aussicht auf die Berge und alle Schönheiten der Natur entbehren, wenn ich einmal ein Zimmer für mich hätte, in das ich mich verschließen und ausdenken könnte, ohne immer wieder mit ansehen zu müssen, was uns Gefangenen hier täglich und stündlich von den Korsen zugefügt wird.

Gestern passierte etwas, so widerlich, wie ich lange nichts erlebt. Nach dem Essen saß ich auf der Mauer gegenüber der Küche mit Herrn Großpietsch, einem jungen Manne von 21 Jahren, der mir in der Küche geholfen hatte. Während wir uns unterhielten, sehen wir, wie ein französischer Soldat in der Küche herumschnüffelt. Ich frage: „Was will der Kerl?“ G. geht hin und fragt den Soldaten, was er da suche, worauf der sofort grob wird und G.s Namen fordert. Ein Gendarm kommt aus der anderen Küche, packt G., der sich verteidigt, und nun prügeln beide zusammen auf den einen Wehrlosen in der rohesten Weise. Dann verhaften sie sie ihn. Unterdessen war schon wieder unten ein wüstes Durcheinander entstanden. Alle, welche den Vorfall mit angesehen hatten, entrüsteten sich gegen solche Mißhandlung. Der Hauptmann kam, ein bequemer, weißhäuptiger kurzer Herr, dem der Name Schildkröte beigelegt war. Die Forestiers zogen, wie sie das so gewohnt waren, den Revolver und bedrohten jeden einzelnen, einige weitere Verhaftungen wurden vorgenommen, der Hauptmann sprach mit dem Gendarmen und bestätigte die Strafe. Da trat ich an den Hauptmann heran und bat, gehört zu werden, da ich direkt neben G. gestanden habe. Ich wurde nicht gehört, sondern mir die Antwort zuteil: „Wenn ein französischer Gendarm sagt, er habe nicht geschlagen, so gilt das mehr, als wenn 200 Deutsche beschwören, er habe geschlagen.“ Unsere Hoffnung auf Freilassung taucht täglich auf und täglich wieder unter. Unseren Nerven wird reichlich viel zugemutet. Wie lange werden wir aushalten? Welche Zustände! Wer uns hier sähe, würde sich entsetzen. Wir liegen auf Stroh am Boden, in unsere Wäsche kriechen die Läuse, die Ratten beginnen sich zu zeigen und werden uns allmählich an Zahl näherkommen. Im Zimmer steht neben den Lagern ein Kübel, der, sobald wir eingeschlossen sind, bis zum Morgen benutzt wird und fast immer besetzt ist. Wie soll da der Infektion Halt geboten werden?

Willkür und Unordnung treiben Blüten. Neulich wird Klaebisch als Sektionschef plötzlich ins Gefängnis gesteckt, weil ein Mann seiner Sektion fehlt. Wir zählen nach und finden, daß alles stimmt. Nun werden die Franzosen gerufen und zählen auch nach, dreimal, bis sie wirklich herausbekommen, daß keiner fehlt und Klaebisch wieder entlassen wird. Das Gefängnis füllt sich, der brave Arzt läßt alle ins Gefängnis stecken, welche sich krank melden und von ihm nicht als krank befunden werden. So beugt man Krankheiten vor. Wir leben im Lande der Humanität.

_Dr._ Bayer hat eine Karte geschrieben, darin heißt es: „Wir haben auch Nachbarn, Ratten, Wanzen, Läuse, Krankheiten und den Tod.“

Max.

Am 1. November waren neue Zivilgefangene unserm Zuchthaus zugeteilt, es waren das alles Wehrpflichtige, welche, von Spanien kommend, auf Schiffen, die meisten auf dem Federigo, abgefangen waren. Wir bedauern die Armen, die mit uns leiden sollen. Von den in Frioul zurückgelassenen drei Priestern erfahren wir, daß sie freigeworden und nach Spanien zurückgeschickt sind. Barth schreibt an Bayer folgende humoristische Karte, die wunderbarerweise durch die heute noch harmlose Zensur geht, trotzdem ihr Sinn allzu deutlich ist. Sie lautet:

18. 11. 14.

Lieber Freund!

