J'accuse (Ich klage an): Zwei Jahre in französischer Gefangenschaft

Part 11

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Wenn ich die Wahrheit bekennen soll, so muß ich gestehen, daß nach den ewigen Aufregungen vergangener Tage die Oede von Uzès fast unerträglich war. Wir waren so ganz heraus aus dem gewohnten Getriebe, kein Korporal setzte uns bei dem ersten Widerstand den Revolver auf die Brust, Schüsse fielen selten und auch nur dann, wenn ein kriegsunkundiger Kämpfer sein Gewehr laden und die Sicherung probieren wollte. Das tägliche Theater fehlte, das unseren Nerven so unbedingte Gewohnheit geworden war. Uns war zumute wie in einer Abstinenzkur, wir hatten sogar einen Korporal, der uns ein gewisses Wohlwollen entgegenbrachte. Das verstößt so gegen alle Regeln und Kriegsgesetze des jüngsten Krieges, wie wir sie bisher in Frankreich erfaßt hatten. An Strafen fehlte es, wie gesagt, nicht; aber es fehlte ihnen so der intime Reiz der Gemeinheit, sie waren nicht einmal immer ungerecht, und es hatte nicht einmal jeder Korporal das Recht, dem ersten besten _boche_, wenn es ihm gefiel, an die Gurgel zu springen und mit ihm abzufahren. Hier pfiff nicht einer auf den anderen, es herrschte etwas wie militärische Ordnung, und daran muß man sich nach so strapaziöser Zeit erst langsam gewöhnen. Auch der Kerker war, wie ich schon sagte, so gar nicht romantisch, wie in Casabianda, mit verfaulten, dumpf riechenden Mauern und Ungeziefer jeder Art. Die paar Wanzen, was ist das? Auf die Gefahr hin, daß meine Leser einschlafen, will ich mich zwingen, einen Tag der Gefangenschaft zu schildern, den ich ebenso den 1. Juni wie den 20. August oder den 23. Oktober nennen kann. Was galt uns überhaupt ein Datum? Ein Traum war alles und wir ersehnten das Erwachen. „Nur mit Entsetzen wach’ ich morgens auf, ich möchte bittre Tränen weinen, den Tag zu sehn, der mir in seinem Lauf nicht einen Wunsch gewähren wird, nicht einen.“ Also zur Prosa, die besser hierherpaßt. Morgens um 5 Uhr, auch 5½, selbst 6, je nach dem Gang der Sonne, tönt das Signal „Wecken“. Jeder regt, reckt sich und legt sich auf die andere Seite des traurigen Strohlagers, denkt noch zwanzig Minuten nach, erhebt sich, meist der gewohnten Reihenfolge nach, der Langschläfer folgt dem Kurzschläfer. Neben dem Lager steht ein Schälchen Kaffee, seiner braunen Farbe wegen so genannt, den mit dem Wecksignal der Diensthabende in die hingestellten Gefäße gegossen hat. Man greift dazu, ich habe mich an den Verzicht gewöhnt. Einige stürzen sich darauf, essen und trinken dazu, ehe sie sich die Zähne geputzt haben, aber das schwarze Brot, welches eine Nachahmung des K. B. sein soll und extra gemacht ist, uns zu ärgern, wirkt der Zahnbürste ähnlich. Also wir erheben uns, greifen zum gefüllten Eimer, wenigstens die, welche sich einen gekauft haben, zu Handtuch, Seife, Glas, Pebeco, Zahnbürste und gehen in den Waschraum, dessen Fülle und Akustik gräßlich ist. (Ich selber war so undiszipliniert, daß ich die Reinigungsprozedur im Zimmer vornahm.) Dann kam der Diensttuende und reinigte das Zimmer, erst trocken, dann naß. Wir Begüterten stellten Vertreter, da uns die Arbeit nicht so recht von der Hand ging, unsere Burschen machten unsere Lager zurecht, zuletzt ging alles in eiligem Tempo, denn schon erklang eine Stunde nach dem Signal „Wecken“ das zweite Signal „erster Appell“. Wir stellten uns vor die Lager in Reih und Glied und die Regierung nahte, die mit Herrschermiene die Meldung des Zimmerchefs entgegennahm. Dann kam ein solennes Frühstück, Tee, Kaffee, Kakao, je nach dem Sortiment der braven Alten in der Heimat, die mich reichlich versorgt hatte. Dann verteilte sich der Schwarm. Es gab Unterrichtsstunden. Moritz unterrichtete im Englischen, leider nur kurze Zeit, Bonitz im Spanischen, ich nahm Unterricht in Stenographie und später im Neugriechischen und Türkischen, fast alle Sprachen wurden unterrichtet, auch gab Rektor Kalb für die weniger Gebildeten Elementarunterricht, Mathematik usw., was dem Herrn, der sich auch sonst große Verdienste um das Lagerleben erworben hat, besonders gedankt wurde. Der morgendliche Frühgang hatte bei sieben Lokalitäten und über fünfhundert, welche Anwartschaft darauf geltend machten, recht große Schwierigkeiten. Wie eine Schlachtreihe aufgepflanzt, lauerte man auf das Erlösungswort: Ablösung vor; wohl dem, der nach Scheffelscher Sangesweise altphilosophischem Grundsatz der Guanovögel folgen konnte! Aber auch dort war die Einrichtung, so primitiv sie war, doch golden gegen die in Casabianda. Dann kam ruhige Zeit des Arbeitens oder Lesens, anfangs auf eigenem Stuhl am eigenen Tisch, bis das verboten wurde. Ich schrieb mein Tagebuch, mit dem ich später so traurige Erfahrungen gemacht habe, und wenn ich so im Freien saß und schrieb, dann vergaß ich bisweilen das Elend der Gefangenschaft. Ich selber war dienstfrei von jeglichem Dienste. Für die anderen kam um 8½ Uhr das Signal „Turnen“, das war für uns insofern unangenehm, als wir um diese Zeit nicht im Freien sitzen durften. Im Freien -- nun, das Wort mag hingehen, der Himmel war über uns, und etwa zehn Bäume gab es auch auf dem Hofe, sonst war der Ausblick freilich durch Haus und Mauer versperrt. Nach einer Stunde wurde das Turnen abgeblasen, wieder nach einer halben Stunde wurde zum Brotempfang und dann zum Essen geblasen.

