Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge

Part 4

Chapter 43,237 wordsPublic domain

Von Johanngeorgenstadt nach Abend hin, ungefähr zwey Stunden weit, erhebt sich der _Auersberg_, welcher von dem sonst[29] häufig auf ihm sich aufhaltenden Auerwildpret diesen Namen erhielt. Von _Eibenstock_ aus liegt er zwischen Morgen und Mittag, zwei Stunden weit; von Schneeberg aus aber liegt er gegen Mittag, und man rechnet bis zu seinem Fuße vier Stunden, wenn man nämlich über _Sosa_ dahin reißt. Wie bekannt, ist dieser Berg nach dem Fichtelberge der höchste in Sachsen: er erhebt sich 2353 Fuß hoch über Wittenberg.

Man merkt, wenn man von Johanngeorgenstadt ausgeht, nicht seine Höhe so auffallend, denn von diesem Gebirge steigt er immer allmählig empor. Als Fremder findet man allein den Weg nicht, man muß einen Führer nehmen und um 1 Uhr früh, versehen mit geistigem Getränke und einem tüchtigen Frühstücke, (denn auf hohen Bergen wird man bald und oft hungrig) sich aufmachen, daß man vor Sonnenaufgang oben ist; denn das ist der herrlichste, erhabendste Genuß, hier den Fürsten des Tages aus seinem Rosenbette steigen zu sehen.

Angenehm ist von Steinbach aus der Weg freilich nicht, denn bisweilen ist es sumpfig, und Frauenzimmer mögen sich mit Stiefeln verwahren; dann geht man auf lauter quer gelegten Stangen den größten Theil des Weges hinan, immer von hohem, dunklem Wald umgeben. Es wird der Auersberg häufig von Fremden und Einheimischen besucht, und die letztern wallfahrten in ganzen Gesellschaften dahin. Von Eibenstock aus ist der Weg besser, aber man muß viel steigen, denn von Wildenthal aus hebt sich der Berg steil empor. Der angenehmste Weg ist von Sosa aus.

Der obere Theil des Berges (nicht, wie Merkel bemerkt, der höchste Punct) wird der _Thurm_ genannt, indem Johann Georg I., welcher bei einer Jagd sich auf der Spitze des Berges befand und von der herrlichen Aussicht entzückt ward, einen hölzernen Thurm drauf bauen ließ, von welchem man jetzt aber wenig oder gar keine Spuren mehr findet. Dieser Scheitel des Berges ist ziemlich groß und eben, mit Riedgras und Beersträuchern weit bedeckt und auf der etwas tiefern Morgenseite zu von Waldung umrundet, welche aber der Aussicht keinen Schaden thut. Man trifft übrigens weiter unten nach Sosa zu hier und da tiefe Gruben, oft in Fels, welche aber nicht alle um des Bergbaus willen entstanden zu seyn scheinen, denn man nimmt nicht das geringste Merkmal irgend eines Aufsturzes oder einer Halde wahr; auch findet man Himbeere von unvergleichlichem Geschmacke.

Im Winter liegt der Schnee am höchsten und längsten auf dem Auersberge, ja, man findet in manchen Löchern zur heißesten Sommerszeit Schnee, welcher viele Jahre alt ist, wie man aus den Schichten des Laubes, die, vom Schnee eines Jahres bedeckt, vielfältig auf einander liegen, erkennen kann. Auch hält sich viel Wildpret um den Berg auf, freilich jetzt nicht mehr in so großer Anzahl, da die böhmischen Wilddiebe sonst truppenweise herüberzogen, das meiste wegschossen und auf Wagen ungescheut fortfuhren.

