J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft

Part 4

Chapter 43,229 wordsPublic domain

Heute, liebste Armgard, ist unserer kleinen Renate Geburtstag und ich habe ihn würdig unserer Lage gefeiert. Ich geleitete einen armen kleinen Kriegsgefangenen, das achtjährige Töchterchen des Notars Lützerer, zu Grabe. Er sowohl wie seine Frau und sein einziges Kind waren Gefangene und hierhertransportiert. Die Mutter hat mir eine jämmerliche Beschreibung des Transportes gegeben. Das arme Kind war tagelang ohne Nahrung geblieben, einige fette Suppen ausgenommen, die der schwache Magen nicht vertrug. Schmutziges Wasser diente als Getränk. So erkrankte es schwer, und alle Medikamente im Hospital zu Frioul nutzten dem armen Wurm nichts. 40 von unserem Lager waren abgeordnet zur Leichenfolge, darunter ich, 40 vom Frauenlager in Frioul. Wir trafen uns vor dem Hospital. Ein Bierkarren stand vor dem Fenster, aus dem der Sarg des armen Opfers gehoben und aufgeladen wurde. Du kannst Dir nicht denken, wie uns zumute war. Es war ein jämmerliches, klägliches Schauspiel, und die armen Eltern, die so ihr Einziges hergeben mußten, waren fast die Mutigsten unter uns. So brachten wir den armen kleinen Körper, der die Kraft nicht mehr gehabt hatte, so rauher Kriegsbehandlung zu widerstehen, auf den Friedhof. Der Sergeant ließ die Posten präsentieren. Das ist später nicht wieder geschehen. Die Priester gingen voran, dann der Wagen, mit vielen Blumen geschmückt, dann die Eltern und das übrige Gefolge zur Seite, in gleichem Abstand französische Bajonette. Der französische Pfarrer segnete die Leiche ein, dann wurde der Sarg auf dem Friedhof versenkt. -- Friedhof! -- ein ödes, von Gestein und Unkraut umwuchertes Stückchen Land, das den ersten Toten aufnahm. Pater Kaspar sprach wenige, aber so herzliche und erschütternde Worte am Sarge, daß jedes Auge voller Tränen stand.

Waren wir so unmännlich empfindsam geworden oder lag tiefe Tragik in diesem Schauspiel? Ich glaube, beides. Wir werden uns an Leichenbegängnisse gewöhnen müssen, um härter zu werden. Dafür ist gesorgt und wird weiter gesorgt werden. Morgen sind zwei Beerdigungen, eine eines elsässischen Bürgermeisters, der in unserem Krankenzimmer an Kehlkopftuberkulose elend zugrunde gegangen ist, die andere eines acht Monate alten kriegsgefangenen Kindes, das dem Hunger erlegen ist. Ich wurde zuletzt noch hinzugerufen und ließ dem armen Wurm _ut aliquid fiat_ etwas warmen Tee mit einigen Tropfen Kognak einträufeln; es starb kurze Zeit darauf. Ich werde nicht mehr folgen, es ist nicht gut, daß derartige Stimmungen überhandnehmen; ich will versuchen, ihrer Herr zu werden. -- Wenn wir zur Heimat dürften! Täglich und immer wieder tauchen Gerüchte der Auslieferung oder des Austausches auf, und immer wieder sind wir die Genarrten. Das reißt an unseren Nerven. Und in welcher Gesellschaft leben wir? Frankreich hat alles aufgelesen, wessen es habhaft werden konnte, und die neuen Gefangenen bieten oft wunderbaren Anblick. Da ist einer, halb verrückt. Wir nennen ihn Ravachol. Einige Spaßvögel haben ihn heute frisiert und rasiert -- ein gefährliches Wagestück, er war völlig verlaust -- dann mit Lackstiefeln, Stehkragen und schwarzem Rock bekleidet, so stolzierte der Narr grinsend einher, ein widerlicher Anblick.

Einer von uns, ein braver Kerl, er gab sich als Schweizer aus, hat heute nacht ein Boot genommen und ist ausgerissen. Unsere Lage hat er erschwert, aber wir wünschen ihm von Herzen, daß er durchkomme.

