Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit
Chapter 9
Adelbert wußte um Bruno's Liebe; er wußte auch, daß heute die Flucht geschehen sollte, und gerne war er bereit, dazu zu helfen. Die Stadt Bologna hat ein Thor, das ist vor andern klein, und Wenige ziehen hindurch. Die Straßen, die dahin führen, sind gar enge und einsam, so auch die Landstraße, wenn man das Thor hinter sich hat. Das däuchte ihnen am sichersten da hindurch zu entkommen. Weil an dem Tage auch unter den Rittern und Fußknechten einer auf den andern wenig Acht hatte, denn nach der langen Belagerung überließ sich Jedermann der ungewohnten Lust, und keiner mißgönnte sie ihm, so ward verabredet, daß Adelbert mit Rossen und einem Häuflein Knechten, wenn es würde völlig dunkel geworden sein, nach dem Thor S. Rocco aufbrechen und allda seiner harren sollte.
Zur selben Stunde barg der tiefste Schatten eines Pfeilers der Kirche des heiligen Petronius Bruno's vermummte Gestalt. Er hatte sich angethan, als einer, der an der Lustbarkeit theilnehmen wollte, und auch sein Angesicht war verlarvt. Er drückte sich hart an's Gemäuer und regte sich nicht. Mit Eifer forschte sein Auge durch das Dunkel, und so Schritte sich nahten, schlug sein Herz stärker, indeß sein Ohr ohne Aufhören auf das Getön der Orgel und die Stimme des Priesters drinnen in der Kirche lauschte, wo man die Vesper sang. Aber seine Seele war da fern vom Verlangen nach Gott. Sie war nur bei der, die er jetzt drinnen im Gotteshause wußte und mit der er eins geworden war, heut zu entfliehen. Hier von dieser Stelle aus sollte es geschehen.
Der heilige Dienst war zu Ende. Hunderte giengen an dem Harrenden vorüber, ohne sein zu achten, aber als jetzt zögernd und mit kaum hörbaren Schritten eine verhüllte Gestalt sich nahte, so bewegte auch er sich wie mit freudigem Schreck ihr einen Schritt entgegen.
Als er leise ihren Namen nannte und sie mit heißer Inbrunst umschlang, fühlte er, wie sie zitterte, und da sie nach kurzem Geflüster jetzt hinaustraten und das Licht festlich erhellter Häuser ihr Angesicht traf, so fiel es ihm auf, wie bleich es war und wie schön. Der Stolz und das Glück, solch ein Weib sich gewonnen zu haben, stählte seinen Muth und sein Vertrauen zu sich; sein Gang war so sicher und sorglos, als suchte er keine andere Fröhlichkeit als die, welcher die Menge nachgieng, die an ihnen vorüber wogte. Manchen neckischen Zuruf mußte er hören, wie man dergleichen treibt zu solchen Zeiten; er erwiederte jeden Scherz mit Lachen und beschleunigte seine Schritte.
Schon hatten sie die Straßen, die am meisten belebt und am hellsten erleuchtet waren, hinter sich; durch die engen Gassen, die heute noch stiller waren denn sonst, kamen sie dem Roccothore näher. Bruno mäßigte Joconda zu lieb seine Eile, denn nachdem sie bis dahin unerkannt und unaufgehalten geblieben, war er keiner Hinderung ferner gewärtig.
Da, als sie in die letzte Gasse einlenkten, die zum Thore führte, that sich unweit von ihnen die Thür eines Hauses auf, und hervor kam lärmend eine Schaar Vermummter mit Fackeln und Windlichtern als solche, die auch noch zum Feste ziehen wollten. Der Ort, da die Flüchtigen an ihnen vorüber mußten, war gar enge und so geriethen die beiden in die helle Beleuchtung ihrer Lichter. Alsbald ward Bruno von dem Kecksten unter ihnen angeredet.
»Eure Dame, Freund«, rief er, »wird's Euch wenig danken, daß Ihr sie so früh hinwegführt vom Fest, das schönen Frauen so vieles zu schauen gibt.«
»Kehrt um und kommt mit uns!« riefen die Anderen da und umringten die Beiden, als wollten sie in ihre Mitte sie nehmen.
