Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen.

Part 9

Chapter 93,668 wordsPublic domain

Kaum hatte sich deshalb der zum Recognosciren abgeschickte erste Trupp vor dem heftigen Feuer der sich von allen Seiten auf sie werfenden Buschrähndscher zurückgezogen -- wobei sie drei Todte auf dem Kampfplatz lassen mußten -- als Tolmer das Zeichen zum allgemeinen Angriff gab, und jetzt besonders die reguläre Truppe mit weit mehr Erbitterung über den heißen Empfang als Vorsicht auf die Räuber eindrang. Sie erreichte auch zuerst den Kampfplatz, und die Buschrähndscher, die im Anfang glaubten, daß sie die ganze Macht des Feindes hier vor sich hätten, richteten auf die rothen, leicht zu erkennenden und besonders im Buschkampf höchst unzweckmäßigen Uniformen ihr ganzes tödtliches Feuer. Selbst die an der rechten Flanke postirten Männer schossen ihre Musketen nach jener Richtung ab, und erhoben ein Siegesgeschrei, als sie sahen, welch schlimme Wirkung ihre Kugeln in dem dicht gedrängten kleinen Trupp der Soldaten anrichtete.

Diesen Augenblick, ehe die Räuber im Stande waren, ihre Gewehre wieder zu laden, benutzten die Constabler, denen sich der Squatter und Bill angeschlossen hatten, mit einem lauten Hurrah und bei dem Rasseln einer von den Soldaten geborgten Trommel aus ihrem Hinterhalt zu brechen. Ohne einen Schuß zu feuern, drangen sie bis auf etwa zwanzig Schritte gegen die bestürzten Buschrähndscher vor und hatten, erst jetzt in tödtlicher Nähe, ihre Musketen und Doppelflinten auf sie entladend, im Nu den Verhau gestürmt, der den Räubern bis dahin Schutz gewährt.

Zu diesem Beistand war zwar von Gentleman John der ganze schwarze Stamm bestimmt worden, der mit seinen Speeren einen dort angreifenden Feind in der Flanke fassen sollte. Bukkul aber, nicht gesonnen, das Boot außer Acht zu lassen, hatte seinen Leuten insgeheim Gegenbefehle gegeben, und während die überraschten Buschrähndscher jetzt flüchtig und in panischem Schreck auf den Haupttrupp der Ihren zurückfielen, glitten die Schwarzen, von den Frauen und Kindern gefolgt, der Stelle zu, wo das Boot, nur von einigen überhängenden Bäumen verdeckt, flott im Strome lag.

Gentleman John übersah mit einem Blick die über ihn hereinbrechende Gefahr. Rothkopf, den er zum ersten Lieutenant seiner Schaar gemacht, hatte freilich selbst für diesen von dem schlauen Buschrähndscher vorhergesehenen Fall seine Instruktionen, durfte er aber selbst diesem trauen? -- Da antwortete eine Musketensalve vom Boote her seinem ängstlichen Zweifel. Die dort gestörte Schaar hatte, dem Befehl des Führers treu, und auch im eigenen Trieb der Selbsterhaltung, ohne Weiteres auf die befreundeten Schwarzen Feuer gegeben, und laut aufheulend in Schmerz und Wuth wich die dunkle Horde den wohlgezielten Kugeln der Verräther.

Dies plötzliche Feuern im Rücken erfüllte aber den vorderen Trupp der Buschrähndscher, die von solchem Befehl keine Ahnung hatten und sich von allen Seiten umzingelt glaubten, mit Entsetzen. Während daher John, die augenblickliche Verwirrung benutzend, zurück, dem Boote zu, sprang, warfen sich einige von seinen Leuten voller Verzweiflung und Alles verloren glaubend, in den Strom, das gegenüberliegende Ufer durch Schwimmen zu gewinnen, während Andere neben den Feinden hin in das Dickicht zu entkommen suchten.

