Inselwelt. Zweiter Band. Australische Skizzen. Gesammelte Erzählungen.
Part 13
Rothkopf schien aber keine derartige Absicht, wenigstens nicht für die nächste Zeit zu haben; denn, sein völlig in Stand gesetztes Gewehr noch immer auf den Knien, blieb er ruhig in der vorhin eingenommenen Stellung, und nickte nur manchmal, still vor sich hinlächelnd, mit dem Kopf. Tolmer's Lage wurde mit jedem Augenblick peinlicher; Arm und Knie schmerzten ihn, und doch wagte er nicht sich zu regen. Da hob der Buschrähndscher langsam den Kopf zu dem Baum empor, an dem jener saß, betrachtete den Wipfel eine Weile und sagte dann, so ruhig, als ob er mit einem seiner Leute redete.
»Nun, Mate, ich denke Ihr könntet jetzt da oben ausgeschlafen haben. Donnerwetter, andere Vögel streichen mit Tagesanbruch ab, und Ihr bleibt bis zum hellen Mittag in den Zweigen mit dem Kopf unter dem Flügel sitzen.«
Tolmer regte sich nicht -- das Herz schlug ihm wie ein Hammer in der Brust. Noch aber blieb ihm immer die Hoffnung, daß der Buschrähndscher mit jemand Anderem, nicht mit ihm spreche, und er doch noch vielleicht der Entdeckung entgehen könnte. Rothkopf machte aber seinen Zweifeln bald ein rasches Ende. Er stand auf, nahm sein Gewehr in Anschlag, und den Lauf gerade gegen den Wipfel der Casuarine richtend, sagte er mit nicht lauterer Stimme als vorher, aber mit trockenem, spöttischem und doch auch wieder drohendem Ton:
»Nun, wird's bald, Kamerad? oder soll ich Euch etwa Beine machen. Ich habe nicht übermäßig Munition, und möchte die Ladung Schrot und die Todtengräberkosten gern ersparen. Euch mein' ich da oben in dem Baum d'rin -- habt Ihr mich verstanden?«
Tolmer sah sich entdeckt, und wenn ihm auch die Hand im ersten Augenblick nach den Pistolen zuckte, fühlte er doch auch zugleich, daß er mit seinen verklommenen Armen nicht im Stande sein würde, sein Ziel sicher zu treffen, und dann war er verloren. Außerdem konnte der Schuß die übrige noch nicht so ferne Schaar herbeirufen. Die List blieb noch seine einzige Hülfe.
»Hallo, Mate,« rief er deßhalb, gute Miene zum bösen Spiel machend, vom Baum nieder, »nehmt das vertrackte Schießeisen weg, es könnte Euch aus Versehen in der Hand losgehen, und Ihr wollt doch wahrhaftig nicht einen Kameraden wie einen Papagei vom Baum herunterschießen.«
»Kameraden?« wiederholte Rothkopf, ohne jedoch seine drohende Stellung zu verändern, »den müssen wir uns erst einmal in der Nähe betrachten. Kommt Ihr?«
»Ei gewiß,« lautete die Antwort, »bedenkt nur, daß mir Arm und Beine ganz verquollen sind. Ich habe da oben in keinem Lehnstuhl gesessen.«
Er rutschte, während er sprach, vorsichtig an der glatten Rinde nieder, und sah sich gleich darauf dem Buschrähndscher und dessen auf ihm gerichteten Gewehr gegenüber.
»Nun,« sagte er, als er den Boden berührte und sich gegen den Buschrähndscher umdrehte, »ist das ein Empfang? Ihr habt doch von mir wahrhaftig nichts zu fürchten. Seht Ihr denn nicht, daß ich unbewaffnet bin?«
»Auswendig, ja,« lachte Rothkopf, »doch das Andere wollen wir nachher untersuchen. Jetzt vor allen Dingen, wie kommt Ihr auf den Baum, und was habt Ihr da oben gesucht? -- etwa Vogelnester ausgenommen?«
Tolmer blieb nur eine einzige Ausflucht. Natürlich trug er keine Uniform, sondern seine alten Buschkleider, die durch die Känguruhdornen überdies arg mitgenommen waren. So glich er denn allerdings eher selber einem Buschrähndscher, als einem Polizeiofficianten, und das zu benutzen, war jetzt seine Sorge.
