Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 11

Chapter 113,959 wordsPublic domain

Schon wähnt' ich, sie würden ihre Fahrt etwan hinein in's Dorf nehmen und hinauf zur Burg oder an mir vorüber; aber da sie an die Scheide des Weges gekommen waren, wandten sie sich linkswärts zur Brücke und zogen da die Straße quer durch's Thal in das Gebirg' hinauf. Staunend ruhte mein Auge auf all' der ritterlichen und lustsamen Pracht, wie ich zuvor ihres Gleichen nie ersehen hatte, und haftete so viel möglich an jedem Einzelnen, bis auch der Letzte aus dem Zuge hinter den Bergen verschwunden war. Das war bald geschehen und drüben war mir der Weg wieder so einsam wie vordem.

Wohl durft' ich mich da fragen, ob's Wirklichkeit gewesen wäre, was ich erschaut oder nur Wahn und Einbildung. Doch solcher Zweifel ward mir bald benommen, denn ich sah zween Knappen zurückkehren sogleich darauf, und als solche, die zu einer Botschaft ausgeschickt sind, die Straße heranreiten, welche in's Dorf führte. Sie mußten frohe Märe zu bringen haben und selber frohen Muthes sein; denn Alt und Jung, so auf der Dorfstraße zusammen kam, durfte die fremden Gäste fragen und gewann, wie ich an dem Winken und Rufen der Leutlein wahrnahm, schier guten Bescheid. Der eine der Beiden lenkte seitwärts hinan zur Burg, der andere ritt weiter fürbaß.

Als ich sah, daß er den Weg zog, den ich gekommen war, und also an mir vorüber mußte, stieg ich behend von meiner Warte hinab, und da er nahte, schritt ich ihm entgegen, grüßte ihn mit Züchten und fragte, ob er mich wohl bescheiden wollte, welcherlei Herren das gewesen wären, die da mit also stolzer Pracht hindurchgezogen, und was wohl ihrer Reise Ziel. Auch sagte ich noch dabei: ich hielte wohl, es müßten vor Andern auserlesene Ritter sein, und gewißlich war's ein hohes Freudenfest, dem sie in solchem Schmuck entgegenführen.

Da erwiederte der Gefragte: »Ihr habt meiner Treu mit Beidem das Richtige getroffen, wenn anders eine Hochzeit ein Freudenfest ist und ein Bischof und Grafen und Herren ihr Bestes thun, sie stattlich auszurichten.«

Darnach sagt' er mir, daß sie von Speyer kämen, dahin die junge Braut zu geleiten, welche Conrad, dem Neffen des Bischofs Gebhard, bestimmt wäre. Der Bischof selber führte ihr den Bräutigam zu, und manch' Edler wäre noch in seinem Gefolge. Hier unweit sollte die Begegnung stattfinden und einen herrlichen Empfang wollte man der Braut und ihrem Geleite bereiten. »Da wird es,« schloß er, »an Ehr' und Herrlichkeit nicht fehlen, noch an edler Lustbarkeit und ritterlichem Spiel, wie es Brauch ist in deutschen Landen, wenn man höfische Tugend und milde Sitten beweisen will; so wird's auch Euch nicht reuen, geistlicher Bruder, wenn Ihr anders Euch solchem Weltwesen nicht ganz widersagt habt, da das Fest mitzuschauen und nach Eurem Theile seiner Freude mit zu genießen. Gewiß! Ihr bringt genug der Erinnerung heim, davon noch lange zu zehren hinter den Mauern Eures Klosters.«

Darauf trieb er sein Roß an und trabte von dannen. Das war mir leid, denn was er mir berichtet hatte, gieng mir näher zu Herzen, als er's denken konnte, und gerne hätt' ich von ihm noch mehr erfragt.

