Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge
Part 7
Jetzt endlich nach langem, ermüdenden Steigen sind wir oben; wir haben den kleinen Fels erreicht, unfern der beiden ernsten Tannen, wir ersteigen den Fels und sehen umher und hinab, und staunen und fühlen eine heilige Wollust, können keine Worte finden und spähen mit trunkenen Blicken umher. Welche Ueberraschung, welche Mischungen und Abwechselungen! -- Schneeberg, wo wir uns erst so hoch dünkten und manche Aussichten hatten, liegt da unten vor unsern Füssen in einem Thale jetzt, rund und kesselförmig von Gebirgen eingeschlossen; silbern blitzen im Glanze der Abendsonne die Schieferdächer, kleiner ragen Thurm und Kirche über die Stadt und aus den Schornsteinen steigen hier und da weiße Rauchsäulen empor. Gärten schlingen sich um den Berg, Wege und Bäche durchschneiden sich und aus dem Grün der Bäume schimmern die rothen Dächer der Richterschen Gartengebäude daher. Ausgegossen zwischen Fluren und Aecker durch die Fläche des Thales liegt Neustädtel; Halden und Gebüsche bedecken einzeln die Gebirgsseiten und hinter dem Teiche dort, aus dem Eingange eines neuen Thales, blickt Lindenau daher. Waldige Berge erheben sich dahinter und bieten neue Aussichten, nach dem Voigtlande zu, dar. Sanft dehnt sich Griesbach herab mit seinen Fluren, Gärten und Teichen, und weiter unten flimmert der Spiegel des Herrnteiches;[48] höher herab dehnt sich der Keilberg mit Aeckern, Feldern und Wegen, und oben blinken durch die Lücken der Waldung ebenfalls mehrere Teiche herüber. Das Schießhaus mit seinen dichten Hopfengärten und der schattigen Lindenallee, das isolirte Gerichtswäldchen, die ganze mit Fluren bedeckte Fläche, die mit allerlei Wäldern und Felsen belebten Gebirge und kleine und größere Thäler stellen sich dem entzückten Auge auf die herrlichste Weise dar. -- Mehr gegen Morgen sehen wir ganz Schlema durch das romantische Thal ausgebreitet, ein herrlicher Anblick! Dahinter stellen sich unsern Blicken alle die fernen Dörfer und Städte dar, welche man nur durch Hülfe eines Fernrohrs deutlicher erkennen kann. Und endlich gegen Morgen zu die unübersehbare Reihe theils kahler, theils waldiger, theils mit Häusern bedeckter Berge, die sich in den fernsten Horizont verlieren; vorzüglich nimmt sich das auf einer Berghöhe ausgegossene _Bernsbach_ sehr schön aus, dahinter blickt im Nebelgrau der grabförmige _Pöhlberg_ bei _Annaberg_ majestätisch herüber. Man sieht Bockau und die ganze Gegend, dann näher vor sich Zschorlau und endlich gegen Mittag ragt über alle Gebirge hoch der Auersberg, welchen man überhaupt bei Schneeberg sehr gut wahrnehmen kann. Es läßt sich wahrhaftig nicht Alles mit der Feder aufzeichnen und schildern, was und wie man es sieht; man könnte wieder, so wie von den Aussichten auf dem Auersberge, ein besonderes Buch schreiben. Man sieht eine Strecke des Voigtlandes, einen großen Theil des Schönburgischen Landes und des übrigen obern Gebirges, nebst den böhmischen Gebirgen. --
Hier saß ich oft auf diesem Felsensitze, wenn die Sonne sank und durch einzelne schwarze Fichten mit dem Golde ihrer Strahlen mich scheidend beleuchtete, wenn der Abendglocken Feierschall aus den Thälern empor schwebte und Hesperus am Azur funkelte, -- hier saß ich oft einsam und starrte mit trunkenen Blicken umher, hatte so viel zu hoffen und noch mehr zu wünschen; doch die Zeit lößte, was so fest gebunden schien, -- die Ewigkeit der Menschen währt kaum Jahre lang. --
Aber es ist nicht genug, der entzückenden Aussicht zu erwähnen, welche man auf dem Kleesberge hat; auch den Berg selbst wollen wir untersuchen und es wird uns nicht an Ueberraschung und Genuß mangeln.
