Inselwelt. Erster Band. Indische Skizzen
Part 12
Hatte er sich aber wirklich dort nur ein paar Minuten aufhalten wollen, so änderte er bald seinen Plan; denn seinem scharfen in dem inneren Raum umhergeworfenen Blick entgingen nicht die in einer Ecke lehnenden sechs oder acht Musketen, die hier jedenfalls zu plötzlichem Gebrauch bereit gelegt schienen. Den Frauen kam er dabei sehr erwünscht, denn diese brannten vor Neugierde, etwas Näheres über das zu hören, was außen vorging. Etwas Außergewöhnliches war jedenfalls im Werke, darüber konnten sie sich nicht täuschen, wären die Gewehre auch nicht hervorgeholt worden. Toanonga hatte ihnen jedoch nicht eine Silbe davon erzählen wollen, und Niemanden sahen sie deshalb jetzt gerade lieber als Mac Kringo.
Aber von dem Schotten bekamen sie im Anfang nur verworrene und unzusammenhängende Antworten; denn in dessen Kopfe bildete sich ein neuer Plan, ob er sich mit den Kameraden nicht vielleicht dieser Gewehre bemächtigen könnte. Nirgends aber entdeckte er die dazu gehörige Munition, und mißlang der Versuch, so waren sie alle verloren. Trotzdem gelang es ihm aber doch vielleicht, die Waffen wenigstens für die Insulaner unbrauchbar zu machen, und darüber mit sich im Reinen, begann er plötzlich eine lebendige Erzählung. Er beschrieb den Frauen, wie sie nun bald in Besitz eines großen Schiffes mit Kanonen sein würden, mit dem sie nach Hagai hinüberfahren und die dortigen Insulaner züchtigen könnten. Dabei schilderte er mit lebhaften Gestikulationen ihre Landung dort und ihren Angriff, und erfaßte dazu, um das anschaulicher zu machen, eines der Gewehre. Die Frauen, die den Knall dieser für sie furchtbaren Waffen kannten, wandten erschreckt die Köpfe und baten ihn, die Muskete hinzulegen. Mac Kringo that das, aber nicht ohne vorher den Stein aus dem Schlosse entfernt zu haben, den er geschickt in seine eigene Tasche schob. Immer aufs Neue kam er dabei auf den Angriff zurück, bis er von sämmtlichen Gewehren die Steine entfernt hatte. Die Frauen aber schöpften natürlich keinen Verdacht, denn sie konnten nicht wissen, daß der Papalangi in solcher Schnelligkeit und vor ihren Augen im Stande sein sollte, die Waffen vollständig unbrauchbar zu machen.
Darüber war wohl eine halbe Stunde vergangen, und der Schotte sah jetzt durch die offenen Bambusstäbe der Hütte, daß Jonas draußen angekommen und von Toanonga gesehen war. Das Boot mußte auch den dicht vor der Einfahrt kreuzenden Schooner schon erreicht haben, und es drängte ihn, zu wissen, ob die übrigen Kameraden in der Nähe und seines Rufs gewärtig seien.
Sein erster Blick, so wie er ins Freie trat, war nach dem Schiffe hinüber. Dieses hatte eben gewendet und hielt von den Riffen ab, denn der Wind war so schwach geworden, daß die Mannschaft an Bord nicht mit Unrecht fürchten mochte, auf die Corallen getrieben zu werden. Aber das Boot war schon auf dem Rückweg, und die nächste halbe Stunde brachte ihnen entweder Hülfe oder sah sie schlimmer in Gefangenschaft als je.
Toanonga schien indeß gar nicht mit der Ankunft des andern Weißen einverstanden, ging auch ohne weitere Umstände auf Jonas zu und fragte ihn, was er da schon wieder wolle.
»Was ich da will?« entgegnete dieser etwas verblüfft, »Tabak, bei Gott, wenn das Boot landet, denn ich denke, es ist lange genug, daß wir keinen gesehen haben.«
»Gut, Freund,« entgegnete Toanonga ruhig, »du sollst Tabak haben, jetzt aber geh hin, wo du hergekommen bist, und laß dich nicht eher wieder hier sehen, als bis ich dich rufe.«
»Aber ...« sagte der Matrose, der jetzt nicht wußte, ob er dem erhaltenen Befehle folgen solle oder nicht. Der alte Häuptling ließ ihn jedoch gar nicht ausreden.