»Wenn Ihr das von mir erfahren wollt,« erwiderte er deßhalb mit angenommener Ruhe, »so gebt mir erst etwas zu essen, denn wenn ein Mensch, wie ich, tagelang in dem verdammten Busch da drüben am festen Lande umhergehetzt und dann in See beinahe verhungert und verdurstet ist, nur um die Insel hier zu erreichen, hat er nicht viel Kräfte mehr übrig, und braucht eine Stärkung. Habt Ihr einen Schluck Brandy?«
»Nicht einen Tropfen. Aber wer hat _Euch_ gehetzt, mein Bursche,« setzte er hinzu, und betrachtete sich den Fremden aufmerksam vom Kopf bis zu den Füßen -- »ich dächte doch, die Buschrähndscher sind _drüben_ ziemlich dünn geworden, seit _wir_ fort sind.«
»Wer? -- nun die verdammte Polizei!« sagte Tolmer ärgerlich.
»Oh, _die_ habt Ihr _hinter_ Euch gehabt? ja das kann ich mir denken,« lachte der Buschrähndscher, »Mr. _Tolmer_ soll ein trefflicher _Führer_ sein.«
»Wer?« sagte Tolmer mit angenommenem Erstaunen.
»O, Ihr kennt den Mann wohl nicht,« meinte Rothkopf trocken, »schade, daß ich keinen _Spiegel_ hier habe, ich könnte Euch sonst eine vortreffliche Beschreibung seiner Person geben.«
»Einen Spiegel?« sagte Tolmer, und fast unwillkürlich suchte seine Hand das versteckte Pistol, denn einmal erkannt, wußte er sich auch verloren.
»Laßt die Waffen nur stecken, Mr. Tolmer,« sagte da Rothkopf, in aller Ruhe die Hähne seines eigenen Gewehres in Ruhe setzend, und dem Polizeibeamten fest in's Auge schauend, »Ihr seht, ich kenne Euch, und schieße Euch weder über den Haufen, noch rufe ich meine Leute, daß sie sich vielleicht einen besonderen Spaß mit Euch machten. Aber -- die Wahrheit ist, Ihr kommt mir da wie gerufen, und dem allein habt Ihr's auch zu danken, daß ich Euch nicht gleich, wie wir hier ankamen, und ich Euch im Baum bemerkte, eine Ladung Posten durch den Leib jagte.«
»Und wenn ich nun _nicht_ jener Tolmer wäre?« sagte dieser.
»Beruhigt Euch darüber,« erwiderte ihm der Räuber, »ich habe Euch _einmal_ gesehen, als ich vor vier Jahren, gerade frisch eingefangen, vor Euch gebracht wurde, und ein verdammt gutes Gedächtniß für alte Bekannte. Doch zur Sache. Ihr seid nach Känguruh-Insel gekommen, um unsern »Gentleman« John einzufangen, wie?«
»Ja,« sagte Tolmer nach kurzem Zögern mit entschlossener Stimme -- »zum Henker noch einmal, ich sehe jetzt keinen Grund mehr, Euch ein Geheimniß daraus zu machen.«
»Gesprochen wie ein Mann,« lachte der Buschrähndscher, »aber -- ich kann mir nicht gut denken, daß Ihr die »Kleinigkeit« allein solltet unternommen haben.«
»Ich habe Hülfe« erwiderte Tolmer, aber doch nicht ohne einiges Zögern.