Aber der ritterliche Zug und was ich von ihm erkundet hatte, das kam mir auf meinem Heimwege nicht aus dem Sinn. Wieder waren meine Gedanken nach Speyer gelenkt, wo ich um diese Zeit auch weilen sollte, wenn ich nicht von den Elzeburgern mich losgerissen hätte, und ich fragte mich, ob Irmela wohl schon allda wäre mit ihrem Ohm oder ihr diese hochzeitliche Fahrt gälte. Schalt ich mich dann wegen solchen Fragens, das mir doch zu nichts diente als zur Mehrung meines unruhigen Muthes, so half solche Scheltung nichts. Denn immer wieder sah ich vor mir die Ritter und Mannen und plagte mich mit der Frage: »Ist's Irmela, der sie entgegen ziehen?« --

So war denn mein Zweifel und meine Unruhe groß, da ich spät gen Maulbronn zurückgelangt war, und vor Herzensschwere und Widerstreit in meiner Seele durchwachte ich diese ganze Nacht. Ich erfand in mir die heftigste Lust, noch einmal mich aufzumachen und unter dem Volke das Fest mit zu schauen, ob ich da die Elzeburgerin sehen möchte, vielleicht als die, der zu Ehren all' diese herrliche Pracht gezeigt ward. Und ich sagte mir, daß es ja nichts Arges wäre, das mich triebe, der Gelegenheit zu brauchen, das Mägdlein unvermerkt wieder zu sehen, ja, daß freilich das Gegentheil verwunderlich sein würde, und Zeichen eines blöden Sinnes; ich fand auch, daß jenes Thal mit der ragenden Burg noch einmal zu erschauen und dann das ritterliche Fest, mir weidlich am Bilde zum Guten gedeihen würde. Hatte mich doch der Abt selber dahin gewiesen, draußen zu suchen und mich umzuschauen, wie ich dem neuen Bilde am besten rathen könnte. Wenn mich aber so mein Sehnen schuldlos däuchte und daß es nicht noth wäre, meinem dahin gerichteten Gemüthe zu wehren, so warnte mich alsdann eine andere Stimme in meinem Herzen gar ernstlich, als wär' es doch nur eine Versuchung, die mich hinauslockte, um mich in Schaden und Unseligkeit zu stürzen.

Und eine Bangigkeit kam über mich, als ob es mir übel gerathen würde, so ich hinzöge. Als es aber lichtmorgen worden war und ich im Klostergarten der würzigen Luft genoß, da schöpfte meine Brust auch, däuchte mich, wieder frischen Lebensmuth, und es schien mir, die ruhelose Nacht hätte mich furchtsam gemacht, und ich sah nichts Schlimmes in meinem Wunsche.

Zwar an jenem Tage that ich ihm noch nicht Genüge. Sondern, wie sie mir in der Erinnerung lebte, zeichnete ich die Gegend, die ich gestern mir zum Bilde auserwählt, mit allem Fleiß, und auch die heiligen Wallfahrer mit ihrem Troß entwarf ich auf der Stelle, wo mir der festliche Zug erschienen war. Unmüßig war ich den ganzen Tag, daß ich morgen die Versäumniß mir desto weniger zum Vorwurf zu nehmen brauchte. Was ich dann an auserlesener Pracht und zierlichem Schmuck beim Feste sehen möchte, das wollt' ich mir wohl in der Erinnerung bewahren und für's Bild verwenden. Denn nur einen halben Tag gedacht' ich aus zu sein und den nächsten wieder im Kloster meiner stillen Arbeit obzuliegen. Je fester nun so mein Wille sich dahin kehrte, die Spiele mit anzusehen, die der Braut zu Ehren sollten gefeiert werden, und mich des Dinges weiter zu erkunden, und je mehr ich dabei Irmela's gedachte, ob und wie ich sie wohl wiederfinden würde, desto heiterer schien mir die Fahrt, die ich vorhatte, als wär' ich auch zum Feste geladen, und mich däuchte, wenn ich zu Roß da hinauf zöge, so hätt' ich das auf Elzeburg also erlernet, daß ich keinem der Herren zur Schande da sein würde.

In solchem Muthe machte ich mich denn Tags darauf, noch ehe man Mittags zur Speisung im Refectorio zusammenkam, von dannen. Dem Pförtner sagt' ich, meiner Kunst zu Dienst müßt' ich aus sein und am Abend würd' ich wiederkehren. Daß mir solche Freiheit verstattet war, mehr als den Brüdern, deß waren sie gewohnt im Convent, und so ward ich auch heute nicht weiter gefragt und schritt ungehindert durch die geöffnete Pforte.

