Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen
Part 19
Schang-hai hatte sich indeß von seiner Ohnmacht erholt, und das junge Mädchen, das neben ihm die Wacht hielt, mit den flehendsten Worten gebeten, ihn loszubinden. Laykas würde aber ebenso bald, ja vielleicht noch eher daran gedacht haben, den in der Grube gefangenen Tiger als den Gebundenen an ihrer Seite zu befreien, und der mit Haß und Furcht gemischte Blick, mit dem sie der geringsten seiner Bewegungen folgte, wie die oft drohend gehobene Lanze verrieth ihm, daß er von ihr nichts zu hoffen hatte. Endlich schlug das Geräusch von Stimmen an sein Ohr, und mit einem leise, aber aus vollem Herzen gemurmelten Dank erkannte er den alten Kelah neben Maono an der Spitze des Zugs.
Hatte er übrigens gehofft, bei diesem unbedingten Schutz zu finden, so war er dabei im Irrthum und der alte Sundanese viel zu schlau, um nicht im Augenblick zu übersehen, wie die Sache stand. Einestheils stak er selbst zu tief in dem Aberglauben seines Volkes, um auch nur einen Augenblick zu zweifeln, daß der Chinese das wirklich sei, dessen ihn Maono beschuldigt hatte. Wenn er aber die Versprechungen hielt, die er dem jungen Mann gethan und die ihm dieser unterwegs schon mitgetheilt, so stand er auch ganz anders neben dem Chinesen. Wie hätte er überhaupt nach der jetzt gemachten Entdeckung noch daran denken dürfen, ihm die Tochter zur Frau zu geben! Hierbei hatte er übrigens zwischen den anderen, weit mehr angesehenen Eingeborenen auch nur eine ganz untergeordnete Stimme, und Schang-hai fand bald, daß er zuerst einem förmlichen Verhör Rede stehen mußte, ehe er hoffen durfte, selbst von diesen Leuten, die ihn sonst mit der höflichsten, oft kriechenden Artigkeit behandelten, in Freiheit gesetzt zu werden.
Er erzählte jetzt -- immer noch mit gebundenen Händen, obgleich seinen Füßen Freiheit gegeben war, daß er erst spät Abends von der Plantage seines Landsmannes nach Tji-dasang hatte zurückkehren wollen, als er plötzlich eine Gestalt vor sich auf dem Weg gesehn, und wie er im Schatten eines Baumes stehn geblieben, beim hellen Licht des Mondes Laykas, seine =Braut= erkannt habe. Bei seinem Anblick sei sie in den Wald, und zwar den Fußpfad hinein geflohen, der nach Maonos Hütte zu führte; und nicht gesonnen, sie dort zu lassen, ohne seine, durch Einwilligung des Vaters gewonnenen Rechte auf sie geltend zu machen, sei er ihr dorthin gefolgt. Wie sie selber den Pfad entlang gekommen, wisse er nicht, aber er sei, als er dem dunklen Gang gefolgt, in die hier verborgene Grube gestürzt. Um Hülfe zu rufen, habe er sich nicht getraut, aus Furcht, vielleicht eines der gefährlichen Raubthiere herbeizulocken, bis gegen Morgen die Tigerin, wahrscheinlich auf seiner Spur folgend, zu ihm hineingebrochen wäre. Jetzt habe er mit gellender Stimme um Hülfe geschrieen und die Bestie, dadurch vielleicht geängstigt, den entgegengesetzten Winkel behauptet, ohne ihm ein Leides zu thun. Erst am Morgen sei Maono gekommen, der aber hätte ihn für einen Menschentiger gehalten und beinahe umgebracht, wenn er sich nicht sein Leben mit schweren Versprechungen erkauft.