Ich will auf meine Lagerstätte, liebste Armgard, und hoffe, nach üblicher Wanzenjagd Ruhe zu finden. Grüße mir die Kinder, ich will ihnen viel erzählen, wenn ich wiederkomme. Bleibe nur fein geduldig!

Max.

Frioul II.

Der Stationsarzt in Frioul war der Médecin-Major Gros, ein Herr, welcher der schweren Situation gewachsen war, wie vor ihm und nach ihm kein anderer. Unter ihm stand noch, durchaus minderwertig, Herr _Dr._ Michel als Assistenzarzt. Von deutschen Aerzten waren auf der Insel: Sanitätsrat _Dr._ +Spindler+ (Elsaß), _Dr._ +Berger+ (Els.), _Dr._ +Vösselmann+ (Els.), _Dr._ +Heller+ (Oesterreicher) und ich, von Gefangenen 1200-1300 Männer, etwa 250 Frauen und ebensoviel Kinder. Eine Lösung der ärztlichen Frage mußte also gefunden werden.

Die Frauen und Kinder lebten von uns etwa zwanzig Minuten entfernt in einem Kasernement auf einer Anhöhe der Insel. Es war schon des öfteren gemunkelt worden, daß _Dr._ Gros die Baracken an einem Vorsprung der Insel instand setzen ließe und beabsichtige, die Arbeit unter französische und deutsche Aerzte zu teilen. Das wurde mit großer Freude von uns begrüßt; aber wenn wir auch die Botschaft hörten, der Glaube fehlte uns. Eines Tages, es war am 5. Oktober, wir hatten gerade wieder einen der lächerlichen Aufzüge neuer Kriegsgefangener bewundert (Männer, die leere Kinderwagen vor sich herschoben), kam an uns die Aufforderung vom Médecin-Major, wir möchten uns zu einer Besprechung einfinden, und zwar am nächsten Tage bei den Baracken. Dort empfing uns zur festgesetzten Stunde _Dr._ Michel, völlig kollegial, er hatte sogar seine Freude daran, uns mit einigen Ferngläsern zu zeigen, wie gerade ein deutsches Handelsschiff von einem Torpedo eingebracht wurde, und knüpfte daran etwa die sinnbildliche Betrachtung vom Untergange des heiligen deutschen Reiches. Derlei waren wir gewohnt. Wichtiger war es uns, daß er uns die Baracken zeigte, die zwar noch nicht ganz fertig, aber doch schon etwa bewohnbar waren, sagte, daß _Dr._ Gros eine Teilung beabsichtige, etwa so: einer von uns solle die innere Station, ein anderer die äußere, ein dritter den Revierdienst und endlich der vierte die Frauenstation übernehmen. In der letzteren sei die Kenntnis der französischen Sprache notwendig. Herr _Dr._ Gros behielt sich das Hospital, welches neben unserem Schuppen lag, und in welchem die beiden Kinder gestorben waren, sowie die Aufsicht über die anderen Stationen vor, da er die Verantwortung für das Ganze trage. Wir möchten uns alles überlegen und am nächsten Mittag mit _Dr._ Gros alles selber besprechen. So schieden wir in recht gehobener Stimmung. Ein _laisser-passer_ für die Insel wurde uns sogleich ausgestellt, auch die Erlaubnis, im Kasino zu essen und jederzeit zu verkehren. Ebenso wurde uns vier Aerzten, außer Sanitätsrat _Dr._ Spindler, der als Kranker im Hospital lag und somit von der offiziellen Behandlung ausschied, in den Baracken je ein kleines Zimmer mit Bett -- Gedanke voller Majestät! -- zugewiesen.

Wir vereinigten uns mit unserer neuen Erlaubnis in der Kantine und schwelgten einmal in recht gutem Essen mit Bier und Wein, froh, daß wir endlich in unserem Beruf angestellt waren.

Inzwischen übernahmen wir provisorisch die einzelnen Schuppen. Am Abend schickte _Dr._ Gros reichliche Mengen Lymphe, und ich impfte mit _Dr._ Spindler in zwei Tagen mehr als 1000 Mann gegen die Pocken. Gegen Typhus wurde im Lager nicht geimpft, wenngleich die ersten verdächtigen Fälle schon zu verzeichnen waren. Am nächsten Tage bestimmte _Dr._ Gros für die äußere Station _Dr._ Heller, für die innere Station _Dr._ Vösselmann, mich für den Außendienst, und _Dr._ Berger, der perfekt Französisch sprach, für die Frauenstation.

