Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 6

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So langsam nun auch ich Kriemhildens Traum in das Buch Wort nach Wort niedertröpfeln ließ, so war ich doch nach wenigen Tagen unserer Schulzeit damit zu Ende, und wie Ute, die Mutter, den Traum gedeutet hat von einem Manne, den Kriemhilde zu Lieb und Leide gewinnen sollte und wie, um Beides zu meiden, die hehre Frau immer bleiben wollte ohne Recken-Minne, -- das war nun Alles im Buch geschrieben. »O weh,« dacht' ich da, als ich meine Kanzlerin das letzte Wort niederschreiben sah, »wie willst Du bestehen, wenn Dein Kunstvorrath so schnell zu Ende geht? Da wird Deine zweite Noth hier größer werden als die erste. Zum Wenigsten heut nimmst Du die zweite Aventiure nicht mehr vor.«

Das that auch nicht Noth, denn Irmela, wie sie das letzte Wort geschrieben, legte die Feder weg, that das Buch zu und sagte: »Erzählet mir doch, Meister Diether, wie das nachher sich zutrug mit Kriemhilden und ob denn wirklich Ute sie wahr beschieden hat.«

Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig; denn ich sollte das Mägdlein einen Weg führen, den ich selber nie gegangen war, von dem ich auch im Geringsten die Richtung nicht wußte. Ich faßte mich aber und sagte: »Nein Jungfräulein, das geht nicht an. Die Geschichte ist überlang und jegliche Aventiure muß in ihrer Ordnung unverrückt bleiben. Jetzt folgt die »_von Sifride wie der erzogen wart!_« Auch möcht' Euch das mühevolle Schreiben verdrießlich werden, wenn Ihr allbereits am Anfang des Fortgangs und Endes kundig seid.«

Da versetzte Irmela lachend: »Mit Verlaub, Meister, aber Ihr irret, wenn Ihr denket, daß ich an diesen Mären so groß Gefallen habe und heftig verlange zu wissen, was sich weiter zugetragen hat. Wollt Ihr es noch verschweigen, so thut es immerhin. Wär's nicht um meinen Ohm, der daran so größliche Freude hat, ich schriebe wohl Anderes in dieses Buch. Solche Kunst mit Worten, die bloß zu sagen sind, acht' ich nicht groß; wo die Worte nach einer Weise gehen, die zu singen ist, das ist mir die rechte Kunst. Und, Meister Diether, wenn Ihr mich von Euren Liedern hören ließet und ich könnt' etliche, die mir zumeist gefielen, von Euch erlernen, das wäre mir lieb. Eurer Fiedel freilich seid Ihr ledig, aber nähmet Ihr die Laute zu Eurem Singen, so wäre mir das zu größerem Nutzen: ich gäb' Euch die meinige in die Hand, und ich vertrau' wohl, daß ich die Griffe Euch bald würde nachthun können.«

Wie sie dabei fragend und bittend mich anblickte, hätt' ich sie von Herzen gern ihres Wunsches gewährt. Aber ich sagte bloß: »Die Laute zu schlagen, bin ich gänzlich unkundig.«

»Nun denn«, fuhr sie fort, »so mögt Ihr Eure Lieder bloß singen, und wenn ich eine Weise wohl aufgefaßt habe, so gedenk' ich selbst die Griffe zu finden, die sich dazu schicken. Wagt nur immer mich in Eure Schule zu nehmen!«

Da mußt' ich mir mit einer List helfen:

»Gerne, Jungfräulein! Aber wisset, daß es wider Recht und Brauch unserer Kunstbrüderschaft ist, unsere Lieder so bar mit der Stimme hinauszusingen, ohne daß Saitenklang dazu ertönt.«

»Das ist ein seltsam Recht«, erwiederte sie darauf verwundert, »das Ihr da aufgerichtet habt. Doch«, setzte sie munter hinzu, »ist's Euch ein Ernst, mich Eurer Singekunst froh werden zu lassen, so soll Euer Recht und Brauch weder Euch noch mir leid sein. Ich will Euch lehren die Laute schlagen, und, deß bin ich gewiß, ein Meister wie Ihr, wird bald vermögen auf ihr zu spielen zu jedem Liede, das Ihr singet. Doch könnet Ihr wohl unterdessen von Euren Liedern etwelche mir aufschreiben, und an denen ich Gefallen finde, das sollen die sein, deren Weise ich hernach zuerst von Euch zu hören gedenke.«

