J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft

Part 5

Chapter 53,649 wordsPublic domain

Also am Montag kam ich zur Station und erzählte Frl. Schnell von dem guten Erfolg, den ich gehabt und der bewiesen wurde durch einen großen Korb mit Lebensmitteln, in dem sich auch noch gute Schokolade befand. Dann ließ ich alle Kinder herunterrufen und warten, damit sie die frische Luft genossen. Der Maréchal stellte uns die Küche zum Suppenkochen zur Verfügung. Ich bat die Damen zur Besprechung, und drei von ihnen erklärten sich bereit, die Suppe zu kochen, Frl. Brunswich, die Besorgungen in der Kantine zu übernehmen. Heute wurde für 60 Kinder Grießsuppe mit Ei und Milch gekocht. Ich ließ die Kinder antreten und suchte mir die schwächlichsten aus. So verteilten wir 60 Bons. Die Damen erzählten mir nachher, daß sie noch etwas übrig gehabt haben für einige Blaßgesichter, die ich übersehen hatte. In der Sprechstunde hatte ich auch viel zu tun, von den Damen auf das eifrigste unterstützt. Wir arbeiten uns ganz gut miteinander ein. Frl. Schnells gleich freundliche und bestimmte Art macht sie besonders für solche Pflege geeignet; ich hoffe, daß sie einmal von Grund aus hier Wandel schaffen wird. Gestern kamen mir bei meinem Besuch die Kleinen schon von selber unten entgegen; sie hatten Vertrauen gewonnen, und als ich heute mehr Bons für Semmelsuppe verteilen konnte, da streckten sich die kleinen, mageren Aermchen schon nach dem Zettel aus, und ich habe selten so hohe Befriedigung im Leben empfunden. Einige haben auch Schokolade bekommen. Der Médecin-Major und _Dr._ Michel, denen ich Mitteilung vom Suppenkochen gemacht hatte, schickten mir jeder 3 Fr. für die Sammlung, auch von anderen Seiten flossen Gelder zu; nur die so reichlich im Kasino essen, haben noch nichts von sich hören lassen. Aber ich kann darauf verzichten. Als ich gerade Sprechstunde abhielt, kam der Médecin-Major, der sich durchaus kollegial benahm. Er schickte zwei Patienten, die ich ihm dafür empfahl, ins Lazarett zu Marseille. Wenn ich früher Böses von französischen Aerzten gesehen, später Schamloses, so sei hier auch der Platz, lobend eines Arztes Erwähnung zu tun, der seiner schweren Aufgabe so voll und ganz gerecht wurde.

Nach der Konsultation besuchte ich noch Frau und Fräulein Schnell, die mit einer kräftigen Tasse Kaffee meine ermatteten Lebensgeister wieder auffrischten. Ihr kleines Zimmerchen mit zwei Strohmatratzen als Lager machte einen so behaglichen Eindruck, daß mancher häßliche Eindruck verwischt wurde. Ich bestellte für morgen Tapiokasuppe mit Ei und hoffe, bald den Kindern eine Schokoladensuppe zu bringen.