»Bei der Hand?«
»Nicht weit.«
»Hm,« sagte der Buschrähndscher, »aber Ihr wißt, wie ungewiß Euer Erfolg ist, wenn John den geringsten Verdacht schöpft.«
»Allerdings,« erwiderte Tolmer, der den Plan des Burschen jetzt leicht durchschaute, und freier Athem schöpfte, »aber _Ihr_ wißt auch, welchen Preis die Regierung _dem_ zugedacht hat, der uns den Verbrecher überliefern hälfe. Fort _könnt_ Ihr nicht mehr; der Schooner ist schon beobachtet und kann nicht mehr auslaufen, und die Insel hier nicht groß genug, Euch lange Zuflucht zu gewähren.«
»Hm, ja,« erwiderte Rothkopf, »wenn's auch vielleicht noch nicht so schlimm ist, als Ihr es macht; denn die Geschichte von dem Schooner habt Ihr doch nur erst oben im Baum gehört.«
»Er liegt an Cap Borda,« erwiderte Tolmer ruhig, »ist von einem Bruder Bloomes, der das Fahrzeug navigiren soll, in Adelaide angekauft, und Bloome glaubt, daß es zwischen Sidney, Neuseeland und der Insel Handel treiben soll.«
»Alle Teufel!« rief Rothkopf überrascht, »dann hat die Polizei also doch Wind davon bekommen. Aber das,« fuhr er, die Zähne auf einander beißend, fort, »wißt Ihr _nicht_, daß Gentleman John, Verräther der er ist, beabsichtigt, _uns_ hier im Stiche zu lassen und über Hals und Kopf den Schooner in See haben will, um uns los zu werden.«
»Ich weiß vielleicht noch mehr als das,« lächelte Tolmer, »aber das sind Nebensachen, die hier mit unserem Geschäft nichts zu thun haben. Wollt Ihr mir beistehen, diesen Gentleman John einzufangen?«
»Ja! -- aber Ihr sichert mir freien Pardon?« frug der Buschrähndscher, ihn dabei scharf fixirend.
»Den sichere ich Euch, und außerdem den halben Fangpreis, der auf seinen Kopf gesetzt ist. -- Seid Ihr damit zufrieden?«
»Die Sache ist abgemacht!« rief Rothkopf, ihm die Hand zum Einschlagen hinhaltend, »und nun an die That. Habt Ihr von Eueren Leuten Einige bei der Hand?«
»Sie sind Alle an Cap Borda.«
»Hm -- müssen wir ihn _lebendig_ fangen?«
»Lebendig oder todt,« erwiderte Tolmer.
»Gut -- dann brauchen wir auch Niemand weiter. Ihr habt gehört, daß er mir morgen früh an eine bezeichnete Stelle Munition bringen will. Wo liegt Euer Gewehr versteckt?«
»Ich habe nur Pistolen bei mir,« sagte Tolmer.
»Das ist Nichts,« rief Rothkopf, »die sind nicht sicher genug, und spaßen dürfen wir nicht mit ihm. Seid Ihr ein guter Schütze mit der Flinte?«
»Ich treffe meinen Mann auf hundert Schritte mit der Kugel.«
»Gut, dann werdet Ihr ihn auch auf fünfzehn mit Rehposten nicht fehlen, und mögt dazu _mein_ Gewehr nehmen. Jetzt geht in's Thal hinunter und lagert irgendwo am Eingang der Schlucht. Mit hinauf darf ich Euch nicht nehmen, denn Einer der Anderen könnte Euch so leicht erkennen wie ich, aber ich werde dafür sorgen, daß Euch Keiner von ihnen in den Weg läuft, und daß _Ihr_ dort auf mich wartet, ist Euer eigener Vortheil -- deshalb vertrau' ich Euch auch. Morgen früh mit Tagesanbruch bin ich an der einzelnen Casuarine, die dicht am Pfad steht. Kennt Ihr den Baum?«
»Ich habe ihn heute passirt,« erwiderte Tolmer.
»Gut denn, auf Wiedersehen,« sagte der Buschrähndscher, und schritt rasch die Schlucht hinauf, den Polizeibeamten seinem eigenen Nachdenken überlassend.
Tolmer wußte aus eigener Erfahrung, wie nützlich dieser Bursche, der sich von seinem Kameraden vielleicht mit gutem Grund verrathen glaubte, ihm werden konnte. Die Abfahrt des Schooners mochte er allerdings mit seinen Leuten leicht verhindern, der Führer der Bande aber, und Einer der schlauesten Räuber, die je die australischen Wälder unsicher gemacht, war damit noch nicht gefangen, und hätte mit einem Boot leicht wieder das feste Land erreichen können. War Gentleman John aber erst einmal in seiner Gewalt, oder überhaupt unschädlich gemacht, dann durfte er hoffen, die Andern leicht zu bewältigen, und mit der Hülfe seines neugefundenen Freundes hatte er jetzt die beste Hoffnung, dies am nächsten Morgen in's Werk zu setzen.
