Interessante Wanderungen durch das Sächsische Ober-Erzgebirge

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Interessante Wanderungen

durch

das Sächsische

Ober-Erzgebirge.

Zur

Belehrung und Unterhaltung

herausgegeben.

Freyberg, 1809.

in Commission bey Craz und Gerlach.

Kurze Einleitung,

welche die Ursachen der Geringschätzung der Erzgebirgischen Gegenden und die Absicht dieser Schrift angiebt.

Es waren die schönsten, die glücklichsten Tage meines Lebens, wo ich mit einem Herzen voll Unschuld und Frohsinn, wo ich noch voll seliger Ruhe die Berge der theuern Heimath erstieg, auf ihren Höhen weilte, durch jene traulich stillen Thäler irrte, -- wo ich das Erzgebirge durchwanderte. Sie sind nicht mehr, die glücklichen Tage! -- Wie durch graue Wetter das goldene Abendgewölk lächelnd dahin schwebt: so lächelt mir rosig die Vergangenheit durch die Risse ewiger Ungewitter; -- ich starre kindisch froh das liebliche Gebild an, ich sehe sie wieder, die wonneseligen Tage meiner Knabenzeit, sehe wieder die frohen Spiele der Unschuld auf beblümter Wiese, -- dort steht mit ihrem Schatten die alte, weitästige Buche; dort lehnt sich am bebuschten Hügel der ernste Fels empor, ihn umklettern weidende Ziegen, -- dort rinnt im grünen Moose der silberne Quell. O! daß sie leider nicht mehr sind, jene glücklichen Tage! -- --

Doch immer denke ich an dich, theures, liebes Erzgebirge! Ich fühle mich getröstet, eine neue Sonne geht mir auf. Darum habe ich beschlossen, dich und deine Schönheiten gefühlvollen Naturfreunden zu schildern, für diese Provinz Sachsens Aufmerksamkeit erregen, die sie nicht minder als die Gegend bei Schandau verdient; denn auch hier sind heilende Bäder zu _Wolkenstein_ etc. Vielleicht gelingt es mir, manche lächerliche Meinungen und Sagen von dem obern Erzgebirge, denn auf dieses nur beziehe ich mich, zu widerlegen und zu tilgen, die Unwissenheit in Rücksicht einiger Gegenstände desselben in genauere Kenntniß zu verwandeln und so Interesse und Beifall für dasselbe zu erwecken.

Es kann überhaupt unter die leidigen Schwächen der Menschen mit gerechnet werden, daß sie am häufigsten immer nur nach dem ganz sinnlich Angenehmen streben und doch jeden etwas beschwerlichen Weg dahin zu vermeiden suchen, ja bisweilen aus dieser widerstreitenden Ursache sich lieber jedem andern angenehmen Eindrucke trotzig entziehen. Ich halte daher denjenigen nicht eben für einen ächten Freund der Natur, welcher nur immer auf duftigem Blumenlager, umschattet von den goldbefruchteten Bäumen Italiens, von Nachtigallen zauberisch umflötet, am weichen Ufer des Silberkieselbachs zu ruhen wünscht, dem Sybariten gleich.

Am wenigsten aber kann ich einen Sachsen für einen Kenner, Verehrer und Freund seines Vaterlandes halten, wenn er von demselben mit kleinlicher Verachtung und Geringschätzung schwatzt, -- wenn er nicht sein Vaterland durchreißt oder wenigstens doch aus Schriften kennen lernt, sondern die Hotels des Auslandes bereichert. Fern sei es von mir, das Reisen in fremde Länder zu tadeln, -- dieses wäre thörigt: aber vorher sollte man doch erst sein Vaterland kennen. -- Mancher wird mich hier mitleidig lächelnd fragen: »Was ist denn im Erzgebirge besonders zu sehen? Etwa ein Berg, oder ein Fels, ein schlechter Weg, oder Ellen hoher Schnee? -- Oder soll man in Schächte und Stollen fahren?« -- Wer weiß all das elende Geschwätz, welches man einwerfend vorbringt und ohne Scheu und Scham schon vorgebracht hat! -- Dieses ganze Buch möge antworten! --

