Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 7

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Wie sie das las, hatte von ungefähr ihre Hand die meine über dem Buch berührt, ich spürte ihren Odem an meiner Wange und fühlte das Geflecht ihrer Haare an meinem Schlaf. Aber das währte nur einen kurzen Augenblick; es war, als hätte ich nur geträumt. Wieder stund sie vor mir in voriger Ruhe, ihr Angesicht ein klarer Spiegel ihres schuldlos heiteren Gemüthes, nur daß es mir schien, als hätte sich der Lieblichkeit ihres Wesens eine gebietende Hoheit zugesellt.

»Ich muß nun eilen, Meister«, sagte sie freundlich. »Der Abend kommt und schon zu lange wird man droben meiner harren.«

Mit Aufmerken meiner ganzen Seele sah ich ihr nach, wie sie die Laubgänge des Gartens dahin wandelte und die Stufen zur Burghofspforte leichtschreitend hinanstieg. Dann erhub auch ich mich. Aber ich gieng zögernd und langsam wie Einer, der sich zu einem Entschluß gedrängt sieht, von dem Neigung und Wunsch ihn zurückhalten. Wie sehr diese mir zum Bleiben auf Elzeburg riethen, so lang es gieng, und auch hinwieder wie stark Pflicht und Treue mich hinwegmahnten, beides war mir heute wie von ungefähr vor die Seele gehalten. Es war ein schmerzlicher Widerstreit in ihr. Aber wagt auch eines Jünglings Muth und Wille in's Unerreichbare die Fahrt, so war mir doch, sobald ich nur ein Wenig mich besann, diese ganze Welt, in die mich unversehens ein Irrthum geworfen, auf ewig verschlossen: nur unter fremdem Namen hatt' ich hier eine Stätte und auf der weiten Erde nur +eine+ Heimath, das Kloster, in dem ich erzogen und für das ich bestimmt war. War es nicht die höchste Zeit, mich dahin wieder aufzumachen und mir genügen zu lassen wie an des Mägdleins Bilde, das ich durch eine freundliche Fügung erlangt hatte, so am Bild all' meines Erlebnisses -- nämlich an seiner Erinnerung?

Solches bedacht' ich oben in meinem Gemach, dahin ich mich begeben hatte, und heute noch nahm ich mir vor von dannen zu ziehen, sollte es auch fluchtweise geschehen müssen. Aber leider die Einsicht in das, was uns das Beste zu thun ist, und der Wille, ihr zu folgen, bringt nicht auch das Herz zur Ruhe, und solches sein Widersprechen, sei es nun seiner Schwäche oder seines Trotzes ein Beweis, dünkt mich des menschlichen Elends häufigster Ursprung.

So sah ich nun mit gar trüben Blicken, unterm Fensterbogen sitzend, in das Thal und über die Berge hin, welche die heitere Sonne mit goldnem Dufte bekrönte. Eine Landschaft, die wir zum ersten Male erschauen, prägt sich tief in unser Gemüth, aber ich wähne: tiefer noch haftet der Anblick in der Seele, von dem uns die Ahnung sagt: er erfreut uns zum letzten Mal. -- Zum letzten Mal! welch' tiefe Schwermuth von solchem Wort über unsere Seele fließt, das erfuhr ich in jener stillen Abendstunde. Aber siehe! da gerieth mir die Kunst, die ich auf Elzeburg von dem Mägdlein erlernt hatte zu erquicklichem Trost. Manche Weise, die ich von ihr vernommen, schwebte mir über die Lippen, und ungesucht, als vernähme sie mein Ohr, kamen mir auch die Töne zu dem Liede, das ich für Irmela aufgeschrieben hatte.

Schon senkten sich unten über das Wiesenthal tiefer die Schatten und der kühler von den Bergen her wehende Hauch mahnte mich an den vergehenden Tag, und daß, wenn der nächste anbräche, ich von hinnen sein müßte. Da man schon seit lange sich von mir keiner Flucht gewahrte, so ward ich auch nicht mehr gehalten wie ein Gefangener, und ich konnte gewiß sein, daß manche Stunde vergehen würde, bevor man sich von meinetwegen beunruhigte. Nur das Bild des Mägdleins nahm ich zu mir und war entschlossen, nach dem Abendimbiß mir eine Gelegenheit zum unbemerkten Enteilen zu ersehen.

