Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit
Chapter 16
»Ja, gewißlich«, sprach er weiter, als er solches wahrnahm, »ist davon Deine Seele hochbewegt; und wir nehmen noch sonst ein Verständiger, sogethane Trauer Dir nicht für Übel; denn kindliche Liebe ist göttlicher Schöpfung, und Fleisch und Blut thun nach ihrem Willen. Doch, Diether, ich verhoffe, die ernstlichen Ermahnungen aus theurem väterlichem Munde, auch die Erkenntniß Deines eigenen Herzens und deß, was ihm das Beste ist, dazu Du mit allem Fleiß angehalten worden bist, werden Dir geholfen haben, jene Traurigkeit zu überwinden, die eitle Herzen unter sich bringt, denen der Welt Lust versagt ist, darnach sie vergeblich trachten. Ich verhoffe, Du siehest fürder diese Abtei, in der Du auferzogen bist, nicht als ein Gefängniß an, sondern bedenkest wohl, daß Du allhie nicht allein der Seele Heil am ungefährdetsten erwirken, sondern Gott mit der edlen Kunst, deren Vermögen Er Dir verliehen hat, am würdigsten dienen magst. -- Daß in dem Allen Dein Sinn erprobt werde, dazu ist Dir zur Stunde Gelegenheit geboten.«
Ich horchte auf bei diesen Worten und sah ihm mit großer Erwartung zu, als er eine Schrift, die er zur Seite liegen hatte, in die Hand nahm und entfaltete.
»Wir haben eben heute Briefe empfangen«, sagt' er dabei, »Deine Sache angehend, welche darthun, daß die, so zuvörderst das Urtheil darüber zu fällen haben, anderen Sinnes worden sind, wie es mit Dir zu halten sei, als es sich zuvor anließ. Auf dringendes Ansuchen des Bischofs, dem unsere Abtei untersteht, hat das General-Capitel unseres Ordens neuerdings verwilligt, daß unser Convent Dich losgebe, und Dich des Gelübdes, einst für Dich gethan, entbinde.«
Als ich diese Worte hörte, überkam mich eine Freude, als dränge ein heller Sonnenstrahl plötzlich in mein von Traurigkeit ganz überschattetes Gemüth.
»So soll ich frei sein, ehrwürdiger Vater?« fragt' ich mit Pochen meines Herzens. »Ist es das, was Ihr sagtet -- frei?«
Ihm war aus der Hast, mit der ich Solches redete, die Unruhe meiner Seele wohl offenbar. Mit Verwunderung und auch, als hätt' er weiseren Sinn mir zugetraut, sah er mich an und gab mir weiter Bescheid: »Auch soll von dem liegenden Gute, einstmals Deinem Stamme zugehörig, auf Verwendung der bischöflichen Gnade und mächtiger Freunde so viel durch Lehenshand Dir wiederum zufallen, als zur ziemlichen Erhaltung ritterlichen Standes für nöthig erachtet wird; wie Solches die Schriften hier besagen und urkunden.«
»So bin ich nicht fürder hier zu bleiben gehalten?« fragt' ich wieder; denn mir war's nicht anders, als träumt' ich nur.
