Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen.

Part 7

Chapter 73,705 wordsPublic domain

»=Well then= -- laß geh'n davorn, Tom -- Halt' fest da hinten -- komm Jerry, komm Bock -- hu -- pih!« und mit kräftigem Peitschenschlag auf die bäumenden Thiere einhauend, trieb er diese zu raschem Ansprung, daß sie den unbehülflichen Karren mit einem Ruck nach vorn rissen.

»Um Gottes Willen, mein Hut!« rief Mr. Warrel, der sich beinahe den Arm in der eisernen Lehne ausgerenkt hatte, während ihm der Hut vom Kopfe flog.

»=Never mind, Bill!=« rief aber Tom, der Hausknecht, an derartige kleine Folgen wahrscheinlich schon gewöhnt, indem er den Hut in der Luft fing und seinem Besitzer mit außerordentlicher Geschicklichkeit wieder zuschleuderte. »Alles in Ordnung -- =go on=!«

Der Kutscher, der von dem Zuruf auch nicht die mindeste Notiz genommen, bedurfte dieser Beruhigung gar nicht, denn, ohne sich nach dem Passagier oder dessen Hut auch nur umzusehen, gab er seinen Thieren nur wiederholt die Peitsche, und der fest auf seinen Achsen ruhende Karren rasselte rücksichtslos und wild über die rauhe holprige Straße hin, seiner Bahn entlang.

An eine Unterhaltung zwischen den Passagieren war unter solchen Umständen gar nicht zu denken. Jeder hatte vollauf zu thun, sich auf seinem Sitz, und wie ein australisches Sprüchwort ganz passend sagt, »die Zunge im Munde festzuhalten,« bis der Weg wieder ebener und weicher wurde, und der Karren, von den Flüchen der mißhandelten Passagiere begleitet, wenigstens verhältnißmäßig ruhiger auf seiner Bahn dahinrasselte.

Der Weg zog sich hier, wo er schon das Murraythal berührte, durch einen Wald der mächtigsten Gumbäume hin, und die Bahn hindurch war dabei keineswegs in einer geraden Linie gehauen worden, sondern immer nur den stärksten Stämmen ausweichend und die lichtesten Stellen wählend. Hie und da stand auch wohl noch ein tüchtiger Stumpf mitten im Weg, und es bedurfte der ganzen Geschicklichkeit des Kutschers, das allerdings mit seinen zwei Rädern leicht zu wendende Fuhrwerk zwischen all' den vorliegenden Hindernissen mit solcher Schnelligkeit hinzuführen.

Dem Squatter, der vorn mit auf dem Bock saß und dabei Zeuge war, wie die Achsen oft nur in Haaresbreite an einem der alten Waldriesen vorübergerissen wurden, war gar nicht wohl bei der Fahrt, und er hatte seine ganze Kaltblütigkeit nöthig, dem tollen Rennen so ruhig zuzusehen. Einmal aber, als der Wagen wieder an einem alten Gumbaum so dicht vorbei schnellte, daß er noch ein Stück von der dicken weichen Rinde mit abriß, und dann gleich darauf mit dem einen Rad über einen umgestürzten Klotz fuhr, wonach der Karren sich wohl fünfzehn Schritt weit auf dem andern eben noch balancirte, konnte er es doch nicht mehr so ruhig mit ansehen, und sagte, sich zu dem Kutscher wendend.

»Heda, Freund -- von _unseren_ Hälsen gar nicht zu reden, scheint Ihr auch mit Eurem eigenen verwünscht rücksichtslos umzugehen. Wenn wir hier umgeschlagen wären, hätten wir die Härte unserer Schädel an jenen Gumbäumen leicht versuchen können.«

»Könnt Recht haben, Mate,« erwiderte ziemlich ungenirt Bill, der Rosselenker, »aber immer noch besser, als daß wir den gesegneten Buschkleppern in den Rachen laufen.«

»Und hätten wir hier wirklich etwas von ihnen zu fürchten?« frug der Squatter rasch.