»Was aber«, fragt' ich, »wird aus »_Sifride wie der erzogen wart_« und den Aventiuren darnach?«

»O«, sagte sie beschwichtigend, »seid deß unbesorgt. Die sollen nicht versäumet werden, dürfen es auch nicht, um meines Ohms willen. Aber jedesmal, wenn wir mit ihnen ein gut Stück vorwärts gekommen sind und es verdrießt Euch nicht, so fangen wir an mit Lautespielen.«

Solch' Begehren des Mägdleins war mir lieb und auch leid. Lieb war es mir, weil ich gedachte an ihrem Spiel und Gesang Freude zu haben, leid aber, weil ich besorgte, ich würde nun mit meinen zwo Aventiuren um so geschwinder am Ende sein, wenn ihr Sinn erst eifrig nach meinen Liedern stünde, und weil ich, je gelehrigerer Schüler ich ihr ward, um so bälder ihr Lehrer werden sollte. Denn wie sollte ich als der bestehen?

Aber ungedacht gerieth mir Irmela's Singelust durch meine Malkunst zum Heile. Denn einst, als die Stunde unseres Schulhaltens gekommen, war ich durch Helmbold zu ihr draußen in den Garten beschieden worden. Da waren auf grünem Rasen mit wohlgepflegten Beeten, auf denen buntfarbige Primeln und schlanke Narzissen blühten, ein weitästiger Apfelbaum, der stund voll rother Blüthenknospen recht wie mit unzähligen Sträußlein geschmückt. Im Halbkreis um diesen Baum war wie eine grüne Wand dichtes Gebüsch von Flieder gezogen, der dem Ort in der heißen Jahreszeit Kühlung und Schatten lieh. Dahin hatte Irmela Tisch und Stühle bringen lassen und dort sollt' ich ihrer warten. Ein gar lieblicher Platz war es, den sie für unser Schulhalten ausersehen hatte. Denn man sah über Blumen und Rasen vorn über die Wipfel der Obstbäume, mit denen stufenweise der sich hinabsenkende Garten des Burghofes bepflanzt war, weit hinauf und hinab in das Thal, wie da das Elzewässerlein bald aus dem Grün hervorblitzte, bald hinter dem Laube der Uferbäume sich verbarg, und frei konnte zugleich der Blick hinüberschauen in's Gebirg. So saß man dort uneingeengt und doch ungesehen und heimelich.

Mit rechter Lust schaute ich in die heitere Welt hinaus, die nah und fern so friedlich vor mir lag, und daß wir unser Werk so mitten in der Lenzlust treiben sollten, machte mich recht herzensfroh, und dem Mägdlein wußt' ich's im Stillen Dank. Da sich von ungefähr ihr Kommen verzögerte, nahm ich das große, schön gebundene Buch, das schon bereit lag, in die Hand und schlug es auf. Bald fand ich die Blätter, auf denen Lieder und Sprüche der besten Singer zu lesen waren. Ich staunte nicht wenig über die meisterliche Kunst, mit der da in Wort und Reim gefaßt war, was des Menschen Herz zumeist bewegt, und immer wieder auf neue Weise, wie wohl die Vöglein alle im Mai dieselbe Lenzwonne singen, doch aber jedes in seiner sonderlichen Art.

»Reicher Gott!« dacht' ich, »wie mag dir das gute Mägdlein so hohe Kunst zutrauen und wie könnt' ich sie je erlernen; sie muß von Gott verliehen sein.«

Während ich so der Muße genoß, sah ich auch die Feder schon bereit liegen, und das Tintenfäßlein stund dabei. Ich nahm sie in die Hand und schrieb, wo Irmela zuletzt aufgehört hatte, oben auf das nächste Blatt in den zierlichsten Buchstaben, die ich vermochte, was nun weiter folgte: »_Von Sifride wie der erzogen wart._« Ich that zu mehrerem Schmuck manchen Zug hinzu fein und geschwungen, wie ich's in den besten Schriften unserer Klosterbücherei gesehen hatte. Damit war ich noch beschäftigt, als das Mägdlein herzutrat.