Verrath brauchte er hier kaum zu fürchten. Er war schon in der Gewalt des Räubers gewesen, und dessen eigener Vortheil lag mit dem seinen jetzt in einer Schale. Deshalb folgte er auch ohne Weiteres der erhaltenen Weisung und lagerte die Nacht an der ihm vom Rothkopf bezeichneten Stelle, um am nächsten Morgen bei der Hand zu sein.
Rothkopf ließ auch nicht auf sich warten. Kaum dämmerte der Tag, als ein leiser Pfiff Tolmer auf seine Nähe aufmerksam machte, und die beiden Männer schritten nach einem sehr frugalen, rasch eingenommen Mahl neben einander der von Gentleman John selber angegebenen Hütte zu. Unterwegs machte der Buschrähndscher den Polizeibeamten mit seinem Plane bekannt, und in der Hütte selber angekommen, legte sich Tolmer mit des Räubers Flinte in den Hinterhalt, während sich dieser, den Rücken gegen die dünne Rindenwand gelehnt, auf einen dort zu einer Art Bank hergerichteten Stamm setzte, und solcher Art ruhig die Ankunft seines verrathenen Chefs erwartete.
»Und seid Ihr auch sicher, daß er wirklich kommt?« frug Tolmer endlich, als sie wohl schon eine Stunde regungslos in ihrer Stellung verharrt hatten, aus dem Haus heraus, »hol' s der Henker, mir wird die Zeit lang, und ich fürchte fast, Gentleman John war klüger wie wir Beide zusammen.«
»Nur keine Furcht, Camerad,« flüsterte ihm sein Genosse zurück, »wenn ich nicht gewiß wüßte, daß unser Vogel auf die Leimruthe geht, hätte ich Euch wahrhaftig nicht hierher geführt. Daß ihm der Böse das Licht halte, thut er es doch nur, mich desto sicherer zu machen. Aber ich kenne ihn, den Hallunken;« setzte er mit fest zusammengebissenen Zähnen und wie mit sich selber redend hinzu, »der Rothkopf ist ihm nach und nach zu klug geworden, und daß der fragen konnte, was aus all dem Geld geworden, hat ihm nicht gefallen. Aber warte, mein Bursch -- hast jetzt einen Seemann an Bord, nicht wahr, der etwa ein Schiff in offener See zu halten weiß und glaubst, du könntest den Rothkopf entbehren. Was dann aus dem hier und den Anderen auf der Insel wird, was kümmert's dich. -- Willst dasselbe Spiel hier wieder spielen, das du drüben am Murray den armen Teufeln eingebrockt. O ich kenne dich, Hallunke, vergißt aber, daß der Rothkopf damals selber mit dabei war und dir in die Karten gesehen hat.«
»Dort kommt Jemand den Hang herunter,« flüsterte Tolmer, der durch eine Spalte der Wand, hinter der er versteckt lag, die offene Höhe vor sich übersehen konnte.
»Das ist er,« flüsterte Rothkopf, fast unwillkürlich zusammenfahrend, »geht es, fangen wir ihn lebendig, riecht er aber Lunte, dann haltet ihm nur um Gotteswillen sicher auf den Bug, wir sind sonst Beide verloren.«
»Fürchtet Ihr ihn?« frug Tolmer spöttisch.
»Fürchten?« brummte der Buschrähndscher ärgerlich in den Bart, »wenn Ihr, wie ich, Zeuge gewesen wäret, wie der Mann da -- doch das ist vorbei,« brach er kurz ab, »und zum Plaudern keine Zeit mehr. Habt jetzt Acht -- es gibt kaum einen stärkeren, und wahrhaftig keinen schlaueren und verwegeneren Burschen in sämmtlichen Colonien als den, der da so sorglos den Hügel herab in sein Verderben geht -- und jetzt kein Wort mehr. Er hat ein Auge wie ein Falke und ein Ohr so scharf wie ein Känguruh -- macht Euch fertig.«
* * * * *
Rothkopf hatte ganz recht; es gab wohl kaum einen schlaueren und verwegeneren Verbrecher innerhalb wie außer den Colonien, als diesen Gentleman John, der jetzt gerade im Begriffe stand, mit einem von seinem Raube angekauften Schiffe die Colonien zu verlassen, um jedenfalls sein Unwesen in irgend einem anderen Lande auf's Neue zu beginnen.
