Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge

Part 2

Chapter 23,339 wordsPublic domain

Vor deinen Füssen senkt sich des Berges grünbegraßter Abhang hinab zum Ufer des rauschenden Breitenbachs, an welchem in silberglänzenden Holzstößen die Bachstelze und der Sperling einträchtig nisten und fröhlich umherschwärmen. Wende dein Angesicht gegen Mittag und sieh die Menge der kleinern und größern waldigen Berge, die, wie Gräber, bald in lichterem bald in dunklerem Grün emporragen und den Himmel zu tragen scheinen. Nun sieh zu deiner Linken, wie der Saum des Kaiserwäldchens sich in einem Bogen herabzieht und endlich weiter unten bei den Felsenblöcken in einzelne Tannen sich verliert. Und unten im Thale erblickst du die Straße nach Platten, immer von Menschen betreten; der Breitenbach bildet nun einen Bogen und zieht sich längs dem schroffen Ende des Berges hinab, silbern blitzend. Gleich hinter den Blaufarbenwerk-Gebäuden erhebt sich steil und hoch ein ernster Berg, hie und da einige Felsenruinen und oben das Ende eines Tannenwaldes, den kein Strahl der Sonne durchdrang. Immer schräger senkt sich der Berg hinunter, wie das grausende Grab eines Giganten, und endigt sich vornen bey der Mühle in felsige Terrassen; die einzelnen, niedrigen Häuschen erhöhen das Romantische. Alles dieses hast du nahe vor dir. -- Aber, nun sieh, wie hinter diesem Gigantengrabe sich rechts der mit Aeckern, Feldern und Gebüschen geschmückte, vordere Fastenberg hemisphärisch zeigt, wie im Thale an dem Fuße desselben die _Farbmühle_[4] mit ihren Linden und dem lebendigen Zaune hervorblickt, wie abwechselnd jenes Thal hinauf sich dehnt; sieh, wie links das _Weißguth_ mit seiner Allee hervorguckt, seitwärts die Jugler-Straße und oben am Saume des Waldes, wie die Fensterscheiben einiger kleinen Häuser im Spiegel der Sonne herüberfunkeln; rechts drüben auf dem Fastenberge, wie flimmernd der Wassergöpel so hoch ragt, weiter hin das Neue Leipziger Glück[5] und hinten am Walde das Vitriol- und Schwefelwerk mit seinen weißfahlen Rauchsäulen; sieh, wie rund am Horizonte sich sanft eine Kette von Waldungen schlingt, hinter welchen gegen West hin die Spitze des Auersberges im Nebelgrau hervor blickt! -- -- Und nun wenn kein Kummer, kein Gram in deinem Busen naget, wenn du immer Ruhe hast, o! dann komm, wann auf ihrem Rosengewölk hinten die Sonne sinkt, wann der Dämmrung braune Schleier vor dir die Thäler bedecken und du noch im Abendgolde des scheidenden Tagesfürsten stehst, dessen milder Blick hie und da noch auf den Spitzen der Berge freundlich weilt und hochroth dort oben durch die einzelnen Tannen sich stiehlt, wie der Auersberg im strahlenden Farbenwechsel am Horizonte ragt, wie -- -- o! ich kann dir nicht alles so schildern, -- siehe selbst, fühle selbst! Bist du glücklich, so wirst du dich unendlich glücklich fühlen, und bist du unglücklich, so vergißt du hier all dein Leid, du bist getröstet! Dem Himmel näher fühlst du dich, und der Abendglocke sanfter Schall, der von der Stadt herüber durch den Wald tönt, vermehrt die hohe Rührung deines Herzens, daß du in dem Glauben an einen Vater überm Sternenzelte die reinste Seeligkeit empfindest! --

Wir verlassen nun den Berg[6] und steigen durch das Wäldchen wieder hinab, gehen bei der Hammermühle über den Steig und sind wieder auf sächsischem Boden. Nun wollen wir auch das Farbmühler-Thal besehen.

