Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge

Part 5

Chapter 53,679 wordsPublic domain

Unter solchem mühvollen Aufwärtsklettern waren wir endlich auf der Spitze des Berges angelangt. Heller als das Thal war die Region in welcher wir uns befanden. Wir konnten die wenig entfernten Gegenstände ziemlich genau unterscheiden. Die schwarze Farbe die über der Süd-, Nord- und Oestlichen Gegend ausgebreitet war, ließ uns Waldung vermuthen; auch bestätigte die Aussage unsers Führers unser Urtheil. Diese schwarze Farbe war aber auch jetzt alles, was wir in einiger Entfernung unterscheiden konnten; denn es war finster auf der Tiefe. Die Nacht lag noch mit ihrem bleyernen Zepter über der Gegend um uns her, indeß in Osten die weißen Sonnenstrahlen den Schimmer der Sterne verbleichten, und nur die hellglänzende Venus allein übrig ließen. Diese ersten Bothen des werdenden Tages veränderten ihre Farbe aus einem ekelhaften Grau bald in ein helles blendendes Silberweiß: und ihr Abglanz erhellte den Ort unsers Aufenthalts. Noch immer bedeckte Dunkel das Erdreich, und Finsterniß die schlafenden Völker; doch die Umrisse der Gebirge wurden mehr bemerkbar. -- Jetzt verlohr auch Venus ihren Glanz und verbarg ihr reizendes Gesicht hinter den Strahlen des Taggestirns als einen undurchsichtigen Schleier. -- Jetzt röthete sich tief im Osten der Horizont, aber bald fuhr sie höher herauf, Aurora, die Hoffnung des kommenden goldhaarigen Phöbus. -- Goldene Strahlen warf der Schneeberg[38] in Südwest uns zurück, und machte ihn durch sein Leuchten in der Entfernung kenntbar. -- Jetzt war es ganz Tag bey uns, jetzt umtönte uns der Gesang der erwachten gefiederten Waldbewohner; und doch ruhete noch Nacht auf der Tiefe. Noch konnte man Eybenstock nicht deutlich unterscheiden. Die schlängelnden Krümmungen der Thäler waren mit einem sanften Milchflor ähnlichem Nebel bezeichnet. Das Morgenroth, das der Sonne voraus gieng, hatte so eine brennende Purpurfarbe, daß unsere Augen seinen Anblick kaum vertragen konnten; und wir erwarteten jeden Augenblick den Hervortritt des jungen Phöbus. Eine neidische schwarze Wolke am Horizont entzog uns die ersten Strahlen noch wenige Augenblicke. Auf einmal aber brach, über die neidische siegend, der erste Strahl der Sonne gleich einer Fackel hinter einem Vorhang hervor gebracht, so durchdringend hervor, daß unsere Augen thränend wurden. -- Die beyden Basaltberge, der _Pöhl-_ und _Bärnsteiner Berg_, bildeten ein Thor, durch welches die Sonne sich den Eintritt über den Gesichtskreis eröfnete. Um uns her glänzten der Berge Spitzen -- und die Schatten der Thäler zerstreuten sich immer mehr und mehr. Zween Hirsche zogen sich von den Feldern in ihre dicken Schlupfwinkel langsam mitten am Auersberge zurück. Gerührt über das majestätische Schauspiel der Natur hatte es keiner von uns gewagt, ein lautes Wort zu sprechen: -- so mächtig wirkte diese erhabene Naturscene auf unsere Empfindung! Der dumpfe Schall des Hammers im Thal der großen Bucke tief unter unsern Füssen gelegen, versetzte uns auf einmal in Gedanken auf die Spitze des _Aetna_, und wir wähnten, das Getöse der einäugigen Cyclopen in ihrer Werkstatt zu hören, und erzitterten über den etwanigen Ausbruch eines Feuerstroms aus dem Bauche des Berges. -- Jetzt hatte sich eine Aussicht über eine Fläche eröfnet, die nur gesehen aber nicht beschrieben werden kann. Das erste was uns in die Augen fiel, waren die Merkmale, daß die Bewohner der vor uns liegenden Städte und Dörfer nach und nach erwachten. Dicke senkrechte Rauchsäulen stiegen aus ihren Wohnungen hoch in die Luft empor, wo sie durch Strahlen der Sonne zerstreut wurden und erinnerten uns, daß die erwachten Einwohner dem arabischen Gotte in diesen frühen Morgenstunden ein Rauch- und Trankopfer zu bringen schon bemüht waren.

