Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge

Part 8

Chapter 83,589 wordsPublic domain

Banger Ernst umdunkelt dieß Gemäuer, Einst ein fester Sitz der Tapferkeit Wilder, raubbegier'ger Ungeheuer, -- Jetzt die Beute der allmächtgen Zeit; Eulen wimmern hier um Mitternacht ihr Schauerlied, Sturmwind beugt die Distel, die aus der Ruine blüht.

Wildes Moos grünt an den öden Wänden, Wo mit ihrem Haus die Schnecke schleicht; Frech Gestripp verstrickt mit seinen Enden Jene Treppe, die dem Fuße weicht; Aus dem feuchten Schutte schlüpft der Molche Brut hervor, Hagedorn blüht aus des Fensters lockern Sims empor.

Auf des Thurmes tief gespaltner Mauer Dehnet sich ein junger Fichtenwald; -- Dieß war sie, die einst geträumte Dauer, Dieß der Thurm, der unzerstörbar galt, Dieß der Trotz der oft Belagerten und ihre Macht; -- Und nun steht zerborsten er, bemooßt und unbewacht!

Manche Beute ward einst hier vergeudet, Manches Wandrers Haabe hier verzehrt; Manche Jungfrau, manches Weib erbeutet Und beim üpp'gen Mahle frech entehrt; Ketten rasselten und Seufzer stöhnten im Verließ, Rieden bellten, wenn zur Jagd ihr Herr ins Hifthorn stieß.

Und ein frommer Pfaff vergab die Sünden Jährlich für ein wohl besorgtes Mahl; Wußte selbst den Himmel nicht zu finden, Dessen Gnade Andre er empfahl, -- Kannte seines Klosters Weine und Gebete nur, Fühlte glücklich sich bei seiner mästenden Tonsur. --

Oder wandelte im Grün der Tanne Eine Jungfrau einsam durch das Moos, Seufzte glühend nach dem schönen Manne, Dessen Bild entzückend sie umfloß: -- Und nun trat er plötzlich kosend aus dem Busch zu ihr, Bat um Liebe, und -- bald standen sie verschlungen hier. --

Aber jetzt herrscht um die grausen Trümmer Dumpfes Schweigen, ew'ge Dämmerung; Geister wandeln in des Mondes Schimmer, -- Schwerdt und Lanze zischt in wildem Schwung', Rosse stampfen vor dem halb verfallnen Bogenthor: Wer ist da? -- »Der Tod und sein Gefolge!« schallt's empor.

Und es spornt der Tod herein den Rappen, Seine Schwester fliegt voran, die Zeit; Ihn bedienen tausend bleiche Knappen, Ihre Zofe heißt Vergänglichkeit. Moder rieche ich und Blut erblick' ich überall, Särge folgen, krachend hör' ich der Trophäen Fall.

So durchstürmen ewig sie die Erde, Schrecken und Entsetzen ihre Bahn; Nichtseyn zuckt aus jeglicher Geberde, Alles wird Ruin, was sie nur sah'n. Was des Menschen Hand gebaut, ist endlich doch sein Grab, Dann ist alle Kunst vergebens und er sinkt hinab! --

Lehre du, begraßtes Burggemäuer, Dieses Lebens Unbeständigkeit! Alles, sey es uns auch noch so theuer, Alles morden dennoch Tod und Zeit! -- Hänge nie an dieser Erden Güter je dein Herz, Tobe in der Freude nicht, verzage nicht im Schmerz! --

4.

Ueber Stein zur Prinzenhöhle.