Da trat Helmbold in's Gemach.

»Ich bin Euch«, sprach er nach freundlichem Gruß, »ein Bringer unerwarteter und, wie ich wähne, froher Zeitung, auch komm' ich Euch als Bote nicht mit leeren Händen. Seht hier die Gabe, die Euch das Fräulein reichen läßt zugleich als Lohn, den Euch mein Herr, der Graf, bestimmt hat für den Dienst, mit dem Ihr ihm zu Willen gewesen seid.«

Dabei reichte er mir eben das Gewand dar, das ich Irmela hatte zurüsten sehen. Wie ich's verwundert und verwirrt in Händen hielt, fuhr Helmbold fort: »Die Zeitung ist aber diese, daß Briefe gekommen sind vom Grafen, darin er anzeigt, daß er gen Speyer zieht, allda längere Zeit zu verweilen, und daß er dabei aus besonderer Ursach seine Nichte an den Hof des Bischofs zu führen gedenkt. Euch nun, Meister, will er Eurer Haft allhier entlassen haben und gibt Euch frei -- und daß Ihr Euch hinfort so schlimmen Gesellen entzieht, als die waren, mit denen man Euch betroffen hat vor Waibstadt, brauch' er Euch nicht zu mahnen. Wäret Ihr aber des fahrenden Wesens satt, so wolle er Euch als Schreiber in seinen Dienst nehmen, weil er ein Vertrauen zu Euch gewonnen, und von wegen Eurer sonderlichen Kunst, mit Feder und Schrift umzugehen, Euch ehrlich halten. -- Wenn Ihr dann, Meister, solch' gnädig Anerbieten annehmet, so sollet Ihr mit mir und etlichen Knechten zusammen zu ihm stoßen in Bretten, allwo er jetzo in kaiserlichen Geschäften weilt und Eures Dienstes sogleich brauchen kann. Aber eiligen Auftrag hab' ich von ihm und so dürfen wir nicht säumen; noch heute müssen wir reiten. Habt Ihr doch nun nicht umsonst von mir gelernet im Sattel sitzen.«

»Guter Helmbold«, erwiedert' ich, »es ist so; Eure Botschaft ist mir hochwillkommen. Ich ziehe mit Euch. Über Anderes, was ich meine und sinne, laßt mich zu Euch reden, wenn wir auf der Fahrt sind.«

»Wohl denn«, versetzte er darauf, indem er noch im Gehen auf das mir geschenkte Gewand deutete, »so macht Euch fertig; sobald der Troß zugerüstet ist, müssen wir auf sein!«

Schon drang der Wiederhall der Geschäftigkeit, die bald in der Burg laut ward, in mein Ohr und mahnte auch mich zur Eile. Schnell legte ich das Kleid an, das mir so unerwartet zum Lohne geworden war. Darnach trieb es mich noch einmal, die Stätten der Burg zu besuchen. Wo die Leute mich sahen, riefen sie mir gutes Wort zum Abschied zu; denn sie hatten schon erfahren, daß ich mitzöge. Ich kam an die Gartenpforte, öffnete sie und stieg die Stufen hinab. Die Sonne war nun lang hinunter und das Dämmerlicht der Juninacht umhüllte Laub und Blüthen. Süßer Duft hauchte mir aus den Blumen entgegen, und die Blätter, die ich streifte, netzten mir die Schläfe mit kühlem Thau. Ohne Widerstand zog es mich hin zur gewohnten Stelle. Dort saß ich nieder und sah hinaus in die nächtliche Stille. Tiefer Friede wehte mich von aller Gottes-Creatur an. Mir war es, als ob Ferne und Nähe zusammenflössen in Eines und jegliche Creatur gerne ihre eigne Schönheit verbärge, damit nur die Macht, Weisheit und Güte des Ewigen verherrlicht würde, der sie alle zu seiner Ehre geschaffen. Da gedacht' ich daran, daß es auch des Menschen bestes Theil und reinste Seligkeit wäre, für sich nichts zu sein und zu begehren, sondern nur ganz in Gott zu ruhn; ich gedachte daran, daß für alle Herzensfreude, die mir je geworden, ich Ihm die Ehre schuldig wäre, und daß ich Ihm gerne dienen wollte nach Seinem Willen in allem Gehorsam.