Meist wurden inzwischen noch einmal die Korporalschaftsführer zusammengeblasen, um Spezialaufträge in Empfang zu nehmen. Beim Essensruf vereinigte sich alles, was essen wollte. Man mußte auf Empfang der Portion meist so etwa zwanzig Minuten warten (das ist später dadurch vereinfacht, daß die einzelnen Zimmer durch Vertreter das Essen in Eimern für jedes Zimmer holen ließen), aber es lohnte sich, besonders wegen des Wechsels im Menü. Montags gab es Fleisch mit Sauce und Kohlsuppe, Dienstags auch, Mittwochs dasselbe, Donnerstags auch, Freitags Stockfisch oder Sardinen und Sonnabends und Sonntags Fleisch mit Sauce und Kohlsuppe. Wir _upper ten thousands_ hatten eigene Art, den Leib zu pflegen. Einige aßen extra in der Kantine, andere kochten selbst oder ließen sich kochen. Zu den letzteren gehörte ich und ich bin nicht schlecht dabei gefahren. Der Mittagstisch, wie ich ihn mit einigen kurze Zeit in der Kantine hatte, wurde bei der dauernden Steigerung der Lebensmittel zu teuer, so daß wir uns derlei nicht mehr leisten konnten, besonders seit die Auszahlungen aus dem eigenen Depot immer mehr beschränkt wurden. _Au titre de repressalies_ wurde überdies bald in der Küche nur dreimal wöchentlich Fleisch verabfolgt und das Brot wurde täglich ungenießbarer.

