Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge
Part 9
Die entfernte Lage dieser Kirche hat folgendes Mährchen zur Folge gehabt: Ehedem stand daselbst eine Kirche, welche zu dem ehemaligen Kloster _Neucelle_, an dessen Stelle jetzt das Ritterguth steht, gehörte. Da nach der Reformation dieses Kloster, nach dem Schicksale mehrerer anderer, aufgehoben wurde, so demolirte man jene Kirche und wollte sie nahe bei dem Dorfe zum Gebrauche für den protestantischen Gottesdienst wieder aufbauen. Aber, o, welch' Wunder! Nicht nur was man aufgebaut hatte, war jede Nacht wieder zerstört, sondern Alles lag wieder an dem alten Orte, wo die Kirche gestanden hatte. Da man nun eine vergebliche Arbeit sah, so baute man die Kirche wieder da auf, wo man sie vorher erst nieder gerissen hatte, und -- es fiel keine Neckerei wieder vor, der Bau ward vollendet. So steht heutiges Tages noch die Kirche auf ihrem alten Platze. --
Dieses Mährchen wird mit vielen Variationen in dortiger Gegend erzählt und oft das Ritterguth mit der Kirche verwechselt.
Der Spatziergang durch diese Thalebene ist äußerst ergötzend und wenn man vorzüglich dann den Weg nach Unter-Schlema wandelt, wird man von den schönsten Abwechselungen und Vorstellungen der Natur entzückt; man wird es nicht bereuen, diesen Weg gegangen zu seyn, denn auch Unter-Schlema liegt sehr interessant. Anmuthige Wäldchen wechseln auf den grünen Höhen zur einen Seite, so wie fruchtbare Gefilde sich auf der andern Seite des Thales verbreiten, in welchem die Häuser und Güter zwischen Obstbäumen versteckt liegen.
Wer dann etwa einigen Durst empfindet, der kehre bei dem Steinmüller (so heißt der Eigenthümer einer häufig besuchten Schenke,) ein und labe sich durch einen Trunk Kirchberger-Weißbier, welches man hier vortrefflich erhält.
6.
Uebrige Gegend um Schneeberg.
Hinter dem Gebirge bei Neustädtel liegt der an und für sich und wegen der dabei angelegten Torfstecherei wohl bekannte _Filzteich_.
Sein Name zeigt schon an, daß es in seiner Gegend sehr moorig und filzig sey, und außer dem Teiche erblickt man nichts weiter, als Wald. Aber man hat eine volle Stunde nöthig, ehe man den Teich umgeht, daher kann man sich die große Fläche Wasser vorstellen. Er existirt schon seit dem funfzehnten Jahrhunderte, wo er, da der Schneeberger Bergbau sehr empor gekommen war, zum Treiben der Räder, welche die unterirdischen Wasserkünste in Bewegung setzen, angelegt wurde, wozu er auch noch gebraucht wird. Daher steht er unter bergamtlicher Jurisdiktion, wird zu gewissen Zeiten gefischt und man hat unter andern vor mehrern Jahren sehr große Hechte gefangen. -- Bei dem Kanale, durch welchen das Wasser in ein nahes Haus, worin es sich auf die Zechen vertheilt, geleitet wird, steht ein Stein, in welchem man »_Dammbruch_« eingehauen ließt; dieß ist zur Erinnerung an den 4ten Februar 1783, wo das Wasser den fehlerhaft gewordenen Damm an dieser Stelle durchbrach und das Dorf Zschorlau überschwemmte, wo es mehrere Häuser fortführte, viele sehr beschädigte und einriß, daß 18 Menschen umkamen, und so drang es bis Auerhammer.
Neben dem Filzteiche findet man die große Torfstecherei, welche aber erst seit 1789. vorzüglich in Gang gekommen ist und jetzt gute Dienste leistet. --
Seitwärts bei Neustädtel öffnet sich ein großes Thal, worin man vornen einen ziemlichen Teich erblickt. Durch dieses Thal gelangt man auf einem sehr angenehmen Wege nach _Lindenau_, einem Dorfe, welches sich ebenfalls in einem seichten, flachen Thale sehr schön ausbreitet und durch seine abwechselnde Umgebungen für den Freund der Natur gewiß viel Reitz hat.
