Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge
Part 3
Zu Anfange des Stadtbaues, giengen einst früh Morgens drei Bergleute aus, um die umliegenden Gebirge zu untersuchen, wobei sie sich zugleich des Ruthenschlagens bedienten. Diese kamen nun auch zu dem Felsen, welcher damals höher und stärker gewesen seyn soll; müde und abgemattet setzten sie sich hier nieder, um auszuruhen. Sie erzählten sich manches und unter andern fiengen sie auch an, von dem Baue der Stadt und ihrem Vorhaben zu sprechen und äußerten oft den Wunsch, daß Gott den Katholiken die schwere Sünde vergeben möge, die sie durch so manche Kränkungen an den Lutheranern begiengen. Plötzlich rauschte es hinter ihnen, -- erschrocken kehrten sie sich um und sahen einen langen, dicken Mönch aus einem Busche hervortreten, welcher, den Zeigefinger der rechten Hand emporgestreckt, ihnen dreimal winkte. -- -- Sie geriethen in Verlegenheit und wußten nicht, was sie thun sollten; endlich entschlossen sie sich und giengen näher hinzu, worauf der Mönch langsam auf den Fels gestiegen sei, gleichwie auf einer Treppe, und jeder Tritt seines Fußes hätte eine solche Stufe gebildet, wie man heutiges Tags noch sieht. Von oben herab hätte er nun zu ihnen mit einer schauerlichen, besondern Stimme gepredigt, ihnen Gold und Silber und alles was sie wünschen würden versprochen, wenn sie katholisch würden, aber den Namen Gottes und des Heilands hätte er nie erwähnt. Doch sie blieben standhaft! Wie er endlich anfieng, durch große Verheißungen und glatte Worte ihr Herz zu bestricken, so riefen sie laut in ihrer Angst: »Heiliger Gott, sei uns gnädig und barmherzig!« -- Sogleich krachte es fürchterlich, der Mönch verschwand und in der Luft hörten sie ein gräßliches Gewinsel. Getrost und muthig giengen sie zurück und unterweges schon erhielten sie die frohe Nachricht: daß so eben wieder ein reichhaltiger Silbergang gefunden worden sei, welches sie für einen Lohn Gottes ansahen und Danklieder anstimmten, u. s. w.«
Da, wie ich merkte, den meisten in der Gegend dieses Mährchen nicht bekannt ist, so ist ihnen auch der Name Teufelskanzel weniger bekannt; denn der Mönch, welcher hier predigte, war, nach ihrer Meynung, kein anderer, als ††† Gott sei bei uns! Herr Lurian! --
Auf dem größern Felsen nun kann man von hinten wirklich wie auf einer Treppe, nur nicht gar so bequem und ein wenig gefahrvoll, emporklettern, und oben nach Mittag hin ist eine Art von Brustwehr, kurz dieser Fels ist einer Kanzel in der That nicht unähnlich.
O! man steige hinauf und sehe sich um, und predige die Wunder der Natur! -- Welch eine erhabene, entzückende Aussicht auf diesem Felsen! Stärke mich, Muse, daß ich es jetzt wage, der lieblichen Aussicht meinen Gesang zu weihen! --
Wanderer, der du mit mir erstiegst in gefährlichen Stufen Und in Erwartung belohnender Aussicht die felsige Kanzel, Komm nun, o! komm, und siehe, wie freundlich und gütig der Herr sei! Siehe nach Mittag hin, welch' ausgebreitete Menge Freundlicher Felder und Fluren und fleißig durchgrabener Aecker, Die, am Rande mit Mauer und mancherlei grünenden Sträuchern Rund umzäunt, wie niedliche Gärten dem Fremdling erscheinen! Baumbepflanzte Wege und klare Gewässer und Bäche Schlängeln im Thale sich hin und beugen sich über die Höhen; Ueberall Hütten und Häuser und Menschen, Alles beleben Frohsinn, Fleiß und Arbeitsamkeit. -- Ha! hörst du die dumpfen Schläge des mächtigen Hammers, der hinten, vor dir in dem weiten Wittichsthale, vom Wasser gehoben, Eisen zu Blech schlägt? Hörst du der Bäche Geräusch und das ferne Klappern der Mühle? Und wie der Wind den Forst durcheilt und die Thäler und Klüfte? --
Dort auf dem Berge, der schroff sich hinabbeugt ins Thal und ans Wasser, Siehst du die Stadt, die Liebe zur Wahrheit und Freiheit des Geistes Bauten, daß jetzt so weit umher Gefilde und Fluren Sich verbreiten, wo einst die kälteste, grausendste Wildniß Barg blutdürstige Wölfe und Bären! Daß Menschen da wohnen, Wo einst der Thiere des Waldes mächtige Anzahl sich mehrete. -- Wo man ein winziges Häuslein vordem mit Mühe aufsuchte, Dehnet sich jetzt so blühend und menschenvoll eine Stadt aus.