Über solchem Sinnen gewahrte ich vor mir auf dem Tisch die Laute des Mägdleins. Aus dem Dunkel um mich her trat ihr Bild glänzend vor meine Seele. Ich nahm die Laute zur Hand und stimmte zu ihr die Weise von vorhin an. So wenig auch ich daran gedacht hatte, als das Lied entstanden war, so flossen nun meine Herzensgedanken mit Wort und Weise zusammen, und wohl von Grund der Seele klang es hinaus in die Stille:

Mach' wieder, süßes Vögelein, Den Träumer froh; Wo wohnest Du, in welchem Hain, Ach wo? ach wo? Vom Suchen bin ich worden krank, Sag' an, sag' an! Wann hör' ich wieder Deinen Sang, Ach wann? ach wann?

Ja, zum Traumbild, das der Erwachte doch nicht vergißt, ward Alles, was ich hier erlebt hatte, und der wachende Träumer fühlte, es würde ihm nie wieder erscheinen!

Nun war der volle Mond über das Gebirge emporgestiegen; von seinem Licht erblichen die Sterne am wolkenlosen Himmel, aber ringsumher erblitzten in seinem Strahl auf Blättern und Blüthen viel tausend Tropfen. So war mir hier Irmela erschienen und hatte über meine Seele und über die Welt um mich her ein mildes, verklärendes Licht gebreitet. Leise trat ich hinaus in den vollen Schein. Da vernahm ich leichte Schritte, und dort, umglänzt vom leuchtenden Gestirn, trat sie selbst hervor wie ein schimmerndes Traumbild. Als sie auf mich zukam, nahte ich mich ihr mit ehrerbietigem Gruß und dankte ihr für die reiche Gabe, mit der sie mich erfreut hatte.

»Meister«, sagte sie gütig, »es ist nur die Antwort auf Eure Frage um mein Geheimniß. Und ob Ihr wohl Eures behalten habt, so seid Ihr doch nun auch Eures Verspruchs ledig, denn wie er lautete, so habt Ihr auf Euer Singen mich jetzt nicht länger harren lassen. Ich hörte droben Euer Lied und das eben lockte mich hierher. Wohlklingend ist die Weise, die Ihr als die erste mir gesungen habt, doch gar traurig.«

»Es hat auch die letzte sein sollen, Jungfräulein!« erwiedert' ich. »Ihr wißt, ich scheide heut' von Elzeburg.«

»Aber doch nicht für immer«, fuhr sie fort. »Ich denke, Ihr bleibt fortan in meines Oheims Dienst und schon in Speyer nach wenigen Wochen verhoff' ich Euch bei ihm zu finden; denn zum Johannisfest hat er mich dorthin beschieden.«

»Wär' es aber doch vom waltenden Gott anders gefügt«, sagt' ich wieder, »denn ungewiß von einem Tag zum anderen ist des Menschen Vornehmen, so vergesset, Jungfräulein, nicht meiner Bitte und denket nimmer Arges von mir!«

Da reichte sie mir die Hand und sprach: »Das versprech' ich Euch, Meister Diether! Aber ich achte, Ihr seid zu besorglich und habt wohl noch Euer unsicher fahrend Leben im Sinn. Nein, noch manch Lied hoff' ich Euch singen zu hören und manch fröhliches.«

»Das walte der reiche Gott, daß frohen Gesanges immer Euer Sinn begehre!« rief ich da.

»Gott und Seine Engel geleiten Euch!« gab sie zurück, ihre Hand löste sich aus der meinigen und flüchtigen Schrittes eilte sie durch die Schattenwege der Pforte zu. Dort im hellen Mondenlicht sah ich sie noch einmal sich wenden, mir den Scheidegruß zu winken. Dann war ich allein. --

Um Mitternacht brachen wir auf zur Fahrt, so viel ihrer Helmbold zur Reise sich ausersehen hatte. Der Hof hallte wieder von den Rufen der Scheidenden. Als wir durch das Thor über die Brücke zogen, stieß der Thürmer in's Horn und der Gesang erscholl: »In Gottes Namen fahren wir.«

Unten im Thal ließ ich die Anderen hindann reiten und blieb an der Lichtung zurück, von wo aus man die Burg droben liegen sah. Hell erglänzten Dächer und Zinnen im Spiegellicht des Mondes. Aber wo aus kleinem Fenster durch tiefen Schatten ein Lichtschein herniederdrang, dahin richtete ich unverwandt meinen Blick.

