Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit
Chapter 8
Als so mit der Erzählung mein Gemüth all' den Dingen nachgieng, wie sie sich zugetragen, wurden sie selbst in meiner Seele wieder lebendig, als erlebt' ich sie zum zweiten Male. So trachtete ich denn auch darnach, was ich zu schildern hatte, mit rechtem Nachdruck meinem Zuhörer fürzustellen. Der, merkt' ich wohl, hatte so Seltsames zu hören sich nicht versehen, und so bezeugt' er mit Blick und Gebärde, welchen Antheil er am Erzählen nähme und am Erzähler. Ja, ich berichtete Alles, nur Eines, ich war mir selber nicht wissend, welche Scheu mich davon abhielt, verschwieg ich ihm. Ich sagt' ihm nichts von Irmela und meinem Schulhalten, sondern nur, wie ich hätte müssen die Aventiure von Sifride niederschreiben für Herrn Eberhard. Da Brun den Namen des Grafen zum ersten Mal vernahm und den seiner Burg, so horcht' er auf, schien es mir, aber er sagte nichts.
Als ich zu Ende war, sah er mich noch eine Weile schweigend an und wie mit prüfendem Aufmerken, und wieder wundert' ich mich, wie milden Glanzes seine Augen blicken konnten, die doch zu Zeiten so gewaltig ernst und strenge, ja finster hinter den Brauen hervorsahen, die sie tief überdeckten.
»Diether«, hub er darnach an, »Du bist unverbrüchlich dem Kloster zugesprochen?«
Seine Frage kam mir unerwartet und es geschah wohl mit gar zweifelhafter Miene, daß ich zu ihm aufblickte.
»Bescheide mich immer«, sagte er ruhig weiter, »was Du von Deinem Verlöbniß weißt.«
»Nur das«, erwiedert' ich, »daß man mir immer gesagt hat, wie ich noch gar jung als hilfeloser Findling vom Abt um Gottes Willen aufgenommen und zuerst zu Leuten, die des Klosters eigen waren, ausgethan worden sei. Hernach bin ich zu den Brüdern gekommen und für St. Bernhard's Orden ausersehen, dem ich auch, wie sie mir sagen, nach heiligen canonischen Rechten versprochen bin.«
»Wohlan, Diether!« sagte Brun wieder, »ich merke wohl, Du bist durch Gottes Walten ohne Dein Wollen und Zuthun von Deiner Bahn gelenkt. Danke dem reichen Christ, daß Du so geschwind Dich auf den Weg zurückgefunden hast, der Dir der vertraute ist von Kindesbeinen an. Dank ihm auch dafür, daß Du, so wechselsvoll diese Fahrt für Dich gewesen ist, dennoch in Deinem Sinnen und Meinen nicht ein Anderer worden bist, denn zuvor. Aber begehre nie ein Mehreres von der Welt zu sehen! Bist Du jetzt noch unbetrogen geblieben und ungeblendet, so hat sie wohl andere Larven, die noch süßer lächeln, aber die Hölle hinter sich haben. Darum, Jüngling, zeuch zurück in Deinen Frieden, und ich will Dir wohl dazu helfen. -- Sollte sich's aber«, fuhr er fort, »anders befinden, als ich halte, und Du hegst ein heimlich Verlangen zurück in das Wesen, dem Du entronnen bist, und Dein waglicher Sinn ist Dir erweckt, o Diether, so vertrau' auch dann Dich mir an und hehle mir nichts!«
Wohl fühlt' ich die Röthe mir in's Angesicht steigen bei solchen Worten. Denn sie erinnerten mich an das, was ich ihm schon jetzt verschwiegen hatte, und ich mußte gedenken, wie leichtlich seine Worte anders lauten würden, hätt' ich ihm Alles erzählt. Um so mehr gieng mir seine redliche Art zu Herzen, und dankerfüllt wagt' ich's, seine Hand zu fassen, und sagte, indem ich sie küßte: »Da sei Gott für, Brun! daß ich so mit frevlem Sinn hinwegtrachte aus dem heiligen Stand, in den ich berufen bin, und Euer treues Mahnen vergesse.«