In Südwesten ragte über die nahen Gebirge in blauer Entfernung der schon erwähnte _Fichtelberg_ hervor. Weiter gegen Westen breitete sich ein Theil des Voigtlandes, des Erzgebirges, des Altenburgischen und des Schönburgischen, wie eine Landkarte aus. Dörfer und Städte, Thäler, Hügel und Berge, Fruchtland und Waldungen wechselten so angenehm und so frey ohne gezwungene Ordnung mit einander ab, daß wir uns davon kaum loszureissen vermochten. Eibenstock, Schneeberg, Zwickau, Crimmitschau, Altenburg, Hohenstein, Lichtenstein, Annaberg, Scheibenberg waren mit bloßen Augen ohne Schwierigkeit zu unterscheiden. Und die Menge Dörfer, welche vor uns lagen, lassen sich nicht alle herzählen. Gegen Nordosten lag der König der sächsischen Gebirge und bedeckte die Aussicht in das ebene Land Böhmens. Südöstlich lag Johanngeorgenstadt in einer Einöde rund mit Waldungen umgeben; und weiter südlich war, so weit das Auge reichte, die Waldung kaum durch ein einzelnes Waldhaus unterbrochen. Jetzt wünschten wir den Thurm wieder hergestellt, welchen einst ein sächsischer Regent auf die Spitze dieses Berges zu seinen Vergnügen, wenn er hier jagte, hatte bauen lassen; wovon auch noch die Spitze des Berges der _Thurm_ genannt wird; träumten uns dann die ungleich größere Aussicht, dachten uns unser Auge mit einem Herschelischen Telescop bewaffnet! Die Erde, welche nun jetzt schon so groß, so schön sich uns darstellte, würde es gewiß dann noch mehr seyn; und welchen Horizont hätte hier der Astronom!

Mit einem Wort, ich kann dir die Freude nicht beschreiben, welche ich diesen Tag auf dem Auersberg genossen: unvergeßlich wird er mir seyn, denn zu tiefe Eindrücke haben alle, die von mir daselbst zum erstenmal gesehenen Erscheinungen in meiner Seele gemacht. Noch eine Bemerkung, welche ich diesen Morgen beym Aufgang der Sonne machte, muß ich dir mittheilen. Ich erinnerte mich an die Urgeschichte der Welt, und überzeugte mich fest: Moses, oder wer der Verfasser derselben ist, hat auf einem hohen Berg den Aufgang der Sonne gesehen, und bei der Beschreibung der Schöpfung kopirt; denn alle Erscheinungen folgten fast in der von ihm angeführten Ordnung.

_Es war finster auf der Tiefe. Gott sprach: es werde Licht, und es ward Licht._ Das hab ich heute mit meinen Augen gesehen, daß, und wie es Licht ward, ohne eine Sonne zu sehen. _Es sondern sich Wasser von den Wassern und bilden eine Veste._ -- Hier hat der Verfasser Nebel aufsteigen gesehen, welcher das flache Land bedeckt, und sich nach und nach zu Wolken gebildet hat. Damit man das flache Land von den Wässern, Flüssen, Seen, Meeren u. s. w. unterscheiden könnte, läßt er den Schöpfer eine Absonderung gebieten. Die Nebel schwanden, und man sah Trocknes und Erde. -- Jetzt sahe er Pflanzen, Gräßer und Bäume auf der Erde -- diese mußte der Schöpfer nun schaffen. --

Jetzt gieng die Sonne wirklich auf. Doch du wirst, ohne mich, die Idee sehr leicht weiter ausdehnen können. Dieser Gedanke soll keine Erklärung der Urschrift seyn; sondern ich führe ihn nur der Aehnlichkeit wegen an.