Ich habe Deinen Brief, den Du nach Graz schicktest, gelesen, ebenso die Briefe Pressel und Klaebisch, und freue mich, daß es Euch wohlgeht. Da ich weiß, wieviel Dir an unseren Vereinen liegt, so teile ich Dir mit, daß sie, besonders unser Theater, brillant funktionieren, trotz der schlechten Zeit. Nur Franz Rebl und Peter Schwarz sind im Kriege gefallen und können nicht mehr aufstehen. Sehr schwer verwundet sind Nikolas Schnaps und Georg Nordwassermann, dagegen ist unsere Demi-Monde sehr viel beschäftigt und tritt mit uns in verschiedenen Rollen auf. Wir ernten alle sehr viel Beifall und Lorbeerkränze. Brauchst also um unsere Sache nicht besorgt zu sein. Hoffe, daß wir uns zu Ostern wiedersehn. Beste Grüße an alle Freunde, und bitte um einige Zeilen an Deinen alten Freund

Philipp.

Der brave Barth. Wenn wir ihn noch bei uns hätten! Aber wir gönnen ihm alle sein besseres Los. Wir freuen uns für jeden, der diesem Kerker entgeht, und erwarten, daß er in der Ferne für uns wirkt.

So leben wir weiter im Lande der unbegrenzten Möglichkeiten. Wenn wir doch schneller abstumpften gegen Kränkungen! Es ist das, was wir täglich üben müssen, es wäre die erste Phase zur Gesundung, der Sieg über uns selber, aber es geht noch nicht. Ein vielleicht krankes, gewiß nicht berechtigtes Ehrgefühl zuckt immer wieder in uns auf. Wir sagen uns, daß uns der Feind nicht kränken kann, und ärgern uns über uns selber, wenn es ihm doch immer wieder gelingt. Wir dürfen nicht aufhören, gerade in dem Sinne an uns zu arbeiten.

Verlaß ist auf nichts, und was heute gilt, wird morgen nicht gelten. Ist der Kommandant für uns, so haben wir Simeoni als Gegner oder die Forestiers. Und wer hat die Macht? Ein ganz nettes Stückchen passierte neulich. _Dr._ Mayne hatte irgend etwas Unbesonnenes begangen und sollte ins Gefängnis; da ging er zur Frau vom Domänenverwalter, die für uns Partei nimmt und auch gründlich die Hosen anzieht, wenn sie unter den Offizieren auftritt. Diese Frau sagt ihm, sie würde das schon regeln (und sie hat es auch geregelt), rät ihm weiter, er solle vor allem den korsischen Forestiers gehorchen; was der Kommandant sagte, wäre unwesentlich, alles hinge von den Forestiers ab. Die gute Frau hat uns auch später oft geholfen.

Der Kommandant hat uns Aerzte von jeder Arbeit befreit. Am 20. November kam ein neuer Genieoffizier, um Arbeitsverteilung vorzunehmen. Simeoni sagt ihm, als er an mich kommt, daß ich als Médecin-Major frei von Arbeit sei. Er kehrt sich nicht daran: „Gut, Landarbeiter“. _Dr._ Heller passiert das gleiche. Die Pfarrer sind gerade in Aleria, sonst kämen sie auch dran. So nehmen wir Spaten in Empfang und gehen als Ackersmann hinaus aufs Feld. Wir nahmen die Sache humoristisch, und es lohnte sich, sie so zu nehmen. Es war der erste Tag meiner Zwangsarbeit und einer von den wenigen, die mir gefallen haben. Ich will dabei verweilen.

Nachdem wir einem Korporal zugeteilt waren, ging es zur Feldarbeit; vor allem heraus aus dem Bau und dem Kasernenhofe! Vor uns die schneebedeckten Berge. Wir sind der Abteilung zugeteilt, in der auch Moritz und Bonitz arbeiten. Was die können, warum nicht wir auch? Bonitz hat schon Arbeit gewählt: er unterhält das Feuer, und ich helfe ihm und unterhalte ihn und wir uns gegenseitig und das Feuer. Die Landschaft ist herrlich. Der Korporal gibt meinen Spaten einem andern und fordert mich gutmütig auf, nicht zu arbeiten. Ich sehe um mich und mache die Entdeckung, daß die anderen auch mit recht wenig Arbeit auskommen. An der Zwangsarbeit wird keiner zugrunde gehen, das ist ein Trost, wenn mir auch Moritz sagt: „Du hast schön reden, guckst einmal in die Sache herein, hast Glück in der Wahl des Korporals, und nun willst du über derlei urteilen?“ Recht hat er, aber ich auch, denn ich habe auch später die Waldkolonnen und Essenträger begleitet und die verschiedenen Arbeiten gesehen. Immer fand ich, daß die Arbeit kräftigend wirkte und ein gutes Gegengift war gegen die seelische Depression.