»Allein Deine Wahl, Diether!« sprach der Abt, »bestimmen forthin Dein Bleiben oder Gehen. Möge Gott, Jüngling, Dich dazu erleuchten, daß Du Dich recht berathest.«
Da konnt' ich mich nicht länger enthalten, eilte auf ihn zu und, vor ihm auf die Kniee fallend, ergriff ich mit Ungestüm seine Hände, küßte sie und sprach: »Dank, dank, lieber Vater, für die Kunde, die mir von Euch geworden ist! Sie macht mich wieder lebendig. Ein schwerer Muth war über mich gekommen, als sollt' ich solcher Märe nimmer froh werden.«
»So steht Dein Wunsch und Wille noch allerdinge hinweg von uns?« fragt' er mit Strenge und doch auch, als lebte, da ich so beweglich und nahe zu ihm redete, etwas von seiner früheren Gütigkeit gegen mich wieder auf in ihm. »Nur Freude schafft Dir dies, auch nachdem Du die Worte Deines Vaters, Herrn Bruno's, vernommen?«
»Ehrwürdiger Vater!« erwiedert' ich, indem ich's wagte und seine Kniee umfaßte. »Immer spende die göttliche Gnade den Lohn Euch überschwänglich für alle Treue, die Ihr an mir gethan habt, und Gott mit seinem Frieden sei eines Jeglichen Geleitsmann ewiglich, so viel allhier Eurem Hirtenstabe unterstehen: aber mich leidet's in dieser Abgeschiedenheit nicht länger, und mein inniges Trachten ist noch zur Stunde, wie es vorhin war, hinaus.«
»Und doch«, sprach Albrecht wieder, »magst Du leichtlich in der weiten Welt Dich einsamer und verlassener finden, als hier, wo Du so Vielen vertraut bist. Denn bedenk' es wohl: Dein Vater harret Dein nicht, und an welchem Ort er weilet, ist Dir verborgen!«
»Noch ist ein Ruf«, sagt' ich wieder, »dem ich folgen muß. O, zürnet nicht über das, was ich sage: aber begehrete Herr Bruno zur Stunde selber von mir, daß ich bliebe; so lange die Freiheit zu bleiben oder zu gehen in meine Wahl gelegt ist, könnt' ich ihm nicht gehorsamen. Nein, ich könnte und würde nicht!«
Als ich ausgeredet hatte, erhub sich Herr Albrecht mit finstrem Angesicht, hieß mich gehen und selber mit meinem eitlen Dünken mich berathen.
So von ihm hinweggewiesen zu werden, gieng mir schwer ein. Darum bat ich ihn und sprach:
»Nicht so, ehrwürdiger Vater! nicht so heißt mich von Euch geh'n! Gebt mir ein Wort der Verzeihung und des Segens mit!«
»Ich sorge wohl«, sprach er wieder mit großem Ernst, »die Stunde wird kommen, darin Dir Beides hoch noth sein wird. Möge sie nicht zu schmerzlich für Dich sein! Alsdann wirst du unsern Segen nicht vergeblich suchen. Wisse das, Diether, und geh!«
Auf diese Worte, die er mit strenger Gebärde begleitete, durft' ich nichts erwiedern. Ich verneigte mich vor ihm und gieng.
Was nun im Convent und allerorten in der Abtei für ein Fragen entstund, und wie groß das Aufsehen war, als es ruchbar ward, daß ich auszöge für immer; wie Manche mich da berathen wollten, mahnen und warnen, Andere es nicht hehl hatten, daß sie mich neideten, so Viele auch eine herzliche Neigung zu mir kund thaten und sich mühten, zur Letze mir zu zeigen, daß ich ihnen lieb war; wie sich da, als ich Abschied nahm, Freud und Leid an der Hand hatten und ganz dicht zu einander gesellet waren: von dem Allen gedenk' ich nichts zu vermelden. Denn wer selber einmal eine Stätte hinter sich gelassen hat, der er gewohnet war und die er nicht wiederum zu betreten gedachte, der kann sich leichtlich fürbilden, wie es sich zutrug mit meinem Urlaub nach Maulbronn. Ihm ist auch nicht noth zu sagen, wie mir dabei um's Herze war. Denn er weiß, daß solche Scheidestunden auch für den Menschen, der mit allem Verlangen nach der Ferne strebt, etwas von jenen sanften und feierlichen Schauern in sich hegen, dergleichen auch in der letzten Scheidestunde die gottminnende Seele durchzittern mögen, wenn sie mit Freuden zum Himmel eilt und doch zugleich mit doppelter Inbrunst liebt und segnet, was ihr auf Erden theuer war.
Zehntes Capitel.
In der Welt.
Schwerlich zog Jemand wanderlustiger seine Straße an jenem Novembertage als ich, nachdem ich Maulbronn verlassen hatte. Es mochten seitdem zween Tage verstrichen sein oder drei. Allgemach waren mir die schweren Gedanken vergangen; die lang entbehrte Freiheit, die Erfüllung sehnlicher Hoffnung und heute das klare röthliche Sonnenlicht, das die Welt beschien, machten mir das Herz froh und leicht. Munter schritt ich hindann. War ich nicht auf dem Wege nach Speyer, allda vom Bischof weitere Vollmacht zu erhalten für meinen ritterlichen Stand, und gedacht' ich nicht von dort aus mich an Graf Eberhard zu wenden, seinen Rath zu erbitten, wie ich mich weiter hielte, und winkte mir dann nicht noch ein anderes, ersehnteres Wiedersehen?