So froh wir waren, eine Enttäuschung war es doch für mich, von der Frauenstation versprach ich mir den besten Erfolg, denn was mir von da berichtet war, erschien mir recht trostlos.

Frioul, 10. 10., abends 9½ Uhr.

Liebste Armgard!

Nun hat sich wieder alles so eigenartig verändert, der Ekel und Widerwille ist gemildert. Eben verläßt mich Herr Geißler, der zugleich mit Herrn Schülke uns als Krankenpfleger zugeteilt ist, und der Kollege Berger. Sie gehen aus „meinem Zimmer“, einer Bude von 3 mal 2½ Meter, aber es ist doch mein Zimmer, und ich habe es mir blutsauer verdient. Ich bin also doch ausgezogen aus dem Stall, in dem wir auf Steinfußboden, immer zwei zu zwei auf einer Matratze nebeneinander, eingepfercht zwischen anständigen Menschen und einem widerlichen Gesindel, der Kälte, dem Winde, dem Ungeziefer, Krankheit und Tod preisgegeben waren. Ich sitze vor Deinem Kleiderkorb, der mir als Tisch dient, auf meinem Koffer und schreibe Dir. Eine Stearinkerze, die ich mir für 15 Cts. gekauft, erleuchtet festlich mein Zimmer. Eine Flasche Wein steht vor mir, und ich rauche eine gute Pfeife. Ja, liebe Alte, man kann mit wenigem nicht nur zufrieden sein, sondern sich sogar mehr daran freuen, als man sich an vielem je freute. Mein Bett hat eine Matratze aus Stroh, aber sie erscheint mir köstlicher als die beste Sprungfedermatratze, und das eiserne Bettgestell kommt mir luxuriös vor, denn es ist ein wirkliches Bettgestell, das vermutlich nicht einmal Wanzen birgt; doch ich will nicht unbescheiden sein, das werden die nächsten Nächte schon lehren. Die paar Flöhe in Decke und Stroh sollen meine gute Laune nicht trüben. Heute war der große Umzug in die Baracken, die so schlecht gebaut sind, daß ein Sturm sie aufheben kann. Ich habe mein Zimmer mit einigen Arbeitern wieder zurechtgezimmert, und nun steht es gerade. Vielleicht hält die Bude, solange ich halte. Wir sind also, um mich großsprecherisch auszudrücken, menschlich untergebracht.

Aber das gilt leider nur von uns vier Aerzten, den Krankenpflegern und den Kranken. Die anderen, auch Moritz, Bonitz, Schmidt, _Dr._ Bayer und die übrigen Geistlichen und verwöhnten Herren hausen da in dem Stalle weiter, wo der Regen nachts auf ihr Strohlager träufelt, und verzweifeln. Die Krankheiten mehren sich, und es heißt, man habe in Marseille beschlossen, das Gefangenenlager Frioul als solches zu räumen. Daran knüpfen sich wieder vage Hoffnungen, deren Endziel ist: „Nach Hause“. Seit ich wieder eine geordnete Tätigkeit habe, kann ich viel ruhigeren Blutes alle solchen Gerüchte aufnehmen. Vielleicht ist, hier im Lager viel zu leisten und die Aufgabe dankbar.

