Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit
Chapter 5
Das Elzewässerlein fließt im Gebirge durch ein freundliches Wiesenthal gen den Neckar. Längs seinem Lauf ziehen sich Berge hin von mäßiger Höhe, fast durchaus mit Buchen und andern Laubhölzern schön geziert. Auf einem dieser Berge, der über seine Brüder in der Nachbarschaft stattlich hervorragte, stund die Burg, dahin ich geführt ward. Sie hatte von dem Flüßlein, das unten vorbeirauschte, den Namen, und hieß Elzeburg. Auf ihr hausete der Reichsgraf und Bannerherr Herr Eberhard, wie auch sein Geschlecht seit undenklichen Zeiten da eingesessen war. Derselbe war immer unbeweibt gewesen, hatte in jüngeren Jahren mit des Kaisers Kriegsvölkern viel zu Felde gelegen in Welschland und stund bei der Kaiserlichen Majestät nicht bloß wegen seines tapferen Muthes, sondern auch wegen seines kundigen Rathes in hohen Ehren. Aber je älter er ward, desto weniger machte es ihm Freude, wenn er zu Hofe reiten mußte, um allda große Welthändel zu Recht bringen zu helfen, obwohl er gehorsamte, so oft er entboten ward; sondern am liebsten weilte er in waldgrüner Einsamkeit auf seiner Väter Burg, ringsum in der Gegend ein hoch angesehener, wohl auch gefürchteter Herr.
Und wahr ist's: auf ein schön Stücklein Erde blickte man von der Elzeburg nieder, sonderlich lustsam dem Auge zur Frühlingszeit, wie ich es sah, wo allerlei bunte Blumen den Wiesengrund zierten und das Elzewässerlein unter hellen Weiden und an dunklen Tannen vorbei in munteren Sprüngen daher brausete. Vom Fenster des Erkerstübleins oben im Thurm über dem Burgthor, wo mir die Wohnung zugewiesen war, konnte das Auge weithin über die Berge in die Ferne schweifen, über den rauschenden Wipfeln der Bäume den Nebelwolken zuschauen, wenn sie wie Geister des Waldes aus dem Dickicht emporstiegen und bald sich zusammenballten, bald auseinander stoben, oder auch mit der Weihe in den klaren Himmel schweben und ohne Schranken sich fühlen in dem grenzenlosen Raume.
Aber auf irgend etwas dergleichen zu achten, trug ich an jenem ersten Abend, da ich im Stüblein oben allein war, wenig Verlangen. Schweigend hatten sie mich dahinauf gebracht und die Thür zugeschlossen. Herrn Eberhards war ich nicht mehr ansichtig geworden. Zur Nachtkost stand ein Imbiß auf dem Tisch, aber ich mocht' ihn nicht anrühren. Und so saß ich verdrossenen Gemüths vor dem Feuer, das im Kamin des weit in die Stube vorgebauten Schornsteins mir zur Erwärmung angezündet war.
Nach einer Weile verdroß mich doch diese meine Verdrießlichkeit selbst.
»Diether«, so schalt ich mich, »bist Du nicht bei Deinen Jahren und bei aller Kunst und Gabe, die Du hast, ein recht blödes, hilfeloses Kind? Nun Dir der Abt nicht befiehlt, auch Brun Dir nicht rathen kann, so willst Du gleich am Ende sein mit Witz und Wissen? Verzehrest Dich und grämest Dir die Stunden hinweg mit Zürnen und Murren, weil Du von Gäuchen Dich hast überlisten lassen und hernach mit Dreinschlagen Dir auch nicht hast helfen können! Frisch an's Werk und brauch' Deinen Kopf, wie Du mit Gott Dir am klüglichsten heraushelfest aus dieser Noth, darein Deine Unbedachtsamkeit Dich gebracht hat!«
Damit schickte ich mich an, darüber zu sinnen, wie ich morgen dem Grafen am besten begegnen möchte, wenn ich zur Verhörung vor ihm stünde. Denn daß ich solches zu gewarten hätte, war mir gewiß. Recht als ob es gälte, eine _chria_ für Magister Berthold zu Stand zu bringen mit _Protasis_, _Aetiologia_, _Amplificatio_ und _Conclusio_, legt' ich mir eine wohlgefügte Rede zurecht, mit beweglichen Worten trefflich geziert und mit manchem guten Sprüchlein durchflochten. Und als ich Alles und Jedes gehörig überdacht hatte, war ich damit so gar zufrieden, daß ich mich wunderte über meine Thorheit, daß ich je hätte denken können: es würde mir nicht ein Leichtes sein, mich als den Klösterling auszuweisen, der ich war, und den Fahrenden von mir zu thun, deß Kleid ich trug.
Sonderlich wohl gefiel mir die Anrede, mit der ich anzuheben gedachte: »Weislich sonder Zweifel, gnädiger Herr!« so wollt' ich vor ihn treten, »weislich haben die wohlerfahrenen Alten den Spruch gethan, daß keine Sache so übel gerathe, sie habe denn auch etwas Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Das ist auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches Beistandes und welcherlei Rechtfertigung sollt' ich Gekränkter mich nicht von Eurer Lindigkeit, Weisheit und Gerechtigkeit versehen und wie sollt' ich unter ihre Fittiche aus aller Fährniß und Verlästerung nicht gerne geflüchtet sein?«
Dieser Vorspruch däuchte mich trefflich gestellt und ich wiederholte ihn öftermalen, auf daß ich ja keines Wortes verfehlen möchte.
Nach solcher Hirnarbeit war mir ganz sänftiglich zu Muth und schon gedacht' ich mich zum Schlaf auf's Pfühl zu strecken, als es mir schwer auf die Seele fiel, daß ich der Gebetszeiten dieses Tages keine gehalten und nicht einmal aus den Brevierblättern, die sie im Kloster mir mitgegeben, den Heiligen erfragt hatte, dem der Tag zugehörte. »So konnt' ich auch seiner Fürbitte nicht gewarten«, dacht' ich und griff hurtig nach dem Brustlatz, das Brevier herfürzulangen. Aber das war ja mit dem Rock dahin und sammt des Abtes Briefen den Fahrenden zur Beute geworden! Doch sieh'! auch die Tasche von Klingsohrs Wamse war nicht leer. Ich zog etliche arg vergilbte Blätter daraus hervor von gutem alten Pergamen. Sie waren zierlich beschrieben, wie man in der Klostermuße der Schreibkunst pflegt; aber da war nichts darin, womit ein Christenmensch seiner Seele zum Heil um die Matutin oder Vesper dem waltenden Gott und Seinen Heiligen diesen mag, sondern Geschichten stunden darin, deren gleichen ich zuvor nie gehört hatte noch gedacht, daß sie jemals geschrieben wären. War's Anfangs nichts als Neugierde, die mich zu lesen trieb, so zwang mich bald die Gewalt der Dinge, die da berichtet waren, und die Kraft der Worte, die so mit Macht das Ohr trafen, daß ich nicht ablassen konnte, weiter zu lesen. Es war da zuerst eine Aventiure, »_wie Kriemhilde troumte!_« auf die eine andere folgte: »_von Sifride wie der erzogen wart_« und endlich stund noch zu lesen: »_wie Sifrid Kriemhilde alrêrste ersach_«. Aber wie die letzte Aventiure sich begab, davon erfuhr ich nichts, wenngleich ich über dem Lesen leichtlich die ganze Nacht versessen hätte, denn das Feuer im Kamin verlosch allgemach und der Vorrath, es zu nähren, war zu Ende.
Lange sah ich wie träumend in die verglimmende Gluth. Mir war's, als erblickt' ich den schnellen Sigfried und die anderen Recken und sähe sie auf- und niederschweben in dem emporsteigenden röthlichen Rauch. Ich sah Alles, was ich gelesen hatte, leibhaftig und wußte doch, daß kein Anderer neben mir etwas davon erblicken würde -- nur von Kriemhilden konnt' ich nichts ersehen, wenngleich es mir war, als ob ich sie wohl erkennen würde, wenn sie neben den Andern erschiene.
Als die letzte Kohle erblindete, verschwanden auch die Gesichte und ich besann mich wieder auf mich selbst.
»Hilf Himmel!« rief ich da, »thörichter Diether, Dich plagen wohl gar Klingsohrs magische Künste noch! Was gehen Dich die Ritter und Aventiuren an, der Du geistlich bist und allhier ein gefangener Vogel in fremden Federn. Wie Du Dich wieder hinaufschwingst aus Deinem Netz und in das Nest zurückfleuchst, das St. Bernhard Dir gebaut hat, das laß Deine Sorge sein!«
Und so gieng ich zur Ruhe.
Also gethan ist des Menschen unbeständig Gemüth, daß auch des liebsten Gutes Genieß uns endlich verleidet würde, wenn wir nicht unterweilen sein entbehren müßten, und wenn er immer währte, würde selber der wonnigliche Mai uns verdrießen; so lacht uns auch die liebe Sonne freudenheller nicht an vom blauen Himmelsdach, als wenn sie sich mit ihm eine Weile hinter dichtem Regengewölk gleich wie hinter einer grauen Wand verborgen hat. Das fühlt' ich anderen Tages nicht bloß an mir selber, sondern ich merkt's auch den Andern auf Elzeburg an, so viel ich ihrer sah. Wie wohl war mir zu Muthe, als ich früh morgens Thal und Höhe im lichten Sonnenschein durch's Fenster glänzen sah! Weißer, zarter Nebel dampfte aus Wiese und Wald, aber der warme Strahl zerstreute ihn bald und kein Wölkchen stund am Himmel. So tief blau und spiegelklar wölbte der sich über die Erde hin, als hätte er sie voll Liebe näher zu sich emporgezogen, damit sie seiner Klarheit besser genießen möchte; und recht voll Wonne lag sie an seiner warmen Brust und all' die unzähligen Tröpflein an Halmen und Zweigen, die in der Sonne erfunkelten, erschienen mir wie Freudenthränen der irdischen Creatur, die da fühlte, die selige Zeit des vollen Frühlingssegens sei nun gekommen.
Daß solcherlei Gedanken auch durch Herrn Eberhards Seele giengen an jenem Morgen, das, däuchte mich, war ihm anzusehen, als ich in der Frühstunde unten im Saale auf sein Erfordern vor ihn geführt ward. Er saß am Fenster beim Frühstück im hohen Gestühl, gemächlich zurückgelehnt. Über die Berge und durch das kaum belaubte Gezweig des Nußbaums, der im Burggarten nahe dem Gemäuer stund, schickte die Sonne ihren warmen Strahl in's Gemach und schaute dem Burgherrn voll in's Angesicht. Schon stund ich eine Weile in der Thür, der Anrede harrend, währenddem sein Haupt noch immer mit Wohlbehagen dem Licht des jungen Tages und der weichen Frühlingsluft zugekehrt blieb, die durch das Fenster hereinströmte. Endlich schien er sich zu erinnern, daß er Helmbold geboten hatte, mich vor ihn zu bringen.
»Ei sieh!« rief er, indem er, sich umwendend, mir winkte näher zu kommen, »Meister Tannhäuser! -- Gelt, Diether! heut' läßt's sich drauß' besser an für die fahrende Kunst als im unholden Wetter gestern«, und er wies mit der Hand in die fröhliche Welt hinaus. »Nun freilich, das Schweifen ist Dir für's Erste verlegt. Und doch sei deß nicht gar zu betrübt. -- Auch auf der Elzeburg läßt's sich ganz wohlgemuth hausen«, setzte er behaglich hinzu; »gibt's auch hier nicht alltag Gänsebraten, so darf Dir zwischen Zurüsten und Niedersitzen doch Niemand, auch kein Waibstädter nicht, das Mahl verderben.«
Jetzt, glaubt' ich, wäre der rechte Augenblick gekommen, meinen Spruch anzuheben, und so sagt' ich, recht mit der Betonung, wie in der Rhetorica ich's gelehrt worden:
»Weislich, sonder Zweifel, gnädiger Herr! haben die wohlerfahrenen Alten gesagt, daß kein Ding so übel gerathe, es habe denn auch etwas Gutes bei sich, daran der verständige Mann sich halten könne. Dies ist auch in dieser unfrohen Aventiure mein mächtiger Trost. Denn welches Beistandes und welcher Rechtfertigung sollte ich Gekränkter -- --«
»Laß genug sein, Diether!« unterbrach mich da der Graf. »Spar' Deine Worte; sie sind Dir hier nicht von nöthen. Denn Du brauchst Dich keines Übels auf Elzeburg zu befahren. Vielmehr (und hier sah er mich ernster an) laß es Dich dünken, es sei Dir wohlgerathen, daß ich von Ungefähr gezogen kam und Dich den Waibstädtern entriß. Denn mein' Treu! sie hätten Dir Dein Gefiedel zu Bärbel's Hochzeit übel gelohnt. Thurm und Stock wäre Dein Singerlohn gewesen. Hier bist Du allerdinge gefangen und das mit Recht; aber, so Du Dich fügst, soll Dir Deine Kunst hier wohl zu Danke sein.«
»Ach! gnädiger Herr«, bat ich da, »wollet doch nicht dafür halten, daß, was die Städter wider mich geredet haben, etwas Anderes als vermaledeite Lügen seien, und laßt Euch sagen, daß ich ebensowenig ihnen die Hochzeit gestört habe, als ich gewißlich kein Fahrender noch der Singekunst kundig bin, wovon ich allsogleich Euch überführen werde, so Ihr mich nach Eurer Gütigkeit weiter hören wollt.«
»Bei Gottes Thron!« fuhr Herr Eberhard da heftig auf. »So gedenkst Du noch immer durch Läugnen Dich herauszuwinden? Kein Wort mehr davon! sag' ich. Und das ist die Meinung. Du bekennst Dich frei offen zu Deiner Kunst und willigst ein, auch auf Elzeburg mit ihr zu dienen, oder Du wirst noch heut' nach Waibstadt zurückgeführt und dort acht' ich für gewiß, wird Krummholz und sein Anhang reichlich dafür sorgen, daß Du bald ein Liedlein zu singen anhebst, aber aus einem neuen Tone und einem gar kläglichen.«
Und unmuthig wandte er sein Angesicht wieder von mir ab, dem Fenster zu.
Da merkt' ich wohl, daß ich mich meiner Chria nicht länger trösten könnte und ihre Kraft besser unversucht ließe. Darum fragt' ich ihn bloß ganz kleinmüthig:
»Gnädiger Herr! Was ist es, das Ihr von mir nothhaftem Mann begehrt?«
»Nichts«, erwiedert er gelassener, »als worüber, wenn Du gefügen Sinnes bist, Du eitel Freude haben mußt. Dieselbe Kunst, die Dich in Noth gebracht, soll Dir auch heraushelfen. Gerade dessen begehr' ich, was Du, dummer Mann, zum eigenen Schaden hehlen willst. Deine Mären und Aventiuren, um die sie Dir in Waibstadt gram worden sind, sollen auf Elzeburg Dich und Andere erfreuen.«
»Ach Herr«, betheuerte ich und legte die rechte Hand auf die Brust, »zürnet nicht! Aber ich habe nie von keiner Märe und dergleichen zu singen und zu sagen gewußt.«
»Gut denn!« rief er unwillig und gebot dann seinem Knecht: »Fort, Helmbold, mit ihm nach Waibstadt und zwar noch heut', sobald ich über ihn an den ehrsamen Rath daselbst werde geschrieben haben! Sitz bald auf und bind' ihn an's Pferd, daß er Dir nicht entwischt!«
Da stund mir denn sonder Frage ein jammerhaft Geschick bevor. Aber in dieser höchsten Noth hat, wie ich wähne, meiner heiligen Patrone einer an mich gedacht und von Gott gewirkt, daß da zu eben dieser Frist die Thür aufgieng und ein Mägdlein leichten Schrittes hereintrat, Helmbold und auch mir zunickte und fröhlich Herrn Eberhard entgegeneilte, mit heller, munterer Stimme ihn begrüßend. Wie sie den Arm um seine Schulter legte und sich zu ihm niederbeugte, ihn zu küssen, bemerkte ich wundernd, wie goldig ihr das Haar im Sonnenstrahl um ihr Haupt floß; und ob ich gleich ihr Angesicht nicht sehen konnte, so wußt' ich doch, wie Herr Eberhard zu ihr aufblickte, daß sie die rechte Maiensonne war, die über die Herbst- und Winterszeit seines Lebens den herzerquickenden Schein des Glücks und der Freude breitete.