Auf der Poststraße[57] von Schneeberg nach Zwickau kommt man von Griesbach aus erstlich nach und durch _Weißbach_. Dieses Weißbach ist ein schönes, großes Dorf von einer vortrefflichen Lage, vorzüglich die Gegend bei der Kirche ist so romantisch, so einladend, daß man mit Mühe sich davon trennt. Ich würde mich, so wie über die nachfolgenden Gegenden, gern weiter verbreiten; aber für mich endigt sich hier das obere Erzgebirge. Die Berge werden kleiner, die Wälder seltener und von hier an erblickt man meistentheils Aecker und Felder, kurz, hier ist der Abfall des Wildromantischen und der Anfang des Fruchtbaren und ganz Gefälligen. Man übersieht hier die Gegend um Zwickau, dessen Thurm man auf der Höhe gegen Abend hin auch schon wahrnimmt; ferner stellt sich auch die Gegend bei _Wildenfels_, nah und fern, dar, und dieses Alles ist ja kein oberes Erzgebirge, welches einzig nur der Zweck dieser Schilderungen ist. Es sei daher Andern überlassen, jene Gegenden zu durchwandern; ich muß meiner Absicht getreu bleiben.
Der _Keilberg_ bei Schneeberg, dessen ich auch erwähnte, ist kein hoher und vorzüglicher Berg; es ist vielmehr ein breites, sanft und allmählich ansteigendes Gebirge, auf dessen Fuße eigentlich Schneeberg liegt, wenn man es genau betrachtet. Auf der Höhe des Keilberges trifft man in der dünnen Waldung mehrere niedrige Felsen und Felsenblöcke, so wie dahinter einige Teiche. Auf dieser Höhe hat man eine vortreffliche und weite Aussicht.
Auch habe ich vorn von einem _Wolfsberge_ gesprochen; dieser liegt gleich dem Schneeberge gegenüber und bildet mit diesem ein Thal, durch welches der Fahrweg nach Schlema herab geht. Dieses Gebirge bricht sich dem Stangenberge gegenüber gegen Morgen hinab, an der Ecke ragt ein ziemlich hoher Fels auf, worin man den Eingang einer Höhle erblickt, welche aber nur etwa eine Elle lang ist. An diesem Berge stehen einige Eichen, die einzigen in der ganzen Gegend. --
In der Fortsetzung dieser Wanderungen werde ich den Leser über _Schwarzenberg_, _Geyer_, _Scheibenberg_ nach _Annaberg_ und von da weiter herum führen. Auch nach _Wiesenthal_ um des _Fichtelberges_ willen werden wir einen Abstecher machen müssen.
Jetzt will ich noch von den Festen, Gebräuchen und Vergnügungen des obern Erzgebirges erzählen, worin man gewiß viel Interessantes und Nationales finden wird.
III.
Vorzügliche Feste der obern Erzgebirger.
1.
Die Fastnacht.
Unter die vorzüglichen Feste gehört die Fastnacht, eigentlich ein Fest nur für die Bergleute, aber an den meisten Orten nimmt Jedermann gern Antheil daran. Ich werde daher jetzt von Johanngeorgenstadt sprechen, weil in dieser Stadt dieses Bergfest mit bergmännischen Solennitäten gefeiert wird.