Der Leser verzeihe mir, wenn ich immer wieder abschweife, die Oede des Alltags in Uzès wirkt noch in der Erinnerung wie Augustgewitterschwüle, und jede Abschweifung ist mir, auch wenn ich mich zwingen will, beim Thema zu bleiben, wie kühlender Wind.

Also weiter: Um 10¾ wurde wieder geblasen, diesmal zum wirklichen Appell. Ich schrieb damals an meine Frau, sie möchte sich doch beizeiten eine ordentliche Trompete anschaffen, denn es würde mir unmöglich sein, ohne das nötige Geblase mich zu Bett zu legen, mich zu erheben, mich zu waschen, zu essen, Nachmittagsschlaf zu halten oder gar aus ihm wieder zu erwachen. Gleich nach dem Appell ertönt das Signal: Die Kantine ist eröffnet. Sechsmal am Tage gibt es Kantinensignal: dreimal Kantine offen, dreimal Kantine zu. Um die Stunde wird Zeitung verkauft und nun stürzen wir uns auf die neusten Nachrichten. Das war zu Zeiten des russischen Feldzuges die schönste Stunde des Tages neben der Abendstunde, wo wir den „Radical“ nach dem Abendappell lasen, der anfangs starke Artikel brachte, dann zahm wurde und aus der Hand fraß. Um ½2 dumpfes Signal: Antreten zum Vortrag. Dahin gehe ich fast nur, wenn ich muß, und ich muß, wenn ich selber spreche. Es ist das nicht selten, weil ich zu den Berufsvortragenden gehöre. Später, als die Möglichkeit zu neuen Themata sich immer mehr erschöpfte, habe ich mich gänzlich emanzipiert. Ich sprach abwechselnd über Medizin und Literatur, bereitete mich wenig dazu vor. Das Publikum ist selten gewählt, es gilt mir als eine Uebung zum freien Sprechen. Ich nehme es keinem übel, der nicht in meine Vorträge kommt, wie ich _vice versa_ dieselbe Rücksicht gegen mich verlange. Aber doch hat es einen gewissen Wert, daß solche Vorträge gehalten werden, es gehört durchaus zum Stil. Ich möchte, ohne jemand zu kränken -- mich selber nun schon gar nicht --, behaupten, die Vorträge bilden die Höhe des Stumpfsinns, denn bekanntlich kann man, ohne eine Bibliothek zur Hand zu haben, etwas Wissenswertes kaum bringen, da hier und da Lücken sich zeigen, die aus dem Gedächtnis nicht auszufüllen sind. Nach dem Vortrag der übliche Spaziergang zwischen vier oder sieben Mauern, immer auf und ab und ab und auf, und nun blüht der Stumpfsinn: die Zeitungen und neusten Nachrichten werden besprochen. Da ist Herr A., der hat eigene Interessen und weiß, der Friede steht nahe bevor, weil dadurch seine finanziellen Verhältnisse gebessert werden; da ist Herr B., der genau weiß, daß der Krieg noch zwei Jahre dauert; Herr C., der von Hause im bekannten Hieroglyphenstil der Gefangenen Nachricht erhalten hat, daß Onkel Ruß am Abschnappen und Tante Fränzchen schwerkrank ist, oder daß Onkel Polnickel aus der Hauptstadt ausgezogen ist, womit der Fall Warschaus gemeint ist, den wir schon seit Wochen wissen; Herr D., welcher wieder einmal einen Beitrag zu seiner zahlreichen Korrespondenz mit der amerikanischen Botschaft zu Paris bespricht, von dem er nun endlich Erfolg erwartet; Herr E., Journalist, der mathematisch sicher nachweist, wie sich die Balkanstaaten, jeder einzeln, verhalten müssen und werden, und sich doch immer irrt. Prophezeien ist sehr schwer, nach der Tat schon weniger. Besser man wartet ab und behauptet dann, man habe das alles vorher gewußt. -- Nach 19 Monaten der Gefangenschaft hat der französische Staat sich überzeugt, daß meine Patente und Papiere, die ich im Anfange meiner Gefangenschaft eingereicht hatte, wirklich in Ordnung waren, und mich, nachdem ich, wie Schmidt, der in der gleichen Lage war, etwa wöchentlich Eingaben gemacht hatten, als Offizier anerkannt. Ich kam dann mit Hauptmann Engelhard in ein Zimmer und genoß aus vollem Herzen die Ruhe.