Weiter oben durch Willbach findet man den Weg nach Stein. An den Feldern schließt sich ein großer, dichter Wald, meistentheils aus Buchen bestehend, an, welcher der _Steinische Wald_ in dasiger Gegend genannt wird und im Rufe der Spuckerei bei dem gemeinen Mann sonst stand und zum Theil noch steht. Man findet aber auch weit und breit keinen solchen Buchenwald; so viel ausgewachsnes Tannen- und hartes Holz, von solcher Menge und Stärke, giebt es wohl in Sachsen wenig. Es ist sehr kühl in diesem Walde, aber an einigen Stellen wiederum sehr schauerlich und heimlich. Man trifft ganze kleine Himbeerwälder darin an, deren Früchte von einem besondern stärkenden Geschmacke sind. Uebrigens aber ist es einsam, und wenn zwei Menschen einander begegnen, erschrecken sie gewiß anfänglich vor einander. An einigen Stellen soll sich zu gewissen Zeiten eine weiße, verschleierte Frau sehen lassen, welche ein großes Buch trägt und beständig in dem dürren Laube am Boden wühlt. -- Sonst gab es auch viel Wild in diesem großen, dicken Walde, besonders Schweine, die sich sehr gut von der zahllosen Menge der Buchennüsse nähren konnten; jetzt aber hat sich dieß ganze Wild an die Tafeln der Großen verhandelt. Der Weg ist bei trockenem Wetter sehr gut, hingegen wenn es geregnet hat, ist fast kein Fortkommen, da der Boden lehmigt ist; vorzüglich wenn es bergab geht, kömmt man sehr übel an.

Aber übrigens ist es ein interessanter Spatziergang. Wenn man, wo sich der Weg bergab zieht und zu beiden Seiten junge Buchengebüsche ihn beschatten, eine Strecke hinab gewandert ist, hat man plötzlich einen überraschenden Anblick. Links gegenüber nämlich dehnt sich ein großer, schwarzer Tannenwald herab, an welchem man, ohne irgend etwas anderes zu erblicken, den obern Theil eines mit Schiefer gedeckten Thurmes wahrnimmt; man staunt auf die Erscheinung, sieht aber, je tiefer man hinab wandert, den Thurm immer höher und nach und nach das Schloß _Stein_ zauberisch hervor wachsen. Man beugt jetzt noch einige Schritte um einem großen Stein herum, stellt sich dann auf den hohen Rand des Weges und hat nun einen romantischen Anblick, den keine Feder zu schildern vermag. Sich gegenüber nämlich erblickt man den hohen, schwarzen Tannenforst, welcher sich weit durch das Thal hinab zieht und mit dem lichten Grün junger Buchen hier und da angenehm absticht; schräg rechts hin ragt das hohe Schloß mit seinen Gebäuden dicht an der daher fließenden Mulde auf und spiegelt mit seinen vielen Fenstern sich auf der ruhigen Fläche des Stromes, welcher durch die begraßte Ebene des Thales still in seinem Bette hinabwogt. Auf dem jenseitigen Ufer der Mulde zieht sich eine lange, hohe Lindenallee von dem Schlosse an hinab gegen das Ende des Thales, welches sich hinten in einem waldigen Halbrund zu endigen scheint und in sein Dunkel die silbern strahlende Mulde aufnimmt. Bei dem Schlosse macht die Mulde einen ziemlichen Bogen, denn auch das Thal bricht sich schnell von Süd-Ost nach West, also fast ein rechter Winkel, daher stelle man sich den angenehmen Anblick des verfallenen, auf Felsenspitzen gebauten Schlosses vor, welches sich gerade an diesem Winkel der Mulde erhebt, daß man von demselben aus auf der einen Seite den kommenden, auf der andern den fortgehenden Fluß vor Augen hat! --

Hinter dem Schlosse, zwischen den beiden herab sich ziehenden Gebirgsseiten sieht man hinten aus einem Buchenhaine auf der Höhe des Berges das Schloß _Hartenstein_ sich freundlich erheben, so wie auch gegenüber das Städtchen gleiches Namens an einem flachen Gebirge zwischen Fluren herab breitet. Im Ganzen ein herrlicher, äußerst romantischer Anblick! Dieses hat man auch gefunden und die Gegend um das Schloß Stein ist oft gezeichnet und in Kupfer gestochen worden; aber man hat nicht jedesmal die schönste Ansicht gewählt. Auf dem Schlosse Hartenstein fand ich in einem Saale ein Oelgemählde, wo die ganze Gegend um Stein und zwar von der schönsten Ansicht trefflich und meisterhaft vorgestellt und ganz natürlich abgebildet war; nach diesem Gemählde müssen Landschaftsmahler die Gegend copiren, wenn sie ganz interessant sich ausnehmen soll.