Aus unserer Insel sind zugleich -- natürlich getrennt von uns -- die gefangenen Frauen und Kinder untergebracht. Ich habe bisher einige von ihnen bei der Beerdigung des Lützererschen Kindes gesehen, und Frau Lützerer, deren Mann gleichfalls an schwerer Dysenterie im Hospital liegt, sehe ich täglich am Krankenlager. Es steht nicht gut mit ihm. -- Einige von den Frauen haben ihre Männer hier im Lager, welche sie von Zeit zu Zeit besuchen dürfen. Sie berichten recht Trauriges, wenn sie auch wenig Einblick in das Lager haben können. Es war mein Wunsch gewesen, diese Station zu bekommen. Der Médecin-Major, welcher die Einteilung vornahm, wählte dafür _Dr._ Berger, weil er fertig Französisch spricht und ich nicht. Zu meiner großen Freude hat er das heute widerrufen und mir die Station gegeben. Er bat mich, morgen auf der Station den ersten Besuch zu machen und gab mir ein Schreiben an den _maréchal des quartiers_ mit, des Inhalts, der _maréchal_ möchte mich auf der Station einführen und der französischsprechenden Krankenpflegerin, Mme. Vogl, vorstellen, ich würde dann noch nach eigener Wahl eine deutschsprechende Dame beauftragen, zugleich mit Mme. Vogl unter meiner Leitung die Krankenpflege zu übernehmen. So, liebste Armgard, nun will ich auch den äußeren Menschen wandeln. Ich rasiere mich und trage den häßlichen Vollbart ab, der Dir immer so besonders mißfiel, dann packe ich die Koffer aus und lege mir neue gestärkte Wäsche zurecht, um alles abzulegen, was an unser Sträflingtum erinnert. Ich habe ja nun eine relative Freiheit gewonnen und darf mich auf der ganzen Insel, wann und wo und wie ich will, bewegen. Morgen schreibe ich weiter. Gute Nacht!

Sonntag, den 11. 10., abends 11 Uhr! Kollege Berger nahm eben einen Abendschoppen bei mir. Wir werden unsolide. Mein neues Zimmer wird täglich einladender. Eine Kiste gibt eine Art Waschtisch, eine andere größere einen pompösen Schreibtisch. Als Stuhl dient mir die Bettkante, und Besucher setzen sich entweder auf die Bettkante oder nehmen je nach Gefallen auf dem Waschtische oder dem Schreibtische Platz. Die Franzosen fangen an, uns ernstlich zu verwöhnen. Es war ein eigenartiger Tag heute. Wie gesagt, meine Toilette machte ich wie in alten Tagen, um den traurigen Menschen der letzten Zeit abzustreifen und hatte etwa zwei Stunden dazu nötig, was sonst nicht mein Fall ist. Dann war es acht Uhr geworden, und ich machte mich auf. Ich schreite gleich hinter den Baracken auf den Bergweg und genieße einen wunderbaren Morgenspaziergang. In Bergwindungen und Buchten führt der Weg, der die schöne Aussicht auf das Meer, Marseille und die anderen Inseln freigibt, bis herauf zur Bergeshöhe, einem eigenartigen, kasernenartigen Gebäudekomplex, der die gefangenen Frauen und Kinder einschließt. Es war ein Spaziergang von etwa zwanzig Minuten, der mich wunderbar zu neuer Tätigkeit stärkte.

Oben auf der Station angelangt, ließ ich mir den _maréchal_ rufen und gab ihm den Brief des Majors. Er stellte mich der Mme. Vogl vor, einer hübschen Französin, Gattin eines Deutschen in Paris, welcher mit uns das Gefangenenlager teilte. Sie hatte bisher die Krankenpflege allein geleistet. Dann wählte ich mir als deutsche Pflegerin Frl. Schnell, urdeutsch, eine Dame, welche zu unseliger Zeit ihren Bruder in Paris besucht hatte und nun diesen Wagemut mit Gefängnis büßte. Sie wohnte oben mit der Frau Schnell, und der Bruder teilte unser Lager. Sie nahm sich mit großem Geschick der Pflege an, und Arbeit gab es in Hülle und Fülle.

Ich machte meinen ersten Besuch durch die verschiedenen Räume. Es waren ungefähr 250 Frauen und ebensoviel Kinder dort. Und in welcher Ordnung und in welchem Zustande?!

