Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen.

Part 8

Chapter 83,561 wordsPublic domain

Hier mußten sie einen ganzen Tag verbleiben, um erst von weiter her andere Pferde zu bekommen, denn Gentleman John hatte die Wahrheit gesprochen, als er Mr. Warrel versicherte, daß die dorthin gehörigen Pferde von seinen eigenen Leuten weggetrieben seien, und erst am vierten Tag erreichten sie in einem höchst traurigen Zustande die Hauptstadt Süd-Australiens -- Adelaide.

Diese so kecke Beraubung der Post, wie die Wegführung eines der Passagiere, der sich später freilich von Dornen zerfetzt und von den gehabten Anstrengungen zum Tode ermattet, wieder einfand, machte in Adelaide nicht geringes Aufsehen.

Die Frechheit der Räuber war doch zu groß gewesen, sie diesmal ungestraft hingehen zu lassen. Die ganze südaustralische Polizei, über die im Augenblick verfügt werden konnte, wurde deshalb aufgeboten, die Buschrähndschers auszuspüren, und auf eine oder die andere Art unschädlich zu machen. Auf den Kopf des Anführers, des berüchtigten Gentleman John, war überdies eine Prämie von hundert Pfund Sterling gesetzt, und dem, der ihn lebendig einbringen würde, sogar eine Belohnung von zweihundert Pfund zugesichert worden.

* * * * *

_Gentleman_ John, wie er von den Sträflingen seines ihnen imponirenden Wesens wegen genannt worden, hatte indessen seine Zeit vortrefflich benutzt, nicht allein seine Wechsel und Papiere in Adelaide, ehe der Raub bekannt wurde, zu verwerthen, sondern auch die andere reiche Beute in Sicherheit zu bringen. Ueberall dort genau bekannt, wie auch mit den einzelnen in jener Gegend heimischen schwarzen Stämmen befreundet, benutzte er diese letzteren besonders zu Spionen, und was er ihnen dafür an wollenen Decken und Lebensmitteln gab, machte sie zu seinen willfährigen und in dem öden, wasserarmen Busch oft höchst nützlichen und brauchbaren Dienern.

Sogar eine der schwarzen Frauen hatte er sich genommen, und alle dabei gebräuchlichen Ceremonien im Stamme durchgemacht, wie auch seinen Schwiegereltern ein reiches und übliches Kaufgeld für die Frau gegeben. Dadurch besonders fühlte sich der Stamm geehrt, und Gentleman John, der ein ebenso wildes, gesetzloses Leben führte, wie sie selber, war ihnen schon deshalb lieb geworden, weil die übrigen Weißen, die ihnen nur Schaden zufügten und sie von einem Platz zum andern trieben, ihn ebenfalls verfolgten. Sahen sie doch in ihm einen Leidensgefährten, dessen wohlbewaffnete Schaar sie gegen weitere Uebergriffe ihrer Feinde schützen und bewahren konnte.

Und Gentleman John selber? -- Ei, der benutzte, in wildem und unbegrenztem Uebermuth, jede Hülfe, die sich ihm bot, komme sie von welcher Seite auch immer, jeden günstigen Augenblick, den er erhaschen konnte. Jedenfalls in seiner Jugend zu Besserem erzogen, lag, Verführter oder Verführer, ein dunkles Leben hinter ihm, und mit der neugewonnenen Freiheit schien er entschlossen, diese zu genießen, allen menschlichen Gesetzen zu Trotz und Hohn.

Rücksichtslos dabei Alles unter die Füße tretend, was nicht seinem Zweck gerade diente, wußte er sich bei der Bande, die sich ihm angeschlossen, leicht in Respekt, bei der ganzen Umgegend aber in Furcht zu setzen, und so, mit Kundschaftern an allen Seiten, hatte er schon manchen gegen ihn unternommenen Angriff vor der Ausführung vereitelt, oder mit seiner wohlbewaffneten und sogar nicht einmal schlecht disciplinirten Schaar zurückgeschlagen, und wenig kümmerte er sich jetzt um die Folgen seines kecken Streichs.