Tags vorher sind gewöhnlich die Bergleute aus den combinirten Bergrevieren Schwarzenberg und Eibenstock in ihrem Ornate daselbst eingetroffen. Früh um fünf Uhr wird dann die große Glocke geläutet, worauf von dem Stadtpfeifer und den Berghautboisten ein Morgenlied von dem Thurme geblasen wird. So wie nun der Tag angebrochen ist, sieht man die geputzten Bergleute auf den Gassen einher- und in das Rathhaus ziehen, woselbst sie sich Alle versammeln. Das Volk steht nun umher und freut sich; Mütter freuen sich über ihre Söhne, Weiber über ihre Männer, Kinder über ihre geputzten Väter, Mädchen über die schmucken Bursche. Das ist ein Treiben und Drängen, Schwatzen und Lachen; am Markte und in der Kirchgasse sind fast alle Fenster besetzt. Nun werden auch die Bergbeamten nach dem Range von Steigern und Bergältesten, so wie die Schichtmeister von ihren Leuten auf das Rathhaus feierlich begleitet, wo von oben herab ihnen Trompeten und Pauken entgegen tönen. Mit dieser Feierlichkeit wird auch die Fahne abgehohlt. Welche Lebhaftigkeit hier herrsche, kann man sich leicht vorstellen.
Endlich um neun Uhr unter dem Geläute der Glocken bewegt sich der festliche Zug mit starker Musik nach der Kirche zu. Ein Knappschaftsältester oder Schichtmeister führt den Zug an, welcher vier Mann hoch eingerichtet ist. Doch dieß Alles nach der Ordnung zu beschreiben nebst der Tracht, wäre zu weitläufig und überflüssig. Abbildungen von der festlichen Bergmannstracht findet man im Freyberger bergmännischen Taschen-Kalender. Aber das Ganze nimmt sich vortrefflich aus; wenn man von oben den langsam wallenden Zug erblickt, sieht man nichts als Grün, Weiß und Schwarz, nebst den hier und da hervor ragenden Federbüschen. Das Bergamt in seiner Tracht nimmt sich vorzüglich schön aus. Und so ist der Zug längst in der Kirche, welche fern vom Rathhause steht, während man immer noch seinem Ende aus dem Rathhause entgegen sieht.
In der Kirche wird musicirt und sodann eine Bergpredigt gehalten. Nach derselben wird unter andern auch verlesen, wie viel in diesem Jahre Erz ausgebracht worden sei u. d. gl.
Nach der Predigt oder vielmehr nach dem Gottesdienste geht der Zug in der nämlichen Ordnung wieder auf das Rathhaus und lößt sich dann wieder auf, so wie er begonnen hat. Nun nimmt jede Familie vergnügt ein festliches Mittagsmahl ein; vorzüglich bäckt man an diesem Tage viel Hefenklöße und der ärmste Bergmann thut sich da, nach seinem Ausdrucke, eine Güte, d. h. er ißt mit seiner, oft zahlreichen, Familie, ein halbes Pfund Schweinebraten mit Erdäpfelbrei oder Sauerkraut, und trinkt ein Glas Brandtewein.
Gegen Abend geht er zu Bier und zu Tanz und verjubelt lustig und froh die letzten, sauer verdienten paar Groschen, weiß nicht, ob er morgen noch lebt oder zerschmettert aus der Grube herauf gezogen wird.
Das Bergamt veranstaltet gewöhnlich einen Ball, woran der Rath, die Geistlichkeit und alle Honoratioren der Stadt Antheil nehmen und wo es äußerst froh und vergnügt zugeht. Viel Fremde aus der umliegenden Gegend nehmen häufig Theil an diesem Balle, daß die Fastnachtsfreude in Johanngeorgenstadt seit mehrern Jahren sehr merkwürdig geworden ist.
So endigt oft mit dem Morgen des folgenden Tages ein Volksfest, welches dem Bergmanne dortiger Gegend heilig, für den stillen Beobachter aber äußerst lehrreich und interessant ist.
2.
Weihnachten.
So wie in allen christlichen Ländern und Provinzen das Weihnachtsfest mit allerlei verschiedenen Feierlichkeiten und Gebräuchen begangen wird: so machen auch hier die Bewohner des obern Erzgebirges keine Ausnahme, vielmehr feiern sie es sehr solenn und verfahren dabey noch mit besondern Eigenheiten. Doch diese Feierlichkeit, muß ich erinnern, hat blos Bezug auf den heiligen Abend und höchstens auf den ersten Feiertag.