»Hier? -- habt Ihr den Kerl nicht gesehen, der etwa fünfhundert Schritt zurück links vom Wege ab in den Busch hineinsprang?«

»Den Kerl? -- habt Ihr Jemanden gesehen?«

»Glaubt Ihr, ich treibe meine Thiere hier umsonst zu Schanden?« brummte der Mann mürrisch in den Bart. »Hol' die Pest auch ein solches Leben, und das soll die letzte Fahrt sein, die meiner Mutter Sohn auf dieser vermaledeiten Straße hin und wieder fährt.«

Der Squatter erwiderte kein Wort weiter, griff aber nach seinen Pistolen, ob sie ihm, der Hand bequem, im Gürtel stäken, und sah nach den Hütchen auf seiner Doppelflinte.

Der Kutscher warf seitwärts einen halb neugierigen, halb unzufriedenen Blick auf die Waffen und sagte:

»Schießen die Dinger sicher?«

»Das wollt' ich meinen,« erwiderte der Squatter.

»Und geh'n sie auch los?«

»Ich möchte ihnen nicht auf fünfzig Schritte im Wege stehn,« lautete die beruhigende Antwort.

»Hm,« brummte aber der Mann, noch keineswegs damit zufrieden gestellt, »ich weiß doch nicht, ob Ihr nicht besser thätet, die Dinger in den Kasten zu packen.«

»Damit uns die Schufte ungehindert plündern könnten, wie?«

»Ist eben nur noch die Frage, ob Ihr sie damit hindern _könnt_,« lautete die mißtrauische Antwort. »Die Schufte wählen sich eben Ort und Zeit nach eigenem Gefallen, und wenig Gutes hab' ich bis jetzt von solchen Schießdingern gesehen, die nie los gehen, wenn sie eigentlich sollen. Alle, die ich bis jetzt auf dem Karren gehabt, haben sich die Buschrähndscher selber mitgenommen, und noch nicht einmal so viel als »Danke« dafür gesagt.«

»Und sind Sie hier schon einmal von den Räubern überfallen worden?« mischte sich der kleine Zwischenpassagier in das Gespräch, der demselben bis dahin in fieberhafter Angst gelauscht.

»_Einmal_?« sagte der Kutscher, indem er einen halb erstaunten, halb verächtlichen Blick nach dem an seiner Seite geklemmten Passagier hinunter warf, »_viermal_ haben mich schon die »Herren von der Straße«, wie sie sich nach echt englischer Art zu nennen belieben, unter den Fäusten gehabt, und ich will seelensfroh sein, wenn ich die Bekanntschaft dieser verdammten Canaillen nicht heute zum fünftenmal zu machen habe.«

»Halloh, Camerad,« rief da Mr. Bush, der sich auf seinem Sitz nach dem Kutscher umdrehte, »haben sie Dich so schlecht behandelt, daß Du ihnen solche Ehrentitel giebst?«

»Hol' sie der Böse!« zischte Bill zwischen den Zähnen durch, »wenn sie mir auch noch Nichts zu Leid gethan, ist es doch nur eine blutige Bande von Sträflingen und dem Galgen abgestohlenes Gelichter, und je weniger man mit den Schuften zusammen kommt, desto besser.«

»Das ist ein gefährliches Urtheil für eine gemischte australische Gesellschaft,« lachte der junge Mann, »aber Ihr selber seid wohl noch nicht lange im Land, und wohl gar einer der sogenannten freien Einwanderer?«

Bill warf einen zornigen Blick nach dem Sprecher zurück und sagte finster:

»Bin ich auch, Mate, wenn's Euch etwa kümmert, und für mein eigen Geld in die Colonie gekommen, und das ist mehr, als mancher _Gentleman_ von sich sagen kann.«

Mr. Bush lachte gutmüthig vor sich hin und warf nur einen Seitenblick auf seinen Nachbar. Dieser schien aber weder den »Gentleman,« noch die andere Anspielung auf sich zu beziehen, und kaute nur ruhig an einem riesigen Primchen weiter, das er fortwährend aus der linken in die rechte Backe und wieder zurück wechselte.