»Hast du gehört, was ich mit dir gesprochen?« fragte er, und zwar viel ernster, als er ihn noch je gesehen. »Komm her, Ma Kino, schicke mir den Zimmermann einmal fort; ich habe gesagt, er soll weggehen, und ich will ihn hier nicht länger sehen.«
Mac Kringo war, schon nichts Gutes ahnend, herangetreten. Wollten sie sich aber jetzt schon dem Befehl widersetzen, so mußte er fürchten, daß ihr ganzer Plan scheitern würde. Unter einer Viertelstunde konnte das Boot nämlich nicht heran sein, und bis dahin würden die Eingeborenen sie leicht bewältigt haben.
»Komm, Jonas,« sagte er deshalb zu dem Kameraden, »geh zurück in den Busch, es hilft jetzt nichts, wir müssen ihm gehorchen -- aber nicht zu weit fort. Wo sind die Anderen?«
»Nicht hundert Schritte von hier, wo da drüben die rothen Blumen stehen.«
»Desto besser, in einer Viertelstunde kann das Boot da sein; so wie ihr mich aber Hülfe schreien hört, kommt herbei, so rasch euch eure Füße tragen.«
Jonas ging fort. Toanonga hatte jedoch ihrem Gespräch mit unruhigem Blicke gelauscht. Es gefiel ihm nicht, daß sich die Beiden jetzt gerade in ihrer Sprache so lange unterhielten, und natürlich wäre es ihm sehr unbequem gewesen, Leute in der Nähe zu haben, die am Ende den andern Weißen hätten beistehen können. Übrigens ließ er sich gegen Mac Kringo nichts merken, nahm eine junge neben ihm am Boden liegende Cocosnuß auf und sagte zu dem Schotten. »Hast du ein Messer bei dir?«
»Ja wohl,« erwiderte rasch dieser, dem daran lag, Toanonga nicht auch gegen sich mißtrauisch zu machen. »Soll ich sie dir öffnen?«
»Laß nur sein,« erwiderte der Alte, »ich thue es selber.« Damit nahm er das Messer und stach ein Stück aus der weichen Schale der Nuß heraus, trank den Saft und warf die Schale bei Seite. Mac Kringo streckte die Hand aus, das Messer wieder zurück zu empfangen, Toanonga aber schob es mit vollkommener Gemüthsruhe in sein eigenes Lendentuch und sagte:
»Warte noch ein wenig, Ma Kino, du brauchst es doch jetzt nicht, nachher sollst du es wieder bekommen. Sieh, das Boot ist schon beinahe am Ufer, und unsere Freunde werden gleich da sein.«
Der Schotte biß die Zähne auf einander vor Wuth, von der alten Rothhaut auf eine solche Art um seine einzige Waffe gebracht zu sein. Im ersten Augenblick hatte er auch nicht übel Lust, auf ihn zu springen und es ihm mit Gewalt zu entreißen. Gerade jetzt aber kamen vier der Egis an ihm vorbei und gingen nach der Landung hinunter, während sich von den übrigen Seiten die Insulaner ebenfalls herbeizogen, die ankommenden Weißen gleich in Empfang zu nehmen. Wenn er sich nun doch mit den Kameraden in die Hütte warf und die dort liegenden Gewehre aufgriff -- es war das vielleicht die letzte Hülfe, und in dem ersten panischen Schrecken der Eingeborenen durfte er hoffen, das rasch herbeischießende Boot zu erreichen. Aber auch zu jenen Waffen war ihm der Weg abgeschnitten, denn eine Anzahl dunkler Krieger sammelte sich eben vor dem Eingang der Hütte.