Draußen in einem der letzten Häuser, die um's Kloster gebaut sind, wohnten alte Leute, die der Abtei hörig waren. Es war ein Ehepaar, Mann und Weib wohlbetagt. Ihnen gieng ich nie vorbei, ohne einzutreten in ihre Hütte oder wenigstens durch's Fenster sie zu grüßen. Es geschah immer zu ihrer großen Freude; denn in meinen jungen Kinderjahren war ich in ihrer Pflege gewesen, und noch immer hegten sie eine sonderliche Liebe zu mir. Bei ihnen hatt' ich, da ich von Brun wiederkam, das köstliche von Irmela mir geschenkte Kleid niedergelegt. Denn Brun zwar, der mir einen klösterlichen Rock angezogen hatte, dem ähnlich, den ich sonst zu tragen gewohnt war, wollte, daß ich das zierliche Gewand bei ihm für immer zurückließe. Aber da ich wünschte, es zu behalten, weil mir zu meiner Malkunst solch' auserwähltes Kleid leicht noch nütze werden könnte, so willigte er ein und ich trug's im wohlverhüllten Bündlein mit mir. Niemand hätte mir wehren können, es mit mir in's Kloster zu nehmen und mit dem anderen Geräth und den Kleinoden meiner Kunst zu bewahren, aber ich hatt' es doch für viel gerathener gehalten, um alles Verdachts desto lediger zu bleiben, es nicht allsogleich mit hinein zu bringen. Und so hatt' ich Irmela's Gabe bei den Alten in Verwahrung gethan.

Zu ihnen gieng ich denn hinein, und gerne gaben sie mir, wie ich's heischte und unversehrt, das wohlverwahrte Kleid zurück. »Mir ist's bestimmt zu tragen«, dacht' ich. »Zwar die Kunst, mit der ich mir's verdient zum Lohn, gedenk' ich nicht mehr zu üben; aber wenn je, so mag es mir noch einmal dienen heute auf dieser Fahrt. Ist ihr Ziel heimlich, so sichert mir wohl dies Kleid, wenn's Noth ist, meine Heimlichkeit.«

Und so nahm ich's mit mir.

Siebentes Capitel.

Beim Feste.

Es war noch hoch am Tage, denn ich war rüstig zugeschritten, als ich wieder zur Seite des Baches das Thal durchzog, von dem aus ich zum Dorf gelangen sollte, das so sicher sich lagert um die bethürmte Burg. Je näher ich dem Orte kam, desto merkbarer ward es, daß heut den Leutlein und der Gegend umher ein seltner Festtag angebrochen war, den mit zu feiern Keiner versäumen wollte, der wohl auf war und gerne fröhlich. Allerlei Volk zog, wie ich wohl sah, demselben Ziele nach wie ich; und gar am Orte selbst, als ich darkam, fand ich der fremden Gäste viele. Die Lustbarkeit der Herren mußte wohl bekannt worden sein aller Orten ringsum. Da waren Junker und Knechte, Bürger und Bauern, auch fahrende Sänger, Luftspringer, Gaukler und Hebräer, und was sonst Leute dem Gewinne nachgehn, wo müßiges Volk sich zusammenfindet, das die Lust an der Kurzweil der Sparsamkeit vergessen läßt. Alle zogen sie hindurch der Brücke zu jenseit des Dorfes, und auch von drüben ward der Haufe durch Gäste vermehrt, die den Weg zogen, auf dem ich die Herren hatte quer durch's Thal reiten sehen.

Ich hatte mich, da ich durch's Dorf schritt, Bauern zugesellt. Von ihnen erfuhr ich, daß heute Morgen die Braut und ihr Geleite unweit des Ortes angelangt und vom Bischof und den Herren mit ihm herrlich empfangen worden wäre. Alsbald hätten die Speyerischen die Ankömmlinge zum Lustlager geführt, das sie zugerichtet, allda zu rasten und die Begegnung fürstlich zu feiern.

