Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen.
Part 14
»Ist denn der Teufel heute in die Weiber gefahren?« rief John, mit eiserner Faust die schwache Hand der Frau ergreifend und von sich werfend. Aber schon hatte Lloko die andere in seinen Gürtel gekrallt und schrie mit wilder, gellender Stimme:
»Teufel -- ja, _das_ ist Euer Wort für Alles, was bös und schlecht --_Teufel_. Das ist Dein Name Gentleman John, und wenn da droben so ein Wesen wohnt --«
»Fort mit Dir!« rief zwischen den Lippen durchzischend der gereizte Räuber, und sein Faustschlag traf die Unglückliche so rauh an die Stirn, daß sie den Gürtel loslassen mußte und halb bewußtlos auf den Boden zurücktaumelte. Im nächsten Augenblick waren die beiden Männer auch im Busch verschwunden.
Gentleman John hätte übrigens nicht in so großer Eile zu sein brauchen, denn die aus der Station zu ihm hinüber Springenden waren nur Bloome und dessen Bruder gewesen, die ihr Fahrzeug im ersten Augenblick von Buschrähndschern überfallen glaubten, und den vermeintlichen Capitän zu Hülfe holen wollten. Nur zu bald sollten sie aber aus solchem Irrthum gerissen werden, denn wenn sie schon die übereilte Flucht des vermeinten Freundes stutzen machte, benahmen ihnen die rasch erkannten Uniformen der Polizeisoldaten den letzten Zweifel.
Tolmer hielt sich jedoch nicht mit langen Erklärungen auf. Er glaubte nämlich sicher, daß sich der entflohene Räuber nach dem Tode Rothkopf's auch ohne weiteres seiner Bande wieder anschließen würde, um mit dieser vereint verzweifelten Widerstand zu leisten. Wußte er doch nicht, daß ihn Gentleman John selber für einen seiner eigenen Schaar gehalten, und in jedem jetzt den Verräther glauben mußte. Hier nun lag für die kleine Truppe Polizeisoldaten der einzige Vortheil darin, die erste Ueberraschung der Buschrähndscher zu benutzen, einen entscheidenden Schlag gegen sie zu führen. Einmal zersprengt, hoffte er ihrer dann schon leicht Meister zu werden.
Kaum im Busch angelangt, trafen sie da auf die noch immer halb betäubte Schwarze, an der die Leute, ohne sie weiter zu beachten, rasch vorbeistürmen wollten. Tolmer erkannte aber augenblicklich in ihr das frühere Weib des Räubers, und der Scene an dem Hause eingedenk, rief er seinen Leuten ein Halt zu, das arme, hülflose Wesen erst wieder zu sich zu bringen. Einer der Constabler hatte eine Flasche mit Brandy bei sich, und Lloko, wie ihr die Schläfe damit gerieben und ein paar Tropfen eingegeben waren, erholte sich bald genug, sich selber aufzurichten.
Erstaunt sah sie sich inmitten der vielen fremden weißen Männer, und ihr erstes Gefühl war, in den Busch zu fliehen, um denen zu entgehen. Tolmer aber trat ihr in den Weg und sagte freundlich:
»Fürchte Nichts von uns. Wir wollen das Land nur von denen säubern, die Haß und Feindschaft zwischen schwarzen und weißen Stämmen säen, von Raub leben und von Blut sich nähren. Weißt Du, wen ich meine?«
Das Weib sah ihn mit großen stieren Augen an und rief:
»Ihr sucht Gentleman John!«
»Allerdings,« sagte Tolmer rasch, »weißt Du, wo hinaus er ist?«
»Fluch ihm!« rief da Lloko, während die Erinnerung an die erlittene Schmach das Blut in ihre dunkle Schläfe jagte, »er hat mich geschlagen, und die Hand möge sein Gott dort oben verdorren lassen, die gegen meine armen Schläfe traf.«
»Das soll _unsere_ Sorge sein, ihm das zu besorgen,« lachte Morris. »Hier auf der Insel haben wir ihn sicher, und er kann uns nicht entgehen.«
»Und wißt Ihr, wo Ihr ihn findet?« frug da Lloko plötzlich, während ihr dunkles Auge rasch und forschend von einem der Männer zum Andern flog.