Darauf lenkte ich mein Roß herum und sang leise im Weiterreiten:

Sag' an, sag' an! Wann hör' ich wieder Deinen Sang, Ach wann? ach wann?

Fünftes Capitel.

Heimfahrt.

Unsere Reise führte uns ebendenselben Weg zurück, auf dem ich vor wenigen Wochen unter vermeldeten sonderbarlichen Umständen und wider meinen Willen gen Elzeburg gebracht war. Kein Wunder wär's gewesen, wenn ich das nicht bemerkt hätte; denn wie gar anders sah mich heut' die Welt an und ich sie! Aber wenn auch der liebe Mond so viel heiterer vom wolkenlosen Himmel durch das Laubdach der Bäume zu mir herniedersah denn damals, als ich fast erschrak bei seinem Anblick, und sein heller Schein schier lauter lichte Bilder vor meine Augen brachte: die vom sommerlichen Nebel silbern erschimmernden Waldwiesen, den fröhlichen Zug meiner mannlichen Reisegesellen und endlich mich selber hoch zu Roß und zierlich geschmückt: ich erkannte wohl die Stätte meines vormaligen trübseligen Abenteuers wieder und dachte nur bei mir selber ganz fröhlich: »Was gilt's, die Welt hier außen hat seitdem Pracht angezogen und ich auch!«

Weil denn nun bei mir allerdinge beschlossen war, (auch mir der Gedanke nicht kam, es könnte nicht geschehen) in mein Kloster heimzukehren, so überließ ich mich der stattlichen Freiheit, deren ich hie genoß, mit rechter Lust, und je ferner Elzeburg hinter uns wich, desto mehr wich auch meine nachdenksame Schweigsamkeit, und ich gesellte mich den Andern zu, ritt und redete mit ihnen, als wär' ich des Dinges längst gewohnt.

»He!« rief da Helmbold mir zu und lenkte sein Roß an meine Seite; »das thut mir heut' noch sanft, daß wir Euch dazumal nicht haben entwischen lassen; denn, Meister Diether, man ersieht's wohl, Euch geliebt's viel mehr mit Graf Eberhard's Leuten hier durch den grünen Wald zu reiten, als bei den Waibstädtern zu liegen. Und traun! uns auch. Ihr seid uns Allen ein werther Reisegesell', und auch ein wackerer Reitersmann seid Ihr worden.«

Das bekräftigten die Anderen einmüthig, und Einer sagte, solcher Gewalt und Gefangenschaft, wie ich sie erlitten hätte, würd' er auch nicht gram sein.

Da entstund ein Gelächter, und ich lachte auch und sagte: »Mit den Städtern wär' ich wohl noch allein fertig worden und von der Waibstädter Herberge frei geblieben ohne die Elzeburger.«

»Ja freilich«, sagte Helmbold wieder, »frei wie der Vogel in der Luft und das Wild im Busch immer auf der Flucht ohne Nest und Rast!«

»O«, erwiederte ich munter, »Ihr scheltet mir mein früher Leben zur Ungebühr; es war ganz anders, als Ihr denket und weit so elend nicht.«

»Hört Ihr's?« rief da Helmbold wieder. »Er hat die Lust zum fahrenden Wesen noch in den Gliedern, und gebt Acht, 's ist ihm schon leid auf des Grafen Roß, schliche lieber zu Fuß.«

»Hm«, sagt' ich ärgerlich, »was nicht reitet, das gilt Euch nichts.«

»Ein Mann, sitzt er nur hoch zu Pferd, Dünkt zwier sich mehr als Andre werth!«

»So ist's recht!« rief da Helmbold wieder mit Lachen. »Jetzt, Diether, kommt Ihr auf Eure Kunst. Und weil sie trefflich geschickt ist, den Weg zu kürzen, so ist's billig, daß wir des Singemeisters in unserer Mitte genießen. Hebt denn an und laßt uns etwas hören!«

Da stimmten sie alle zu: »Ja, Diether! singt uns vor und herzhaft.«

Weil sie also anhielten, einen Gesang zu heischen, so that ich ihnen den Willen und sang

Das Lied vom Schützen Oswald.