5.

Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.

Das Hammerwerk Wildenthal liegt nicht übel in einem tiefen Thale, an dem einen Fuße des Auersbergs. Das Herrschaftshaus, hinter welchem sich eine waldleere, grüne Bergseite, mit einem am Saume des Waldes hervor stehenden Hause, erhebt, nimmt sich vorzüglich gut aus. Ueberhaupt herrscht eine auffallende Thätigkeit und Lebhaftigkeit in diesem einsamen, wildromantischen Thale; das Geräusch der Hämmer, des Fuhrwerks, des Wassers, der dazwischen tönende Klang der kleinen Glocke, -- und wer zählt all das Geräuschvolle in diesem Thale hier auf? --

Sehr angenehm aber ist vorzüglich von hier aus der Weg nach Eibenstock zu.

Nicht weit von dem Wirthshause geht man über eine Brücke, unter welcher sich ein röthlicher Bach über Granitblöcke schäumend wälzt und in kleinern Gräben dann auf die Räder vertheilt, welche hier in einigen Hütten gehen. Zugleich senkt sich hier das Thal tiefer, so daß man jetzt an der untern Seite eines Berges fortgeht und den Rest des weit hinab sich dehnenden Thales zur Rechten hat. Der Weg zieht sich links an dem hohen Gebirge hin, ist eben und fest, und so über eine Stunde fast lang zu beiden Seiten abwechselnd und gemischt von Buchen und Tannen beschattet. Je weiter man wandert, desto angenehmer wird es; große, bunte Felsenblöcke ragen dicht zwischen den hochstämmigen Fichten, Buchen und Tannen, welche die linke hohe Gebirgsseite bis zum Wege herab beschatten, hervor; von da senkt sich sogleich der dunkle Wald wieder hinab in das Ende des Thals, aus welchem das Gemurmel des Waldbachs dringt. Gebrochene Tannen liegen trauernd hier und da, und durch die Lücken der Waldung sieht man drüben die kahlen, oft von Buchenhölzern und Felsen belebten, übrigen verschiedenen Gebirgsseiten hervorragen, vorzüglich den Abfall des Auersberges. Hier herum wachsen viele stärkende und gesunde Kräuter, deren Duft zur Abendzeit im Sommer den Geruchsinn lebhaft ergötzt.

Ich wanderte diesen Weg einst in einer warmen, mondhellen Sommernacht; aber es war schaurig, der Mond bildete allerlei Gestalten, die tiefste Stille herrschte, nur vom Gewimmer flatternder Eulen unterbrochen, der Bach rauschte unten so einförmig dahin; ich war allein, und damals von düstern Gedanken umlagert. Aber es war dennoch schön, eben dieses schauerliche Wesen schuf mir Genuß! Auf einem hohen Felsenblocke saß ich, mitleidig stahl durch den Raum schwarzer Tannen des Mondes bleicher Strahl sich zu mir herab, mit trübem Blicke sah ich die glückliche Vergangenheit im fliegenden Rosengewande vorüber schweben und trauernd blickten auf mich die geschiedenen Freuden, -- als ich auf einmal langsam Tritte daher schallen hörte, ich fuhr empor. -- Ein alter Mann gieng vorüber und eilte erschrocken zurück, als er mich gewahrte. Ich lief auf ihn zu und beruhigte ihn. »Ach! mein lieber Herr, -- meinte er in seiner Einfalt, -- hierum ists auch nicht richtig!« -- Ich lächelte für mich und gab blos meine Neugierde zu erkennen, weil es eine vergebliche Mühe ist, alte Leute von dem Glauben an wandelnde Geister zu heilen. Er gieng einen Weg mit mir und erzählte mir folgendes Mährchen:

»Vor vielen hundert Jahren, da hier noch alles menschenleer und wild war, verirrte sich in dieser Thalgegend ein reicher böhmischer Graf, welcher von einem Feste, das ein Reußischer Fürst gab, mit seiner Tochter nach Böhmen zurück kehrte. Er war mit der schönen Tochter von seinem Gefolge abgekommen und hatte sich auf diese Art mit ihr verirrt. Beide waren zu Roß, aber da sie in dieser Wildniß nicht mit den Rossen durchkommen konnten, banden sie dieselben an und giengen um auf einen Weg oder auf ihr Gefolge zu stoßen. -- Es war Nacht, Alles dunkel und finster, kein Stern stand am Himmel und so geriethen sie abgemattet, hungrig und durstig an den Ort, wo ich erst saß und wo der große Felsenblock liegt. -- Der Graf war ein böser Mann, der seine Unterthanen drückte und quälte, manche Jungfrau, manches Weib schon unglücklich gemacht hatte und stets in Schwelgerei lebte. Er fieng auch jetzt an, zu fluchen und zu toben, als er sich verirrt sah und lästerte den Namen Gottes; aber seine Tochter, ein gutes, frommes Kind, betete zu Gott, daß er sie und ihren Vater aus dieser Wildniß erretten möchte. Den bösen Vater verdroß ihr Gebet, er zog das Schwerdt und gebot ihr unter den gräßlichsten Drohungen, zu schweigen; aber sie betete in ihrem Herzen fort. Endlich wurde es plötzlich hell, wie wenn der Mond scheint, -- ein fremder, großer Ritter in schwarzer Rüstung stand vor ihnen und sprach: »Graf! so du mir dein Kind giebst, will ich dich erlösen aus allem Ungemach: ich bin ein Rittersmann, nicht weit von hier liegt meine Burg!« -- Und der Graf antwortete: »Wohl will ich dir die Dirne überlassen, so du mich aus der Wildniß geleitest.« Aber das Mädchen zitterte heftig und betete zu Gott. Da sprach der schwarze Ritter: »Ich habe keine Gewalt an ihr, doch du bist reif, grausamer Vater! Deine Zeit ist vorbei, du mußt mit mir von hinnen!« -- Ob dieser Worte entbrannte der Graf in seinem Zorne und hob das Schwerdt. Aber der schwarze Ritter grinzte ihn schrecklich an, und, als der Graf auf ihn zustürzte, ergriff er einen großen Felsenblock und schleuderte ihn auf den Grafen. Dieß ist der Block, den man heutiges Tages noch links am Wege sieht, darunter soll nun der böhmische Graf liegen. -- Der schwarze Ritter war -- der Satan, welcher alsbald mit Gestank und Dampf verschwand. Aber vom Himmel stiegen die heiligen Engel hernieder, trugen die fromme Tochter aus der Wildniß und heim auf ihr Schloß nach Böhmen. Zum Andenken an diese Begebenheit stiftete sie ein Kloster, welches aber im Jahr 1507. von einer Räuberhorde verbrannt und zerstört wurde.« --

Dieses Mährchen hat freilich viel Lücken, aber um der Gegend willen, welche ich schilderte, rücke ich es hier mit ein. -- Am Ende dieses schönen Weges, nämlich bey den Eibenstöcker Feldern, wo die Poststraße einen großen, bogigen Umweg macht, hat man die Aussicht theils auf die vor uns liegenden, sich ausbreitenden Fluren, theils auf Berge, Wälder, Felsen und Häuser, welche vermischt in einem Halbrunde sich darstellen.

Man geht nun auf dem Fußsteige fort, welcher sich bei einer Mühle vorbei zieht. Rechts senken sich die Wiesen tiefer hinab bis an den Saum des Waldes und an diesem Saume ragt ein ziemlich hoher, ruinförmiger Fels auf einer kleinen Anhöhe auf, welches einen schönen Anblick gewährt.

Jetzt kommt man durch ein kleines romantisches Wäldchen von Tannen und Laubholz, welches rings herum von Feldern eingeschlossen ist; mehrere Felsentrümmer liegen hier und da, angenehm und vielfach ertönen der Vögel Gesänge und die Liebe scheint hier mit ihren süssen Geheimnissen zu weilen. Mehrere kleine Gräben durchschneiden die nahen Wiesen zur Wässerung, welches, wenn die Sonne das Wasser in Silber verwandelt, herrlich aussieht; und nun weiter vorn kommt man wieder auf die Straße und erblickt Eibenstock.

_Eibenstock_ ist gewissermaßen in einem Halbrund gebaut, auf der einen Seite ziemlich eben, auf der andern aber ziehen sich die Häuser etwas bergab, und steigen zum Theil dann wieder an einem Berge auf. Im Ganzen ein recht schöner Anblick. Uebrigens ist die Gegend um Eibenstock nicht etwa schlecht, aber man findet auch keine besondere merkwürdige Gegenstände welche eine nähere Schilderung verdienten. --

Der Weg von Eibenstock bis _Oberblauenthal_, ein Eisenhammerwerk an der Mulde, ist auch sehr unterhaltend.

Bis an den Wald vor Oberblauenthal hat man nun wieder allerlei Berge, Wälder und Gefilde vor den Augen, doch in dem Walde selbst herrscht eine angenehme Kühle und Abwechselung, und wenn man eine Strecke darin fortgegangen ist, senkt sich der Weg allmählich einen ziemlichen Berg hinab. -- An dem Ausgange der Waldung wird man auf die angenehmste Weise durch den Anblick des Hammerwerks überrascht.

Dieses sieht man vor sich in einem engen Thale, auf dem obern Theile der Gebirgsseiten von Waldung fast überall umgeben; an den Bergen herab und unten breiten sich Felder und Wiesen aus, durch welche sich die Mulde, an ihren Ufern mit Gebüschen geschmückt, hindurch schlängelt. Die gewöhnliche Lebhaftigkeit und all das geschäftige Wesen auf solchen Hammerwerken, das Rauschen mehrerer Bäche, alles dieses erhöht auch hier den schönen Anblick und giebt ihm viel anziehendes. Wenn man den Berg vollends hinunter gestiegen ist, hat man unten wieder eine interessante Ansicht von dem Thale.

Da, wo die Mulde hervorfließt, bildet hinten die schwarze Waldung ein schönes Halbrund, welches sich, je höher es steigt, in lichteres Grün verwandelt. Zur Seite sieht man den steilen Fuß des Berges, von welchem man herab kam, an seinem Ende nimmt man junge Fichtengebüsche und weiß hervor ragende Sandsteine wahr. Weiter hin, der Mulde entgegen, ragt ein großer, kahler, felsiger Berg majestätisch hervor, einzelne hohe Tannen zieren seinen Scheitel, an seinem jähen Fuße breiten sich bebuschte Wiesen aus, durch welche in einem schönen Bogen die Mulde sich windet. Der Anblick dieses blaßroth grauen Berges, ist so auffallend, als schön: aber auch hinter ihm ragen noch in der Nähe einige solche Berge, nur oben mit mehr Waldung, und unten aus der weiten Schlucht schimmert das schöne, herrschaftliche Gebäude des Hammerwerks _Unterblauenthal_ hervor, welches zusammen gewiß ein angenehmer Genuß für das Auge ist. --

Dahin nun richte man seine Schritte selbst und betrete den Weg, welcher durch Erlengebüsche oft hart an dem felsigen Ufer der Mulde sich hin windet.

_Unterblauenthal_ liegt fast noch angenehmer, als Oberblauenthal; freilich kommt es hier auf das Urtheil eines Jeden selbst an, der diese Gegenden durchwanderte und kennt. Von Unterblauenthal, vorzüglich von dem sogenannten Herrnhause aus, hat man die schönste Aussicht durch das ganze lange Thal hinab; ich sage es noch einmal, die schönste, vortrefflichste Aussicht hat man hier. --

In Merkels, von Engelhardt neu herausgegebener Erdbeschreibung von Sachsen im ersten Bd. S. 201. ließt man Folgendes:

»Die Gegend über Eibenstock, Johanngeorgenstadt, Wiesenthal, Jöhstadt u. s. w. bis nach Böhmen auf der einen, und bis ins Voigtland auf der andern Seite, nennt man gewöhnlich (??) das _Sächsische Siberien_, ein Name, der freilich paßt, wenn man jene Gegenden mit Meisnischen oder Thüringischen vergleicht. Denn man erblickt dort, ausser etwas kärglichem Ackerbau, fast nichts, als Wald und Wüstung. Der Schnee liegt gewöhnlich 2--3 Ellen, in den Hohlwegen wohl 20--30 Ellen, tief, und schmilzt immer erst spät im Frühjahr, oft kaum vor Johannis. In einer Nacht verschneit gleich Haus und Hof, daß ein Meisner oder Thüringer etc. nicht wissen würde, ob er in Sachsen oder Siberien sei.« -- --

Da Herr Engelhardt das Meiste aus handschriftlichen Nachrichten erfahren hat, so mag die angeführte Stelle auch aus einer dergleichen Nachricht vielleicht herrühren. Denn der verdienstvolle Herr Herausgeber würde sich gewiß bedacht haben, dieses einzurücken, wenn er die Gegenden bei Johanngeorgenstadt und Eibenstock durchwandert hätte, und Derjenige, welcher ihm jene Nachricht überschickte, hat entweder dabei besondere Absichten gehabt, oder er ist nicht weiter, als vor die Thüre gekommen. -- Mir sowohl, als mehrern unpartheiischen Erzgebirgern, welche die Gegenden gewiß kennen, in welchen sie leben, kam es sehr lächerlich vor, daß man wähnen kann, in diesem Theile des Gebirges bloß kärglichen Ackerbau, Wald und Wüstung zu erblicken; daß ferner der Schnee in den Hohlwegen 20--30 Ellen tief liegen soll. Das ist nun wahrlich übertrieben! -- Denn man stelle sich nur vor, wenn der Schnee 20--30 Ellen in den Hohlwegen liegen soll, müssen diese natürlich selbst so tief seyn;[39] aber ich kann behaupten, daß es in dortiger Gegend nicht einen solchen Hohlweg gebe. Der Boden ist steinigt und fest, und kann so tief gar nicht durchgefahren werden, man würde sehr bald auf Felsen stoßen, womit die ganze Gebirgskette versetzt ist; übrigens ist auch das Fuhrwesen gar nicht so stark und häufig. Der Begriff überhaupt, welchen man hier den Meisnern und Thüringern von dem obern Erzgebirge geben will, ist nun wohl ein wenig überspannt und falsch. Nicht ein Winter ist wie der andere, und man findet, wenn im Gebirge ein großer Schnee gefallen ist, auch in Meißen und Thüringen nicht wenig, wie ich sehr wohl weiß. -- Es giebt sogenannte Spaßvögel, welche in den andern sächsischen Provinzen die fadesten Lügen[40] von dem obern Erzgebirge gesagt haben. Verständige Leute sollten daher nicht Alles unbedingt glauben, das Ungewöhnliche nicht für das Gewöhnliche halten und weniger partheiisch seyn!! --

6.

Der Weg von Sosa nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke.

Von Unterblauenthal kommt man nach _Sosa_, ein ziemliches Dorf, dessen Einwohner sich theils vom Bergbau und Spitzenklöppeln, theils aber vom Arzenei verfertigen und Vitriolbrennen nähren. Man trifft, sogar in den entferntesten Gegenden, bisweilen Bergleute mit Arzeneikästen, welche meistentheils aus Sosa sind. Eigentlich sind es keine gewöhnlichen Bergleute, sie kleiden sich blos aus besonderer Anhänglichkeit in bergmännische Tracht.