So ging auch heute alles seinen guten Gang. Schwerere Erkrankungen haben wir nicht zu verzeichnen, wenn auch manches von den kleinen Kindern vom Tode gezeichnet ist. Vielleicht reicht einmal das Geld, auch etwas Wäsche usw. anzuschaffen. Von seiten des Arztes, der Damen und des Maréchals finde ich das willigste Entgegenkommen. -- Einzelne Fälle sind typhusverdächtig, auch Diphtherie haben wir. Die Kranken sind gut isoliert, aber ich möchte sie doch aus dem Häuserkomplex heraushaben. Ich spreche darüber mit dem Arzt; der sagt mir, daß er auch schon daran gedacht habe und beschlossen habe, ein Haus zu diesem Zwecke zur Verfügung zu stellen. Er habe an eins auf dem Wege zu den Baracken gedacht, in welchem augenblicklich die Geniesergeanten untergebracht sind. Ich sollte dort Wohnung nehmen, die Infektionsstation leiten und die Frauen- und Kinderstation weiterbehalten. Ich war natürlich sehr erfreut darüber. Der Maréchal wurde beauftragt, mir das Haus zu zeigen; ich solle ihm dann sagen, wie ich es einrichten wolle. In zwei bis drei Tagen solle der Umzug stattfinden. Auf dem Rückwege zeigte mir der Maréchal das Haus, ganz geeignet für unsere Zwecke. Es hat vier Zimmer nach dem Süden als Krankenzimmer, die ich gut mit je vier bis fünf Patientinnen belegen kann, dann ein Zimmer für mich mit Bett und Schreibtisch, daran anschließend eine kleine Küche und Apotheke. Vor dem Hause kleiner Raum und kleiner Garten, schöne Aussicht auf das Meer. Ich sagte natürlich gerne zu, bat noch, Bonitz als Pfleger dorthin mitnehmen zu dürfen; das wird wohl keine Schwierigkeiten haben. Bonitz ist natürlich von dem Gedanken sehr erbaut.

Am meisten erbaut bin ich selber. Wie anders hat sich seit wenigen Tagen mein Los gestaltet! Ich bereute fast nicht mehr, daß ich gefangen war. Ich aß im Kasino und ging dann zum Schuppen meiner Kameraden.

Dort schwirrten die seltsamsten Gerüchte. Morgen sollten 500 Elsässer fortkommen; wohin wußte keiner, wahrscheinlich nach Korsika. Das Schiff, welches bei uns im Quarantänehafen seit heute morgen lag, soll Pest an Bord haben. Die Sache der Sisterleute soll entschieden sein. In den nächsten Tagen werden alle nach der Schweizer Grenze geschafft und zur Heimat zurückbefördert. Es war wie ein Rausch, der die Aufgeregten erfaßt hatte. Endlich winkte die Freiheit. Aber es gab auch die Bedächtigen, welche böse aussagten, wir würden fortkommen, aber nur, um die schon infizierte Insel zu räumen, in neue Gefangenschaft. Wohin wußte heute noch keiner.

Mich hatte der Rausch mit den anderen ergriffen. Der Gedanke, freizukommen, war so beseligend, daß keiner das nachfühlen kann, der nicht in unserer Lage war. Und doch machte ich mir einen gewissen Vorwurf, daß ich so leicht meinen Platz, der mir so wichtig geworden war, verlassen wollte. Und wie ein Schrecken lähmte die Furcht, ich solle nur von hier fort, in ein neues Gefangenenlager, von neuem all das durchmachen, was ich vordem gelitten, und das aufgeben, was mich so froh gemacht hatte!

Das Gerücht läuft beharrlich weiter und weiter.

Bei schwerstem Regen kam ich nach Hause; er klatscht gegen das Wellblech. Man fühlt sich so köstlich geborgen nach sieben Wochen der Entbehrung. Soll ich das alles hergeben um einen Tausch, bei dem ich nicht gewinnen kann? -- Aber, wenn mich das Schicksal zu Euch zurückführte, wenn das Ende der Gefangenschaft da wäre...? Ich wage es nicht auszudenken. Der Gedanke ist zu schön! Was wird der morgige Tag bringen? Ich bin sehr müde. Gute Nacht. -- Vielleicht auf Wiedersehen!

Max.

Und nun folgte ein kritischer Tag erster Ordnung, den ich nie in meinem Leben vergessen werde, so voll der Freude, des Erwartens, der Aufregungen, wie ich ihn früher nie, später des öfteren erlebt habe. Am nächsten Morgen schon war die Luft elektrisch gespannt; einer sah den anderen an, ein fragender Blick, und der andere antwortete durch Gegenfrage. Etwas sollte geschehen, das war gewiß; etwas mußte der heutige Tag bringen. Ein großes Schiff fuhr in den Hafen. Die Insel Frioul sollte von Gefangenen geräumt werden, und der erste Schub, eine beträchtliche Zahl, sollte heute mittag fort. Uns Sisterleuten winke die Freiheit, so hieß es, und eine gewaltige Freudenstimmung bemächtigte sich allen. Aber bisher waren nur die 500 Elsässer aufgerufen worden, nichts weiter.