So glücklich und erfolgreich er aber bis jetzt, jedes Mittel gut heißend, das ihn seinem Ziele entgegen führte, diesen einen Zweck verfolgt, so sollte er sich plötzlich aus seiner geträumten Sicherheit aufgerüttelt, und der früheren Verfolgung preisgegeben sehen. Sein Lieutenant Rothkopf hatte ihn allerdings nur zu gut durchschaut; Gentleman John war seiner überdrüssig und wollte mit den Ausgewählten seiner Schaar so rasch als möglich die Känguruh-Insel verlassen. Was aus den Cameraden, von denen sich ein großer Theil erst hier zu ihm gefunden, werden würde, kümmerte ihn nicht. Selbst auf diesen Abend war die Abfahrt bestimmt. Der Schooner lag, mit Proviant und Wasser versehen, vor seinem Wurfanker, und Mr. Bloome, der Squatter, ahnte nicht, welch' gefährlichem Compagnon er einen großen Theil seines Eigenthums im Begriff war zu vertrauen.
Nur um seinen bisherigen Lieutenant zu beruhigen und die kurze Frist zu gewinnen, in der dieser mit der erhaltenen Munition zu den Uebrigen zurückkehren würde, hatte er sich dazu verstanden, ihm selber das Verlangte zu überbringen. Durfte er ja doch auch keinem seiner anderen Leute trauen, die mit Rothkopf allein gelassen, vielleicht gar gemeinschaftliche Sache mit ihm gemacht hätten.
Daß ihm die Polizei schon auf der Fährte sei, ahnte er allerdings nicht, trotzdem näherte er sich nur mit äußerster Vorsicht dem von ihm selber bezeichneten Hause, von dem er schon aus der Ferne seinen Lieutenant erkannte. Er trug sein Gewehr in der Hand und die versprochene Munition in einer umgeschnallten Tasche, und hing sich die bereit gehaltene Waffe erst über die Schulter, als er Rothkopf vollkommen unbewaffnet ihn erwarten sah. Nur daß dieser ruhig vor dem Hause sitzen blieb, und ihm nicht entgegen kam, erregte wieder seinen rasch geweckten Verdacht.
»Nun, Camerad,« rief er ihn an, indem er, etwa fünfzig Schritt vom Haus entfernt, Halt machte, seine Tasche auf den Boden warf und, das Gewehr im Arm, daneben stehen blieb, »da bin ich. Aber Ihr scheint es verdammt kaltblütig zu nehmen. -- Hier ist Euer Pulver und Blei, das mir schwer genug geworden -- ich dächte, Ihr könntet's die übrige Strecke selber tragen.«
»Dank Euch, Capitän,« rief Rothkopf, der ihn gern näher zum Haus gehabt hätte, indem er jetzt von seinem Sitze aufstand und langsam auf ihn zuging, »ich wußte im Anfang gar nicht, ob Ihr's wäret. Aber kommt herein -- ich habe ein Feuer darinnen angemacht und ein Stück saftig Wallobi daran stecken -- oder -- habt Ihr keinen Hunger?«
Gentleman John horchte hoch auf -- sein scharfes Ohr hatte das Knacken eines Hahnes -- ein ihm nur zu wohlbekannter Laut -- erreicht, und im Nu erkannte er die Gefahr, in der er sich befand.
»Hunger?« rief er zurück, »gewiß. Ich bin vor dem Frühstück vom Haus fortgegangen und Euer Wallobi soll mir vortrefflich schmecken. Ist sonst noch Jemand bei Euch?«
»Keine Seele,« erwiderte Rothkopf, indem er zu ihm trat und auf die am Boden liegende Tasche zuschritt.
»Gut -- so nehmt Euer Pulver und Blei mit zum Haus,« sagte der Capitän, indem er sich so stellte, daß er den Lieutenant fortwährend zwischen sich und dem vermutheten Hinterhalt behielt. »Ihr hättet Euch Jemanden mitbringen sollen; das Zeug ist verwünscht schwer.«
»Allerdings,« sagte Rothkopf, die Tasche etwas lüftend und dann über die linke Schulter hängend, »doch es ist nicht so weit bis zu unserm Lager und ich werde sie schon fortbringen.«
»Rothkopf,« sagte da Gentleman John, indem er ihm vertraulich auf die Achsel klopfte, »ich habe Euch nicht umsonst hierherbeschieden -- ich habe noch ein Geheimniß, das ich Euch anvertrauen möchte -- wenn ich eben auf Euere Verschwiegenheit und Treue rechnen könnte.«
»Und das wäre?« rief Rothkopf, indem er überrascht zu seinem Hauptmann aufsah.