Blicke im halben Kreise umher am Horizonte, Wie sich aus waldigen, böhm'schen Gebirgen Häuser und Felder, Felsen und kleinere Hügel nun deinen Blicken darstellen, Daß die Stadt und ihr Berg im Thale zu liegen dir scheinen! -- Und nun wende nach Morgen dein Antlitz, und siehe die Mischung Kleiner und größerer Berge, wie kleine und große Regenten: Einige siehst du das kahle Haupt zum Himmel erheben, Andere schmückt des Waldes Grün und des Schattens Erquickung. Und dort drüben auf jenem kugelförmigen Berge Ragt auf dem nackten Scheitel ein röthliches Felsengethürm auf, Wie Ruinen irgend eines gothischen Schlosses; Täuscht mich der Anblick doch so sehr, daß getäfelte Wände, Stiegen und geränderte Bogen ich wähne zu sehen.
Weiter hinten blickt auf der weitansteigenden Höhe Silbern die Kirche des Dorfes _Breitenbrunn_ mir entgegen, Das sich zwischen Gefilde und Aecker hinab in das Thal dehnt, Und nun weiter dort hinten, wie sich Flecken und Häuser Auf den schwindenden Bergen schwindend und zaubrisch verbreiten; Wie an die Erde der Himmel sich anschließt und man empfindet, Tief in der Brust empfindet, daß die Heimath des Menschen In dem Himmel nur sei, daß solcherlei Sehnsucht ein Gott nur In des Erdenbürgers strebenden Busen gepflanzet. Und so nenne den Fels nicht eine Kanzel des Teufels, Nach der Vorzeit Fabelerzählung, nenn' ihn nach deines Herzens Gefühlen die Gotteskanzel! -- Hier lehre im großen, Wundervollen Tempel der heilgen Natur ihren Schöpfer, Wann dich der scheidenden Sonne Purpur golden verkläret, Und ein Stern nach dem andern am reinen Azur hervorglänzt, Zu bezeugen, es sei ein Gott, der die Menschen geschaffen, Daß moralische Vollkommenheit sei der Schöpfung Heiligster, höchster Zweck, und Tugend das Mittel der Menschen! Oder verweile auch hier, wie einst ich mußte verweilen, Wenn sich am brennenden Himmel wildrollende Donner verfolgen, Wenn sich die Flammen des Blitzes im zischenden Zickzack verbreiten, Bänglich durch schlüpfrige Ritze der Wind heult, rauschend die Wipfel Alternder Tannen erzittern und rings die Söhne des Forstes Brausen; -- wenn sich die ganze Natur im Sturm zu lösen Droht, wenn Nacht und Dunkel und schlängelnde Blitze dann schrecklich Dich umzingeln und nirgends ein lichterer Fleck an dem Himmel Kündet dir an der tobenden Wetter bald nahendes Ende, -- -- Dann verweile, o Wandrer, wie ich einst verweilte am Felsen! Was du empfindest, so lange du lebst, vergißt du es nimmer! --
Nachdem wir uns satt und überall umgesehen haben, klettern[17] wir wieder (aber sei ja vorsichtig!) herab von dem Felsen, betrachten ihn unten noch einmal von allen Seiten und steigen von der Anhöhe selbst wieder hernieder. Oft unterweges blicken wir uns um nach der ragenden Kanzel, bis die dichten Fichtengebüsche sie gänzlich unsern Blicken entziehen. Wir kommen zu dem sogenannten Schneiderguthe zurück; hier wollen wir eine Milch einnehmen und uns an dem vielfachen Echo ergötzen, welches man, zwischen Nord und Ost gerichtet, nicht weit von dem Hause am Wege wahrnehmen kann. Fünfmal kann man einen starken Schall ziemlich zurück hören.