Da Bruno ihrer nicht achtete und ohne sich aufzuhalten weiter schritt, so ward dadurch der Übermuth der trunkenen Gesellen nur noch mehr erregt.
»Das macht: er ist eifersüchtig, Nicolo!« sagte wieder einer, »und mißgönnt Bologna den Anblick seiner Schönen.«
»Er hat wohl Grund dazu«, erwiederte der Angeredete, »wenn das Angesicht der Dame hält, was ihre reizende Gestalt verspricht.«
»O, hebt den Schleier!« riefen sie, und hatten das Ansehen, als wollten sie Joconda näher treten.
Wie die Erschreckte sich dichter an ihren Begleiter anschmiegte, so stieß der mit gewaltiger Faust den, der sich zumeist herangedrängt hatte, zu Boden, und ein deutscher Fluch entfuhr seinen Lippen, indem er durch die nun wieder geöffnete Bahn weiter schritt. Einen Augenblick waren die Zudringlichen zurückgewichen, aber die Überzahl und das Gelage, von dem sie kamen, machte sie kühn, und mit dem Ruf: »Wie! die deutsche Bestie will uns schlagen und wider ergangenes Gesetz beleidigen?« drängten sie sich auf's neue heran und vertraten den Weg.
Da reckte sich Bruno in die Höhe und drohend rief er, daß es laut erscholl: »Ha, ihr welschen Hunde, wem sein Leben lieb ist, der lasse uns hindurch!« Und es würde ihn wohl keiner aufgehalten haben, wenn er allein gewesen wäre, aber, wie er die Zitternde an seinem Arme fühlte, so stund er unschlüssig, ob er jetzt das Äußerste thun sollte seinen Gegnern gegenüber, die fortfuhren, durch Toben und Schreien sich Muth zu machen. Inzwischen war vom entstandenen Gelärme die Straße an beiden Seiten in Aufruhr gebracht. Lichter erschienen, Fenster und Thüren wurden aufgethan und eine Menge Neugieriger strömte herbei.
Da sah Bruno den Augenblick höchster Noth gekommen; während rings um ihn das Wuthgeschrei wider den Deutschen die Luft erfüllte, umfaßte er fest Joconda, entschlossen, sich mit Gewalt hindurchzuschlagen. Aber das wäre sonder Zweifel Beider Verderben gewesen, wenn nicht da vom Thor aus Rettung gekommen wäre. Denn da dort Adelbert und seine Leute, die mit Eifer nach dem Wege suchten, von dem Bruno zu ihnen stoßen sollte, nun hörten, wie sich von da Geschrei erhub und vernahmen den Ruf wider den Deutschen, so drangen sie eilend in die Stadt hinein. Sie sprengten unter das Gedränge, und unter ihren Hieben rechts und links stoben die Welschen auseinander. Die nun Bruno bedrängten, wie sie das neue Getümmel hinter sich hörten und die streitbaren Stimmen der Deutschen, wandten sie sich, die Meisten, um zu entfliehen, Etliche, um sich zur Wehre zu setzen. Da gewannen die beiden Flüchtigen, auf die nun Keiner mehr Acht hatte, Raum, und froh der ihnen ungedacht gewordenen Hülfe eilte Bruno dem Thore zu.
Wohl wankten Joconda's Schritte an seiner Seite, aber er wies sie hin auf die Nähe ihres Zieles, und die Hoffnung belebte ihre sinkende Kraft. Nun traten sie unter den Bogen des Thores. Aus dem dichten Dunkel, das da herrschte, sah Bruno's scharfes Auge, wie von draußen eine Gestalt ihnen entgegenschritt. Als sie zum Thore hinaus traten, gieng diese Gestalt hart an ihnen vorüber in das Dunkel des Thores, das die Beiden eben hinter sich ließen.