Schang-hai schien auch die ganze Sache wirklich für abgemacht zu halten und nicht einmal daran zu denken, die gegebenen Versprechungen zu erfüllen. Er verlangte jetzt mit finsterer Miene losgebunden zu werden, und drohte widrigenfalls das ganze Verfahren dem holländischen Residenten (der obersten Gerichtsperson des Distrikts nach dem Gouverneur) anzuzeigen. Wenn er sich aber so weit sicher glaubte, hatte er sich doch geirrt. Die Eingeborenen, die fast sämmtlich in dem letzten Jahr einen näheren oder entfernteren Verwandten durch die Raubthiere, und wie sie fest glaubten, hauptsächlich durch einen »Menschentiger« eingebüßt, gedachten alle der dunklen wilden Erzählungen, die schon seit langen Jahren ihre Nachbarschaft über den kleinen Chinesen durchlaufen, und waren nicht gesonnen, den scheinbaren Beweis seiner Schuld so leicht und rasch wieder aus den Händen zu lassen. Der Vorschlag wurde deshalb auch ohne Weiteres gemacht und ihm nicht einmal von Kelah widersprochen, in einer Art Gottesurtheil den Verdächtigen zu prüfen. Er sollte nämlich wieder in die Grube hinunter, und zwar gerade =auf= die Tigerin geworfen werden. Griff ihn die dann an, so wollten sie suchen, ihn so rasch wie möglich wieder herauf zu ziehen und er durfte frei ausgehen, ließ sie ihn aber unbelästigt, wie sie es die ganze Nacht gethan, so war es ein sicheres Zeichen, daß er zu ihrem Geschlecht gehörte, und dann sollte er, wie die wilde Bestie selber, mit Lanzen getödtet werden. Seine Erzählung, wie er in die Grube gekommen, glaubte ihm Niemand, und selbst die jetzt darum befragte Laykas erzählte, daß er unter der Palme am Weg wie ein Tiger gekauert, und sie seine Sprünge hinter sich her, wie die des wilden Raubthiers, gehört und erkannt hätte.
Der alte Kelah selbst schämte sich, daß er einem solchen Ungeheuer seine Tochter versprochen. Durfte Schang-hai doch jetzt nie daran denken, seine Schuld von ihm einzufordern, und so stimmte er auf das eifrigste für dessen Tod. Überhaupt thaten das alle, die dem Chinesen eine bedeutende Summe schuldig waren.
Man band ihm jetzt die Hände los und die Schnur wieder um den Leib, wie ihn Maono vorher heraufgezogen, und Laykas selber stand in sprachloser Erwartung dabei, ob die Tigerin da unten den verkappten Gefährten erkennen oder in wilder Wuth über ihn herfallen würde. Schang-hai hatte aber keineswegs Lust, eins von beiden Resultaten, beide gleich schrecklich für den Unglücklichen, abzuwarten. Mit Drohungen war indeß nichts auszurichten und sein Leben soweit gefährdet, daß der nächste Augenblick schon jeden zu spät kommenden Entschluß nutzlos gemacht hätte. Er lag auf der Folter -- ein Leugnen hätte ihn zu der wilden Bestie hinunter geworfen, die schon bereit lag ihn, als einen vermutheten Angreifer, mit Klauen und Zähnen zu empfangen. Nur eine Rettung blieb für ihn -- er kannte seine Leute, und mit bleichen, zitternden Lippen rief er: »Halt!«
»Hinunter mit ihm!« tönte Kehlahs heisere Stimme. --
»Laßt mich reden,« bat aber der Chinese, »was nützt euch mein Tod -- was mein Geständniß, =daß= ich ein Menschentiger sei --.« --
»Er bekennt es!« rief jubelnd Maono, und die Andern sahen mit scheuem, erschrecktem Blick auf den Unglücklichen. Dieser aber, den augenblicklichen Vortheil der wenigstens gestatteten Rede benutzend, fuhr rasch und ängstlich fort. »Wenn ihr mich tödtet, verfällt mein Hab und Gut dem Staat -- den Holländern. Ich habe keine Kinder -- keine Verwandte -- in meinen Büchern sind alle meine Schuldner angegeben. Die weißen Männer werden sie einzutreiben wissen. Schenkt mir das Leben und ich will nicht allein Maono geben, was ich ihm versprochen habe -- ich erlasse auch euch, die ihr hier seid, was ich noch sonst von euch zu fordern hätte, und will selber in den nächsten Tagen dieses Land verlassen. -- Seid ihr das zufrieden?«
Ein Streit entstand jetzt unter den Sundanesen. Ein Theil, und zwar die, die ihm bis dahin noch am freundlichsten gewesen, riefen jetzt, da sie sein geglaubtes Geständniß gehört, daß er getödtet werden müsse, denn er habe bekannt, daß er ein Menschentiger sei, und in der nächsten Nacht werde er, wenn man ihn freilasse, nur soviel wüthender über sie herfallen, um die jetzige Mißhandlung zu rächen. Andere dagegen, mit dem erlangten Gewinn zufrieden und doch auch vielleicht nicht ganz sicher, wie die Weißen den =Mord= ansehn würden, stimmten dafür, ihn unter der Bedingung, daß er binnen drei Tagen den Distrikt verlasse, die drei Nächte aber den Fuß nicht über seine Schwelle setze, frei zu geben.