Der Weg führt bey dem Malzhause und der Mühle vorbei, wo links und rechts braune Felsen hervorragen. Jetzt sind wir da, wo man links in ein kleines Thal blicken kann, dessen Mitte der Gränzbach in der Länge herab durchschneidet, welcher hinten aus dem Fichtenwalde hervorfließt, klares, frisches Wasser enthält und wenn ich nicht irre, der _Pechhöfer_ genannt wird. Der linke Theil dieses Thales ist böhmisch, so wie der rechte sächsisch. Es ist sehr angenehm, dieses einsame Thal zu durchwandeln; sonst traf man auch darin eine Anzahl kleiner Fischteiche, welche zu dem sogenannten Weißguthe gehörten, jetzt aber durch die Nachlässigkeit des damaligen Besitzers meist eingegangen und vertrocknet sind. Ueberhaupt, als jenes Guth dem verdienstvollen, seligen Pastor _Brunner_ noch gehörte, soll es sehr angenehm daselbst gewesen seyn. Auch findet man in dieser Gegend weiter oben ein vortreffliches Echo. Nun vorwärts! -- Wir halten uns rechts, gehen bey dem kleinen Wehr des Bachs, welcher aus dem Farbmühler-Thale hervorfließt, hinüber auf den Fahrweg, bei den nassen Felsen vorbei und kommen an mehrere Häuser und eine große Mühle, zusammen die _Unterjugel_ genannt. Nun richten wir unsern Weg nach dem sogenannten _Gartenhause_, ein rothgestrichenes, großes Gebäude, an welchem einige von Kugeln zerlöcherte Scheiben hängen; -- eine Erinnerung an daselbst verlebte, frohe Tage, welche ein Zwiespalt des Raths mit dem Bergamte einst unterbrach. --

Vor diesem Hause stehen mehrere alte Linden, deren Aeste sich in einander verweben und worunten steinerne Tische und Bänke sind, nebst einem Kegelschube; zu beiden Seiten zieht sich ein lebendiger Fichtenzaun hin, daß es Sommerszeit äußerst angenehm daselbst ist, indem man auch einen guten Trunk Bier haben kann. Das Gartenhaus selbst ist von einem lebendigen Zaune weit eingeschlossen, welcher sich hinter demselben an dem Berge hinauflehnt und oben an ein altes, steinernes Thor sich anschließt, welches Alles, so wie das Terrassenförmige, sich vortrefflich ausnimmt. Ueberhaupt gefällt es hier den Johanngeorgenstädtern und allen Fremden am besten, in Rücksicht eines öffentlichen Vergnügungsortes. Sonntags machen die Berghautboisten gewöhnlich Tanzmusik und der junge Bergmann verjubelt hier in den Armen seines Mädchens die übrigen, wenigen Groschen seines sauer verdienten Lohnes. --

Nun wollen wir weiter gehen. Daher betreten wir den, oben am Ende des Fichtenzaunes mit dem Wasser parallel das Thal durchschneidenden Weg, bei der Vogelstange vorbei, zwischen den Halden,[7] auf welchen im Glanze der Sonne hie und da buntfarbige Schwelkiese flimmern, denn gleich am Wege sieht man das verfallene Mundloch[8] eines Stollens. In der theuern Zeit bauten reiche Holländer mehrere Gruben in diesem Thale, wodurch eine große Anzahl Menschen dem Hungertode entrissen wurden; die gutmüthigen Holländer schickten Geld auf Geld, durch Vorspiegelung eines reichen Gewinnes vermuthlich verleitet, denn auf ihre Kosten untersuchte man das Jugler Gebirge, welches aber leider! nichts enthielt und voll tauber (welche kein Erz enthielten) Gänge war. --

Auf der linken Seite fängt sich nun ein Wald an, dessen größter Theil der _Bringerwald_ heißt und an dem Berge herab längs dem Bache sich fortzieht; weiter hinten ragen aus diesem Walde majestätische mit Gestrippe behangene Felsen hervor und man findet sogar einen kleinen Wasserfall, der sich über das sammtne, grüne Moos silbern herabstürzt. Rechts erblickt man die Hinterseite des Fastenberges, auf dem man die Felder der Johanngeorgenstädter- und Unterjugler-Einwohner sich herabdehnen und unten kleine, von mehrern Gräben gewässerte Wiesen bilden. Da ein jedes Feld und ein jeder Acker in dasiger Gegend gewöhnlich mit einer ziemlichen, leichtgebauten Mauer umgeben ist, welche die Noth bildete, indem man keine andern Plätze hat, wo man die von den Feldern abgelesenen Steine hinwerfe,[9] so fällt es allerliebst in die Augen, wenn man diese mit allerlei Gebüschen bewachsnen, an einander gerichten größern und kleinern Quasischanzen erblickt, belebt von den Schwärmen munterer Vögel. Man trifft diese Mauern um die Felder am häufigsten in der dasigen Gegend.