Um der Ehre vieler Sachsen willen glaube ich aber auch, daß der Mangel einer naturhistorischen Beschreibung des obern Erzgebirges jene Unbekanntschaft und Geringschätzung desselben zur Folge gehabt habe, obgleich im Einzelnen manche Skizzen besonderer Gegenstände existiren. Diese Skizzen, ohne sie etwa zu tadeln, dürfen jedoch nicht unter diejenigen Schriften gezählt werden, welche mannichfachen Genuß gewähren, Interesse dafür und Verlangen nach den beschriebenen Gegenständen erwecken, noch weniger als Wegweiser angesehen werden können. Daher möchte man fast behaupten, daß von dem obern Erzgebirge die allerwenigsten und unvollständigsten Nachrichten da wären;[1] daß man allen Fleiß und alle Aufmerksamkeit nur den reichen Gängen seines Schooßes widmete und, statt seine Gegenden und übrigen Merkwürdigkeiten zu beschreiben, nur das löthige Silber aufschrieb, welches man gewann.

O! eurer vergaß man, ihr stillen friedlichen Thäler, wo in dürftigen Hütten zufriedene Armuth wohnt, -- wo über funkelnde Steine crystallne Bäche sich schlängeln und die grünen Wiesen tränken, -- wo der Friede Gottes ruht! -- Eurer vergaß man, ihr heimlichem dunkeln Tannenwälder, wo zwar nicht Nachtigallen flöten, wo keine saftigen Früchte den Gaumen reitzen und nicht der müssigen Spatziergänger Schaar lärmt: aber verstohlen ein Vöglein singt, wo die purpurne Erdbeere verschämt unter ihrem Dreiblatt schwillt, -- wo hoher Ernst weilt, wo im frischen, elastischen Moose gelagert der Denker ruhig und ungestört in andere Gefilde sich schwingen und eines Himmels sich freuen kann; -- wo unglückliche Liebe weinend und mit verschlungen Armen am bekränzten Felsenblocke lehnt! --

O! eurer vergaß man, ihr Berge, ihr silber schwangern Stützen des Himmels, wo man, erhoben über dieser Erde schimmernden Tand, am Sonnenthrone der Gottheit knieen und ihre beglückende Gegenwart tief in der Brust fühlen kann, -- wo man nicht mehr Mensch ist, sondern rein aus der gebrechlichen Hülle tritt und mitleidig hinunter auf all das eitle Thun der Menschen blickt! -- Man vergaß eurer, ihr Felsen, wo im schaurigen Dunkel greiser Tannen, die Wehmuth ins Thal starrt, -- die ihr, ein Bild männlicher Größe, in stürmender Wetter grausen Schrecknissen fest stehet, -- um die beim Schimmer der Sichel die Eule flattert und Beute hascht! -- Eurer vergaß man, ihr murmelnden Bäche, die ihr den Wiesengrund belebt und dem Müller im Thale sein Brod bescheert, -- in deren crystallener Kühle bunte Forellen und Schmerlen scherzen, an deren bebuschten Ufern der Knabe weilt und sich Ruthen schält! Deiner ward nicht gedacht, du rauschender Waldstrom, der du über deine Felsen schäumest, durch dichter Fichtengebüsche nickende Reihen dich drängend! -- Nicht ward eurer gedacht, ihr schönen, romantischen Gegenden, wo man bei dem Anblicke einer jeden, in einer jeden möchte sein Leben unter den biedern, herzlichen Naturmenschen zu bringen! So laß mich hier, glückliche Vergangenheit, noch einmal in den Spiegel deiner Erinnerungen blicken, noch einmal so manche abgeschiedenen Freuden vorüber gleiten, laß mich die theuern und geliebten Menschen sehen, die ich kannte und noch kenne! Ach! manche sind schon heim gegangen! --