Eilig waren die Schritte der sich Begegnenden, und der Abendhimmel, wenn auch vom Mondenlicht erhellt, war regentrüb; so konnte Bruno das Angesicht des an ihm Vorübergehenden nur einen Augenblick sehen. Er hatte nicht Acht darauf, denn sein Gemüth war auf Anderes gerichtet, und doch war es ihm, als hätte er in diese Augen schon geblickt. Verstummte da nicht plötzlich der Hall der im Thorbogen dröhnenden Schritte hinter ihm? Als er zurücksah im Weiterschreiten, stund, so schien es ihm, im Thor noch immer die Gestalt, als sähe sie ihm nach.
Etwa hundert Schritt vom Thor am Wege war eine vorlängst verfallene Kapelle. Allda sollte Adelbert mit den Rossen und Knechten halten.
Als Bruno dort Niemand fand, denn sie waren Alle, da der Streit sich in der Stadt erhoben, von da gewichen, so rief er laut das Wort, bei dem sie unter einander übereingekommen waren sich zu erkennen, wie man pflegt, wenn man zu Felde liegt. Alsbald erscholl die Antwort näher vom Thor her und Bruno gedachte da die Rosse zu finden. Er wandte sich also zurück und ließ indeß Joconda an der Kapelle. Da er unweit dem Thore war und auch schon den Tritt der Rosse hörte, die herzu gebracht wurden, sah er wieder dieselbe Gestalt von vorhin im Schatten des Thores und noch an derselben Stelle und wieder war's, als suchte sie nach ihm. Da zerriß eine Wolke und das Mondenlicht ergoß sich hell. Wie es mit voller Klarheit Bruno beleuchtete, der hier außen vor der Stadt die Larve von seinem Angesicht gethan hatte, drang an sein Ohr aus dem Dunkel des Thores ein Aufschrei, den er nimmer vergessen hat; es war ein Schrei des heftigsten Zornes und auch der unsäglichsten Trauer. Und mit diesem Aufschrei löste sich die Gestalt aus der Finsterniß der Beschattung, darin sie bis jetzt geharrt, und stürzte ungestüm auf Bruno zu, der eilend sich den Rossen näherte, welche jetzt ihm zugeführt wurden. Er wandte sich und sah in des Anstürmenden Angesicht. Nicht länger als bis man eins zählt, sah er hinein. Aber er ward von einem Blick getroffen, der so gethan war, daß vor ihm ein Teufel aus der untersten Hölle hätte zur Umkehr oder der hehrste der heiligen Engel zu Fall und Verstockung gebracht werden können. »Bruno!« hörte er sich rufen. Aber er sagte nichts und packte mit mächtigem Griff den sich zwischen ihn und die Rosse Drängenden. Da hub sich ein Arm gegen ihn und ein Dolch blitzte im Mondlicht. Doch im Nu hatte Bruno den Stahl der Hand entwunden, die ihn führte, und stieß ihn tief in seines Gegners Brust. »Schwester!« rief der mit versagender Stimme und brach lautlos zusammen.
Starr stund Bruno, in der Hand die Waffe, mit welcher der tödtliche Streich geschehen war.
Die Mahnung der Knechte, sich zu eilen, und ihr Ruf, daß das Fräulein käme, brachte ihn zu sich.
Geschwind verhüllte Bruno des Erschlagenen Angesicht, und als Joconda neben ihm stund und zitternd auf die klaffende Wunde deutete, da sagte er. »Es galt mein Leben und das Gelingen unserer Flucht, Joconda, oder seines. -- Hinweg, hinweg!«
Doch auch seine Stimme bebte und war tonlos, und er fühlte eine eisige Kälte in seinem Gebein.
»Hinweg, hinweg!« riefen da wieder die Knechte und vom Thor her hörte man Getümmel.
Noch wenige Augenblicke, und die hurtigen Rosse trugen die Fliehenden auf verschlungenen Wegen durch die Nacht. Bald hatten sie die Stadt weit hinter sich. Aber Bruno war's noch immer, als schlüge das Brausen der empörten Volksmenge laut und lauter an sein Ohr und würden die Sturmglocken gezogen und ihre ehernen Stimmen riefen vernehmlicher und immer vernehmlicher: »Mord, Mord!«
Es ist nicht noth, Diether, Dir von den Tagen zu berichten, die nun folgten, welcherlei sie gewesen sind für die Beiden: Tage der Flucht, Gefahr und Noth.