Der Squatter sowohl wie Bill, die bei dem siegreichen Flankenangriff betheiligt waren, hatten indessen unter den Räubern beide ihren gemeinsamen Feind erkannt, und ohne sich um die Andern zu kümmern, deren zersprengter Schwarm meist niedergeschossen wurde oder den Constablern in die Hände fiel, sprangen die beiden Männer hinter der flüchtigen Gestalt des Räubers her, mitten in das Lager hinein.

John selber wußte recht gut, daß er keinen Augenblick zu versäumen hatte, sich und einige Wenige der Seinen in dem Boot in Sicherheit zu bringen. Was kümmerten den herzlosen Räuber die Uebrigen, hätten sie doch an _seiner_ Stelle das Nämliche gethan. Jetzt gerade war da auch der günstige Moment, da die Feinde durch das Ausbrechen des überrraschten Vordertrupps vollkommen beschäftigt und aufgehalten wurden. Ohne sich deshalb auch nur nach denen, die er befehligt, umzusehen, und vollkommen gleichgültig dagegen, was aus ihnen würde, umsprang er die nächste, erst kürzlich aufgeworfene Verschanzung, hinter der noch der letzte Rest ihrer Vorräthe aufgeschichtet lag.

Von dort aus konnte er das Boot erkennen. Rothkopf stand im Spiegel desselben, das Steuer in der Hand, sechs oder sieben seiner Schaar hatten theils Ruder, theils Stangen aufgegriffen, das Fahrzeug, so wie der Befehl gegeben wurde, rasch vom Ufer zu stoßen, und zwei Andere waren gerade beschäftigt, eine dünne Ankerkette, die noch am Ufer um einen Baum geschlagen lag, loszuwerfen. Es schien die höchste Zeit, daß er sich seinen Leuten zeigte, fühlte er sich doch nicht ganz sicher, daß selbst Rothkopf auf ihn warten würde, wenn er, Gefahr für sich sehend, das Boot, von allen Hindernissen frei, im Strom erst hatte.

Kaum noch hundert Schritte war er von diesem entfernt, und wollte eben einen im Weg liegenden Gumbaum überspringen, als sich ihm dort die drohende Gestalt seines alten Bekannten, des Squatters, in den Weg warf, der ihm mit auf ihn angelegtem Rohr ein donnerndes »Halt, verdammte Bestie!« entgegen rief. Zu gleicher Zeit hörte er flüchtige Schritte hinter sich, und den Kopf scheu zurückschlagend, erkannte er Bill, den früheren Conducteur und Postillon der Royal Mail, der sein abgeschossenes Gewehr verkehrt in der Hand mit gehobenem Kolben hinter ihm drein sprang.

»Ergib Dich, Canaille,« donnerte ihm dabei der Squatter zu, »oder, beim ewigen Gott, ich schicke Dir eine Ladung Blei durch's Hirn!«

»Schieß und sei verdammt!« knirschte aber der Buschrähndscher durch die Zähne, denn hier lag nur die Wahl für ihn zwischen Tod auf dem Schlachtfelde oder am Galgen, und mit raschem Ansprung wollte er sich auf den Gegner werfen. Da berührte dessen Finger den Drücker, und um John's Leben wäre es geschehen gewesen, hätte sich nicht in diesem Augenblick ein Freund, der einzige vielleicht, den er auf dem weiten Erdenrund so nennen durfte, zu seiner Hülfe an dem Kampf betheiligt.

Es war Lloko, sein schwarzes Weib, das er, mit Allen ihres Stammes, gerade im Begriff gewesen, dem Feind zu überlassen. Wußte er auch, wie sie ihn liebte, wie sie mit all' der hingebenden Treue an ihm hing, deren nur eben ein Frauenherz fähig ist, auch wenn es unter einer dunkleren Hautfarbe schlägt, was kümmerte das ihn, den Gefehmten der Gesetze. _Er_ kannte, liebte nur sich selbst.