Noch seh' ich die schlanke Gestalt, wie sie voll kindlich jungfräulicher Heiterkeit durch die Blumen schritt, mit Aufmerksamkeit hie und da vor einer neu entfalteten Blüthe ihrer Frühlingsbeete stille stund oder eine schimmernde Narzisse, die sie in der Hand hatte, gegen die Sonne hielt und in die Betrachtung des leuchtenden Blumensterns mit dem gelb-purpurnen Kern sich versenkte. Mir war's nun erst, als wüßten Laub und Blüthen um mich her, wem zur Freude sie von Gott so schön geschmückt wären, und ich gedachte, daß es am Anfang auch ein Garten gewesen, in den unser Herrgott die unschuldigen Menschen setzte.

»Ich hab' Euch harren lassen heute«, sagte sie zu mir nach freundlichem Gruß, als sie vor mir stund. »Aber ich denke, der Lenz macht's heute hier außen so schön, daß einem wintermüden Menschen die Weile schwerlich zu lang wird. Um so fleißiger, gebt Acht, werd' ich Euch nun beim Schreiben sein. Doch seht«, rief sie mit Verwunderung, als sie in das Buch sah, »Ihr seid nicht müßig gewesen; wie kunstreich Ihr schreiben könnt! ich wähne, ein Maler vermöcht's nicht besser in eines Kaisers Brevier.«

Da sagt' ich: »Wenn es Euch gefällt, Jungfräulein, so könnt' ich des Schreibens Mühe Euch wohl ersparen und mit eigner Hand die Aventiure in's Buch bringen, so gut ich's vermag. Während dem könnt Ihr die Laute spielen, und beim Schreiben würde mir das Hören Eures Spiels wohl nützlich sein, daß ich hernach Eurer Unterweisung desto besser zu folgen vermag.«

»Nicht wegen der Muße für mich«, erwiederte sie, »sondern um Eurer preislichen Schrift willen, die ich dem Buch wohl gönne, nehm' ich gern Euer Erbieten an.«

Und so geschah's denn von dem Tag an, daß ich die Feder führte. Weil mir aber aus glaublicher Ursach' Eile nicht am Herzen lag und ich zugleich das Mägdlein erfreuen wollte, so that ich all' mein Bestes an dem Buch. Ich brauchte zur Niederschrift nicht allein Rohr und Feder, sondern auch Pinsel und Farbe, die ich mir von Irmela erbat oder selber nach Malergewohnheit bereitete. Was waren das für selige Stunden in jenen Maientagen im Garten unter dem blühenden Apfelbaum! Fröhlicher hat wohl nie Keiner Unmuße gehabt, noch größere, herzlichere Lust zu seiner Arbeit getragen. Ist es ein Wunder, daß ich der Sorge um die Zukunft, wie es weiter mit mir werden sollte, gerne vergaß und, unbekümmert um den morgenden Tag, ganz nur dem heutigen lebte und dem reinen Glück, das er mir brachte? Gieng da, mir selbst nicht bewußt, eine Änderung in meinem Gemüth vor sich, so konnte sie bös nicht sein; denn nie zuvor hatte ich höhere Freude an meiner Kunst gehabt und ernsteren Eifer auf sie gewendet, als da ich wußte: ihr Auge ruhte mit Wohlgefallen auf meinem Schaffen. Die ganze herrliche Gotteswelt um mich her sprach deutlicher zu mir, und es war, als ob das inwendige Vermögen meiner Seele eine neue Kraft gewonnen hätte. Heller strahlte mir die Sonne, leuchtender schien mir der Frühling, und wie von einem Gefühl stiller aber starker Freude am Leben und allen Werken des HErrn ward mein Gemüth beschwingt. Daß solches Alles eine Folge von dem Eindruck war, den das liebliche Wesen des Mägdleins auf mich machte, war mir nicht verborgen. In ihrer Nähe hätte kein Mensch traurig bleiben können oder Arges hegen! Und an der Anhänglichkeit, mit welcher alles Ingesinde in der Burg ihr zugethan war, konnte man die Macht der Unschuld und Güte ersehen, zumal wenn zu ihr holde Gestalt und fröhliche Jugend sich gesellt. Keiner hätt' es vermocht, sie zu betrüben, und Helmbold, dem der Graf (er hatte bald nach meiner Ankunft wieder die Burg verlassen) ihren Dienst zugewiesen, sah das Amt, das ihm vertraut war, als seine höchste Ehre und Freude an. Von ihm erfuhr ich, daß Irmela schon in früher Kindheit, da sie Waise geworden, von ihrem Ohm aufgenommen und zwar fern von der großen Welt, aber mit aller Sorgfalt und Liebe unterrichtet und erzogen wäre. Alsdann betheuerte der Alte, wie mit ihr ein neuer Tag des Glücks für Alle, sonderlich für den Grafen in der abgeschiedenen Burg aufgegangen wäre und wie trübselig es hergehen würde auf Elzeburg, wenn das Fräulein einmal da nicht mehr weilte. Und gewiß ein edler Freiersmann würde sich bald genug finden, wenn sie nur erst hinausgeführt sein würde in die Welt, die sie bis jetzt nur gar wenig gesehen.