Nun richten wir unsern Weg wieder nach der Stadt, um für künftige Wanderungen uns zu stärken und zu erquicken. --
2.
Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.
Wenn man eine rechte romantische Gegend, voll Abwechslung und Gegenständen mancher Art, durchwandern und besehen will, so darf man nur auf dem Wege am Schwarzwasser nach Breitenbrunn gehen. Für den aufmerksamen Freund der Natur hat diese Gegend gewiß viel wahren Genuß und Reitz, indem Erhabenheit und Ernst in immer neuen Scenen dem forschenden Auge sich darstellen.
Man geht zuerst von dem Schießhause vorbei auf der Chaussee; zur Rechten rauscht über große Steine schäumend das Schwarzwasser, an welchem sich der Rabenberg waldig emporhebt und längs demselben fortzieht. Links an dem schroffen Fuße des Heimbergs liegt ein kleines Wiesenthal ausgebreitet, worin man die sogenannte Finkmühle und die dabei befindliche Zinnschmelzhütte erblickt. -- Weiter hinten, am Ende des Thals geht es nun ein wenig bergan und das Schwarzwasser macht einen Bogen rechts von dem Wege, daß man eine hübsche Wiese erblickt, über welche oben die Straße sich hinbeugt und Felsen und Gebüsche sich dehnen. Hier ragt am jenseitigen Ufer des Schwarzwassers ein kahler und steiler mit Felsenruinen verwahrter Gebirgsfuß hervor, vorn an der Spitze mit wenigen hohen, schwarzen Tannen bewachsen; gleich dahinter steigt wieder ein hoher, ebenfalls kahler, schroffer Berg auf, auf welchem ganz oben ein Gemisch von Fichten, Buchen und Felsen sichtbar wird. Gewiß ist der Anblick sehr schön, den man hier hat: neben sich die grüne Wiese mit ihrem Fels, an deren Ende das geschlängelte, rauschende Schwarzwasser, hinter welchem das kahle, steile Gebirge mit dünner Waldung und grauen Felsen ansteigt. Hier habe ich oft und gern verweilt. --
Der Weg senkt sich jetzt wieder hinab und bleibt nun durchs ganze Thal eben. Man kommt an eine Mühle, welche, von einem nicht großen Grasplatze hinten und zur Seite umgeben, jenseits des Schwarzwassers am Fuße des nun waldigen Gebirges liegt. Links dehnt sich jetzt ebenfalls eine Gebirgskette mit Waldung und weiß hervor schimmernden Granitblöcken fort, an deren Fuße unweit der Mühle ein Stolln, Namens _Trau und bau auf Gott_, befindlich ist. Krumm beugt sich der Weg dann um des Gebirges hervorragenden Fuß und so hat man bis jetzt links wieder eine neue, überraschende Aussicht.