Alles ist heute in Unordnung. Fräulein Brunswich, die mich zum Einkauf in der Kantine für die Kindersuppe abholen soll, erscheint nicht. Ich mache mich auf den Weg, da es Zeit ist zum Besuche der Frauenstation. Auf der Hälfte des Weges begegnet mir Fräulein Brunswich mit dem großen Korbe. Und nun beginnt das Wetterleuchten. Aus dem großen Korbe springen die Neuigkeiten nur so heraus. „Die Elsässer kommen fort, nach Korsika oder sonst wohin. Von den Sisterleuten wird allerhand gemunkelt; Gewisses ist noch nicht heraus; das Schiff, welches gestern mit der Quarantäneflagge einlief, hat Pest an Bord; einer oder zwei sind tot, die übrigen sind als pestverdächtig heute in das Hotel de Dieu (Hospital), welches im Bereich der Frauenstation liegt, eingeliefert, um da behandelt zu werden. Man sucht manches zu verheimlichen; aber allmählich sickert es doch durch.“ Darauf fährt sie fort, man habe ihr geraten, sie solle nicht mehr heruntergehen, damit sie die Pest nicht mit nach unten trüge.

So hatte sie in erregten Worten alles heruntergebeichtet, was sie vermochte. Ich neckte sie und meinte, sie habe sich einen Bären aufbinden lassen, und die Pest, die sie herunterbringen könne, sei nur verheerend für die jungen Kriegsgefangenen dort. Aber sie blieb fest bei ihren Behauptungen, und sie hatte in allem recht.

Ich kam auf die Station. Auch hier bemerkte ich sichtliche Unruhe. Ich fragte den Maréchal, ob es auf Wahrheit beruhe, was man über die Pestverdächtigen sagte. Er bestätigte es. Ein Singhalese war kurz vor der Einfahrt in Marseille an der Lungenpest gestorben. Man hatte ihn sofort ins Meer versenkt, und einen anderen mit ihm, der auch tot oder nur krank war, oder vielleicht auch nur die ersten Symptome der Krankheit bot, so genau war das nicht festzustellen. Es waren ja Singhalesen. -- Dann gingen wir nach dem Hotel de Dieu, dessen Front zum Meere, die Rückseite nach dem Hofe der Frauenstation zu lag, und trafen die nötigen Abschließungsmaßregeln. Dann begann die Sprechstunde.

Ich war mitten im Untersuchen und Verordnen, als plötzlich atemlos Fräulein Brunswich in die Halle gestürzt kam: „Herr Sanitätsrat, Sie sind frei! Alle Sisterleute sind aufgerufen, Sie kommen direkt nach Genua. Eilen Sie, das Schiff liegt schon da!“ Nun war Aufregung im Lager, aber weit mehr in meinem Innern. Ich mußte die Sprechstunde unterbrechen und mich schnell von den Damen verabschieden. Der Abschied war kurz und herzlich. Fräulein Schnell sagte wehmütig: „So sieht nun ein glücklicher Mensch aus!“ Ich tröstete sie alle, daß sie nun bald auch so aussehen würden, -- ein Händedrücken, und ich verließ die Stätte, die einzige, die mir in der Gefangenschaft lieb geworden ist, und eilte fliegenden Fußes nach unten zum Lager, von einer Aufregung gepackt, die unbeschreiblich war. -- Dort begegnete ich gleicher Bewegung. Einzelne Pessimisten, die wissen wollten, man führe uns in ein neues Gefangenenlager nach Korsika, kamen nicht zu Worte. Der größte Optimismus herrschte vor. Man rief mich an, ich solle eilen, den Koffer packen; in einer Stunde führe das Schiff. Nun, das Kofferpacken hat bei mir nie lange gedauert; in zehn Minuten war ich reisefertig und frühstückte noch schnell etwas in der Kantine.