So war denn auch sie wie ich ohne Vater und Mutter aufgewachsen und in der engsten Umgebung, und bei aller Verschiedenheit sonst, kam doch darin die Gestalt ihres und meines Lebens überein. Wohl gern hätt' ich ihr die Wahrheit über mich gesagt; und daß sie von mir, wenn auch unfreiwillig, getäuscht ward, that mir oftmals leid, und der Vorwurf darüber legte sich je zuweilen wie der einzige Schatten jener hellen Maienzeit über meine Seele. Aber ich konnt's doch nimmer über's Herz bringen, ihren immer sich gleich bleibenden heiteren Sinn durch eine Mittheilung zu betrüben, die sie an ihrer Arglosigkeit irre machen mußte. Zudem wär' es mir schrecklich gewesen, ihren Zorn zu tragen. War es dennoch unrecht von mir, daß ich mir den Trug, in den man mich hineingestoßen hatte, gefallen ließ, ja hernach zu scheinen selber fortfuhr, was ich nicht war: so weiß ich's nicht und will's nicht widerfechten. Gutes und Schlimmes sind durch eine tiefe Kluft von einander geschieden, aber in des Menschen Gemüth liegt oft Beides gar nahe bei einander.

Indessen wuchs ich täglich mehr in den Singerstand hinein, dem ich zugewiesen war; mit dem Lauteschlagen gelang es mir zu größlichem Lobe meiner Lehrmeisterin und, wie ich fand, zu meiner eignen Freude; ja es regte sich in mir auch die Lust, selbst ein Lied zu ersinnen nach der Art derer, die in Irmela's Buche geschrieben stunden und eine Weise dazu zu suchen. Doch dies that ich heimlich, damit das Mägdlein an der Versicherung, die ich ihr, um Zeit zu gewinnen, gegeben hatte, nicht ohne Noth irre würde. Aber da sie öftermalen in mich drang, aus dem, wie sie meinte, großen Vorrath meiner Kunst doch endlich ihr etliche Probestücklein herfürzulangen, so durft' ich nicht gänzlich ungefüge sein, noch ihr Mißtrauen erwecken.

»Laßt mich doch nun einmal die Worte eines Liedes hören«, bat sie einst, als ich Griffel und Pinsel zusammenlegte, womit ich die Siegfrieds-Aventiure nach Kräften geziert hatte, »das Ihr auf Euren Fahrten sonderlich gerne gesungen habt oder das von den Leuten Euch zumeist Beifall eingetragen.«

Da erwiedert' ich: »Jungfräulein, laßt mich darüber sinnen und morgen will ich Eurem Wunsch genügen, wie ich kann.«

Tags darauf bracht' ich ihr, zierlich auf ein Blättlein geschrieben, ein Lied, das ich erdacht hatte.

So giengen die Worte:

»Ein Vöglein sang so wohl hienacht Und lockt' und rief; Ich hatt' des Sanges wenig Acht Und schlief und schlief.