Bologna's Rath und Volk forderte Rache für den Friedensbruch und die Blutthat. Bruno's Leben ward in ihre Hand gegeben, er ward all' seiner Güter beraubt und schlagen durft' ihn, wer ihn fände. Mit großem Verlangen trachtete er darum aus Welschland hinweg und auch weil er keine Ruhe fand unter dem Himmel dort und die welsche Zunge Pein schuf seinen Ohren; wenn er nur erst wieder deutsche Tannen ersähe und deutschen Laut vernähme, wähnte er, würde sein Gemüth sich entledigter fühlen und frei. Unter großen Mühseligkeiten ward die Flucht gethan. Aber endlich kamen sie an in deutschem Lande und fanden Rast und Bergung auf der Burg Adelberts. Allda gedachte Bruno zu harren, ob etwa der Sache Rath würde und seine Freunde für ihn Gnade erwirkten beim Kaiser. Aber als der Sommer herum war, gelangte Zeitung an ihn, daß das Urtheil wider ihn bestätiget und all' sein Lehn vom kaiserlichen Vogt eingenommen wäre. Da zeigte es sich, was die treue Liebe eines Weibes vermag. Joconda schien nur das Ungemach zu fühlen, was Bruno bereitet war; ja sie theilte seine Sorgen, als trüge sie den größeren Theil der Schuld daran, und über das eigene Elend ließ sie nie eine Klage laut werden. Da ward seine Seele durch solche Geduld mächtig ermuthigt und durch ihre Zuversicht, darin sie nicht wankte, daß bessere Tage nahe wären. Aber so oft sie ihre Rede zu ihrem Bruder hinkehrte, was wohl täglich geschah, und dabei gedachte, wie gewißlich sie hoffte, er würde ihr noch verzeihen; und wenn sie dann fragte, ob von ihm noch keine Kunde gekommen: dann trat vor Bruno's Seele jedesmal das blutige Bild des Erschlagenen und jenes Wort ward wieder laut in seinem Herzen, das die Sturmglocken Bologna's ihm nachgerufen hatten in der Nacht, da die Flucht geschah. -- Dann wandte er sich und sein Blick ward finster und immer finsterer, je beweglicher sein Weib ihm Trost zusprach; denn sie wähnte, das sehnende Verlangen der Freundschaft nach Guido und ihr heimliches Entfliehen beschwerte ihm den Muth also. Bruno aber, wie oft er's auch beschlossen hatte, und wie gewiß er erkannte, daß es einmal geschehen müßte, gewann das Herz nicht, ihr zu sagen von Guido's Tod.
So kam der Herbst heran, und wie den Beiden der gute Bote noch immer verzog, so wollte Joconda nicht länger leiden, daß Bruno ferner in träger Ruhe seine Tage versäße und allein fremder Hülfe harrete. Wenn er selber sein Vermögen brauchte, so würd' es nicht vergeblich sein; oder warum sollte für ihn kein Mitleid vorhanden sein, der bis dahin so werth gehalten worden und dessen Ritterdienste dem Kaiser selber nicht unbekannt geblieben. Und weil zu der Zeit ihnen Kunde geworden war, daß die Majestät zu Costnitz Hof hielt, so lag Joconda ihrem Gemahl mit vielen Bitten an, dahin zu ziehen, als Bittender seine Sache zu betreiben, Sühne zu bieten und Gnade zu suchen. Es war schier ihm eine Bußfahrt, die da ihm zu thun vorhanden war, und schwer ward es ihm, den stolzgewohnten Sinn dahin zu kehren. Denn er mußte ohne Geleit ziehen und verhohlen, daß es nicht schiene, als gedächte er sich wider das Urtheil mit Gewalt zu setzen, das ihm gesprochen war. Sein Weib wollte nicht von ihm weichen in keiner Fährniß und Noth und zog mit ihm. Das geschah ihr zum Leide. Denn da sie auf dem Wege waren, kam ihre Stunde. In großen Schmerzen gelangte sie, von Bruno geführt, in eine Höhle, die sie da erspähten, denn sie wanderten im Waldgebirg. Allda genas sie eines Sohnes. Als Bruno mit Weh und Wonne das feine Knäblein in seinen Armen hielt, da hatte es ein Mal, gestaltet wie eine blutende Wunde. Er erschrack des Anblickes, doch sagt' er nichts.