Während der ganzen Adventzeit arbeitet und schnitzt der fleißige und speculative Bergmann an allerlei mechanischen Spielereien, welche meistentheils allerlei Modelle des Bergbaues sind und ihm manchen Schweißtropfen kosten. Diese verkauft er nun entweder, damit er Feiertagsgeld habe, oder er illuminirt sie zur Freude seiner Familie am heiligen Abend. So findet man hölzerne Steiger, in deren Bauche man ein ganzes, wohllöbliches Bergamt mit den Köpfen nickend Session haltend sieht; überbaute 4--5 Stock hohe Pyramiden, wo man das ganze Bergbauwesen, auch die Eisenhammer, Wasserkünste in völligem Gange sieht u. d. gl. m.
Aber der heilige Abend selbst, wie illuminirt wird er gefeiert. Zu dieser Zeit hat es mir vorzüglich in _Schneeberg_ gefallen, wo man Abends auf dem sogenannten Gebirge hinter Neustädtel und auf dem Mühlberge fast alle Häuser an den Fenstern sehr hell erleuchtet sieht, welches in dem Dunkel der Nacht sehr schön in die Augen fällt. Dazwischen tönt immer ein beständiges Lärmen und Singen, auch die Bergsänger gehen Abends mit Stangen-Laternen und Zithern herum und singen allerley Bergmannslieder. Bei dem geschickten Schlosser-Meister _Muth_ sah man sonst auch verschiedene Bergwerks-Vorstellungen, welche ein einfacher Mechanismus lebendig machte, wobei noch allerhand kleine Spaßerei vorkam. Die gewöhnlichen Speisen am heilgen Abende sind _Semmelmilch_, Hering mit Milchbrey oder mit Aepfelsallat, oder Sauerkraut und Wurst, wobey das Gläschen Schnaps nicht fehlen darf. Zu dieser Mahlzeit brennt ein großes, bunt gemahltes Licht, auf welchem oft Namen und Jahrzahl zu sehen ist oder ein Spruch. Diese Lichte machen und mahlen sich die Bergleute selbst und schenken zu dieser Zeit einige ihren Vorgesetzten. Die Andächtigen singen zu Hause fromme Lieder, während die Frohen umher ziehen und die Weihnachtsgeschenke bewundern. Da geht denn der Wirth oder die Wirthin des Hauses, wo es bescheert hat,[58] herum und theilt Kuchen und Aepfel unter die, zum Theil deßhalb anwesenden, Zuschauer aus.
Sonst war auch das sogenannte heilige Christ-Spiel gebräuchlich, wo Bergleute und andere gemeine Leute in schön gereimten, burlesken Versen die Geburt Jesu als ein Lustspiel aufführten und so von Haus zu Haus zogen. Dabei war immer eine lustige Person, welche allerhand Possen trieb, z. B. dem König Herodes, welcher frisirt mit goldnem Zepter und Reichsapfel auf einem hölzernen Stuhle saß, Schnupftaback unter die Nase rieb, daß er nießen mußte. Joseph wurde als hektisch vorgestellt und hatte eine Säge in der Hand; Maria sprach oft im schönsten Contrabaß, denn Frauenzimmer waren bei dieser Truppe nicht; die Engel giengen in langen Hemden, mit vielen Bändern geschmückt und gepudert, und hielten mit einem seidenen Tuche große Husarensäbel in der Hand; die Hirten hatten hohe spitzige Hüthe von Zuckerpapier auf und knallten entsetzlich mit den Peitschen, auch bliesen sie auf Nachtwächter-Hörnern; der Stern war von Pappe und ölgetränktem Papier an einer Stange aufgesteckt und konnte gedreht werden; manchmal brannte er, denn inwendig stack ein brennendes Licht, auch an; das Christkindlein endlich war nicht himmlischer Abkunft, es sah erbärmlich aus und ward oft sehr übel behandelt. Uebrigens war immer ein Knecht Ruprecht dabei, welchen man im Gebirge _Rupperich_ nennt; wie gewöhnlich war er in einem Schafpelz vermummt, mit einer Klingel und einer Ofengabel versehen