Auffallenderweise waren drei Sisterleute, tschechische Priester, Barth, Kurdin und Kerlitzky, nicht aufgerufen. Sie waren außer sich, als sie so von uns getrennt wurden und nahmen in gedrücktester Stimmung Abschied. Wir waren frei, und sie blieben in alten Ketten. Gerade Barth, an den wir uns besonders angeschlossen hatten, war aufs tiefste erregt, von unserer Seite gerissen zu werden. --

Nun hieß es eiligst Abschied nehmen. Ein Motorboot schickte uns an Bord des Dampfers „Pelion“. Ein Grüßen, ein Hüteschwenken, und wir fuhren aus dem Hafen, wieder einmal ins Ungewisse; denn schon erhoben die Ungläubigen lauter ihre Stimme und warnten vor Selbstbetrug. Wir wurden im untersten Lagerraum verstaut; es fehlte uns Licht und Luft. Der „Pelion“ war einer der ältesten französischen Kästen, gerade gut genug für die „_boches_“. Als wir uns trotzdem einrichten wollten, wurden die oberen Lagerräume von den Elsässern besetzt, die uns das letzte Restchen Licht und Luft nahmen, und deren Anwesenheit drückend die Frage auf uns legte: Wenn die auch mit uns fahren, wie ist dann an ein Freikommen zu denken? Aber noch hielten die Optimisten den Kopf hoch: „Ganz einfach, das Schiff setzt die Elsässer in Korsika ab und fährt uns dann nach Genua.“ Ein furchtbarer Sturm. Der Kasten wackelt hin und her, schlingert und rollt, daß es eine Art hat. Aber das Schicksal meint es gut mit uns, da es uns Sturm schickte; denn die Posten, des Seefahrens nicht gewohnt, fielen ab. Einer nach dem anderen. Sie lagen zum Teil langgestreckt, das aufgepflanzte Bajonett neben sich, und erbrachen die Seele aus dem Leibe. So war ihre Wachsamkeit gleich Null; einer nach dem anderen von uns kam an Deck und schloß Eß- und Trinkhandelsgeschäfte heimlich mit den Stewards. Aber _mens sana in corpore sano_. Als das Meer höher ging und wir zum großen Teil kaum noch dem allgemeinen Elend entgingen, faßten seltsame Gedanken in unserem Hirn Wurzel. Wir waren an Zahl weit überlegen; ein Handstreich, und das Schiff war unser. Schiffsmannschaft, Kapitäne und Offiziere hatten wir unter uns. Und so erhitzten wir die kranke Phantasie mit seltsamen Gespinsten. Die Großredner führten das Wort und begeisterten sich an ihnen.

Wir waren noch nicht reif; wir hatten noch nicht genug gelitten; es mußte noch viel heftiger auf Nerv und Niere gehämmert werden, ehe derlei zur Tat sich gestalten konnte. Aber auch sonst, was sollte uns derlei? Wir fuhren ja in die Freiheit; in zwei Tagen sollten wir die Heimat wiedersehen. Warum vorgreifen?

Die Kommissäre waren mit uns an Bord, und auf unser wiederholtes Fragen hatten sie ihr feines Lächeln: „Staatsgeheimnis“. Und ihr Lächeln sagte dem einen „Freiheit“, dem anderen „neue Ketten“.

Wenn aber die Herren Kommissäre auch keinen Mißbrauch mit Gefühlsduseleien trieben, etwas anderes war ihnen geläufiger, das Handelsgeschäft. Und so wurden zehn Mann von uns, auch ich war unter den Auserwählten, aus lauter Freundlichkeit Kabinen eingeräumt, zu 10 Fr. pro Mann, so wurden kleine Essen veranstaltet, teuer und schlecht; der Wein stieg auf seltene Preishöhe, und das Bier, als es begehrter wurde, auf 2,50 Fr. die Flasche. Die übermütige und grobe Behandlung der Stewards erhöhte den Genuß. All das war natürlich nicht erlaubt und entsprang nur der Gutmütigkeit der Biedermänner, wie sie es selber versicherten. Sie nahmen den Abfall und füllten die Taschen.