Die Gebirgsseite ist eine Strecke fort meistens kahl und nur oben zieht sich der dunkle Forst hin, an dessen Saume man mehrere Reihen alter und neuer[18] Holzstöße erblickt. Weiter unten ragen hie und da aus einem Chaos von Gestrippe, Steinen, Moos und kleinen Gebüsche einige hohe röthliche Felsen auf, anmuthig von Buchen umschattet, welches ebenfalls einen überaus schönen Anblick gewährt. Zur Rechten das rauschende Schwarzwasser und der hinten aufsteigende, dichte Wald, aus welchem der Vögel frohe Gesänge tönen; über sich so hoch den Himmel, vor sich den mit dem Wasser parallel geschlängelten Weg und das ganze tiefe Thal, wie oben höhere Tannen majestätisch aus den Forsten ragen, wie dort zerschmetterte Stämme im Kreise mächtiger Granitblöcke trauern und aus dem Dunkel der Waldung ein scheuer Hirsch hervorlugt. Und immer begegnet man biedern aufrichtigen Menschen, auf ihren gesunden Gesichtern leuchtet Frohsinn und Zufriedenheit. _Zufriedenheit_, -- auch wenn im Winter der häufige Schnee die Wege versperrt und die Thür der Hütte verschneit; muthig wird ein Weg gebahnt. Wenn Weib und Kinder frieren: rasch den Schlitten zur Hand, ringsum ist ja Wald,[19] wo man Holz holen kann; väterlich sorgte die Vorsehung! -- Nicht wahr, ihr Erzgebirger, ihr lebt in keinem Siberien, wie Weichlinge euer Gebirge nennen? Uns, meine braven Landsleute, gefällts im Schooße unserer Thäler und Berge! -- Selten und fast nie dringen zu uns die Gräuel und Schrecken des Krieges; wenn Andere mit vielem Blute sich Land auf Land erobern, genügt uns an einer Hütte und dem nöthigen Auskommen, wenn wir nur gesund sind und arbeiten können. O, wie glücklich leben wir auf unsern verschrieenen Bergen! --
Unter Abwechslung der Gegenstände, wie ich sie geschildert habe, kommen wir endlich auch an das sogenannte _Teumerhaus_, eine an dem Wege liegende Schenke; von hier bis nach Johanngeorgenstadt rechnet man eine starke Stunde, und für Reisende ist es wirklich gut, vorzüglich im Winter, daß sie hier ein Wirthshaus treffen.
Der Weg zieht sich immer links am Fuße des Gebirges fort und schlingt sich endlich um eine kleine, mit einer Mauer halb umrundeten Wiese; das Thal erweitert sich nun ein wenig und das Schwarzwasser macht rechts einen ziemlichen Bogen. Am Ende der Wiese links erhebt sich ein kolossalisches Felsengethürm, welches aus lauter großen, abgerundeten, viereckigten Felsenmassen auf einander geschichtet scheint, und dieser hohe Fels, so wie noch einige, die wir unterweges treffen werden, heißen die _Hefenklöße_.[20] Farbiges Moos und allerlei Gestrippe bedecken hie und da diesen Fels; schlanke, junge Tannen beugen sich aus den häufigen Ritzen und Klüften hervor und bedecken seinen Scheitel. Von vorn herab ist er, wie abgeschnitten und unersteiglich; wenn man ihn aber von der Bergseite erklettert, an welcher er sich emporhebt, hat man eine ziemliche Aussicht ins Thal. Grausen und Schwindel überfällt den Wanderer, der auf seiner Höhe weilt, und der bloße Gedanke schon, »wenn ich hinabstürzte« -- treibt bleiches Schrecken und Zittern über sein Angesicht und seine Glieder. Ach! ihm würde auch nie wieder die Sonne scheinen, wenn er hinabstürzte; ehe er den Boden berührte, hätte des Todes Hand ihn zerschmettert! --
Wenn man eine Strecke weiter im Thale fortgegangen ist, kommt man an eine Meilensäule und hier nun hat man wieder einen vortrefflichen Anblick. Schräg gegen über erblickt man wieder einen Fels, dessen ganze Gestalt aber von den Hefenklößen abweicht. Er erhebt sich mehr terrassenförmig und spitzig auf der hervorstehenden, waldleeren Seite des Gebirges rechter Hand, und glänzt in verschiedenen bunten Farben, vorzüglich unten; einige junge Fichten schmücken ihn und hart an seinem Fuße rauscht das Schwarzwasser vorbei, welches hier den angefangenen Bogen endigt. Gerade vor sich sieht man jenen großen, auf dem Schneiderfelsen schon wahrgenommenen, kugelförmigen Berg mit seinem Basaltfelsen, bis an die Mitte von Waldung bedeckt; und nun bilden sich zwei Thäler.