Während dessen nun sind wir eine hübsche Strecke durch dieses stille, heimliche Thal gewandert und gehen jetzt über eine kleine Brücke, so, daß der Bach uns nun zur Rechten ist. Wir hören ein dumpfes, monotonisches Getöse, -- was ist das? -- Je weiter wir kommen, desto stärker wird es; jetzt sind wir bei und unter den erwähnten Felsen und sehen vor uns ein hölzernes, ziemlich großes, besonderes Gebäude, woraus das Getöse dringt. Das ist, lieber Leser, wenn du es noch nicht, unkundig des Bergbaues, errathen hast, ein _Pochwerk_, wo das Erz klar gepocht und zum Schmelzen vorbereitet wird.[10] Dieses monotonische Getöse der Pochwerke, welche meistens, da sie das Wasser treibt, in Thälern angelegt sind, erhöht das Romantische der obergebirgischen Thäler ungemein, vorzüglich in der Ferne gehört, wenn man einsam daherirrt. Jetzt kommen wir noch bei einem solchen Pochwerke vorbei und das Thal wird flacher und weiter.

Wollen wir nun noch weiter hinter und in den düstern Forst wandern, welchen wir vor uns erblicken? Wollen wir den wilden _Löbner Grund_ durchstreichen? -- Ja! Muth gefaßt, vorwärts!

Wir gehen jetzt noch bei einem kleinen Hause vorbei und wenden uns dann rechts. -- Hu! welch ein schauerliches Dunkel umfängt uns nun, da wir den hohen Tannenforst betreten, welch ein ernstes Schweigen wohnt hier! -- Jetzt setzen wir mit leichter Mühe über den Bach, welcher immer kleiner wird und uns bald zu seinem Ursprunge führen wird, wo er das _Schwefelbächel_ heißt. Wir kommen in eine kleine Wiese, mit allerlei Blumen geschmückt, rund herum von hohen, bärtigen Tannen umsäumt; aber es ist ein wenig sumpfig hier. -- Nun müssen wir die Zweige der Fichtenbüsche auseinander beugen, um durchzukommen; müssen über gebrochene Tannen und wildes Gestrippe, über runde schlüpfrige Granitblöcke klettern, müssen hie und da über den Bach springen, um ein wenig bequemer gehen zu können. »O! das wird mir zu sauer, wo kommen wir hin?« -- wirst du ängstlich ausrufen. Tröste dich und folge muthig! Sieh, wie es zu unsrer Rechten und vor uns schon lichter wird, wie du rechts schon Rasen und Acker durch die Zweige kannst unterscheiden, jetzt ist das Ende der Beschwerden, -- wir stehen vor einer Hütte, wie man sich nur immer eine Einsiedlerwohnung aus den Ritterzeiten vorstellen mag. »Und hier in dieser Wildniß wohnen Menschen?« fragst du theilnehmend. Ja, hier wohnt eine arme Bergmannsfamilie; du wirst überhaupt wenig oder gar keine menschenleere Gegenden im obern Erzgebirge finden, auch sorge nicht, es sind ehrliche Leute. --

Nun blicke einmal links den hohen, mit Tannen bedeckten, finstern Berg hinauf, von welchem sich plätschernd der Gießbach herabstürzt; rechts erblickst du einzelne Fichtengebüsche und das Ende der Fluren, zwischen welchen ein Fußsteig in dieses Thal herabläuft. Vor uns gegen Nordwest öffnet sich das Thal zu einer gleichansteigenden Anhöhe, und zwei hohe Tannen bilden gleichsam ein Thor, durch welches wir nun weiter wandern und unsern Weg nach dem Schwefelwerke richten wollen, welches oben vor uns liegt.

Auf freundliche Wiesen kommen wir nun, rechts umgeben uns wieder Aecker und Felder, so wie links das Gebirge waldig sich fortzieht. Endlich sind wir bei dem Schwefelwerke, und nun für die überstandenen Beschwerden erfreue dich durch die Aussicht.

Wende dich nach Morgen,[11] da siehst du, wie sich kesselförmig eine waldige Bergkette an die böhmischen Gebirge anreiht; Johanngeorgenstadt ist vor deinen Blicken verschwunden, aber weiter hin nach Mittag siehst du mehrere böhmische Waldhäuser, Zechen und einen Theil von _Platten_; du siehst eine Reihe von kahlen und beholzten Bergen, die endlich am fernsten Horizonte in Nebel schwinden. Näher vor dir siehst du wiederum das Weißguth mit seiner Gegend, einen Theil des Farbmühler Thals, die Marianne und alle die schon erblickten Gegenstände von einer andern Ansicht; und ferner den überall sichtbaren Wassergöpel, die Häuersteige,[12] mehrere Zechen und Gebäude und eine ausgedehnte Reihe umbuschter Aecker und Felder. -- Hier, und zwar weiter oben, entspringt das Schwefelbächel, welches sich nachher unten im Thale mit einem andern Bache verbindet und so als größerer Bach durch das Farbmühler Thal fließt. --

Man verzeihe mir diese, vielleicht schon mißfallne, Weitläufigkeit, ich halte sie für nöthig und meinem Zwecke angemessener, weil fast gar keine Schriften dieser Art über das obere Erzgebirge existiren. Und wie ich schon erwähnte, will ich nur einen Pfad bahnen, den Andere dann gemächlicher betreten und erweitern können, daher muß ich gründlich und also zu Werke gehen, daß ich Geschichte mit meinen Schilderungen verbinde. --

Wir verlassen nun das Schwefelwerk und gehen querfeld ein über die Eybenstöcker-Straße, über alte Halden und Aecker weg nach dem _Glockenklange_. Diesen Namen erhält eine von Johanngeorgenstadt aus nordwest liegende, bergige, von Buchengebüschen belebte Gegend von einer eingegangenen Zeche, der Glockenklang genannt; vermuthlich wurde dieser Name der Zeche darum beigelegt, weil an der dahinter aufsteigenden Anhöhe der Klang der Glocken sehr deutlich anprallt, wenn sie Sonntags oder an Festtagen sämmtlich geläutet werden. Hier wollen wir nun ein wenig weilen und uns umsehen.

Wir stehen also gerade nach Morgen gerichtet; uns gegen über dehnt sich der Rabenberg mit seiner vermischten Waldung, mit seinen Blößen und Verhauen längs dem Schwarzwasser hinab, welches an seinem Fuße fließt. Auf seinem Rücken, welcher öfters Strecken weit kahl und grau daher blinkt, sieht man einzelne hohe Felsenruinen von wenigen schwarzen Tannen umzingelt, daß man die Ueberreste einer Ritterburg aus der Vorzeit zu erblicken wähnt. Vor uns unten sehen wir das sogenannte _Felshaus_, die Bretmühle und seitwärts den am Rande mit Gehölze bekränzten _Heimberg_ und überhaupt, weiterhin eine Menge Felder, Aecker und Gebüsche hinab in die Tiefe des Thales sich senken. Rechts nach Mittag hin erblicken wir Johanngeorgenstadt in seiner Länge auf dem schroffen Abhange des Fastenbergs hingebreitet; wir sehen wie der _Bleiersberg_ herab sich zieht, ein enges Thal bildet, zwischen welchem das _Schieferbächel_ vom Eleonorer-Stolln herabrinnt. Dieses kleine enge Thal hat seinen Ausgang wiederum ins Wittichsthal, unweit dem Schießhause. Der größere Theil des Wittichsthales liegt nun wieder vor uns, wir hören das Geräusch der Bäche und der geschäftigen Menschen, hören des großen Blechhammers dumpfe Schläge, sehen die wechselnde Flamme des Hohenofens[13] und die einzelnen, friedlichen Hütten der Thalbewohner. Weiterhin schräg nach Mittag erblicken wir die böhmischen Gebirge mit ihren Waldhäusern und einzelnen Flecken. Denn von hier aus nimmt sich das Wittichsthal unstreitig am schönsten aus! -- Links nach Mitternacht hin erheben sich mehrere theils nackte, theils waldige, mit Dörfern und Felsengethürmen sichtbare Gebirge, deren Ende sich in das schwimmende Blau des Horizonts verliert. Näher sehen wir einen auf einem Hügel ragenden, von einzelnen Tannen umgebenen Fels, der _Schneiderfels_, auch die _Teufelskanzel_ genannt, welchen ich nachher näher beschreiben will. Diese ganze Aussicht ist entzückend, ich wünsche sie jedem Freunde der Natur, jedem guten Menschen; dieser Wunsch faßt viel in sich, er umfängt eine Vereinigung irdischer Gefühle mit dem Himmel! -- Und nun, wer _so_ die Gegend um Johanngeorgenstadt durchwandert, wer Alles dieses _so_ erblickt, ich frage ihn, ob diese Gegend kann rauh genannt werden, ob sie uninteressant sei? -- Ich frage ihn, ob diese so verschriene Gegend nicht die größte Aufmerksamkeit eines jeden Freundes und Forschers der Natur verdiene? -- Ob man nicht die erhabensten Gefühle und Regungen in seiner Brust wahrnimmt? -- --

Aber noch ist das Ende der Wanderung nicht da, noch haben wir das Wenigste gesehen und bewundert; nun wollen wir uns erst auf einzelne Gegenstände einlassen und den besondern Schönheiten und Merkwürdigkeiten der Natur unsere Aufmerksamkeit widmen und dann uns unpartheiisch fragen, welch ein Interesse das obere Erzgebirge für jeden patriotischen Sachsen habe und haben müsse! --

Nun, lieber Leser, wollen wir für heute zurück nach der Stadt kehren, denn morgen haben wir mehr zu besehen; heute wollen wir ausruhen und Kräfte sammeln, -- heute sind wir gestiegen, morgen werden wir schon klettern müssen. --

1.

Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.

Es wird in Johanngeorgenstadt eine Gegend des Himmels, nämlich nach Mitternacht hin, der _Jungfernwinkel_ genannt, woher diese Benennung stamme, weiß ich nicht; man erblickt ihn, wenn man bei dem Rathhause gegen die Gasse neben dem Brauhause hingerichtet steht. Dieser Jungfernwinkel dient den Einwohnern zum Wetterpropheten, indem man gewisse Erscheinungen an demselben entweder für günstig oder ungünstig hält, welches nicht ein leerer Glaube, sondern eine natürliche, durch die Erfahrung bestätigte Gewißheit ist. Gerade in dieser Richtung nun liegt der Schneiderfels oder die Teufelskanzel genannt, welchen man bei dem Ende der Gasse und Stadt deutlich wahrnehmen kann.

Der Fremde glaubt hier fast gewiß, daß dieses die Ruinen irgend eines alten Schlosses seyn müssen, weil die Gestalt dieser Felsen einem solchen Dafürhalten entspricht. Es ist ein überraschender Anblick, wie hinten am Horizonte auf einer unten herum waldigen Anhöhe oben ein graues, von einzelnen Tannen umgebenes Felsengethürm aufragt. -- Es ist bisweilen auch interessant, Wege nach gewissen Gegenständen zu beschreiben, daher soll dieses jetzt geschehen.

Man geht nach dem Rosengartner-Stolln zu, daß das neu angelegte Bergmagazin-Gebäude[14] zur Rechten bleibt; auf der Halde vor dem Stolln nun hat man eine allerliebste Aussicht hinab in das schon erwähnte kleine Thal, welches von dem Schieferbächel durchschnitten wird. Hier, am Ende des Bleiersbergs, wo man jetzt mehrere begraßte Vertiefungen wahrnimmt, waren _ehedem_ eine Anzahl kleiner Teiche, von schattigen Ahornbäumen an der Wegseite herab umgeben; aber man ließ sie vertrocknen und benutzte die Grasung, sowie man auch die Ahornbäume vermißt.

Von der Rosengärtner-Halde weg gehen wir nach dem Eleonorer-Stolln zu. In dem dabei befindlichen Zechenhause wohnt ein Mann,[15] Namens Unger, welcher allerlei kleine Modelle vom Bergbau und Darstellungen desselben schnitzt, welche ein einfacher Mechanismus lebendig macht, überhaupt besitzt er ziemliche Fertigkeit im Schnitzeln, obgleich seine Figuren keinen feinen Geschmack verrathen. --

Nun steigen wir von da eine kleine Anhöhe hinauf und halten uns rechts auf dem Wege, welcher zu einer hohen, starken Tanne und der dabei befindlichen Zeche, Elias genannt, führt. Hier findet man ein Wasser, welches in den heißesten Tagen von siberischer Kälte ist und dem reinsten Krystall gleicht; es entspringt aus Felsen und ist sehr gesund. -- Ueber dem Elias oben dehnt sich der bebuschte Glockenklang hin, auf welchem hie und da eine schlanke Tanne emporragt.

Wir gehen nun weiter und kommen an ein mittelmäßiges Guth, von welchem nicht weit davon, weiter hinten, ein kleines Haus stehet, welches mit seiner Wirthschaft einem gewissen Kohlbrenner _Schneider_ gehört, wovon der nicht weit abgelegene Schneiderfels[16] seinen Namen erhielt.