Doch mir im Traume bracht' er nah Ein süßes Bild; Ach, all mein Sehnen wurde da Gestillt, gestillt. Doch es zerfloß im Morgenlicht; In Fern und Näh' Irr' ich nun um und ruhe nicht Und späh' und späh'. -- Mach wieder, süßes Vögelein, Den Träumer froh: Wo wohnest Du, in welchem Hain, Ach wo, ach wo? Vom Suchen bin ich worden krank -- Sag' an, sag' an: Wann hör' ich wieder Deinem Sang, Ach wann? ach wann?«

»Wohl«, sagte sie zufrieden, als sie zu Ende gelesen hatte. »Die Worte gefallen mir, und wenn auch die Weise eben klingt, so will ich das Lied von Euch lernen. -- Ich denke«, fuhr sie fort, »Ihr müsset nun bald vermögen, zu jeglichem Ton, den Ihr singet, die Laute erklingen zu lassen. Wollt Ihr's nicht jetzt versuchen?«

Als wollte sie mir Frist geben, mich besser zu besinnen, beugte sie sich wieder zu dem Werke, das sie unter den Händen hatte. Es war ein köstlich Gewand, wie wohl die Leute im Gefolg eines edlen Herrn tragen. Wie mir nun alles Besinnen nicht geholfen hätte, dem Mägdlein vorzusingen, was ich selber noch nicht vermochte, ich aber in Noth war, was ich auf ihre Bitte erwiedern sollte, ohne ihre Unzufriedenheit zu erregen, so fiel mein Blick auf das kunstreiche Thun ihrer feinen Hände. Um denn vielleicht ihre Gedanken abzulenken, fragt' ich sie nach dem Werk, das sie da schuf, für wen und wozu es wohl bestimmt wäre. Da sah sie mich fest an und sagte: »Ja, Meister Diether! solltet von uns Beiden nur Ihr ein Geheimniß haben?«

Ob dieser Rede erschrak ich nicht wenig, faßte mich aber und fragte mit verwunderter Miene zurück: »Jungfräulein, welches?«

»Wie, Lehrmeister!« hub sie da wieder an, »Ihr wähnet doch nicht, daß ich meine, Ihr habt mir damals Eures Nichtsingens wahren Grund gesagt? Gewiß, einen solchen Brauch des Singerstandes gibt es nicht und wenn ja, warum solltet Ihr hier auf Elzeburg daran gebunden sein! Nein, mit dem Singen, das Ihr mich nicht wollt hören lassen, hat es eine besondere Bewandniß.«

»Nun ja!« erwiedert' ich noch immer nicht ohne Unruhe des Gemüthes, »weil es doch vergeblich ist, Euch etwas vorzuwenden: daß ich mit Singen Euch nicht zu Willen gewesen bin bisher, die eigentliche Ursach' davon hab' ich Euch verschwiegen. Doch zürnet mir darum nicht, denn es ist nicht aus Leichtfertigkeit geschehen oder Eigensinn.«

Da lachte sie in ihrer Weise, sah mich ganz fröhlich an und sagte begütigend: »Seid deß sorgenohne, Meister! Bin ich gleich Evens Tochter, so gelüstet's nach Eurem Geheimniß mich nicht so sehr, wie Ihr zu denken scheint, noch plagt mich irgend ein böser Argwohn. Aber nun sagt mir zur Stunde: wann werd' ich Euch das Lied zur Laute singen hören, das Ihr mir aufgeschrieben? Oder bindet Euch etwan ein Gelübde, daß Ihr der Übung Eurer Kunst auf Elzeburg völlig widersagt habt? -- Wenn's nicht der Fall ist, Meister Diether«, setzte sie hinzu und schickte sich wieder zu ihrer Arbeit, »so laßt mich auf Euer Singen nicht länger harren, als bis Ihr das Geheimniß hiervon -- sie wies auf ihr Werk hin -- erfahren habt. Noch bleibt's Euch eines und«, schloß sie scherzend, »geduldet Euch, so gut Ihr könnt.«

Es war, denk' ich, nur wenige Tage nach diesem Gespräch, als wir an der gewohnten Stelle uns wieder gegeneinander über saßen. Durchsichtig im Strahl der hellen Junisonne leuchtete das grüne Laub, das uns überhieng, und wo es den Himmel durchließ, schimmerte er in tiefem glänzendem Blau; um uns her blühten die ersten Rosen und mischten ihren Duft mit dem des Flieders. Weithin lag die Welt vor uns in ruhiger Pracht und nur zuweilen schwebte der leise Schatten einer Wolke über Thal und Gebirg, die selbst glänzend das Licht der Junisonne zugleich wiederstrahlte und milderte, wie die Cherubinen die Herrlichkeit der göttlichen Majestät abglänzen zugleich und verhüllen, deren Thron sie umgeben.