»Und hätt' ich gegriffen ihn nicht in der Schlucht Mit Listen: noch wär' ich vor ihm auf der Flucht; Geweiht War dem Tode zu jeglicher Zeit, Was lebend sein Pfeil zum Ziel sich ersah, Ob fern, ob nah: Den Hirsch im Sprung und den Aar im Flug, Herr Oswald der Schütz traf ihn gut genug.

Nun liegt er gefangen im tiefen Thurm, Umkrächzt von den Krähen, umheult vom Sturm, Und aus Stach ich ihm (baß schmeckt nun der Schmaus Und ungekränkt trag' ich die Grafenkron') Die Augen zum Hohn;« Graf Otto ruft's laut. »Ich sag's Euch mit Fug, Herr Oswald der Schütze traf gut genug.«

Und der Graf ruft wieder, »daß Wahrheit dies: Auf, holt mir den Schützen hervor vom Verließ! Wohlan! Herr Oswald, du blinder Mann, Deine Augen zwar sind Dir nun nimmer zu Dank, Doch das Ohr merkt den Klang. Nun hab' mir wohl Acht, wie ich schlage den Krug, Ziel', Oswald, und schieß und triff gut genug!«

Und Oswald lauscht, wo der Klang herkam, Er lauscht auch, woher er die Stimme vernahm. Die Hand, Schon hat sie den Bogen gespannt -- Hui, schwirrt von der Sehne der Pfeil durch den Saal! Mit Geschrei sinkt zu Thal Graf Otto, getroffen in's Herz. »'S war kein Trug, Weh, Oswald du Schütze, trafst gut genug!«

Als ich geendet hatte, bezeugten sie Alle: Ja, das wär' ein tapfer Lied! und den Sänger lobten sie ausbündig und sagten auch dabei, es wäre doch eine auserwählte Kunst, der ich gedienet hätte.

Unter so gethaner Kurzweil gieng die Nacht bald herum und weil wir auch im Reiten nicht laß gewesen waren, so hatten wir, als wir früh das Morgenlied anstimmten: »Der Tag vertreibt die finstre Nacht«, schon manch' gute Meile hinter uns. Den Tag über, der sehr heiß ward, hielten wir Rast, und erst mit der Abendkühle saßen wir wieder auf. Alle aus dem Troß sahen mich an als einen der Ihren und ich hielt mich auch so. Zwar dacht' ich öftermalen, mich Helmbolden zu offenbaren und gefügen Abschied von ihnen zu nehmen, wie ich mir solches zu thun auch von Anfang der Reise an vorgesetzt hatte. Aber es war immer, als könnt' ich den Weg zu solchem Geständniß gegen ihn nicht finden, und eh' ich mich's versah, war er oder ein Anderer mit einer Scherzrede dazwischen, auf welche ich dann auch (der frohe Muth trieb mich dazu) die scherzende Antwort nicht schuldig blieb. Und so sah ich's denn zum zweiten Mal licht Morgen werden, als ich zwar Albrecht's Abtei ein erheblich Theil näher war denn Tage zuvor, aber dafür noch ebenso fest auf des Grafen Pferd saß und so dicht unter seine Leute gemengt, daß ich schier selber nicht wußte, wie ich mir heraushelfen sollte und beinah' wünschte, es sprengte uns wieder unversehens eine Aventiure auseinander, wie vormals den fahrenden Leuten und mir geschehen war.

