Irmela Eine Geschichte aus alter Zeit

Chapter 10

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Aber da ich leise das Fenster geöffnet hatte und, wie ich mich hinauslehnte, den ersten bleichen Schimmer des Tages über die Berge aufdämmern sah, tönt' es wie ferner Gesang in mein Ohr. Und bald unterschied ich heilige Klänge und Orgelton.

Da trat ich hinaus.

Laut und lauter ertönte der Gesang und deutlicher erscholl der Orgelton; und jetzt schwangen sich die Töne auf, wie nächtliche Nebel aus der Tiefe zu lichten Morgenwolken werden, und ich hörte vernehmlich den Lobgesang St. Ambrosii. Aus voller Brust stimmt' auch ich ein und sang die sel'gen Klänge mit. Da schienen mir die Waldvöglein, die davon erwachten, auch mit uns Gott zu loben in ihrer Weise; und wie ich hinaufsah nach St. Wigbert's Kirchlein, gieng der erste Sonnenstrahl über sein Dach, die nächtlichen Schatten entflohen und ich grüßte das süße Licht.

Sechstes Kapitel.

Widerstreit.

Gewißlich ist's nichts Sonderliches, daß ein müßiger Mann den Sonnenstrahl betrachtet, der durch's Fenster strömt und die Stäublein darin, wie sie hin und wieder schweben. Und ich durfte müßig sein in jener Nachmittagsstunde, da ich im Chor unserer Kirche ins Gestühl niedersaß dem Bilde gegenüber, das ich eben vollendet hatte. Es war die Nachmittagsstunde eines heißen wolkenlosen Sommertages, unlange vor dem Feste St. Johannis Baptistae; auch in der Kirche war die Luft fast schwül, draußen regte sich kein Laub, und nur das Flattern geängsteter Schmetterlinge unterbrach die Stille, die durch die Wärme aus ihren Puppen heute hervorgelockt sein mochten und nun, die Freiheit suchend, gegen die Scheiben flogen, oder auch, weil sie die bunten Gläser für leuchtende Blüthen hielten. Sonderliches also war es nicht, daß ich malmüder Mann der sommerlichen Ruhe rings umher behaglich mitgenoß, die Hände ineinander gelegt hielt und den spielenden Sonnenstrahl betrachtete, der drüben vom Fenster her hart neben mir auf das Schnitzwerk am Gestühle gieng. Doch ich betrachtete ihn und betrachtete ihn auch wieder nicht. Mein Auge blieb daran haften, aber meine Gedanken thaten nicht also. Er war ihnen wie eine Brücke, auf der sie die Fahrt nahmen, woher er kam: hinaus in die Weite. Allda besuchten sie manche wohlbekannte Stelle. Es war, als ob derselbe Sonnenstrahl sie ihnen beleuchtete, den jetzt meine Augen hier in der Kirche vor sich sahen.

»Zeuch in Frieden zurück in Dein Kloster!« hatte Brun gar freundlich zu mir gesagt zur Letze, da wir schieden, und hatte wie zum Segen seine Hand erhoben. -- »Zeuch zurück, Diether, in Deinen Frieden, und auch die Erinnerung an all' das, was Du auf Deiner Fahrt hier bei mir und anderswo erlebt, störe ihn Dir nicht! Jeder Tag hat seinen Ruf zu gewohnter Pflicht. Überhöre keinen; und in solchem Gottesdienst wird Dir allzeit die Gegenwart freundlich bleiben auch im Ernst und in der Mühe, sie wird Dir nicht verleidet werden durch ungeduldiges Hinausschweifen in die Zukunft, noch wird, was in der Vergangenheit hinter Dir liegt, Dein Wünschen und Wähnen zu eig'ner Qual gefangen nehmen!« Dann hatt' er mir auch gesagt, ich sollte die Aventiure, so mir begegnet war, und all' meine Fahrt als das ansehen, wozu sie mir auch ursprünglich bestimmt gewesen: als etwas, das nicht mich angienge, mein Sinnen und Meinen, sondern allein nur meine Kunst, mit ihr desto besser Gott zu dienen.