_Sosa_ liegt in einem schönen Thale, zwei Stunden von Johanngeorgenstadt, von einem Bache durchschnitten und auf den beiden Bergseiten von Feldern und Büschen umgeben. An dem untern Ende des Dorfes fängt sich ein dichter, finstrer Wald an, welcher sich bis an den Ausgang des Thales fortzieht und wodurch der Weg nach dem Schindlerischen Blaufarbenwerke geht. Aber man stelle sich unter Weg hier ja nicht das vor, was eigentlich mit diesem Begriffe verbunden ist. Es ist vielmehr ein ganz schmaler, oft steiniger, oft lehmiger Pfad, der hier und da plötzlich verschwindet und eben so plötzlich wieder sich zeigt; Gestrippe und Aeste verwirren des Wanderers Fuß, daß man äußerst vorsichtig gehen muß, um nicht Schaden zu nehmen. -- Man geht dem Waldbach anfänglich immer rechts zur Seite, aber weiter unten muß man öfters herüber und hinüber springen, um fortkommen zu können. Es ist ein schauerliches, stilles Thal, welches man hier durchwandert, nur selten sieht man den Himmel, kein Vogel singt hier, kein Blümchen duftet hier, ewiger Wald bedeckt Alles mit grauenvoller Finsterniß und eine Kühle, wie in Leichengrüften, herrscht darin. Banger Schauer schüttelte meine Glieder, in unerklärbarer Furcht pochte mein Herz, als ich das erstemal dieses Thal durchwanderte; oft sah ich mich ängstlich um, jedes Knarren einer alten Tanne, jedes unbedeutende Geräusch erschreckte mich Einsamen, kein lebendiges Wesen war zu erblicken, und dennoch freute ich mich in der Beklommenheit meiner Brust dieses wilden Thals. Bald mußte ich über schlüpfrige Wurzeln, bald über Gestripp und Steine klettern, bald über den Bach setzen, bald durch dichte Gebüsche mich drängen, bald auf einem handbreiten Ufer, an herab hängende Aeste mich festhaltend, klimmen, bald hinan, bald herabsteigen. Weiter unten erhoben sich zu meiner Linken weißgraue Felsen aus dem grünen Dunkel empor, welche hier und da mit Moos bedeckt waren. Dieses überraschte mich sehr, und nach einer kleinen Strecke kam ich an einige schlüpfrige über den Bach gelegte Hölzer, auf welchem Wege ich dann einen Fahrweg erreichte, der bis an den Ausgang des Thals führt. So sehr Furcht und Grauen das Herz des Wanderers füllten, als er sich in diesem langen, schauerlichen Thale einsam und verlassen sah: um so größer war die freudige Ueberraschung und das Erstaunen bei dem Ende dieses Thals.

Aus dem schaurigen Dunkel des schweigenden Forstes trat ich plötzlich in ein breites, grünes, freundliches Thal, durch dessen Mitte hinab die Mulde sich schlängelte; Blumen prangten hier, Vögel sangen fröhlich, die Wellen des Flusses schlugen plätschernd an die Ufer, über mir war so rein und klar der Himmel ausgespannt und eine warme Luft umwehte mich. Ich kann nicht sagen, wie angenehm ich überrascht war, mit welchen frohen Gefühlen ich umherblickte; mir war, als sei ich einer Gefahr entgangen, als käm ich aus dem Todtenhaine des Tartarus in die freundlichen Gefilde Elysiums. -- Zu beiden Seiten sah ich die sehr hohen Gebirge mit vermischter Waldung bedeckt, an deren Saum hier und da Felsen von Buchen umschattet aufragten; vor mir erblickte ich das große, steinerne Wehr, auf dessen mittelsten Pfeiler ein weißes Monument daher blinkte, welcher Anblick ausserordentlich viel romantisches in sich faßt. Ich gieng nun weiter und kam auf das Wehr, welches zugleich eine Brücke über die Mulde bildet. Es ist aus lauter Quaderstücken auf dem felsigen Bette des Flusses gebaut und man hat hier zugleich den angenehmsten Anblick eines, wenn auch nicht hohen, aber doch starken, Wasserfalls; mit Pfeilesschnelle strömt das klare Wasser über die schrägen Quadersteine und stürzt dann schäumend und siedend sich in die klippenvollen Bassins hinab, wo es nun murmelnd weiter fließt. Ein dumpfer, ewiger Donner herrscht hier. Das weißmarmorne Monument auf dem mittlern Pfeiler ist einfach und geschmackvoll; es ist zur Erinnerung an den verstorbenen, verdienstvollen Factor _Bauer_ auf dem Schindlerischen Blaufarbenwerke errichtet. In einem Oval ist eine lateinische Innschrift, welche sich ungefähr so anfängt:

~En petrarum molem perennem! Perennis quoque sit memoria etc.~