Wie die Braut geheißen würde und woher sie käme, konnt' ich nicht erkunden; doch bezeugten sie, das volle Lob, das edlen Sitten und prangender Jugend gebühret, würde von der Sage der Leute ihr zuerkannt.

Unser Weg führte uns im Bogen aus dem Thal eine nicht kleine Höhe hinan. Weil die Bauern da oben zu ihrem Ackerwerk hinaufziehen mußten, wie sie mir sagten, so war die Straße breit und sanft ansteigend bereitet und gemächlich aus ihr zu schreiten. Hoher Buchenwald zu Seiten unseres Weges hinderte den Ausblick. Um so mehr war ich betroffen von der weiten Fernsicht, die mir sich darbot, da ich auf dem Scheitel des Berges angelangt war und aus dem Wald in's Freie trat. Da sah man weithin Gebirg' und Land, und unten vor sich das muntere Thal mit Burg und Dorf auf und nieder, wie es von den Bergen anmuthig umkränzt war. Aber auf dies Alles blieb mein Blick nur einen Augenblick hingelenkt; denn das Bild, das ich in der Nähe vor mir sah, nahm all' mein Aufmerken gefangen.

Da lag vor mir weit hingestreckt ein Wiesenplan, der beinahe die ganze Breite des Berggipfels einnahm. Sonst besuchte diese Stätte wohl nur der Hirt mit seiner Heerde, wenn er sie hinauf zur Weide trieb, oder auch die Bauern kamen dahin zur Grummetzeit, und wenn sie auf den anliegenden Feldern ackern oder ernten wollten. Aber heut' gieng's auf der Höhe ganz anders, lärmend und fröhlich zu. Zu Haufen stunden da die Menschen umher, thaten sich gütlich und hatten ihre Kurzweil, die gekommen waren, das Lustlager der Herren und Ritter und was dabei an Festlichkeiten vorkommen würde, mit anzusehen. Da verführte männiglich, wie es zu geschehen pflegt, wenn die Menge müßig ist und in Erwartung neuer Dinge, ein Getöse rings um mich her, da ich unter sie schritt, daß es schier in meinen Ohren erbrauste. Ich merkte bald, daß der Meisten Augen und Sinne nach jener Seite gerichtet waren, wo ich gleich anfangs, da ich die Aue übersah, das Lager der Herrschaften wahrgenommen hatte.

Da war unter einem Nußbaum, der hoch und weit seine dichtbelaubten Äste streckte, und etwas in der Mitte der Bergwiese stund, von seinem Stamme aus ein Überdach aus buntem Gewebe gespannt mit purpurnen Quasten, das vorne Stäbe trugen, die in Gold und Silber erglänzten. Unter diesem Überdach zur Erde waren Teppiche gebreitet mit schimmernden Borten; darauf stunden Sessel, die auch mit kunstreich gesticktem Zeuge überdeckt waren; als das Meisterlichste aber in zierlicher Arbeit und reicher Pracht mußte Jedermann die Decken auserkennen, so von der Höhe des Daches zur Erde niederhiengen und hinten den Raum abschlossen: sie schienen aus lauter Seide, Purpur und Gold gewebt zu sein. Als ich mit Staunen all diese edle Kunst betrachtete und Einen, der mir zunächst stund, fragte, was wohl des Gezeltes Bedeutung wäre, sagt' er mir, das wäre für die Braut bestimmt, von da aus den Spielen zuzuschauen, die zu ihren Ehren würden gehalten werden. Die reichen Decken aber hätte der Bischof aus seiner Hofhaltung von Speyer hergeführt. Daß ich da wieder vom Bischof Gebhard hörte, schuf mir wenig Freude, und mahnte mich daran, daß ich sicherer anderswo weilte, als wo er mir begegnen könnte oder ich ihm; doch er kannte mich ja nicht von Person, und wie sollte mich Irgendwer aus der Menge herausfinden, so ich mich nur klüglich hielt. Zudem wuchs mir heftig die Neugier, da ich von der Braut hörte, ihren Namen zu erkunden und ob es wohl Irmela wäre. So lugt' ich denn mit Eifer nach vorn, vielleicht da unter den Knechten, die hin und wieder liefen, einen vom Elzeburger Gesinde zu erkennen. Mit meiner hohen Gestalt sah ich, wenn ich mich ausreckte, leicht über die Häupter der Meisten. So erblickt' ich denn, ungehindert von dem Haufen, der mich umdrängte, Alles, was da für die Herren und ihre Gäste hergerichtet war. Ich sah reiche Gezelte und unter grünem Gezweig Tische, das Mahl zu halten. Seitwärts im Schatten des Waldraines stunden Rosse und Saumthiere, mit Halftern an die Äste der Bäume gebunden, oder an eingezäunten Stellen grasend.