Weil mein Blick mit Lust um sich schaute und des freien Umblickes mit Freuden genoß, so hatt' ich der Stunden unterm Wandern nicht geachtet, wie sie dahin gegangen waren. So brach der Abend herein, und ich wußte noch nicht, wo ich die Nacht zur Herberge liegen sollte; Stadt oder Dorf waren nirgends ringsum zu sehen. Mein Mundvorrath war zu Ende, und ich begann die Müdigkeit meiner Glieder zu fühlen.
Indem sah ich durch die Abenddämmerung über ein blaches Feld ein Feuer leuchten, das am Fuße eines Hügels angezündet war, der die Flamme etlichermaßen vor dem Winde schützte.
»Vielleicht ist's ein Hirt, der dort sich seine Abendkost rüstet«, dacht' ich. »Er mag Dir wohl auch Rast und Erwärmung an seinem Feuer und einen Imbiß gönnen, so Du ihn darum ansprichst.«
So bog ich dahin vom Wege ab.
Als ich nahebei kam, trieb mir just der Rauch in's Angesicht, daß ich nicht wohl aufsehen konnte. Wer aber da der Flamme pflegte, das ward mir mit dem ersten Gruß bewußt, den ich hörte:
»Geschwind, Klingsohr, Gesell, Sieh da! Er selbst: _lupus in fabula!_«
Allsogleich darauf fühlt' ich mich von dem Gerufenen an beiden Händen erfaßt und unter überlustigen Sprüngen näher gezogen, indem er sang:
»Nun fiedelen und tanzen wir, heisa, hopei! Herr Diether, der Junker, Herr Diether ist frei!«
»Gelt, mein Tannhäuser!« sagt' er dann zu seinem Gespons, indem sie beide eine wollene Decke an die bequemste Stelle neben dem Feuer spreiteten, »das hätten wir nicht gedacht, daß der werthe Junker uns die Sach' so leicht machen würde. -- Ho, ein gutes Glück! Eine treffliche Conjunctio! wie die Astrologi sagen. -- Möcht' ein Kalendarium haben, die Zeichen einzusehen, wie sie heute stehen. -- Gewißlich im besten Aspect; geschickt zu großer Unternehmung! -- Ah, Herr Diether! Die bleibt ungethan, und wenn sie uns den Stein der Weisen zu gewinnen brächte, nun wir Euer theilhaftig worden sind.«
Und er schüttelte mir wieder die Hand und der Tannhäuser auch.
»Ihr scheinet meiner gedacht zu haben«, fragt' ich, selber schier erstaunt über die unverhoffte Begegnung, indem ich, wie sie es wollten, zwischen ihnen niedersaß.
»Ob wir des Junkers gedacht haben, Gesell!« sprach da der Kurze und stieß den Angeredeten hinter meinem Rücken an. »Nur gedacht?! -- Gesprochen haben wir von Euch, Herr, alltag und heut sonderlich und eben jetzt wieder! Und, Junker, ich sag' Euch: immer in solcher Meinung, wie sie treuer nicht sein könnte, wenn Ihr schlecht unser Kunstbruder wäret und nicht hochbürtigen Stammes.«
»Seid von Herzen bedankt dafür«, sagt' ich, »aber der Singekunst denk' ich auch jetzt nicht zu entsagen, habe ich sie letzthin gleich nicht geübt.«
»Die Kunst verbrüdert, aber mehr Doch scheidet Ansehn, Stand und Ehr,«
sprach der Tannhäuser dazwischen und war nachdenklich.