Nach allen Seiten hin aber von vortrefflichen Spionen bedient, konnte es ihm auch nicht lange verborgen bleiben, daß sich diesmal doch ein schwereres Unwetter als gewöhnlich über seinem Haupte zusammenzog. Von allen Richtungen kamen die Boten, die ihm Kunde brachten, daß in den verschiedensten Distrikten bewaffnete Mannschaft aufgeboten und ein Schlag vorbereitet würde, der ihn und seine zu gefährlich gewordene Bande mit _einem_ Wurf vernichten sollte. Auch der auf sein Einbringen gesetzte Preis von zweihundert Pfund Sterling, der dem Verräther, wenn es selber ein entflohener Sträfling sei, noch außerdem vollen Pardon sicherte, machte seine Stellung mehr und mehr gefährlich, denn daß er nicht auf die Treue von _allen_ seinen Leuten zählen durfte, wußte er recht gut. Wenige waren in der That unter ihnen, die ihn nicht gerne verrathen hätten, wenn sie nur ihr eigenes Leben nicht zu sehr dabei gefährdet wußten.

Solchem Zustande mußte er ein Ende machen. Außerdem hatte er dies trostlose Leben, die stete Gefahr, das rastlose Umherstreifen in dem öden Wald recht von Herzen satt, und schon den Plan entworfen, Australien so bald als möglich zu verlassen.

An einer Biegung des Murray, und hoch genug an dessen Ufer hinauf, wo das Wasser desselben nicht durch die Ebbe und Fluth des Victoria-Sees ungenießbar gemacht war, hatten sie für den Augenblick ihr Lager aufgeschlagen, und die rings umher aufgeschichteten und mit Stücken Rinde gegen das Wetter geschützten Vorräthe schienen dabei auf die Absicht eines längeren Aufenthalts zu deuten. Unfern davon aber und im Schilf versteckt, lag ein tüchtiges Fischerboot, von denen einige den Victoria-See befuhren, und unter der Hand hatte der Buschrähndscher bis jetzt von seinen Leuten mehrere kleine Fässer mit Wasser füllen und einigen Proviant an Bord schaffen lassen.

Allerdings drohte ihnen bei einem Fluchtversuch in offener See noch eine keineswegs unbedeutende Gefahr, denn an der Mündung des Victoria-Sees in die Encounter-Bay wälzt sich eine so furchtbare Brandung dem kühnen Schiffer entgegen, daß die Durchfahrt durch diesen schmalen Meeresarm schon von vielen Seeleuten als ganz unmöglich geschildert wurde. Gefahr aber, ob sie ihm von Menschen oder den Elementen drohte, konnte den verwegenen Räuber nicht schrecken. Durch diese Brandung lag die Bahn zur Freiheit, und durch sie hin war er entschlossen, seinen Weg zu suchen.

Die Einschiffung selber sollte auch schon am nächsten Morgen stattfinden, und nur den Schwarzen hatte er bis jetzt noch den eigentlichen Zweck dieser Flucht verheimlicht, da sich diese wahrscheinlich derselben widersetzt, oder ihn gar im entscheidenden Augenblick verrathen hätten. Ließ er sie doch schutzlos der Rache der Weißen allein zurück.

Der Morgen dämmerte eben. Auf die höchsten Wipfel der hier in der Niederung zu riesiger Höhe wachsenden Gumbäume lagerte sich der erste Schimmer des anbrechenden Tages, und färbte das mattgraue Laub der holzigen Blätter mit einem eigenen fast zauberhaften Duft. Zugleich stand noch der Mond in voller Scheibe am Himmel, und warf sein fahles Licht durch die nur spärlich belaubten Wipfel auf die niederen Rindendächer und halb verglommenen Feuer, um die wunderliche Gruppen fest in ihre Decken eingehüllter menschlicher Gestalten und ganze Schaaren halbverhungerter Hunde gelagert waren.

Die Insassen dieses wilden Bivouaks schienen sich übrigens vollkommen sicher zu fühlen, oder der Wachsamkeit der ausgestellten Posten genugsam zu vertrauen, die nöthige Zeit der Ruhe nicht durch nutzlose Sorge zu unterbrechen oder zu stören. Nur hie und da hob Einer der Schläfer manchmal den Kopf, aus müden Augenlidern nach dem dämmernden Tag emporzuschauen und hüllte sich dann fester in seine Decke, die kalten Morgennebel von sich fern zu halten.

Da glitt eine dunkle, nackte Gestalt, mehr einem Schatten, als menschlichem Wesen gleich, am Ufer des Stromes herauf und durch die dichten Büsche hin dem Lager zu. Die Hunde hoben knurrend den Kopf, und drückten ihn winselnd wieder gegen ihre Weichen, als sie, mit einen Augenblick hochgehaltenen Nasen, den Bekannten gewittert. Dieser aber sprang mitten zwischen ihnen hin, zum nächsten Feuer, schürte die Brände zusammen, bis sie zu heller Glut emporloderten, und wärmte daran die halberstarrten nackten Glieder. Doch nur kurze Rast gönnte er sich an der wohlthuenden Glut. Sein rasch umhergeworfener Blick hatte bald das Rindendach des weißen Häuptlings unter den übrigen heraus gefunden, und zu diesem hinanschleichend, erfaßte er die dort ausgestreckte kräftige Gestalt Gentleman John's, und legte seine Hand auf dessen Schulter.

Im Nu fuhr der Buschrähndscher von seinem Lager empor, und die, in demselben Augenblick auch aufgegriffene und gespannte Pistole bewies deutlich genug, daß er die ganze Nacht doch nur »die Hand am Kolben« geschlafen.

»Bst!« flüsterte aber der Schwarze, den Finger warnend gegen ihn gehoben -- »sie kommen!«

»Sie kommen? -- wer?« rief John, sich wild die Haare aus der Stirn streifend.

»Die Weißen,« lautete die vorsichtige Antwort des Eingebornen. »Müssen die ganze Nacht bei Mondschein marschirt sein -- sind oben am Fluß und eben dabei herüber zu kommen.«

»Und wie viele, Bukkul?« rief John, der erst jetzt in dem Alten seinen zum Kundschaften ausgesandten Schwiegervater erkannte.

»Tausend,« erwiderte dieser, mit dem Zahlwort, das in der Sprache der australischen Wilden eine unbestimmte, aber sehr große Anzahl bedeutet -- »Tausend. Haben Pferde und Gewehre und viele rothe Jacken und blaue Jacken und lange Messer.«

»Alle Teufel!« brummte John leise vor sich hin, »das ist um vierundzwanzig Stunden zu früh, läßt sich aber jetzt nicht ändern. Die Burschen sollen uns wenigstens nicht unvorbereitet finden. Wecke die Deinen, Bukkul!«

Ein scharfer Pfiff, den er zugleich ausstieß, schallte gellend durch den stillen Wald und brachte im Nu die schlafenden Buschrähndscher auf die Füße. War es doch das Alarmzeichen ihrer Schaar, und die Bande sich der Gefahr, in der sie fortwährend schwebte, viel zu gut bewußt, die Warnung auch nur für einen Moment unbeachtet zu lassen.

Im Nu fuhren sie von ihren harten Lagern empor, und, ihre Taschen umgehängt, die Gewehre in ihren Händen, sammelten sie sich um ihren Führer, der indessen schon einige der jungen Leute von den Eingebornen ausgeschickt hatte, das Vorrücken der Feinde zu beobachten.

Gentleman John übrigens, so viel persönlichen Muth er auch selber besaß, fühlte doch viel zu gut das Mißliche seiner Lage, und war keineswegs blind genug, sich über das Gefährliche derselben auch nur einen Augenblick zu täuschen. Andere Kundschafter waren noch angekommen, deren Berichten nach sich die wider ihn ausgesandte Macht auf nahe an hundert Mann belief, und wenn er denen gegenüber leicht eine gleiche Zahl in's Feld stellen konnte, wußte er doch recht gut, daß er sich nicht einmal ganz fest auf seine _weißen_ Cameraden verlassen durfte, während die Schwarzen bei der ersten Salve davon liefen, oder doch den sichern Busch zur Deckung suchten.

Außerdem konnte, von dem Versprechen freien Pardons und der goldenen Belohnung verblendet, selbst während des Kampfes leicht Einer der Seinigen sein Verräther werden, und ihrer aller Untergang wäre dann gewiß gewesen. Das ja ist das Unglück des Verbrechers, daß er Niemandem, selbst seinen Helfershelfern nicht mehr trauen darf, und in der ganzen Menschheit seinen Feind nur sieht. Auf einen _gleichen_ Kampf mit der Polizei hätte er es deßhalb auch gern und rasch gewagt; die _Verzweiflung_ stählt den Arm des Kämpfenden, und Verzweifelte waren es hier, denen selbst der Sieg nur eine Galgenfrist bieten konnte. Jetzt aber, wo er die Uebermacht auf Seiten seiner Feinde wußte, und der Arm eines einzigen Verräthers ihn leicht in ihre Hände, in die Hände des Henkers liefern konnte, mußte er sich den Rücken decken.

Rasch gab er deßhalb seine Befehle, einen kleinen Theil der Vorräthe in das versteckte Boot zu schaffen, während er die Schaar, auf die er sich am sichersten glaubte verlassen zu können, in die Nähe desselben, hinter eine rasch von herunter gebrochenen Zweigen und herzugewälzten Stämmen aufgeworfene Barricade postirte. Seine ganze Mannschaft theilte er dann in drei Trupps, die das Terrain nach besten Kräften benutzen und einander mit ihren Gewehren decken sollten. Solcher Art hoffte er den Ueberfall, der jeden Augenblick stattfinden konnte, wenigstens so lange aufzuhalten, bis er sein Boot flott und segelfertig hatte, und der breite, hier ziemlich rasch strömende Fluß mochte ihn dann der Freiheit entgegen führen.

Rasch und willig führten die Buschrähndscher selber die ihnen gegebenen Befehle aus, denn auch ihnen lag weit mehr daran, ihre Haut in Sicherheit zu bringen, als einen langen und ernsthaften Kampf mit den disciplinirten Gegnern zu bestehen. Mit mißtrauischen Blicken betrachteten dagegen die Schwarzen das eilige Instandsetzen des Bootes; denn rasch genug begriffen sie, daß ihre weißen Bundesgenossen dasselbe zur Flucht benutzen wollten. Das kleine Fahrzeug konnte aber, schwerbeladen wie es war, kaum diese alle aufnehmen, und was sollte da aus ihnen werden. Der weiße Häuptling, ihrem Stamm durch eine ihrer Töchter verwandt, durfte sie nicht verlassen, und doch traf er dazu jetzt alle Vorbereitungen.

Bukkul, Einer der Burkas oder Stammältesten, der Vater von Lloko, Gentleman John's Frau, wurde denn auch von seinem Stamm abgesandt, des Weißen Plan zu erfahren, und die erste Frage nur, die er an den schlauen Räuber richtete, warnte diesen vor der neuen auftauchenden Gefahr.

»Das Boot, Bukkul?« sagte John, »sollen wir das etwa den Rothjacken überlassen? und eben so all' das Brod und Fleisch, und den Brandy, der hier aufgehäuft liegt? -- Wenn wir zurück müssen in den Busch, können wir doch nicht Alles auf unseren Schultern tragen, und wenn wir wieder hierher kommen, wollen wir wieder essen und trinken.«

»Und wohin will Johnny mit dem Boote gehen?« fragte der Alte.

»Wohin? -- nirgendshin -- nur den Fluß ein Stück hinab, bis dahin, wo uns die Rothjacken nicht im Sumpf und Schilf folgen können.«

»Und Du selbst gehst mit hinein?«

»Kann _ich_ in's Boot?« rief der Buschrähndscher, »wo ich uns Alle hier vertheidigen muß?«

»Gut,« sagte Bukkul, »dann laß die Frauen und Kinder darin den Strom hinabschwimmen, wo sie die Kugeln der weißen Teufel[8] nicht erreichen können. Lloko mag mit ihnen gehen und Bukkul wird dafür sorgen, daß das große Canoe gesichert bleibt.«

[8] Der Name =toh= bedeutet in der Sprache einiger der Murraystämme zugleich _Teufel_ und _weißer Mann_.

»Wenn ich Dich entbehren könnte, Bukkul,« erwiderte ausweichend John, »aber Du allein hast Ansehen bei deinem Stamm, und wenn Du fort bist, laufen Deine jungen Männer auch in den Busch, und lassen Johnny allein hier zurück, das Lager zu vertheidigen.«

»Und sollen die Frauen und Kinder in das große Canoe?« frug der Wilde.

»Nein,« sagte John nach einigem Zögern. »Sie sind sicherer im Busch. Wenn sie darin springen und schaukeln, drehen sie das Canoe um, und Alles was wir darin haben, wäre verloren.«

»Es ist gut,« sagte Bukkul finster, und schritt langsam zu den Feuern der Seinen zurück.

John sah ihm mit fest auf einander gebissenen Lippen nach, aber auf anderer Seite war seine Gegenwart zu nöthig, ihm lange Zeit zum Ueberlegen zu lassen.

Unter den Buschrähndschern selbst hatte sich nämlich ein Streit entsponnen, da ein Theil die ihm zugewiesenen Plätze nicht behaupten, und lieber mit den Uebrigen in der Nähe des Bootes bleiben wollte. Wer bürgte ihnen dafür, daß die Andern sie nicht im Stiche ließen; wußten sie doch recht gut, daß _sie_ an deren Stelle das Nämliche gethan.

John war aber kaum unter sie getreten, den Streit zu schlichten, als gar nicht weit von dem Lager entfernt ein Schuß fiel, und gleich darauf Einer der Eingebornen seinen Speer schwingend zum Lager stürzte.

»Wahnsinnige!« schrie da John, den Augenblick benutzend. »Jetzt, wo der Feind im Begriff ist, uns von allen Seiten anzugreifen, streitet Ihr Euch wie Kinder um Eueren Platz im Kampf. An Euere Posten, oder beim Teufel, der Erste, der noch ein Wort der Gegenrede über seine Lippen bringt, stirbt von meiner Hand. Fort, Ihr da -- hinüber hinter das Verhau -- seht Ihr dort hinten die Rothjacken durch die Bäume schimmern? -- Die sind ein treffliches Ziel und an denen laßt Eueren Grimm aus, so viel Ihr wollt.«

John hatte Recht. Schon konnten sie zwischen den schlanken und hohen Stämmen der Niederung hin die rothe Uniform ihrer Feinde hie und da vorschimmern sehen, und da die Buschrähndscher recht gut wußten, daß sie wenigstens den ersten Anprall der Gegner zurückweisen mußten, um freie Hand zu ihrer Flucht zu bekommen, folgten sie jetzt dem Befehl des Obern, der ihnen mit seinem Beispiel voranging. An den Kampf im Busch gewöhnt, und besonders hier mit jedem Vortheil, den ihnen der Boden gewährte, bekannt, hatten sie auch bald die erste mehr zum Recognosciren als zum wirklichen Angriff ausgesandte Abtheilung des Militärs in der Flanke gefaßt, und ihre Kugeln trafen und überraschten den Feind von allen Seiten.

Durch den Uebermuth der Buschrähndscher dazu getrieben, dem Unwesen endlich ein Ende zu machen, und die Sicherheit des Eigenthums in der Colonie doch einigermaßen wieder herzustellen, waren in der That, wie schon erwähnt, die äußersten Anstrengungen gemacht worden. Hielten doch diese Nachrichten, wenn sie nach Europa drangen, sonst zum Auswandern vielleicht Gewillte davon ab, ihr Leben und Vermögen einer Colonie anzuvertrauen, wo Beides in solchem Grade gefährdet war, und wie es schien, von den Behörden selber nicht einmal mehr geschützt werden konnte.

Der Oberbefehl war dabei wieder unserem alten Bekannten, Tolmer, übertragen worden, der nicht allein den Busch, sondern auch diesen kecken und gefährlichen Räuber sehr genau kannte. Hatte er ihn doch früher schon einmal als John Mulligan eingeliefert, und jetzt den nachlässigen Behörden zu danken, daß er auf's Neue sein Leben in die Schanze schlagen durfte, den zum Aeußersten getriebenen Verbrecher endlich unschädlich zu machen.

Es bedurfte aber auch eines solchen Führers, das mit dem Busch nur wenig vertraute Militär alle die ihnen entgegen stehenden Schwierigkeiten überwinden zu lassen, denn von den dort angestellten Squattern und Schäfern durften sie auf wenig oder gar keine offene Hülfe und Unterstützung rechnen. Diese fürchteten die Buschrähndscher und deren Rache, wenn das Unternehmen mißglücken sollte, mehr, als sie von dem gegen sie unternommenen Zug erhofften.

Nur zu oft war es nämlich schon vorgekommen, daß sich die Squatter hatten verleiten lassen, den gegen die Strauchdiebe ausgesandten Polizeibeamten thätliche und offene Hülfe zu leisten, ohne daß die Letzteren etwas Wesentliches ausgerichtet hätten. Die Polizei zog sich dann wieder zurück, aber die Squatter blieben auf ihren einzelnen Stationen der Rache der gereizten Verbrecher preisgegeben, die dann auch selten säumten, furchtbare Wiedervergeltungsrache zu üben. Mit solchen Erfahrungen hielten es die auf viele Meilen von einander zerstreut wohnenden Ansiedler viel gerathener, sich bei späteren Expeditionen, wo das nicht ganz im Geheimen geschehen konnte, gar nicht mehr zu betheiligen, ja unterstützten die in ihrer Nachbarschaft ihr Wesen treibenden Buschrähndscher wohl noch gar mit Lebensmitteln und Kleidern, wenn sie deren dringend bedurften, sich ihren guten Willen zu erkaufen und sie abzuhalten, ihre Heerden fort zu treiben oder ihre Stationshäuser in Brand zu stecken.

Tolmer bedurfte ihrer nicht; mit ein paar treuen Schwarzen, die dem am Murray lagernden Stamm ihrer Landsleute feindlich gesinnt waren, hatte er am Abend vorher, ehe der Angriff stattfinden sollte, die Gegend selber ausgekundschaftet, und sich von der Situation des Lagers, wie der ungefähren Stärke des Feindes überzeugt. Wäre diese aber auch doppelt so stark gewesen, Tolmer wußte, daß seine Leute siegen würden, denn wenn auch die Verzweiflung einer solchen Schaar ihre wackere Hülfe im Kampf ist, wog das Bewußtsein _ihrer_ guten Sache das auch doppelt wieder auf. Uebrigens hatte er von dem im Schilf versteckten Boot keine Ahnung, und an die andere Seite des Stromes nur einige Scharfschützen postirt, auf solche der Feinde zu feuern, die etwa in einem der erbärmlichen indianischen Rindenschalen oder durch Schwimmen versuchen sollten, das gegenüberliegende Ufer zu erreichen.

Zwei Freiwillige hatten sich übrigens seinem Zuge angeschlossen, und zwar zwei alte Bekannte von uns, Bill, der Kutscher der Royal Mail, der dem würdigen Fuhrwerk Valet gesagt, sein Brod auf andere Weise zu verdienen, und jener Squatter, Passagier der geplünderten Postkutsche.