Ja, es war über alle Gottescreatur jene friedliche und selige Ruhe ausgebreitet, wie sie wohl ein schwacher Wiederschein sein mag des Schöpfungssabbaths am Anfang, den Gott der HErr heiligte und segnete, da Er selber ruhte und die Morgensterne Ihn lobten und Ihm zujauchzten alle Kinder Gottes. Nur das Gesumme der nimmer ruhenden Immen und im Sonnenschein spielender Thierlein mit buntem Flügelkleid traf unser Ohr und zuweilen vom Thal herauf der Ruf der Ammer, der immer so wohl in die Sommerstille hineintönt.

Wir saßen schweigend, Jeder über seinem Werk. Doch konnt' ich's nicht lassen, unterweilen mit Bewunderung zu ihr hinüberzublicken, wie sie gesenkten Hauptes mit kunstreichen Fingern gar emsiglich den zarten Faden zog.

Da erscholl ganz nah aus dem Gebüsch der laute Gesang der Nachtigall. So lieblich-plötzlich ward die vorige Stille unterbrochen, daß wir Beide unwillkürlich aufsahen und lauschten. Wie mit frohem Jubel klangen zuerst hell die Töne, danach wandelten sie sich wie in ein dumpfes Schluchzen und verhallten endlich langsam und leise.

Schweigend sah Irmela vor sich hin, dann sagte sie nachdenklich: »Wer doch der Vogelsprache kundig wäre, wie Salomo!«

»Vielleicht«, versetzte ich, »machten uns ihre Geheimnisse selten froh.«

»Aber die der Nachtigall zu verstehen«, meinte das Mägdlein, »dünkt mich doch ein selig Ding sein. Sie ist doch alles Gesanges Meisterin. -- Habt Ihr auch davon gehört, Meister Diether, daß sie mit der Gewalt ihrer Töne ihre Brut hervorlocke aus dem Ei in Licht und Leben, und also dies Vöglein selber sein Dasein der Macht des süßen Gesanges verdanke?«

»Wohl hab' ich davon gehört«, sagt' ich. »Die Creatur Gottes ist überall voll tiefer Wunder.«

Ein Windhauch rauschte durch die Büsche und schüttete die Fülle weißer Fliederblüthen just über das liebe Mägdlein, so daß sie vom Haupt bis hernieder zu den Füßen mit den schimmernden Sternlein bestreut ward.

»Seht«, rief ich da, wie sie mit Lächeln sich betrachtete, »hat sich das nicht wunderbar gefügt, und sollen wir nicht wähnen: Frau Nachtigall habe Euch grüßen wollen und habe die duftenden Blüthen ermahnt, ein Gleiches zu thun? Euch huldigt heute der Frühling auf's Beste!«

»Nun wahrlich«, sagte sie darauf heiter, »wer ließe solchen Schnee im Lenz sich nicht gefallen? Er ist eine Erinnerung an den rauhen Winter, die nimmer Wehe thut. Zu Rom, so ward mir erzählt, haben sie eine Kirche, die trägt von »der h. Maria zum Schnee« ihren Namen. Vielleicht, Meister, mag es Euch thöricht dünken: aber ich stelle mir da die hehre Gottesmutter auch so im Blüthenschnee für, und es scheint mir ein gar lieblich Bild.«

