Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 13

Chapter 133,892 wordsPublic domain

Auf diese Worte entgieng mir aller Trost, meine Kraft verließ mich und die Scham, daß ich so zu Schanden ward, schlug mich nieder. Alle mußten es mir ansehen, daß es sich also hielte, was Jene von mir bezeugten, und als der Herr Gebhardus sich zu mir wendete, mich zu fragen, ob ich etwas vorzubringen wüßte wider der Beiden Zeugniß, wagte ich nicht zu antworten, noch die Augen zu erheben. Nur, als ich den Gernsteiner höhnisch sagen hörte: »Ein verlaufener Mönch, Irmela!« zwang mich der Schmerz aufzusehen und ich erbebte, ob ich auch in ihrem Angesicht nur Unwillen und Verdammung finden würde, oder ach! nur ein wenig Mitleid untermischt. Doch als ich flehentlich zu ihr hinüber blickte, kehrte sie sich von mir hinweg, und mit bitterem Weh' im Herzen ließ ich meine Arme wieder sinken, die ich nach ihr erhoben hatte, und die Sinne wollten mir vergehen vor kläglicher Kümmerniß.

Derweilen hub der Bischof an, mit großer Strenge Befehl zu geben, daß ich, bis der Sache weiter gerathen wäre, unten in die Burg in Gewahrsam gebracht würde; denn der Herr derselben war des Speyerischen Bisthums Hintersasse. Das sollte ohne Säumen geschehen, damit das Fest nicht länger Verzögerung erlitte; Tags darauf wollt' er das Nöthige vornehmen. Die Fahrenden hieß er zu fernerer Bekundung zur Stelle bleiben.

Als der Bischof Solches über mich verfügt hatte, begab er sich mit den Übrigen von der Ritterschaft, die um ihn waren, hinweg, und auch der Troß und die Menge verlief sich allgemachsam; aber Wunders hatten sie genug über das, was sich mit mir zugetragen.

So ward ich denn als Gefangener des Bischofs von dannen geführt, ein kläglicher Mann. Die Leute, so uns auf unserem Wege begegneten, blieben stehen und beklagten meine Jugend; sie mußten denken, ich wär' als Schächer ergriffen und würde zur Richtstatt geschleppt; denn gewißlich so war mein Aussehen. Mich reute zu leben, und die Welt vor mir war verwandelt. Die Läuber des Waldes erschreckten mich mit ihrem Rauschen, der Himmel über mir hieng wie ein härener Sack, und als wir in's Thal hinabkamen, dessen lieblich Bild sich so licht meiner Seele eingeprägt hatte, lag es vor meinen Blicken wie überdeckt mit einem schwarzen Schleier.

Im Dorf, als wir hindurchgiengen, that sich manches Fenster auf, und Männer und Frauen lugten nach mir aus; sie fragten wohl auch nach meiner Missethat, welche das wäre. Da sagten meine Schergen, um Übermuths willen und Frevels gegen den heiligen Stand wär' ich gefangen auf des Bischofs Geheiß; »So gnad' ihn Gott«, hört' ich dann, »nun ist ihm das Pochen und die weltliche Lust vergangen.« Kinder, die auf der Straße spielten, wichen vor mir scheu hinweg und liefen zur Seite hin zu ihren Müttern, die auf ihren Armen die kleineren trugen. Sie huben sie wohl dann in die Höhe, daß sie mich besser ersehen möchten, und wiesen auf mich und mahnten ihre Kinder, nicht auch bös zu werden, auf daß es ihnen nicht widerführe wie mir.

Dies Alles sah und hört' ich, ob ich gleich meine Blicke tief zur Erde senkte und meine Ohren vor Allem, was um mich her vorgieng, in dieser martervollen Stunde zu verschließen trachtete. Denn des Menschen Herz, wenn es recht unselig ist und ganz trostlos, hat die Art an sich, auch wider Willen für seinen Jammer Nahrung zu suchen, sich um so mehr zu kränken und zu betrüben.