»Ich habe hier in der Nähe Geld vergraben,« flüsterte ihm dieser zu, indem er sich wie scheu und vorsichtig dabei umsah.
»Alle Teufel,« rief Rothkopf mit unterdrückter Stimme, »und wo da?«
»Wir wollen zum Haus gehen, dort will ich Euch den Fleck beschreiben.«
»Zum Haus? -- hm,« sagte der Buschrähndscher, »ja -- recht gern -- aber könnt Ihr es mir nicht hier sagen?«
»Hab' ich Dich, Bursche?« lachte da John, indem er einen Schritt von ihm zurücktrat und sein Gewehr aufgriff, aber dabei noch immer vorsichtig ihn zwischen sich und dem Hause hielt. »Rühr' Dich jetzt von der Stelle und Du bist --«
»Teufel!« rief der also überlistete Lieutenant, indem er den sich dessen nicht gleich versehenden Buschrähndscher unterlief und mit seinen Armen umschlang, »hierher zu Hülfe -- hierher -- verdammt wenn ich Dich nicht --«
»Danke Dir,« sagte Gentleman John ruhig. Mit raschem Griff hatte er aber auch in demselben Moment ein Pistol aus seiner Tasche gerissen, und während er es in das Ohr seines Lieutenants abdrückte, flog sein Blick schon nach dem Haus hinüber, aus dem jetzt Tolmer mit gespannter Flinte herbeisprang, seinem Verbündeten beizustehen.
Gentleman John wollte rasch sein eigenes Gewehr aufgreifen, Rothkopf aber riß es, durch das Gewicht seines stürzenden Körpers, mit sich zu Boden nieder, daß sich beide Läufe entluden, und der Buschrähndscher sah jetzt sein Heil gegen den besser bewaffneten Feind nur in rascher Flucht. Den anderen Angreifer hielt er natürlich für Einen der im Busch verlassenen Bande, der nicht wagen durfte, ihm weit gegen die Ansiedlung hin zu folgen, und in schnellem Sprung einen Baum zwischen sich und den Verfolger bringend, floh er mit raschen Sätzen den nur hie und da bewaldeten Hang hinauf.
Tolmer feuerte allerdings sein Rohr auf ihn ab; das Gestrüpp entzog aber den Flüchtigen gleich darauf seinen Blicken, und es blieb ihm jetzt keine andere Wahl, als so rasch als möglich seine Leute zu erreichen und den offenen Kampf gegen den Verbrecher und seinen Trupp zu beginnen.
Sein Schuß war aber doch nicht ohne Wirkung geblieben, denn wenn er den Räuber auch nicht in seiner Flucht hemmte, hatte ihn doch ein einzelner Rehposten in die Seite getroffen. Trotzdem, und den Schmerz verbeißend, gewann er bald die offene Stelle der Ansiedlung und eilte in die Hütte, in der er Jenny ihn erwartend wußte.
Die unglückliche Frau saß am Kamin, das Haupt auf die Lehne des Stuhles gedrückt, auf dem sie ruhte, und regte sich nicht, als er die Thüre öffnete.