Gegen Schneeberg hin bildet sich weiter unten ein freier, von Wald auf drei Seiten umgebener, Platz, welchen kleine Gesträuche bedecken und wo sich eine alte, weitästige Buche erhebt, in deren Rinde mehrere Namens-Buchstaben eingeschnitten sind. Es ist sehr angenehm hier und vorzüglich in dem Dunkel des Tannenwaldes, welcher sich gegen Morgen zu schräg am Gebirge hinab dehnt; hier fand ich mehrere von Steinen zusammen gebaute Sitze, mit Moose bedeckt, vermuthlich Asyle geheimer Liebe.
Hinter den zwei Tannen auf dem Scheitel des Berges, wo es jäh hinab geht, sieht man mehrere große, von Gebüschen beschattete Felsen, davon einer vorzüglich der _Pandurenfels_ genannt wird. Im siebenjährigen Kriege nämlich lagen hier eine Zeit lang Panduren, welche die Stadt beängstigten. Auch erzählt der gemeine Mann, daß es in dieser Gegend, hauptsächlich bei den zwei Tannen nicht richtig wäre, daß man in der Mitternachtsstunde bisweilen ein Feuer habe brennen sehen, daß ein großer Schatz daselbst vergraben liege, welchen ein fürchterlicher Unhold bewache u. d. g. m. In den ältern Zeiten sollen Personen auf diesem Berge abhanden gekommen seyn, vorzüglich erzählt man von einem gewissen _Beuthner_, daß derselbe eines Tages auf den Kleesberg spatzieren gegangen, aber nicht wieder gekommen sei; die ganze Gegend sei ausgekundschaftet und untersucht, und in den alten Schächten gegraben worden, dennoch sei keine Spur von ihm zu entdecken gewesen. Die Geschichte ist wahr, kann aber auch aus den natürlichsten Gründen erklärt werden; denn jetzt noch giebt es an dem Berge herum viele tiefe Löcher, deren Rand sehr locker ist: -- wie bald konnte nicht zu jener Zeit der erwähnte Beuthner, welcher ein Bergmann war, an ein solches Loch gekommen, mit dem lockern Rande hinab gestürzt und so verschüttet worden seyn?! --
Hinter dem Pandurenfels zieht sich ein Fahrweg durch den Wald, welcher nach Aue führt. Hier sind viele Sandgruben, welches in dem Grün der Gebüsche auf eine besondere Art auffällt; denn diese Sandgruben haben mehrere Eingänge und inwendig niedrige Pfeiler von dergleichen Sandsteinen, daß sie den Leichengrotten der Vorzeit nicht unähnlich sind.
Nun gehe man weiter oben über den Weg und in das dünne Gebüsch; man steigt über Felsenblöcke ein wenig hinab und plötzlich sieht man sich auf der schmalen Spitze eines hohen, schroffen und klippenvollen Felsen, vor welchem sich ein dunkles, tiefes Thal von hohen, dichten Tannen bedeckt, hinab dehnt. Weit hinunter sieht man die abgerollten, mit Moose sparsam bedeckten, Felsenmassen aus feuchten Gestrippen blinken; eine grause, bange Stille herrscht, die nur das monotonische Gemurmel des fernern Waldbachs unterbricht, -- kein Vogel singt, kein Käfer summt hier, nur bläuliche Nattern rascheln durch das dürre Laub zwischen den tiefen Ritzen, nur der Fuchs und der Habicht verzehren hier in Ruhe ihren Raub und eine schauerliche Kälte herrscht ewig um dieses Felsengethürm. -- Banger Schauer bebt durch die Glieder, starrende Angst hemmt auf Secunden des Blutes Lauf, wenn man sich so plötzlich auf der Spitze dieses Felsen und den schrecklichen Abgrund vor sich sieht; unwillkührlich beugt sich der Fuß zurück und die Hand greift gewaltsam nach den überhangenden Aesten der nahen Tanne. So starrt man hinab in das Thal des Todes und fühlt sich schon bei dem Gedanken; »wenn ich jetzt ausglitte!« -- halb todt, sieht sich mit zerschmettertem Haupte unten zwischen den spitzigen Blöcken im Geiste schon liegen, wie das blutige Hirn umher gespritzt an den bemoosten Klippen klebt und eine blutige Bahn den schrecklichen Sturz bezeichnet.