»So wohl Dir, Diether!« sagte da der Alte wieder, hielt mit einer Hand die meine fest und legte die andere mir auf's Haupt. »So wohl Dir, wenn Du Dein Leben lang vor dem schwersten Streit bewahrt bleibst, dem mit Dir selber. Denn in seinem eignen Herzen hegt der Mensch seinen schlimmsten Feind. Er ist übermächtig und in allen Listen geschickt. Weh' dem Manne, der ihn erst aufgeregt hat! Bittere Schmerzen sind des Überwundenen Theil. Wohl erwählen sich die Meisten unter den Menschenkindern, lieber nachher zu büßen, als vorher dem Streit aus dem Wege zu gehen. Sie achten's für leichter, aber der üble Teufel betrügt sie darin allzumal.«
Wohl hört' ich's am Klang seiner Worte, daß er mit sonderlicher Bewegung seines Gemüthes redete, und als wir nun aus dem Dunkel der Laube hinaustraten, zeigte mir ein Blick in sein gefurchtes Angesicht, daß er da mir von Schmerzen gesagt hatte, die ihm selber wohl bekannt waren.
Alles war still ringsum. Nur das leise Gesumme der um die duftenden Blüthen des Geisblattes schwirrenden Schmetterlinge nahebei und von unten her das Rauschen des Wassers vernahm unser Ohr. Drüben streifte das letzte Roth die Bergesspitzen, und über die Wiese senkte sich braune Dämmerung, während droben die ersten Sterne erglommen, wie Augen der seligen Engel Gottes sich aufschlagen, in denen die Herrlichkeit seiner Schöpfung sich schöner wiederspiegelt.
Schweigend versenkte ich meinen Blick in die wonnesame Ruhe. Und auch Brun stand ohne Regung und schaute hinaus, als eilten seine Blicke dem schwindenden Lichte des Tages nach.
Noch hielt er mich bei der Hand. Als nach kurzer Weile der letzte Abendschein von den Gipfeln der Berge verschwunden war, wandte er sich zu mir.
»Diether!« sprach er, »laß uns selbander hinangehen, dem Bergwasser nach. Nicht lange, so geht drüben der Mond auf, denn schon hellt sich dort über den Bäumen der Himmel. Ich weile gern in seinem Licht auf der Höhe, wenn unten das Thal im Schatten liegt.« Und er zeigte hinauf.
Mit Freuden folgt' ich ihm, und wir stiegen den Pfad hart am Bach hinan, der bald in Sprüngen von Gestein zu Gestein sich hindurchzwängte, bald sanfter dahinglitt. Da ward zwischen uns wenig geredet. Vielleicht waren von vorhin die Gedanken noch zu lebendig in Brun's Seele. Und auch ich hatte meine Betrachtung. Ich gedachte, wenn ich über mir zu den Sternen emporblickte: wie sie beständig in ihrer ersten Pracht scheinen unverändert, so oft nur die Wolkendecken sich vor ihnen hinwegthun; wie ich's dagegen nun erfahren, daß über das menschliche Gemüth sich Schatten legen, von denen es nimmer geneset, und dann trat vor meine Seele der Garten, den jetzt dieselbe gestirnte Nacht umfieng, und ich wünschte, sie, die mich dort zum letzten Mal gegrüßt hatte, möchte niemals weniger heiter zu den Lichtern droben hinaufblicken, als diese zur Stunde hernieder zu ihr.
Rauher ward unser Weg, von manchem Felsblock behindert und so von Baum und Gestrüpp beschattet, daß ohne des Alten Führung mein Fuß nicht vermocht hätte, weiter zu dringen. Aber der leitete mich sicher bei der Hand und zog mich ihm nach. So klommen wir empor, bis wir zu einer moosigen Felsplatte kamen, von wo der Ausblick frei war in die Waldeinsamkeit ringsum. Hier sah man weithin die Züge des Gebirges mit endlosen Waldungen, gleich Wellen eines dunklen Meeres fern und ferner sich dehnend, und unter uns das Kirchlein mit Brun's Clause und tiefer das Wiesenthal. Alles lag da vor uns ausgebreitet im Dämmer der Sommernacht. Da stieg drüben der Mond hinter den Bergen hervor und erhellte die Höhe, die wir erstiegen hatten.