Das Gespräch wurde hier durch einen gotteslästerlichen Fluch des Kutschers unterbrochen, der vor sich in dem hier ziemlich schmalen Weg ein paar von einem Gumbaum niedergebrochene, sehr starke Aeste liegen sah, die sich auf keine Weise umgehen ließen und erst fortgeräumt werden mußten. Unfern davon, unter einem andern Baum, saß ein Fußreisender, ein sogenannter _Bündelmann,_ der sein Bündel und seinen Stock neben sich gelegt, sein Frühstück vor sich auf den Knien, ganz ruhig und unbekümmert da in freier Luft tafelte und den dicht neben ihm haltenden Postkarren kaum eines Blickes würdigte.

»Halloh, Mate!« rief ihm da der Kutscher, wie er nun seiner ansichtig wurde, zu, »macht's Euch was aus, wenn Ihr einmal einen Augenblick aufständet und das verdammte Holz da aus dem Wege räumtet? Ich kann die Zügel hier nicht los lassen!«

»Hm,« sagte der Bursche, ohne sich besonders außer Fassung bringen zu lassen, »Euere ganze Gesellschaft da oben hält wohl die Zügel mit, oder hat sich festgebunden, daß sie nicht abgeschüttelt wird? -- Na meinetwegen; das nächste Mal, wenn ich fahre, könnt _Ihr_ mir vielleicht das Holz aus dem Wege räumen --« und sein Frühstück neben sich niederlegend, stand er langsam auf und stieg zu dem nächsten Ast hinüber, dicht vor dem die schäumenden Pferde hielten.

»Donnerwetter, Mate, das Holz ist schwer,« rief er hier, als er vergebens den einen Ast zu lüften versuchte; »na, Eure Pferde beißen doch nicht?«

»Bewahre -- laßt sie nur los -- he da, Kamerad, Ihr drückt sie mir ja ganz in den Busch hinein. Die Pest über Euch, Ihr werdet mir den Karren umwerfen.«

»O, bewahre!« sagte der Bündelmann, der das Handpferd dabei beim Zügel genommen und seitwärts in den einen Baumwipfel hineingedrückt hatte, »kommt gleich Alles in Ordnung, Mate. Da sind auch noch ein paar Kameraden, die mir helfen können!«

»Halloh, Bush!« rief da plötzlich der Squatter, der von rechts und links unter den Bäumen ein paar zerlumpte und drohende Gestalten auftauchen sah, indem er sein Gewehr in die Höhe riß, »jetzt giebt's Arbeit -- nehmt Ihr die _rechts_, ich will mit denen da links --«

»Vorsichtig, Kamerad,« sagte da plötzlich Mr. Bush, der schon, wie der Bündelmann zu den Pferden ging, ein Doppelpistol aus der Tasche gezogen und die Hähne gespannt hatte, indem er mit der linken Hand die Schulter des Squatters ergriff und drückte; »ich möchte Euch etwas sagen.«

»Da kommen sie, bei George -- Wetter, Mate, Ihr drückt mir die Schulter ein -- was ist -- he -- was --«

»Pst -- nicht ein Laut!« rief aber Mr. Bush ruhig aus, und der Squatter sah zu seinem Entsetzen das gespannte Pistol seines Reisegefährten mit der Mündung dicht an seinem eigenen Ohr. »Der geringste Griff nach Eueren Waffen -- eine weitere Bewegung nur, und ich schicke Euch, größerer Bequemlichkeit wegen, ein Loth Blei durch's Hirn. -- Ihr Anderen haltet Euch ruhig, und es soll Euch nichts zu Leid geschehen. -- Nur wenn sich Jemand widersetzt, mag er sich die Folgen dann auch selber zuschreiben.«

Von allen Seiten sprangen indessen wild genug aussehende Kerle, die meisten von ihnen Gewehre in der Hand haltend, aus den Büschen und hinter Bäumen, hinter denen sie bis jetzt versteckt gelegen, vor, während der Bündelmann, ohne sich weiter um die Passagiere zu kümmern, die Stränge der Pferde durchschnitt und die Flucht unmöglich machte.

Der Squatter knirschte mit den Zähnen, aber er wußte sich auch so vollständig in der Gewalt seines jetzt hinter ihm stehenden bewaffneten Feindes, daß ein Widerstand vollkommen nutzlos gewesen wäre und im nächsten Augenblick sein Leben gekostet haben würde.