Da sah er, wie Toanonga langsam auf den Capitain des Schooners zuschritt und neben ihm stehen blieb, und in der Todesangst, seinen ganzen Plan gescheitert zu sehen, griff er zu dem letzten verzweifelten Mittel. Er schritt auf die Beiden zu und fragte den Engländer mit vor innerer Aufregung bebender Stimme, ob er keine Wehr, kein Messer, kein Pistol bei sich habe.
»Nichts,« sagte dieser, »als meine Hände; ich habe keine Gefahr gefürchtet, und als ich vom Bord ging, nur mein kleines Taschen-Teleskop eingesteckt.«
»Bei Gott, das thuts!« lachte Mac Kringo wild vor sich hin. »Zieht es heimlich in der Tasche aus, fasst dann den Alten, haltet es ihm vor den Kopf, und droht ihm, daß ihr ihn über den Haufen schießen wollt, so wie er sich rührt.«
»Mit dem Teleskop?« fragte der Capitain überrascht.
»Was wissen die von einem Teleskop?« rief Mac Kringo, »sie sehen das blitzende Metall und halten das -- aber wir versäumen die Zeit, es ist kein Augenblick mehr zu verlieren.«
Toanonga hatte den Schotten, während er sprach, aufmerksam betrachtet, als ob er den Sinn der ihm fremden Worte errathen wolle. Das Boot war aber kaum noch hundert Schritte vom Ufer entfernt, und die rudernden Matrosen hatten in diesem Augenblicke ihre Riemen eingeworfen, weil sie wahrscheinlich nicht näher an die vielen Eingeborenen fahren wollten.
Toanonga wandte sich, dort hinunter zu gehen, als er plötzlich die Hand des Fremden auf seiner Schulter fühlte. Erstaunt drehte er den Kopf nach ihm um, stieß aber ein überraschtes und erschrecktes _Oiau!_ aus, als er plötzlich vor seinen Augen das unbekannte drohende Instrument erblickte.
»Rühre dich, und du bist des Todes!« schrie dabei der Engländer, und »Hülfe! Hülfe!« tönte Mac Kringo's gellende Stimme über den Platz.
Die ihm nächsten Insulaner wollten herzuspringen, ihrem Häuptling beizustehen. Mit ausgebreiteten Armen warf sich ihnen aber Mac Kringo entgegen und rief. »Halt! halt! um Toanonga's willen, er bringt ihn um, so wie ihr euch ihm naht!«
»Hurrah, Jungen! Hurrah!« tönte in diesem Augenblicke Legs' Jubelruf durch den Lärm, »hier sind die Burschen! Nieder mit den Rothfellen!«
Überrascht wandten die Insulaner dorthin den Kopf, als vom Wasser her schnell hinter einander zwei Schüsse fielen und die Kugeln dicht über ihnen in die Stämme der Palmen schlugen. Jacobs stieß zugleich einen scharfen, eigenthümlichen Schrei aus, ein Zeichen für seine Leute, und während die beiden Tonga-Insulaner, die mit im Boot waren, erschreckt über Bord sprangen und dem Lande zu schwammen, griffen zwei der Leute wieder zu den Rudern, und die andern Beiden stießen Patronen in ihre abgeschossenen Gewehre nieder.
Mac Kringo war aber indessen auch nicht müßig gewesen. Mit raschem Griff hatte er sich wieder in den Besitz seines Messers gesetzt, und sein scharfer Pfiff zeigte den Gefährten die Stelle, auf der er sich befand. Panischer Schrecken schien indessen die Insulaner erfaßt zu haben, die mit dem bedrohten How vor sich und den Feinden an beiden Seiten nicht wußten, welcher Gefahr sie zuerst begegnen sollten.
»Nach dem Boot! Nach dem Boot!« rief Mac Kringo, der recht gut fühlte, daß sie diesen ersten Moment der Bestürzung benutzen mußten, und mit der Rechten Toanonga's Arm ergreifend, während er in der linken das gezückte Messer hielt, folgte Jacobs an der andern Seite seinem Beispiel. Dieser hielt aber sein Teleskop noch immer drohend vor, in dessen blitzender Nähe der erschreckte Häuptling sein Leben aufs Äußerste gefährdet glaubte.