»Ich denke ja,« erwiderte Tolmer, »er wird wohl am Torrensberg wieder zu seinen Freunden geflohen sein.«
»_Freunden_?« rief Lloko, verächtlich den Kopf zurückwerfend. »Der _Verräther_ hat keinen Freund, seit er Lloko geschlagen. Kommt -- kommt!« rief sie plötzlich, sich gewaltsam empor raffend, und den Arm Tolmers ergreifend, »ich will Euch führen. Wie ein Dingo auf der Fährte des speergetroffenen Känguruh, will ich an seinen Schritten hängen. -- Kommt -- er hat mich geschlagen -- der Kopf brennt mir, wo mich seine Hand traf -- wenn der Schmerz nachläßt, hab' ich die Rache vielleicht vergessen.«
Ihren Mantel dabei fester um sich herschlagend, drückte sie die ihr nachstehenden Männer zurück, dort wo Gentleman John vorbeigesprungen, die frischen Spuren wieder aufzufinden.
Morris hielt es nun freilich für bedenklich, der Führung einer Schwarzen, die sie eben so gut zum Besten haben konnte, zu vertrauen. Tolmer aber kannte die Eingebornen besser. Er begriff, welche Leidenschaft in diesem Augenblick in dem Herzen des armen, verrathenen Weibes wühlte, und bedachte sich keinen Augenblick, den, ihrem Zweck günstigen Moment zu benutzen.
Lloko hatte indessen, trotz des trockenen Bodens und darüber gestreuten dürren Laubes die Spuren der beiden Männer rasch aufgefunden, und folgte ihnen, ohne sich nach den Weißen auch nur weiter umzusehen. Diese waren indessen durch den größten Theil des letzten Trupps der Polizeisoldaten noch verstärkt worden, da der seeuntüchtig gemachte Schooner den etwa am Strand befindlichen Verbrechern keinen Weg zur Flucht mehr bot, und nur erst, als Lloko an dem Pfad vorbei eilte, der, wie Tolmer recht gut wußte, nach dem Versteck des Torrensberges hinüber führte, hielt er es für nöthig, ihre schwarze Führerin darauf aufmerksam zu machen.
Lloko erwiderte aber kein Wort. Nur mit der ausgestreckten Hand deutete sie auf den Boden vor sich, auf dem die Weißen allerdings auch nicht das Zeichen einer Fährte mehr entdecken konnten, und schritt weiter. -- Folgte doch kein Schweißhund je der Spur des angeschossenen Wildes sicherer als sie den Fährten des Mannes, für den sie einst Vater, Mutter und Stamm verlassen, und der es jetzt gewagt hatte, sie zu _mißhandeln_.
So blieben sie in den Spuren des Räubers bis der Abend dämmerte und eine weitere Verfolgung unmöglich machte. Das wildeste Dickicht hatten sie dabei zu passiren, Stellen, an denen sich die Weißen in den Känguruhdornen oft nur so Bahn brechen konnten, daß sie sich mit Schulter und Rücken hindurch preßten. Die halbnackte Indianerin achtete nicht darauf. Ihren Fellmantel um sich geschlagen und rücksichtslos, ob ihr die Dornen Arm und Füße wund rissen, war sie den Spuren gefolgt, bis sie die Dunkelheit zwang, davon abzugehen, und in der Fährte selber kauerte sie nieder unter einen Baum, verhüllte ihren Kopf mit dem Opossum-Mantel und weigerte sich sowohl zu dem bald darauf von den Weißen entzündeten Feuer zu kommen, als irgend eine Nahrung von ihnen anzunehmen.