Wir waren zur Wegscheide gekommen, wo der Anstieg zur Burg hinauf sich abzweigt. Festlich flatterte von des Thurmes Zinne zu Ehren der Fröhlichkeit des Tages das Speyerische und des Burgvoigts Banner. Mich sahen sie an, wie Fahnen, die in der Krypte um eine Tumba traurig wehen, und schaudernd lenkte ich meinen Blick hinweg und folgte mit Seufzen meinen Führern den steilen Pfad hinan. Wir waren nur erst eine kleine Strecke zur Höhe gedrungen, als ich hinter mir vom Wege her mich laut mit Namen rufen hörte.

Ich wandte mich, und: »Brun! ach, Brun!« -- mehr konnt' ich vor inniglichem Leide nicht sprechen.

Er aber stund an seiner Stelle als Einer, der sich über meinen Anblick schier entsetzte; seine Brust keuchte und seine Stimme war gedämpft, wie unter der Last tiefen Grams.

»Also muß ich's doch mit diesen meinen alten Augen sehen, was mich so manchmal im Traum erschreckt hat, und was abzuwenden ich zu Gottes Gnade in allen meinen Gebeten für Dich gefleht? Diether, Diether -- was hast Du gethan? Welch' Herzeleid schaffst Du mir?! Ach, ich soll nicht Frieden finden -- nimmer -- nimmer!«

Seine Klagen jammerten meine Schergen, und einer von ihnen hub an und erzählte, wie es mit mir ergangen wäre; wie ich oben beim Feste vor allem Volk das Beste im Singen vermocht, wofür mir das Fräulein den ausgesetzten Preis zuerkannt hätte; darnach wär' ich in Händel gerathen, zuerst mit dem Troß der Herren, sodann hätt' ich des Bischofs Neffen zum Zorn gegen mich gereizt, bis es von Ungefähr an Tag gekommen wäre, daß ich dem Kloster entronnen; so hätte der Bischof geboten, mich gefangen hinwegzuführen, daß nachfolgends mir mein Recht geschähe.

Auf diese Worte meint' ich, Brun würde mit harter Scheltung mich strafen, wie ich das reichlich von ihm verdiente; aber er that davon nichts, sondern das Leid, darin ich stak, nahm er auf, als trüg' auch er daran einen Theil der Schuld. »O, ich konnt's denken, konnt's denken!« murmelte er etliche Male und strich sich mit seiner Hand in tiefem Sinnen die Stirn.

Dann rafft' er sich auf und fragte, ob es ihm verstattet wäre, noch einmal mich zu umfahen; und als sie ihn beschieden: Ja, das dürfte geschehen! so stieg er hinan uns nahe, und mich ließen sie los, daß ich ihm entgegen schreiten konnte. Da umfieng er mich mit seinen Armen ganz liebreich, und ich konnte die meinen nicht um ihn schlingen (denn sie waren mir rücklings gebunden) und hätt' es doch so gern gethan, ach! nur einen Augenblick: ich Verstoßener!

Er aber sprach: »Diether, ich gedachte, Du solltest vor diesen Versuchungen bewahrt bleiben; ich sah, daß sie Dir drohten. Nun erkenn' ich: es sollte nicht sein, daß es nach meinem Dünken angienge. -- Heute war ich in der Abtei, Dich heimzusuchen; man sagte, Du wärest haußen und daß ich Deiner harren sollte. Aber mich trieb's hinweg, und die Sage der Leute von dem Feste hier lenkte mich her. -- Jetzt kommen Rath und Warnung zu spät. Gott gnade uns nach Seiner Langmüthigkeit und Geduld! Diether, fahr wohl! Du siehst mich am frohen Tage wieder oder auf Erden nimmer mehr!«

Als er darauf mich küßte, fühlt' ich eine Zähre aus seinem Auge auf meiner Wange; sie hieng da noch, als er schon hinab war und, ohne sich noch einmal umzukehren nach mir, eilig durch das Dorf fürder schritt. Oft hab' ich später Gott dem Hohen gedankt um diese Zähre, daß ich sie nicht hinwegwischen konnte mit meinen gebundenen Händen (vielleicht hätt' ich's sonst gethan) und also nur die Luft des Himmels ihn berühren durfte -- den gebenedeiten Tropfen, das schmerzlich köstliche Vermächtniß. --

Achtes Capitel.

In Haft.

Droben in der Burg über dem düstren Eingangsthore war die Pförtnerswohnung. Ich erfuhr's, noch ehe wir unter den gewölbten Bogen schritten. Denn wiewohl die Thorflügel offen stunden, hielten wir doch vor ihnen mit Gehen still, und einer der Leute, so mich gefangen führten, rief zum kleinen Fenster in der tiefen Mauer hinauf. Auf seinen Ruf lugte alsbald ein Weib hernieder, so alt und greise, daß man's schier nicht erdenken konnte, sie möchte je jung und glatt ausgesehen haben; die fragte mit keifernder Stimme, was man schon wieder begehrte, das Thor wäre ja offen und Keiner gehindert, hindurch zu gehen; ob denn sie allein heute, da Alle ihre Ergötzung hätten, der Ruhe entbehren sollte und nicht ein Wenig stille sitzen.

»Wir kommen ja nicht allein, Mutter!« sagte der Knecht wieder, »begehren auch nicht Eures Dienstes für uns. Wir bringen Euch einen Gefangenen, den Ihr mit allem Fleiß hüten sollt, wie unser gnädiger Herr Euch scharf einbindet; denn der Bischof Gebhard selber hat ihn hieher verordnet.«

»So gnade mir Gott und der heiligen Nothhelfer ganzer Hauf', als ich da nicht unterscheiden kann, ob ein Fremder unter Euch ist. -- Ich hör' das Mäuslein rascheln im Thurm, aber meine Augen sind trüb.«

Nach diesen Worten verschwand sie und eines alten Mannes Gesicht ward an ihrer Stelle gesehen. Das war nicht minder welk und greis als das ihrige und verwittert, wie das Gemäuer, aus dem es hervorlugte.

»So bringt ihn herauf!« sagte der Alte mürrisch, nachdem er einen Blick nach mir gethan, und zog dann seinen Kopf wieder zurück.

Eine hölzerne Stiege außen an der Mauer führte in die Wohnung der Leute. Als wir durch das Thor geschritten waren und ich oben auf der Stiege ankam, stund die Alte schon in der geöffneten Thür.

»So jung, so jung und schmuck dazu!« sagte sie, indem sie mir hereinwinkte und mit ihrem Gesichte mich ganz nahe musterte; dann zu den Knechten gekehrt: »Ja, die Augen wollen nicht mehr, aber die Ohren sind scharf; doch mit meinem tauben Alten zusammen, der sieht wie ein Luchs: das thut's.« Zu diesen Worten verzog sie ihren zahnlosen Mund zum Lachen.

Indem hatte der Alte mit Mühe eine schmale Thür aufgeriegelt, die auf mehreren Stufen aus dem Gemach der Alten in einen dunklen Gang führte. Wirklich mußt' es wohl wahr sein, was das Weib von ihres Mannes scharfem Gesicht gerühmt hatte; denn selbiger gieng, nachdem ich geheißen war ihm zu folgen, so sicher seinen Weg da hindurch, daß ich, der ich mit meinen Füßen tastete, hinter ihm verzog. Nun schloß er mir eine zweite Thür auf und öffnete den Raum, der mir zur Haft bestimmt war. Die Alte brachte mir Brot und Wasser, und dann giengen die Beiden, ohne ferner mit mir ein Wort zu reden, und schlossen die Thür hinter sich.

So war ich allein und von aller Welt abgeschieden; selber das kleine Stücklein Himmel, von dem durch die schmale Maueröffnung dürftiges Licht hereindringen sollte, war durch häufige Spinnweben zwischen den Eisenstangen mir so verdeckt, daß er grau schien und trübe.

In dieser Einöde brach mein Schmerz, der so lange stumm gewesen war, mit aller Macht hervor, und ich wehrte ihm nicht. Ich hub bitterlich an zu weinen und zu klagen, nannte mich unselig und den Elendesten unter allen Menschen. Mein waglicher Sinn und mein froher Muth waren nun gänzlich niedergelegt und gar hin, dagegen Seel' und Leib lauter Zagheit und Blödigkeit.

Ja, ich war in schwere Sünde und Untugend gerathen und darinnen verharret beinahe vom ersten Tage meiner Fahrt aus dem Kloster bis hierher. Ich war mit Lug und Trug umgegangen und dessen gewohnet worden in Elzeburg, ich hatte meine Lust daran gehabt auch hernach und damals belacht, was ich jetzt so kläglich beweinen mußte. Dazu waren Hoffahrt gekommen und eitler Stolz auf meinen Witz und die Kunst, von der ich nie hätte erfahren sollen, daß ich sie besäße. -- Ach, und nicht allein mich, sondern alle die, so mir zumeist Gutes gönnten, denen ich dienen sollte und zur Freude helfen nach Pflicht und allem Vermögen, hatt' ich bitter gekränkt und in Leid gebracht; mußte nicht Irmela irre an mir geworden sein und Brun mich verachten und der Abt, dessen Vertrauen ich so grob getäuscht hatte?

»Wie wird mir's im Convent ergehen, wenn da meine Missethat auskommen wird«, rief ich, »wie wird Albrecht's strenger Eifer für die Ehre der Abtei mich treffen, der ich den Namen des Klosters in allen frommen Ohren stinkend gemacht habe?« Und dann trat vor mich der Gedanke an all' die Schmach, an Spott und Schande, die mein warteten; an ödes, dumpfes Gefängniß, an Geißel, Kasteiung und Einsamkeit. Dem gegenüber stellte sich wieder die Erinnerung an das bunte Leben der sonnigen Welt, das mich so fröhlich angelacht hatte, und der Wunsch, nach ihren Ehren zu trachten, und Irmela's süßes Bild. Da gedacht' ich auch, daß der Abt selber mich auf den Weg gedrängt hätte, wo sich diese Welt mir aufgethan, daß sie mich nach Elzeburg gezwungen hatten und die erste List mir nothweise aufgedrungen war.

War's nicht doch ungerecht, daß ich nun so hart dafür büßen und darum in Schande und Strafe kommen sollte, um was draußen mir Lohn und Lob gewiß war! Und ich dachte des seligen Augenblickes, da ich vor Irmela kniete und den Kranz empfieng; ich dachte auch der Huld, mit der sie für mich bat, und ihrer Traurigkeit zuletzt, da sie es nicht mehr konnte.

»O, daß ich sie noch einmal bitten könnte, mir nicht zu hart zu zürnen, daß ich ein Wort nur der Vergebung aus ihrem Munde vernähme!«

Aber meine Seufzer hallten von den dumpfen Mauern wieder, die mich umschlossen, und mir blieb nichts, als mit meinem Jammer wider mich selbst zu wüthen in unmächtigen Klagen.

O, der Seele, die in Nöthen schwebt, wird schlecht gelohnt, so sie sich in Zweifel verfängt und nicht vermag, sich stracks zu Gott zu kehren.

So wünscht' auch ich, daß ich nie geboren wäre und zu solchem Unglück gespart; ich that des kläglichen Jammers immer mehr und des Scheltens und Anklagens, bis ich nicht mehr konnte und schweigend niedersaß auf die bloße Erde, mit beiden Händen mein Gesicht überdeckend.

Wie lange ich so saß regungslos, weiß ich nicht; aber allgemach wurden meine Klagen stiller und meine Traurigkeit sanfter. Vor meinen verschlossenen Augen verschwand der trübselige Ort, der mich gefangen hielt, und meiner Seele wuchsen Flügel, die sie hinaustrugen zurück in's helle Sonnenlicht, in die freie Welt. Ich sah mich wieder auf der Höhe, und die Festfreude umgab mich. Irmela's lichte Augen sah ich, wie sie aufblickten und ich nicht widerstehen konnte, weil's mir war, als suchten sie mich; vor sie trat ich, zu singen, was mein Herz mir eingab, und wunderte mich, daß ich dazu die Kühnheit gewann und wußte doch, sie zu erfreuen, hätt' ich Alles gewagt. Und nun tönte der Klang ihrer süßen Stimme wieder mir in den Ohren und sie beugte sich hernieder, mich mit dem Kranz zu zieren, und grüßte mich mit gütigem Wort. Daß ich davon hohen Muth empfieng, warum verdachten sie mir das? Durft' ich den Unglimpf nicht rächen, den sie mir zufügten; durft' ich ihnen nicht zeigen, daß ich ein Vermögen in mir fühlte, und mich nicht verachten ließ; hatte sie mich doch nach allen Ehren belohnt! -- Gewißlich, wenn ich ihr noch einmal nahen, wenn ich ihr offenbaren könnte, wie Alles sich mit mir begeben hatte: sie würde mir nicht länger zürnen, sie würde mit Trost mich aufrichten, sie würde mir, was ich gethan, zur Unehre nicht anrechnen. Dann dürfte mich Niemand verachten -- nein, auch jetzt nicht.

Jetzt?! Wo war ich denn? Gefangen gelegt, frevlen Truges überwiesen; und alles Trachten und Wähnen, das mich hinauszog: es war nichts Anderes, als eitles Träumen, vergebliches, ja verbotenes Wünschen!

Ich sprang auf und sah mich um.

Aus der Dämmerung, die hier schon sich verbreitet hatte, starrten die geschwärzten Wände fremd und schweigend mich an. Die Erinnerung an den sich neigenden Tag und die Erwartung der Nacht, die kommen würde, öde, traurig, lichtlos, erneuerte in mir das Gefühl meines Elends. Es war mir schier, als könnt' ich's nicht ferner ertragen, so eingesperrt zu sein und einsam den Übeln entgegen zu harren, die mir bevorstunden. Der thörichte Gedanke, als wär' mir ein Entrinnen möglich, ergriff mich. Ich eilte nach der Thür, stemmte mich gegen die Riegel, hub an den Angeln, rüttelte an den Pfosten; ich lief immer wieder die Wände entlang, tastete herum, pochte an's Gestein aus aller Macht, ob etwan ein verborgener Ausgang zu finden wäre, und ich stund stille mit tiefem Seufzer, als ich erfunden hatte, wie Alles vergeblich war. Mit sehnendem Verlangen blickt' ich hinauf zur Öffnung. Nur ein Wölklein wünscht' ich zu sehen, vorüberschwimmend, wohin der Wind es trieb, oder eine Schwalbe im Husch durch die Luft streichend: aber da hieng düster der Vorhang der staubigen Spinnweben und bewegte sich nur etwa von einem armen Schmetterlinge, der in den Fäden gefangen war und sich nun zu Tode flatterte.

»Wenn nur zum wenigsten diese große Stille nicht wäre, die mit der Dämmerung zu wachsen schien; wenn ich nur einen Laut vernähme, nur einen! Den Hall einer menschlichen Stimme unten vom Thal her oder den Ruf eines Vogels aus den Lüften!« Ich lauschte, aber ich hörte nichts. Ich erhub selber meine Stimme, aber der Wiederhall von diesen Wänden klang hohl und erschreckte mich.

Da drückte ich mich in eine Ecke, als könnt' ich mich so vor den Schrecknissen bergen, die mich umgaben näher -- näher, und versank in dumpfes Brüten. Bald hieng ich zwischen Wachen und Schlafen und merkte nicht auf die Zeit, wie sie hinschlich, nur daß es immer dunkler um mich her ward, und endlich ganz finster. Dennoch ließ ich nicht ab, meine Augen weit aufzuthun, ob ich gleich wußte, es diente zu nichts, und entriß mich der Müdigkeit, um mit allem Fleiß zu horchen: -- vergeblich -- vergeblich! --

Aber nein! Das war ein Geräusch wie von einem zurückgeschobenen Riegel, wie von einer in ihren Angeln erknarrenden Pforte. Jetzt wurden Schritte hörbar, nur leise, aber sie kamen näher; jetzt machte sich Einer am Schloß der Gefängnißthür zu schaffen, dann ward ein Schlüssel darin umgedreht -- ein Lichtschein ward sichtbar -- die Thür that sich auf.

»Pst, Junker Diether, lebt Ihr noch?«

hört' ich eine Stimme, die im Flüsterton zu bleiben trachtete und doch laut genug schnarrte; ein runder Krauskopf streckte sich durch die geöffnete Thür und eine kurze Gestalt schob sich ihm nach und ließ den schwachen Schein der Leuchte in ihrer Hand im Gefängniß umherwandern.

»Hu, was ein ödes Jammerloch!«

sagte der Kurze dabei und verzog seinen breiten Mund.

Ich konnte mich nicht genug verwundern über das Alles, daß ich vor Staunen schier wie angewurzelt war und meinen unerwarteten Gast nur anstarrte. Endlich traf mich der Schein seines Windlichts. Da setzte er es zur Erde, machte etliche Schritte mir entgegen und kratzte mit seinem rechten Fuß hinten aus, indem er, seinen Hut schwenkend, sich tief vor mir verneigte.

»Euer Knecht in aller Willigkeit, Zu jedem Dienst allzeit bereit,«

sprach er und legte die freie Hand auf seine Brust, seine Ehrerbietigkeit noch deutlicher zu bezeugen.

»Ei, ei!« sagt' er dann wieder und wies auf den Platz, den ich inne hatte:

»Wie hat man doch hienacht Die Ruhstätt' übel Euch gemacht!

Ach, ja! und 'nem Junker! -- 's ist 'ne Schand! -- Das will ein Bischof sein und eines Bischofs Voigt?! 's ist 'ne Schand' für die ganze christliche Ritterschaft!« -- Er sah wieder verächtlich sich um. »So ein Otternloch! So eine Löwengrube!! Es vergeht einem schier das Reimen, wenn man Euch da sieht, ob sich's gleich mit der »Ecken«, drin Ihr hockt, und »Verstecken« so leicht thun ließe!«

Ich richtete mich auf, ihm näher zu kommen; da wich er einen Schritt hinter sich, neigte sein Haupt zur Seite und hub an mit seinen kleinen Augen mich von Kopf zu Füßen zu messen und hinwieder, indem er dabei eine seiner Hände über die Stirn legte.

»Ah«, rief er dabei, »so ein stattlicher Junker, schlank und gerade -- so fest im Gang, so zierlich in den Hüften, so breit in den Schultern, so stolzen Hauptes!« Und er schnalzte mit seinen dicken Lippen. »Ho, ho! So wahr ich Klingsohr heiße: Ihr werdet ein wackerer Ritter und bald noch andere Kränzlein davon tragen, die Euch kein Gernsteiner herunterreißen soll -- ein Prahler, Junker! nichts weiter -- ah! und schöne Frauen und edle (dabei blinzelte er mich an und schlug sich vergnügt auf die feiste Lende) -- schöne und edle Frauen werden Euch die Kränzlein aufsetzen, vor welchen immer es Euch geliebt hohe Ehren zu erjagen.«

Ich achtete seines Geschwätzes nicht, darin ich keinen Sinn erfand, auch nicht eines Haares breit, und fragte nur, immer noch des Wunderns voll, wie er hier hereingekommen wäre.

»Rathet, Junker!« gab er zur Antwort. »Wem dank' ich's wohl? -- Daß Ihr's wißt: meiner Kunst, der Magie, der weißen oder schwarzen, gleichviel!

Sie füllt Topf und Tiegel,

das wißt Ihr schon,

Aber sie sprengt Schloß und Riegel,

das erfahrt Ihr jetzt. -- Mein Gesell, der Tannhäuser -- er versteht sein' Sach' ausbündig, nicht? -- der hätt' sich hierhinein und durch die Thüren nicht gefiedelt und nicht gesungen, beharrt' er gleich bei seiner Musica bis zum jüngsten Tage. Aber die Magie ist in solchem Handel, wie der Eurige, eine wundertreffliche Kunst, wer ihrer wohl kann. Seht, Junker, wir machten uns an die beiden Alten im Stüblein überm Thor. Nu, man wird gewitzigt und lernt, wie das anzufangen! 'S war just nicht leicht, Junker! Denn die magische Kunst, die bei dem Alten taugte, ihm die Augen zufallen zu machen, verfieng bei seiner Hex nichts mit dem scharfen Gehör, und so hinwieder.