Da waren zuerst die Damen, welche, soweit das möglich war, sich etwas abgesondert hatten, dann Frauen aus dem Volke, fast alle Elsässerinnen, endlich Weiber verschiedenen Ranges, verschiedenen Alters und verschiedenen Wertes. Dieses Durcheinander! Ich habe anständige Mädchen und Frauen zusammen in einem Zimmer mit Freudenmädchen interniert gesehen, und versucht, da zu helfen; andere, Gesunde, mit Krätzekranken, die später auch infiziert wurden. Ich sah in einem Zimmer eine Mutter (Elsässerin) mit acht Kindern. Das Zimmer war, deutsch gesprochen, ein Schweinestall. Die Kinder verrichteten ihre Notdurft in das Stroh, und nur die 17jährige Schwester versuchte, die äußerste Reinlichkeit aufrechtzuerhalten, wusch sogar bisweilen die Geschwister. Die Fenster waren geschlossen, und es stank pestartig. Die Mutter ertrug blöde ihr Los, unfähig zu helfen. Ich entsetzte mich wahrhaftig. Auch andere Zimmer zeigten mir, wie furchtbar solche Frauen in der Gefangenschaft hausten. Eine Sorge für die Kinder fand ich wohl hier und da, bei einigen Frauen sogar ausgesprochen peinlich. Manche Zimmer waren auf das korrekteste gehalten, zum Teil sogar gemütlich gestaltet, was recht schwer war, der Durchschnitt war aber entsetzen- und mitleiderregend. Als ich noch in einem dunklen Loch eine Menge Zigeunerweiber mit Kindern in eklem Schmutz fand, da bat ich den Maréchal, blasen zu lassen. Alle Kinder sollten heraustreten. Das habe ich von nun an täglich beibehalten. Immer, wenn ich auf Station war, mußten die armen Würmer an die Luft. Und was sah ich da! Unter einigen frisch gewaschenen, spielenden und fröhlichen Kindern weitaus die größere Zahl blasse, abgehärmte Gestalten, deren Jugend und Vernachlässigung in Pflege und Ernährung es mir klarmachte, daß hier der Tod fürchterliche Musterung halten würde, wenn nicht schleunigst Abhilfe geschaffen würde. Ich ging nun mit den beiden Damen ernstlich zu Rate, auch mit dem Maréchal, der wohl nicht mit Unrecht alle Schuld auf die Mütter schob. Von den Kindern litten so viele an unstillbaren Durchfällen. Die schweren Bohnen, in Fett gekocht, konnten die Jammergestalten nicht vertragen, und wunderbarerweise gab es gerade auf der Frauenstation weit konsistentere Nahrung. Milch und Milchsuppen gab es nicht, Hautkrankheiten grassierten, Läuse und Ungeziefer gab es überall, Krätze hatte sich unerbittlich fest eingenistet. Noch einmal versuchte ich, mit den beiden Damen auf einzelne Frauen einzureden, aber die Worte schlugen an taube Ohren. Die Gleichgültigkeit ist vollkommen: „Hier haben es die Kinder wenigstens warm, da draußen frieren sie und erkälten sich.“ -- Es ist ihnen alles gleich, ob sie mit ihren Kindern verkümmern oder nicht. Wo ihre Männer sind, wissen sie nicht, Nachricht haben sie nicht erhalten, Hab und Gut ist zerstört, nun mag die Sintflut einbrechen. Was nützt es, gegen den Stachel zu löcken? Sie kommen mir vor wie die Armen, die im Schnee verirrt die Energie zum Weiterschreiten verlieren und das kalte Totenlaken begrüßen. Ein Elend ohne Ende; so hatte ich es in seiner ganzen Nacktheit nicht erwartet.

Das war der erste erschütternde Eindruck, den ich von dem Lager der gefangenen Frauen in Frioul hatte. Wie bitter not tat hier Hilfe! Ich wählte mir nun einen Raum zur Sprechstunde. Der Maréchal stellte mir liebenswürdigerweise eine große helle Glashalle zur Verfügung, und wir begannen nach dem Krankenbesuche die Sprechstunde.

Ich verließ recht gedrückt die Station, aber doch wieder glücklich, daß ich hier eine große Aufgabe zu erfüllen hatte. Der Major hatte mir völlige Freiheit in der Behandlung und Pflege gelassen, auch Medikamente standen zur Verfügung. Aber welche Medikamente wirken bei Verhungernden? Opium gegen Brechdurchfall, Tannin oder Wismut? Hier mußte der Unterernährung gesteuert werden, und Milch, Reis, Grieß, Sago und weiße Semmel erschienen mir die einzigen Heilmittel. -- Ich ging auf dem herrlichen Wege zurück zu den Baracken, und da ich zur allgemeinen Suppe zu spät kam, aß ich im Kasino und besuchte die anderen Lager der Deutschen. Gewiß, das Elend war dort auch groß; aber man sah doch Männer, die so viel Energie bewahrten, den Kampf aufzunehmen.