Bill, der auf den Fahrten mit dem lebensgefährlichen Karren seinen Hals wochenlang der Wahrscheinlichkeit ausgesetzt hatte, über kurz oder lang gebrochen zu werden, sah auch in dieser Expedition eben nichts Gefährlicheres, und wollte, weil für den Augenblick ohne bestimmte Beschäftigung, die Gelegenheit nicht vorübergehen lassen, den verwünschten Buschrähndscher einmal wieder zu finden und zur Rechenschaft zu fordern für die erlittene Mißhandlung.

Der Squatter kam in einer andern Hoffnung. Gentleman John hatte ihm nämlich nicht allein seine erst theuer erkauften Waffen, sondern in der Brieftasche auch sein ganzes Besitzthum abgenommen, das er erst wenige Tage vorher zu Geld gemacht. Seine Absicht war gewesen, sich in der Nähe von Adelaide niederzulassen, weßhalb er seine Station mit all' seinen Heerden am Nooratberg verkauft. Jetzt, von allen Mitteln entblößt, blieb ihm fast nichts Anderes übrig, als hier einen letzten verzweifelten Versuch zu machen, sein Geld vielleicht wieder zu bekommen, oder doch wenigstens an dem frechen Räuber Rache zu nehmen.

Tolmer hatte indessen seine ihm untergebene Schaar in zwei Haufen getheilt, von denen er den einen in die Flanke gesandt, während er mit dem andern gerade vorrückte. Recht gut wußte er dabei, daß die Buschrändscher an dem dort hohen Ufer des Stromes eine ziemlich gute Stellung eingenommen hatten, und sie, oder wenigstens einen Theil von ihnen, aus derselben herauszulocken, schickte er ein kleines Detachement Militär voraus, das den gemessenen Befehl hatte, einige Schüsse abzufeuern und sich, so wie der Feind gegen sie anrücke, langsam hinter den Schutz der Bäume zurück zu ziehen.

Gentleman John war aber zu schlau, in diese viel zu offen liegende Falle zu gehen, und wie die Soldaten dem scharfen Feuern der Seinen wichen, rief sein Signal die siegesmuthigen Räuber wieder hinter ihre Verschanzungen zurück.

Rothkopf, einer der wenigen Buschrähndscher, auf die er sich am besten glaubte verlassen zu dürfen, hatte indessen die Einschiffung der zu einer langen Fahrt nothwendigsten Gegenstände besorgt, und besonders von den Schwarzen mehrere dazu verwandt, nicht allein die Provisionen in das Boot zu packen, sondern auch noch verschiedene kleine Wasserfässer anzufüllen, da sie das Wasser den Strom weiter hinab seines Salzgehaltes wegen nicht mehr gebrauchen konnten. Dadurch aber war der Verdacht der Eingebornen zur Gewißheit geworden; denn wenn den Weißen nur daran lag, ihr Boot weiter unten am Strom in ein sicheres Versteck zu bringen, so hätten sie dazu nicht des vielen frischen Wassers bedurft. Gingen sie aber wirklich in See, so war ihr Stamm hier der größten Gefahr ausgesetzt, von den Feinden aufgerieben zu werden.

Tolmer wußte allerdings Nichts von dieser Uneinigkeit im Lager der Feinde, er hatte sie aber diesmal zu fest und sicher umstellt, um nicht von einem entschiedenen Angriff seiner ganzen Macht Alles zu hoffen. Ueber den Fluß konnten sie nicht, ohne von seinen Schützen drüben empfangen zu werden, der Weg in den Busch war ihnen durch seine Constabler und berittenen Polizeisoldaten abgeschnitten, und ein Theil der Letzteren mit der kleinen ihm mitgegebenen Abtheilung regulären Militärs mußte sie jetzt entweder aufreiben oder in das Uferschilf des Murray jagen, wo ihnen zuletzt keine andere Wahl blieb, als sich auf Gnade und Ungnade zu ergeben.