Nach solchem Rath hatt' ich denn treulich gethan, und mich däuchte, er war mir trefflich gediehen.

Ich hatte mir fürgesetzt, von Allem, was sich mit mir zugetragen hatte, so es möglich wäre, gegen Niemand im Convent zu reden: ich würde denn gedrungen dazu. Denn ich wußte wohl, daß dann des Fragens kein Ende sein würde, auch des Spottes nicht und des Verdachts. Nur wie ich vor Abt Albrecht bestehen sollte mit meiner Beichte, wenn er mich vor sich erfordern würde zur Rechenschaft von meiner Reise und von dem, was ich ausgerichtet -- das schuf mir Noth. Mein Bleiben auf Elzeburg, und daß ich mir die Verwechselung so lang gefallen ließ, die Ursach' auch, aus der ich dahin gerathen, meine Gesellung zu den zween Fahrenden: wie konnt' ich denken, dies Alles dem Gestrengen so glimpflich fürzubilden, auch wenn ich dabei der besten Kunst brauchte, die ich vermöchte, daß er darob seine Gunst nicht von mir wendete, mich hart anließ' und gar in die Geißelkammer schickte zur Pön und Büßung.

Damit aber war es mir viel besser gerathen, als ich mich deß versehen hatte. Denn da ich wieder gen Maulbronn kam und in den Klosterhof trat, und die Brüder, eine gute Zahl, mich sogleich umringten, so Viele meines Kommens wahrgenommen, und ich von allen Seiten hörte: »_Salve, Diethere!_« oder: »_Quid novi?_« oder: »Heah, Diether, wie hast Du ein ander Aussehen gewonnen auf der Fahrt!« und da beinahe ein Getümmel entstund von der Menge der Herzulaufenden und dem »Diether«-Rufen -- so merkt' ich allsogleich, daß es heut an Abt Albrecht's Regiment fehlen müßte, denn es war die Stunde des Tages, da sonst keiner der Brüder, zwingende Ursach' ausgenommen, sich in Hof und Kreuzgang zeigen durfte. Wie ich denn des Abtes drohende Gestalt nirgend aus einer Pforte oder zwischen Pfeilern hervortreten sah, fragt' ich nach ihm. Da thaten sie mir Bescheid, daß er, hochwichtige Rechte unseres Klosters zu verfechten, gen Pforzheim gezogen wäre, allda mit etlichen hohen weltlichen Herren zu handeln, die sich unterwunden, unseres Stiftes Privilegien anzutasten. Unser Prior, dem er zumeist vertraute, wäre auch mit ihm, und so möcht' ich mich um deswillen nichts besorgen, sondern unter ihnen bleiben und von meiner Fahrt erzählen. Da sagt' ich ihnen, vom weiten Wege wär' ich übermüde, und ob sie nicht wüßten, daß zu dem Willkomm', damit man den Waller begrüße, bevor Allem sich die Atzung schicke, die man ihm erbiete. »Und wenn Ihr mir die gegönnt habt«, sagt' ich, indem ich dem Refectorio zuschritt, »so seid gefüge und laßt mir heute die Ruhe, die ich Wegmüder wohl mir verdienet habe.« Da meinten Etliche, ich wäre wohl gar stolz worden, die Meisten aber lachten und sagten, man sähe, daß ich in des Bischofs Pfalz die höfischen Sitten erlernet hätte.

Nun ward mir nicht um ein Kleines sänftiglicher zu Sinne, daß ich dergestalt heut und morgen des Erscheinens vor des Abtes hellem Auge überhoben war; und wie ich mich der Brüder, sonderlich der Neugierigen unter ihnen auch ferner erwehrte, ihnen von meinen Aventiuren nichts zu verrathen, auch dazu ward mir Rath. Denn andern Tages früh, sogleich nach der Matutin, überkam ich den Befehl, den der Abt für mich zurückgelassen hatte: ich sollte, sobald ich von meiner Fahrt heimgekommen, schier ungesäumt mich an mein Malwerk in der Kirche machen und dasselbige also fördern daß die Verzögerung, so ihm durch mein Abwesen widerfahren, nach Möglichkeit wiederum eingeholt würde.