Unweit von da waren von Brettern Tische und Bänke für die Knechte hergerichtet, und unterschiedliche Rauchsäulen, die hie und dort hinter Bäumen emporstiegen, ließen erkennen, daß man zum Mahle rüstete; wie denn auch jetzt schon unter einer schattenden Buche ein Schenke aus einem großen Faß Jedermann, der aus dem Volk da hinzutrat, den Becher oder Krug füllte. Wiewohl nun da die Geschäftigkeit der Diener um die Zelte und Tische groß war, und auch ritterliche Herren, in reichem Schmuck gekleidet, sichtbar wurden, so konnt' ich doch aus der Menge Keinen unterscheiden als einen Solchen, den ich vordem schon gesehen hätte. Aber all' dies Wesen und Leben vor mir erschien meinen Neulingsblicken doch so werth der Betrachtung, daß ich nur immer unverwandt hinstarrte und mit Herzklopfen nach den Zelten, ob etwan aus deren einem die Braut schreiten möchte.

So mocht' ich höher denn sonst mich gereckt haben, gar nicht achtend, ob ich nicht auch selbst ringsum Allen so bemerkbar würde, als ich hinter mir eine Stimme vernahm, von der ich gewiß war, daß ich sie nicht zum ersten Mal hörte.

»Sieh dort den Mönch, der mit uns briet Dein Gänslein, eh' uns Krumholz schied.«

Darauf kam die Antwort:

»Wie Dir sein Kleid auch wohlgerieth: Ihm liebt nicht mehr, Gesell, Dein Lied. Drum fort, daß er uns nicht ersieht!«

Geschwind hatt' ich mich bei dieser Wechselrede, deren Sinn mir nur allzuverständlich war, umgewandt; aber gar eilig befolgte das ungleiche Paar den Rath des Kleinen, und nur noch einen kurzen Augenblick sah ich die Beiden, wie sie sich mit Ungestüm durch die Menge hindurch drängten, in der sie sogleich darauf verschwunden waren. Da mußt' ich bei mir lachen, daß hier Jemand vor mir die Flucht gab, dem doch selber nichts mehr Noth that, als unbemerkt zu bleiben und unerkannt. Und so gedacht' ich hinfort fürsichtiger zu sein und mich sorglicher unter dem Haufen verborgen zu halten.

Aber da geschah es, daß, mir zum Wenigsten ganz unerwartet, drüben um die Gezelte eine Bewegung nicht kleine entstund und Diener in bunten Röcken unterschiedlicher Farben, wie die Sitte ist bei solchen Festen der Ritterschaft, hervorsprengten und mit Stäben, die sie in Händen schwangen, die umherstehenden Leute zurücktrieben, daß vor uns der ganze Platz frei würde. Wie nun von den also Bedrängten der Eine hier und der Andre dahin lief, und ich, des Dinges ungewohnt, zuerst nicht wußte, wohin ich mich wenden sollte und hernach öftermalen immer wieder an einen Wärtel gerieth, der mich dann mit Schelten zurücktrieb, so fiengen die Leute an über dies Spiel zu lachen, was mich noch mehr verwirrte, so daß ich endlich gar nicht mehr durch die Vordersten durchbrechen konnte und Allen sichtbar vorn unter den Ersten stehen bleiben mußte.