Das eine nämlich links hinauf, durch welches ein schäumender Waldbach braußt und ein Weg, nach _Steinheidel_ und andere Waldflecken führt. Rechts entsteht das andere Thal, durch welches das Schwarzwasser an der Breitenbrunner Straße hart dahinfließt. Der Weg geht jetzt über eine Brücke, wo sich jener Bach in das Schwarzwasser stürzt; wir bleiben aber auf dem Wege nach Breitenbrunn.
Unterweges kommen wir wieder an einige solche kolossalische Felsen, wie der oben beschriebene, an die Hefenklöße. Aus des Forstes dunklem Grün steigen sie hart an der Straße auf und flößen Staunen und Bewunderung ein.
Wenn man eine Strecke weiter fortgegangen ist und sich rechts gehalten hat, sieht man, wie sich rechter Hand das Thal erweitert, die Waldung dünner wird und endlich auf der Höhe einige Felder zum Vorschein kommen. Erfreulicher wird diese Wahrnehmung, wenn endlich der Wald nach und nach aufhört und man an einige Häuser[21] kommt, hinter welchen wiederum am Saume des Waldes sich verschiedene Felsen empor heben. Alles wird jetzt freundlicher, man naht sich Breitenbrunn immer mehr, und, auf der Brücke stehend, sieht man links hinunter in ein von dunkler Waldung eingeschlossenes Thal, welches das nun breiter fließende Schwarzwasser durchschneidet und worin das Hammerwerk _Breitenhof_ liegt. Man hört das Getöse des Hammers und der gehenden Treibräder, hört das schauerliche Pfeifen der Blasebälge, die das Wasser hebt; sieht die Sprudel ewiger Funken und die weißlichen Dampfsäulen zum Himmel steigen, sieht das lebendige Fuhrwerk und das Kommen und Gehen der Menschen. -- Rechts dehnt sich Breitenbrunn einen allmählig ansteigenden, hohen Berg hinan, oben auf der Höhe des Berges steht erhaben die Kirche; seiner freundlichen Lage nach verdient Breitenbrunn vorzüglich unter die ansehnlichen, hübschen Dörfer des obern Erzgebirges gezählt zu werden.
3.
Der Teufelsstein bei Steinbach.
In den vorhergehenden Schilderungen haben wir uns meistentheils in der untern Region um Johanngeorgenstadt aufgehalten; jetzt wollen wir auch die obere durchstreifen und unsern Weg nach _Steinbach_ richten. Vielleicht lächelt mancher hier, der einige Kenntniß von der dortigen Gegend hat, daß ich den Leser nach Steinbach, ein kleines, von Bergleuten bewohntes Walddorf, führen will, aber nicht dieses will ich ihm, sondern die in dieser Gegend befindlichen Merkwürdigkeiten und unter diesen vorzüglich den _Teufelsstein_ zeigen. Warum man diesen Fels so nennt, weiß ich nicht; vermuthlich gab die Einbildungskraft des gemeinen Mannes, welche immer die Hand des Teufels und nicht Gottes Hand am Außerordentlichen wahrnimmt, einem Felsen diesen Namen, dessen auffallende Gestalt und übrige Lage ich jetzt schildern und zugleich den Eindruck zeichnen will, den der Anblick desselben in der Brust eines jeden gefühlvollen Naturfreundes macht.