und mußte die nachlaufenden Jungen zurückschrecken. -- Am sogenannten heiligen drei Königfeste erschienen dabei gar diese drei Majestäten, wobei eine schwarze war. Doch seit mehrern Jahren hat dieser Unfug aufgehört, welcher eigentlich noch ein Ueberbleibsel des in Sachsen ehedem herrschenden Aberglaubens war. So wurde vor wenig Jahren in einer dort benachbarten böhmischen Stadt das Leiden und der Tod Jesu auf diese Weise aufgeführt, wo den Heiland ein starker Fleischer repräsentirte, welcher einmal, als er am Kreutze hieng und von dem Lanzenknecht in die Seite gestochen wurde, mit starker Stimme vom Kreutze hernieder rief:[59] »_Hannes, stiech nett su dährb, sust stiechst d' mer halter ja d' Leber gkuttenkar durch!_« -- Doch auch diese Gräuel sind nicht mehr, auch dort geht ein helleres Licht auf und wirkt -- Wunder! --
Am Christtage früh um 5 Uhr[60] wird dann Metten gehalten; daß dieses von den katholischen Messen herstamme, brauche ich nicht erst zu erklären. Hier thut sich nun der Bergmann wiederum auf sein Grubenlicht etwas zu Gute, mit welchem er, eines Arms dicke Flamme aufgeschürt, in die Kirche zieht, daß man glaubt, der Ort brenne. Und erst in der Kirche, wenn man auf den Emporkirchen viele hundert dieser hochlodernden Grubenlichter in mehrern schönen Reihen erblickt, hat man dann die prächtigste Illumination.
Bei dem folgenden heiligen Abenden geht es eben wieder so, wie am Weihnachtsabende, zu. Doch was ich erzählte, gilt nicht etwa von Schneeberg ganz allein, man trifft es fast in allen obergebirgischen Städten an. --
IV.
Besondere Gebräuche.
1.
Das Hutzengehn.
Darunter versteht der gemeine obere Erzgebirger, einen Nachbar, Bekannten oder Freundin auf eine nicht lange Zeit zu besuchen, mit ihm oder ihr zu schwatzen. So habe ich bei gemeinen Leuten vorzüglich im Winter dieses Hutzengehn _so_ bemerkt: der Nachbar, die Bekannte oder Freundin kam im Negligee, grüßte, setzte sich auf die Ofenbank, fieng ein Gespräch an, und war es eine Mannsperson, so schmauchte er ein Pfeifchen. Abends kamen mehrere Mädchen mit ihren Klöppelkissen und Klöppelflaschen,[61] setzten sich um ein tischförmiges, rundes Gerüste, auf dessen Mitte ein Oellämpchen stand, stellten ihre Flaschen darum, setzten sich mit ihren Klöppelkissen bereit und nun gieng das Klöppeln an, welches ein sonderbares Geräusche macht. Sie erzählten sich und sangen, scherzten und bemerkten nach besonders ausgesprochenen Sprüchen, wie viel sie _Schläge gemacht_ hatten.[62] Dann kamen einzeln junge Bursche, welche sich mit hinzusetzten und scherzten, oder, da es meist junge Bergleute waren, erzählten, wie sie heute auf der Grube hätten unglücklich seyn können, worüber die Mädchen erschracken und sie innig bedauerten. Kurz, solche Winterabende im Erzgebirge sind sehr interessant; wenn draußen im Schnee der Sturm tobt und man in der warmen Stube unter solchen gutherzigen Menschen traulich sitzt und ihren Erzählungen horcht, auch wohl gar von ihrer Gastfreundschaft mit der einzigen Kost, mit gebratenen Erdäpfeln tractirt wird, -- in der That, wenn man die Menschen liebt, vergißt man hier Ball und glänzende Gesellschaften, wo selten ein warmes, gefühlvolles Herz schlägt, wo man nur der Eitelkeit und ausländischen Sitten fröhnt. O! unter diesen Naturmenschen befand ich mich besser, als in der sogenannten großen Welt; ich fand unter ihnen beinahe wieder, was ich dort verlor. --
2.