Doch im nächsten Augenblick waren Aller Augen nur vor sich nach den Zelten gerichtet, sich nichts entgehen zu lassen, was da vorgieng. Da traten zuerst die zween Wappenherolde hervor, die ich schon unten im Thale gesehen hatte, stellten sich an den Eingang des einen sonderlich geschmückten Zeltes, richteten ihre Banner auf, setzten ihre Hörner an den Mund und ließen die ertönen, daß es ringsum aus dem Wald und trüben von den Bergen wiederhallte. Da ward Alles still, und heraus traten aus demselben Gezelt der Bischof Gebhardus Spirensis, auf dessen Ornat ein Kreuz mit Edelsteinen funkelte, das da an güldner Kette ihm an der Brust befestigt war, und ihm zur Seite ein junger Ritter, stolzen und strengen Aussehns, über dessen Schulter nach fränkischem Schnitt an seidnen Schnüren ein Mantel hieng von Sammet und köstlichem Zobel. Dieser Ritter, so hört' ich, war Gebhard's Neffe, reich an Gütern und aus fürstlichem Hause; ihm hätte der Ohm selber die Braut geworben, die jetzt gen Speyer geleitet würde, und Wunder hörte man von dem Mahlschatz sagen, der ihr bestimmt wäre.

Während dem schritten die Beiden, die Herolde voran und in ihrem Gefolge Herren und Junker und dem Zuge zur Seite Knechte mit Hellebarden oder gezogenen Schwertern, einem gegenüber aufgeschlagenen Zelte zu. Allda machten sie Halt und zween Edelknaben giengen hinein. Alsbald stießen die beiden Herolde wiederum in ihre Hörner, daß es laut erscholl. Da wurden die Zeltvorhänge zurückgeschlagen und heraus ward die Braut geführt; ihr folgten Dienerinnen. O, ich erkannte sie wohl und Den, der sie an der Hand führte, ob auch gleich, seitdem ich sie zuletzt gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen war! Ihre Schönheit, däuchte mich, war strahlender geworden: nicht Dank der Pracht, welche die Maid da trug; denn Wer mochte noch dem seidenen Gewande mit den gestickten Borten, dem edlen Gesteine am purpurnen Gürtel und dem sonstigen Geschmuck einen Blick gönnen, wenn er nur einmal dies Angesicht geschaut hatte, das da vom Schleier umwallt leuchtete, wie wenn Lilien und Rosen zusammenstehen. Sondern was nach meinem Wähnen ihrer Schönheit zur Erhöhung diente, war, daß sie all' der Zier, mit der man sie heute sah, nicht zu begehren noch zu bedürfen schien, und daß sie auf die Herrlichkeit, die sie hier umgab, kein größeres Aufmerken hinkehrte, wie mich däuchte, als damals auf ihre einfache Tracht, in der ich sie in Elzeburg zu sehen gewohnt gewesen war. Und dies eben schien mir als eine Veränderung in ihrer Seele, daß sie an der gegenwärtigen Pracht keinen größeren Antheil nahm, die doch, als ich wähnte, vor wenigen Wochen über den geringsten Theil dieser Augenweide der kindlichen Freude viel gezeigt hätte.

Als die Maid hervortrat, neigte sich vor ihr Ritter Conrad mit zierlichem Gruß, den sie mit Züchten erwiederte, wie sie auch mit Ehrerbietung vor den Bischof trat. Da ward von allen Seiten ein freundlich Grüßen gethan. Darnach trat der Bischof der Braut zur Seite, sie zu geleiten, als der die größte Ehre an diesem Tage gebührte, und zu ihrem Ohm Eberhard gesellte sich der Bräutigam. Hernach folgten die Andern in ihrer Ordnung. So begaben sie sich allsammt nach dem Sommerzelt, das am Nußbaum ausgespannt war, wo auf den Sesseln Irmela in der Mitte und ihr zu beiden Seiten der Bischof und der Graf sich niederließen. Hinter sie stellte sich Conrad und sonst zween oder drei der Edelsten aus Gebhard's Gefolge. Die Andern alle, Ritter, Junker und Knechte, ordneten sich, ein Jeglicher, wie ihm gebührte, diesen Herrschaften zur Rechten und zur Linken.