»Laß uns hier«, sagte Brun, indem er sich setzte, und mich einlud zu thun wie er, »laß uns hier der Betrachtung pflegen und dazu das Silentium halten! Ort und Stunde sind geschickt dazu.«
Nach diesen Worten verharrt' er schweigend und blickte in die Tiefe vor uns hinunter, als stiegen von dort Gestalten zu ihm auf, dicht vor seine Seele hin; je zuweilen wandt' er sein Haupt und fuhr mit der Hand über Stirn und Angesicht, als begehrte er sie nicht länger zu schauen und spräche zu ihnen: »Vorüber, vorüber!«
Wie er so, als mich däuchte, geschlossenen Auges da saß, im vollen Mondlicht regungslos, und nur unterweilen im Hauche der Nacht sein Barthaar sich bewegte, so mußt' ich denken beim Anblick der mächtigen Felsblöcke umher, die durch eine Riesenhand hier zersprengt und verstreut zu sein schienen: Er wie diese Steine, jetzt so friedlich beglänzt vom sanften Mondlicht -- von welchen Stürmen und Ungewittern, die über sie ergangen, könnten sie wohl berichten!
Immer tiefer indeß sanken unter uns die Schatten und immer höher rückte der Bergeshang in den Glanz, der uns umfloß. Es war, als wollt' er hienacht mit seinen Strahlen zwischen Farn- und Baumgezweig manche feuchte Kluft besuchen, die sonst im ewigen Dunkel lag.
Da ich so dieses Spieles des freundlichen Lichts gewahrte, wie es emsig immer weiter seine güldnen Fäden zog, siehe! da blitzte mir etwas aus einer Höhlung nicht weit von uns entgegen, darin das Mondenlicht sich hell und heller spiegelte, als hätt' es einen unverhofften Fund gethan und wollte den mir mit Freuden zeigen.
Es waren nur wenige Schritte dahin und die Neugier trieb mich hinzugehen. Ein gülden Ringlein lag da am wohlbeschirmten Ort und seltsam beigesellt dicht neben eine Eidechse, als hätte sie des Schatzes zu hüten. Da ich näher zusah, merkt' ich, sie war todt und ihre Vorderfüße hatte sie gekreuzt über ihrer Brust. Ich wußte wohl, daß Solches die Art dieser Thierlein ist, wenn sie gestorben sind, aber es däuchte mich, als waltete hier mehr als ein Ungefähr, und Ring und Thier wären Hüter +eines+ Geheimnisses.
Der Ausruf des Erstaunens, der mir entfuhr, ob dem unerwarteten Anblick, weckte den Alten aus seinen Träumen. Auf seine Frage, was es gäbe, brachte ich den Ring herbei und sagte ihm von der Eidechse hart daneben, und wie es mir geschienen hätte, als wäre dieser Hort ihr und sie könnte nicht von ihm lassen auch im Tode nicht, und hätt' an ihm eine große Schuld auf sich; darum läge sie da so ausgestreckt mit gekreuzten Armen gleich einer armen Seele, die Buße thut.
Mit Hast griff Brun nach dem Ringe und hielt ihn prüfend gegen das Mondenlicht.
»Joconda!« rief er dann und ein Seufzer aus tiefstem Herzen gesellte sich zu dem Namen. »Ach, und nie wird die arme Seele genug büßen um Deinetwillen!«
»Euer Gemüth ist in große Bewegung gebracht durch den Ring«, sagt' ich und trat zu ihm.