Lloko dagegen, mit keinem Gedanken von Mißtrauen im Herzen gegen den Mann, dem sie sich einmal zu eigen gegeben, sah trotz den Kugeln, die aus den Büchsen der verrätherischen Weißen die Reihen ihres Stammes lichteten, und Freunde und Brüder an ihrer Seite nieder warfen, nur die Gefahr des Gatten, sah ihn, der ihre Seele war, bedroht vom Feinde, und mit der kurzen Kriegskeule in der Hand, die sie zu ihrer eigenen Vertheidigung aufgegriffen, schmetterte sie in demselben Augenblick das drohend auf ihn gerichtete Rohr zur Seite, als es seine tödtliche Ladung gegen ihn entsandte. Der zweite blitzschnell dem ersten folgende Schlag war gegen das Haupt des Weißen selber gerichtet, und der ehrliche Squatter brach, von dem harten Holz getroffen, bewußtlos wo er stand zusammen.

John, der sich jetzt nur noch von einem und zwar dem wenigst gefährlichen Gegner bedroht sah, schöpfte wieder neue Hoffnung.

»Brav, Lloko!« rief er, indem er geschickt dem von Bill nach ihm mit bestem Willen geführten Kolbenschlag auswich; »Du verstehst es viel besser, als der Tölpel hier.« In gleichem Moment unterlief er den im Buschkampf weniger geübten Roßlenker, und Bill fühlte nur noch ein paar unbestimmte dumpfe Schläge, die ihm der geübte Boxer auf Stirn und Schläfe gab, als er, wie von einem Schmiedehammer getroffen, zusammenknickte.

Drei, vier Schüsse wurden jetzt von Einzelnen der Constabler, die den Kampf aus der Ferne gesehen, herübergefeuert, und die Kugeln schlugen links und rechts in die Bäume ein. Unversehrt aber sprang John jetzt, von Lloko dicht gefolgt, dem Boote zu, das in diesem Augenblick seine Kette freibekommen hatte.

»Höchste Zeit, daß Ihr kommt, Johnny!« rief diesen Rothkopf entgegen, »Teufel noch einmal, es wird Zeit, daß wir abschieben -- an Bord, sag' ich -- an Bord, oder wir haben die Rothjacken am Hals, ehe wir's denken. -- Soll denn die Schwarze mit?«

John blickte, noch selber zweifelhaft, nach seiner Frau hinüber, Lloko aber, ohne auf die Frage zu achten, warf sich in den Strom, schwamm zu dem Boot hinüber und kletterte an Bord. Zeit zum Ueberlegen blieb überhaupt nicht, und Gentleman John mußte ihrem Beispiel folgen, wollte er nicht selber zurückgelassen werden. Seine Brieftasche zwischen den Zähnen, stieg er in den Strom, und hatte kaum eine ihm zugereichte Stange ergriffen, sich leichter hinüber ziehen zu lassen, als die Ersten der Feinde schon auf der Uferbank erschienen, und daran hinnrannten, das Boot am Abfahren zu verhindern. In wenigen Sekunden war der Führer der Buschrähndscher aber an Bord, und mit Stangen und Rudern arbeitete die kleine Schaar, die Mitte des hier ziemlich breiten und tiefen Stromes zu gewinnen.

Durch das Geschrei der Constabler angelockt, eilte jetzt auch ein kleiner Trupp der bis zum verlassenen Hauptlager vorgedrungenen Soldaten herbei, und diese feuerten, als sie das Boot im Wasser sahen, ihre Gewehre darauf. Zwei der Buschrähndscher wurden getödtet, und selbst John erhielt eine Streifwunde an der Schulter. Das schilfige Ufer verhinderte hier aber, daß ihnen die Feinde so rasch folgen konnten, und ehe diese wieder geladen hatten, waren sie aus dem Bereiche ihrer Kugeln.

Schweren Stand würden die flüchtigen Räuber freilich trotzdem gehabt haben; denn Tolmer führte einen Theil seiner Leute auf einem ihm bekannten Pfad den Strom eine Strecke hinab, wo sie, wenn sie vor dem Fahrzeug eintrafen, den gerade an dieser Stelle wohl sehr tiefen aber nicht breiten Strom sehr leicht überschießen konnten. Ein scharf einsetzender Nordwestwind begünstigte aber die Verbrecher. Nachdem sie die beiden Leichen der getödteten Kameraden ohne weitere Ceremonie über Bord geworfen und ihr kleines Boot dadurch wesentlich erweitert hatten, setzten sie das schon bereit liegende Segel, und glitten jetzt, weit rascher als ihnen das mit Rudern möglich gewesen wäre, den leicht gekräuselten Strom hinab.

Als die Verfolger den vorerwähnten Platz erreichten, konnten sie eben noch in der Ferne, gerade dort, wo der Murray breit und sumpfig in den Victoria-See einmündet, das lichte Segel der Räuber erkennen, und an ein weiteres Nachsetzen ohne Boote war nicht zu denken.

Zwar wurden solche so rasch als möglich vom Ufer des Sees her requirirt, und der Anführer der Polizei hatte immer noch die Hoffnung, die flüchtigen Feinde wieder aufzuspüren, die, wie er glaubte, es nicht wagen würden, die gefährliche Einfahrt in die Encounterbay und offene See zu forciren.

Was aber blieb den zur Verzweiflung getriebenen Männern anders übrig, als jetzt, mit den Mitteln ausgestattet, das Land ihrer Knechtschaft, das für sie entsetzliche Australien, zu verlassen, auch das Aeußerste dafür zu wagen. Sie Alle wußten, daß sie, einmal in die Hände des Gerichts gefallen, der Strick des Henkers rettungslos erwarte, und was war dagegen die tosende Brandung, die ihnen am nächsten Abend ihren weißen Kamm entgegenwälzte.

Rothkopf, ein alter Matrose, der früher wegen versuchter und wahrscheinlich auch schon ehedem ausgeführter Seeräuberei deportirt worden, übernahm hier die Führung des kleinen Fahrzeugs, von dem aus er erst eine Zeit lang den Gang der Brandung beobachtete. Dabei fand er bald, daß sie sich in ziemlich hohen und gefährlichen Sturzwellen gegen die einzige Ausfahrt heran wälzte. Zwischen den verschiedenen Sturzwellen aber, und regelmäßig nach der dritten, trat eine kurze Ruhe mit stillem Wasser ein, die ihnen die Möglichkeit ließ, hindurch zu kommen. Der Wind war ihnen günstig, und benutzten sie ihre Zeit kaltblütig und geschickt, so war, das sah er bald die Ausfahrt möglich.

Ohne Zögern wurden deshalb die nöthigen Vorbereitungen getroffen. Mit dem scharfen Bug glitt das kleine schwanke Fahrzeug zitternd der Fluth entgegen, als ob es selber erbebe vor der nahenden Gefahr. Rothkopf aber handhabte das schmucke Boot mit sicherem Blick. Das Segel war, als sie die Brandung fast erreicht, eingenommen, und nur die ausgehende Ebbe führte sie jetzt mit starker Strömung der furchtbaren Stelle zu. -- Ein Rückgehen war schon nicht mehr möglich -- vor ihnen bäumten sich die gläsernen Mauern und schüttelten ihnen die weißen, sonneblitzenden Mähnen drohend entgegen -- es war die dritte Brandungswelle, die fast über ihren Häuptern hing. Jetzt schmolz sie wie ein Hauch in sich zusammen, und rechts und links vom Boot zischte und tanzte der silberblinkende, wirbelnde, kochende Schaum.

»Euer Segel auf!«

Im Nu faßte es der Wind und riß das Boot durch den gährenden Strudel hin. -- Schon hob sich die neue Woge wieder bäumend auf, und hinter dem Spiegel des kleinen Fahrzeugs selber quoll es empor in riesenhafter Majestät -- noch wenige Sekunden, und es hätte dem Schiff den Wind entzogen und es hineingezogen in den Wasserberg -- aber die Ebbe half den Räubern über die Gefahr. Zischend schoß das schlank und trefflich gebaute Boot der offenen Fluth, der freien See, entgegen, und jauchzend, jubelnd begrüßten die Geretteten das Meer!

4. Die Känguruh-Insel.

Es war im Monat Juli, als die letzten Streiftruppen von Militair und Polizei, die im April die Buschrähndscher-Bande des »Gentleman John« theils getödtet und gefangen, theils zerstreut hatten, nach Adelaide zurückkehrten.