»Fürwahr! so ist die Welt gericht't, Doch unser Junker Diether nicht«,
sagte Klingsohr ihn begütigend. -- »Nein! Ihr nicht, um den wir uns gegrämet haben und gesorgt, seitdem sie Euch von uns rissen und wir trotz all' unserer harten Arbeit und Zauberkunst und Alrune Euch dahinten lassen mußten, wo Ihr zuvor gesessen, eingethan und versperrt! Ihr nicht!«
»Ach, Junker«, fuhr Klingsohr fort, »wie schön hatt' ich Euch allbereits hinaus, und wie balde wären wir hinunter gewesen, aber das Fräulein -- das Fräulein!« -- dabei sah er mich von der Seite an und winkte mit dem Finger. -- »Ach, Junker, es war da auch ein Zauber, der Euch zurückhielt und ein stärkrer als meiner, der Euch des Gefängnisses entledigen sollte.«
Und er lachte und schlug, als wüßt' er genug von derlei Sachen, um sich ihrer noch zu verwundern, mit seiner Hand scherzweise auf mein Knie.
»Jungfraunlieb ist fahrend Hab, Heut Herzliebster und morgen: schab ab!«
sang der Tannhäuser, als thät er's in Gedanken.
War ich über Klingsohr's Rede roth geworden, so verdroß mich seines Gesellen Liedlein. »Schweig!« gebot ihm der Magus, der meinen Ärger wohl vermerkte. »Schweig, Gesell, und laß mich dem Junker vermelden, wie wir keine Ruh' gehabt haben, bis wir für gewiß über ihn erkundeten, was aus ihm geworden; wie wir endlich überein gekommen sind, nach ihm zu spüren in Maulbronn, müßt's selber unter seines Abtes Bettsponde sein. -- Ach, Junker, wir dachten nicht anders, als es wär' Euch Luft und Licht versagt und Ihr hörtet außer der Litanei, die Ihr selber singen müßtet, nur die Mäuslein pfeifen Tag und Nacht. 's ist uns drüber, Junker, manches Mal die Lust vergangen am Essen -- und am Trinken auch.«
»Daran verloren unterdessen Nicht viel die Kehle noch der Bauch,«
sagte Tannhäuser und winkte abwehrend mit der Hand.
»Ah, ah, Junker!« sprach Klingsohr wieder; »Er red't nur so -- nur aus Bescheidenheit, sag' ich Euch; nur aus Bescheidenheit. -- Ein kaiserlich Mahl hätten wir uns versagt für Euch -- und heut, ja heut möchten wir eins halten für lauter Freuden, daß Ihr wieder heraus seid. -- Sagt' uns nun, wie ist's Euch gelungen damit, Junker? Aus einem Thurm Einen von dannen bringen, freilich, ist auch 'ne Sach'! Aber aus 'nem Kloster sich davon machen, wenn sie erst einen redlich eingefangen haben und mit Geißelung und Pön ihn christlich bedienen -- ha, ha! -- das nenn' ich eine rechtschaffene Kunst.« Und er schüttelte sich vor Lachen. »Ihr versteht sie, Junker! Ihr versteht sie! Welche habt Ihr gebraucht? Des Nachts entwischt, he? oder am Tag die Wächter getäuscht, oder Gewalt geübt oder --«
»Nichts von dem Allen hab' ich geübt, noch sonst keinerlei Widerrecht«, gab ich ihm zur Antwort; »sondern nachdem ich des Klosterlebens entlassen, bin ich nach eigener Wahl gegangen und frei öffentlich.«
»Die Welt ist böse aller Orten Und selten gut; Gern weilt' ich hinter Klosterpforten In sichrer Hut«,
sagte der Tannhäuser und sah sinnend in's Feuer.