Behender, dünkt mich, bin ich nie auf's Gerüst hinangestiegen, als dazumal, und lieber hab' ich nimmer darauf mit Stift und Pinsel geschafft, noch eifriger. Und das nicht allein darum, weil ich, so lang' ich droben weilte, vor aller Bedrängniß durch lästige Frager geborgen war; -- denn Niemand durfte mich aus sonderlichem Untersagen des Abts da heimsuchen, er mußte denn zu Hilf' und Handreichung von mir begehrt sein -- sondern ich erfand auch eben da, wie weise Brun bei meinem Abschiede mir gerathen. Ja, noch trefflicher wies sein Rath sich mir aus, als er wohl selbst gedacht hatte. Denn diese Arbeit, dazu jeder Tag mich rief, lenkte freilich all' meine Gedanken auf sich und forderte mein Vermögen, es gänzlich daran zu kehren. So wurde mein Gemüth vom unruhigen Schweifen durch sie heilsam zurückgehalten. Aber da bewies Frau Kunst an mir Unmüßigem noch eine besondere Tugend. Denn sie versagt denen, die sie meinen und minnen, nichts von Allem, wonach sie Herze tragen, und freiet sie doch zugleich von vergeblichem Sehnen darnach und seiner Unlust. -- Sie läßt die Seele der Dinge, daran sie hängt, genießen, als wären sie beständig gegenwärtig, und kein Herbst drohte den Blüthen und keines Todes brauchten sie sich zu entsetzen; damit mein' ich gar nicht, daß die, so einer edlen Kunst rechte Jünger sind und mit solcher Gotteskraft begabt, Leid und Mühe in der Übung solcher Gabe nicht kennen: der Wiederhall von der Menschheit Weh und Wonne, ja von Himmel und Hölle ertönet wohl lauter in ihrem Herzen als in anderen; aber das sag' ich, daß die Bilder der Dinge in ihrem Gemüth sich spiegeln können in all' ihrem unterschiedlichen Licht und Glanz, und dennoch das Herz davon nicht verwirrt wird, sondern in der Stille bleiben kann und edlen Freiheit.

Also, ist mein Wähnen, geschah auch mir in jenen Wochen nach meiner Wiederkunft, da ich das Bild malte im Chor vom englischen Gruß. Ohne Absicht gerieth es mir da nach dem Bilde, das ich von den draußen erlebten Maientagen in der Seele trug, und je eifriger ich allen Fleiß zu meiner Arbeit kehrte, desto näher brachte sie mir das Erlebte, und Vergangenheit und Gegenwart, Thun und Betrachtung flossen in Eins zusammen und störten sich nicht. Da geschah's auch, daß, wie ich die sel'ge Gottesmutter auf das Bild gebracht hatte, die hehre Fraue Irmela's Züge an sich trug, und ich hielt's nicht für sündlich, sondern setzte mit Freuden die Glorie um's Haupt aus lauterem Golde; denn ich gedachte, daß wir ja auch das Heiligste nicht anders bilden können, als indem wir Gottes Creatur dafür zum Gleichniß erkiesen. Ich malte aber auch unter das Laub, so die heilige Maria überhängt, ein Gezweig blühenden Flieders und zu der Lilie im Gefäß that ich ein Reis mit röthlich schimmernden Apfelblüthen. Solches und Anderes fügt' ich hinzu, nach dem Bildniß, das ich von Elzeburg mit mir gebracht hatte.