Nun wollen wir zur Seite hinab steigen, aber, ob es hier herab gleich keine besondere Gefahr giebt, so nimm dich dennoch in Acht, da die Steine locker sind und die dürren Tannennadeln[49] den Boden sehr schlüpfrig machen. Unten klimmen wir über die zerstreuten Felsenblöcke und haben nun den hohen, zu beiden Seiten von alten Tannen und Buchen umgebenen, Fels vor uns, an welchem wir mehrere von der Natur gebildete, bequeme Sitze wahrnehmen.
Majestätisch und ernst hebt das schwärzliche Steingethürm an dem steilen Gebirge sich auf und ladet zu ernsten und heiligen Betrachtungen. Ueberhaupt, wenn man den Ossian recht mit Genuß lesen will, muß man ihn auf Wanderungen durch das obere Gebirge lesen. Da sieht man _Kolma_ auf Felsen und Bergen nach ihrem _Salgar_ rufen, und _Fingal_ die Krieger sammeln, und _Oskar_ an _Kormalo_ den an _Argon_ und _Ruro_ begangenen Meuchelmord rächen. O! hier zwischen Bergen und Tannenwäldern, unfern des rauschenden Waldstroms auf einem Felsen sitzend Ossians Gedichte zu lesen, welch ein erhabener Genuß! --
Wenn man sich ganz unten im Grunde des Thales durch Fichtengebüsche gedrängt und über einen kleinen Bach gesetzt hat, kommt man plötzlich in eine kleine, begraßte Fläche, rund herum von waldigen Bergen eingeschlossen, in deren Hintergrunde eine Mühle, die Heßmühle genannt, liegt. Auch hier ist es sehr romantisch und sonderbar nimmt sich das Geräusche der Mühle und des Wassers aus. Von hier durch die minder dichte Waldung des Thales kommt man endlich nach Zschorlau,[50] welches zwischen zwei sanft abhängenden Gebirgen ausgebreitet liegt und unter die vorzüglichen Dörfer des obern Erzgebirges gezählt wird.
2.
Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.
Wenn man an das Schießhaus kommt, sieht man gegen Nord-Ost auf einer sanften, von Feldern eingeschlossenen, Anhöhe ein kleines Wäldchen, welches das Gerichtswäldchen heißt; ehedem war nämlich daneben der Gerichtsplatz und noch 1799. stand eine Radsäule da. Jetzt aber ist alles urbar gemacht, und man sollte überhaupt überall die Brandmale der Menschheit demoliren und alle Gerichtsplätze urbar machen, damit aus dem Boden, der Verbrecher-Blut trank, für die Menschheit wenigstens noch einiger Segen keime. Und soll ja ein Verbrecher hingerichtet werden, so wird sich gewiß noch ein Plätzchen finden. Aber daß man besondere, eingerichtete Plätze und schön gemauerte Galgen _noch_ hat und darauf hält, dieß läßt schließen, daß man von den Menschen, also von sich selbst, Alles fürchtet und nichts hofft. So bauen sich die Menschen ihre eigenen Schandmäler! --
Doch von dieser kleinen Ausschweifung kommen wir wieder zurück und auf den Weg, welchen wir nach dem Gerichtswäldchen hin betreten haben, nämlich die Lindenallee vom Schießhause an. Es ist Schade, daß diese Allee so ungleich und bisweilen holpricht ist, daß sie nicht besser conservirt wird; sonst hat sie manches Angenehme. Zu Anfange hat man rechts die Hopfenplantagen, um welche sich der verstorbene Kaufmann _Etler_ so verdient gemacht hat und wodurch dem Brauwesen in Schneeberg kein geringer Vortheil erwachsen ist. Weiter unten geht es sich, an einem schön gezogenen Fichtenzaune vorbei, äußerst angenehm durch den duftenden Hopfengarten. Ueberhaupt ist die Partie um das Schießhaus nicht übel und könnte bei einer gewählteren Anpflanzung der Lauben und mehrerer verschiedenartiger Bäume recht schön genannt werden.
Jetzt sind wir da, wo sich die Allee verliert und, links nach dem Keilberge zu, ein Fahrweg sich abbeugt, welcher über _Langenbach_ nach _Wildenfels_ hinführt. Wir aber gehen immer den geraden Weg fort, bis wir auf der Höhe sind und eine, hinten von Waldung eingeschlossene, mit Wiesen und Gebüschen zum Theil geschmückte, seichte Thalfläche vor uns haben. Rechts nicht weit von der Straße erhebt sich ein kleiner, aber zum Sitzen und Umsehen bequemer, Fels; auf diesen zu gehen wir, ersteigen ihn und blicken uns um und haben eine neue Ansicht der Gegend; obgleich zwar die Aussicht nicht weit ist, so ist sie doch immer schön genug und abwechselnd.
Vor uns gegen Mittag sehen wir Schneeberg ausgebreitet, hinter welchem der Rücken des nahen Gebirges hervorblickt und weiter hinten am Horizonte ragt aus der Mitte waldiger Berge in ungewissem Grünblau der Auersberg auf. Rechts hinter dem ausgebreiteten Keilberge blinkt die Griesbächer Kirche von der waldbekränzten Höhe herüber, hinter uns breitet sich die schon erwähnte Fläche bis an den aufsteigenden Wald hinab. Links aber nicht weit von uns sehen wir das Gerichtswäldchen, hinter welchem in größerer Entfernung der auf einer Seite waldige Kleesberg mit seinen zwei Tannen sich erhebt und dann als ein, mit Feldern und Häusern sich ausbildendes, minder steiles Gebirge sich hinabzieht und Schlema auf der Morgenseite einschließt. Gegen Morgen zu liegt das Hammerholz und hinter demselben dehnen sich allerlei Berge dahin, auf und an welchen man theils Wälder und Fluren, theils einzelne Häuser und Dörfer wahrnimmt, unter welchen letztern sich wiederum das hohe _Bernsbach_ ausgezeichnet darstellt. Im Ganzen enthält diese Aussicht hier genug Angenehmes und Abwechselndes. Bei dem Felsen, auf welchem wir stehen, finden sich mehrere Vertiefungen und Halden ähnliche Hügel, woraus man sieht, daß hier in den ältern Zeiten eine Zeche gewesen seyn muß.
Nun steigen wir wieder herab und gehen auf einem sparsam betretenen Fußsteige auf das nahe Gerichtswäldchen zu, welches, wenn es auch kalten und gefühllosen Modeseelen gleichgültig scheinen mag, dennoch für den Freund der Natur viel Anziehendes hat. --
Es dehnt sich dieses Wäldchen auf dem höchsten Puncte der Anhöhe gegen Morgen hinab und ist rings herum von Aeckern und Feldern umgeben. Oben ist der Boden felsig und man hat eine angenehme Aussicht daselbst: der übrige Boden ist zum Theil begraßt und mit Blumen und Beersträuchern bewachsen. Die Bäume auf der obern Seite sind hohe Kiefern und alte Buchen, in welchen letztern man viele Namen und Buchstaben eingeschnitten findet; auf der untern Seite breitet sich eine Anpflanzung junger Kiefern aus und fast in der Mitte erblickt man schattige Buchengebüsche, worin man Lauben mit Moosbänken antrifft. Dieses Gerichtswäldchen hat sehr viel Romantisches, und Liebende haben gewiß oft hier gewandelt und geweilt, wenigstens lassen dieses manche eingeschnittene Namensbuchstaben und die Beschaffenheit dieses Haines vermuthen. Uebrigens hat man eine herrliche, freie Aussicht hier und daher einen doppelten Genuß.
Nun gehen wir von da den breiten, begraßten Weg hinab bis an das vorliegende Guth und dann hinter dasselbe an dem lebendigen Zaune fort gegen das Hammerholz zu. Dieses Hammerholz ist ein in ein kleines Thal hinab- und auf der andern, hohen Seite wieder hinauf sich ziehender, Wald, von Fichten, Kiefern, Tannen und Buchen. Doch wir sind jetzt am Ende des erwähnten Zaunes, wo der Weg bergab geht und bald stehen wir vor dem Walde. --
Man betrete den Weg, welcher durch Fichten gerade hinab führt. Zur rechten Seite zieht sich parallel mit dem Wege eine kleine, grüne, von Gewässern durchschnittene und von den, auf beiden Seiten ragenden Bäumen, umdunkelte Schlucht hinab, an deren Ausgang links ein klarer frischer Quell zwischen den Gesträuchern hervor quillt und die Wiese tränkt, auf welche wir jetzt gekommen sind. Es ist ein überraschender Anblick, wenn man den kurzen Weg durch den Wald herab gegangen ist und nun auf einmal auf einer langen, beblumten Wiese sich sieht, welche ein von Hasel- und Erlensträuchern beschatteter Bach murmelnd durchfließt. Links oben ist diese Wiese in einem Oval von Waldung umgeben, hinter welcher sich ein röthlicher, steiler Berg aufhebt, dessen Scheitel ein dunkler Forst krönt; aus dem dunklen Grün der fernen Gebüsche schlängelt sich der Bach herab und belebt durch sein sanftes Murmeln, so wie die aus dem Walde tönenden Gesänge der Vögel, das einsame, freundliche Thal. Uns gegenüber hat sich die Waldung getheilt; eine grünende Anhöhe erhebt sich mahlerisch, auf welcher oben zwei schlanke, hohe Tannen ein schönes Thor bilden. Wo diese Anhöhe beginnt, vor uns rechts, ragt ein hoher bemooßter Fels, von hohen Fichten und Tannen zur Seite umgeben und auch auf seiner Höhe, (denn er ist mit dem dahinter steil aufsteigenden Gebirge verbunden,) breitet sich ein dunkler Wald aus und zieht sich so durch das Thal hinab. Rechts hinunter sehen wir den Ausgang des Thales und der Wiese, wo sich uns ein Theil von Schlema und das drüben mit Güthern und Fluren geschmückte Gebirge darstellt, auf dessen Rücken sich ein schwarzer Wald ausbreitet. O! gefühlvoller Leser, könntest du doch nur selbst dieses erfreulichen Anblicks genießen, was würdest du empfinden, welche Wonne würde deine Brust durchzittern! Die Sprache ist dazu zu arm! --
Nun gehen wir über den Bach und am Saume des Waldes linker Hand die Anhöhe hinan. Auf dieser Seite finden wir oben wiederum, im Gebüschen versteckt, eine kühle Quelle; jetzt wenden wir uns rechts und zwischen zwei vorragenden Waldspitzen, vor welchen die erwähnten beiden Tannen ein Thor bilden, und kommen nun erst auf den breiten Rücken der Anhöhe, wo wir wieder einen angenehmen Anblick haben. Wir sehen hier nämlich einen großen Theil des Schönburgischen Landes, einzelne Häuser und Dörfer, Fluren und Wälder, Berge und Thäler; vorzüglich nimmt sich das auf einer Höhe liegende Lösnitzer Schießhaus sehr schön aus. Wenn wir uns nach Mittag umkehren, sehen wir Schneeberg und einen Theil seiner Gegend, den Kleesberg und gegen Abend hin den hochliegenden Gerichtswald; vor uns breitet sich das Hammerholz in dem Thale aus und der ganze Anblick, den man durch das Thor der Waldung hat, ist ein lebendiges Panorama der Natur.