Ueber dem Auersberge steht äußerst selten, ja fast nie ein Gewitter, immer legen sie sich tiefer daran und es ist eine der erhabensten Scenen, wenn man im Sonnenscheine auf der Spitze des Berges steht und unter sich graue Wolken sieht, aus welchen Blitze flammen und Donner rollen. So stand einst Moses auf Sinai. --

O! welche unnennbare Gefühle zittern hier in der Brust des gefühlvollen Menschen, wenn er sich dem Himmel so nahe und die Erde so tief und klein unter sich sieht! Wie eitel, wie lächerlich erscheint ihm hier alles Treiben und Streben der Menschen nach armseligen Gütern, wie klein erscheinen ihm dann die angstvollen Wünsche, die sie nur für die Erde hegen! Mitleidig blickt er auf ihre Fehden und Kriege hinab, mitleidig auf die Götter der Erde, die sich da unten so groß dünken. -- So gieng einst auch Jesus auf hohe Berge, denn hier fühlte er die selige Nähe seines himmlischen Vaters, hier sprach er mit ihm und überdachte den heiligen Plan zur Rettung der Menschheit! --

Doch, es sey mir erlaubt, eine Reise zu erzählen, welche ich einst mit einigen meiner Jugendfreunde von Schneeberg aus nach dem Auersberge machte. Es ist dieses gewiß eine unterhaltende und belehrende Geschichte. --

Es war in einem Juliusmonate und die schöne Witterung versprach Dauer, als wir beschlossen, eine Reise auf den Auersberg zu machen, welchen wir so oft in seiner Ferne schon betrachtet hatten. Wir wurden einig, uns so einzurichten, daß wir des Nachts auf der Spitze des Berges bleiben könnten, um dann früh desto gewisser den Aufgang der Sonne zu sehen. Daher versahen wir uns mit Lebensmitteln und zum Theil auch mit Säbeln, und traten froh und heiter um 1 Uhr Mittags unsre Reise an; giengen über _Zschorlau_ nach dem _Schindlerschen_ Blaufarbenwerke und kamen von da nach _Sosa_. Ich will hier die Anfangsbuchstaben der Namen meiner Freunde hersetzen, damit, wenn sie dieses Buch lesen sollten, sie sich an mich und an die originelle Reise erinnern. W--r und Oe--l aus J**, F--r aus A**, K--sch aus S**, und H--n aus H**; vielleicht wird sich der letztere noch seiner Ausruffungen an den Mond und seines Durstes, und die Andern Alle sich der interessanten Scenen des Nachts auf dem Berge erinnern! --

Unerfahren in solchen Reisen, war schon bei unserer Ankunft in Sosa unser Proviant aufgezehrt, daß wir uns mit frischem versehen mußten, wozu wir Schnaps[30] und Bier fügten, ein Jeder hatte das Seine. -- Man rieth uns, es war gegen 6 Uhr Abends, in Sosa sehr ab, des Nachts auf dem Berge zu bleiben, weil uns sehr frieren würde; aber, wie nun einmal junge Leute sind, wir lachten und bestellten einen Führer, welcher uns bis an den Fuß des Berges leiten sollte. Er erschien und wir traten die abentheuerliche Wanderung an.

Der Weg gieng durch ein schönes, mit Wiesen, Feldern, Bächen und Büschen geschmücktes Thal, in welchem schon einige Dämmerung herrschte. Aus dem Walde zu beiden Seiten drangen die Abendgesänge der Vögel an unser Ohr, die Purpurstrahlen der Sonne mahlten die Wipfel der Bäume und hie und da begegneten uns heimkehrende Feldarbeiter und Bergleute, welche uns nicht wenig anstaunten; denn unser Zug mochte auch besonders in die Augen fallen. Voran der Führer, dann einzeln nach einander, weil der Weg schmal war, wir Wanderer mit Flaschen und Gewehr belastet. --

Nie kann ich aber das romantische Thal vergessen, durch welches wir giengen, so abwechselnd, so heimlich und doch freundlich. Jetzt war zur Rechten Tannenwald und zur Linken Laubholz mit Felsen, jetzt umgekehrt hatten wir Nadelholz zur Linken und Buchen zur Rechten; jetzt giengen wir durch gewässerte Wiesen, jetzt zwischen Aeckern und Gebüschen, und ein murmelnder Bach blieb stets uns zur Seite. Endlich kamen wir an dem steil aufragenden Fuße des Auersbergs an und blickten beklommen an der mächtigen Höhe empor, nicht ahnend, daß wir nun noch über eine Stunde zu steigen hatten. Unser Führer stieg eine Strecke mit uns empor und zeigte dann, in welcher Richtung wir uns halten müßten, wünschte uns gute Nacht und verschwand.

In Sorgen des Weges und in Furcht (ich will es nur gestehen) vor Wilddieben stiegen wir empor, fest entschlossen, uns mit keinem Blicke umzusehen, damit wir die Aussicht dann doppelt genießen möchten. Wir kamen nun an einen Absatz des Berges, ungefähr in der Mitte der Höhe; hier zog sich eine schmale Seite des Waldes hervor, mit einzelnen Granitblöcken, welches angenehm auffiel. Wir kamen an mehrere der erwähnten Gruben, in welchen ewiger Schnee blinkte; uns schwitzte sehr, und der Contrast der Jahreszeit mit diesem Schnee regte unsern Durst, daß die mit genommenen Flaschen Bier es empfanden.

Wir kamen sodann an den Theil des Berges, welcher der Thurm heißt und wurden froh, weil wir das Ende unsers Steigens und das Ziel unserer Reise nun bald erreicht sahen. Jetzt wurde es etwas waldiger, wir drängten uns durch Gebüsche, immer emporsteigend, bis wir endlich, und mit welchen frohen Gefühlen! auf die Spitze des Berges kamen. Wir ersahen uns ein bequemes Plätzchen, warfen unser Gepäck hin und uns daneben nieder, um auszuruhen; es wurde gegessen, getrunken, gescherzt und unterhalten. Acht Uhr war vorbei, aber auf dem Berge war es nach dem Stande der Sonne etwa erst fünf Uhr. --

Nachdem wir uns gelabt und erholt hatten, wurde Anstalt gemacht, (umgesehen hatten wir uns wenig oder gar nicht) eine Hütte von Reisig aufzubauen, worein wir uns des Nachts legen könnten. Wir fiengen daher an, mit unsern -- Säbeln Aeste und junge Bäume abzuhauen, sammelten eine Menge dürres Holz zu einem Feuer und nun gieng der Bau an. Nach einer Stunde stand die kleine Hütte fertig, vor der Thüre[31] derselben loderte ein Feuer und die ganze Scene schien einer Niederlassung unstäter Nomaden oder Apenninischer Rinaldo-Truppen[32] nicht unähnlich zu seyn; denn die Andern hatten sich um das Feuer gelagert und schmauchten ein Pfeifchen. Aber ich strich noch auf dem Scheitel des Berges herum, mich umzusehen, es war 10 Uhr vorbei.

O Gott! wie ward ich überrascht, als ich hin nach West blickte und die Sonne, ohne Strahlen, wie eine Rubinkugel, glühend am grauen Horizonte hinab sinken sah! -- Alle Sterne funkelten am Himmel und in seinem Silberglanze strahlte zugleich der Mond, von der Erde unter mir war nichts zu sehen, ein weißer Nebelschleier wallte darüber. Der Anblick griff mich zu mächtig an, ich wußte nicht mehr, wo ich war, als ich Sonne, Mond und Sterne am Himmel, Tag und Nacht zugleich sah; und nun die erhabene, schauerliche Stille, welche nur bisweilen ein rauher Windstoß durch den Forst unterbrach! -- Ich wollte weinen, und wußte nicht, warum, -- beten wollte ich und konnte nichts denken, und so starrte ich in der höchsten Bewegung meines Geistes umher. Alles war so friedlich, so ruhig, und lieblich winkten die goldnen Sterne mir: -- da ward mir leichter, da sank eine drückende Last von meinem Herzen, da fühlte ich mich plötzlich dem Himmel näher, ich stand vor dem Throne der Gottheit und trunken schwebte ich durch das Reich der Sterne hin ... ewig war der Raum, mein Flug ein Gedanke, meine Bahn zwischen Sonnen, ach! und ich konnte sie nicht beenden ... des Raumes Ewigkeit warf den zitternden Jüngling wieder auf seine Erde. -- »O! wäre es mir -- seufzte ich -- nur vergönnt, so ewig auf Erden zu leben! Warum muß ich wieder vergehen, ohne zu wissen, was ich war, wo ich war? Das wäre grausam, wenn ein Gott ist.« -- -- Und da sank schnell die Sonne hinab, ich schauerte zusammen; -- »Ja! -- rief ich -- ja, ich sinke! Aber ich gehe auch wieder auf, gehe strahlend wieder auf!« -- Mein Geist rang mit einem Heere schrecklicher Zweifel, endlich besiegte er sie, mit Sonnenlichte strahlte der göttliche Gedanke Unsterblichkeit in mir auf: und lieblicher winkten alle Sterne mir, und freundlicher lächelte der Mond auf mich. Beruhigt, getröstet und heiter kehrte ich zu meinen Freunden zurück. --