Als es nun Alles vollendet war, mit größerem Fleiß und eifrigerem Trachten das Beste meines Vermögens zu thun, als ich je zuvor an ein Bild gekehrt, däuchte mich's wohl gerathen und ich dachte: »Was gilt's! Schwerlich hätte Abt Albrecht dem welschen Bilde, nach dem er mich ausgesandt, eine bessere Zierde für unsere Kirche verdankt, als er nun gewonnen hat!«

Mit solchen Gedanken saß ich nieder in's Gestühl an jenem Vormittag mit dem Behagen Eines, der sein Werk vollbracht hat und nun ganz der Ruhe genießt. Aber da zog der Sonnenstrahl meine Betrachtung hinweg vom Bilde und lenkte sie hinaus, und zum ersten Mal nach meiner Heimkunft, dünkt mich, stieg in mir die Frage auf, ob ich wohl für immer von dieser bunten Welt draußen und von Elzeburg und ihrem Ingesinde sollte geschieden bleiben. Irmela's Zuversicht kam mir in Gedanken, die sie bezeugte, da sie mir beim Scheiden die Hand bot, daß sie mich um die Sonnenwende zu Speyer wieder zu sehen gedächte, als ihrem Ohm gesindet. Ich mußte auch gedenken, wie sie sagte, sie verhoffe noch manche Lieder von mir zu hören und fröhliche. »Wie wird sie sich verwundern«, dacht' ich, »wenn sie vernimmt, ich sei entschwunden«, und ich fragte: »ob sie dann auch meiner Bitte sich erinnern wird, die ich that, nimmer schlimm von mir zu halten?« Und ich wünscht' es mir also. -- »St. Johannistag ist nahe«, dacht' ich wieder, »nun wird das Mägdlein auf sein gen Speyer; leichtlich ist sie schon allda. In der Kurzweil' und im fürstlichen Glanz des Hofes wird sie die enge Burg am stillen Wiesenthal bald vergessen haben -- und, eitler Diether, noch bälder Dich!«

Da wandte ich mich hinweg vom Sonnenstrahl, denn er, so schien's mir, lockte meine Gedanken auf diese Bahn, und ich beschloß, solchem Sinnen nicht ferner nachzuhangen. Brun's gedachte ich und seiner Mahnung, da er mich von sich ließ; ich gedachte auch der traurigen Geschichte, die er mir erzählt hatte. Wie war er doch selbst von ihr so bewegt worden und wie eindringlich warnte sie mich! Am Tage nach jener Nacht, da ich ihn so gar verändert und erschreckend gesehen, hatte er Alles dessen, was er da gethan und gesprochen, nicht mehr gedacht, als wär' es von ihm vergessen wie ein Fiebertraum, aber mit viel freundlichen Worten hatte er meine Lust gelobt in's Kloster zurück und sie gemehrt. Auch hatt' er mir gesagt: diesmal sollte unser Wiedersehen nicht aufgespart bleiben, bis ich auf's Neue eine Verwandlung leiden und die Flucht geben müßte, denn dann würd' er und gewißlich ich auch sie nimmer wünschen; sondern um meinetwillen wollt' er unterweilen aus seiner Waldestiefe herfürtauchen und mich heimsuchen im Kloster. Einem alten Waldbruder würde der Convent den Eingang nicht versperren. Um den Johannistag wollt' er mich sehen. Dessen gedacht' ich jetzt und wie übelgethan es von mir wäre und Zeichen eines unverständigen Sinnes, wenn ich des treuen Berathers vergäße, den ich mir gewonnen hatte, und außer seiner Gunst von meiner Reise sonst noch etwas mehr begehrte, als was sie mir droben für mein Bild eingebracht hatte. -- »So will ich denn«, sagt' ich bei mir, »in dieser Sommerzeit nur des Alten harren und sonst nichts suchen zu schauen von Allem, was jetzt das Sonnenlicht mir gezeigt.«

Ich hatte mich wohl kaum erhoben und gedachte die Kirche zu verlassen, als ich im Laienchor feste und eilige Schritte hörte, und gleich darauf durch das Lettnerpförtlein Abt Albrecht und hinter ihm der Prior sichtbar wurden. Er war immer ein Herr von wenig Worten, und so mocht' er auch von Andern keins zum Überfluß hören. So fragt' er nach kurzem Gruß allsogleich, wie's mir mit dem Bilde gerathen wäre. Ich verneigte mich und wies hinauf. Er betrachtete das Werk aufmerksam und rief dann nach kurzer Weile:

»Ei, Diether! Das ist Dir trefflich gerathen, und an dem Eifer, mit dem Du daran geschafft hast, vermerke ich mit Freuden, wie fördersam Dir die Reise gewesen ist. Zwar«, fuhr er fort, » ich sehe, Du hast von dem Deinen hinzugethan, aber ausbündig herrlich muß das Muster sein, nach welchem Dir hier dies Bild unserer lieben Frau gelungen ist, und nicht zuviel nach meinem Wahn hat man mir die hohe Kunst des welschen Meisters gerühmt.«

Und er betrachtete wieder das Bild.