Der Sturm heulte und der Kasten wackelte immer bedenklicher. Ich hatte mit Moritz und Bonitz zusammen eine Kabine, und was mir seit Jahren nicht passiert ist, nicht einmal im Sturm auf den kleinen Fischdampfern bei Màlaga, ich wurde so jämmerlich seekrank, daß ich alles andere Leid vergaß.

So kam der Morgen, da wir in Bastia landen sollten; denn daß dies das Ziel der Reise war, hatte die Schiffsmannschaft verraten, der auch von einer Weiterreise nach Genua nichts bekannt war. Wir waren nicht vorwärts gekommen, und so ging die widerliche Fahrt noch einen Tag länger.

Wir mußten morgens die Kabine verlassen, durften aber an Deck bleiben, da die Posten unfähig waren, Ordnung zu halten. Der Tag verging; abends durften wir für eine Zulage an die Herren Kommissäre in die Kabine zurück. Wir sollten uns nicht entkleiden, da man annahm, wir könnten schon in der Nacht ausgebootet werden.

Um zehn Uhr zeigte uns ein wüstes Johlen, Kreischen, Pfeifen und Heulen unsere Landung an. Wenn der Inhalt von zehn Affenkäfigen in voller Tätigkeit ist, so kann das Ohr nicht so gräßlich durch die höchsten Mißtöne beleidigt werden als hier durch das Kreischen der alten Weiber. Wir wurden in unsere Kabinen eingeschlossen und uns die Weisung gegeben, uns nötigenfalls darin zu verrammeln. Dann ein Hin- und Herlaufen, wir hören das Aufpflanzen der Bajonette, das Kreischen dauert fort und dringt näher. Man ruft uns durch die verschlossene Tür zu, wir sollten das Licht löschen und uns ganz still verhalten; die Menge wolle das Schiff stürmen und uns lynchen. Wir gehorchen schweigend dem Befehle. Eine unheimliche Nacht! Die Weiberstimmen überschlagen sich in Fisteltönen. Ein Ausbooten sei unmöglich, ruft man uns wieder zu, die Menge würde uns zerfleischen.

Nun habe ich zwar des öfteren gesehen, wie tapfere, alte Weiber, auch junge, durch Flaschenscherben oder Steine Unheil anrichteten; manch ein Loch im Kopfe gab davon Bericht. Aber hier erschien es mir doch noch etwas anders. So grausig auch das Menageriegeheul durch die dunkle Nacht drang, das Ganze wirkte mehr als Theater, wie das der Franzose liebt, Musica, wie der Spanier derlei bezeichnet. Es kam mir so verabredet vor, uns bange zu machen.

Dann verstummte allmählich das Geheul; Offiziere kamen säbelklirrend in die Kabinen, es wurde allerhand verlesen und besprochen, bis ein Uhr nachts etwa. Was in der Nacht durch unser Hirn gezogen, was wir alles, die wir aufgeregt horchten, aus den seltsamen Verhandlungen herausgehört haben, das übersteigt die Phantasie des kühnsten Dichters. Bonitz verstand nicht Französisch, Moritz verstand nicht Französisch, ich verstand nicht Französisch, aber jeder von uns hatte auf der Schule und im Leben so viel von dieser unangenehmen Sprache aufgefaßt, daß wir gerade in der Lage waren, uns ein Hexengesudel aus dem zurechtzumachen, was an unser Ohr klingelte: -- Wut der Korsen -- starke Bemannung -- Schutz -- Genua -- Militär vermehren -- wieder Genua oder etwa Genf -- einige bleiben hier, andere nach -- Genua! -- und was immer wieder an unser Ohr schwirrte, war -- Genua!

Am folgenden Morgen setzten wir unseren Fuß auf die Insel Korsika, und alle Träume der Freiheit waren begraben; wir waren von den Korsen zu Gaste geladen.