Aber dergleichen begab sich nichts, und weil wir just wieder durch dichten Wald ritten, den ich von Brun's Begleitung her wohl wieder erkannte, so gedacht' ich hier, da es doch einmal geschehen müßte, mich von ihnen zu reißen und für's Erste zu Brun zu entfliehen. Ich erspähte mir also die Gelegenheit und ritt, als geschäh' es von Ungefähr, dem Troß eine gute Strecke voraus, wo der Weg sich krümmte, bis ich vor ihrer Aller Augen entschwunden war. Da saß ich eilend ab, band mein Roß an den Ast des nächsten Baumes und sprang flugs waldein, wo Gebüsch und Gezweig am dichtesten mich verbargen. Zuvor aber hatte ich unvermerkt an den Sattelknopf meines Thieres ein Blättlein geheftet, darauf mein Abschiedsspruch zu lesen stund:

Nicht weiter folgt Euch Diether mehr, Und sang Er je, trugt Ihr darnach Begehr, Zu Dank, So forschet nicht -- Dieweil er schied Mit Weh -- Wohin? Ihn ruft die Pflicht, Ernst klingt das Lied: »Ade; Fahr' hin!«

Es mochte gegen Mittag sein, als ich auf verschlungenen Waldpfaden endlich in die Schlucht gelangt war, von der ich wußte, daß von da St. Wigbert's Kirchlein nicht fern wäre. Wie war ich froh, da sich die Halde vor mir aufthat und die beblümte Wiese mit dem muntern Bergwässerlein, und mir von drüben das Ziel meiner Flucht entgegenwinkte. Wohl klopfte mein Herz stärker, je näher ich die Höhe zur Klause hinanstieg, und die Unruhe meines Gemüths wuchs in der Erwartung, welcherlei Weise mich Brun empfangen würde, wenn er zuerst meiner ansichtig werden würde in dieser Umwandlung. Darum hielt ich mir selbst recht eifrig seine freundliche Zusage vor die Seele, mit der er von mir schied, daß er all'zeit mit willigem Herzen mich aufnehmen wolle, und was er sonst Liebreiches damals zu mir gesprochen hatte.

Und so schritt ich getrost der Klause zu. Aber wie erschrak ich, als ich plötzlich hinter dichtem Gerank von Waldreben und Geisblatt, das sich der Alte seitwärts seiner Behausung zu einer Sommerlaube zurecht gezogen hatte, seine Stimme hörte, laut und fast heftig wie von Jemand, dem die Einsamkeit das Reden mit sich selbst zur Gewohnheit gemacht hat.

»Wohl gesprochen, St. Augustine! _Pereant omnia et dimittantur haec vana et inania! conferamus nos ad solam inquisitionem veritatis! Vita haec misera, mors incerta_.«[A]

[Fußnote A: Hinweg mit all' diesen eitlen und leeren Dingen! Die Wahrheit allein laßt uns suchen. Dies Leben ist elend, die Todesstunde ungewiß.]

»Hilf Gott!« sagt' ich da zu mir selbst mit Bangen, »ich höre mein Urtheil; wie werd' ich vor ihm besteh'n, wenn er so gemuthet ist!« Und zögernd schritt ich vorwärts, während er fortfuhr lateinisch zu reden, wie vorhin.

Als ich seiner ansichtig ward, saß er tiefgebückt über ein großes Buch, darin er eifrig las, als straft' und vermahnt' er daraus sich selbst. Ich stund beinah' vor ihm und noch immer hatt' er mein Kommen nicht wahrgenommen. Endlich wagt' ich's und sprach, aber zaghaft kam es heraus:

»Gelobt sei Jesus Christus!«

»In Ewigkeit, Amen«, fuhr er fort und hielt mit seinem Finger die Stelle im Buche fest, bei der ich ihn unterbrochen hatte. Dann erst sah er auf.

»Wie!« rief er da mit höchstem Erstaunen, und schob das Buch zur Seite. »Du, Diether? Du selbst? Bist Du's wirklich? Dich seh' ich wieder und in solchem Aufzug! Treibst Du Mummenschanz mitten zur Sommerzeit; oder bist Du so bald bezaubert, der Du Dich so sicher däuchtest, als ich Dich warnte?«

»Und wie zierlich der Knabe aussieht«, fuhr er fort, nachdem er mich wieder und wieder betrachtet, »ein Herzog könnt' sich mit Dir sehen lassen, so er Dich in seinem Gefolg' hätte, und mit Dir zu Hofe ziehn. Aber nicht zu mir, Diether, mußt Du als ein solcher kommen, wenn Du gelobt sein willst.«

Streng sah er mich an, und dennoch war mir's, als hätt' er ein Wohlgefallen an mir.