Auch die am Ufer postirten Indianer hatten bestürzt Raum gegeben, da sie nur unbewaffnete Weiße zu empfangen gedachten, keineswegs aber darauf vorbereitet waren, den auf sie gerichteten Gewehren zu begegnen. Das Boot berührte in diesem Augenblick den Strand, und Spund, der nur ein halb freiwilliger Theilnehmer des Angriffs gewesen war, sprang in demselben Moment ans Land, als Legs mit Jonas, Pfeife und Lemon durch die Schaar der am Ufer gedrängten Männer und Frauen hindurchbrach, den sicheren Bord zu erreichen. Rechts und links theilten sie dabei Keulenschläge aus, und Jonas, Pfeife und Lemon erfaßten schon den Rand des Bootes und schwangen sich hinein, als zwei der Frauen sich plötzlich und rücksichtslos auf Legs warfen und ihn schreiend zurückhielten.
»Du bist unser, du darfst nicht fort!« schrien sie dabei, und eine ergriff die kurze Kriegskeule, die er geführt, und riß sie ihm aus den Händen, während sich die andere an seinen Hals hängte und laute Wehklagen dabei ausstieß.
Mac Kringo und Jacobs hatten indeß den ihnen Schutz gebenden Häuptling bis fast zum Boote geschleppt. Jetzt aber brach auch die Wuth der Eingeborenen aus, die wahrscheinlich glauben mochten, die Papalangis wollten ihren How gefangen mit fortführen. Mit wildem Aufschrei stürmten sie herbei, und eben von Toanonga's Hause wieder kam ein kleiner Trupp von Kriegern mit den dort aufgegriffenen Musketen gesprungen.
»Hieher, Legs! hieher Spund!« schrie da Mac Kringo, indem er Toanonga los ließ und an Jacobs' Seite mit flüchtigen Sätzen zum Boot hinunter floh.
»Bestien!« knirschte auch Legs zwischen den zusammengebissenen Zähnen hindurch, und ohne die geringste Rücksicht auf das zarte Geschlecht versetzte er den beiden Frauen ein paar so wohl gezielte Schläge zwischen die Augen, daß sie mit einem Weheruf zurücktaumelten. Im nächsten Augenblicke war er frei und rannte an Toanonga vorüber dem Boote zu. Die Eingeborenen aber, die jetzt ihren Häuptling außer Gefahr sahen, sandten ihnen einen Hagel von Pfeilen nach, während die mit Musketen Bewaffneten anlegten, aber vergebens die Hähne schnappen ließen.
Diese vorbeschriebenen Scenen waren blitzesschnell auf einander gefolgt. In demselben Moment aber, in dem Legs seinen beiden Frauen entsprang, war Spund vollständig einig mit sich geworden, seine Kameraden allein flüchten zu lassen. Zu seinem Entsetzen hatte er nämlich die halbe Mißhandlung bemerkt, die Toanonga, den er sehr schätzte, erlitten, und eilte jetzt rasch auf ihn zu, ihm seine Hülfe anzubieten. Toanonga dagegen hielt gerade Spund für den ärgsten Verräther von Allen, da er, anstatt die Weißen in seine Hände zu liefern, die Leute an Bord jedenfalls gewarnt und sie bewaffnet herüber gebracht hatte. So ruhig und leidenschaftlos er sich deshalb auch sonst benahm, so zornig und empört war er jetzt. War nicht die Häuptlingswürde in ihm geschändet? hatten die Weißen nicht gewagt, Hand an ihn, den How dieser Insel, zu legen? Deshalb also dem ihm nächsten Krieger eine Keule entreißend, führte er einen so gutgemeinten und raschen Schlag nach dem Schädel des armen Teufels, daß er ihm jedenfalls verderblich geworden wäre. Zu seinem Glück schleppte Spund aber noch immer das Buch mit sich herum, daß er fast unwillkürlich mit beiden Händen empor hob, als er die Keule niedersausen sah. Allerdings brach der dicke Band die Gewalt des Schlages in etwas; derselbe war aber zu kräftig geführt worden, um sich ganz aufhalten zu lassen, und wie das getroffene Buch auf Spund's Kopf niederprallte, warf es den Böttcher hinterrücks auf die scharfen Corallen.
Toanonga sah ihn stürzen, kümmerte sich aber nicht weiter um ihn, denn wichtigere Sachen erforderten seine Aufmerksamkeit. »Nach den Canoes, nach den Canoes!« donnerte seine Stimme die Bai entlang, und während die mit den Musketen bewehrten Insulaner noch immer umsonst versuchten, die verstümmelten Waffen abzudrücken, sprang die Mehrzahl der jungen Leute flüchtigen Fußes am Wasserrand hin, die Canoes zu erreichen. Konnten sie doch dem schwer geladenen Boot der Papalangis noch immer den Weg abschneiden.
Einzelne waren jedoch noch zu Toanonga's Schutze zurückgeblieben und ein paar von diesen sprangen auf Spund zu, den also Niedergeworfenen völlig abzufertigen. Mac Kringo hatte aber im Boot die Gefahr des Kameraden gesehen, und während die Mannschaft desselben das halb auf den Strand gerathene Fahrzeug zurück in ein tiefes Wasser drückte, griff er eine der Musketen auf und feuerte sie über die Köpfe der Insulaner in die Luft. Das rettete Spund. Bei dem Schuß fuhren die Wilden unwillkürlich zurück, während derselbe auf den Matrosen gerade die entgegengesetzte Wirkung hervorbrachte. Mit einem Satze war er in die Höhe, und Buch wie Glaubenseifer hinter sich lassend, warf er sich Hals über Kopf in das Wasser hinein, den Kameraden zu folgen. Der mit so grimmer Wuth nach ihm geführte Schlag des alten Häuptlings hatte ihn, wenn auch nicht beschädigt, doch so erschreckt, daß er gar nicht daran dachte, einen zweiten derartigen Angriff abzuwarten.
6.
Die Engländer kletterten, so wie das Boot flott war, hinein und griffen die Ruder auf, während die Mannschaft des Schooners mit den Gewehren im Anschlag stehen blieb, ihren Rückzug zu decken. Das Boot ging aber durch die vermehrte Besetzung ziemlich schwer im Wasser und machte keineswegs so raschen Fortgang, wie Mac Kringo gehofft hatte.
»Teufel noch einmal!« flüsterte er Lemon, der auf der Ruderbank vor ihm saß, zu, »die Rothfelle bekommen doch am Ende Zeit, uns mit ihren Canoes den Weg abzuschneiden.«
»Wenn ich ihnen den Spaß nicht verdorben hätte!« lachte aber Lemon ingrimmig vor sich hin. »In alle die Canoes, die dort lagen, habe ich ein wunderhübsches Loch hineingebohrt, und bis sie die jetzt wieder ausschöpfen und flott machen, sind wir lange draußen.«
»Das war gescheidt, mein Bursche!« rief der Schotte, »hehehe, wie sie uns verwünschen werden, wenn sie den Streich merken! Das war aber auch nöthig; denn das alte runde Ding hier schleicht gerade so durchs Wasser, als wenn wir in einem Spülfaß säßen.«
Ein paar Schüsse wurden in diesem Augenblicke vom Ufer ihnen nachgefeuert. Entweder hatten die Insulaner den Verlust der Steine bemerkt und ersetzt, oder noch andere Musketen gehabt. Keine der Kugeln traf jedoch das Boot; eine zischte vorüber, und die anderen fielen schon zu kurz.
Sie näherten sich jetzt dem schmalen Eingang der Riffe, als sie die ersten Canoes der Verfolger aus einer geschützten Bucht vorschießen sahen. Durch Lemon's List waren sie aber hinlänglich aufgehalten worden, um den Flüchtigen einen ziemlichen Vorsprung zu gestatten, und da Leute genug im Boot saßen, einander abzulösen, so ließen sie die Ruder aus Leibeskräften arbeiten.