Trotz aller Energie ihres Führers, und trotz der wirklich unvergleichlichen Ausdauer der Leute, war es ihnen aber doch nicht gelungen, des Gefährlichsten der Schaar, des berüchtigten Gentleman John, habhaft zu werden. Selbst in See ausgesandte Kutter, die an den Küsten kreuzten und weite Strecken hinaus den Ocean absuchten, konnten nichts von jenem Boot, das man zuletzt an der Mündung des Murray gesehen, entdecken, und es blieb kaum mehr einem Zweifel unterworfen, daß die verwegenen Räuber, die damals dem Arm der strafenden Gerechtigkeit entkommen, ihren Tod in der an der Einfahrt der Encounterbai stehenden Brandung gefunden.

Was dieser Vermuthung noch mehr Wahrscheinlichkeit lieh, war, daß man gerade in jener Zeit die Trümmer eines zerschellten Bootes unfern jener Stelle an der Küste entdeckt hatte. Jedenfalls mußte es dasselbe sein, das den Buschrähndschern gehörte, und wenn sie auch den Galgen also um sein Recht betrogen, war doch wenigstens die Colonie von ihnen befreit, und die einzelnen Stationshalter draußen im wilden Busch konnten freier athmen.

Das war ziemlich die allgemeine Ansicht in der Colonie, die dadurch noch mehr befestigt wurde, daß man selbst wochenlang nach der Rückkehr der Expedition Nichts mehr von einem neuen Ueberfall einzelner Reisenden oder Stationen hörte. Die Wege im Busch waren so sicher, wie die Straßen von Adelaide im hellen Sonnenschein, und hatten sich wirklich Einzelne der Scharr zu Land geflüchtet, so schien Nichts wahrscheinlicher, als daß sie entweder in der trostlosen, wasserarmen Wildniß umgekommen, oder von den Schwarzen »gespeert« seien.

Nur Einer der Polizeibeamten, die sich damals dem Zuge angeschlossen, theilte nicht die Meinung der Anderen, daß nämlich Gentleman John sein Ende in den Wogen gefunden, und das war Tolmer, der Chef jenes gegen die Buschrähndscher ausgesandten Trupps selber. Er hatte das Boot gesehen, er kannte auch die Gefahr der Brandung an der Victoriasee-Mündung, aber er wußte ebenfalls, daß eine Ausfahrt zu Zeiten _möglich_ sei, und traute dem tollkühnen Räuber recht gut zu, die Schwierigkeiten und Gefahren derselben besiegt zu haben.

Die noch auf seinem Kopf stehenden zweihundert Pfund Sterling lockten ihn dabei weit weniger, als die Ehre, den gefährlichen und berüchtigten Räuber, trotz allen Kreuz- und Quersprüngen desselben, noch einmal zu überlisten und einzubringen, und mit unermüdlicher Ausdauer, mit einer Zähigkeit, die sich durch nichts entmuthigen und abschrecken ließ, durchritt er das halbe Murray-Thal und die Wildniß bis zu den besiedelten Distrikten der Nachbar-Colonie, und umsegelte die Küsten, die sich nach rechts und links von Adelaide ausstreckten, die mögliche Spur von dort gelandeten Fremden zu entdecken.

Umsonst -- Nirgends war auch nur das Geringste von den entkommenen Räubern zu entdecken, und als letzte Möglichkeit fuhr er nach der der Hindonoff-Landzunge gegenüberliegenden Känguruh-Insel hinüber. Er wußte recht gut, daß Gentleman John bei seinem ersten Debüt als Buschrähndscher die Schlupfwinkel jener Insel genau kannte, und war es ihm nicht gelungen, in See ein Schiff anzurufen und Australien ganz zu verlassen, so blieb Nichts wahrscheinlicher, als daß er sich wieder dorthin geflüchtet habe.