Wir treten den Rückweg an, wenden uns aber links auf die von allerlei jungen Buchen und Buchengebüschen beschattete Fläche des Berges, welchen wir zuerst im Thale uns gegenüber hatten und aus dessen waldigem Fuße jener Fels ragt.
Hier durch diese Buchengänge wandelt man äußerst angenehm; es scheint hier beinahe, als hätte die Kunst diese schlanken Buchen so angepflanzt und diese Gänge gebildet, lächelte nicht aus Allem die schöpferische Kraft und unnachahmliche Einfachheit der Natur hervor. Von sich selbst beugen und verweben sich junge Buchen zu schattigen Lauben und unverhofft ladet ein bemooßter Stein zur Ruhe; Vögel singen zärtliche Melodien aus versteckenden Grün und Schmetterlinge spielen über nickende Halme. Hier sieht man die Liebe verschlungen weilen, hier sie Blumen pflücken und Kränze in den Tempellauben aufhängen, zur Erinnerung einstiger Seligkeiten. Und wann der Mond sein Zauberlicht über die Gefilde gießt und die Schöpfung ruht, und sehnsuchtsvoll die Brust sich hebt -- -- Mir fielen _Hölty's_ Worte ein:
Geuß, lieber Mond, geuß deine Silberflimmer Durch dieses Buchengrün, Wo Phantasei'n und Traumgestalten immer Vor mir vorüber fliehn!
Enthülle dich, daß ich die Stätte finde, Wo oft mein Mädchen saß, Und oft, im Wehn des Buchbaums und der Linde, Der goldnen Stadt vergaß! -- --
Seitwärts drüben führt durch den Wald ein Weg hinunter nach Schlema, wo man beim Ausgange des Waldes auf dem Berge plötzlich durch den schönen Anblick des durch das Thal ausgebreiteten Dorfes überrascht wird. Der Weg durch Schlema nach der Stadt ist dann sehr angenehm und durch manche Abwechselungen unterhaltend.
3.
Die Eisenburg bei Willbach.
Der Weg von Schneeberg bis _Willbach_, einem schönen Dorfe, ungefähr eine starke Stunde von der Stadt gegen Mitternacht zu, hat allerlei Angenehmes. Man geht nämlich bei dem Schießhause vorbei jener Anhöhe zu, die wir schon betraten, wo der kleine Fels ragt und nicht weit davon das Gerichtswäldchen liegt; ein breiter Fahrweg führt uns ziemlich eben dann eine Strecke bis an die Gebüsche des Waldes fort. Hier wenden wir uns rechts auf den Pfad, welcher sich drüben am Saume des Waldes als breiterer Weg die Anhöhe hinan zieht. Das Gerichtswäldchen, das Hammerholz und die ganze Gegend gewinnt eine neue, auffallende Ansicht; vorzüglich schön nimmt sich der Anblick des, zwischen dem Fels und dem Gerichtswäldchen, hinter der Höhe hervor blinkenden Kirchthurms, so wie des daneben hoch ragenden, fast überall sichtbaren Kleesberges aus.