Wie groß nun die Noth in jener Höhle war, läßt sich leicht ermessen, und Bruno, da er sah, daß er ihm und den Seinen anstatt Honigs lauter Gallen erlesen hatte, hub an, seinem Leben feind zu werden. Der Fürst der Höllenschlünde sandte ihm einen bösen Geist des Unmuths und der Ungeduld.
Da ward auch Joconda ihm nicht mehr zum lichten Engel, das Banner der Hoffnung, des Heils und der Ehre ihm fürzutragen. Selber im Elend zu sein und im Ungemach auszuharren ohne Murren, hatte sie ihr hoher Sinn gelehrt und ihre starke Herzensliebe; aber da sie das Kind, das sie gewonnen, in gleiches Weh verschlungen sah, verzagte sie, und gegen die mütterlichen Sorgen aufrecht zu bleiben, gebrach ihr die Kraft. Da hört Bruno sie oft, über ihr Kind gebeugt, weinen und desselben jammerhaftes Loos beklagen. Dann trat er nicht hinzu, ihr Trost zu sagen mit liebem Wort, sondern er wandte sich hinweg mürrisch, daß sie vor ihm ihren Jammer ausließe, der wohl gleich sehr zu klagen hätte oder mehr. Und einst in solcher Stunde, da sie ihres Bruders gedachte, und wie er ihrer Noth sich gewißlich erbarmen würde, da murmelte er, die Hoffnung auf Guido wäre verloren.
Joconda sah ihn fragend an.
»Der Todte, dessen Anblick vor Bologna's Thor Dich erschreckte« -- hub er an, und finster waren seine Brauen zusammengezogen, da er redete.
»War mein Bruder?« schrie sie auf.
Bruno nickte und sah zur Erde.
»Und Deine Hand war's, die ihn schlug?« keuchte sie schwer athmend und richtete sich hoch empor.
»Die Liebe zu Dir bezwang mich also, daß ich's that,« sagt' er, düster blickend wie vorhin.
»So Fluch Deiner Liebe!« hört' er sie rufen, und schrecklich klang ihre Stimme. -- »Fluch Deiner Liebe, Fluch jeder Augenweide, damit ich geschmückt war, sie zu wecken, und Fluch jeglichem Wort und Lächeln, dadurch das höllische Band sich knüpfte!«
»Halt ein, Joconda!« rief Bruno entsetzt. »Du fluchst Dir und unserem Kinde dort.«
Da war sie mit einem Sprunge hin zum schlafenden Knaben, riß ihn vom Lager und umschlang ihn fest mit ihren Armen. So stund sie drohend, der Löwin gleich, die ihr Junges vertheidigt. »Nimmer soll dies Kind, das Deine Blutthat mit dem Kainsmal des Brudermordes gezeichnet hat, Dich mit dem süßen Vatersnamen rufen lernen, den Du mit Trug und Mord Dir erschlichen; und zuvor müssest Du mich erschlagen wie meinen Bruder, ehe Deine Mörderhände je wieder den Knaben berühren oder mich.«
Er wagte nicht, sich ihr zu nähern, noch Antwort zu geben auf ihre wilden Worte; ihre Blicke schienen ihm wie Blitze, daß er nicht zu ihr aufzusehen vermochte. Aber flehend streckte er seine Arme aus nach ihr.
Da stürzte sie, als litte ein Grauen sie nicht mehr nahe bei ihm, ehe er's hindern konnte, an ihm vorbei hinaus in die Wildniß.