»Ihr thut mir Unrecht, Brun«, sagt' ich da, und trat ihm einen Schritt näher, »Ihr thut mir zur Wahrheit Unrecht, wenn Ihr wähnet, ich komme im Übermuth zu Euch und zeige mich Euch in diesem höfischen Kleide, weil ich bethört sei von der Welt Eitelkeit. Sondern gedenket, wie Ihr einst selbst Eure Klause mit des Erzvaters Noä Arche verglichet, da Ihr mir Verirrtem eine Rast hier schufet vor des Wetters Ungestüm. Heut' gleich' ich dem Täublein, das draußen nirgend haften kann, mehr denn damals, und bitte, schleußt vor dem Flüchtigen Euer Fenster nicht zu!«

»Aber«, sagte der Alte hinwieder mit einem scharfen Blick auf mich, »Du hast das Ansehen nicht, als hätte Dir die Welt bei Deinem ersten Ausflug übel gelohnt und reute Dich der Dank, der Dir von ihr geworden.«

»O, Brun!« versetzte ich darauf. »Vergönnt mir nur bei Euch wenige Tage zu weilen und mich zu bergen; ein Anderes begehr' ich nicht. Und wenn ich Euch werde berichtet haben, was mir begegnet ist, so werdet Ihr selbst erkennen, wie ich aus Noth in dieses Kleid gekommen bin und nicht aus Fürwitz, und Ihr werdet mir heim helfen, wohin mein Sinn steht, in's Kloster.«

»Wie?« fragt' er mit Staunen. »In's Kloster begehrst Du zurück?«

»Ja, ich!« betheuert' ich; »heim gen Maulbronn.«

»Nun, Diether!« sprach da Brun, derweil er aufstund und sich anschickte, mich in seine Hütte zu geleiten. »Traun! Seltsames muß sich zugetragen haben, oder Du bist in Deinen Jahren gewitzigter als Viele, wenn in so wenigen Wochen die Welt Dich Unerfahrenen auf ihren Kloben pfeifen konnte, aber nicht länger Dich festhalten, und Du schon gelernt hast, ihres Wesens überdrüssig zu sein. Manch' Einer lernt's mit grauen Haaren kaum! Doch komm und pflege Dein! Du sollst mir hernach erzählen. Und vor wem Du Dich auch zu bergen hast, sorge Dich nicht. St. Wigbert's Schutz ist gut, wem der einmal zugesagt worden ist.«

So war ich denn den Tag über in seiner Klause, und sanft that mir da die Ruh. Mein Wirth trug auf's Beste Sorge für mich und spähte fleißig, ob sich Jemand nahte. Aber den Waldpfad entlang ward nichts sichtbar, als etwa ein Wild, das zum Äsen der Lichtung zuschritt aus dem Dickicht; und außer durch das Geschrei des Hähers oder der Weihe droben in der blauen Luft und den Gesang der Waldvögel aus dem Erlengebüsch am Bach und dessen Rauschen ward die Stille der Einsamkeit durch Nichts unterbrochen.

Über das, was mit mir vorgegangen, vermied Brun jede Frage. Aber als der Abend hereingekommen war und der Alte droben zur Vesper geläutet hatte, rief er mich hinaus und führte mich in seine Sommerlaube. Dort hieß er mich erzählen, was ich erlebt hätte, seit ich von ihm gezogen wäre. Da berichtete ich die Aventiure mit den zween Fahrenden, und wie ich durch sie um Klosterkleid und Briefe gekommen; ich schilderte meinen Strauß mit den Städtern, wie sie an mich wollten und ich mich ihrer erwehrte, ich erzählte auch darnach von Elzeburg, wie ich wäre dahin gebracht worden, wie sie mich für einen fahrenden Singemeister gehalten hätten und wie ich zuletzt mir anders nicht Rath's gewußt, als von der Heerstraße hier zu ihm zu entweichen, daß ich bei ihm, so viel es Noth wäre, stille läge und darnach ungesäumt heimkehrte, woher ich ausgesandt.