Die übrigen sämmtlich unbewaffneten Passagiere hielten sich vollkommen ruhig, das Unvermeidliche eben über sich ergehen zu lassen. Nur Bill, der Kutscher, konnte das Zerschneiden seiner Stränge nicht so geduldig mit ansehen.

»Höll' und Teufel, Mate!« schrie er, die Pferde an den Zügeln zurückreißend, vom Bock nieder, »was ruinirt Ihr mir denn das Geschirr? Seht Ihr denn nicht, daß ich doch in dem vermaledeiten Holz bis an die Ohren sitze und weder vor noch rückwärts kann?«

»Ruhig, mein Herz!« rief ihm aber der vermeinliche Bündelmann entgegen, der indessen eine ebenfalls dort versteckt gelegene Muskete aufgegriffen hatte, »bleib Du nur ganz still und geduldig auf Deinem alten Klapperkasten sitzen, bis man Dich ruft. Mit Deinen Pferden wirst Du wohl keine Sorge weiter haben.«

»Meine Herrschaften!« sagte in diesem Augenblick der sogenannte Mr. Bush, ohne jedoch seine drohende Stellung auch nur im Mindesten zu verändern. »Ich muß sie ersuchen, _einzeln_ und _langsam_ vom Wagen abzusteigen. Sie haben für Ihr Leben nichts zu fürchten -- nur wer sich widersetzt, ist ein Kind des Todes. Mr. Warrel, Sie haben wohl die Güte, den Anfang zu machen.«

»Mit Vergnügen,« sagte der würdige Herr, der nur an das selbstverrathene Geheimniß seiner unechten Uhr und Kette mit einiger Verlegenheit dachte, indem er dem Befehl jedoch Folge leistete. Zugleich sah er sich unter der Aufsicht Eines der Buschrähndscher, der mit gespannter Muskete neben ihm stehen blieb.

»Nun Ihr da, Freund, ich weiß Euren Namen nicht, wenn's gefällig wäre.«

»Dank' Euch, John,« sagte der Mann, der bei dem ganzen Ueberfall auch nicht eine Miene verzogen oder sich anders benommen hätte, als ob ihnen auch nur das Allergewöhnlichste begegnete.

»Ihr kennt mich?« rief Mr. Bush überrascht aus.

»Sollt' es denken,« meinte der Andere, ohne auch nur die Hände aus seinen Taschen zu nehmen, indem er von seinem Sitz hinunterstieg und langsam zu dem Kaufmann hinüberging, »habe schon früher einmal das Vergnügen gehabt.«

»So?« lachte Gentleman John, der Anführer der Schaar, »nun davon nachher. -- Jetzt Ihr da, Kamerad, mit dem traurigen Aussehen und dem geflickten Kittel. Hinunter mit Euch, habt Ihr mich verstanden?«

»Ach, gnädigster Herr Buschrähndscher.« winselte der arme Teufel, indem er wie eine Schlange zwischen dem Kutscher und Squatter hindurch über den Rücksitz des Bocks hinweg und hinten hinunterglitt: »ich habe ja Nichts als mein elendes erbärmliches Leben, und wenn Sie nur so äußerst gnädig sein wollten und mir --«

»Stopf dem Burschen einmal das Maul, Bob, wenn er nicht von selber ruhig ist,« rief Gentleman John ruhig vom Bock nieder, und Mr. Moses sah kaum die furchtbare Muskete auf sich gerichtet, als er auch winselnd und erschreckt in die Knie sank und keinen Laut weiter über die Lippen brachte.

»Jetzt hierher, zwei von Euch!« rief da der Befehl des Anführers wieder Einige der Schaar zu dem Wagen, auf dem Gentleman John noch immer neben dem Kutscher den bewaffneten Squatter mit der gespannten Pistole bedrohte. »Nehmt dem Herrn hier doch einmal die schweren Waffen ab und bringt sie in Sicherheit. -- Laßt geschehen, Freund, was Ihr nicht hindern könnt, denn der geringste Widerstand -- halt -- bemüht Euch nicht selber -- so, Rothkopf, wenn Du genöthigt sein solltest, auf den Herrn zu schießen, so tritt ein wenig bei Seite, daß ich nicht auch einen Theil der Ladung bekomme. Nehmt das Gewehr hinunter, und nun die Pistolen. Auch den Gürtel schnallt ab, an dem das Messer sitzt, eine vortreffliche Waffe, wie es scheint, die ich für mich selber zum Andenken behalten werde. So, meine werthgeschätzten Herren, und nun, Mates, bindet ihm doch einmal die Hände auf den Rücken, daß wir vorläufig keine weiteren Umstände mit ihm haben.«

»Was wollt Ihr noch mehr von mir?« rief der Squatter bei diesen Worten entrüstet, »ich habe alle meine Waffen abgegeben.«

»Nur ruhig, Kamerad, nur ruhig. Das Andere wird sich weiter finden,« sagte Gentleman John mit freundlichem Kopfnicken. »Euch vor allen Dingen müssen wir sicher haben. Die andern Herren sind klug genug, sich auch ohne das unseren Wünschen geduldig zu fügen.«

Der Squatter, von mehreren Seiten dabei durch auf ihn gerichtete Gewehre bedroht, mußte vom Wagen hinunter, wo ihn einige von der Bande in Empfang nahmen, und ihm die Ellbogen auf dem Rücken zusammenschnürten, und Bill, dem Kutscher, wurde dann ebenfalls bedeutet, seinen Bock zu verlassen.

Gentleman John übernahm jetzt, als er sämmtliche Passagiere unter sicherer Aufsicht sah, die Visitation oder vielmehr die Plünderung der Ueberfallenen, und begann dabei mit dem Squatter, dem er eine stark gefüllte Brieftasche und eine wohlgespickte Börse, ohne den Inhalt für jetzt weiter eines Blickes zu würdigen, abnahm.

Nach ihm kam Mr. Moses an die Reihe, der sich unter winselnden Betheuerungen hoch und heilig verschwur, der ärmste Mensch unter der Sonne zu sein, und bereitwillig dabei selber seine Taschen umdrehte, aus denen nur einige Schillinge und etwas Kupfergeld zur Erde fielen.

»Das ist freilich wenig,« sagte mit bedauerlichem Achselzucken sein früherer Reisegefährte, »wer aber so bereitwillig Alles hergiebt, was er hat, verdient auch dafür Belohnung. Hier, Rothkopf, zieht doch einmal dem Kutscher seine Strümpfe und Schuhe und Hosen und Kleider aus. Er mag mit Mr. Moses tauschen.«

»Gott der Gerechte soll mich bewahren, daß ich dem Manne seine warmen Kleider nähme,« rief aber Moses, indem er bleich vor Schreck wurde, »bin ich doch zufrieden mit dem, was ich habe.«

»Nein, nein,« lachte Gentleman John, »wir wissen besser, was sich schickt -- heda, helft ihm doch bei seiner Toilette. Zum Teufel auch, Jungen, seid doch ein wenig galant und unterstützt unsere Gäste.«

Moses wollte sich noch länger sträuben, aber es half ihm nichts. Ein paar der Buschrähndscher sprangen zu, und während ihn Einer hielt, zog ihm ein Anderer die Schuhe und Strümpfe aus, aus welchen Letzteren bald verschiedene kleine Päckchen von Banknoten zum Vorschein kamen.

Der arme Teufel schrie und tobte, und verlangte Hülfe von den andern Passagieren, aber es half ihm Niemand. Jede Naht, jede Falte, jedes Stückchen Unterfutter der zerlumpten Kleider wurde unter dem Jubeln der Räuber auf das Sorgfältigste untersucht, und die Beute zeigte sich weit reichlicher, als selbst Gentleman John erwartetet hatte. Moses bekam dann die guten warmen Sachen des Kutschers, während dieser, trotz all seinem Fluchen und Schwören in die Lumpen des Israeliten hinein mußte.

»Nun, mein bester Herr Warrel,« wandte sich jetzt der kecke Buschrähndscher an den seine Zeit in voller Gemüthsruhe erwartenden Kaufmann, »haben wir Beide ein kleines Geschäft mit einander, das wir hoffentlich zu beiderseitiger Zufriedenheit rasch beenden werden.«

»Sie wünschen?« sagte dieser verbindlich, indem er mit einem kaum bemerkbaren Lächeln um die Lippen Miene machte, die Uhr aus der Tasche zu ziehen.

»Bitte, bemühen Sie sich nicht,« lachte aber Gentleman John, indem er abwehrend die Hand gegen ihn ausstreckte. »Ich kenne den Werth Ihrer Kleinodien zu genau, um Sie derselben zu berauben. Auch das wenige Geld, was Sie bei sich haben, werden Sie zur Fortsetzung Ihrer Reise nothwendig brauchen. Dafür erlauben Sie mir aber, Ihnen einen Wechsel auf fünfhundert Pfund Sterling vorzulegen, den ich Sie bitten werde zu unterzeichnen. Daß er seinen Bestimmungsort erreicht, ehe Sie selber im Stande sind, dorthin Gegenbefehl zu schicken, mag dann meine Sorge sein.«

Mr. Warrel biß sich auf die Lippen, aber er wußte auch recht gut, daß er gezwungen war, zu gehorchen, und erwiderte trocken:

»Es bleibt mir nichts übrig, als Ihnen zu danken, daß Sie nicht eben so viele Tausende verlangen, und ich freue mich, so wohlfeilen Kaufs davon zu kommen. Wahrscheinlich haben Sie doch den Wechsel bei der Hand.«

»Jedenfalls finden wir einen unausgefüllten in Ihrem Taschenbuch,« sagte Gentleman John, in derlei Geschäften viel zu erfahren, irgend einen Mißgriff zu machen, »und an derselben Stelle auch vielleicht Ihre Unterschrift zum Vergleich. Dürfte ich Sie darum ersuchen?«

»Mein Taschenbuch?«

»Fürchten Sie nicht, daß ich Sie Ihrer Papiere berauben werde,« sagte der Mann, »sie hätten für mich nicht den geringsten Werth. Wenn nicht doch vielleicht geheim gehaltene Banknoten --«

»Ueberzeugen Sie sich selber,« sagte der Kaufmann, indem er dem Räuber seine Brieftasche überreichte. Dieser blätterte das Buch flüchtig durch, und nahm, als er wirklich kein Geld darin fand, nur einen unausgefüllten Wechsel heraus. Aus der eigenen Tasche brachte er dann ein Tintenfaß und eine Feder zum Vorschein, benutzte ohne weitere Umstände den Hut des Kutschers zum Tisch, und füllte mit fester und geübter Hand den Wechsel aus.

»So,« sagte er dann, Mr. Warrel die Feder überreichend, und ihm den Hut etwas näher schiebend, »wenn ich Sie jetzt um Ihre Unterschrift ersuchen dürfte.«

Der Kaufmann nahm die Feder; als er aber vorher noch einen flüchtigen Blick über das Geschriebene warf, sah er rasch zu dem Buschrähndscher auf und sagte:

»Sie verlangten nur _fünf_hundert Pfund, hier stehen aber _sechs_!«

»Ich glaubte,« erwiderte Gentleman John ruhig, »daß es Ihnen in dieser Weise am bequemsten wäre, zugleich die _verlorene Wette_ zu bezahlen.«

»Ach so,« lachte Mr. Warrel, »Sie haben Recht; an die Wette dachte ich gar nicht mehr. Genügt Ihnen das?«

John nahm den ihm dargereichten Wechsel, dessen Unterschrift er genau prüfte und mit einer in dem Taschenbuch gefundenen verglich, faltete das Papier dann zusammen, schob es in die Tasche und sagte:

»Ich danke Ihnen, Mr. Warrel, und hoffe, daß wir später noch bessere Geschäfte mit einander machen mögen.«

»Nun, ich weiß doch nicht, ob ich _der_ Hoffnung gerade beistimmen soll,« meinte der Kaufmann; »aber dürfen wir jetzt unsern Weg fortsetzen? Ich glaube nicht, daß sonst noch etwas --«

»Nur noch einen Augenblick,« unterbrach ihn Gentleman John, »bis ich die Briefbeutel revidirt habe. Gebt mir einmal den Schlüssel zum Kasten, Bill -- ja so, der steckt wohl in den Kleidern, die jetzt Mr. Moses gehören. Dürfte ich Sie wohl einmal darum bitten, verehrter Herr?«

Der Schlüssel fand sich übrigens nicht, wenigstens nicht so rasch, als es der Buschrähndscher wünschte, und der Kasten wurde deshalb ohne Weiteres erbrochen, der lederne Briefbeutel aufgeschnitten, und Gentleman John war wohl eine Stunde damit emsig beschäftigt, die verschiedenen Briefe und Packete zu erbrechen und nach Geld zu durchsuchen.