Man geht die Eibenstöcker Straße, welche bei einer Zeche, Gotthelf Schaller genannt, vorzüglich vorbei nach dem weiter oben liegenden Walde sich zieht, daß man das schon erwähnte Schwefelwerk dann schräg linker Hand hin nicht weit von sich erblicken kann. Auf diesem Wege gehe man eine ziemliche Strecke immer durch den Wald fort, bis man rechts herüber in kurzen Pausen eine Glocke[22] tönen hört. Nun wende man sich rechts, gehe durch die dünne Waldung und bald wird man auf eine große Blöße[23] kommen, wo sich auf einer kleinen Anhöhe am Saume des Waldes eine hohe Felsenwand zuerst und auffallend darstellt. Man wird wirklich bei dem Anblicke derselben überrascht, ob es gleich nichts seltenes ist, im obern Erzgebirge häufig auf Felsen zu stoßen: aber die Gestalt dieses Felsens verdient, daß man eine Weile sich hier erst durch den Anblick desselben ergötze. --
Vor sich sieht man eine unmerklich sich daher senkende, mit jungen Gebüschen, mit größern und kleinern Steinen und Stöcken überzogene Fläche, welche weiter unten mit den Steinbächer Wiesen und Feldern sich vereinigt. Seitwärts rechts auf einer kleinen Anhöhe hebt sich der Teufelsstein empor.
In der Gestalt dieses Felsens findet man wirklich die täuschendste Aehnlichkeit mit den Ruinen irgend einer alten Burg aus der Vorzeit; denn man nimmt nicht nur die deutlichsten Spuren mehrerer Fenster, sondern auch Thüren und Bogen daran wahr. Er steigt, wie eine Treppe, von der einen Seite zu einer beträchtlichen Höhe auf, und senkt von da sich auch so wieder auf der anderen Seite hinab. Ein interessanter Anblick, wie diese röthlich grauen Ruinen am Saume des Forstes aufragen, dessen schwarzes Grün einen lebhaften Farbenabstich erzeugt und das Romantische dieser Erscheinung vermehrt! Und wenn man den pausenweisen Klang der unfernen Zechenglocke hört, wenn man nicht weiter um sich sieht, sich auf Flügeln der Phantasie in die graue Vergangenheit zurück schwingt, wo Schilde und Speere klirrten: wahrhaftig man wähnt, es töne die heimliche Klosterglocke und ein Ritter Bruno oder ein Adelbert habe mit gewaltiger Macht vor etlichen Monden jenes Raubschloß zerstört; nun wird der steinige Boden grünend, von der Anhöhe herab dehnt sich der Burggarten, wo im Schatten der hohen Linden eine Adelheid oder eine Gertrud wandelt, der Minne erste, selige Gluth empfindend. Nun mahlt die Phantasie lebhafter und auf die angenehmste Weise diese Bilder weiter aus, und einer süssen Wehmuth Gefühl schauert durch die beklommene Brust. --
Aber aus der lieblichen Täuschung erwacht man bald, wenn man näher hinzugeht und mehrere senkrechte Spalten, und viele viereckigte, säulenförmige Felsenmassen wahrnimmt, welche, wie von Menschenhänden an und auf einander gestellt, den Teufelsstein bilden. Von vorn herab, wo wir jetzt unsre Blicke hinwerfen, ist der ganze Fels wie abgeschnitten, keine Möglichkeit findet sich hier, ihn zu ersteigen. Staunend blickt man ihn an und findet: daß der Mensch in seinen Werken nie die Natur nachzubilden vermag, daß ein kostbares Meisterwerk der Kunst, hier aufgestellt, viel verlieren würde. Aber der Mensch bildet auch nur nach seinen Idee'n Gestalten; noch fand man keine medizeische Venus[24] unter den Menschen und keinen attischen Eros,[25] und es fragt sich, ob der geübte Meisel des Künstlers den Stein, welcher verachtet am Wege liegt, nachbilden kann, so, daß man die Hand der Kunst nicht entdecke. -- So fehlt auch den Felsen, die man bisweilen im Niederlande in vornehmen Gärten antrifft, weiter nichts, als daß man nicht wahrnehmen müßte, sie wären zusammengepfuscht. Aber um so herrlicher und erhabener ist der Anblick, wenn man an Gegenständen der Natur, wie z. B. an diesem Felsen, wahrnimmt, daß es scheint, als hätten Menschenhände es gethan; da dem doch nicht ist, so wie man bei künstlichen Felsen weiß, sie sind zusammengesetzt und sollen doch natürlich scheinen. Dieß verhält sich nun so auch im Allgemeinen; das Künstliche soll natürlich scheinen, und das Natürliche trägt Spuren der höchsten Kunst an sich. --
Es würde uns aber ein großer Theil des Genusses entzogen werden, wenn wir den Teufelsstein nicht erklettern sollten, und zu diesem Ende gehen wir auf die hintere Seite und bemerken zugleich, daß diese hohe emporragende Wand kaum 30 Zoll stark sei. Hinten lehnt sich eine andere Felsenwand an, daß man jedoch die Abgesondertheit Beider wahrnehmen kann, und auf dieser steigt man, freilich etwas beschwerlich und mit klopfendem Herzen, empor. Bald kommt man an ein paar fensterförmige Durchsichten; wem nun hier beim Herabblick auf die Gegend schon schwindlich wird, dem rathe ich nicht, weiter zu steigen, weil von jetzt an das Klettern bis zu den Spitzen des Felsens gefährlich wird. Jedoch wird man durch die erhabenste Aussicht vielfältig belohnt.