»Wie, Junker?« fragte Klingsohr und sperrte vor Verwunderung seine kleinen Augen so weit auf, als er's vermochte, »wie? Ihr seid nach Urtheil und Recht losgegeben?«
»So ist's«, sagt' ich, »und anders nicht. Der Bischof selber hat sich bei des Ordens Oberhäuptern für mich eingelegt, daß nach meines Vaters Willen geschehe. Darnach hat das General-Capitel der Cisterzienser es verwilligt, und hier bin ich auf dem Wege gen Speyer, allda von Herrn Gebhard die Vollmachten zu empfahen, und was sonst nöthig ist zur Wiedererlangung meiner ererbten Rechte zu betreiben.«
Auf diese Worte schlug der Kleine die Hände zusammen und rief:
»O Wunder groß! Nun dies geschah, Wähn' ich, der jüngste Tag ist nah!«
»Was ist da so größlich zu verwundern«, fragt' ich wieder, »daß man mildiglich handelt und nicht so gar nach dem strengen Recht, so Keinem dabei zu nahe geschieht?«
»Herr, Herr!« rief der Klingsohr. »Ihr kennt der Welt Lauf nicht; Ihr kennet ihn bis auf's Härlein nicht, sag' ich, Klingsohr! -- Entweder die Welt hat sich geändert und die heilige Kirche dazu -- oder Ihr seid ein Sonntagskind, eine weise Frau hat Euch zur Tauf' gebracht und ein Nix war zum Gevatterschmause geladen. -- Sonst steckt noch was dahinter, sag' ich Euch; könnt' ich's nur ausfindig machen.«
Dabei lupfte er seinen Hut, strich mit der Hand durch sein Kraushaar und sah mit gespitztem Munde den entschwebenden Rauchwolken nach. -- Ich wußte zu seinem seltsamen Wesen, das er zeigte, nichts zu sagen und schwieg.
»Und was gedenkt Ihr, wenn Ihr beim Bischof Alles nach Wunsch ausgerichtet habt«, fragt' er, sich wieder zu mir wendend, »was gedenkt Ihr hernachmals zu thun, Junker, so man das wissen darf?«
»Warum nicht, Klingsohr!« gab ich ihm Bescheid. »Dann gedenke ich Herrn Eberhards Gunst und Beistand zu suchen --«
»Wozu?« fragte er rasch. Ich war von der Art, wie er das Wort sprach, ein wenig gewirret; doch faßte ich mich und sagte: »Zu Vielem; zu Allem, deß ich Neuling in der Welt an Rath und Führung brauchen werde, denn meinen Vater weiß ich nicht zu erlangen.«
»Zu weiter Nichts? Junker, zu weiter Nichts?« fragt' er wieder.
»Wie wunderlich Ihr seid!« sprach ich. »Zu was noch sonst?« -- Aber ich mocht' ihn dabei nicht ansehn; denn ich wußte wohl, daß er mit seinen Blicken auf mich hielt.
»Dann rath' ich Euch, Junker!« hub er wieder an -- »brauchet Herrn Eberhards nicht! -- Was wolltet Ihr, da Euch die Flügel losgebunden sind, noch fürder hier herumschleichen, als stünd' Euch draußen nicht die weite Welt offen? -- Seid Ihr nicht selber gewitzigt genug, Eurer Sache zu helfen, und werdet Ihr nicht Freunde, Euch beizustehen, bald genug finden, so Ihr sie weislich prüfet? -- Wär' ich, Herr Diether, an Eurer Statt, ich rüstete mir in Speyer alsbald ein hübsch' Pferd und durchzöge die Lande der Christenheit: wo Kurzweil zu finden, Ehre zu erjagen wäre, da macht ich Halt, und, glaubt mir's, Junker! wenn Ihr so thut, so werden, wenn ein Jahr herum ist, allerorten die Männer, so des Ritterthums verstehen, Euch rühmen -- und gar die edlen Frauen! -- ah, Junker, Ihr seid ein glückseliger Mann, denn die Frauengunst, Junker --«
»Was sollt' ich mich nicht zuvörderst zu Herrn Eberhard wenden und die Elzeburg meiden?« sagt' ich, ihn unterbrechend.
»Nur allda den Grafen heimzusuchen, Junker Diether?« und mir schien's, als winkte Klingsohr seinem Gesellen, wohl acht zu haben, da er so fragte.
»Nun, ihn und das Fräulein auch«, erwiederte ich kurz.
»Wenn Ihr nur nicht just um sie des Frauenzimmers da zu wenig findet« -- meinte Klingsohr.
»Oder aus der Ritterschaft einen zuviel«, fuhr der Tannhäuser fort.
»Ich versteh' Euch nicht!« rief ich ärgerlich.