»Wir sind wohl zufrieden mit Dir«, sagt' er dann noch, indem er sich zu mir kehrte -- »erwarten nun aber, daß Du nicht minder Eifer und Kunst an dem Werke beweisest, das Dir noch zu thun vorhanden ist. Hier, weißt Du, sollen die heil'gen drei Könige fürgestellt werden (und er zeigte auf die Stelle der Wand), wie sie gezogen kommen, den Gottessohn anbeten und ihre Gaben opfern. Dies sei das Bild, Diether, das Du nun angreifest. Und ohne Verzug! Denn wenn Du Profeß thust, muß zu mehrerer Ehre solcher Feier all' diese heil'ge Zier von den Wänden auf Dich herniedersehen, der durch Gottes Gabe und Gnade sie dahin gebracht hat.«

»So eben zur Stunde, ehrwürdiger Vater«, sagt' ich bescheiden, »hab' ich das Letzte dort am englischen Gruß gethan.«

»So ruhe heut«, sagt' er wieder, »und heb morgen mit den heil'gen drei Königen an.«

»Noch weiß ich nicht, wie ich's am Besten angreifen mag, und die Königliche Pracht fürzubilden dünkt mich schwer zu sein, der ich des ritterlichen Wesens wenig erschaut habe.«

»Doch mancherlei davon, Diether, ist sonder Zweifel Deinem Auge kund worden auf Deiner Fahrt, und wie hier am englischen Gruß der Gewinn spürbar ist, den Deine Kunst aus Deiner Wanderung gezogen, so verhoff' ich, wird auf dem Bild von den Weisen aus dem Morgenlande noch mehr davon sichtbar werden. -- Wohlauf, Diether! sei Dir heute Freiheit gewährt, durch Feld und Wald zu streifen. Brauch' solcher Muße, dem Werke nachzusinnen, das Dir nun obliegt. Ist es nur erst in Deiner Seele lebendig, so werden die Hände bald nachfolgen, es zu gestalten. Nur zögere nicht und laß Deine Kraft nicht erlahmen. Was etwan durch Dich von Gebhardus Episcopus aus Speyer mir entboten ist, darüber sollst Du mir berichten, wenn ich Dich mit Nächstem darum vor mich fordere. Denn zur Zeit liegt Anderes zu Recht zu bringen uns hart an.«

Damit winkt' er seinem Begleiter, hub zu Gruß und Segen die Hand gegen mich, und als ich aufsah, schritten sie schon das Pförtlein hinaus, durch das sie gekommen waren.

Da verließ auch ich die Kirche. Nach des Abtes Rath und dem Antriebe meines eigenen Herzens eilt' ich die Klostermauern hinter mir zu haben. Wacker waren meine Schritte, da ich den Weg hinan schritt gen Bretten, und doch hatt' ich kein Ziel. Mich trieb's nur zur Bewegung, und zu rasten wär' mir unmöglich gewesen. Und ob ich gleich mit allem Fleiß mein Gemüth dahin zwang, über das Bild zu sinnen, das ich allsofort zu malen anheben sollte, so gelang es mir damit nicht, meine Gedanken zur Ruhe zu bringen und zum stillen Aufmerken, wie meine Hand das Alles gestalten möchte. Sondern immer wieder schweiften sie hinaus und zurück in die Welt, der ich ungedacht eine Weile zugesellt gewesen war. Ja, das Sinnen über das Malwerk selber, so mir aufgetragen war, half ihnen heute auf diesen Weg. Denn so oft ich mir die heiligen Waller fürstellte mit ihrer reichen Pracht, und mit ihnen den reisigen Troß; immer wieder waren es da Gestalten von Elzeburg, die dahin zogen, zierlich geschmückt, und dann schienen sie mir mit ihren Fähnlein zu winken, als grüßten sie herüber und riefen: »Irmela der Herrin fahren wir entgegen!« Dann war's, als müßt' ich selber mich zu ihnen gesinden und ich sähe mich da auch unter dem Troß.