Die Indianer schienen ihre Canoes auch nicht alle auf einmal flott bekommen zu haben; denn als das Boot die Riffe verließ, folgten ihnen erst zwei, und ein drittes wurde eben sichtbar; dann entzog die über die Corallen stürzende Brandung das innere Wasser der Bai ihren Blicken, und sie konnten nichts weiter von dem, was dort vorging, erkennen.
Der Schooner lag etwa eine halbe englische Meile weiter draußen. Der Steuermann hatte aber vom Masttop aus die Flucht des Bootes und die verfolgenden Canoes bemerkt, ja, sogar die Schüsse von dort herüber gehört und, trotz der Gefahr, die ihm selber von den Riffen drohte, die Segel backgebraßt, seine Leute erst wieder aufzunehmen. Noch waren diese auch eine ziemliche Strecke vom Schooner entfernt, als die ersten Canoes schon im Eingang der Bai sichtbar wurden und mit reißender Schnelle näher kamen; aber überholen konnten sie das Boot nicht mehr. Jetzt lief es langseit, und wenige Secunden später kletterten schon die Matrosen mit lautem Jubelruf an den ihnen zugeworfenen Tauen empor.
Alle wußten aber, daß sie sich trotzdem nicht eher für gerettet halten konnten, als bis sie die Insel windwärts brachten und die drohenden Riffe hinter sich ließen. Die Segel flogen deshalb herum, um auch den geringsten Luftzug zu fangen, den ihnen die schwache Brise bot, und während der Bug nach Westen abfiel, an den Riffen hinzulaufen, sprang Mac Kringo an der Want des Vordermastes empor, einen Überblick nach der Insel zu gewinnen.
Er kannte nämlich das Binnenwasser von Monui genau und wußte, daß gerade nach Westen zu den übrigen Canoes ein anderer Paß blieb. Den mußten sie nehmen, wenn sie ihnen den Weg abschneiden wollten; und daß der Schooner nicht nach Osten entkommen konnte, war den Eingeborenen bekannt genug. In dieser Vermuthung hatte er sich denn auch nicht geirrt, denn oben kaum angelangt, erkannte er schon sieben stark bemannte Canoes, die über die glatte Bai herüberschossen und denen der Schooner gar nicht mehr vorbeilaufen konnte.
Es blieb ihnen jetzt nichts Anderes übrig, als sich zu einem Kampfe zu rüsten; denn daß die Insulaner, solcher Art um die schon sicher geglaubte Beute betrogen, ihren Angriff mit erbitterter Wuth machen würden, ließ sich denken. Jacobs erfuhr übrigens kaum die neue Gefahr, die ihm drohte, als er auch mit gutem Muth den Befehl gab, das Deck zum Kampfe klar zu machen. Die vier Kanakas hatte er allerdings an Land zurück lassen müssen -- und den Sandwichs-Insulanern schien diese Gelegenheit sehr erwünscht gekommen zu sein --, dafür war aber seine Mannschaft durch sechs tüchtige Matrosen verstärkt worden, und mit den zwei kleinen Kanonen, die er am Bord führte, hoffte er sich die Wilden schon vom Leibe zu halten.
Mac Kringo that es freilich leid, daß er jetzt vielleicht genöthigt sein sollte, auf die zu schießen, die ihn doch eigentlich freundlich aufgenommen. Dabei wußte er aber recht gut, daß sie keine Gnade zu erwarten hätten, wenn sie zum zweiten Male in die Hände der Eingeborenen fielen, und der Selbsterhaltung mußte jede andere Rücksicht weichen.
Ihre einzige Hoffnung war noch, daß die Brise stärker werden sollte, wo sie den Canoes dann bald entgangen wären. Im Gegentheil schien aber der Wind fast ganz einzuschlafen, und mit der Ungewißheit, nach welcher Richtung hin hier die Strömung ging, donnerte ihnen die Brandung schon drohend in das Ohr. Der Capitain ließ allerdings das Senkblei werfen, aber sie fanden, obgleich gar nicht mehr so weit von den Riffen entfernt, keinen Grund.