Die Aschermittwoche.
An diesem Tage ist es in den meisten Orten gebräuchlich, daß das männliche und weibliche Geschlecht, freilich gewöhnlich die erwachsene Jugend, mit Häckerling oder Heugesäme gegen einander zu Felde zieht und sich damit einäschert. Diese Motion ist freilich oft etwas derb und die Empfindungen dieses Aescherns sind ziemlich unangenehm, denn man fühlt ein immer währendes Jucken und Brennen, welches der auf die Haut und in die Haare geriebene Häckerling verursacht. Aber die gebirgischen jungen Leute sind nicht so überzart und überzuckert, sie lieben diese Motion sehr und verfahren dabei gegenseitig schonungsloos und ohne Mitleid, daß sie dann Stunden lang mit dem Auskämmen und Reinigen der Haare zubringen müssen. Niemand nimmt den Andern etwas übel, ein Gemeingeist, ein Frohsinn spornt Alle zur lebhaftesten Thätigkeit. --
Doch giebt es auch verschiedene Abwechselungen; Liebende oder junge Eheleute z. B. äschern sich oft mit Rosinen und Mandeln an diesem Tage ein. Freilich ist dieses nicht so unangenehm und beschwerlich, und mancher süsse Herr wird dieses auch finden. Ich wollte es euch nicht rathen, ihr zarten, duftenden Herrchen, deren Abgott das hoch gekräuselte, schilfähnliche Haar ist, -- ich wollte es euch ja nicht rathen, bei einem Einäschern mit Häckerling und Heugesäme zugegen zu seyn! Verzweiflung würde euch tödten, wenn ihr im oft und gern betrachteten Spiegel euer zerstörtes Haargethürm mit so grobem Puder durchstreut sähet, wenn ihr alle eure Hoffnungen und Mühe so vernichtet erblicktet; denn die erzgebirgischen Mädchen kümmern sich wenig um eure Hahnenkämme, dadurch berückt ihr sie noch nicht! --
3.
Der Walpurgisabend.
Jener, und wie man hoffen darf, ziemlich verschwundene Glaube an Hexen und ihre Macht hat auch im obern Erzgebirge einen Gebrauch hinterlassen, welchen man fast an allen Orten desselben antrifft. Am Abende vor dem ersten Mai nämlich, also am Walpurgisabend hört man in den Gegenden umher ein immer währendes Schießen, bisweilen auch aus Mörsern,[63] wodurch man sonst die in der Luft reitenden Hexen erschießen wollte. _Jetzt_ sollte nun vielmehr dieses Schießen als ein Zeichen des besiegten Aberglaubens angesehen werden, also ein Victoriaschießen nach dem Kampfe mit Irrwahn und Vorurtheil.
Auf den Bergen versammeln sich die Jungen, welche alte Besen anbrennen, sie dann oft herum schwingen und endlich hoch in die Luft schleudern, welches bei dem Dunkel der Nacht ein hübsches Schauspiel abgiebt. Dabei wird übrigens gejubelt und geschrieen, wie es die rohe Jugend immer zu thun pflegt. --
Man belächle diesen alten Gebrauch der Erzgebirger nicht; nicht aus Aberglauben üben sie denselben, ich versichere vielmehr, daß dort die Bergleute in vielen Dingen weit aufgeklärter und belehrter sind, als der niederländische Bauer. So z. B. ist der Glaube an den Berggeist oder _Kobel_ ziemlich verschwunden.
4.
Das Osterficken.
Am ersten Osterfeiertage früh, an einigen Orten am dritten Feiertage Nachmittags, ist es gebräuchlich, daß Bekannte sich aufsuchen und mit Gerten von Birkenreisern oder Wacholder einander peitschen, welches man _ficken_ nennt. Oft im Bette wird man von solchem Zuspruche überrascht und an den Händen oder Füssen ausgefickt. So sieht man die fröhlichen Leute im größten Negligee oft einander auf den Gassen verfolgen. Das weibliche Geschlecht fällt in starker Anzahl oft über eine einzige Mannsperson her und dann wehe dieser; ungeachtet seiner natürlichen Sanftheit verfährt es hier dennoch ohne Schonung. Es ist ein sehr lustiger Krieg, welchen man führt. Auch dieser Gebrauch ist sehr alt und war sonst allgemeiner. --
5.