Tolmer, der die Schwarze übrigens sich vollkommen selber überließ, begriff allerdings noch nicht recht, wo hinaus zu die beiden Verbrecher geflohen sein könnten, denn daß Gentleman John mit seinem Begleiter nach Marsden Point zurückkehren würde, war ihm nicht wahrscheinlich. Nichts desto weniger vertraute er dem Scharfsinn der Schwarzen genug, nicht an ihrer richtigen Führung zu zweifeln und beschloß, jedenfalls noch bis morgen Mittag ihrer Leitung zu folgen.
Am nächsten Morgen waren sie schon vor Sonnenaufgang wieder gerüstet, und sobald nur der dämmernde Tag Licht genug in den Wald warf, die Spuren wieder zu erkennen, folgte ihnen Lloko mit altem Eifer.
Kaum eine Stunde aber war sie darauf hingegangen, als sie plötzlich stehen blieb und die Nase emporhob, wie ein Hund es thut, wenn er das Wild wittert.
»Komm, komm, Lubra,«[11] sagte aber Morris, der es bemerkte, und dem das nicht gefallen mochte, »guck auf den Boden und laß die Faxen. Daß Du ein Auge wie ein Falke hast, kann ich bezeugen, denn wo nur irgend der Boden weich war, haben wir die Fährten der beiden Schufte hinter Dir gefunden; aber auf das _Riechen_ wollen wir uns doch lieber nicht verlassen.«
[11] Lubra, Name für schwarze Frau.
»Ich rieche Rauch,« sagte aber die Frau, ohne die Worte des Fremden zu beachten oder ihn auch nur eines Blicks zu würdigen.
»Das kann wohl möglich sein,« flüsterte Tolmer. »In dem verzweifelten Dickicht hier haben die Burschen auch nicht bei Nacht und Nebel fortkommen können, und sind jedenfalls liegen geblieben. Vielleicht treffen wir sie im Lager.«
Vorsichtig setzten sie ihren Weg fort. Wenn aber auch Lloko den Rauch richtig gespürt, fanden sie nur noch das halb niedergebrannte Feuer. Die beiden Buschrähndscher hatten ihre Flucht wahrscheinlich, wie sie ihre Verfolgung, mit anbrechendem Tage fortgesetzt. Von hier aus schienen sie aber eine andere Richtung genommen zu haben, und Lloko, die derselben eine Zeitlang folgte, faßte plötzlich Tolmers Arm und flüfterte:
»Das Boot! -- Sie sind nach dem versteckten Boot!«
»Und so wird's auch sein!« rief Tolmer, ärgerlich mit dem Fuße stampfend, »und _wir_ kommen nachher gerade zeitig genug an den Strand, sie in der Ferne absegeln und uns auslachen zu sehen. Daß ich an das verdammte Boot nicht früher gedacht, und eines von den unseren hier herum geschickt habe, ihre Flucht abzuschneiden.«
»Kommt,« sagte da Lloko, die sich indessen nach allen Seiten umgesehen, als ob sie erkennen wollte, wo sie sei, »kommt mit mir.«
»Hallo, Schwarze,« brummte aber Morris, als er sah, daß sie links von der Fährte abbog, »da hinaus geht's nicht. Hier im offenen Sande kann ich die Spuren auch erkennen, und die führen dort hinaus.«
»Kommt,« rief aber die Eingeborene noch einmal, ohne sich an den Widerspruch zu kehren. »Wir treffen ihn, ehe er das Boot besteigt.«
»Die Schwarze ist nicht mit Gold zu bezahlen,« lachte Tolmer, sich vergnügt die Hände reibend, vor sich hin. -- »Was meint Ihr, Bill? es wäre ein Hauptspaß, wenn wir ihm die Flucht so vor der Nase abschnitten.«
Bill, der frühere Mailführer, der sich bei der Polizei hatte anwerben lassen und die Expedition als Freiwilliger seinem alten Groll gegen den Buschrähndscher zu Liebe mitmachte, nickte mit dem Kopf und brummte:
»Bringt mich ihm nur in Sprungnähe, und verdammt will ich sein, wenn er mir diesmal wieder aus den Klauen soll.«
»Dazu kann Rath werden,« rief Tolmer, »aber vorwärts mit Euch, Ihr Leute. Die Schwarze, seit sie nicht mehr nach den Fährten zu sehen braucht, läuft wie der helle Teufel.«
Er hatte recht. Lloko glitt wie das Wallobi ihrer Wälder rasch und behend durch das niedere aber dichte Gestrüpp der Waldung, daß ihr die Weißen wirklich kaum zu folgen vermochten, und Tolmer sie mehrmals anrufen mußte, nur so lange wenigstens zu halten, bis sie nachkämen. Eine fieberhafte Ungeduld schien sich der Schwarzen bemächtigt zu haben, die sie nur vorwärts, immer vorwärts drängte, bis sie endlich das Seegestade erreichte, das hier seine niederen Gumbüsche über kurz abgebrochene Felswände bis fast zu den Flutwogen niederhing.