Nun richten wir unsern Weg weiter nach dem Walde hin, aber unsern Blicken ist der Fels gänzlich entschwunden. So wie wir einige Schritte in diesem Walde oder vielmehr Wäldchen gethan haben, wenden wir uns links und betreten einen Fußsteig, der durch Gebüsche dahin sich windet; über uns singen die Vögel, wir wandern vergnügt weiter, beugen die Zweige der Gebüsche auseinander und steigen jetzt auf einem schmalen Pfade den Hügel hinan; noch erblicken wir keinen Fels, immer weiter steigen wir, kriechen durch die dichten Gebüsche hindurch, und -- welche Ueberraschung! -- wir stehen plötzlich nahe bei einem röthlich grauen, ernsten Felsengethürm, um welches in einem dünnen Kreise hie und da einige hohe Tannen hervorragen. Noch blicken wir es staunend an, und die Einsamkeit und Stille, nur vom Gekrächze aufgeschreckter Raben unterbrochen, wirken, daß ein unwillkührlicher Schauer die Glieder überläuft. -- Ueber Gestrippe und abgerollte Steine steigen wir nun näher hinauf.

Eigentlich sind es zwei Granitfelsen, hie und da von kiesigen Adern durchschnitten; jedoch die Verschiedenheit ihrer äußerlichen Form ist so auffallend, als merkwürdig. Der eine nämlich scheint aus lauter abgestumpften Cylindern zusammengesetzt zu seyn, _hebt sich hoch empor_ und da, wo diese Quasicylinder an einander sich fügen, sind tiefe Ritze und Klüfte; dieser ganze Fels scheint nur leicht und flüchtig auf einander geschichtet zu seyn und jeden Augenblick einstürzen zu wollen. Man wird von einer sonderbaren Angst befallen, wenn man nahe bey demselben steht; denn unten herum liegen große Granitblöcke, daß man glaubt, sie wären von ihm abgerollt und also müsse der Fels größer gewesen seyn. Aber der ganze Hügel, worauf er emporragt, ist ein Granitgebirge, welches die Zeit mit Moos, und Bäumen überzog.

Der andere Fels ist kleiner, aber nicht so geformt; er scheint aus mehrern Trapezoiden _schräg_ auf einander geschichtet zu seyn, daß man ebenfalls befürchten könnte, er werde mit jedem Augenblicke einstürzen; wenn man vorzüglich darauf steht, wird man von einer solchen Furcht beängstigt, -- doch er wird nie fallen. Uebrigens ist er nicht so nackt und kahl, wie sein Nachbar, sondern mit dem grünsten Moose fast ganz überzogen.

Hier stelle man sich nun zwischen diese zwei Felsenmassen, und man wird einem jeden von beiden einen gewissen Character (um mich so auszudrücken,) beilegen können. -- Der große nämlich ist ein Bild des Ernstes, des Muthes, der Standhaftigkeit und jeglicher Größe; ihn vermochte kein Wetter, kein Sturm zu rühren, er blieb sich gleich; Blitze umkreutzten und berührten ihn, er stand, -- und waren die Wetter vorüber, so verweilte mild und belohnend der Abendsonne Purpurblick aus seinem Scheitel, denn sein Streben war groß, wie des Mannes feuriges Streben, es gehörte dem Himmel an. --

Der andere neigt sich schon mehr an die Erde, ein Bild der Schwachheit, der allzugroßen Nachgiebigkeit, nicht vermögend, sich muthvoll empor zu schwingen, nur für die Erde lebend. -- Die tiefe Stille nun, welche um diese Felsen herrscht, vermehrt die schauerliche Einsamkeit, die nur bisweilen ein Raubvogel oder ein Windstoß in den hohen Wipfeln der ästigen Tannen unterbricht. Der größere Fels aber ist die eigentliche Teufelskanzel. Auf meinen Wanderungen fand ich in der Nähe einen alten Holzhacker im Walde, welcher mir folgende, nach seinem Ausdrucke wahrhafte, Geschichte von diesem Felsen erzählte, welche ich hier beifüge, wie ich sie hörte, da so etwas nicht uninteressant seyn kann.

»Zu Anfange, als Johanngeorgenstadt erbaut wurde, kamen häufig Katholiken herüber und suchten die Lutheraner abfällig zu machen; sie wendeten Alles an, Ueberredung, Versprechungen, Bitten, und, da dieses nichts zu fruchten schien, auch Drohungen, welche sie in der Folge nicht unerfüllt ließen, indem man einigemal Feuer angelegt und manches ruinirt fand.