Um 3 Uhr war Paketverteilung. Die Liste der Begünstigten stand von Mittag an am schwarzen Brett angeschlagen. Zur selben Stunde -- später wurde das anders -- war auch Postverteilung. Das waren die Höhepunkte des Tages, und bemitleidenswert die, welche von keiner Seite bedacht waren. Ich hab’ es oft auf Kirchhöfen gelesen und erinnerte mich jetzt, wenn ich sie auch nicht mehr geschmackvoll finde, an die Inschrift: „Wer im Gedächtnis seiner Lieben lebt, der ist nicht tot, er ist nur fern; tot ist nur, wer vergessen wird.“ So geht es auch uns lebendig Begrabenen. Solange wir den Unseren wirklich fehlen und immer wieder Liebeszeichen von ihnen erhalten, rechnen wir uns noch zu den Scheintoten und arbeiten noch am Erwachen. Traurig daran sind die, welche kein Band an die Heimat fesselt, trauriger die, bei denen das lange Fernsein das Band lockert oder gar zerreißt. „Alle nicht, die wiederkehren, werden sich der Heimat freuen.“ --

Zuerst kleine Pakete, die werden schneller befördert als große oder gar Briefe, und dann ersehen wir aus der Adresse einen Gruß, der uns wenigstens sagt, daß der Aufgeber lebt und gesund ist. Sie enthalten meist Frühstückstaschen, aber das Wichtigste an ihnen ist doch Handschrift und Poststempel. Wenn wir die vielen Todesnachrichten hören, die unsere Genossen im Lager erhalten, so freuen wir uns doppelt über jede frohe Nachricht. Die Bestimmungen und Repressalien verändern sich im Lager von einem Tag auf den anderen. Der kluge Mann baut vor und sorgt, daß er im Falle der Not in seinem Depotkoffer Vorrat finde. Was heute gilt, gilt morgen nicht. Ich war, dank meiner braven besseren Hälfte, immer reichlich versorgt und kam nur dann in Not, wenn meine Freilassung etwa sicher war, das war zufällig beide Male um die Weihnachtszeit, man erwartete mich mit Sicherheit zu Hause.

Weihnachten.

Unter gleichem Franzmannsjoch Winkt der zweite Weihnachtsbaum; Träum’ ich? Wach’ ich? Immer noch Schreckt mich’s wie ein wüster Traum. Und ich hör’ die Mär erschallen -- Nie wird sie zur Wahrheit werden -- Von dem Frieden auf der Erden Und der Menschen Wohlgefallen.

Nein, ich mag den Baum nicht seh’n, Der zum zweitenmal mich narrt; Weihnacht will ich heut’ versteh’n: Schwert am Knauf, nach Preußenart! Mag, wer will, von Liebe sprechen Mitten in Gewitterstürmen, Wo sich Leib und Leiber türmen, Wo im Hassen Herzen brechen!

Keinen Baum, nicht hier und dort, Der die Friedensbotschaft trägt; Wilder Haß für heut’ das Wort, Den ich Tag für Tag gepflegt, Daß ich ihn den Kindern bringe Und nur denke, ihn zu mehren -- Kindeskind soll ihn noch ehren -- Jenen Haß, der Frieden zwinge!

Was Repressalien sind, läßt sich schwer beschreiben. Wir haben eigentlich den Eindruck gehabt, daß wir _in puncto_ Repressalien immer die Dummen waren. Ein Franzose schreibt, daß er im deutschen Lager nur schwarzes Brot bekommt, das er nicht mag. Sofort bekommen wir aus Reziprozität auch nur schwarzes. Da man aber schwarzes Brot hier nicht backen kann, so kommt eine Masse heraus, die die Därme zu wildester Tätigkeit aufstachelt. Im deutschen Lager bekommen die Franzosen Bier; sofort dürfen wir auch Bier haben, keinen Wein, der naturgemäß hier billiger ist als Bier, weil er Nationalgetränk ist wie bei uns das Bier. Das Bier ist in Deutschland gut und billig, hier unerschwinglich teuer und schlecht.