Zum Kriegführen gehört bekanntlich Geld und dreimal Geld, und um Notleidenden in Kriegsgefangenschaft zu helfen ebenso. Ich wandte mich zuerst an einige Herren, die im Kasino täglich zweimal ein großes Essen zu sich nahmen und sich selber wenigstens tadellos pflegten. Auf meine Bitte, mir oder vielmehr den armen Kindern zu helfen, erhielt ich zur Antwort, das sei Sache des französischen Staates. Aber dafür konnte ich den Würmern nichts kaufen. -- Ein Bote kam und rief mich von da ab wieder zur Frauenstation. Ein Kind, blaß und elend, ließ unter sich und krümmte sich vor Bauchschmerzen. Kann ich ihm helfen?

Ich suchte abends das Lager der Deutschen auf, und da fand ich Mitleid. Herr Schnell war der erste, der reichlich gab, dann die Herren Vogl, Silberberg, Moritz und Leonhardt. Keiner, den ich darum anging, versagte mir die Hilfe. Dann wandte ich mich an unsere Sisterleute und berief sie zur Versammlung. Ich brauchte ihnen nur zu sagen, daß oben deutsche Kinder hungern, und erhielt nicht zur Antwort, daß die französische Regierung für die Kinder zu sorgen hätte, sondern ich hatte kaum ausgesprochen, als auch schon der Antrag gestellt wurde, die halbe Sisterkasse, und dann die ganze, mir zur Verfügung zu stellen. Als ich erklärte, es genüge vorläufig die halbe Kasse, wurde einstimmig dies als Antrag angenommen. Später sollte ich mehr haben, wenn ich forderte. Auch erbot sich jeder einzelne zu freiwilligen weiteren Beiträgen. Auch die Matrosen kamen zu mir und stellten mir den Inhalt der Matrosenkasse zur Verfügung. In der Kantine bestellte ich für morgen fünf Liter frische Milch, Tapioka, Grieß, Eier und weißes Brot. Morgen wird Suppe gekocht. -- und damit gute Nacht.

Max.

Frioul, Mittwoch, den 14. 10., abends 8 Uhr.

Liebste Armgard!

Ach, wenn in unsrer dunklen Zelle Die Lampe freundlich wieder brennt, Dann wird’s auch in dem Busen helle, Im Herzen, das sich selber kennt.

Ich erlebe und erlebe, und die Eindrücke sind so traurig und erschütternd. Allein das sehen, wie die verhärmten Kinder unbewußt Hilfe suchen gegen ihre stupiden Mütter, und dann die männlichen Gefangenen, deren Lager durchnäßt ist vom ewigen Regen, die erkältet sind und verzweifeln! -- Es kommt mir fast wie ein Unrecht gegen die Kameraden vor, daß ich es nun soviel besser habe seit wenigen Tagen. Um wieviel besser! Nicht nur, daß ich meine kleine Holzbude für mich besitze und meine eingedeckte Strohmatratze auf Holzgestell, ich habe zu tun und kann so den bösen Gedanken wehren. Die anderen klammern sich an die Hoffnung, daß wir bald von Frioul fortkommen, nach Hause oder in ein anderes Lager, gleichviel, nur fort von hier. Und ich habe das Gefühl, daß ich Deserteur wäre, wenn ich die da oben verlasse, wo sie mich doch so nötig haben. Unsere Baracken sind schön gelegen, und ich versuche bisweilen, einige der anderen durch die Posten mit meinem _laissez-passer_ durchzuschmuggeln. Das geht manchmal glatt, wenn die Posten gutmütig, manchmal nicht, wenn sie bösartig sind. Gestern nahm ich fünf Herren mit mir. Der Posten rief uns an. Ich zeigte mein _laissez-passer_. -- Er: „Ja, Sie kenne ich; aber die anderen dürfen nicht durch.“ Ich bedeutete ihm, daß sie dazu da wären, Medikamente und Milch zu tragen. Da lachte er: „Fünf Mann zum Milchtragen?“ und ließ uns durch. Herrn Schnell, der seine Frau besuchen wollte, gab ich eine Terpentinflasche und ein _laissez-passer_„mit Medikamenten“. Unglücklicherweise war gerade oben Revision; er wurde zwar durchgelassen, mir aber bedeutet, ich möchte doch kein _laissez-passer_ mehr ausstellen.

Doch nun zum Bericht: