Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit
Chapter 17
In Speyer, als ich dargekommen war, war es mir mit meinen Sachen wohl gerathen. Ich hatte die Bestätigung meiner Freiheit und meines ritterlichen Standes erlangt. Das Lehn, in Schwaben gelegen, so mir zugestanden war, ward mir überantwortet, und was weidliche Leute und Geschlechter in der Stadt waren, von denen ward ich aufgenommen und ehrlich angesehen; sie litten mich allenthalben gern und wähnten nicht anders, denn daß ich bald zu hohen Ehren kommen würde. Doch that ich dazumal Alles mit halbem Herzen; denn die Gewißheit, daß Irmela Ritter Conrad freien würde, wie mir die Fahrenden das berichtet, hatt' ich bald nach meiner Ankunft in Speyer erlangt. Davon erstarb mir die Freudigkeit, und von dem großen Leide, das ich da gewann, konnt' ich mein Gemüth nicht hinwegziehn. Doch schöpft' ich noch ein kleines Tröstelein. Denn wie? Ich mußt' es ja glauben, was sie Alle sagten, und glaubt' es doch wieder nicht. Von ihr selbst, dacht' ich, will ich's erfahren. Hinaufzuziehen gen Elzeburg, deß unterwand ich mich nicht, denn ich besorgte, ich möchte nicht vor sie gelassen werden und dem Gernsteiner dann begegnen, der dort weilte, wie ich hörte. So schrieb ich einen Brief an die Maid, darin ich ihr meine Erledigung aus dem Kloster vermeldete und ihr theuer schwur, meine Treue würd' ich ihr ewiglich halten und wie mein Gemüth unbeweglich auf demselben Sinn stünde. Darnach ließ ich sie wissen, wie große Sorge und Zweifel ich gewonnen hätte, da mir die Sage von ihr zu Ohren gekommen wäre, daß sie dem Gernsteiner mit Nächstem sollte angetraut werden, und ich bat sie beweglich mit dringenden Worten, daß sie mir doch ihres Herzens Willen und Meinung kund thäte, und ob sie, wie ich wohl glaubte, zu solchem Ehestande gezwungen würde. Dann wollt' ich alle Macht daran setzen, so oder so ihr zu helfen und mir. Nur das +eine+ selige Wörtlein möchte sie mir schreiben, daß ihr Sinn und Wille unverändert wäre, gleich wie sie in meinem Herzen beschlossen bliebe ewiglich.
Solchen Brief gab ich Klingsohr, daß er ihn sicher und geheim überbrächte, auch die Antwort, welche er erlangen würde, heimlich hielte. Denn die beiden Fahrenden waren mir gen Speyer gefolgt.
Mit Ungeduld wartet' ich des Bescheides. Es währte nicht gar lange, daß ich ihn durch Klingsohr erhielt. Es waren nur wenige Worte, die sie mir überschickte, aber solche, die wie der Frost im Märzen jedes noch keimende Blümlein meiner Hoffnung und Zuversicht ertödteten. Sie bat mich um Gottes Willen, ihr nie wieder mit keinerlei Botschaft oder Brief zu nahe zu kommen, noch etwa selbst sie heimzusuchen; sie wünschte mir von Gott und seinem himmlischen Heer alle Genüge und Freude allerwegen; aber wir müßten geschieden bleiben forthin, und sie bäte mich, ihrer zu vergessen; denn das sollt' ich wissen: sie reiche aus keinerlei Zwang dem Gernsteiner die Hand als ihrem Ehegemahl, sondern willig und aus freiem Erbieten. Der reiche Christ möge meiner Seele pflegen hier und dort. Dies wäre ihr letzter Gruß.
Von Stund' an hatt' ich keine Ruhe mehr in Speyer, und alle Lust an Freud' und Festlichkeit, ihrer mit zu genießen, war mir verdorben. Wo ich immer weilte, giengen die schweren Nachgedanken mit mir an die hohe Wonne, die sich in Weh verwandelt hatte, und oft, wenn ich mitten unter Menschen war, die mich fröhlich sein hießen, ward ich etwas inne von dem, was Herr Albrecht mir gesagt hatte, daß man sich auch in der Welt und ihrem Geräusch einsam fühlen könne. --
Da reichte eine Traurigkeit der andern die Hand; denn der Schmerz um Bruno, meinen Vater, überkam mich mit neuer Gewalt. Ich schalt mich unkindlichen Sinnes, daß ich mich unbeständiger Frauenliebe hätte trösten wollen und ihr noch Raum gelassen in meinem Herzen, da ich allein seiner hätte gedenken sollen, wie ich ihn wiederfände und aus seinem Kummer um mich befreite. So bist du jetzt betrogen, sagt' ich mir, dieweil du eitlem Glück nachgelaufen bist und hast die ächte Treue nicht genugsam geschätzet. Und wiederum dacht' ich: wenn du ihn gefunden haben wirst und bekennest ihm das Glück, so du verloren, und das Leid, so du gewonnen hast: dann wird's dir leichter zu tragen sein; du wirst wiederum einen guten Muth und Freudigkeit gewinnen, wenn seine Liebe und sein Lob dich anspornt.
So faßt' ich denn nichts Anderes zu Sinne, als Herrn Bruno zu erkunden, wo er weilte, auf daß ich ihn heimsuchte und er meine Losgebung aus dem klösterlichen Stande erführe. Ich nahm Urlaub von Speyer und zog zuvörderst gen Schwaben, daselbst das mir zugetheilte Erbgut einzunehmen; ich verblieb da nur kleine Zeit, richtete die nöthigen Sachen aus nach erfahrener Leute Rath, wie es während meinem Abwesen gehalten werden sollte, und setzte auch Klingsohr und seinen Gesellen in ein Leibgedinge, so lange sie lebten, wofern sie des seßhaften Lebens anstatt des schweifenden sich annehmen wollten, worein, wie es schien, der Tannhäuser mit Freuden willigte, aber der Magus nicht so völlig.
Als ich solchermaßen meine Sachen beschickt hatte, richtete ich mein Angesicht stracks gen Mittag, nach Welschland zu ziehen. Da führte mich mein Weg über Gebirg und Thal, auf felsigten Pfaden an steilen Klippen vorbei und durch dunkle Wälder, grüne Auen und fruchtbares Gelände; ich kam in manche volkreiche Stadt und sah der Menschen Weise aller Orten, nach ihrer Müh' und Plage, Tugend und Kunst.
Ich nahm der Armuth in den Hütten wahr, wie sie um die Nothdurft des Lebens das ganze Leben hindurch ringet und die Geduld dazu nur von der Gewohnheit lernet und von der Hoffnung, daß sie mit dem Tode erledigt wird. Ich klopfte auch an das Thor mancher Burg, manches stolzen Hauses und manches gastlichen Klosters. Weltliche Herren, kühn von Thaten und klug von Rath, Geistliche frommen Wandels lernt' ich kennen, wie auch ihr Widerspiel. Auch sah ich in deutschen wie in welschen Landen der wohlgezogenen Maide genug, die schöne Huldgestalt zierte und edle Sitten. Da geschah es mancher Orten, daß man mich nicht allsofort fürder ziehen ließ, sondern mich zu weilen drängte, frohen ritterlichen Festen beizuwohnen. Was nur den Augen lustsam zu schauen war und den Ohren zu hören, wonach das Herz gelüstete; das war mir da zum Genieß bereit. Aber wenn ich alsdann auch, daß ich nicht unhöfisch erschiene und blöden Sinnes, mein Vermögen bewies in derlei Spielen, wie es der edelbürtigen Jugend geziemt, so war doch mein Gemüth nicht dabei, und man sah mich selten froh.
Sonderlich in Florenz, der Toskaner Stadt, ward ich wohl aufgenommen und nach Ehren als ein Gast gehalten, der dahin in ein edles Haus gewiesen war. Ich verblieb in dieser hochberühmten Stadt zur Lenzzeit zwo Wochen lang, vielleicht auch drei. Dort pflegen sie mächtig des edlen Gesanges, und was die besten Meister solcher Kunst und zierlicher Rede sind in Welschland, die sind allda zu Hause; ja, so hoch angesehen ist die Kunst bei männiglich, daß auch Fürsten und Herren zur Kurzweil nicht zusammenkommen, es sei denn, daß sie mit Liedern und Gedichten mancher Hand sich erfreuen. So wollten sie wohl auch von mir ein deutsches Lied oder Spruch. Ließ ich sie dann derlei hören, so konnten sie sich nicht genug verwundern, zuvor die Frauen und Maide, warum ich Junger nicht fröhlichere Weisen brächte, und fragten, aus was Ursach das geschähe. Ich wollte nicht ungefüge sein, sie unbeschieden zu lassen und sang:
Ihr fraget mich, Warum mein Lied In Maienluft nicht heitrer klinget, Da uns der Lenz der Wonne viel beschied Und Rose sich um Rebe schlinget.
So frag' auch ich: Mein Herz, o gib, Warum Du traurig so, die Kunde: So manche Gunst Dir ja zur Hage blieb, Willkomm'ne Gab' beut jede Stunde.
»Wenn +eine+ Wolke nur Der Sonne Licht verdunkelt, Glänzt auf der weiten Flur Kein Halm, der noch im Thau erfunkelt. Schwebt auch in Freuden sehr Ein Herz: ist ihm Frau Minne Ungnädig: immer mehr Wird dann ihm sorgenhaft zu Sinne!«
Darnach ließen sie ab, mich ferner zu fragen. --
* * * * *
Sobald es angieng, schickte ich mich zum Urlaub von Florenz und trachtete eilend gen Rom. Als ich angelangt war in dieser ersten Stadt der Christenheit, die der Apostelfürsten Gebeine hegt und vieler Heiligen, die da gemartelt wurden, konnt' ich doch mein Herz nicht darbringen, so großen Heilthümern nachzugehn, noch sonst die Herrlichkeiten zu beschauen, die dort zu finden sind, sondern mein einziges Verlangen stund nach meinem Vater. Je länger, je heftiger hatte mein Sehnen nach ihm zugenommen. Von den Augustinerbrüdern, zu denen ich mich begab, erfuhr ich, daß er schon vor Winter, da er seine Sache, die er beim heiligen Stuhl betrieb, zu erlangen verzweifelte, hinweggezogen wäre aus der Stadt, trüben Muthes, und Keinem sich vertrauet hätte, nach welchem Ziel ihm sein Sinn stünde. Doch wäre unlange Einer aus des heiligen Franzen Orden, dem Mutterkloster der Barfüßer zugehörig, bei ihnen zur Herberge gelegen, der hätte ihnen von einem Deutschen gesagt; das möchte wohl Herr Brun sein.
Alsbald hatt' ich keine Ruh mehr in Rom, ließ die Stadt und wandte mich gen Assisi. Diese Stadt ist zur Seiten des Gebirges gelegen, selber in stolzer Höhe, reich an Kirchen, Kapellen, Stiftern und Klöstern, mit freiem Ausblick in's Land hinaus, das da mit Thälern und Höhen, Feldern und Wäldern und mancherlei Flüssen und Bächen prangt als ein Garten Gottes. Auch liegt daselbst in seiner Kirche in der Krypta der seraphische Vater begraben. Im Kloster fragte ich nach Herrn Bruno, ob sie mir Bescheid geben könnten über ihn. Sie sagten, ein Fremder, nach meiner Beschreibung der, den ich suchte, wäre im verwichenen Winter bei ihnen eingekehrt, nach wenigen Tagen aber höher hinauf in die Einsamkeit der Berge gepilgert. Ob er allda noch weilte, das könnte ich am füglichsten von einem Eremiten erfragen, der droben seit vielen Jahren wohnte und der Gegend am Besten kundig wäre, wie auch der deutschen Rede. Zu demselben Einsiedel riethen sie mir zu gehen, auch wollten sie mich durch einen ihrer Laienbrüder dahin geleiten lassen.
Ich that also, verzog nicht und schritt an der Seite des Bruders, den sie mir mitgegeben hatten, hindann.
Doch zuvor war ich in des heiligen Franzen Kirche gegangen, sein Grab zu besuchen und Gott zu bitten, mir auf meiner Fahrt auch ferner beizustehen, daß sie ihr Ziel fände. Da sah ich auch die Krypta und oben die Kirche mit Bildern von hochberühmter Meister Händen herrlich geschmückt. Von ihrer Beschauung gerieth mein Gemüth in große Verwunderung: ich hatte nie zuvor gewähnet, daß Sichtbares mit also starker Gewalt himmlische Dinge bezeugen könnte, und ich gedachte: Glückseliger Mann, der Solches sinnet und bildet! Wie muß er mit seinem Herzen alles Geschaffene umschließen, also daß keine Gottescreatur ihm fremde bleibt; und hinwieder, wie sehnet er sich zugleich aus allem Sinnentrug hinaus und ist in Gottes selige Geheimnisse versenkt! Ja, zwischen seine Seele und ihren Schöpfer darf das Geschöpf nicht scheidend in die Mitte treten, sondern die irdischen Wesen sind gleich den Sprossen der Jacobsleiter, auf welchen die Engel des Herrn herniedersteigen und hinauf; und oben siehet er die Pforte des Himmels geöffnet, auch wenn er hienieden kein besser Lager hat, als das harte eines Steines. --
Der Eremit, zu dem wir uns begaben, hausete in einer Höhle, wie sich dergleichen dorten im Gebirge häufig finden. Es war ein greiser Mann, ernsten und milden Angesichts: einer von den Wenigen, welche die Gebrechen und Leiden, so unser Theil sind, nicht aus eigner Verirrung, sondern aus tiefer Betrachtung und aus lebendigem Mitleid mit fremden Schmerzen kennen und darum sie zu verstehen und zu heilen gleich geschickt sind.
Er grüßte mich freundlich und fragte nach meinem Begehr.
Darauf gab ich ihm Bescheid, sagte ihm, wer ich wäre, und fragte auch, ob er von meinem Vater wüßte und ob es ihm wohl gienge.
Da war er verwundert, mich zu sehen, blickte mich nachdenklich an und sprach also:
»Ja, Herr, ich weiß von Eurem Vater, und wo er ist durch Gottes Gnade, geht's ihm auch wohl. -- Er kam in diese Einsamkeit in großer Herzensschwere, als einer, der des Lebens satt ist und doch vor schmerzlicher Erinnerung und großen Sorgen in Frieden nicht scheiden kann. Die Erinnerung galt seiner Schuld und die Sorge Euch, seinem Sohne. Euer Geschick, Herr, das er nicht hatte wenden können, sah er als eine Strafe an für seine Sünden und als ihren fortwirkenden Fluch. Er verklagte sich hart, daß er beide Mal übel an Euch gethan und nach fleischlicher Wahl, da er Euch in die Abtei zurückgedrängt und Euch Eure Geburt verschwiegen und sodann, da er Eure Lossprechung begehrt hätte. Das wäre Alles Gott mißfällig gewesen und gern wollt' er zwiefältig dafür büßen; nur daß sein Sohn, des ersten Friedens beraubt, mit weltlichem Trachten und heißen Wünschen im Herzen hinter den Klostermauern sein Leben vertrauern und verzehren müßte: das wär' ihm eine allzu schwere Pein, die ihn nicht ruhen ließe. Darum hätt' er sich zum Schwersten entschlossen, Euch ganz zu entsagen und Eurem Anblick; denn einen großen jähen Schmerz überwände die Jugend leichter, als eine immer wieder verzögerte und getäuschte Hoffnung.
So fand ich Euren Vater. Die Tiefe seiner Traurigkeit, die Aufrichtigkeit seiner Buße und die Größe seiner Liebe zu Euch machten ihn mir werth; ich gewann sein Vertrauen und ward sein Berather. Ich sprach zu ihm von der Liebe Gottes, welche die Seele der Kinder nicht für die Missethat der Eltern fordert; daß es Seinen Zorn nicht erwecke, wenn ein Vater seines Kindes Bestes suche, gescheh' es auch irrender Weise; denn Elternliebe sei göttlichen Ursprungs. Vor Allem erweckt' ich ihm wieder den Muth zu hoffen für Euch, Herr! -- Denn wie das Spinnlein von einem Faden aus, den es befestigt, sein ganzes Gewebe zieht, also mag auch ein zerstoßenes und zerbrochenes Herz an +einer+ wiederbelebten Hoffnung sich zurückfinden in Licht und Leben.
Ich hieß ihn mir von Euch erzählen oft und viel, auf daß seine Gedanken an Euch, die ihn nie verließen, sich mit solchen verbänden, die ich aussprach. Allgemach gewöhnt' ich ihn daran, Euch im Kloster zu denken, ohne daß Ihr Euch plagtet mit heftigen Wünschen hinaus, und nicht in dumpfer, brütender Traurigkeit, sondern, ungestört durch des weltlichen Lebens Sorg' und Lust, die hohe Kunst übend und die edlen Gaben brauchend, so Euch Gott verliehen. Ich bracht' ihn dahin, ein Vertrauen zu fassen, daß seine Gebete für Euer Glück und Heil, die er unablässig Gott darbrachte, erhört würden im Himmel. Und so stieg auch seine Seele über sich, über ihre Schuld und Fehle, Sorgen und eignen Werke in die Gelassenheit, die sich gänzlich in Gott ergibt und nichts Anderes weiß und will, als Sein Wohlgefallen, weil sie glaubt: das ist die Seligkeit. Er ward ruhiger, wenn auch nicht ruhig, er ward fröhlicher, wenn auch nicht froh, getrösteter, wenn auch nicht trostvoll.
Es gibt Leiden, davon genest die Seele, aber der Leib wird mürb. Ja, sein Siechthum dienet ihr dazu, daß sie ihre Augen desto heller aufthut, ihren himmlischen Ursprung zu suchen und das ewige Licht zu erfassen, das aus dem Herzen Gottes leuchtet. So, Herr, ergieng es Eurem Vater. Habt Ihr vom Demant gehört, daß er die Natur der Sonne an sich nimmt, deren Licht er eingesogen, und selber leuchtet wie sie? So man ihn in Finsterniß bringt, beweist er solche Tugend. Für des Menschen Seele ist Leiden und Todesnähe solche Finsterniß. Alsdann erblindet jeglicher Glast, darin sie sonst stolzirte, blendete und selbst geblendet war; aber was sie von göttlicher Natur in sich aufgenommen hat, das tritt herfür: heiligt, tröstet, überwindet. -- Wenn er Euer gedachte, geschah's mit Wehmuth, aber ohne nagende Vorwürfe. Ja, der solche Hoffnung nie gewagt hatte auszusprechen, weil er meinte, Gott fordere das Opfer gänzlicher Entsagung von ihm, hub zuletzt an zu gedenken: es möcht' ihm bescheert sein, Euch wiederzusehn.
»O!« rief er, »wenn mein Sohn wiederum froh würde und zufriedenen Herzens, so wollt' ich den milden Christ bitten, daß ich noch genesen möchte und eine kleine Zeit leben. Dann zöge ich hin zur Lenzzeit, ihn noch einmal zu sehen -- nur einmal, ohne daß er darum wüßte. Ich harrte sein am Wege, wo mich Niemand ersähe, bis er käme, und wenn es Abend würde, müßt' es Mondenlicht sein, daß ich sein Angesicht schauen könnte, ob da keine Spur des frühen Kummers zurückgeblieben; oder ich lauschte unterm heil'gen Dienst im dunklen Gange seiner Stimme -- gewiß, ich hörte sie bald heraus -- oder käme leise heran und sähe ihm unbemerkt zu, wie er seinen hohen Träumen Gestalt und Leben gibt und seine Augen davon leuchten! Oder ach, ich fände ihn schlafend unterm heißen Mittag im Garten, daß ich ihm sanft das Haupt berühren und eine Blume auf's Herz legen könnte, und im Gebüsch verborgen, wenn er erwachte, säh' ich ihn froh erstaunen über die Gabe -- und lächeln!«
Und er lächelte selber, seit wie lange zum ersten Male! und seltsam war dies Lächeln. Es spielte noch immer um seinen Mund, als er unbeweglich lag, geschlossenen Auges, und der Odem ihm leiser gieng. Und dies Bild schien ihm vor der Seele zu bleiben. »Nein, nein!« rief er, »'s ist nicht vom Dolch, den ich zückte -- Joconda, fliehe nicht! -- Es ist eine Rose -- Komm -- er ist glücklich -- unser Sohn!« -- Alsdann breitete er seine Arme aus und ließ sie kraftlos zurücksinken, betete leise: »Gott -- Gott! -- seufzte und entschlief.« Solches sprach der Greis. Als er ausgeredet hatte, nahm er mich an der Hand und führte mich an einen Hügel nahe bei seiner Siedelei.
Als ich da am Grabe meines Vaters stund, hub ich meine Stimme auf und klagte und weinte über die Maßen sehr.
Elftes Capitel.
Einkehr.
Was ich da empfunden hatte, daran dacht' ich zurück, als ich zum ersten Mal wieder die Gefilde um Maulbronn erblickte, die mir von Kindheit her so vertraut waren. Jeden Bergzug, jedes Thal erkannt' ich wieder, obgleich die frühe Dämmerung stark hereinbrach und Nähe und Ferne in ihre Schatten hüllte. Dennoch wie fremd sah mich Alles an!
Wenn ich so umherspähte, hie eine Stelle zu suchen mit meinen Augen, daran sich eine Erinnerung meiner Kindheit knüpfte, und ich fand sie, und dort wiederum eine: so war mir's nicht anders, als erschräk' ich über die Entdeckung und müßt' ich mir erst ein Herz fassen zu meiner Heimath, mich nicht so sehr an sie, als sie an mich zu gewöhnen.
Es war doch kaum mehr als ein Jahr verstrichen, seit ich hinweggezogen war, auf neuer Bahn das Leben zu versuchen: ich war in dieser Frist weit und fern geschweift, aber hier war kein Wald verhauen, kein Feld bereitet indeß, Alles noch wie weiland -- und doch, wie fremd, wie fremd!!
War davon etwan der frische Schnee die Ursach, der heute über das wintermüde Land seine Decke gebreitet hatte, die noch eben jetzt von den niederschwebenden Flocken erhöht ward? Freilich war es heuer das erste Mal, daß ich die Erde in solchem weißen Kleide sah, und immer war mir diese ihre Verwandlung zu Herzen gedrungen: aber diese Höhen und diese Thäler, wie oft hatt' ich sie so gesehen! Was nun im Bilde der Erinnerung mir so gegenwärtig war, warum blickte das so fremd mich an in der Wirklichkeit?!
Schritt ich nicht der Heimath zu, meiner Heimath? -- Süßer Name! -- Nahte ich mich nicht dem Ziele, deß ich seit Monden begehrte? -- Und doch, wo war das freudige Pochen des Herzens, das in der Menschenbrust der Gedanke an Heimkehr weckt und Wiedersehn? Wo das frohe Erjauchzen der Seele, das laut wird, wenn die Wipfel der Bäume auftauchen sollen, unter deren Schatten er die ersten Träume seiner Kindheit träumte, und die Spitzen der Thürme seiner Heimath ihm winken: Willkommen!
Schlich nicht neben der Ungeduld, noch heut unter das Dach der Abtei zu treten, ein seltsames Erbangen eben davor in meine Seele! War es mir nicht lieb, daß mein Weg so einsam war, die Welt ringsum so stille, als wäre sie schlafen gegangen zugleich mit dem Gestirn des Tages, und auch mein Schritt durch den weichen Schnee so geräuschlos, als bliebe mein Kommen dadurch um so gewisser und länger unbemerkt!
Nein, nein! Ich selber war ein Anderer worden, ich selber!
Zwischen dem Diether, der einst hier aufwuchs in Frohsinn und ungestörtem Frieden, der dann erweckt ward zu neuem unbekanntem Genieß und Drang des Lebens, den die Welt hinauszog mit starken Seilen, die sich fest um sein glühend Herze wanden, und zwischen dem, der jetzt durch die stille Dämmerung des Christmondabends schritt: welch' ein Unterschied! Wenn er sich selbst denn so verwandelt hatte, wenn ihm die Welt eine ander Angesicht zeigte: was Wunder, daß auch nun die Heimath ihm verwandelt schien!
Ich strich mit der Hand über meine Stirn -- sie war noch glatt; über die Wangen -- sie waren rund und frisch; durch mein Haar -- es wehte noch lockig und dicht um meine Schläfe. In meinen Gliedern, ich fühlt' es, wohnte noch ungebrochen die Kraft der ersten Jugend.
Aber das Herz und sein Dichten: das war nicht das alte mehr.
»Ach, ihr sanft niederschwebenden Flocken, die ihr so weich jedes zarte Keimlein einbettet, daß seinen linden Schlaf nichts störe; die ihr so geschäftig jetzt jede Spur meiner Schritte zudecket, so ich heute wandle, daß ihrer keine auf diesem Wege zurückbleibt: vermöget Ihr denn nicht auch die Spuren so mancher Stunde aus diesem Herzen zu vertilgen, die ihre Wonnen und ihre Wehen ihm allzutief eingedrückt haben, daß es wieder schlage wie vorhin und wiederum heimisch werde in seiner Heimath?«
Aber wollt' ich das wirklich? Konnt' ich auch nur wünschen, daß Erinnerung, dies ruhelose Kind von Schmerz und Freude, jemals eingewiegt würde durch das Wiegenlied der unermüdlichen Wärterin Zeit? War das die Ruhe, die ich suchte, da ich am Grabe meines Vaters eins mit mir worden war, in die Stille der Stätte heimzukehren, der ich jetzt entgegenschritt?
Und ich gedachte an jene bittre Stunde.
Als ich damals den Verlust so treuer und starker Liebe beweinte, als ich klagte, daß auch diese freudespendende Sonne, die meinem Leben so unerwartet und verheißungsvoll aufgegangen war, in das Dunkel des Grabes sich gesenkt hatte, ach! so bald und eben zu der Zeit, da ich mit so feurigem Sehnen in ihren Strahlen meinen gedrückten Muth zu laben gedachte: da wirkte der gewaltige Schmerz, der mir durch alle Saiten meiner Seele riß, daß jegliche Thatenlust, mich in der großen Welt zu regen, in mir erstarb. Über mich kam das Gefühl grenzenloser Vereinsamung, alle Freude und Wonne der Erde erschien mir als Schein und Traum, all' ihre Lust ein Wahn, all' ihre Hoffnungen Lügen: als das einzig Wirkliche die überall lauernde Larve des Todes, und vom Thun der Menschen das Meiste vergeblich, eitel Alles!
Dennoch war es nicht das dumpfe Verzagen am Leben, noch die furchtsame Flucht vor seinen Übeln und Mühen, auch nicht das Verlangen nach solcher Ruhe, deren der Lebensmüde begehret, wodurch ich in jener Stunde mich zurückgetrieben fühlte in die Heimath. Nein, solche Ruhe sucht' ich nicht.
Zwar jedes Ziel, mit welchem Gunst und Ehre der Welt mir winken konnten, hatte in jener Stunde der Einkehr in mich selbst seinen Schein verloren. Die tiefe Trauer, die Hand des bitteren Todes hatten ihn ausgethan.
Aber siehe! ein ander Ziel war mir in jener Nacht des Grames aufgeleuchtet: hehr, herrlich und heilig! -- Ihm nachzutrachten, daran war alles Weh, das ich geschmeckt hatte, keine Hinderung, sondern Weihe und Antrieb war es dazu. Gab es für mich nicht noch ein ander Thun und Wirken als das, so mir nun verleidet war? Hatte mir Gott nicht die Kunst verliehen, was ich im inwendigen Geist hegte, zu bilden und so mich über die Erde zu erheben und des Lebens Noth und dennoch im Herzen die Freude an Gottes Werken zu bewahren?