Doch zurück zu den Paketen. Neben den Familiensendungen kamen auch Liebesgaben in unser Lager, recht reichlich. Meist vom „Roten Kreuz“, auch von Privaten, die natürlich unter die Bedürftigen verteilt wurden. Aber einmal fiel auch für mich etwas ab, und das erzähle ich, weil es mich in so trostloser Zeit wirklich gefreut hat. Hauptmann Engelhard, mit dem ich später das Zimmer teilte, erhielt von der Vorsteherin der Gundelfinger Schule in Basel ein Paket mit Waschlappen, welche die kleinen Mädchen ihrer Schule für die armen Gefangenen gestrickt hatten; davon gab er mir einen zugleich mit dem Briefe der kleinen Spenderin, der also lautete:

Ich bin ein kleiner Stumpen Und habe gestrickt vier Lumpen Für die gefangenen Soldaten, Die auf ihre Freiheit warten, Daß sie sich können waschen rein, Wenn sie siegreich wieder kehren heim. Mit Gruß Luise Schnetzler, Basel.

Ich antwortete ihr umgehend.

Nachmittags um 4½ blies es „Kantine offen“, um 4¾ „Essen“, um 5½ „Kantinenschluß“, um 6 oder 7 „Aufs Zimmer“, um 6½ oder 7½ „Abendappell“, um 8½ „Lampen auslöschen“, kurz, es blies den ganzen Tag. Wenn die Lampen, die wir natürlich, wie das Petroleum dazu, selbst bezahlten, gelöscht waren, dann setzte die staatlich gespendete Zimmerbeleuchtung ein. Das war ein kleines Oellämpchen mit Schwimmer und leuchtete gewaltig durch die Räume. Man konnte es auch auslöschen, das machte keinen Unterschied. -- Also unerbittlich ins Bett, um den Stumpfsinn des durchlebten Tages noch einmal in Gedanken durchzukosten. Ich bin gewohnt, abends zu arbeiten und spät zu Bett zu gehen; aber auch bei der geistigen Degeneration, der wir hier unrettbar verfallen müssen, ist es mir doch unmöglich, einigen Schlafkünstlern gleich, die es auf etwa fünfzehn Schlafstunden tags und bei Nacht bringen, mehr als sechs oder höchstens sieben Stunden zu schlafen. So denke ich nach, und das ist gefährlich. Manchmal schreibe ich auch noch einiges nieder; ich habe sogar gelernt, im Dunkeln zu schreiben. Von Stunde zu Stunde unterbricht mich ein seltsamer Ruf draußen. Ein Posten fängt an zu rufen: „_Sentinelle, prenez garde a vous_“. Der andere gibt es dem nächsten weiter, und so fort. Ob sie sich gegenseitig wecken, weiß ich nicht; es muß aber doch wohl nötig sein. Der ewig gleichmäßige Ruf schreckt mich nicht mehr auf und stört mich nicht. Ich genieße immerhin eine oder einige ruhige Stunden, die dem Heim, den Meinen und den... (Bricht ab.)