»Wohl, Diether!« erwiedert' er, nachdem er eine Weile schweigend vor sich hin gesehen, »weiß ich um dies Kleinod. Frage nicht, wie ich's erfahren. Besser vielleicht bliebe die Geschichte von ihm so jungen Ohren verschwiegen; aber da das Licht dieser Mondnacht durch Dich diesen Reif herwiedergebracht hat, sollst Du hören, wie sie sich zutrug, und dann gedenk' auch Du in heil'gen Stunden der armen Seele, von der Du sagtest, und bitte Gott im Himmel für sie, daß ihre Buße recht gethan sei und ihm wohlgefalle!«
Wieder schwieg er eine kurze Weile. Dann winkt' er mir, mich zu ihm zu setzen, und hub also an zu erzählen.
Die Geschichte, so Brun Diethern erzählte.
Es ist manches Jahr her, Diether, da lagen in Welschland deutsche Kriegsvölker vor der Stadt Bologna. Aber sie konnten sie nicht gewinnen, ob sie gleich die Stadt berannten und mit Einschließung lange und hart ängstigten. Da mehrte sich die Erbitterung täglich auf beiden Seiten, und wer weiß, wieviel Jammers und Elends da noch zugefügt und erlitten wäre, wenn göttlicher Wille es nicht gnädig abgewendet hätte. Denn die deutschen Herren, so das Heer führten, hielten es endlich aus trefflichen Ursachen für wohlgerathener, die entstandene Fehde gütlich zu vertragen. Und so ward denn den Städtern entboten, daß sie, was Leute hohen Ansehens und klugen Raths wären, aus den Ihren verordneten, damit man sich miteinander der Sachen annähme, wie sie beizulegen.
Unter den deutschen Rittern, die da den Herren, wenn sie zur Berathung zusammenkamen draußen im Lager oder drinnen in der Stadt, zu Schutz und Beistand zugesellt wurden, war Einer, den Jedermann solcher Ehre vor Andern für würdig auserkannte. Bruno war sein Name, er hatte in allen Dingen, die dem Manne wohl stehen, den ersten Preis. Er war edler Gestalt und reichen Gutes; sein Wuchs war hoch und sein Ansehen stattlich und gebietend; sein Arm eben so tapfer zu streiten, wie sein Geist hell und auch, wo es schwierige Entscheidung galt, das Richtige zu treffen, geschwind. Dazu hatte er die sonderliche Gabe, die Gemüther der Menschen, welche er wollte, für sich zu gewinnen und die Vorzüge, die ihn zierten, so zu brauchen, daß sie in Andern nur Bewunderung schufen und Freude ihrer mitzugenießen, und Willigkeit ihm zu dienen. Darum war's kein Wunder, daß Bruno sich der Macht bewußt war, die er über die Menschen hatte, noch, daß er ihrer brauchte. Sein hochfliegender Geist war es nicht anders gewohnt, als daß seines Gleichen sich ihm unterordnete. In so hohen Ehren und von jedem Glück, dessen er begehrte, umgeben, war Bruno bis an den Mittag seines Lebens gekommen. Aber gewohnt, Alles, wonach ihm sein Trachten stund, wie spielend und nur zur Übung seiner überlegenen Kraft zu erreichen, glänzte sein Angesicht noch im ungedämpften Feuer der ersten Jugend.
Doch, Diether, all' diese hohen Vorzüge waren ihm verliehen, nur um in seinem Herzen die schlimmsten Kräfte groß zu ziehen, ihm selber unbewußt, ihm zur Unseligkeit und Andern. In so langen Jahren des Gelingens seiner Pläne und der aus seinem Thun wachsenden Ehre war er sicher geworden, daß recht wäre, was ihm gut däuchte, und während er Andere berieth und leitete, wachte er nicht über seine eigenen Wünsche.
Die Zeit kam, ihn auf die Probe zu stellen, Diether! und Du wirst sehen: er bestund die Probe nicht.