Da sprach ich zu mir: »Diether, es taugt Dir heut hier außen nicht, mach' Dich zurück in die Abtei, schleuß Dich ein in Deine Zelle, nimm Kohle und Stift zur Hand, und hefte Dein Auge stracks nur auf's Papier, so werden die schweifenden Gedanken zur Ruhe kommen!« Aber dem Willen folgte die That nicht, und statt umzukehren, schritt ich fürbaß, als würde ich vor mir stärker gelockt.

Nun machte der Weg, den ich zog, eine Wende und lenkte zwischen felsigten Bergen in ein Thal hinein, das mit grünem Wiesenplan gar freundlich sich vor meinen Blicken aufthat. Hier wandelt' ich zumeist schon im Schatten, der die Hitze des allgemach sinkenden Sommertages milderte, indeß droben auf den Höhen das röthliche Gestein, von hellem Grün dicht belaubten Buchenwaldes umgeben, im Glanze der Sonne desto leuchtender herniedersah. Mir zur Seite floß ein rauschendes Wasser. Seine Wellen hüpften in Sprüngen dahin, als lüden sie mich ein auszuschreiten ihnen nach, und wüßten mir noch Schönes zu zeigen. Und fürwahr! darin trogen sie nicht. Denn nicht gar lange war ich das Thal hindurchgezogen, da that sich mir ein Bild auf, unmaßen lieblich dem Auge anzusehen. Hier waren die Bergzüge noch höher, aber sie stiegen zu beiden Seiten sanfter hinan und hatten in ihre Mitte, als wollten sie es beschirmen mit Riesenarmen, ein Dörflein genommen. Das hieng an der Lehne eines waldigen Hügels, aus dem ein Felsen steil emporstarrte. Auf diesem Felsen ragte eine bethürmte Burg, gar trutzig über die Dächer unten hinausschauend in die Ferne, dem wachsamen Hirten gleich, der sich bewehrt hat, seine Heerde vor dem Wolf zu schirmen. So friedlich und sicher lagerten sich hier die Häuser an den Bergeshang, der die Burg trug, dicht zusammengedrängt, und nur hie und da lugte noch ein Dach weiter unten im Thal zwischen breitwipfligen Nußbäumen hervor. Rebenpflanzungen und Ackerfelder bis oben an den Waldrand der Berge, wohlbestellte Gärten und fette Weiden um's Dorf her bezeugten, daß es diesem Winkel der Erde nicht am Segen des Himmels, noch am Fleiß der Menschenhände fehlte.

Froh überrascht von dem unerwarteten Anblick hielt ich meine Schritte an. Noch besser sein zu genießen, klomm ich einen Pfad hinan, der die Höhe aufwärts führte zur Seite meines Weges. Da gewann ich bald vom Vorsprung eines Felsens ein herrliches Lugaus. Burg und Dorf und Gärten und Wiesen, in vielen Schlingungen vom fließenden Wasser durchzogen, und weiterhin ringsum die Höhen, hier sanfter anschwellend, dort schroffer emporsteigend, zumeist herrlich prangend mit reifenden Saatfeldern und weitästigen Obstbäumen, dazu die mächtigen Waldungen, die oben die Bergrücken bekrönten und auch, wo Schluchten und Klüfte waren, bis unten zur Wiese sich hinabsenkten: Dies Alles übersah ich nun mit einem Blick und es däuchte mich, als schaut' ich ein Bild, gemalt von des besten Meisters Händen. Da zog sich auch der Weg, den ich gegangen war, weiter zwischen Wiesen und Gärten an dem Burgberg vorbei in das Dörflein hinein. Drüben, wo es zu Ende war, ward er wiederum sichtbar, wie er zum Thal hinausführte, das da als in einem Bogen sich abschloß. Die Straße theilte sich dort, so daß ein Arm zur Rechten des Wassers blieb und mit diesem zugleich, sich allgemach krümmend, hinter einem Berge verschwand, der da steil aus dem Wiesengrunde emporstieg. Quer durch diesen Wiesengrund linkswärts zweigte sich von dem ersten Weg ein zweiter ab; den führte eine stattliche Brücke über das Flüßlein, und darnach schien er in das Gebirg gen Mittag hinaufzuleiten. --