Ich freue mich der Einsamkeit, die ich mir dadurch künstlich herstelle, daß ich durch Decken und Mäntel mein Lager von dem der anderen abschließe. Dann bin ich so ganz für mich und denke mit Hamlet: Ich könnte in einer Nußschale eingesperrt sein und mich für den König der Könige halten, „wenn nur die bösen Träume nicht wären“. Und die bösen Träume, die mich quälten, waren den seinigen nicht so fern, die Qualen des Unfreien, gekränkter Ehrgeiz. -- Wie hätte ich das erbärmliche Leben und mit welchem Stolze hätte ich es ertragen wollen, wenn die verdammte Frage „Wozu“ mir nicht immer wieder entgegengegrinst hätte. Was Selbstbetrachtung und Selbsterziehung sein sollte, artete in bösen Stunden in fressenden Neid aus auf die, die etwas einsetzen durften. In Casabianda hatte ich es gelernt, mich zu überwinden und falschen Stolz niederzuzwingen, in Uzès war ich davon ganz geheilt; aber das eine verwand ich nie, und die heiße Sehnsucht, der Traum meiner Freilassung würde doch wahr werden, wiegte mich zuletzt in ruhigen Schlaf. Ja, ich träumte oft und viel von den Meinen zu Hause, bis das Wecksignal mich herausriß in die dumpfe Resignation des neuen Tages. Man hat mich oft getröstet: Wenn Sie gar nicht daran denken, just dann wird es Ihnen gehen wie den anderen, die freikamen. Schlechter Trost! Ich denke Tag und Nacht, im Stehen und im Gehen, im Wachen und Schlafen nur das eine: die Freiheit. Im Schlafe träume ich, wie meine Frau mich in Konstanz empfängt, oder wie ich im Lazarett arbeite, wie ich heimatlichen Boden als jämmerlich Freigelassener betrete, da die Arbeit beendet ist. Wenn also meine Befreiung nur überraschend kommen kann, +so werde ich wohl darauf verzichten müssen und weiter träumen+. -- -- --

Nachspiele von Casabianda.

Wie ich schon sagte, wir waren in der ersten Zeit in Uzès weit besser aufgehoben als in Casabianda; das merkten wir drei Schwerverbrecher am meisten, als wir im Gefängnis zu Uzès die letzten neun Tage unserer Kerkerhaft abbüßten. Wir hatten es kaum schlechter als die anderen und brauchten uns um kein Signal zu kümmern. So entging uns denn auch die Entwicklung der ersten Eindrücke in Uzès. In uns hallte noch die entrüstete Erinnerung an Casabianda nach, und wir sollten die Folgen noch schwer spüren. Das erste und traurigste Nachspiel von Casabianda war Krankheit und Tod von Moritz. Ich habe Edgar Moritz aus Hamburg des öfteren erwähnt; wir waren zusammen von Barcelona auf der „Sister“ gefahren, hatten schon den ersten Abend, Moritz, Schmidt, Heller, Kratt, Bonitz und wir, die vier letzteren mit Familie, die ersten zwei ohne, einen recht vergnügten Abend in halbbanger Erwartung auf dem Schiffe verlebt. Nachher bildeten Moritz, Schmidt, Bonitz und ich engeren Zusammenhang. Ich schloß mich mehr und mehr an den vornehm denkenden, gemütvollen Mann an, der gleichaltrig mit mir auch gern von den Seinen sprach und mit tiefster Anhänglichkeit dem Hause verbunden war. Es war ein Mensch, dessen Seele zu feinen Klang hatte, und das Saitenspiel zerbrach in so rauher Wirklichkeit. Der Gefangenschaft und ihren täglichen Entbehrungen, ihren Aufregungen und Demütigungen war er nicht gewachsen, das fühlte er selber immer wieder. Aber die Gefahr suchte er, wo sie nicht drohte. In ihm lebte die Idee, er würde der Malaria zum Opfer fallen, die in Casabianda grassierte, und deren Wiederkehr im Sommer zu erwarten stand. Die französische Regierung schien geneigt, den Gesuchen des korsischen Deputierten nachzugeben und uns auch im Sommer zur Bearbeitung des Landes auf Korsika zu lassen, gleichviel, ob wir der Malaria erlagen. Die amerikanische Botschaft ist damals wohl eingeschritten und hat es erreicht, daß wir nach Uzès gebracht wurden. Wie oft sagte Moritz: „Ich wäre gerettet, wenn wir von hier fortkämen!“ Die drohende Reihe der Typhuserkrankungen, teilweise durch den Tod unterbrochen, hatte sich nicht geschlossen, und doch sprach der unregelmäßige Verlauf der letzten Fälle schon für ein Weichen der Epidemie. In der gefährlichsten Gegend unseres Schlafraumes in Casabianda lag Schmidt; die Erkrankungen an Typhus waren im unteren Schlafraume und gerade hier bei weitem die häufigsten. Schmidt aß meist mit Moritz zusammen, dann kamen Bonitz und ich. Ich büßte schweren Kerker, und vielleicht war das meine Rettung.