Doch wir gehen nun den Berg vollends hinab und in das Thal. Hier sehen wir in der Nähe des Schlosses einige Häuser, nämlich auf dem diesseitigen Ufer der Mulde und indem wir nach der überbauten Brücke gehen, ruft man uns aus dem nahen Hause zu: »erst ~à~ Person _zwei Pfennige_ Brückenzoll zu entrichten.« -- Dieser Zoll kann nur denen überflüssig scheinen, welche das Wohlthätige einer Brücke nicht einzusehen vermögend sind.

Jetzt sind wir im Innern des Schlosses und zwar eigentlich noch vor dem Thore; aber die Seite, wo wir uns jetzt befinden, ist mit Ställen, Scheunen und Schuppen angebaut. Ueber dem Thore sieht man die starken Räder, über welche sonst die Ketten der Zugbrücke herab rollten; auch der Burggraben ist noch sichtbar, den wildes Gesträuch und Schutt füllt, unter welchen Nattern und Kröten nisten. Das übrige Aeußere des Schlosses ist ein Beweiß, daß es schon sehr alt sei; denn der Styl des Baues grenzt an das Gothische und aus den vielen und mannichfachen Fenstern erkennt man den kindischen Geschmack jener Zeiten, so wie man auch wahrnehmen kann, daß später manches dazu gebaut und verbessert worden sei. Aber der innere Hof des Schlosses erweckt Grauen und Furcht, wenn man um sich und über sich blickt, wie auf hochragenden Felsenspitzen man die Seitengebäude aufgeführt hat, welche dem augenblicklichen Einsturze drohen und mit Gestrippe und Sträuchern bewachsen sind. Vorzüglich der alte Thurm, welcher einst zur Warte gedient haben mag, füllt durch sein auffallendes Ansehen mit Schauergefühlen die Brust des Wanderers, der mit der nächsten Minute den Zusammensturz desselben fürchtet. Doch wie die Alten mauerten, können die Neuern, ungeachtet ihrer gerühmten Maurerei, nicht mauern; je länger es steht, desto fester wird es. -- z. B. die Häuser hinter den Mönchen in Bautzen.

In diesem Hofe selbst herrscht ein zweifelhaftes Dunkel, die hohen Wände der Gebäude, welche sich in einem Viereck mit einander verbinden, sehen schwarz und wie verräuchert aus. Unten herum erblickt man viele Thüren und Pforten, und vorzüglich durch die, welche dem Thorwege gegenüber sind, gelangt man in mehrere verfallne Hallen und Gemächer, deren ehemaliger Zweck mir öfters unerklärbar war; z. B. das niedrige, von einigen Pfeilern unterstützte Gewölbe, in welchem sich ein nicht tiefes viereckiges Bassin befindet, in dessen Mitte ein rundes, tiefes Loch hinab geht, unter welchem man Wasser brausen hört. Sollte dieß vielleicht ehedem ein Bad gewesen seyn? -- Aber man ließt nirgends, daß die alten Bewohner solcher Schlösser viel aufs Baden gehalten oder gar eigene Bäder angelegt hätten. --

Jetzt wohnt in dem vordern Theile des Schlosses ein Pachter oder vielmehr Verwalter; denn es ist eine ansehnliche Wirthschaft dabei. Fast die meisten Gemächer, Kammern und Böden sind nicht mehr zu bewohnen und zu gebrauchen; sie sind die Residenzen einheimischer Fledermäuse. Auch geht in der Gegend unter den gemeinen Leuten das Gerücht, daß es nicht geheuer im Schlosse sei, daß sich ein Mönch sehen lasse u. dergl.

Doch wir gehen jetzt hinter dem Schlosse durch Erlengebüsche auf einem schmalen Pfade fort, kommen über einen Graben und dann in das Thal, wo uns die Mulde entgegen fließt. In dieser Richtung sehen wir rechts den großen Steinischen Wald bis gegen das Ufer der Mulde sich herab dehnen; links auf der höhern Gebirgsseite aber zieht sich ein dünnes Gehölz fort, welches jedoch bald weiter hinten in einen großen Buchenwald sich verwandelt, in dessen Dunkel _die Prinzenhöhle_ liegt. So verfolgen wir links unsern Pfad, welcher sich durch Wiesen schlängelt, daß uns die Mulde zur Rechten bleibt. Erst kommen wir bei einem Kalkofen, sodann weiter oben bei einer Mühle vorbei und hinter derselben nimmt uns das schattige Dunkel des Waldes auf. Hart an der Mulde windet sich oft unser Pfad dahin und das Thal wird jetzt so eng, daß nur eben die Mulde bequem hindurch fließen kann. Links zur Seite steigt das hohe, steile, mit Felsenblöcken bedeckte Gebirge auf, welches ein finstrer Buchenwald beschattet und sehr mühsam zu ersteigen ist. Man fühlt einen besondern Schauer, wenn man durch das waldige Dunkel über die bemooßten Felsentrümmer die steile Höhe hinan blickt und sich des jungen Prinzen erinnert, welcher einst, wo gewiß Alles noch wilder war, hieher und noch dazu hinauf in die Höhle geführt wurde. Doch wir sehen jetzt einen guten Weg im Zickzack an den Berg hinauf angelegt. Der vor mehrern Jahren verstorbene Fürst von Schönburg hat sich sehr rühmlich durch die Anlegung eines bequemen Wegs zur Prinzenhöhle um dieselbe verdient gemacht. Denn es würde äußerst mühsam und gefährlich seyn, wenn man über Felsen und Gestrippe den steilen Berg empor steigen sollte. Aber damit der Wanderer diesen Beschwerlichkeiten nicht ausgesetzt seyn möge, zieht sich ein bequemer Weg im Zickzack bis zur Höhle empor.

Der Eingang dieser Höhle ist ziemlich eine Mannslänge hoch und ungefähr zwei Ellen breit, aber je weiter man hinter kommt, desto enger und niedriger wird sie, daß man endlich nicht weiter kann.[51] Man sieht übrigens, daß sie nicht von Natur so entstanden, sondern durch Menschen weiter ausgebildet worden sei; es war vielleicht eine enge Schlucht vorher, welche irgend Jemand zu einem besondern Behufe erweitern und bequemer machen ließ. Sie geht eine ziemliche Strecke in den Fels hinein und am Eingange ist eine Tafel befestigt, worauf die Geschichte des Prinzenraubes geschrieben steht,[52] aber jetzt schwer zu lesen ist; auch das Schönburgische Wappen ist am Eingange angemahlt. Uebrigens aussen vor der Höhle ist es sehr angenehm und unterhaltend; angenehm durch die Gegend selbst, allerlei Holz umschattet den Fels der Höhle und nahe dabei rinnt eine labende Quelle herab, Vögel singen, und aus dem Thale herauf dringt das Rauschen der Mulde, so wie gegenüber das waldige Gebirge sich mit hervorragenden Felsen hinab zieht und durch das Dunkel der Tannen die Ruinen der Eisenburg hervor schimmern; -- unterhaltend durch die unzähligen Namen, welche an den Fels um die Höhle gemahlt und in die Rinde der Bäume geschnitten sind. Aus den fernsten Gegenden findet man Viele. Hohe und Niedrige stehen hier ohne Rang neben einander und was das beste ist, Niemand hat besondere Gedanken oder Verschen darzu geschrieben, wie es oft mit dergleichen Merkwürdigkeiten[53] der Fall ist, wo mancher Mißbrauch mit dieser Art, sich zu verewigen, getrieben wird. --

Dieß, lieber Leser, war die Wanderung über Stein zur Prinzenhöhle; möchte sie dir so gefallen haben, wie ich es wünsche. Doch wenn wir wieder bis Stein zurück gekehrt sind, wollen wir einen kurzen Spatziergang nach dem Schlosse _Hartenstein_ machen.

Man sieht zwar hinter dem Schlosse einen ziemlichen Fahrweg nach Hartenstein zu führen, aber dieser führt nicht auf das Schloß, sondern in das Städtchen. Durch die Wiesen am Schloßberge erblicken wir einen Pfad, diesen wollen wir auch betreten, denn er führt zum Ziele. Der Weg ist sehr angenehm, aber doppelt angenehmer und romantischer wird er, wenn man auf die Höhe gekommen ist und durch den dämmernden Buchenhain nach dem Schlosse zugeht. Mit ihren Aesten verweben sich die hohen Buchen und wirken ein magisches Dunkel; hier und da ragt ein Felsenblock hervor an einem Busche und rechts oben blinkt die weiße Mauer des Schlosses hinter den weißstämmigen Buchen herab. Links durch die Lücken einzelner Kiefern, welche am schroffen, felsigen Abhange des Berges ragen, sieht man die Stadt Hartenstein auf der breiten Fläche des Berges herab ausgebreitet, welches zusammen den interessantesten Anblick gewährt. So kommt man endlich auf diesem Pfade an den breiten Fahrweg, welcher sich von der Stadt auf den Berg und an das Schloß zieht.

Vor dem Thore des Schlosses ist eine starke, steinerne Brücke, welche über den breiten Graben führt, welcher jetzt aber ausgetrocknet, begraßt und mit allerlei Gebüschen bewachsen ist. Ueber das Schloß selbst kann ich wenig oder gar nichts sagen; es ist ziemlich groß, in gutem Zustande und wird ganz bewohnt. Aber daß man von allen Seiten die vortrefflichste Aussicht auf alle die schon erwähnten Gegenstände habe, läßt sich denken. Vorzüglich die Aussicht auf das Muldenthal, worin sich das Schloß Stein so mahlerisch zwischen den dunklen Waldungen erhebt, ist eine der schönsten. Auf der Seite gegen Morgen und Mittag zieht sich ein terrassenförmig angelegter, freundlicher Garten an dem Berge hinab und erhöht das Angenehme dieser Gegend und des Schlosses. Auf der Seite vor dem Thore sieht man noch einige schöne Häuser auf dem Rücken des ansteigenden Berges und alte Linden verbreiten ihren erquickenden Schatten. --

Nun richten wir unsern Weg wieder zurück nach Schneeberg, wo uns Alles noch einmal in die Augen fällt und uns mit den freudigsten Gefühlen erfüllt.

5.

Ueber Schnorrensguth und Auerhammerwerk nach Celle.

Wer sich einige Zeit in Schneeberg aufhält, wird gewiß auch von dem Schnorrensguthe hören, welches vorzüglich Sonntags von den Schneebergern häufig besucht wird. Wir wollen daher jetzt auch einen Spatziergang dahin machen.