Gerade vor ihnen lief eine Corallenspitze ziemlich hoch nach Norden hinauf, und wenn sie diese umschiffen konnten, hofften sie an den dort mehr ablaufenden Riffen eher hinunter zu können. Gerade dort aber wurden jetzt die ersten Canoes sichtbar, während die drei, die ihnen gefolgt waren, ihren Angriff nur zu verzögern schienen, bis sie von ihren Freunden unterstützt werden konnten.
Der Capitain des Schooners hatte nicht gern die Feindseligkeiten eröffnen wollen, jetzt aber sah er ein, daß ihm keine weitere Wahl blieb; denn einen Erfolg konnte er sich nur, bei der großen Übermacht der Insulaner, in dem Falle versprechen, wenn es ihm gelang, sie etwas einzuschüchtern. Die vorn am Bug stehende Kanone wurde deshalb gerichtet, Jacobs ergriff selbst die Lunte, und die Kugel schlug gleich darauf so glücklich ein, daß sie das geschnitzte Hintertheil eines der Canoes wegriß und, wie es schien, den Steuernden beschädigte.
Das ließen sich die Insulaner übrigens zur Warnung dienen; denn während sie bis jetzt ihre Fahrzeuge auf einem Trupp zusammen gehalten hatten, vertheilten sie dieselben, und es schien, daß sie einen Angriff von allen Seiten und zu gleicher Zeit beabsichtigten.
»Da kommt die Brise!« rief da plötzlich der Steuermann des Schooners, der seinen Stand an der hinteren Kanone bekommen hatte, und als sich alle Blicke dorthin wandten, sahen sie, wie sich in der That die Oberfläche der See nach Osten zu dunkel färbte und kräuselte. Aber die Canoes mochten das ebenfalls bemerkt haben und wußten jetzt, daß sie ihren Angriff keinen Augenblick mehr verzögern durften. Die Ruderer strengten alle ihre Kräfte an, die verschiedenen, ihnen angewiesenen Plätze so rasch als möglich einzunehmen, und dies erreicht, glitten sie von allen Seiten zugleich heran.
Die Mannschaft des Schooners erwartete sie mit klopfenden Herzen, denn über das ganze Fahrzeug zerstreut, konnten sie kaum mehr als einen Mann jedem Canoe zur Abwehr entgegen stellen. Näher und näher kam auch der dunkle Wasserstreifen geflogen. Schon konnten sie erkennen, wie sich die kleinen Wellen tanzend hoben, und jetzt -- jetzt schlugen die Segel flappend gegen den Mast und -- blähten aus. Vorn unter dem Bug kräuselte und schäumte das klare Wasser, und während sie sich den vorderen Canoes rasch näherten, ließen sie die hinteren zurück.
»Alle nach vorn, Jungens!« jubelte da Jacobs' Stimme über Deck. »Das kam zur rechten Zeit! und Bill, du hältst den Schooner gerade auf das größte Canoe da vorne mitten darauf!«
Immer stärker wurde die Brise, schon begann sich das schlanke Fahrzeug ein wenig zu neigen, und die hinter ihm befindlichen Canoes durften nicht mehr hoffen zur rechten Zeit heran zu kommen. Trotzdem gaben die vorderen den Angriff nicht auf. Sie wußten wie wenig Leute ihnen die Papalangis entgegenstellen konnten, und daß die erste Kanonenkugel keinen größeren Schaden angerichtet, hatte ihren Muth noch eher erhöht. Noch ging das Fahrzeug auch nicht rasch genug durchs Wasser, daß sie nicht hätten anlaufen und entern können; aber mit immer größerer Anstrengung mußten die an der Seite Befindlichen arbeiten, um nicht zurückgelassen zu werden. Vor dem Schooner hatten sich jetzt vier Canoes gesammelt, und als er heran kam, wichen sie eben genug aus, ihn hindurch zu lassen. Gegen den Wind, wußten sie recht gut, konnte er nicht weiter aufluven, und unter dem Wind lagen die Corallen.
Jacobs kannte seinen Schooner, der nur aber bei mittelmäßiger Brise mit vier und einem halben Strich ganz vortrefflich segelte und dem Wind ordentlich in die Zähne lief. So wie er deshalb die Absicht der Eingeborenen merkte, war auch sein Plan gefaßt.