Wie ward ich ungedacht durch solche Rede gemahnt an meine Sache! Ein gepriesenes Bild Unsrer lieben Frau heimzubringen in's Kloster war ich ausgezogen und auf wie andere Bahn war ich nun gerathen! Drob erschrak ich; und doch, vermochte irgend ein Meister mir ein Bild gegenüber zu stellen, für Sinn und Seele zu so hoher Freude der Betrachtung als diese liebliche Gestalt des Mägdleins vor mir? War ich denn ausgesandt nach einem hochpreislichen Gegenstand edler Kunst -- konnt' ich in der Welt ein edler Ziel finden, als ich hier angetroffen hatte? So ergriff mich denn der Wunsch, des Mägdleins Bild, wie ich es vor mir erschaute, nach Vermögen fest zu halten, wär' es auch nur zu eignem Erinnern. Denn ach! Damals fiel es mir schwerer als sonst auf das Herz, daß es von Elzeburg geschieden sein mußte, und ich schon zu lange hinausgeschoben hatte, was doch unabwendig war.

Gern war es das Mägdlein bereit, daß ich mich sogleich anschickte, wie Ort und Zeit es zuließ, ihr Bildniß zu entwerfen. Während ich mit Stift und Pinsel geschäftig war, Alles, wie ich es sah, das Mägdlein, die Pracht des Gartens um sie her und den hellen Himmel über ihr in allen Treuen auf mein Papier zu bringen, pflog sie nach ihrer Art munterer Rede. Aber mir wuchs unter meinem Thun die Herzensschwere. Immer lauter tönte in meiner Seele der Ruf: »Diether, was weilest du noch hier, besinne dich, wer du bist, und mach dich hinweg!« -- immer drückender legte sich die Frage auf mein Gemüth: wie ich hinwegzuziehen vermögen würde, ohne auf Elzeburg die Leute, sonderlich Irmela, an mir irre zu machen. Ich fand da keinen Ausweg und nur das Gefühl blieb zurück, daß das Bildniß, an dem ich da schaffte, den Abschied bedeutete, den ich nehmen mußte aber nicht zu sagen wagte. So von mancherlei Gedanken bestürmt, förderte ich schweigend mein Werk und hinter meinem eifrigen Thun suchte ich vor dem Jungfräulein meinen sorgenhaften Sinn zu verbergen. Aber sie war wohl in meinen Mienen der ungewohnten Traurigkeit gewahr worden, und so ward auch sie schweigsam. Wie in stilles Wundern versunken, sah sie vor sich nieder, wenn ich meinen Blick auf sie richtete, um ihr Conterfey zu gewinnen. Die Nachmittagssonne war nun mehrere Stunden gen Abend gerückt, als ich es, so weit es nöthig war, vollendet hatte. Ich reichte ihr das Bild.

»So will ich ihm denn auch seine Unterschrift setzen!« sagte sie, nachdem sie es betrachtet hatte. Sie nahm den Griffel, schrieb damit auf das Blatt und gab es mir zurück. Ich las: »Irmela zum Schnee!«

»Ja!« rief ich bewegt, »so walte es der reiche Gott vom Himmel, daß nie kein andrer Schnee in die Lenzzeit Eures Lebens falle als der Euch so mit duftenden Blüthen bestreut, und unselig immer sei die Hand, die Euch auch nur Eine zerdrückt, an der Ihr Freude habt.«

»So wohl mir Eures Wunsches«, sagte sie ruhig. »Ich denk' auch nicht, daß ich Jemand wüßte, von dem mir Harm kommen sollte.«

»Und auch von mir, Jungfräulein«, sprach ich da, »denket das nimmer!«

»Nur wenn Ihr Euren Verspruch nicht haltet von wegen des Liedes, den Ihr mir gabt«, sagte sie lachend. -- »Doch nun, Meister«, fuhr sie fort, »laßt mich auch die Aventiure sehen, die Ihr zuletzt in das Buch niedergeschrieben und mit Eurer Kunst geziert habt.«

Sie trat zu mir herüber und beugte sich über die Blätter. Es war die Aventiure: _Wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_. Da stunden die Worte:

Der Held in seinem Muthe war da hocherfreut. Er trug in seinem Herzen Liebe sonder Leid, Daß er der schönen Ute Tochter sollte sehn: Minniglicher Weise sie grüßte Siegfrieden schön.

Als er die Hochgemuthe vor sich stehen sah, Da erglühte seine Farbe; die Schöne sagte da: »Willkommen, Herr Siegfried, ein edler Ritter gut.« Da ward ihm von dem Gruße wohl erhöhet der Muth.