Da sang der Lange:
»Gar manchem Mann Bleibt's Herz gesund, Nur wenn ihm, was ihn nah geht an, Nicht wird auch kund.«
»Wahr, Bruderherz, wahr ist Dein Spruch!« rief Klingsohr. »Drum sag' ich:
Nimm jede Gunst, wie sie Dir ward, Und baue nicht auf ferne! Du findst zuletzt die Schale hart Und Bitterkeit im Kerne!«
»Nicht zuletzt nur!« sagte der Singer wieder und schüttelte sein Haupt, als wär' ihm an All' dem in keiner Weise gelegen:
»Frauengunst, -- Blauen Dunst Ich acht' sie. Wer begehrt, Was da werth, Verlacht sie!«
Da mocht' ich dies ihr Räthselspiel, mit dem sie, wie ich wohl vermerkte, auf mich zielten, nicht länger ertragen. Ich sprang vom Sitze zwischen ihnen ärgerlich auf, sah sie finstrer Miene an und sagte: »Ich bitt' Euch, Freunde, lasset ab von solchem Gespräch; denn es ist mir verdrießlich zu hören. Sagt mir frei offen, was Ihr wisset von Elzeburg, das mir Hinderung sein sollte, dorthin mich zu wenden.«
Auf solche Worte gab sich der Tannhäuser das Wesen, als nähm' er sich meiner Rede nicht an und müßte sein Gefährte alleine zusehen, wie mir zu antworten wäre.
Der aber stellte sich vor mich hin, blickte scharf in mein Gesicht und hub also an: »Junker Diether, seht Ihr! Euch ist's um des Grafen Schutz und Beistand allein nicht zu thun! Noch eine andere Gewalt zieht Euch nach Elzeburg. Schaut nicht weg! Ach, ich verarg's Euch nicht. Kein Christenmensch darf's Euch verargen, der das Fräulein gesehen hat und was Huld sie Euch erwiesen. Und ich -- wie sollt ich's, der ich vom minniglichen Abschied weiß, den Ihr von ihr nahmet? O, Herr! so etwas vergißt sich nicht. Wie? Zum Wenigsten in Euren Jahren nicht. Es spinnt seine Fäden zart und gülden wie Sonnenstrahlen durch die Werke des Tages und durch die Träume des Nachts -- immer fester, immer zäher -- und um's Herz wickeln sich die Fäden, bis es sich gar darin verstrickt -- und die Einsamkeit ist die Spinnerin. -- Nicht so, Junker, nicht so? Ah, Ihr wagt nicht zu leugnen -- es braucht's auch nicht gegen den Klingsohr -- es braucht's wahrlich nicht? -- Nun denn, Junker, hört wohl zu! -- Aber zuvor versprecht mir Eins! Laßt den Boten seine Botschaft nicht entgelten. 's wär Unrecht; es wär' gegen uns wahrlich groß Unrecht! Denn so Ihr's heut erfahret, und Ihr nehmt's auf mit ziemlichem Verstand und als ein Mann, der seine Fahrt durch die Welt ruhmeswerth und klüglich ausrichten will, so werdet Ihr Euch in's Künftige viel nutzlos Weh und Ach ersparen und die Sprüchlein, die Ihr von uns zur Stunde gehört habt, werden mit ihrer Weisheit an Euch nicht verloren sein. -- Wohl! Nein, nicht wohl; Euch wird's übel dünken, so übel, daß Euch die Wiederfahrt gen Elzeburg gar verleidet wird: und just das ist's, was ich Euch vorhin rieth. -- Also, Junker, Euer Graf möcht' jetzt für Euch die Zeit nicht haben und seine Nichte desgleichen nicht. 'S sind zur Stunde andere Gäste willkommen in Elzeburg. Wir, mein Gesell hier und ich, zogen vorbei da jüngst vor etlichen Tagen. Es geht da hoch her, in lauter Lustbarkeit. Warum auch nicht? Der Gernsteiner hat seine Braut wiedergewonnen und ihren Mahlschatz dazu -- so doch Beides, wie es das Ansehen hatte, ihm eine Weile verloren war. -- Ist nicht erneute Liebe zwier so heiß? Und kann man sich über die Glückseligkeit, die jetzt das Fräulein neben ihrem Bräutigam merken läßt, verwundern, so man bedenkt, er möchte sonst besorgen, sie gedächte Eurer etwan -- und ist doch schon bereits vier Monde her oder fünf, seit sie Euch nimmer gesehen. Stellt's Euch nur für! fünf Monde!!« --
»'ne lange Zeit für eine Maid, Zweimal eine Ewigkeit.«
sagte der Tannhäuser dazwischen.