So begann das widerlichste Kapitel unserer Gefangenschaft, +Casabianda+. -- -- --

III. Casabianda.

Und wieder erfaßt mich ein ekles Entrüsten, Durchblättr’ ich noch einmal, was hier ich gebucht.

Kaum eine Stunde hatten wir in jener denkwürdigen Nacht Ruhe gefunden. Um drei Uhr morgens schon ging das Blasen und Lärmen los; wir kamen übermüdet aus einzelnen Kabinen und tauschten nun aus, was wir erhorcht hatten. Da stießen denn die Meinungen gewaltig aufeinander. Wie wenn wir im Bremer Ratskeller geträumt hätten, so zog in verschiedenen Variationen diese gruselige Nacht an unseren Sinnen vorüber. Und dem entsprachen die Berichte. Die Kühnsten verstiegen sich dazu, gehört zu haben, daß das Schiff weiter sollte nach Genua; die Pessimisten hatten herausgehört -- und daran war viel Wahrheit --, daß alle Elsässer, Dalmatiner, Tschechen usw. besser behandelt werden sollten, daß die schlimmste Behandlung die Deutschen treffen sollte. Und wieder schwirrte es durcheinander, und wie Hexenmusik klangen immer wieder die Worte „Gênes“ und „Gêneve“ durch. Die Elsässer gingen zuerst von Bord. Aber das Schiff machte keinen Dampf auf; unser großes Gepäck wurde verladen, und das kleine mußten wir in die Hand nehmen, und dann ging es herunter von dem gräßlichen Kasten zur Eisenbahn, in der wir, dicht gedrängt, in einigen Viehwagen verladen wurden. Die Bevölkerung war ruhig dank den großen Absperrungsmaßregeln, die getroffen waren. Oder war doch der ganze Empfang gestern nichts als Musica gewesen, unsere Männerherzen im Tiefsten zu erschüttern? Nun war ja manch einer von uns tapfer und manch einer weniger; aber dem Weibergekeife hätten wir wohl alle noch standgehalten.

Uebrigens wurde der Trick, uns das Gruseln zu lehren, von nun an eigentlich dauernd angewandt; ich werde noch des öfteren darauf zurückkommen. Auch jetzt kam der erste Befehl, wir sollten die Köpfe tief halten, da man für den Zornesausbruch der tapferen Korsen nicht einstehe, und da Steinwürfe oder verirrte Kugeln leicht Unschuldige treffen könnten. Es gab auch wirklich deren, die nur im Tunnel den Kopf mutig erhoben und bei jeder Lichtung ängstlich bargen. Nun ging die Fahrt vier Stunden durch die herrliche Landschaft. Auf jeder Station sah das Volk erregt in unsere Menageriekäfige, und besonders Pater Kaspar in seiner Körperfülle und braunen Kutte erregte die Menge zu den seltsamsten Ausrufen. Daß man einen ganz besonderen Fang gemacht hatte, das war schon reichlich verbreitet, und im ganzen Volke schien man es nicht anders zu wissen, als daß es der französischen Regierung gelungen sei, einen ganzen Wald voll Affen, pardon, ein ganzes Nest von Spionen, auszuheben, deren Bestimmung nur die weiße Wand sein konnte und sein würde. Auf einer Station gefiel sich ein hämischer Pfaffe besonders darin, uns Eingepferchte für die Zertrümmerung der Kathedrale in Reims verantwortlich zu machen, und mit Entsetzen sah man auf die Heiligtumschänder, bis sich die Menagerie wieder in Gang setzte. Innerhalb der Tierkäfige ging es friedlicher zu. Manch einer hatte sich auf dem Schiffe mit Vorräten, Wein und Atzung, versorgt. Die Flasche kreiste, und der gutmütige Soldat, der uns mit aufgepflanztem Bajonett bewachte, wurde so reichlich bewirtet, daß er, ermüdet, den Schlaf des Gerechten schlief, nachdem er noch mit Aufbietung der letzten Willenskraft Herrn Kuchenbecker, einem alten, weißbärtigen Herrn, seine Mordwaffe vertrauensvoll in die Hand gedrückt hatte. Wer das Bild gesehen, Herrn Kuchenbecker an der Seite des schlafenden Soldaten, als Wächter französischer Ordnung, der wird es so bald nicht vergessen. Endlich langten wir in Aleria an, wo wir ausstiegen. Ein Hauptmann der Forestiers auf einer merkwürdigen Rosinante mit einer Schar von Förstern empfing uns, und nun ging es langsamen Schrittes -- wir mußten uns dem Gang der Rosinante anpassen -- nach Casabianda. Dort waren schon einige Militärgefangene interniert. Man führte uns in eine Halle, wo einige Offiziere die Begrüßungsformeln, Abnahme von Messern, Streichhölzern und ähnlichen Artikeln vornahmen. Dann gab es ein freudiges Wiedersehen mit der uns so wohlbekannten Kohlsuppe. Die Sonne neigte sich, und wir sanken ermüdet ins Stroh. Ein großer Kübel wurde uns als nunmehr unentbehrliches gemeinsames Gerät ins Zimmer gestellt. Immerhin hatte er wenigstens einen großen Holzdeckel. Die Wachen traten heraus, und die Riegel klirrten. Noch ein kurzer Besuch, Feststellung, daß wir alle da wären, und wir blieben uns selber überlassen.