Unter den Edlen Bologna's war Einer auserlesen vor Allen. Wie die Sonne am Frühlingstage heraustritt aus den Thoren des Morgenroths, ihren Lauf zu beginnen mit Freuden, so schritt Guido, noch prangend im Thau der ersten Jugend, die Bahn der Ehre und des ruhmvollen Thuns hinan. Ihn konnte Niemand sehen, ohne ihn zu lieben. Und nur wenige Male hatten Bruno und Guido bei den Berathungen, die zum Frieden helfen sollten, sich gegenübergestanden, als der deutsche Mann mit sonderlichem Wohlgefallen sich hingezogen fühlte zum welschen Jüngling. Der aber war ihm bald mit der vollen Hingabe seines jugendlich entflammten Herzens zugethan, und wiewohl die Beiden in dem, worüber sie zu rathschlagen hatten, sich nur als Feinde betrachten durften, so sah Bruno doch, wie der Jüngling mit zunehmendem Eifer sich jegliche Gelegenheit zu freundschaftlicher Zwiesprach erlas und wie er zu ihm aufsah, als dem Manne erfahrener Ehre und erwiesen in jeder edlen ritterlichen Tugend. Solches sah Bruno mit Freuden, und was er vermochte, des Jünglings Herz an sich zu fesseln und sein Vertrauen zu gewinnen, davon unterließ er nichts, denn er liebte ihn. Schöneren Bund sah man wohl selten, als da diese Freundschaft erblühte zwischen den Beiden, gleichwie eine Blume sich aufthut, lieblich im rauhen Nordsturm, und wenn, nachdem man Raths gepflogen, Guido an Bruno's Seite durch Bologna's Straßen schritt, ihn zu geleiten, so blieben wohl die Leute stehen, die vorübergiengen, und sahen mit Bewunderung den Beiden nach.
Nicht lange, so erbat sich Guido vom Rath die Gunst, Bruno in sein Haus zu führen, und weil er Bürgschaft leistete und die Hoffnung auf nahen Vergleich und Frieden sich mehrte, so ward ihm solches verwilligt. Er wohnte im weiten Palast allein mit seiner Schwester. Seinem Schutz hatten die Eltern, die beide unlange an der Pest gestorben waren, Joconda übergeben. Treuerer brüderlicher Hut ward nie eine Schwester anvertraut, als die Liebe war, mit welcher Guido über Joconda wachte, und wie zwei nachbarliche Pflanzen einem Licht entgegenwachsen, gepflegt von einer Hand und genährt von einer Quelle, so waren diese Geschwister. Oft schon hatte Guido zu Bruno von seiner Schwester gesprochen, und wenn er ihrer gedachte, leuchtete sein Auge von brüderlichem Stolz. Ja, Alles was von süßer Zärtlichkeit und Weichheit in der Seele des Jünglings wohnte, ward mit +einem+ Namen gerufen, mit dem Namen: Joconda. Von ihr hatte er Bruno auch gesagt, daß sie aus Verabredung beider Väter mit einem Jünglinge zu Pisa verlobt wäre, und daß, wenn ruhige Zeiten wiederkehrten, auf die Hochzeit gedacht werden sollte.
Vornehmlich also, daß Bruno seine Schwester sehen möchte und sie ihn, den Freund, den er sich gewonnen, führte Guido diesen in seines Vaters Haus. O, wäre es doch nimmer geschehen, Diether! Oder wäre einer von den Blitzen, die an jenem Abend bei Bruno's Rückkehr aus der Stadt vom Himmel flammten, auf ihn herniedergezuckt! Freundlich war zwar das Grüßen, das zwischen dem Freunde des Bruders und der Schwester geschah, aber unsäglich Weh und großen Jammer hatte es hinter sich. Und hätte Guido bei jenem ersten Gruß das sanfte Erröthen im Angesicht seiner Schwester und in Bruno's das frohe Erstaunen über ihre große Schönheit besser verstanden, fürwahr, er hätte sich nicht, wie er that, des Anblicks im brüderlichen Stolz gefreut, sondern ganz andere, schreckliche Weissagung darin erkannt.