Man geht von Schneeberg den sogenannten Stangenberg hinab; man nennt so den Weg, welcher an den Berg herab nach Schlema führt und unten zu beiden Seiten mit Stangen versehen ist, um sich fest zu halten.[54] Wenn man unten ist, geht man rechts den Fahrweg fort, welcher über eine Brücke führt und mit einem andern quer nach Schlema sich ziehenden vereinigt. Ueber diesen geht man gerade weg und auf den Pfad, welcher sich eine Strecke lang an einem lebendigen Zaune fortzieht. Man kommt sodann auf einen andern ebnen Weg, welcher sich oben um den Berg herum zieht; auf diesem geht man eine kleine Strecke weiter und betritt einen neuen, welcher nicht weit von dem Beuthnerischen Hause bergan an der Spitze des Waldes vorbei beugt und sodann ungehindert die übrige ziemliche Strecke weit nach dem Guthe führt.[55] -- In dem Walde, dessen ich erwähnte, ist es sehr romantisch; Fichten, Tannen und Buchen in schöner Mischung wirken ein liebliches Dunkel, wo bemooßte Felsentrümmer zur Ruhe und zum Denken einladen, wo verstohlener Vögel leiser Gesang daher schwebt und aus dem Thale das Geräusch des Tages dringt. Wie oft habe ich hier auf den weich bemooßten Felsenruinen gesessen unter der alten Buche, welche ihre dicht belaubten Arme über mich breitete und unter ihrem Dämmergrün mich aufnahm! Wie oft in dieser glücklichen Einsamkeit sank der Friede des Himmels in das aufruhrvolle Herz, wie oft that hier vor meinem Geiste eine glückliche Zukunft sich auf und goß Entzücken in die jugendliche Brust! Doch die Jahre schwanden, der Traum zerrann. --

Wir befolgen jetzt den begonnenen Weg und haben auf der Höhe, nicht fern von dem Walde, den herrlichsten Anblick von dem oft erwähnten Schlema und der ganzen übrigen Gegend, welche man aus den vorigen Schilderungen noch kennen wird. Ich versichere im Voraus jeden Fremden, daß er hier einer Aussicht genießen wird, die über alle Beschreibung ist; diese Lage, diese Mannichfaltigkeit, dieser hohe Reitz, -- -- o! Ihr, die ihr des obern Erzgebirges spottet, kommt hierher und seht und fühlt, und -- ihr ändert gewiß euer Urtheil. --

Hart an dem Wege weiter oben zieht sich nun eine Strecke weit ein Fichtenwald fort, bei dessen Ende der Weg merklich ansteigt. Wenn man endlich gegen und auf die Höhe gekommen ist, sieht man hinter einer Reihe hoher Linden das _Schnorrensguth_ mit seinem großen Garten liegen und Felder und Aecker, von Waldung eingeschlossen, breiten sich um dasselbe aus. Dieses Guth gehört jetzt dem Herrn Lagerfactor _Schnorr_ in Schneeberg, welcher es sehr verbessert, geschmackvoller verändert und ein ziemlich grosses Tanz- und Gesellschaftshaus daran gebaut hat, welches der Funkenburg in Leipzig fast ähnlich ist.

Das mehrste Vergnügen gewährt der große Garten, worin allerlei Lauben und Parthien angelegt sind, welche, da sie nicht das Ansehen des Gekünstelten haben, mehr interessiren, als manche gewöhnliche Spielereien in solchen Gärten.

Die äußere Gegend, vorzüglich gegen das Thal hinab, ist sehr schön; auf der flach sich herab senkenden Gebirgsseite, wo wir uns nämlich jetzt am Ende der Gartenmauer befinden, ist Alles größtentheils Feld und Acker. Aber uns gegenüber zieht sich ein hohes, waldiges Gebirge quer herab und so bildet sich unten ein Thal, in welches wir nun gehen wollen.