Eine kleine, dürftige Quelle rieselte hier dem Meere zu, deren Lauf Lloko die letzten zehn Minuten gefolgt war, und das Wasser des in der Regenzeit wohl manchmal stark angeschwollenen Baches hatte hier eine kleine Bucht ausgewaschen, in der das eifersüchtige Weib damals, als sie den Fährten des Buschrähndschers und der unglücklichen Frau nachspürte, das hier versteckte Boot des Gentleman John entdeckt hatte.
Fremd auf der Insel, fand ihr Fuß doch leicht und sicher wieder mit jenem wunderbaren Ortssinn der Eingebornen den Weg dahin zurück, und ein triumphirendes Lächeln zuckte über ihre Züge, als sie, auf einen der vorragenden Felsen springend, das Fahrzeug noch dort entdeckte, wo es der Räuber gelassen; aber kein Laut kam über ihre Lippen.
»Ist es da, Lkoko?« rief Tolmer mit unterdrückter Stimme.
»Bst!« warnte aber die Schwarze mit aufgehobenem Finger, indem ihr jubelnder Blick und der niederdeutende Arm den Fund verkündete. Vorsichtig horchte sie dabei nach der Richtung hin, in der sie die Flüchtigen erwartete. Ihr Auge glühte, ihre ganze Gestalt zitterte, und die angstvoll geöffneten Lippen schienen die Luft einzusaugen, die von dort herüberwehte.
»Sie kommen!« flüsterte Tolmer den ihm Nächsten zu, »fort mit Euch -- drückt Euch hinter Stein und Busch.«
»Alle Teufel!« brummte Morris, und glitt hinter einen der Ufersteine, auf dem er gerade stand. Nur Lloko regte sich nicht, und das Weib, wie es da lauschend dicht am Ufer stand, glich einer aus schwarzem Marmor gehauenen Statue, einer dunklen Najade, die eben scheu und zitternd der Meeresflut entstiegen.
»Nieder mit Dir, Lubra,« flüsterte ihr da Tolmer zu, »wenn er Dich sieht, ist Alles verrathen und unsere ganze Arbeit umsonst.«
Die Eingeborne antwortete ihm nicht, aber an der Stelle, wo sie bis jetzt gestanden, sank sie in die Knie und barg ihr Antlitz in den beiden Armen.
»Zum Henker noch einmal, ich sage Dir aber ja, dies _muß_ die Stelle sein,« rief da eine rauhe Stimme ganz in der Nähe, »oder ich habe den ganzen Platz versehen und finde den verdammten Ort gar nicht wieder.«
»So weit sind wir aber doch gar nicht mit dem Boot gesegelt,« wandte Broadley's Stimme dagegen ein. »Wir müssen wahrlich noch eine Strecke voraus.«
»Und hier ist der Bach,« rief da Gentleman John, nicht zehn Schritte mehr von der Lichtung entfernt, an deren Rand seine Feinde versteckt lagen. »Ich _wußte_, daß ich recht hatte -- und da ist auch die See. Gott sei Dank, daß wir aus den vermaledeiten Dornen endlich herauskamen. Das ist der Platz, ich kenne ihn an den Felsen, ha, ha, ha -- jetzt mögen sie da drinnen herumkriechen und den Torrensberg und dessen Nachbarschaft belagern wie sie wollen. Bis sie _uns_ auf die Fährte kommen, sind wir drüben in Sicherheit. -- Ha, was ist das!«
»Halt!« donnerte ihm da Tolmers Stimme entgegen, der mit dem von Rothkopf erhaltenen Gewehr im Anschlag dicht vor ihm wie aus dem Boden herausstieg. »Ergib Dich, oder Du bist eine Leiche.«
»Ergeben?« rief John, eine Pistole aus seinem Gürtel reißend, »für den Galgen, wie?« -- In demselben Augenblick traf aber sein Blick auf rechts und links aufspringende Gestalten, und die Pistole auf's gerathewohl mitten hineinfeuernd in die Feinde, wollte er mit flüchtigem Satz das Dickicht wieder gewinnen. Hier aber verrannte ihm Bill, der Kutscher, den Weg.