Am nächsten Morgen ging das alte Rezept los. Wir sollten das Gruseln lernen. Zu dem Zwecke rief der Offizier, Herr Simeoni traurigen Angedenkens, einige, die Französisch sprachen, zusammen und sagte ihnen, sie sollten es weiter unter uns verbreiten, daß die große Wachsamkeit, die sie an uns verschwendeten, zu unserem Besten sei. Die Korsen seien gefährlich und haben uns Tod geschworen. Sie sähen in uns allen Spione, und wir seien vor ihren Dolchen nicht sicher. Auch wenn wir herausgelassen würden, dürften wir nicht einen Schritt außerhalb der Umfassungsmauern uns wagen, da der Kommandant ausdrücklich gesagt, er stünde für keinen derartigen Unfall ein. -- Also sprach Simeoni. -- Er war ein Mann, der von der Pike auf gedient, bei der Fremdenlegion avanciert und schließlich Offizier geworden war. Dem entsprach er ganz. Er war groß, kräftig, trug einen martialischen Schnauzbart und gefiel sich in starker Pose. Er bekam bald den trefflichen Namen „der Operettenleutnant“. Ich beschäftige mich mit dem Mann genauer, weil er berufen war, eine schwere Rolle in unserem künftigen Schicksal als Gefangene und auch in dem meinen zu spielen.

Bei der Revision der Koffer, die programmäßig am zweiten Tage nach dem Quartierwechsel stattfand, passierten wieder einige kleine Humoristika. Eines will ich berichten: _Dr._ Bayer hatte ausländisches Geld bei sich, das der untersuchende Korporal mit besonderer Neugier betrachtete. Wessen Kopf ist das? -- Kaiser Franz Joseph. Und der? -- König Georg von England! Ein bewunderndes Ah! Und der? -- Kaiser Wilhelm. -- Da verzerrten sich die Züge des Korsen, und er warf das Geldstück klirrend auf den Boden. Wilhelms Name ist Kinderschrecken, aller Haß entlädt sich auf unseres Kaisers Haupt. Einen Schuldigen will das Volk haben, und im Fälschen der Geschichte sind sie Meister.

Unsere Lager werden nun genau bestimmt. Ich teile wieder mit Bonitz eine Matratze, wir sind aneinander gewöhnt. Abends erfaßt mich ein dumpfer moralischer Schmerz. Warum nahm man mich von Frioul fort, von meiner Tätigkeit, ehe ich sie eine Woche nur ausgeübt hatte, und was tue ich hier? Nun ging das Verzweifeln von neuem los, und es wuchs uns über den Kopf und wuchs zu einer solchen Stärke, daß wir ihm nicht wehren konnten, wir gerieten in wirkliche Gefahr, nach innen und nach außen.