Diese hatten nichts mehr zu trinken, und waren von Durst und von Ameisen[33] geplagt. Längst schon waren Zwei fort, um Wasser aufzusuchen, aber noch nicht zurück gekehrt, daß wir unterdessen viel Angst ausstanden; endlich kamen sie und brachten -- mehrere Flaschen Bier, statt Wasser, welches sie, man denke die Aufopferung, aus _Wildenthal_ herauf geholt hatten. Dankbar gegen sie labten wir uns und legten uns einmüthiglich in die Hütte, um ein wenig zu schlafen, es war 12 Uhr Mitternachts.

Kaum hatten wir uns an einander gelegt, um uns zu wärmen, denn über die flache Bergspitze daher strich ein kalter Nachtwind, da pfiff man plötzlich in einiger Entfernung von uns zweimal stark auf dem Finger ... wir fuhren erschrocken auf und griffen -- ängstlich nach unsern Gewehren. Noch einmal pfiff es jetzt, daß der Wald gellte, wir hoben uns langsam und leise empor und fürchteten schon, von Wilddieben angefallen zu werden,[34] gossen daher Bier auf die glimmenden Kohlen, damit wir dadurch nicht bemerkt würden. -- Horch! da raschelt es durch das Riedgras langsam über den Scheitel des Berges daher ... Keiner von uns wagte erst, aus der Hütte zu sehen; endlich gewahrten wir ein hohes, schlankes Reh nicht weit von uns vorüber trippeln, welches gerade auf die Gegend hinab, woher der Pfiff gekommen war, zulief, lange noch hörten wir das Geräusch seiner Tritte, bis es nach und nach verschwand. -- Plötzlich gieng ein Büchsenschuß auf, der, von dem Echo vervielfältigt, schauerlich durch die Thäler der Nacht dahin krachte, und nicht lange darauf hörten wir im Thale auf der Mittagsseite einen Wagen rollen. Es war also gegründet, daß böhmische Wilddiebe in unserer Nähe gewesen waren. --

Wir hatten nun nicht eben die größte Lust, mehr zu schlafen, sondern standen auf und machten wieder Feuer an, während dessen sahen wir in Böhmen ein ziemliches Feuer aufgehen; wir nahmen das Fernrohr zur Hand und bemerkten, daß zwei Scheunen wegbrannten.

Ein Uhr war jetzt vorbei und schon stieg am östlichen Himmel die Morgenröthe auf, und reiner und schöner strahlte ihr purpur goldener Saum; auch der Scheitel des Berges fieng jetzt an, sich hie und da zu röthen, einzeln verloschen schon am Himmel die Sterne, bleicher wandelte Luna und kehrte allmählich ihr Angesicht nach dem blühenden Sonnengotte, welchem funkelnd Venus voraus wandelte.[35] Aber auf der Erde drunten war noch Nacht und Dunkel; kein Berg, kein Thal, kein Wald, keine Stadt, nichts war zu unterscheiden, alles war eine ewigragende Finsterniß; aber Verklärung herrschte auf dem Berge.