Mit allem Respect vor Feuerwaffen, mit denen er selber nur höchst mittelmäßig umzugehen wußte, bückte er sich allerdings bei dem Schuß, fuhr aber auch gleich in demselben Moment, einer früher erhaltenen Lection eingedenk, in derselben Stellung auf den Buschrähndscher zu, den er an dem einen Bein erwischte und mit sich zu Boden riß.
Wieder fiel ein Schuß, aber diesmal aus Tolmers Rohr, dem davon springenden Broadley nach, der einen wilden Schrei ausstieß, seitab und willenlos in den Busch hinein taumelte und dort zur Erde stürzte. Tolmer aber, ohne den Verwundeten weiter eines Blicks zu würdigen, sprang jetzt auf den gestürzten Buschrähndscher zu, über den sich schon drei oder vier der anderen Polizeisoldaten geworfen hatten.
Gentleman John machte indessen seinen Gegnern viel zu schaffen, denn mit einem plötzlichen Ruck seinen Arm frei bekommend, hatte er ein breites Messer gezogen, mit dem er rechts und links um sich stieß und seine Sieger zu verwunden suchte. Tolmer sah die Gefahr, in der sich die Seinen befanden, und riß das Gewehr an den Backen, mit dem zweiten Schuß den zur Verzweiflung getriebenen Räuber unschädlich zu machen; im nächsten Moment aber änderte er seinen Plan. Der Lauf des Gewehres hob sich, der Schuß donnerte in die Luft hinein, und den Kolben dann umdrehend hieb er den wüthend um sich Stoßenden mit solcher Gewalt über den Schädel, daß der Schaft in Splittern auseinanderfuhr, der Getroffene aber bewußtlos und wie todt in sich zusammenbrach.
Im Nu war er jetzt an Händen und Füßen gebunden, seiner Waffen beraubt und in's Boot geworfen, wo zwei der Leute, Bill und noch ein Anderer, zu seiner Bewachung blieben. Broadley, der zum Tod getroffen im Busch lag, wurde dann ebenfalls hineingeworfen, und als die von dem Räuber Verwundeten nothdürftig ihre Risse verbunden hatten, wollte Tolmer eben vom Land abstoßen, seine Beute nach Cap Borda hinüber zu rudern. Da fiel sein Blick auf Lloko, die bis dahin regungslos, wie sie das Nahen ihres früheren Gatten erwartet, dicht am Ufer gekniet hatte.
Jetzt erst, als das Boot zur Abfahrt bereit war, richtete sie sich empor, warf einen flüchtigen Blick auf die Gefangenen und war mit einem Sprung an Tolmers Seite.
»Alle Wetter, das wird zu viel im Boot!« rief Morris, der hinten am Steuer saß und sich eben bemühte, das kleine schwanke Fahrzeug vom Lande freizubringen.