Der Weg senkt sich am Saume des Waldes links hinab. Unten müssen wir über Felsenblöcke klettern und über einen Bach setzen, dann sehen wir uns in einer ziemlich langen Thalwiese, welche auf beiden Seiten von dicker Waldung eingeschlossen ist. Es ist hier beständig sehr kühl und still, nur das monotonische Murmeln des Wiesenbachs, welchen Erlen- und Haselgebüsche umgrünen, giebt diesem Thale einiges Leben. So geht man eine Strecke fort, bis der Wald rechts sich plötzlich abbricht und einer Menge Aecker und Felder Platz macht, welche sich über eine hügelförmige Fläche bis herab an den Bach ausbreiten; links zieht sich immer höher der Forst fort und ganz oben sieht man hohe, alte Tannen stolz darüber ragen. An dem waldleeren Fuße dieses Gebirges liegt das herrschaftliche Gebäude des _Auerhammers_, welches freundlich herauf schimmert. Nach und nach werden mehrere Häuser dabei sichtbar, Rauchsäulen sieht man jetzt empor steigen, immer deutlicher und lauter wird das Getöse des Hammers und des Wassers. Weiter hinten sehen wir Gefilde, Häuser und Wald, dort liegt das Städtchen _Aue_. So kommen wir endlich nach und nach auf das Hammerwerk, welches am Fuße eines Gebirges hart an dem Schwarzwasser liegt. Dieses fließt aus einem finstern, waldigen Thale hervor, ist aber weit größer, als bei Johanngeorgenstadt, indem mehrere Bäche es verstärkt haben.

Die Gegend um Auerhammer hat mir recht sehr gefallen, vorzüglich der Wald und der Berg mit den bebuschten Felsen hinter dem Herrnhause und hier die herrliche Aussicht auf die lebhafte Thalebene. Es ist so friedlich, so ruhig hier, man findet ein Asyl gegen das Geräusche der übrigen Welt. An das Herrnhaus stößt ein großer Fischteich, auf dessen baumbepflanzten, breiten Grasufer man einen herrlichen Spatziergang hat. Ich habe hier sehr vergnügte, frohe Tage verlebt, unter Freunden die flüchtigen Freuden des Lebens sorglos genossen. -- Klein war deine Hütte zwar, seliger E., und du selbst arm, aber unsere Freuden waren groß, und wir sehr reich, denn wir waren zufrieden! --

Von der Schullehrer-Wohnung aus führt ein kleiner Pfad hinauf an den Saum des Waldes, wo in einem schattigen Halbrund ein kleiner Tisch nebst einigen Bänken angebracht ist. Von hier aus hat man eine herrliche Aussicht über die ganze Thalgegend, so wie der Ort an und für sich sehr angenehm ist.

Jetzt gehen wir von Auerhammer durch das weite Thal hinunter nach Aue zu, welches der Länge nach vor uns ausgebreitet liegt und wo ein neues, großes Thal sich herab dehnt. _Aue_ und _Celle_ müssen dem Fremden als ein Ganzes beinahe vorkommen, denn beide trennt nur die Mulde von einander, in welche sich hier das Schwarzwasser ergießt, daß durch den Zusammenfluß dieser zwei in dem obern Gebirge merkwürdigen Gewässer diese Gegend auf solche Art interessanter wird. Aue ist ein kleines Städtchen, welches aber durch die unferne Porcellanerdenzeche[56] jedem Sachsen bekannt seyn wird; von seiner übrigen Lage ist nichts besonders zu erwähnen. Das auf dem jenseitigen Ufer der Mulde ausgebreitete Celle aber ist durch seine Lage vorzüglicher. Doch wir wollen über die steinerne Brücke selbst hinüber gehen.

Am obern Ende des Dorfes gegen das Ritterguth zu zieht sich gegen Abend eine große, begraßte Ebene hinab, welche auf der einen Seite von der Mulde und dem hart daran aufsteigenden hohen Gebirge, dessen obern Theil dunkler Wald bekrönt, -- auf der andern Seite von einem flachen, mit einzelner Waldung bedeckten Gebirge umgeben ist, und hinten zieht sich in einem Halbrund ein schwarzer Forst herum, welches einen ungemein schönen Anblick gewährt. Aber weit romantischer wird dieser Anblick durch die Kirche, welche weit entfernt von Celle, ganz allein mitten auf dieser Wiesenfläche steht und auf den ersten Anblick wie ein kleines Kloster in die Augen fällt. Es ist eine herrliche Aussicht, welche sehr lebhaft an die Ritterzeiten und Klostergegenden erinnert.