Ohne das geringste glückliche Resultat durchstreifte er aber die ganze Wildniß drüben, kroch durch die ihm nur zu wohl bekannten Känguruh-Dornen, dem flüchtigen Räuber nur erst einmal wieder zu begegnen. Auf den Stationen erhielt er -- das alte Leiden -- nur ungenügende, ausweichende Nachrichten. Niemand wollte die Buschrähndscher gesehen haben, Niemand etwas von ihnen wissen, und er sah sich endlich genöthigt, so ungern er es that, seine weitere Verfolgung aufzugeben. -- Gentleman John war jedenfalls auf ein Schiff entkommen, und dann freilich hätten sie ihn hier wohl vergeblich suchen sollen.

An Cap Borda, der Nordwestspitze der Insel, blieb er eine Nacht auf einer von einem Mr. Bloome dort angelegten Station. Er wollte von hier aus nach Adelaide zurückkehren, wurde aber in diesem Vorsatz durch ein Gespräch mit Mr. Bloome selber wankend gemacht. Bloome nämlich erzählte ihm von einem sehr reichen Engländer, mit dem in Gemeinschaft er in nächster Zeit einen Schooner ausrüsten wolle, um an den australischen Küsten und nach Neu-Seeland hin Handel zu treiben. Ein Bruder von ihm, früher einmal Steuermann auf einem Ostindienfahrer, war zu dem Zweck schon nach Sydney abgegangen, ein passendes Fahrzeug dort anzukaufen, und er erwartete diesen mit jedem Tage zurück.

Stutzig machte ihn zuerst die Nachricht, daß der Fremde als ein Schiffbrüchiger auf die Insel gekommen sei, an deren Küste er, wie Bloome sagte, sein eigenes Fahrzeug verloren habe, und sein Verdacht wurde zur Gewißheit, als er im Lauf des von ihm äußerst vorsichtig geführten Gesprächs erfuhr, daß unter den wenigen, die sich mit ihm gerettet, auch eine schwarze Frau gewesen sei.

Capitain Howitt, wie er sich nannte, sollte übrigens, des Squatters Bericht nach, erst gestern zu Land nach Point Marsden an der Nordseite der Insel gegangen sein, wo er noch Geschäfte, den Ankauf von Waaren betreffend, abzuschließen habe. Mr. Bloome erwartete ihn nicht vor der nächsten Woche zurück.

Tolmers Entschluß war rasch gefaßt. Es war dies überhaupt seine letzte Hoffnung, den flüchtigen Räuber noch aufzufinden, und wenn er auch jetzt, allein und ohne Unterstützung nichts Entscheidendes gegen ihn unternehmen konnte, so wollte er ihn doch wenigstens erst einmal sehen, wollte sich selber überzeugen, daß es wirklich der vogelfreie Verbrecher sei, und dann so rasch als möglich nach Adelaide zurückkehren, Hülfe von dort herbeizuholen.

Mr. Bloome hatte, wie er bald im Gespräch merkte, keine Ahnung davon, was für ein gefährlicher Charakter sein zukünftiger Compagnon sein könne, und Tolmer war viel zu vorsichtig, ihm auch nur das Geringste merken zu lassen, welchen Verdacht er selber habe. Ein unbedachtes Wort des Squatters hätte während seiner Abwesenheit den schlauen Verbrecher nur zu leicht warnen, und all seine Mühe vergeblich machen können. Die Nacht blieb er übrigens noch bei seinem gastfreien Wirth, der ihn überdies vor dem nächsten Morgen gar nicht fortgelassen hätte, und suchte während der Zeit Näheres von ihm über die früheren Kameraden des Schiffbrüchigen zu erfahren. Diese befanden sich, Mr. Bloomes Meinung nach, am andern Ende der Insel, vielleicht gerade dort, wohin jener Mr. Howitt gegangen, wenigstens hatte er hier nichts weiter von ihnen gesehen, und bekümmerte sich auch, wie er mit einem Seitenblick auf Tolmer bemerkte, wenig oder gar nicht um das, was im Innern der Insel vorging. »Es sei das in Australien eine gar schlimme Sache, da man nie wisse, mit wem man es eigentlich zu thun bekomme, und in wiefern die Bekanntschaft vortheilhaft und angenehm sein könne.«

Am andern Morgen brach Tolmer vor dem Frühstück noch mit dem dämmernden Tage auf, und wanderte, so rasch ihn seine Füße trugen, dem ziemlich fernen Point Marsden zu. Aber erst am vierten Morgen, durch Dornen, Dickicht und vom Regen erweichte Wege aufgehalten, erreichte er etwa um neun oder zehn Uhr die ersten Umzäunungen des Platzes, der ihm von der letzten Station als Eigenthum eines gewissen Rodwell -- derselbe, bei dem sich jener Capitain Howitt aufhalten sollte -- bezeichnet worden.