Der Chinese versprach alles. Neben ihm lauerte der nackte Tod, in den ihn der tolle Aberglauben dieser Menschen jauchzend hineingeworfen hätte -- und vor ihm lag das Leben!
Seine Banden wurden jetzt gelöst, und während Kelah, etwas verlegen allerdings, aber doch auch außer Stande, anders zu handeln, dem jungen wackeren Maono in derselben Zeit etwa die Tochter zusagte, als er sie, nach der Absicht des vorigen Abends, hatte in das Haus des jetzt geächteten Chinesen führen wollen, schlich dieser, in scheuer Angst, daß seine Freilassung die hinter ihm her jauchzende und tobende Schaar doch am Ende noch gereuen könne, den Wald entlang, bis er die Straße erreichte, und eilte dann, so rasch ihn seine Füße trugen, der eigenen Wohnung zu.
Das Jauchzen, das Schang-hai gehört, galt freilich nicht ihm, sondern dem Tod des gefangenen Tigers, auf den die jungen Bursche jetzt ihre Khrise und Klewangs schleuderten, bis Maono das vor Wuth und Schmerzen schäumende, brüllende Thier mit dem sicheren Wurf seiner Lanze erlegte.
Mit Blitzesschnelle durchlief indeß die Kunde von dem gefangenen Menschentiger, und dem Versprechen, das Schang-hai, sein Leben zu retten, gegeben, den Kampong. Ein holländischer Unterbeamter, der sich gerade dort aufhielt, ging allerdings hierauf zu Schang-hai, forderte ihn auf, in seinem Besitzthum zu bleiben und sicherte ihm den vollen Schutz der holländischen Gesetze zu, nach denen selbst die abgezwungenen Versprechungen nicht bindend waren. Schang-hai aber, der dem Tod unter den Händen der Eingeborenen zu nahe gewesen, als daß er ihnen noch einmal hätte trauen mögen, und recht gut wußte, daß ihn auf den Verdacht hin, in dem er jetzt einmal unter den Sundanesen stand, alle Gesetze der Welt vor einem heimlichen Angriff nicht schützen konnten, zog es vor, mit einem kleinen Verlust seiner Güter sein gegebenes Versprechen zu halten. Ein anderer Chinese übernahm seinen Pacht und kaufte ihm auch sein Waarenlager ab, und am dritten Morgen -- die Nächte hielt er sich in seinem Haus fest eingeschlossen, -- verließ er unter einer erbetenen und erhaltenen Bedeckung malayischen, dort in der Nähe stationirten Militärs die Preanger Regentschaften, um in ihre Grenzen wahrscheinlich nie mehr zurückzukehren.
Fußnoten:
[37] Badek heißt auf Java eine eigenthümliche Art, weißes Zeug in den verschiedenartigsten Mustern zu drucken und zu färben. Es wird nämlich zu dem Zweck die Zeichnung aus =freier Hand= mit einer kleinen Kupferröhre, aus der heißes Wachs sickert, auf das Tuch =an beiden Seiten= aufgetragen und dieses dann erst gefärbt, wonach die Stellen, auf denen kein Wachs liegt, die Farbe annehmen. Bei schwierigen und theuern Mustern geschieht dies mühsame Auftragen der Zeichnung verschiedene Male, um ebensoviele Farben herauszubringen.
[38] In den Javanischen Bergen dient der schilfartige Bambus zu sehr verschiedenartigen Verrichtungen und besonders benutzen die Frauen die stärksten, oft vier bis fünf Zoll im Durchmesser haltenden Stöcke, das Wasser darin zu tragen.
[39] Ein rockähnliches Stück Tuch von vielleicht drei Fuß Breite, unten und oben gleich weit, das über den Hüften eng zusammengezogen und durch einen in das Zeug hineingesteckten knoten gehalten wird. Es wird von beiden Geschlechtern getragen.
[40] Alang Alang, das hohe schilfige Gras, das in der Wildniß fast alle offenen Stellen ausfüllt und der Lieblingsplatz der Raubthiere ist.
Der Khris[41].
Am Kali Besaar[42] in Batavia, dem großen Handels-Viertel des Ostens, wo die Ostindische Maatschappy ihre gewaltigen Niederlagen, und der Batavische Kaufmann sein Comtoir und Waarenlager hat, war heute ein regeres Gedränge als gewöhnlich. Die Menschenströmung, die sonst mehr an beiden Ufern des kleinen Flusses ziemlich gleich vertheilt auf- und abwogte, schien gerade heute auch mehr dem Mittelpunkt der Hauptstraße zuzupressen. Dort hatte sich unter den Bambus Schuppen und zwischen den aufgefahrenen Cabriolets und Cabs der Kaufleute, eine Masse Chinesischer und Javanischer Fruchtverkäufer angesammelt und hielt ihre duftigen saftigen Waaren, vor den glühenden Sonnenstrahlen durch das hölzerne Dach geschützt, feil.
Es war eine Auction in einem der großen, düsteren Gebäude, und zwar nicht von importirten Europäischen Waaren oder veralteten Gütern, oder von inländischen Producten, wie sie die Maatschappy oft hält -- oder gar von spanischen Dollarn, wie sie vor noch gar nicht so langer Zeit hier ebenfalls stattgefunden, sondern nur von Naturalien, Waffen, Vogelbälgen, Geräthschaften, Anzügen, Instrumenten etc. etc. der benachbarten Inseln, die den Nachlaß eines verstorbenen Deutschen Naturforschers bildeten, und jetzt hier, da kein Testament über die Sammlung selber disponirte, öffentlich versteigert werden sollten. Alles das, woran ein tüchtiger, wackerer, muthiger Mann seine ganze Lebenszeit gesetzt, es zusammenzubringen und der Nachwelt aufzubewahren, sollte hier, wie das eine Menschenherz zu schlagen aufgehört, in wenig Stunden wieder in alle Winde zerstreut und verworfen werden, und lachend und erzählend, zankend und schreiend, drängten sich indeß die Fremden aus und ein, besahen die Schätze, die ihren Augen preis gegeben waren und die nur Wenige von ihnen zu würdigen wußten, und packten das Gekaufte gleichgültig in ihre Cabriolets, es Abends mit nach Haus zu nehmen.
Hier standen ein Paar Holländer zusammen, die einen Bogen spannten und einen der Pfeile in die Luft hinaufschnellten, zu sehen, wie weit er tragen würde, dort arbeitete sich ein Anderer, mit einem ausgestopften Affen unter dem Arm, aus dem Gedränge, und wurde von seinen Bekannten jubelnd empfangen. Inländische Diener schleppten Lasten von fremdartigen Geräthschaften und Schilden und Speeren heran, Andere trugen Schädel von Tigern und Krokodillen, und an einen Bambusstab geschlungen, den sie auf den Schultern trugen, keuchten zwei Javanen mit einem Elephantenschädel herbei, ihn zum Zierrath in das Landhaus des in Weltevreden oder Kramat wohnenden glücklichen Käufers hinaufzuschaffen.