Während meiner Kerkerzeit erkrankte Schmidt, als wir schon glaubten, die Epidemie sei erloschen. Die Symptome traten sehr schwer auf; der Arzt (Marcantoni war lange entlassen) nahm ihn ins Hospital, diagnostizierte Typhus und behielt ihn dort bis zum Umzug nach Uzès. Ich erschrak, als ich ihn wiedersah, so war der korpulente Mensch heruntergekommen.

Beim Auszug aus Casabianda war Moritz ein anderer geworden. Ein Druck war von ihm genommen; er war jetzt sicher, daß er seine Familie wiedersehen würde, eine Hoffnung, die er in Casabianda ganz aufgegeben hatte. Er war wie ausgewechselt, auch im Ponton, wohin wir zunächst für vier Tage geschafft wurden, war er vergnügt. In Uzès sah ich ihn wiederum die ersten neun Tage nicht, da ich hinter Schloß und Riegel saß. Bald nachdem ich herausgekommen, fiel mir bei ihm ein gereiztes, empfindliches Wesen auf; er konnte leicht in Streit geraten, was früher nie vorkam, und vertrug keinen Widerspruch. Ende Mai notierte ich mir, daß bei Moritz der begründete Verdacht auf Typhus bestände. Bald setzten Kopfschmerz und Temperatur ein, und eines Mittags trat eine erschreckende Untertemperatur mit Kollapserscheinungen auf. Der Arzt nahm ihn ins Lazarett, nachdem ich ihm die Reihenfolge und den Charakter der Typhusfälle in Casabianda auseinandergesetzt hatte, besonders Schmidts Fall, glaubte ihn aber nach einigen Tagen entlassen zu dürfen, nachdem er nur niedrige Temperaturen fand mit Nachmittagssteigerungen. Mir war gerade das verdächtig, und der Irrtum war verhängnisvoll, wenn auch wohl das Schicksal nicht mehr abzuwenden war. Er kam auf das Zimmer 63, wo nur zwei andere Herren noch schliefen, und durfte sich eigenes Bett kaufen. So war er verhältnismäßig nicht schlecht untergebracht. Ich war fast jede Nacht bei ihm; er war durchaus kein leichter Patient... Bald traten dauernde Delirien ein, und bei seinem Auszug in das Garnisonlazarett -- der Sterbende in einer gewöhnlichen Droschke -- nahm ich Abschied von ihm; Lähmungen traten auf und alle Erscheinungen eitriger Meningitis. Etwa drei Wochen später starb Edgar Moritz.

Er hat ein glückliches Ende gehabt; seine Delirien führten ihn immer zu den Seinen. Er sprach nur von seiner Freilassung, diktierte an seine Frau, drängte immer wieder, daß ja das Automobil pünktlich zur Stelle wäre, daß ich seiner Frau drahte, sie solle ihn an der Grenze erwarten. Immer wieder mußte ich telegraphieren und bestellen. Der Arzt sagte ihm auf seine Frage, daß die französische Regierung seine Freilassung dekretiert habe, und so zog er glücklich von uns. Am 24. Juli 1915 fand der arme, zerstörte Geist, der einer zu schweren auf ihn gelegten Last nicht gewachsen war, die Ruhe.

Ein trauriges Nachspiel folgte: wir wollten unserem Freund das letzte Geleit geben, und das wurde nicht bewilligt. Der Kommandant meinte, er sei für unsere Sicherheit verantwortlich und fürchte die Bevölkerung von Uzès, welche uns feindlich gegenüberstände.