Ach! es wäre doch grausend und schrecklich gewesen, wenn auf immer die Erde so von mir wäre getrennt geblieben, wenn ich nicht mehr unter den Menschen dieses Lebens hätte wandeln können, nicht mehr von ihnen geliebt und gehaßt, belohnt und betrogen worden wäre und _so_ einsam immer auf der Spitze des Berges hätte weilen sollen! Man leidet und duldet gern, wenn andere leiden und dulden, aber man genießt alle Seligkeiten doppelt, wenn man sie als Mensch unter Menschen genießt. --

Immer lichter und goldener wurde es in Osten, immer weiter am Himmel verbreitete sich ein hehrer Glanz; ein Fleck war jetzt der strahlende Verräther der Sonnenbahn, sichtbar erhöhte sich das Licht, die Vögel des Waldes auf der Höhe des Berges wachten auf und sangen so schön, eine wärmere Luft strich über unsere Wangen, -- und da hob sich in weißer Gluth, neu und vergnügt die liebe Sonne am fernsten Horizont langsam empor. Ihr erster Strahl traf uns und die Spitze des Berges. Unter uns war alles noch finster und still, weiße Nebel wallten durcheinander, bis endlich nach und nach die Sonne höher stieg, durch ihre allmächtigen Strahlen die Nebel zerriß und zerstreute, und magisch uns die Menge der Städte, Dörfer, Häuser, Felder, Wälder, Berge und Felsen enthüllte und darstellte. Dieser Anblick war äußerst überraschend und herrlich! --

Wir konnten mit bloßen Augen viele Meilen weit ziemlich deutlich im Umkreise umher blicken und durch Hülfe des Fernrohrs uns besser von den Gegenständen überzeugen und mancherlei neue entdecken. Wir konnten gegen Abend hin das ganze Voigtland und die verschiedenen Herrschaften, die ganze Zwickauer Gegend, nach Mitternacht hin die Schönburgischen Landschaften mit ihren Schlössern und Ruinen und die dahinter sich anschließenden Gegenden erkennen. Nach Morgen zu das untere Erzgebirge und ein Theil des Meißner Landes, woran sich weiter oben Böhmen anschließt und dann in einem halben Kreise nach Mittag bis Abend hin sich ausbreitet. Zwischen Morgen und Mittag ragt aus mehrern größern und kleinern Bergen stolz der waldige _Fichtelberg_ empor und schielt neidisch herüber auf seinen kleinern Bruder; weiter hin nach Morgen der grabähnliche _Pöhlberg_[36] und alle die darum liegenden Berge. Näher vor sich sieht man den _Riesenberg_, einen ziemlich hohen, kahlen, mit ruinförmigen Basaltfelsen auf der Spitze ausgezeichneten Berg, und so gegen Mittag hin nimmt man viel hohe Berge in Böhmen wahr, worunter sich vorzüglich ein mit hellgrünen Steinen bedeckter, auszeichnet. Wir hatten eine entzückende Aussicht! -- Nun wollten wir auch nach dem lieben Schneeberg sehen, lange mußten wir suchen, und wie groß war unser Staunen, als es tief, tief da unten so klein und unbedeutend lag, daß wir unsern Augen kaum trauten. So gieng es uns mit mehrern näher liegenden Orten, wir mußten, ob sie schon auf Bergen lagen, sie doch in der Tiefe aufsuchen.

Wenn die Luft rein und hell ist und man ein gutes Fernrohr hat, kann man sich viel Vergnügen und zugleich manche Belehrung über die Lage und Form verschiedener Städte, Dörfer und Gegenden verschaffen, ob man sie gleich mit keinem Fuße betreten hat; man kann, und zwar mit Wahrheit, versichern, diesen und jenen Ort _wirklich_ gesehen zu haben, ohne in die Gegend gekommen zu seyn. --

In dem Walde um und unter uns wurde es nach und nach immer lebhafter; wir hörten fleißige Holzäxte klingen, hörten das Rasseln der Wagen in den nahen Thälern, (des Wildenthaler Blechhammers monotonische Schläge hatten wir die ganze Nacht hindurch gehört) und den schwebenden Schall der Frühglocken, das frohe Gebrülle des Viehes, das man auf die Weide trieb, und den schönen Gesang der Vögel. Es war entzückend, unvergleichlich erhaben, jetzt auf dem Berge zu weilen. In Thränen hätte man vor Wonne vergehen mögen! -- --

Lange noch senkten wir die trunkenen Blicke umher auf die Gegend, wo wir immer mehr neue und interessante Gegenstände und Scenen auffanden. Endlich aber, von Hunger und Durst geplagt, schickten wir uns zur Rückreise an, welche wir auch vergnügt und glücklich vollendeten.