Von Stund an war Bruno's Sinn von heftiger Liebe zu Joconda erfüllt und allein darauf gerichtet, ihre Liebe sich zu gewinnen. Klugheit, Ehre und Treue riefen ihm zu, abzulassen und nicht zu begehren, was Gott ihm versagte. Denn heilig war Guido die Pflicht, dem Verlobten die Schwester zu erhalten. Aber ein Sturzbach wäre mit einem Strohhalm eher aufzuhalten gewesen, als Bruno's Gemüth mit allen Einreden der Pflicht und des Gewissens vom Trachten nach dem, wovon es jetzt einzig entflammt war. Nun erst däuchte er sich ein Ziel gefunden zu haben, werth, all' seine Kräfte daran zu setzen, und wie er sich der Gewalt der Leidenschaft, die ihn beseelte, ganz überließ, so zeigte auch Liebe, die Zauberin, Alles, was er in ihrem Dienste that oder dachte, in einem hellen, reizenden Lichte, aber die dunklen Abgründe seines Herzens, aus denen sein Trachten hervorgieng, ließ sie ihn nicht sehen; ja jeglich Hinderniß und jegliche Gefahr, welche auf dieser seiner Bahn ihn bedrohte, steigerte nur mehr seinen verwegenen Muth.
Ohne Arg trat Joconda dem Freunde ihres Bruders gegenüber und voll heiteren Vertrauens. Aus Wahrheit ihres Herzens stimmte sie in Guido's Lob, wenn er Bruno's Tugend lobte, und wie sie immer sorgloser seinem Worte lauschte und seines Kommens immer gewohnter ward, so ward sie von der süßen Macht der Liebe bezwungen wie unvermerkt, und da sie das Geheimniß ihres Herzens von dem Einzigen errathen sah und solches aus Scheu ihrem Bruder verschwieg, da hub sich allererst auch ihre Mitschuld an. Und von Stund an ward sie glücklich, als schwebt' ihr Herz in Wonne, durch Bruno's Liebe, die dem Fluge des Adlers glich, über alle Höhen sich schwingend -- und elend zugleich. Die Heimlichkeit ihres Bundes und seine beständige Gefahr trieben ihr geängstet Herz nur um so mehr, sich Bruno zu vertrauen und seiner Führung, dessen Zuversicht und Kühnheit nur zu wachsen schien wie eines seines Auges und seiner Hand sicheren Steuermanns, wenn er das Schiff durch tosende Brandung lenkt.
Bald kamen sie heimlich zusammen zu süßer Zwiesprach. Wohl wußte Bruno, daß er damit wider Ehre und Treue den Freund betrog, aber er achtete es nicht und fuhr fort, den Arglosen zu täuschen.
Und wenn er wußte, sie harrte seiner, so galt ihm Nichts die Bedrohung der feindlichen Wächter an den Thoren und ihr Geschoß, sondern vermummt in der Dämmerung schlich er hindurch bis unter die Hallen der Paläste und harrte seiner lieben Trauten.
Da hörte ihr Ohr manch süßes Wort, wenn er kam, und manch heißen Schwur, wenn er von ihr schied, und die Todesgefahr, in der er schwebte um ihretwillen und die er verlachte, drängte ihr Herz immer näher an seines.
O! wohl mag der Jüngling sich hüten, wenn starke Leidenschaft ihn beseelt, daß ihr Wirbel sein leicht erregtes Herz nicht überwältigt und sein Lebensschifflein rettungslos in die Brandung reißt. Doch wehe dem gereiften Manne, wenn die Liebe seines Herzens ihn von Pflicht und Ehre scheiden! Er muß seinen Wünschen ganz entsagen oder er fällt der finstern Macht anheim, die alle seine Tugenden verzehrt und alle seine Kräfte in ihren Dienst nimmt, um ihn und durch ihn zu verderben.
So, Diether, ward Bruno's Liebe verderblich für Joconda, für Guido, für ihn selbst!
Schuldvoll war diese Liebe schon mit ihrer ersten zarten Regung und fluchvoll mußte sie endigen. Ihr stand kein Engel göttlichen Heiles und göttlichen Schutzes zur Seite.
Die Fehde ward vertragen, der Friede geschlossen.