Und so war verschiedentliche Arzeneiung vonnöthen; aber wir machten die Symptomata bald ausfindig, wie die Medici sagen.

Wisset, Meister, -- nein, Junker Diether: es gibt eine _materia_, die schlägt Euch in der Welt bei den Menschen allermeist sicher an, ihre Complexiones und Humores mögen sein, welche sie wollen. Ihr braucht sie ihnen nur von Ferne zu weisen, so fäht sie allbereits zu wirken an. Das Gold ist diese Materie, _aurum_ nach lateinischer Zunge; aber wir Magi nennen sie die _essentia quinta_: denn es ist der Vorsprung und Ausbund aller Elemente. -- Gut! damit versucht' ich's nach _regula artis_ bei der Alten; ich sagt' ihr vom Alrunmännlein, wie man von dem täglich einen Ducaten bekäme. -- Ah! der Köder lockte den Vogel, und sie fragte, wie das anzugreifen wäre, daß man sich den Unhold zu Wege brächte. Ich gab ihr Bescheid: »Ja, die Johanniszeit wär' wohl geschickt dazu, ein Würzlein zu gewinnen, das kräftig wäre, und von Ungefähr hätt' ich wohl drüben auf dem Berge um den Galgen herum eines gesehen, das aus dem Blut eines mit dem Rade gebrochenen Schächers gewachsen sein möchte: aber solch' ein Fäntlein draus zu bereiten, das Tugend hätte, kostete nicht bloß Kunst, sondern auch Eifer und Unverzagtheit. -- Kurz, Junker, um weidlichen Lohn und auf ihren Eid, daß sie Nichts von der Heimlichkeit ausbrächte, verstunden wir uns dazu, der Alten den Willen zu thun. Sie steht jetzt unterm Galgen, gen Mitternacht gekehrt, darf kein Wort sprechen, noch sich umkehren, dieweil mein Gesell hinter ihr hantiert mit Spruch und Beschwörung um die Alrune.

Ich aber bin droben geblieben im Stüblein; denn ich mußte doch die Salben bereiten, das Galgenmännlein damit einzureiben, wenn sie's heim brächten. Aus dem Weinkrug, den sie mir gefüllt zurückließ, als sie gieng, hab' ich auch dem Alten eingeschenkt, dem die geizige Hex das Naß gar selten gönnet, so theuer er es liebt. Er ist davon bald eingeschlafen und, wie es sich ansieht, fest und lange, wozu etlicher Maßen das Pülverlein geholfen haben mag, das ich ihm in den Trunk geschüttet. -- So hab' ich denn gedacht, bis die Alte heimkommt, daß wir ihr die Wurzel feien, könnt' ich eben so gut die Schlüssel brauchen, die da drinnen ob dem Alten an der Wand hiengen, und Euch heimsuchen, Junker Diether, dessen Herberge ich mir von Eurem Wirth zufallens hatte sagen lassen.«

Darauf lupfte er wieder seinen Hut, neigte sich und sprach:

»So wißt Ihr nun das Wo, und wie Ich kommen bin zu Euch allhie: Durch meine Kunst, durch die Magie.«

Dazu rieb er sich vergnüglich die Hände. »Doch nun hebt wieder an, Junker!« sagt' er dann und drehte die Daumen um einander.

»Womit soll ich wieder anheben?« fragt' ich ihn.

»Ach, Junker, besinnt Euch!« und er wiegte sein Haupt langsam hin und wieder.

»Was meinet Ihr?« fragt' ich wiederum.

»Junker, Junker!!« Weiter erwiedert' er nichts, indem er beide Hände, die Finger ausgespreizt und ihren Rücken mir zugekehrt, langsam in die Höhe hub.

»Was nennt Ihr mich immer Junker?« rief ich ärgerlich, da er die Worte sonderbarlich in die Länge zog.