Als er mit Schrecken ihr nacheilte und sie mit Namen rief, wandte sie sich und rief: »Wag's, mir zu folgen, so wird der Abgrund hier zu meinen Füßen mich und das Kind zerschellen.«
Und er zweifelte nicht, wie er sie sah, daß sie thun würde nach ihren Worten. -- Als ob eine neue Kraft ihr verliehen wäre, klomm sie behende, dem gescheuchten Wilde gleich, den Bergeshang hinan, und droben auf vorspringendem Felsgestein sah sie noch einmal hernieder, bog ihr Haupt, das wirr das schwarze Haar, vom Winde aufgelöst, umwehte, zurück und reckte ihren Arm abwehrend gegen den Genossen ihrer Schuld. Dann hub sie das Kind, das sie trug, hoch gegen den Himmel und war verschwunden. --
Bruno hat Tage und Nächte nach ihr gesucht, gerufen, geweint; aber nur die Felsenwände hallten ihren Namen zurück. Er hat sie nie wieder gesehen, noch erfahren, ob die Beiden in der Einöde des Gebirgs verschmachtet oder den wilden Thieren des Waldes zum Raub geworden sind, oder ob die Mutter sich und ihrem Kinde eine Ruhstatt gefunden hat. Da hat auch Bruno seinen Namen erlöschen lassen im Gedächtniß der Menschen und für sein Theil erkannt, sich ganz zu Gott zu gesinden und sein Herz zur Buße zu kehren, daß er der Hölle im Tode entfliehen möchte.
Die Höhle aber nieden St. Wigbert's Kirchlein mit der Klause, darin jetzt ich hause, Diether, die ist's, darin sich zutrug, was ich Dir erzählte, und hier auf dem Gestein, da wir sitzen, sah Bruno sein Weib zum letzten Mal mit der Gebärde des Grauens vor ihm und des Flehens um Erbarmen zu Gott für ihr Kind. Und der Ring, den Du fandest, ist Joconda's; sie hat ihn hier von sich gethan, das Siegel und Zeichen ihrer schuldvollen Gemeinschaft. --
Und nun weißt Du, Diether, warum ich Dich bat, der armen Seele vor Gott zu gedenken, von der Du sagtest, da Du den Reif erblicktest und das Thierlein daneben.«
Allhier endet die von Brun erzählte Geschichte.
»Gnade der milde Christ nach seiner Gütigkeit denen Allen, so in Unglück gerathen sind -- und uns!« sagt' ich, und gar sehr war ich bewegt im Herzen von der Geschichte, die ich gehört hatte.
Wohl trieb's mich, noch ferner mit Brun davon zu reden, und von Bruno, was denn aus ihm geworden, ob er noch lebe und wo er weile. Aber ich ersah, der Alte wollte ungefragt sein, denn er stund auf und sagte: »Auf, Diether! -- Schon ist Mitternacht vorüber, denn sieh, der Mond neigt sich auf seiner Bahn dort den Bergen zu. Kühl hat sich der Nachtwind aufgemacht und der Thau fällt stark. Lang' schon solltest Du, junger Knabe, unter Dach geborgen sein.«
Und so stieg er mir voran den Bergeshang abwärts. Wie wir schweigend giengen und über uns die Wipfel der Tannen rauschten, bald lauter, bald leiser und sich gegen einander bogen, und unter uns die Wellen brausten, jetzt heller klingend, jetzt dumpfer murmelnd, war mir's, als erzählten auch sie sich in der Sommernacht die traurige Mär' von dem ewigen Geheimniß des Menschenherzens, das wähnet, das Paradies zu gewinnen, und die Schmerzen der Hölle sich bereitet.
Bald lag ich auf meinem Lager drinnen in der Klause. Ich weiß nicht, wie mir da geschah und ob ich schon eingeschlafen war oder just die Augen zum Schlummer sich senkten: ich sah Brun nahe bei mir stehen und unverwandt mich betrachten.
Zuweilen beugte er sich hernieder und bewegte seine Hand, mich zu berühren. Dann wich er wieder ein wenig zurück, als scheute er sich zu thun, wozu doch sein Sinn ihn zog, oder er fürchtete, ich möchte erschreckt werden und erwachen. Nach einer Weile ließ er ab von diesem Streit. Aber eine größere Unruhe schien in seiner Seele sich anzuheben. Es war, als ob mein Anblick davon die Ursache wäre. Er sah noch einmal lang' nach mir hin, schauderte dann jählings zusammen und sank in seinen Sitz nieder, sein Angesicht von mir gewendet und mit beiden Händen verhüllend.