Zwei Weiße, der Capitain eines vor einiger Zeit eingelaufenen Holländischen Kauffahrers, und ein Amerikanischer Kaufmann, der sich schon seit längeren Jahren in Batavia niedergelassen, waren ebenfalls durch das rege Leben und Treiben angelockt worden, das Haus zu betreten und die ausgestellten Sachen in Augenschein zu nehmen. Es kostete freilich Mühe, bis sie sich durch das Gedränge von Chinesen, Javanen und Europäern, die in allen Sprachen der Welt hier durch einander schrieen, Bahn machten. Endlich aber erreichten sie doch den weiten luftigen Raum, in dem die Waaren, theils an den Wänden hängend, theils auf den Seitentischen ausgelegt, wirr und unordentlich, wie man sie eben aus den Kisten gepackt, aufgeschichtet und zerstreut lagen. Auf den Tischen herum springende Chinesen schienen dabei das Ganze zu überwachen, auf die Gebote zu horchen, das Erstandene auszuliefern, und das Geld dafür in Empfang zu nehmen, wobei sie noch außerdem auf die Finger ihrer Landsleute zu passen hatten, die in dieser Hinsicht in eben keinem besondern Rufe stehen.
Die Auction selber fand, von einem Liplap[43] geführt, in Holländischer und Malayischer Sprache zugleich statt, und ganze Bündel seltener Speere und Pfeile, Bögen, Schilde, Schmuck von Muscheln und Zähnen, geflochtene Geräthschaften, geschnittene Gefäße und künstlich und sauber verfertigte Zierrathen, wie Kasten mit ausgestopften Vogelbälgen und Thieren, mit Schmetterlingen und Käfern, Sammlungen von Früchten, Conchilien und Mineralien, wurden um einen Spottpreis, oft gleich nach dem ersten flüchtigen Gebot, den Käufern zugeschlagen.
Die beiden Männer hatten sich endlich mit nicht geringer Mühe dorthin Bahn gemacht, wo eine Anzahl sehr schöner Waffen, besonders Khrise, auf einem kleinen Seitentische lagen, und eben, dem Wunsch eines Franzosen nach, zum Kaufe ausgeboten wurden. Manche davon waren sehr künstlich, ja kostbar gearbeitet, und mit Gold und Steinen eingelegt, wie mit herrlichen damascirten Klingen; andere wieder einfach und derb gearbeitet, mit glatter hölzerner Scheide und nicht selten mit dem Haarbüschel der erlegten Feinde geziert, wie es auf Borneo die Sitte der Krieger ist. Der Franzose erstand eine ziemliche Anzahl derselben um einen ziemlich hohen Preis, während ein dicht neben ihm stehender Javane die einzelnen Waffen, jede besonders, aus der Scheide zog und aufmerksam betrachtete, ohne jedoch darauf mit zu bieten.
Der Holländische Capitain hatte indessen dem ganzen Handel ziemlich gleichgültig zugeschaut, bis der Franzose seine Einkäufe gemacht und den Platz mit den Erstandenen Waffen geräumt hatte. Auch der Javane schien genug von dem ganzen Treiben gesehn zu haben, zog seinen Sarong fester um sich und verließ das Zimmer. Indessen entdeckte der Chinesische Aufseher unter den übrigen Sachen noch einen zurückgebliebenen Khris und legte ihn auf den Tisch des Verkäufers.
»Ach wahrhaftig, da ist =noch= einer!« rief dieser, »nun, meine Herren, wer bietet darauf, denn unser Khriskäufer ist fort -- noch ein werthvolles Stück, mit prächtigen Granaten besetzt und fein damascirter Klinge -- dreißig Gulden zum Ersten, dreißig Gulden zum Ersten sag' ich, die Waffe ist hundert werth« --
»Ein und dreißig Gulden,« bot der Holländische Capitain.