Just am Tage der Fastnacht ward er feierlich verkündigt. Die Thore der Stadt wurden aufgethan und unter dem Geläute der Glocken erscholl der Ruf der Freude von Deutschen und Welschen wie aus einem Munde. Da überließ sich Jeglicher mit ganzem Herzen dem frohen Gefühle der wieder erlangten Sicherheit, und die, so sich bis dahin so hart befehdet hatten, zogen in munterem Gedränge verbrüdert durch die Straßen der befreiten Stadt, und weil man so lange in Furcht gelebt und der Freude entbehrt hatte, so war auf diesen Tag die Stadt zu ausgelassener Lustbarkeit gerüstet. Da man Gott gedienet hatte und das Tedeum in der Kirche St. Petronii verklungen war, wurde auf dem Rathhause von den Herren Bologna's den edelsten unter den Rittern eine stattliche Bewirthung gethan, indeß das Volk außen auf Straßen und Plätzen seine Kurzweil hatte. Zum Abend sollte die Stadt, wie es in Welschland Brauch ist an Freudentagen, mit Fackeln und bunten Lichtern erleuchtet und zu Ehren der Fastnacht Schimpfspiel und Mummenschanz gehalten werden. Daß nicht etwan von den Städtern den Deutschen, welche hineinkamen, ein Übel geschähe, hatte der Rath jegliche Störung des Friedens mit Todesstrafe bedroht; so war auch den Deutschen verboten, die in der Stadt weilen wollten, an dem Tage Waffen oder Wehre zu tragen.
So war da auf Aller Angesicht Freude und Jubel. Vor Andern erschienen Bruno und Guido hochbeglückt, da sie sich trafen an der Kirchthür, als man die heilige Messe gelesen. Droben im Festsaal saßen sie bei einander und wie stolz schien Guido, allen den Herren es zeigen zu können, welchen Freund er sich gewonnen habe! Und wahrlich! Bruno ward da als ein Muster ritterlicher Tugend und höfischer Sitte auserkannt. So edel war sein Wesen, so zierlich und klug seine Rede, daß Jedermann im Saal auf ihn achtete.
»Treue und Freundschaft auf ewig!« rief ihm Guido zu, als man wieder die Becher gefüllt hatte und ergriff seine Hand.
»So sei es!« that ihm der Angeredete Bescheid und schlug ein: »Treue und Freundschaft auf ewig!«
Und indem sie sich mit den Augen zuwinkten, setzten sie die Becher an die Lippen.
»Halt!« rief da Guido, dessen Herz vor Freude überwallte. »Harre noch, Bruder, ehe Du trinkest den Trunk der Treue; es gilt noch ein Wort: »Joconda!«
Und Bruno hörte dieses Wort, Diether, und er las seine Bedeutung in der Seele des Jünglings, der es aussprach, aber er zögerte nicht und rief den Namen auch und trank den Becher bis zur Neige.
Ward ihm denn die Frucht des Weinstocks nicht zum Feuer in seinen Gebeinen, da er diesen Becher dem Bruder zutrank, den er an diesem Tage so treulos zu betrügen entschlossen war? Erstarb ihm nicht jener holde Name auf den Lippen, den er in einem Athem mit dem Bruder auszusprechen wagte, obwohl er wußte, daß er damit schändlich log?
Aber Bruno's Angesicht blieb heiter wie zuvor und kein Laut seines Mundes verrieth das Vorhaben, von dem sein Herz jetzt einzig erfüllt war.
Als die Bewirthung zu Ende war, und man das Rathhaus verließ, gab er vor, wegen nöthiger Geschäfte hinaus in's Lager zu müssen, und mit trüglichem Wort ward er eins mit Guido, daß er ihn dort an bestimmter Stelle aufsuchen möchte gegen Abend, dann selbander in die Stadt zurückzukehren, das Fest zu beschauen und an der Lust des Volkes Theil zu nehmen. So trennten sich die Beiden.
Bruno hatte einen Waffengenossen, der ihm in Allem ergeben war.