Wie ich so all' dies mit Muße von meiner Höhe aus betrachtete und mich recht eine Freude durchdrang über die stille Herrlichkeit der Gotteswelt vor mir, da ward mir's gewiß: Dies wäre mir nicht vergeblich gezeigt. »Könntest Du«, sagt' ich zu mir, »Etwas ersinnen, was wohlgefälliger anzuschaun wäre und würdiger, die Stätte vorzustellen, da die heiligen Könige dem Gotteskinde und seiner Mutter begegnen -- als hier dies bergumschlossene Gefild? He, Diether! Nun präge Dir all' diese Augenlust recht tief ein in Dein Gemüth nach Gestalt, Licht und Farbe; denn traun! wenn jetzt der Abendstern schon erblinkte und schickte seine Strahlen von dort oben: auf eine minder wonnesame Welt, wähn' ich, säh' er nicht hernieder, als damals der Wunderstern, der über Bethlehem stille stund.« Solches sagt' ich zu mir und ließ meinen Blick über Alles wandern, was da zur Weide vor ihm ausgebreitet war. Drüben vom Abend her, wo der Weg hinausführte aus dem Thal, quoll zwischen den Bergen, die dort ein wenig auseinanderwichen, ein breiter Strom goldenen Lichtes herein und streifte die Baumwipfel des Waldes und traf auch die Zinnen der Burg. Von da, dacht' ich, sollte nun die reisige Schaar heranziehen, so die Helden der Gottesminne geleitet, und wie würden sie voll Freude jauchzen, wenn sie hier das Ziel ihrer Fahrt ersähen. Und wieder stellten sich die Gedanken von vorhin ein, wie ein erwünschtes Ding es doch wäre, wenn ich selber da heute so mitreiten könnte über Berg und Thal, und zöge durch die geschmückte Welt zur Sommerzeit. --

Träumt' ich da, oder befieng ein Zauber meine Sinne, der mir zum Spott vor's Gesicht brachte, was doch nicht war?! Denn siehe! Dort drüben auf dem Wege zum Thal hinein kam's hervor, zuerst nur undeutlich zu sehen zwischen den Waldbäumen, dann glänzend im Sonnenlicht, ein reisiger Zug, stattliche Reiter voran und, wie ich am blitzenden Zierrath erkennen konnte, den Mannen und Rosse trugen, herrlich geschmückt. Wappenherolde schienen die Vordersten zu sein, denn sie waren reich in Purpur und Gold gekleidet; sie trugen ein Banner, und von den Häuptern ihrer Pferde nickten bunte Federbüsche; ihnen folgten gewappnete Knechte zu Fuß und andere reitend auf Rossen, die auf's Zierlichste aufgezäumt waren. Darnach kamen Ritter und Herren, alle prächtig angethan, nicht gerüstet, sondern als hätten sie sich einem Feste entgegengeziert und an Seide, an Sammet und an köstlichen Fellen und Borten nichts gespart. Unter ihnen war auch Einer, der saß gemächlich auf weißem Zelter: nach Hut und Gewand sah er aus wie ein hoher geistlicher Herr; Diener führten sein Thier. Nach diesen kamen Saumthiere, mit allerlei Gezeug und Geräth hochbeladen, wie zur Lagerung und Hofhaltung, zu Gezelt und Küchenwerk bestimmt, und letzlich zog ein bunter Haufe allerlei Volks hinterher, wie sich allweg solcher Leute genug zusammenfinden, wo immer es etwas zu schauen, vielleicht auch zu gewinnen gibt. So entfaltete sich dieser Zug, aus dem Walde herfürkommend, und war nun ganz sichtbar auf dem Wege, den er erfüllte.