Wie ich das Alles betrachtete, wundert' ich mich, wie wenig doch Irmela, der zu Genieß dies Gepränge bereitet war, die Glückseligkeit einer Braut sehen ließ; wie selten sie des Mannes achtete, der ihr zum Gemahl erkoren war, und nur wenn er mit ihr redete; wie liebevoll sorglich aber oft ihr Ohm sich zu ihr wendete und wie freundlich jedesmal ihr Angesicht lächelte, wenn er's that, als sollt' er nicht zweifeln, daß sie ganz glücklich wäre.

Nun gab der Bischof ein Zeichen, die Diener geboten dem Volke Stille und einer der Herolde trat vor, verneigte sich gegen die Herrschaften im Gezelte und rief dann, zum Volk gewandt, mit lauter Stimme folgendermaßen:

»Nachdem es seiner bischöflichen Gnaden geliebt hat, ihren Neffen, den trefflichen Ritter Conrad, von Gernstein zubenannnt, auf seiner fröhlichen Brautfahrt hierher zu begleiten, haben Sie zu mehrerer Ehre dieses Tages und zur Erhöhung werther Lustbarkeit nach alter Sitte öffentliche Spiele halten wollen. Und weil denn die vieledle Braut« (hierbei neigte der Herold sich gegen das Fräulein) »der preislichen Singekunst sonderlich zugethan ist, lassen Seine bischöfliche Gnaden zuvörderst Alle, die in der Singekunst etwas vermögen und sich deß getrauen, hiermit zum Wettkampf entbieten, darin ihr Bestes zu versuchen. Ein Kranz und silberner Becher ist der Preis. Die holde Braut selber wird die Gabe darreichen Dem, den sie als Sieger auserkennt.«

Darauf schwieg dieser Herold und trat zurück an seinen Ort. Da winkte der Bischof einem Edelknaben, der hinter im stund. Der kam hervor, bog vor Irmela das Knie und bot ihr in silbernem Gefäße, das er in Händen trug, ein weißes Blatt und Griffel dar. Sie nahm Beides, reichte es aber hinter sich dem Gernsteiner. Der besann sich nicht lange, beschrieb das Papier und legt' es wieder in die Schüssel. Nun gieng der Knabe, nahm das Blatt heraus und übergab es dem andern Herold. Nachdem dieser gethan, wie der erste, entfaltete er das Papier, erhub seine Stimme und las, was da geschrieben stund:

»Woraus die Herzensliebe zumeist Gedeihn gewinnt!« Das ist's, worauf die Singer Antwort geben sollen, wer die beste findet. Wohlauf denn, wer hoher Ehren begehrt! -- Zum Sinnen ist eine kurze Frist verstattet!«

Dies schien mir nun eine geschickte Zeit, mich von der Stelle hinweg zu machen, auf der ich stund. Nicht allein des Bischofs wegen, wenn ihn etwa die Lust ankäme, nach dem Klösterling zu fragen und mich vor sich zu bescheiden, sondern ich scheute mich nicht weniger, in dieser meiner Tracht von der Jungfrau Irmela erkannt zu werden; und nahe genug war ich ihr da. Ich sucht' also und fand, da nun eine Zwischenzeit, bis sich das Wettsingen anheben sollte, gegeben war, eine Gasse durch die Menge und war bald im Walde ihr entgangen. Aber vom Schaun der Herrlichkeit wie von der Erwartung, was nun folgen sollte, war mein Gemüth so erregt, daß es mir eine Pein schien, dem Spiele fern zu bleiben. Auch war mir, ich wußte selber nicht warum, Irmela's Anblick hier im festlichen Glanz so leid wie lieb gewesen, aber ein sehnendes Verlangen zwang mich zurück, sein ferner zu genießen.

So hieng ich zwischen der Lust, mich wieder hinzukehren, und der Sorge, durch meine Tracht in Beschwerniß zu gerathen. Da vernahm ich von ferne den Schall der Hörner und den Ruf des Heroldes, daß das Spiel begönne. Alsbald sucht' ich mir einen sicheren Versteck unter überhängendem Gestein. Daselbst legt' ich meinen Klosterrock ab, verbarg ihn wohl und kam in der Singertracht herfür, die ich mir in Elzeburg zum Lohne verdient hatte.