»Ja, mein Treu, Junker, das ist's«, sagte Klingsohr bestätigend. »Ihr seid zu lang ausgeblieben.«
»Ihr seid unrecht berichtet«, rief ich, »gewiß, Ihr seid es in dem, was Ihr da von Elzeburg sagt. Ich glaub' es nicht, es kann nicht sein. Ist aber Eure Rede dennoch nach der Wahrheit, so werd' ich's in Speyer erfahren. Bis dahin, bitt' ich Euch, laßt uns der Sache nicht mehr gedenken, sondern des Mahles, so Ihr etwas zuzurüsten habt, daß wir unser Herz stärken und dann des Weges weiter ziehen.«
So sprach ich. Aber mein Gemüth gedachte gar anders. Inwendig war's mir, da ich diese Zeitung von Irmela vernahm, als erschallte aller meiner Freude recht das Grabgeläute und wäre mein froher Muth mitten in's Herze getroffen. Ich saß schweigend nieder und mochte auch nicht ferner auf die Beiden merken, wie sie ihr Küchenwerk angriffen. -- Darum war mir's lieb, daß sie fragten, ob ich, derweilen sie zurüsteten, auf das Feuer Acht haben wollte.
Der Abend war schnell dunkel geworden und die Rauchwolken wirbelten im röthlichen Glanze weithin sichtbar empor. Ich blickte ihnen nach unverwandt, wie eine nach der andern sich dahinwälzte und immer wieder gleich dieser im Dunkeln sich spurlos verlor. Sollte so auch der helle Glanz der Glückseligkeit, der mir im Herzen aufgegangen war, trüb und trüber werden und endlich in Nacht verschwinden? O, ich fühlte, das könnte nicht sein. Ich fühlte, wenn sie, der all' mein Herz in Treue zugethan war, mir verloren wäre, wenn sie mein vergessen hätte, dann müßte mir die Welt immer öde bleiben und ich aus ihrem Glück verwiesen. Aber, sollt' es denn Wahrheit sein, was ich gehört hatte? Sollten diese lieblich lichten Blicke, sollte dieser lächelnde, falschesfreie Mund, sollte der innigliche Druck dieser Hände mir gelogen haben? Sollte dies Alles, was mich umgewandelt hatte und mein innerstes Sinnen und Meinen bezwungen, ihr nur Spiel gewesen sein? Konnte sie sich von mir kehren und nicht darnach fragen, daß die tiefe Wunde, so ich von ihr empfangen, immer offen stehen würde? Nein, es war nicht möglich! Und unmuthig stieß ich in die Flamme, daß die Funken mit Geprassel stoben und zuckend in der Luft auf und nieder fuhren, ehe sie verloschen. Ihnen glichen die Gedanken, die mir jetzt wild durch's Herz strichen. Wie? Wenn man die Maid wider ihren Willen zwänge zum verhaßten Ehebunde? Wenn unsere Heimlichkeit kund geworden wäre und sie wähnte, ich bliebe festgehalten im Kloster und sie harrte mein umsonst? -- O, dann wollt' ich jeglich Wagniß bestehen, sie zu befreien, und keine Fährniß sollte mich schrecken, gerieth ich gleich in die Irre und mein Pfad in die Nacht.
Da blickte mich ein theures Angesicht wie aus einem Spiegel traurig und liebreich an. Immer mit den aufsteigenden Flammen schwebt' es empor; es winkte und warnte und rief mich leise mit süßem Namen. -- »Unser kleines Leben ist wie ein Rauch; meines ist bald verschwunden. Denke, daß es heut geschieht.«
Und ich saß und sah in's Feuer, wie die Flammen züngelten und die Wolken röthlich dahin zogen, bis die Nacht sie verschlang. --
* * * * *