Tolmer machte hier Halt, sich auf alle möglichen Fälle, wenn er da wirklich mit dem Buschrähndscher zusammenträfe, vorzubereiten. Allerdings war er dabei im Vortheil, denn er kannte jenen sogenannten Gentleman John schon von Ansehen genau, und hatte selber jede nur mögliche Vorkehrung getroffen, nicht von ihm erkannt zu werden -- konnte er ihn doch auch nicht hier vermuthen. Nichts destoweniger mußte er dem schlauen und abgefeimten Räuber gegenüber jede Vorsicht gebrauchen, sich nicht zu verrathen. Bei dem geringsten Verdacht, besonders wenn dieser seine Helfershelfer in der Nähe hatte, war er verloren, oder der Verbrecher doch jedenfalls gewarnt gewesen, ehe er sich seiner bemächtigen konnte, und Mann gegen Mann blieb ihm auch nur geringe Hoffnung, seiner Herr zu werden. Tolmer selber, wenn auch von kräftigem und durch Beschwerden gestähltem, zähem Körper, war doch dem riesigen, schon seiner Stärke wegen berühmten Räuber nicht gewachsen, und die List für ihn der einzige Ausweg. Ehe er also auf das Haus, dessen Dach er schon von Ferne durch die Büsche konnte schimmern sehen, zuging, setzte er sich noch vorher auf einen dort umgestürzten, unfern von dem schmalen Pfad liegenden Baumstamm, und überlegte vor allen Dingen, auf welche Art er sich am glaubwürdigsten bei jenem Mr. Rodwell einführen könne.

Noch war er hierüber zu keinem festen Resultate gekommen, als er Stimmen im Busch hörte, die allem Anscheine nach gerade vom Hause her den Pfad entlang kamen. Ohne sich einen Augenblick zu besinnen, glitt er hinter den ziemlich starken Gumstamm, auf dem er bis jetzt gesessen, und erkannte wenige Minuten später einen Mann und eine Frau, die zusammen langsam auf dem Pfad hinschritten. Ehe sie übrigens dicht zu ihm kamen, blieben sie auf einer etwas lichten Stelle stehen und sprachen leise mit einander. Tolmer horchte mit der gespanntesten Aufmerksamkeit, war aber nicht im Stande, Alles zu verstehen, denn nur einzelne Worte und kurze Sätze drangen bis zu ihm herüber.

»Es geht nicht,« sagte die Frau, »es geht wahrhaftig nicht -- was soll aus dem Kinde werden?«

Dann wieder schien sie der Mann zu etwas überreden zu wollen, denn sie sah vor sich nieder und schüttelte langsam, wie zweifelnd, den Kopf.

Es war ein junges, bildschönes Weib, in die einfache Tracht der australischen Squatterfrauen gekleidet. Ihr Bonnet trug sie in der Hand, und die vollen, lichtblonden Locken fielen ihr voll und reich um die weiße, fast zu bleiche Stirn. Nur das Antlitz des Mannes, der ihr den Rücken zukehrte, konnte er noch nicht erkennen. Dieser beugte sich nach der Frau vor, und hielt eine ihrer Hände zwischen den seinigen.

»Halte nur Alles bereit,« sagte da endlich der Mann mit lauterer Stimme, »ich komme jedenfalls, und Du sollst es nicht bereuen.« -- Er bog sich zu ihr nieder und wandte sich dann rasch von ihr ab, den Pfad, den Tolmer kurz vorher gekreuzt, zu verfolgen.