»Laßt sie,« erwiderte ihm aber Tolmer, »der Bursche hat sie ihrem Stamm entführt, und sie mag mit uns, wenn wir die übrige Bande aufgerieben, nach Adelaide zurückkehren. -- Alles klar da vorn?«
»Alles klar, Sir.«
»Gut, dann stoßt ab, und jetzt so rasch als möglich diesen Burschen in Sicherheit gebracht; der andere Theil der Bande soll uns dann leichte Beute werden.«
Das kleine Fahrzeug schoß in See hinaus, den Bug nach Westen wendend. Mitten darin aber, des Räubers blutiges, bleiches Haupt auf dem Schooß, saß Lloko, und große, helle Thränen rollten ihr die dunklen Wanden nieder und mischten sich dem Blut auf des Gefangenen Stirn, den sie dem Galgen überliefert hatte.
II. Bilder aus den Australischen Goldminen.
John Newman.
1. Welchen Entschluß John Newman faßte.
»Frühstück fertig, Jack!« rief der Schreinermeister Newman, indem er die Thür der Werkstätte halb öffnete und den dicken gemüthlichen Krauskopf hereinsteckte -- »Donnerwetter, Junge, wie vielmal soll man Dich denn heute rufen? laß doch die verdammten Zeitungen liegen und komm. -- Ich weiß so nicht, wie wir heute fertig werden wollen.«
John, oder Jack wie er in den gewöhnlichen freundlichen Abkürzungen von den Seinen genannt wurde, warf die Zeitung rasch nieder, band sich das Schurzfell ab, wusch in einem schon für ihn bereitstehenden Becken die Hände und trat dann in die Nebenstube, wo das reinliche Theegeschirr auf dem Tisch stand, und die Familie des Schreinermeisters ihr Frühstück schon begonnen hatte -- Jack schien gar so lange auf sich haben warten zu lassen.
»Aber, Jack, wo bleibst Du denn heute nur?« sagte die Mutter, indem sie sich nach seinem Platz hinüberbog und ihm die ausgehaltene Tasse aus der blankgescheuerten Kanne füllte.
»Dreimal hab' ich ihm gerufen, Mutter,« lachte die Schwester, ein freundliches sechzehnjähriges Mädchen, mit dunkelbraunen Haaren und klaren lichtblauen Augen -- »und er hat mir nicht einmal geantwortet -- ich glaube wirklich, daß ihm die Minen im Kopfe stecken.«
»Die stecken mir auch im Kopf!« erwiderte der Alte, mit einem tüchtigen Stück Beefsteak zwischen den Zähnen, daß seine Worte kaum verständlich wurden -- »und gute Ursache dazu; solcher Verdienst ist lange nicht da gewesen, wir können jetzt kaum Waschmaschinen genug machen -- wenn's nur lange anhält -- ich traue der Sache nicht recht.«
»Habt Ihr schon von dem 300 Pfund schweren Klumpen gehört, Vater, den sie auf Mr. Karrs Station gefunden haben?« frug Jack, und legte Messer und Gabel nieder -- »in der Zeitung steht heute die genaue Beschreibung davon.«
»Hab' ich's denn nicht gesagt, daß ihm das Gold im Kopf steckt,« lachte Marie, »paß auf, Vater, er packt nächstens auf, zieht ein blaues Buschhemd an, setzt einen californischen Hut auf und wandert in die Berge.«
»Er wird kein Narr sein,« sagte der Vater mürrisch, dem das Gespräch nicht zu gefallen schien.