Woher aber rührt jene Unbekanntschaft mit den Naturschönheiten des obern Erzgebirges? -- Woher kommt es wohl, daß der Bewohner anderer Sächsischer Provinzen[2] wenig oder gar keine Kenntniß jener Gegenstände besitzt, -- daß es ihn Fabel dünkt, wenn man von den Bergen, Thälern, Gegenden und riesigen Felsen des obern Erzgebirges erzählt? --

Hält man meine Meinung nicht für übertrieben und hart, so will ich diese Fragen überhaupt zu beantworten suchen. Ich glaube, daß dieses erstlich daher komme, weil, wie ich schon erinnert habe, keine genaue und reelle Beschreibung der Naturmerkwürdigkeiten des obern Erzgebirges da ist, indem man Mühe und Beschwerlichkeiten, eine solche zu liefern, scheute, und voraus zu sehen glaubte, daß man dafür kein verhältnißmäßiges Honorar erhalten würde und könnte. Ferner ließ man sich durch übertriebene Mährchen elender Weichlinge täuschen, und endlich will man lieber das Ausland, als sein Vaterland kennen lernen.

Gewöhnlich scheut man es sehr, jene Berge zu erklimmen, durch jene dunkeln Tannenwälder zu irren, jene Felsen zu ersteigen, über rauschende Bäche zu setzen, durch Schluchten und Höhlen zu kriechen, um -- die Schönheiten der Natur kennen zu lernen. -- Und doch ist man geschwind mit dem Ausdrucke fertig: »es ist dort zu rauh!« -- Von einer Gegend gebraucht, ist dieses eigentlich ein nichts sagender Ausdruck. Denn was kann man in der Natur rauh nennen? wer kann es nennen? -- Sind es hohe Berge? sind es Fichten-, Buchen-, Tannenwälder? sind es Felsen, Thäler, Bäche, Auen, Wiesen und Haine? Ist ein Wald rauher, als der andere, ein Fels, ein Thal rauher, als die andern? -- In der That, ich kann keine Gegend, absolut rauh nennen. --

Und wenn man das Klima rauh nennt, so muß ich mich wundern, wie man sich vorstellen kann, daß nur allein im obern Erzgebirge das Klima rauh seyn soll, wenn in andern Gegenden und Provinzen Sachsens die Sonne scheint. Im Winter wird man doch nicht reisen, um Gegenden zu besehen und im Winter ists bei Dresden eben so rauh, als im Erzgebirge, denn Eis und Schnee trifft man im Winter in unserm Sachsen doch überall an. Komme man aber im Sommer aus dem sandigen, heißen Niederlande in das obere Erzgebirge, und athme dann eine frische Luft ein, die auf jenen Höhen weht, und empfinde die angenehme Wärme in den Thälern, -- kurz, kommt ihr, die ihr das Gebirge verachtet, wenn bei euch angenehme Witterung ist, in das Erzgebirge, und es wird euch eben die Sonne scheinen, und eben die Lüfte werden euch umwehn, ihr werdet euch beschämt sehen. Freilich ist der Winter oft stürmischer und härter, dafür aber sind es Berge. --

Manche haben keinen Stein des obern Erzgebirges gesehen, und schwatzen dennoch, wie viele andere; dieß rührt von den übertriebenen Mährchen unberufener Erzähler her, und derjenige, welcher sich vorher keinen Begriff von dem obern Erzgebirge und der natürlichen Beschaffenheit desselben machen konnte, wird von kleinlichen Vorurtheilen und überspannten Idee'n angefüllt, daß er sich auf diese Art oft dem Lächeln und dem Mitleide verständiger und gebildeter Erzgebirger aussetzt. So sähen viele Sachsen es lieber, wenn das Erzgebirge eine fette Kornkammer wäre, obgleich die Anzahl der Producte, die es liefert, größer ist, als fast in irgend einer Provinz; so hat man, wenn Theurung im Gebirge war in den übrigen Kreisen die vollen Speicher verschlossen gehalten, hat nicht gegen Geld und Bitten dem Hunger abwehren wollen; (_einige edle_,[3] patriotische Familien ausgenommen!) hat die Fuhrleute, die viele Meilen weit in Commission kamen, leer zurück fahren lassen, wenn sie nicht die enormsten Summen für das taube Getraide zahlten! Hätten nicht die nachbarlichen Böhmen oft den Erzgebirgern Getraide und Lebensmittel zukommen lassen, hätte nicht auch vorzüglich der allgeliebte _Friedrich August_, der Vater des Vaterlandes, seine Milde gegen das Erzgebirge so rühmlich bewiesen, ach! wer weiß, was man würde gehört haben! -- Man verzeihe mir diese Herzenserleichterung, ich habe Wahrheit gesprochen! --

Durch die gegenwärtige freie Schilderung, welche man als einen Versuch ansehe, habe ich Freunden der Natur- und Vaterlandskunde einen Pfad bahnen wollen, den man in Zukunft erweitern und verbessern und so sich Vergnügen und Nutzen mancher Art verschaffen kann. Man verkenne meine Absicht nicht, ich meine es redlich. --

W******, im August, 1807.

_C. G. Wild_

Inhalt.

I. _Johanngeorgenstadt und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden._ (Erzählung der Erbauung dieser Stadt, -- ihre Lage, Feldbau und Klöppelwesen, u. s. w.)

1. Die Teufelskanzel oder der Schneiderfels.

2) Die Gegend am Schwarzwasser nach Breitenbrunn.

3) Der Teufelsstein bei Steinbach.

4) Der Auersberg. (abentheuerliche Reise dahin.)

Der Aufgang der Sonne auf dem Auersberg. (Eine Novantike für Freunde der Natur.)

5) Von Wildenthal über Eibenstock nach Ober- und Unterblauenthal.

6) Der Weg von Sosa nach dem Blaufarbenwerke.

7) Die Gegend um Bockau.

II. _Schneeberg und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden._ (Schilderung von Schneeberg, -- Lage, Gegend und Vorzüge. z. B. das Lyceum, Konzert, Bürgermuseum u. d. g.)

1. Der Kleesberg. Allerlei Merkwürdigkeiten von demselben.

2) Das Gerichtswäldchen und das Hammerholz.

3) Die Eisenburg bei Willbach. Nebst einem Gedichte.

4) Ueber Stein zur Prinzenhöhle. (Schloß Hartenstein.)

5) Ueber Schnorrensguth und Auerhammer nach Celle.

6) Uebrige Gegend um Schneeberg.

III. _Vorzügliche Feste der obern Erzgebirger._

1. Die Fastnacht. (Besonders zu Johanngeorgenstadt.)

2) Weihnachten. (Schnitzeln, Heiligchristspiel, Speisen, Illumination etc.)

IV. _Besondere Gebräuche._

1. Das Hutzengehen.

2. Die Aschermittwoche.

3. Der Walpurgisabend.

4. Das Osterficken.

5. Der Pfingstlümmel.

6. Der Johannisabend.

V. _Vorzügliche Vergnügungen._

1. Das Vogelstellen im Herbste. (die verschiednen Arten.)

2. Im Winter das Ruscheln.

3. Schneehäuser, Schneemänner, Lavinen.

VI. _Kurzes Gespräch zweier obergebirgischer Bergleute._ (Nebst einer hochdeutschen Uebersetzung.)

VII. _An das Erzgebirge._ (Ein kurzes Gedicht.)

I.

Johanngeorgenstadt und die umliegenden nähern und entferntern Gegenden.

Man muß aus Böhmen kommen, man muß aus der gesegneten Saazer Gegend in das allmählig immer waldigere und steilere Gebirge Böhmens kommen um die Verschiedenheit des Klimas und der Natur selbst kennen zu lernen; um sehen zu können, wie der fruchtbarste Boden nach Abnahme der Meilen minder fruchtbar und endlich ein steiniges Riesengethürm wird, wie die gefällige, ährenwogende Gegend, nach der Grenze zu, ernster, finstrer und wilder wird; wie die seufzenden Obstbäume am Ende in dunkle Tannenforste sich verwandeln, wie das flache Land in deutlichen Stufen zum großen Gebirge anwächst. Es ist sehr interessant, diesen abgestuften Uebergang vom Gefälligen und Fruchtbaren zum minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrnehmen zu können. Aber es ist auch wiederum um so interessanter, den stufenweisen Abfall des minder Gefälligen und minder Fruchtbaren wahrzunehmen; zu sehen, wie die finstern, waldigen Gebirge allmählig sich erheitern und mit freundlichem Fuße das flache Land berühren; wie der steinige Boden nach und nach fruchtreich sich endigt, wie die ernsten wildromantischen Gegenden allmählig heiter und freundlich werden und endlich den gefühlvollen Naturfreund entzücken. -- Dieses nun ist der Fall mit dem sächsischen obern Erzgebirge und vorzüglich mit dem, welches sich an die waldigen Gebirge Böhmens anschließt.

Ich glaube daher besser zu thun, wenn ich den Leser zuerst von _Johanngeorgenstadt_ aus führe, sodann über _Schneeberg_ nach _Zwickau_ zu, oder über _Geyer_ und die Gegenden nach _Annaberg_ und _Chemnitz_. Denn so bemerkt man sehr deutlich, wie allmählich das Klima milder und der Boden besser wird, wie die Gegenden sich nach und nach in lachende und gefällige verwandeln. Es wird daher nicht unzweckmäßig seyn, wenn ich zuerst von _Johanngeorgenstadt_ und der umliegenden Gegend im Allgemeinen spreche, da dieser Ort durch seine Entstehung, seine Lage, seinen Bergbau und durch das Spitzenklöppeln zum Theil nicht unbekannt und uninteressant seyn wird. --

Eine hohe Bergkette, welche in einem schrägen Halbzirkel von Mittag gegen Mitternacht sich fortzieht, nennt man in der dasigen Gegend _den Fastenberg_ und theilt ihn ein in den vordern, mittlern und hintern. Auf diesem Fastenberge nun ist _Johanngeorgenstadt_ gebaut und zwar auf dem vordern, hart an der böhmischen Gränze. Zur Zeit nämlich, als der lutherische Religionsbegriff in Sachsen der herrschende geworden war und in allen Provinzen dieses Landes der Wahrheit himmlisches Licht die Nächte des Irrwahns zu verscheuchen angefangen hatte; zur Zeit, als noch finstre, dichte und ungeheure Waldungen den Fastenberg bedeckten und noch (nach eines alten Schriftstellers Ausdrucke) die Bären brummten, die Wölfe heulten, die Füchse bellten, zu dieser Zeit waren an Böhmen die ehemals Schwarzenbergischen Städte _Platten_ und _Gottesgabe_ abgetreten worden. Doch der Religionshaß der Katholiken drückte die lutherischen Einwohner auf alle mögliche Art, und ungeachtet der vom Kaiser _Ferdinand_ in dem errichteten Vertrage mit _Johann Georg I._ versprochenen Religionsfreiheit, kam schon 1653 der kaiserliche Befehl: _daß die Lutheraner entweder römischkatholisch werden, oder mit Zurücklassung ihrer Haabe und Güter das Land meiden sollten_. -- Es war dieses ein nicht unerwartetes, aber hartes Gebot, und es fragt sich, ob die Lutheraner jetziger Zeiten das würden thun, was ihre ältern Brüder _damals_ thaten. -- Die meisten trennten sich von ihrem Eigenthum, von der häuslichen Ruhe, von den zurück bleibenden Blutsverwandten und Freunden, flohen bei Nacht, ohne Aussicht, ohne Mittel, sich irgendwo in die alten Familienverhältnisse wieder zurückzubringen, wieder Haus, Vieh und Feld besitzen zu können. Dennoch um der erkannten Wahrheit willen ließen sie Alles zurück und zogen über die Gränze, ließen sich mitten in einem grausen Walde, in der wildesten Gegend Sachsens, auf den _Fastenberge_ nieder, wo seit dreißig Jahren von Bergleuten aus Platten und Eibenstock ein kleiner Zinn- und Eisenstein-Bergbau getrieben wurde. Da die meisten dieser Ausgewanderten nach den Kenntnissen der damaligen Zeit erfahrne und geschickte Bergleute waren, so untersuchten sie an einigen Stellen den Fastenberg und sieh da! sie fanden bald das gediegenste Silber. -- Voll Freude und den Fingerzeug der Gottheit darin erkennend, berichteten sie es an den damaligen Churfürst _Johann Georg I._, welcher ihnen sogleich die Fortsetzung des Bergbaues gestattete, daß sie sich unterdessen einigermaßen anbauen konnten. Da ich aber nicht die eigentliche Geschichte Johanngeorgenstadts schreiben will, so werde ich das nöthigste nur kurz erzählen.

Da die Anbrüche sich mehrten, so erhielten sie endlich die Erlaubniß eine Stadt anzubauen, welche sie auch nach dem Namen ihres huldvollen Beschützers _Johanngeorgenstadt_ nannten; dieß geschah 1654, ein Jeder mußte ein Stück Wald urbar machen, welches dann sein eigen war. Denn die ganze Gegend war, wie ich schon erwähnt habe, dichter, finstrer Wald und man muß die außerordentliche Betriebsamkeit, die schwere Arbeit und den unablässigen Fleiß dieser Leute bewundern, die es, und in der Folge ihre Nachkommen, dahin brachten, daß man jetzt beynahe eine Stunde weit im Umkreise anstatt Waldung, Felder und Fluren erblickt! -- --

In der Ansicht von Morgen nimmt sich die Stadt vorzüglich gut aus, indem sie sich auf dem allmählich aufsteigenden Rücken des Fastenbergs in ihrer Länge gleich emporlehnt und man den Durchschnitt der Gassen wahrnehmen kann, deren jede in gerader Richtung fortläuft; und dann da, wo die Häuser nach der Morgenseite zu sich endigen, zieht sich der Berg schroff und steil herab, daß es scheint, als würden die Häuser herabstürzen, daß man auch, um von Wittichsthal aus in die Stadt kommen zu können, die Wege schneckenförmig im Zickzack angelegt hat. Uebrigens ist es in Johanngeorgenstadt recht hübsch und lebhaft, die Einwohner sind gutmeinende, treuherzige Leute und die Liebe der dasigen Bergleute vorzüglich gegen ihren _Friedrich August_ ist auffallend. --

Man bemüht sich außerordentlich, den Boden zu kultiviren und es fängt auch an, zu gelingen. Freilich sind Erdäpfel das meiste, was man baut, aber diese sind auch das Hauptproduct, indem sie immer gut und in Menge gerathen, Vieh und Menschen ernähren müssen und den niederländischen gar sehr können vorgezogen werden. Die vielerley Speisen, welche man daraus bereitet, lassen sich nicht aufzählen. Ueberhaupt thut dem erzgebirgischen Ackerbau die Witterung den meisten Schaden, denn der Boden an und für sich selbst, durch das häufige Düngen, ist wirklich besser, als man ihn zu finden wähnt und die Erzgebirger können hoffen, daß er in Zukunft gut werde werden, da man durch häufiges Abschlagen der dichten Waldungen dem Klima gewissermaßen zu Hülfe kommt. -- Korn baut man auch bei Johanngeorgenstadt, aber freylich ist dieser Feldbau riskanter; weniger riskirt man mit dem Hafer. Das Obst geräth nicht so gut, und wenn es ja zur gehörigen Reife gedeiht, behält es immer noch einen scharfen Geschmack. --