»Nein, nein, HErr!« hört' ich ihn murmeln. »Nicht dieses Bild jetzt neben die süße Erinnerung!«
Ein breiter Strahl des Mondes drang durch das dichte Gitter der Bäume draußen und das kleine Fenster und glitt durch den engen Raum hin zur Wand dem Alten gegenüber. Wie es dort hell das Bild der Gottesmutter umspielte, ward sein Blick, da er sein Haupt wieder erhob, dorthin gelenkt. Irgend etwas an dem Bilde mußte ihn erschrecken. Denn er erzitterte auf's Neue. Und doch konnt' er nicht widerstehen, dahin zu blicken, was der lichte Schein ihm wies.
»Und Du drohest immer wieder«, sagt' er dabei mit Flüstern, »und ewig blutet die Wunde?«
Da sah ich ihn aufspringen und das Schwert aus der Seite des Bildes ziehen, darin es stak. Er trat damit in das Licht und ließ den Stahl darin blitzen.
»Ja«, rief er dann mit leisem Stöhnen, »sie sind noch immer da -- die blutigen Flecken, und keine Zeit hat Rost genug, sie zu verzehren!«
Und jetzt schwang er die Waffe mit wilder Gebärde, und es hatte das Ansehen, als wollt' er sie gegen sich selber richten und es schüfe ihm Mühe, davon abzulassen, und ich hört' ihn dabei klagen: »Verloren all' -- all' verloren!«
»Hilf, Herr!« dacht' ich. »Er ist von Sinnen kommen!« und richtete mich in die Höh'.
Da wandt' er sich und wie er mich ersah, schüttelte er heftig sein Haupt, streckte die Arme gegen mich und rief mit drohender Stimme: »Du da? Du bist der Bringer schrecklicher Dinge! Du weckst auf zur Mitternacht, was mit Mühe begraben war!«
Und als ich weiten Auges und sprachlosen Staunens voll nach ihm blickte, rief er wieder: »Sieh nicht so her mit diesen Augen! Es ist nicht! Es ist Lug auch dies, und nimmer heilt die Wunde!«
Aber plötzlich sprang er auf mich zu, und, eh' ich's hindern konnte, hatte er von meiner Schulter das Linnen gestreift, das ich trug. Als er, die Waffe in der Hand, sich dicht über mich beugte, wähnt' ich nicht anders, denn daß der Rasende mich morden wollte. Und ich schrie laut.
Im selben Augenblick aber war er zur Seite meines Lagers in die Knie' gesunken und seine Arme hielten mich umschlungen. »O Gott, o Gott!« rief er mit einer Stimme, weich wie die eines Kindes. Und seine Hand strich mir kosend über Stirn und Wangen und seine Thränen tropften auf mich nieder. »Schlaf, Diether, schlaf!« sprach er wieder, »kein Schrecken des Ortes müsse Dir nahen, und Engel des Friedens müssen Dich beschirmen.«
Darnach ergriff er meiner Hände eine und hielt sie an sein Herz, als würde von der Berührung der Sturm sich legen in seiner Seele. Als er so gethan, beharrte er eine Weile, wie mich däuchte, im Gebet, bekreuzigte dann sich und mich, stund auf und gieng der Thür zu. Bevor er hinausschritt, kehrte er sich noch einmal zu mir und sagte wieder: »So schlaf denn, Diether! und zürne dem Alten nicht um sein wirres Wesen, damit er Dich erschreckt hat; Du siehst, es ist vorüber.«
Aber wie hätt' ich nach dem Allen vermocht, jetzt nach seinem Wunsch zu thun. Mich trieb's dem Alten nach zu seh'n. Ich erblickt' ihn durch's Fenster, wie er ein nahes Gestein erstieg, unter dem das Wasser breiter und stiller dahinfloß als anderwärts. Dort stund er eine kurze Weile unbeweglich und warf die Waffe, die er mit sich genommen, hinab in die Tiefe. Vorgebückt sah er ihr nach, wo sie versunken war. Dann gieng er festen Schrittes die Höhe hinan. Ich konnte nicht ersehen, wohin er seinen Weg nahm.