Nach mehrern Jahren reißte ich wieder einmal auf den Auersberg und fand die Ruinen unserer damaligen Hütte noch, worüber ich die lebhafteste Freude empfand, denn dadurch wurde ich an manche frohe Stunde erinnert, die ich nie wieder so genießen werde.

Reiche Leute könnten sich recht verdient um den Auersberg machen, wenn sie eine nicht zu hohe, steinerne Gallerie auf die Spitze desselben bauen ließen; die Aussicht gewönne dadurch ungemein, man hätte mehr Bequemlichkeit, und in der Ferne würde dieß dem Berge ein interessanteres Ansehen geben. -- Steine giebts im Gebirge, auch arme Leute genug, die sich etwas verdienen möchten und könnten! --

Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg bei Eybenstock.

Eine Novantike für Freunde der Natur.[37]

Den 12ten July 1793.

Hab ich mir je gewünscht ein Dichter zu seyn: so hab ichs heute. Heute habe ich die Sonne auf dem _Auersberg_ aufgehen gesehen. Eine Erscheinung, Freund, die schon von vielen Dichtern lebhaft besungen und von Prosaikern beschrieben worden; deren Beschreibung aber doch das Gefühl in mir nicht rege gemacht hat, als es die Natur diesen Morgen selbst in uns hervorbrachte. Sey es nun, daß das frühe Erwachen, die Morgenluft und die mit ihr vereinigte Bergluft, die höhere Region, in welcher wir uns befanden, zu unserer Stimmung für Freude und reine Naturgefühle das Ihre beygetragen haben: genug, ich muß Dir gestehen, daß ich solche Empfindungen nie in mir gefühlt habe: ob ich schon die Sonne oft, aber auf der Ebene, habe aufgehen sehen. Ich will dir ohne allen dichterischen Schwung die Erscheinung, so gut ich kann, beschreiben.

Um 12 Uhr des Nachts machten wir uns in Eybenstock auf den Weg; denn wir hatten volle 2 Stunden, einen ziemlich ungebahnten Weg bis auf die Spitze des Auersberges, der Thurm genannt, zu steigen. Unser Weg bis an den Abhang, welcher sich in das Thal der großen Bucke hinabstürzt, war fast eben. Aber auf einmal als wir uns dem Abhang näherten, wo wir gegen über wieder aufwärts klettern mußten, wurde unser Pfad kritischer. Vorsichtig und in Gefahr hinab zu rollen, stiegen wir in das Thal der großen Bucke hinab, und befanden uns, so viel als die Schatten der Nacht urtheilen ließen, in einem sehr engen, auf beiden Seiten mit hohen Gebirgen und freistehenden Felsenwänden umgebenen Thal eingeschlossen. Der einzige Ort wo wir ins Thal herab gestiegen waren, machte es zugänglich. Von hier aus stiegen wir wieder in einer von freystehenden Felsen gebildeten, mit hohen Bäumen bewachsenen und durch zerstreut umherliegende Felsenmassen fast unwegbaren Schlucht aufwärts. Das durch die Hitze der vorigen Tage ausgetrocknete Moos und die durch die schattichten Bäume noch dunkler gemachte Nacht, erschwerte unser Steigen ungemein. Unsere Schuhe wurden so glatt, daß wir aller Versuche ungeachtet, uns nicht immer aufrecht erhalten konnten; und die Dunkelheit erlaubte es nicht uns bequemere Fußtritte auszusuchen.