Daß ich aber glaubte, durch Gottes Fügung wäre das Mägdlein gerade jetzo hereingetreten, um meinetwillen, das geschah darum, weil bei dem klaren Ton ihrer Stimme mir Kriemhildens wieder vor die Seele trat, wie ich gestern sie mir vorgestellt hatte. Und siehe! da ich an das Pergamen mit den drei Aventiuren oben gedachte, schien ich mir auch gefunden zu haben, wie ich die mir jetzt drohende Gefahr von mir wenden könnte. War's nur die Sorge um Krummholtzens Rache oder war's auch zugleich etwas vom Gelust der Jugend am Seltsamen: ich beschloß, ihnen den Willen zu thun und mich für das auszugeben, wofür sie mich haben wollten. In jener Stunde wenigstens däuchte es mich der einzige kluge Rath. Die Wahrheit konnten sie ja jeder Zeit erfahren, wenn sie es möglich machten, sie ihnen beizubringen. Sie wollten sie jetzt nicht hören, und ihre Sache war es, die Täuschung zu verantworten, zu der sie mich zwangen. Hatte nicht auch David, der hohe Gottesheld, sich verstellt vor dem Philisterkönig aus zwingender Noth?
Und so trat ich denn, da inzwischen Helmbold schon sich bereit gemacht hatte, mich hinwegzuführen, zögernd einen Schritt vor, verneigte mich und sprach: »Mit Verlaub, gnädiger Herr, wenn Ihr denn befehlet, so will ich nach Vermögen mit meinen Mären Euch zu Diensten sein; allein schicket mich nur nicht gen Waibstadt, denn vor den Städtern grauset's mir.«
»Das war vernünftig geredt«, sagte begütigt der Graf. »Auch wär's eine ausbündige Thorheit, schier befremdlich an einem aus dem gewitzten Volk der fahrenden Brüderschaft, wenn Du bei Deinem Starrsinn verharret wärest. Doch ich wußte wohl, daß Du Dich noch darauf besinnen würdest, was Dir das Klügste zu thun ist. -- Und hier, Irmela«, sagte er und ergriff des Mägdleins Hand, »siehe, das ist Diether, Dein Singemeister, von dem ich Dir gesagt. Wohlan, heiß ihn willkommen und hab' wohl Acht, daß Du fleißig von ihm lernest, was zu behalten Freude macht.«
»Seid mir Gottwillkommen, Meister Diether, auf Elzeburg!« redete mich da das Mägdlein an und ihr freundlich Grüßen that mir gar wohl. Es war mir, als gewänn' ich davon eine Freudigkeit zu dem Amt, das sie mir aufgezwungen hatten, und sagte getrost:
»Habt Dank, Jungfräulein, und seid gebeten fürlieb zu nehmen mit meiner Kunst; denn sie ist geringen Vermögens.«
Da lachte Herr Eberhard laut: »Ei Diether, so magst Du aus Höflichkeit reden; aber daß Du mit Mären zu wenig vermagst, darum haben die Waibstädter Dich nicht verklagt. Deß also sei sorgenohne und vermeld' uns sogleich, welcher guten Aventiure Du zuerst Dich annehmen willst, daß meine Nichte sie von Dir höre.«
Ich besann mich nicht lange und antwortete: »_Wie Kriemhilde troumte_«, so es Eures Gefallens ist.«