Tief unter sich sieht man nun den daran stoßenden Forst, und wie sich hie und da waldige und kahle Berge emporheben; sieht vor sich unten das weidende Vieh und schräg drüben die Wasserkunst beim Schimmel,[26] sieht, wie sich die Gestänge wimmernd an einander reiben, und weiter hinten Steinbach, man hört das Getöse der gereihten[27] Pochwerke und das Handthieren links auf der Straße. -- Hinter sich sieht man die ganze Fläche von Waldung umzingelt, hinter welcher im verjüngtesten Maaßstabe der Schneiderfels hervorblickt und hinter diesem dehnt sich wiederum fern hinab der Rücken des Rabenbergs. Wahrhaftig es ist interessant, bei, um und auf diesem Felsen zu weilen. --
Wenn man das obere Gebirge bereis't, so beobachte man vorzüglich, einen Gegenstand aus verschiedenen, fernen Gesichtspuncten zu betrachten, sodann sich ihm allmählich zu nahen und dann seine übrigen Untersuchungen anzustellen. Eine allgemeine Regel kann man freylich nicht geben, weil die Lage und Form der Gegenstände, und sie selbst zu verschieden sind; aber nur jenen wissenschaftlichen Handwerkssinn[28] hege man nicht, wenn man die Schönheiten der Natur betrachten will, die dann nur schön sind, wenn man mit reinen Gefühlen und nach keinem idealischen Maaßstab sie betrachtet; wenn man die Natur kindlich ehrt. -- So betrachtet den Teufelsstein, so seht von seiner Höhe gleichsam herab auf die Erde, ach! sie ist so schön, wenn man sich über sie erhaben sieht! --
Seitwärts in dem Forste findet man noch mehrere Felsen von verschiedener Gestalt, die aber, weil der Wald zu dicht um sie sich drängt, jenes Anziehende und Heimliche verlieren, welches wir bei dem Schneiderfelsen und dem Teufelssteine fanden und empfanden. Man trifft hier in der Nähe einen Fels, welcher ein bogiges, richtiges Thor bildet. -- Die mannichfachen bunten Moosarten an den Felsen und auf manchen Bergen dienen auch dieselben zu beleben und zu verschönern. Ich fand Steine, welche, vorzüglich nach dem Regen, wie Veilchen dufteten, ja noch stärker und reitzender; die Ursache ist ein rothes, äußerst dünnes, jedoch sehr fest mit dem Steine vereinigtes Moos, welches aber nur an einer gewissen schwärzlichen Steinart gefunden wird. Dieser sogenannte Veilchenstein ist auch selten, ich fand ihn hinter der _rothen Grube_ nach _Sosa_ zu. Nicht genug rühmen kann ich den angenehmen Geruch, welchen dieser Stein, als ich im Frühherbste die Gegend durchwanderte, nach einem leichten, kurzen Regen von sich duftete. Uebrigens kam er mir nirgends wieder vor.
4.
Der Auersberg.