»Ein und dreißig Gulden, guter Gott, ein Spottpreis,« sagte der Auctionator, -- »ein und dreißig Gulden zum Ersten.«
»Vierzig!« bot ein daneben stehender Engländer. »Fünf und vierzig!« der Capitain wieder, und erstand zuletzt die wirklich schöne und geschmackvoll, wenn auch einfach gearbeitete Waffe, bis zu sieben und achtzig Gulden hinaufgetrieben. Augenscheinlich lag ihm aber sehr wenig daran, und sie in seine Tasche schiebend, sah er dem Verkauf der übrigen Sachen noch eine kurze Weile zu, ergriff dann den Arm des Amerikaners wieder, und verließ den durch die zahlreiche Menschenmenge doch schwül und dumpfig gewordenen Raum, die freie Luft zu erreichen.
»Man sollte doch wahrhaftig schon aus Grundsatz nie eine Auction betreten,« sagte er hier, als er die Waffe wieder vorzog und betrachtete, »wenn man nicht irgend etwas Bestimmtes kaufen will und wirklich braucht. So fest ich mir vorgenommen hatte, mein gutes Geld nicht muthwillig an irgend einen nutzlosen Gegenstand zu verschleudern, hab' ich mich doch hier wieder mit dem Ding da anführen lassen, und bin um ein Stück Eisen reicher, und um sieben und achtzig Gulden ärmer geworden, als ich vorher war.«
Der Amerikaner hatte den Khris indessen aus der Scheide gezogen und prüfend betrachtet und sagte lachend:
»Lieber Freund, das geht uns oft so auf der Welt, und wir vor allen Anderen können uns gratuliren, daß die Menschen im Allgemeinen eben nicht das nur kaufen, was sie gerade nothwendig brauchen, denn unser ganzer Handelsstand beruht darauf, daß sie das eben =nicht= thun. Der Mensch bedarf zu seinem Leben wirklich =nöthig= entsetzlich wenig, und wollte er sich darauf beschränken, wie sollte es dann mit Handel und Wandel, um Schifffahrt und Verkehr aussehen. Der Luxus gerade, für den wir civilisirte Menschen gar keine Grenze mehr haben, weil er mit unserem einfachsten Leben schon so fest verwachsen ist, hält die Sache in Gang, und bleibt eben nur so lange wirklich Luxus, als wir auch ihn nicht »nothwendig brauchen,« wo er dann zum =Bedürfniß= und zu dem wird, was wir eben zum Leben haben müssen.«
»Nun aber der Khris hier ist doch wirklich Luxus«, lachte der Capitain.
»Für Sie in diesem Augenblick, ja, aber wie lange vielleicht, und Sie brauchen ihn nicht allein nothwendig, sondern müssen sogar noch eine Menge anderer ähnlicher Sachen dazu haben, ein »=Naturalien-Cabinet=« zu vervollständigen. Mit =einer= Sache muß der Mensch anfangen, und das Eine zieht eben das Andere nach. Sehn Sie zum Beispiel den Javanen an; mit einer Handvoll Reis hält er seine Mahlzeit; eine Bambushütte, die ihn eben nothdürftig gegen Thau und Regen schützt, genügt ihm zur Wohnung, ein Stück Baumwollenzeug und ein Strohhut zur Kleidung, und was für einen Gefallen glauben Sie wohl, daß Sie einem solchen Menschen mit einer Astrallampen oder mit irgend einer Europäischen Zimmer-Verzierung erweisen würden? Gehen Sie aber zu einem der unter Holländischen Einfluß stehenden Häuptlinge, und Sie werden Astrallampen und Zimmer-Verzierungen, Teppiche, Kronleuchter, Wandgemälde etc. etc. im wahren Überfluß als =nothwendiges Bedürfniß= finden. Die Khrise spielen übrigens in dem Leben der Javanen eine sehr bedeutende Rolle, und einzelne von ihnen erben von Vater zum Sohn und Enkel herab, und dürfen nimmer verkauft werden. Viele davon sind jedoch in den letzten Kriegen in den Besitz der Weißen gekommen, und öfters ist es vorgekommen, daß Javanische Häuptlinge, die ihre Stammwaffe in fremden Händen fanden, bedeutende Summen gegeben haben, sie wieder zu erlangen.«