»Ei wohl, Diether!« rief er erfreut. »Das ist eine gute alte Aventiure, und die hernach folgen, sind es auch. Ach, ich hörte sie einst in meinen jungen Jahren oft und gern. Da stunden dergleichen Geschichten bei Rittern und Herren in hohen Ehren und selber des Kaisers Pfalz herbergte die Singer, die ihrer wohl konnten. Jetzt schämt man sich ihrer zu Hof und begehrt feinerer Kunst. Ich aber lobe und liebe mir die alte. Und wenn Du, Irmela, zur Winterszeit Deinem alten Ohm die langen Abende mit Lesen aus alten Büchern kürzest, dann sollst Du unterweilen auch die alten Mären mich hören lassen, wie ich einst sie vernahm, und ich weiß, sie werden mich erfreuen, wie dazumal. Sorg' nur, daß Du Alles wohl aufschreibest, was und wie er Dir's sagt! -- Und Du, Diether, merk' Dir's wohl: je früher Du mit Deinen Aventiuren zu Ende kommst, um so bälder bist Du Deines Dienstes hier entledigt und magst ziehen, wohin Du willst.«
So war ich denn zu des Mägdleins Lehrmeister gar unversehens bestellt und wußte nicht, wie mir das gerathen würde. Denn worin ich hätte unterweisen können, darin durft' ich's nicht, und was ich lehren sollte, das hatte ich selbst nicht gelernt. Doch ich tröstete mich mit meinem Pergamen und dachte, wie so manch' ein Hochgelahrter auch nichts vermöchte der Welt zu Dank, wenn er nicht allezeit seine Weisthümer aus der Bücherei erborgen könnte.
Soll ich nun berichten, wie mir's auf Elzeburg weiter ergieng, so wundre ich mich darüber, wie doch so oft Neid getragen wird von den Alten gegen die Jungen um der fröhlichen Hoffnungen willen für die Zukunft, mit denen diese in trübnißvoller Gegenwart sich leichtlich zu trösten und selber über große Widerwärtigkeit hochgemuth sich hinwegzuschwingen vermöchten; wohingegen das Alter leider gewitzigt worden sei, von den kommenden Tagen so wenig zu erwarten, wie die gegenwärtigen ihm Genüge gebracht haben. Dem gegenüber will mich's immer bedünken, daß dem Alter die Erinnerungen an entwichene Tage zu gleicher Hilfe an der Hand sind, als der Jugend die Hoffnungen auf bessere künftige, ja zu noch größerer. Denn unser Herrgott hat dem menschlichen Herzen eine wundersame Kraft geschaffen, daß ihm jegliche hohe Freude oder tiefe Trübniß, je weiter sie zurückweichen in die Vergangenheit, allgemach hinaufrücken in ein stilles, sanftes Licht, wie es nicht Sonne, nicht Mond und liebe Sterne auf die Erde zu schicken vermögen. Sondern ich achte: es strahlt aus der Tiefe des menschlichen Gemüths, dahinein Gott es versenkt hat aus der unsichtbaren Welt. Darum streift alles Wichtige, an das wir zurückdenken, mit der Zeit immer mehr das irdische Wesen ab und leuchtet endlich über uns in keinem minderen Glanz und Schimmer, als das noch Unerlebte, was die Hoffnung oft mit trügerischem Glanz vor die Seele stellt. So sehen wir ja auch Gold und Purpur und alle Farben, womit die Sonne den Himmel zu zieren vermag, erst dann in ihrer Pracht, wenn sie selbst nicht mehr am Himmel steht, und schauen nach dem süßen Licht am liebsten, wenn der Tag hinunter ist.