»Jenny!« rief da John mit von Leidenschaft heiserer, nur gewaltsam gedämpfter Stimme, »komm -- der Augenblick zur Flucht ist erschienen -- mein Schiff liegt bereit, uns aufzunehmen. Komm, Herz, ermanne dich und laß das dumpfe Brüten -- Todt ist todt, und alle Thränen erwecken dein armes Kind doch nicht zum Leben wieder.«
»Todt ist todt,« stöhnte da die arme Frau, indem sie das bleiche Antlitz und thränenlose starre Auge wild zu ihm erhob. »Sagst Du mir das, _Mörder_ meines Kindes.«
»Unsinn, Schatz!« rief der Räuber, in aller Hast seine im Zimmer umhergestreuten wenigen Habseligkeiten und Waffen zusammenraffend. »Was kann ich dafür, daß das schwache Ding die Strapatzen unseres Marsches nicht ertragen konnte. Hab' ich es nicht den halben Tag geschleppt? -- Aber eile Dich -- weiß der Teufel, wie die Kunde so rasch über die Insel gekommen ist, aber Dein Mann, mein Schatz ist hinter uns her, und wir müssen wahrhaftig machen, daß wir an Bord kommen.«
»Dort liegt es,« rief da plötzlich die Frau, den Arm von sich gestreckt, das glanzlose Auge in die Leere starrend, »dort, dort, in seinem armen kalten Bett -- in der harten, erbarmungslosen Erde, die es hält und nimmer, nimmer wiedergeben will -- kein warmes Tuch dabei, seine zarten Glieder einzuhüllen -- kein Kissen selbst, das kleine liebe Haupt darauf zu betten -- nicht einmal einen kahlen, harten Sarg für das Wesen, für das ich mit Freuden mein Leben hingegeben hätte. Fort -- fort von mir!« schrie sie plötzlich, seine nach ihr ausgestreckte Hand mit Abscheu zurückstoßend, »fort, oder beim ewigen Gott da droben, ich schlage meine Zähne in Dein Fleisch und würge Dich, wie Du mein Kind gewürgt.«
»Wahnsinnig, bei Allem was da lebt,« brummte der Buschrähndscher vor sich hin, »und der ganze Aufenthalt umsonst. Da bleibt mir freilich nichts Anderes übrig, als --«
Die Thüre wurde in diesem Augenblicke aufgerissen und Broadley's erschrecktes, todtenbleiches Gesicht zeigte sich darin.
»Unke,« rief ihm der Capitän entgegen, »was bringst Du?« --
»Der Schooner ist genommen!« rief der Unglücksbote, den Verdacht und sein Aussehen vollkommen rechtfertigend. »Polizeiboote haben ihn geentert und die Masten gekappt.«
»Die Masten gekappt?« rief John erschreckt.
»Es ist Alles vorbei,« drängte aber der Bursche, »und die Boote rudern schon wieder an Land. Uns bleibt keine andere Zuflucht als der Busch.«
John knirschte die Zähne wild auf einander, aber das einmal Geschehene ließ sich nicht mehr ändern, die solcher Art abgeschnittene Flucht zu Wasser konnte nach dieser Richtung hin nicht mehr erzwungen, sondern mußte auf andere Weise versucht werden. Deshalb seine Waffen aufgreifend, warf er noch einen Blick auf die wild und erstaunt zu ihm aufschauende Frau, und winkte dann Broadley, ihm zu folgen.
Wie er nur vor die Hütte trat, sah er schon, daß sein Begleiter Wahrheit gesprochen. Der Schooner draußen an der Point lag, ein Wrack, vor seinem Anker, und während Bewaffnete aus einem schon gelandeten Boot an's Ufer sprangen, eilten Andere von dem Hauptstationshaus auf seine eigene Wohnung zu. Kamen sie als Freunde oder Feinde? -- er hatte nicht Lust ihr Kommen abzuwarten, und flüchtete, von Broadley dicht gefolgt, mit langen Sätzen dem nächsten Dickicht zu.
Schon hatte er dieses erreicht, schon verbargen ihn die nächsten Gumbüsche den Augen der Verfolger, als dicht vor ihm eine dunkle Gestalt sich wie aus dem Boden hob, und ihm die Arme bittend entgegenstreckte. Es war Lloko, sein schwarzes Weib, den Opossum-Mantel locker um die Schulter geschlagen, die schwarzen Haare wirr die Stirn umflatternd.
»Halt!« rief sie ihm mit mehr drohend als bittender Stimme entgegen, da er fast scheu vor ihr zurückweichen und an ihr vorübereilen wollte, indem sie seinen Rock ergriff und hielt. »Halt! falscher weißer Mann -- wo ist dein ander Weib, mit den bleichen Wangen und dem lichten Haar -- wie? und wo ist das Kind, das Du ihr auf dem Wege todt und in den Boden gedrückt hast -- wie? Wohin gehst Du jetzt? -- wieder zu meinem Stamm? -- nimm mich mit, nimm mich mit. Lloko hungert hier und Niemand giebt ihr zu essen.«