»Ich wollte, ein solcher Javanischer Häuptling hätte Lust zu =diesem= Khris«, lachte der Capitain, die Waffe aus der Scheide ziehend und in der Sonne blitzen lassend, »mit einigen Prozenten Gewinn könnte er ungemein leicht wieder Eigenthümer derselben werden.«
»Dort steht gleich Einer,« sagte der Yankee, »und wenn ich nicht irre sogar derselbe, der da drüben im Verkaufslokal die Waffen so genau betrachtete. Der kann uns wenigstens sagen, was das Messer wirklich werth ist, und wir erfahren dann gleich, ob Sie einen guten Kauf gemacht haben. Heh, Freund, komm einmal hier her, und sage, wie dir der Khris da gefällt.«
Der also Angeredete, der unfern von ihnen mit untergeschlagenen Armen an einem Pfeiler lehnte, war ein schlanker, stattlicher Bursch von ungefähr zwei bis drei und zwanzig Jahren, und die dunklere Hautfarbe, wie die edelgeschnittenen Züge und blitzenden Augen verriethen allerdings den Javanen, der sich von den Sunda'nern (wie die Bewohner der östlichen Insel genannt werden) wesentlich unterscheidet. So knechtisch diese aber den Holländern, ihren jetzigen Herren, gegenüber sind, so wenig nahm der Bursche hier Notiz von der Anrede, die er jedenfalls gehört haben mußte. Mit eben nicht ganz freundlichem Blick die Gestalten der beiden Männer nur flüchtig überfliegend, wandte er den Kopf halb zur Seite, und schien keineswegs gesonnen, auch nur ein Glied zu rühren, der Aufforderung Folge zu leisten.
»Hallo, der ist unabhängig,« lachte der Amerikaner vor sich hin, »und wir werden zu =ihm= gehen müssen, wenn wir etwas von ihm wissen wollen. -- Heda, Freund!« setzte er dann in Malayischer Sprache hinzu, die Waffe dabei aus des Capitains Hand nehmend und auf den Javanen zugehend, »kannst du mir sagen, was das Messer hier einmal gekostet?«
Der Javane zog die Brauen finster zusammen, richtete sich dann stolz und trotzig empor, und wollte sich eben, ohne ein Wort auf die Anfrage zu erwidern, von den ihm jedenfalls verhaßten Weißen abwenden, als sein Auge auf den Khris fiel und er in demselben Moment auch wie unwillkührlich den Arm danach ausstreckte. Das Blut schoß ihm dabei in die Schläfe und er suchte fest und forschend den Blick des Fremden, als ob er dessen Absicht in seinem Antlitz lesen wollte. Aber es war auch wirklich nur ein Moment, der Arm glitt zurück in seine alte Stellung, ebenso der Körper, der sich wieder nachlässig gegen den Pfeiler drückte; nur den Blick konnte er nicht losreißen von der Waffe, und der Amerikaner mußte seine Frage wiederholen, ehe er sie nur verstand.
»Weiß ich nicht,« sagte er dann, finster den Kopf zur Seite werfend, »ist ein alter Khris -- wollt Ihr ihn verkaufen?«
»Junge, Junge[44],« sagte der Yankee, der schon lange im Ostindischen Archipel wohnte und die Sitten und Gebräuche der Eingeborenen genau kannte, in Holländischer Sprache zu dem Capitain, »der Bursche da weiß mehr von dem Khris, als er uns jetzt verrathen mag, und giebt sich umsonst die größte Mühe, gleichgültig dabei zu bleiben. Außerdem ist das auch gar kein gewöhnlicher Eingeborener, wie ich im Anfang geglaubt. Was für einen kostbaren Sarong er trägt, und welch' ein prachtvolles golddurchwirktes Kopftuch -- hm, hm, wenn der ihn haben will, soll er tüchtig dafür bezahlen.«