Diese Ernte fiel über Erwarten günstig aus. So, als Gentleman John Alles hatte, was er wünschte, stopfte er die mißhandelten Briefe wieder ziemlich rücksichtslos in den zerschnittenen Beutel zurück, hing sich die Doppelflinte des Squattes mit dessen Pulverhorn und Kugeltasche um und sagte:

»Nun, Bill, habe ich Nichts dagegen, wenn Du versuchst, die nächste Station so rasch als möglich zu erreichen. Es wird sich freilich nicht sehr bequem in den nassen Wegen gehen.«

»Aber die Pferde, Sir!«

»Thut mir leid, Mate, die brauche ich selber viel zu nothwendig,« lautete die Antwort des Buschrähndschers, »als daß ich ein so treffliches Paar verschenken könnte. Ihr müßt Euch bis auf die nächste Station schon so behelfen.«

»Wir sollen _gehen_?« rief Mr. Warrel erschreckt.

»Thut mir wirklich leid, Ihnen die Unbequemlichkeit für die kurze Strecke zu machen,« sagte John, »aber es läßt sich nicht ändern. Sie werden auch wahrscheinlich auf der nächsten Station etwas länger als gewöhnlich auf die Pferde warten müssen, da ich sie ebenfalls für meine Leute nothwendig brauche. -- So leben Sie denn wohl, meine Herrschaften, mein Freund hier, unser Squatter, wird die Güte haben, uns noch eine Strecke zu begleiten und unser Gepäck zu tragen -- kein Wort der Widerrede, Sir, es wird für Sie das nächste Mal eine Warnung sein, sich mit höchst unnöthigen und gefährlichen Schießwaffen zu versehen. Und Ihr, Bill, ich hoffe, Ihr denkt billig genug, Mr. Moses nicht zu einem abermaligen Tausch zu zwingen.«

»Ich will verdammt sein --«

»Schon gut -- daran zweifle ich nicht im Mindesten. Aber bald hätte ich noch etwas vergessen. Mr. Warrel, ich habe noch eine Bitte an Sie!«

»An _mich_, Sir?«

»Mein Hut ist vom letzten Regen so sehr mitgenommen, während sich der Ihrige, von gutem Filz, vortrefflich conservirt hat. Dürfte ich Sie bitten, mit mir zu tauschen?«

»Mit Vergnügen, Sir, und er soll mir stets ein _theures_ Andenken bleiben.«

»Sie sind gar zu gütig,« lächelte Gentleman John, seinen Hut dem Kaufmann überreichend, während er selber dessen weit bessern entgegen nahm.

Einer von John's Leuten machte diesen jetzt auf die schwere goldene Kette aufmerksam, die Mr. Warrel noch immer trug. Ein paar Worte des Führers beruhigten den Burschen aber vollkommen. Die Pferde wurden dann in den Busch geführt, und dem Squatter, der mit störrischem Gleichmuth Alles über sich ergehen ließ, sein eigener wie der Reisesack des Mr. Warrel aufgeladen, mit dem er den Räubern in den Busch folgen mußte. Der schweigsame Passagier wurde gar nicht belästigt.

Wenige Minuten später waren Alle hinter den grauen Gumbüschen verschwunden und Bill blieb mit dem Reste seiner Passagiere neben dem unbespannten und ausgeplünderten Postkarren mitten auf der Straße zurück.

Allerdings ließ er einen Theil seines Grimmes an dem unglücklichen Mr. Moses aus, den er, trotz dem Abmahnen des Gentleman John, ohne weiteres zwang, ihm seine eigenen Kleider herauszugeben. Ihre Lage wurde aber dadurch um Nichts gebessert, und sie sahen sich endlich Alle gezwungen, Bill, der den zerschnittenen Briefsack auf den Rücken nahm, zu Fuß nach der nächsten, etwa noch zehn englische Meilen entfernten Station zu folgen.