Also stehen auch die längst geschwundenen wenigen Tage, die ich auf Elzeburg war, so oft ich ihrer gedenke, in beständiger Gegenwart mir vor der Seele, als genöß' ich ihrer noch: der frischen Morgenluft, die mir um's Haupt wehte und in Lebensfreude die junge Brust dehnte, wenn ich mit Helmbold in's Thal herniederreiten durfte und in den Wald hinein auf bethauten Wegen; des süßen Duftes der Linde, unter der ich oftmals saß im Burggarten zur Mittagszeit, wenn die Bienen darin summten mit freudigem Gebraus, oder des Abends, wenn die Läuber leise rauschten im sanften Mondenschein. Ach, es hat Alles und Jedes seine Spur zurückgelassen in meiner Seele und ist ihr unverloren. --
Meine Unterweisungen, mit denen ich des Burgherrn junger Nichte zu dienen hatte, nahmen noch in den ersten Tagen ihren Anfang. Da mußt' ich hinunter in den Saal kommen und ihr gegenüber niedersitzen an einen großen Tisch, allwo sie meiner schon wartete. Sie hatte ein großes Buch vor sich mit vielen guten Sprüchen und Liedern unterschiedlicher Singer zum Theil beschrieben. Dahinein sollten nun auch durch Irmela meine Mären kommen, wie sie das Mägdlein von mir hören würde. Darum saß sie auch da zum Werk bereit, die Feder in ihrer zierlichen Hand.
Mir war doch, da ich mich vor dem Fräulein sah, nicht muthiger zu Sinn als vor Abt Albrecht im Capitelsaal und ich fühlte, ob ich gleich vermied sie anzuschauen, daß sie mein linkisch Wesen wohl bemerkte. Als ich nun vor mich hinsah auf den Tisch, das Buch und die Feder in ihrer Hand und mich besann, wie ich am besten anfangen möchte, sagte sie, indem sie die Feder tränkte und das Buch zurechtlegte, bescheiden aber im Geringsten nicht scheu oder furchtsam:
»Hebet nun an, Meister Diether, wenn's Euch geliebt, und sprechet recht langsam jegliche Zeile mir vor, damit ich im Schreiben nicht aus Übereilung mißthue, und mir die Buchstaben wohl gerathen. Denn in diesem Buch muß Alles ohne Tadel und löblich sein. Auch mag ich viel lieber beim Schreiben der Unmuße mehr haben, als daß mich darnach beim Lesen die ungleiche und übelgerathene Schrift verdrieße.«
Dies sagte mir das Mägdlein gar sehr nach Wunsch. Denn weil ich, solange sie mich für einen fahrenden Singer hielten, doch nicht gar zu wenig Ehre einlegen wollte mit meiner Kunst, so hielt ich's für ungeziemend, nur aus meinem Pergamen fürzulesen als der Ungeübten Einer. Daher hatt' ich, so viel ich behalten konnte, von der ersten Aventiure gelernet. Nun war mir das freilich ja ein Trost, daß mir Zeit gegönnet ward, mich auf Jegliches wohl zu besinnen und daß mein Vorrath nicht gar zu bald zu Ende gehen sollte; denn wie ich mir helfen möchte, sobald mein geheimes Ölkrüglein droben, aus dem ich schöpfte, leer geworden sein würde: deß wußte ich keinen Rath.
So erwiedert' ich denn: »Gerne, Jungfräulein, wie Ihr gebietet.«
Und danach hub ich an: »Ez troumte Kriemhilden in tugenden der sie pflac« und wie ich's eben oben weiter erlernet hatte. Ich sprach ganz bedächtiglich und, indem ich auf ihr Schreiben Acht hatte, nur immer dann ein weiteres Wort, wenn ich sah, daß sie mit dem vorhergehenden fertig war. Ihre Sorgfalt zu betrachten, mit der sie Jegliches bedachte, und ihren Eifer, mit dem sie die Buchstaben zog, machte mir große Freude, und der Fleiß, mit dem sie Alles recht zierlich herzurichten trachtete, erregte auch mich, aufzumerken auf das Werk. Und so kam es wohl, daß ich zu meiner Aventiure etwas hinzuthat, was die Niederschrift angieng: »Hier setzet ab, dieses Wort rückt näher heran, denn die Zeile wird lang« und Anderes mehr. Wie sie erfand, daß mein Rath allerorten das Richtige traf, hielt sie inne im Schreiben und fragte mich: »Ihr scheinet wohl erfahren in der Schreibekunst?«
Ich antwortete: »Guter Lehre darin habe ich genug gehabt!«
Da sah sie mich verwundert an und sagte: »Das hätt' ich nicht gedacht, daß Ihr Muße gefunden zu solch sitzender Kunst.«