Gleich unten im Thale an der Stadt liegt das Hammerwerk _Wittichsthal_, welches einem kleinen Dorfe gleicht und durch die fast immer im Gange sich befindenden Eisen- und Blechhütten, durch Fuhrwerk, Mühlen und mehrere rauschende Bäche sehr viel Lebhaftes erhält. Ueberhaupt liegt Wittichsthal recht angenehm, und man hat einen erfreulichen Anblick, wenn man es oben von der Stadt herab betrachtet. Hinter dem sogenannten Herrenhause dehnen sich lange Wiesen und Aecker aus, an deren Ende hinten das _Schwarzwasser_ vorbei sich schlängelt, welches zwischen den böhmischen Gebirgen aus dunklem Forste hervorfließt und _so_ einen schönen Anblick gewährt. An dem jenseitigen Ufer desselben erhebt sich allmählich, mit Aeckern und Feldern an seinem Fuße, der _Rabenberg_, eine Gebirgskette, die sich von der böhmischen Gränze an längs dem Schwarzwasser bis gegen _Breitenbrunn_ hinabzieht; doch nennt man nur einen gewissen Theil derselben den Rabenberg. Weiter oben am Saume der Waldung, welche sich in Mischung mit Buchen und Birken, und grotesken Felsentrümmern, auf dem Rücken dieses Gebirgs ausdehnt, liegt ein kleines Pachtgut, welches zu Wittichsthal gehört. Nun aber wollen wir ein wenig umkehren und durch Wittichsthal bei mehrern Zechen vorbei nach dem kaiserlichen Zollhause zu und von da bei Gelegenheit auf eine kurze Zeit über die Gränze gehen, damit wir Alles besehen. Dieses Zollhaus liegt hart an dem Gränzbache, dessen Wasser roth sieht und weiter unten, wo es in das Schwarzwasser sich ergießt, ein angenehmes Farbenspiel erblicken läßt. Hinter dem Zollhause steigt das sogenannte Kaiserwäldchen (_Kaserwalle_ nach gebirgischer Mundart) auf, welches sich bis gegen ein böhmisches Blaufarbenwerk fast hindehnt, ungefähr eine kleine Viertelstunde weit. Dieses Blaufarbenwerk (sein jetziger Besitzer ist ein Herr Bürgermeister Elster) liegt in einem engen, allmählich sich erweiternden Thale, von Felsen und schwarzem Forste zur Seite und hinten umgeben, indem ein hoher Berg sich hinter dasselbe herabzieht, der sich in einer mit grauen Felsen bespitzten Zunge bei der böhmischen Hammermühle endigt und den Zusammenfluß des Breitenbachs und des Rothenbachs geschehen läßt. Diese sogenannte Hammermühle präsentirt sich sehr abstechend und freundlich. Von da gehen wir nun weiter und sehen, wie das Elstersche Haus aus dem dunklen Hintergrunde so angenehm hervorblickt. Ihm gegenüber, ungefähr dreißig Schritte, erhebt sich ein waldloser, grüner Gebirgstheil, worauf hie und da einige Häuser stehen, davon eines der obersten man die Marianne benannt, welches von den Johanngeorgenstädtern fleißig wegen des da zu habenden guten, böhmischen Bieres und der herrlichen Aussicht besucht wird. Wir wollen auch einmal einkehren, da uns das Bergsteigen sauer geworden ist; wir wollen uns erst durch einen Trunk und dann durch die Aussicht laben. --

Nun, lieber Leser, du hast dich gelabt, hast die Reinlichkeit bewundert, welche in diesem Hause herrscht, und willst nun der entzückenden Aussicht genießen. Komm und sieh, und freue dich!