»Heidewells Gesellschaft haben die acht Tage, die sie oben sind, jeder sieben Unzen rein verdient,« fuhr Jack, ohne der Schwester zu antworten, gegen den Vater gewendet, fort: »und Browns schreiben, es ginge ihnen ganz ausgezeichnet und wollen, daß ihre andern beiden Brüder ebenfalls hinaufkommen.«
»Die haben auch hier nichts zu verlieren,« brummte der Alte, und stieß mit der Gabel heftig in das »Pickles« Glas, um aus dem engen Hals eine schon sechsmal vergebens angestochene dicke Gurke herauszufischen -- »ein Handwerk verstehn sie nicht, und Architekten gibts hier genug -- die können oben recht gut einmal ihr Glück versuchen; wir aber haben hier die Hände voll zu thun und verdienen schönes Geld. Stehen wir uns nicht jetzt, wenn wir ordentlich arbeiten, jeder die Woche auf unsere 5--6 Pfund Sterling, und läßt sich das von allen in den Minen sagen? und dazu leben wir hier doch wenigstens wie Menschen -- die Gurke hier ist ein wahrer Satan, und ich glaube wahrhaftig, die ist erst in der Flasche so gewachsen -- und schlafen Nachts trocken unter Dach und Fach, während sich die da oben in Regen, Schnee und Thau herumquälen.«
»Aber Vater,« fiel im Jack in die Rede, »es sind auch viele oben, die nicht nur ein Pfund Sterling den Tag, die --«
»Oh, paperlapapp,« unterbrach ihn der Alte -- »wenn Einer Glück hat, laufen auch wieder zehn nebenher und saugen Hungerpfoten -- jedes Handwerk hat einen goldenen Boden, den man sicher findet, wenn man nur fleißig darnach arbeitet, mit der anderen Geschichte ist's aber noch verdammt ungewiß, und ich meines Theils will gewiß lieber die Waschmaschinen machen, als selber damit schaukeln.«
»Aber, wenn nun einmal ein junger Mensch sein Glück versuchen will?« warf die Mutter, auf welche die zahllosen Erzählungen der neu entdeckten Schätze keineswegs verfehlt hatten, einigen Eindruck zu machen, zuredend ein -- »er kann ja doch zufällig --«
»Auf den Zufall hin handelt aber kein vernünftiger Mann,« brach der alte Schreinermeister ärgerlich heraus, indem er die endlich erbeutete Gurke auf seinen Teller stieß, in zwei Theile schnitt und rasch verschwinden ließ -- »alle Wetter mit dem dummen Zeug; Ihr setzt dem Jungen sonst noch am Ende verrückte Sachen in den Kopf. Hier, Jack, wenn Du gegessen hast, schaff' mir die Fenster hinauf in die Darling Nursery, das Schiff, das die Blumen mitnehmen will, geht morgen früh unter Segel, und wir dürfen keinen Augenblick Zeit mehr damit verlieren.«
Das Gespräch war hiemit abgebrochen, bei John aber hatte es nichtsdestoweniger Wurzel, tiefe Wurzel geschlagen. Als er nun gar die Fenster Georgestreet hinauf an den Ort ihrer Bestimmung geschafft hatte und wieder zurück durch die Stadt schlenderte, als er überall Gruppen traf, die von weiter nichts als dem eben entdeckten Mammuth Klumpen Gold sprachen -- denn ganz Sidney war in einer wirklich fieberhaften Aufregung, und die wahnsinnigsten Gerüchte von Gold und Edelsteinen wurden mit größter Bereitwilligkeit geglaubt und wieder erzählt -- reifte sein Entschluß mehr und mehr, jenen Ort selber zu sehen, jene fabelhaften Schätze selber mitfinden zu helfen.
Vor des Juweliers Hale Fenster drängte ein ganzer Kreis von Neugierigen, welche die dort heut morgen neu ausgestellten Stücke Gold mit staunenden Blicken betrachteten, und in dem Fenster eines Brokers wurde die Einbildungskraft der Menge gar nicht mehr erfordert, sich Haufen Goldes zu denken, denn dort stand eine hohe Blechbüchse, die etwa vier Quart oder Schoppen halten mochte, fast bis zum Rand mit blitzendem Gold gefüllt.
»Wo _das_ herkommt ist mehr!« rief ein Karrenführer, der sein beladenes Fuhrwerk ruhig in der Mitte der Straße hatte stehen lassen, zu sehen was es hier an den Fenstern wieder Neues gäbe -- »hol' mich dieser und jener, wenn das nicht die letzte Ladung ist, die ich Georgestreet hinauf fahre« -- und damit schob er sich, die Peitsche hoch über seinem Kopf haltend, aus dem mehr und mehr hinzuströmenden Menschenschwarm zurück, knallte den beiden müden, schon halb eingeschlafenen Pferden eines um die Ohren, und trieb, fröhlich dabei pfeifend, die breite, menschengefüllte Hauptstraße Sidney's hinauf.