So gehen wir weiter und kommen auf die Willbächer Felder, welche sich freundlich über das breite Gebirge ausbreiten. Hier haben wir nun wieder eine herrliche Aussicht; Schlösser sehen wir auf Bergen ragen, worunter vorzüglich das _Hartensteiner_ Schloß mit seinem umgebenden Buchenhain sich mahlerisch auszeichnet, -- die Berge werden kleiner, wenige Wälder sehen wir, aber desto mehr fruchtbare Gefilde, und wo wir Wälder erblicken, bestehen sie meist aus Laubholz. So breitet sich an einem Gebirge der große Buchenwald hinab, in welchem man die Prinzenhöhle antrifft. Kurz, hier sehen wir das Fruchtbare, Gefällige und Freundliche des Erzgebirges beginnen; es fängt ein ganz neuer Styl der Gegend an, das heißt aber, jenseits der Mulde, welche hinter Willbach in dem tiefen Thale herab nach dem Schlosse _Stein_ zu fließt. So finden wir in der Gegend um Willbach viel Interessantes. --
Um nun die Eisenburg zu finden, gehen wir nach der Kirche zu, also an das Ende des in einem seichten Thale herab sich ziehenden Dorfes, wo sich dann eine wilde Schlucht hinab dehnt und in den schwärzlichen Forst verliert. Willbach ist ein hübsches, schönes Dorf, wohin man aus Schneeberg vorzüglich zur Zeit, wenn die Kirschen reif sind, häufig wallfahrtet und auch außerdem hier eine Milch einnimmt. Was mir auffiel, weil ich es noch nie sah, war der Glockenstuhl; denn da kein Thurm auf der Kirche ist, (er müßte vor Kurzem darauf gebaut worden seyn) hängen die Glocken in einem besondern Schuppen neben der Kirche. Aber mir fiel blos ein, daß eine Kirche, welche Glocken besitzt, wenigstens einen zweckmäßigen Platz dazu, einen Thurm haben sollte, -- wär er auch klein oder ein ~quid pro quo~. Der Characterstuhl kam mir vor, wie ein neuer Dichter oder Schriftsteller; seine Werke haben vielleicht einen reinen und schönen Klang, -- aber er kann sie nicht hoch genug hängen, um die literärischen ~pias fraudes~ zu läuten, daß der sehnsüchtig ausgestreckte Klingelbeutel von der Neugierde der selten kommenden Eingepfarrten und Filialdörfler desto schwerer werde. -- Bei dem großen Pfarrhause und der kleinen Kirche gehen wir jetzt vorbei und bald sehen wir uns im Freien. Vor uns dehnt sich ein dunkler Wald aus und ein dahin führender Weg zieht sich am Rande der erwähnten, wilden Schlucht eine Strecke fort; dann kommen wir auf einem alten, rasigen Fahrweg, welcher hin zur nahen Eisenburg führt. Ein Schauer überfällt einen, wenn man in das schweigende Dämmergrün des Waldes tritt und unfern zwischen den Tannen und Fichten die Ruine der Burg und den dicken, verfallenen Thurm ragen sieht.
Diese Eisenburg war vor alten Zeiten ein Raubschloß und soll durch einen unterirrdischen, tiefen Gang, welcher sogar unter der Mulde weggehen soll, mit dem Schlosse _Stein_ in Verbindung gestanden haben. Man hat aber noch keine Spuren dieses unterirrdischen Ganges entdecken können. Als der Kaiser Maximilian viele solcher Raubschlösser schleifen ließ, hatte auch die Eisenburg dieses Schicksal. Sie liegt auf einer Gebirgsecke an der Mulde, rings herum ist hoher Wald; aber man möchte fragen, ob dieser Wald auch sie in jenen alten Zeiten umgeben haben mag? -- Ich glaube, nach der Beschaffenheit der Gegend und des Bodens, daß, wenn auch nicht dieser Wald sie umgeben hat, sie dennoch in einem dichten Walde versteckt gelegen habe, wie viel andre dieser Raubschlösser.
Man sieht noch den innern Hof, Pforten, Treppen und Hallen, so wie einen starken, nicht hohen Thurm, aber freilich zerstört und im Ruin. Aber diese Burg muß sehr fest gewesen seyn, welches man noch aus den traurigen Ueberresten wahrnehmen kann. Besondere Gefühle regen sich in der Brust, wenn man im trauernden Kreise dieser Ruine sich sieht, und wem Matthisons meisterhafte _Elegie in den Ruinen einer alten Bergveste_ bekannt ist, erinnert sich hier gewiß lebhaft derselben. Doch, wenn es den Leser nicht belästigt, wage ich jetzt, ein Gedicht hier einzurücken, welches ich einst in den Ruinen der Eisenburg nieder schrieb.
Empfindungen in den Ruinen der Eisenburg.
Jahre schwinden, ewig durch die Räume Wandeln Sonnen ihre alte Bahn; Einmal währen nur der Menschen Träume, Einmal dauert nur des Lebens Wahn. An der Schande grausen Mälern nagt der Zahn der Zeit, Aus des Ruhmes Diamant blitzt nur Vergänglichkeit. --