Der Pfingstlümmel.
Am ersten Pfingstfeiertage sorgt jedes Glied in einer Familie, daß es nicht zuletzt im Bette angetroffen werde: ist dieses der Fall, so wird man ausgelacht, verspottet und _Pfingstlümmel_ genannt. Den ganzen Tag über, wohin man geht, hört man sich so nennen und wird ausgelacht. Das ist nun die größte Lust, wenn mehrere solche Pfingstlümmel zusammen kommen und sich selbst über einander lustig machen. Auch auf den Zechen, Tags vorher ist dieß der Fall und so bei vielen Professionen und Ständen, auch sogar die Hirten beobachten diesen Gebrauch, wer der erste ist, klatscht ein Konzert mit der Peitsche.
6.
Der Johannisabend.
Es ist auch an mehrern Orten des obern Erzgebirges, vorzüglich an der böhmischen Gränze, Gebrauch, am Abende vor dem Johannisfeste große Feuer an zu machen. Man sorgt aber nicht für die Größe des Feuers, sondern vielmehr, daß ein dicker, großer Dampf entstehe; deswegen nimmt man grünes Reißig und schürt diese Johannisfeuer in Thälern an den Bächen an, damit man durch eingeweichtes Fichtenreißig einen recht dicken Dampf machen könne. Dieser Gebrauch ist auch bei den Gränzböhmen häufig, aber ich konnte nirgends eine bestimmte Ursache erfahren. Geschieht es dem Johannes zu Ehren oder liegt irgend ein Aberglaube zum Grunde? ich weiß es nicht.
Am Johannistage selbst tanzen die Kinder um eine mit Bändern, Kränzen und vergoldeten Eierschalen geschmückte junge Tanne. Doch dieser Gebrauch herrscht fast überall in Sachsen.
V.
Die vorzüglichsten Vergnügen im obern Erzgebirge.
1.
Das Vogelstellen im Herbste.
Es ist nicht zu berechnen, welch' eine Menge Vögel, und meistens Krametsvögel, alljährlich nur im obern Erzgebirge auf allerlei Art und Weise gefangen wird, und der Vogelfang selbst macht ein vorzügliches Vergnügen des Erzgebirges aus. Um Michaelis geht gewöhnlich das Vogelstellen an und ich werde hier alle die verschiedenen Arten des Fanges aufzählen und beschreiben.
Um kleine Vögel, meistentheils Roth- oder Blaukehlchen, zu fangen, bedient man sich _der Tränke_. Zur Zeit, wenn kleine Bäche früh schon ein wenig zu gefrieren, sucht man in einem nahen Waldthale einen solchen kleinen Bach, deren es viele giebt. Diesen bedeckt man nun eine große Strecke weit mit dichtem Fichten- und Tannenreißig, läßt aber hier und da kleine Lücken, daß das Wasser hervor blinkt, und bringt darin viereckige Rahmen von dünnen Bretchen an, worin man Leimruthen fest steckt. Dieses Alles bereitet man gegen Abend vor und geht dann wieder fort.
Früh Morgens fliegen nun die kleinen Vögel umher und wollen trinken, aber die Bäche sind gefroren; so kommen sie endlich durstig an unsern Graben, welcher durch das dicht überdeckte Reißig für Frost gesichert ist. Lange hüpfen sie darum, bis sie endlich an die Lücken kommen, wo die Leimruthen stecken, worauf sie sich setzen und trinken, für diese Bequemlichkeit aber ihre Freiheit und gewöhnlich ihr Leben hingeben müssen. Den Nachmittags geht man hin und nimmt die schreienden und flatternden Gefangenen ab, wobei man manches Vergnügen hat. --