Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert

Part 9

Chapter 93,457 wordsPublic domain

Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner Verwunderung wahrgenommen, daß eine Menge leuchtender Kugeln über den Häusern schwebend erschienen. Nun erklärte sich das. Man erleuchtete nehmlich die langen graden Straßen mit doppelten Hohlspiegeln von beträchtlichem Umfang, auf hohe Säulen gestellt. Vor ihnen brannte eine kunstreiche, durch Luftzüge verstärkte Flamme, deren Licht aber, mittelst einer angelaufenen Kristallscheibe, sanfter erschien, so daß das Ganze den Vollmond um so täuschender nachahmte, als seine Karte auf die Scheibe gezeichnet war. Die Wirkung glich eben so, und ein traulich Silberlicht goß seine Schimmer in die Straßen und Plätze nieder. In der Mitte der Länge einer jeden Straße, brannte ein solcher Hohlspiegel, für die Erleuchtung nach beiden Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner Größe nach der der Straße richtete. Am Abend gab dies Heer von Monden der Stadt von Außen ein sonderbar liebliches Ansehn.

Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe ab. Nachdem jedem von ihnen ein Badezimmer angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen mit Rosenwasser gefüllten Wannen. Hierauf trugen wohlgekleidete Diener das Mahl zur Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren von Archangel, sehr von leckeren Gaumen beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kürbis an Größe übertraf, und aus Vogelnesten, wohlerhalten von Tunkin gebracht. Wein von Cipern und Buenos Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, perlten in Kristallflaschen. -- Warum gebt ihr uns Speise und Getränk aus ferner Zone? fragte Gelino einen Diener, ob ihr gleich in eurem gesegneten Lande köstlichen Ueberfluß erzieht. Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen gebracht, und gegen unsere Erzeugnisse vertauscht, war die Antwort.

Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr schöne, doch an Betragen überaus sittsam züchtige, Mädchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen sind zart und athmen Harmonie, doch die frisch lebendige Fülle, welche wir an den Grazien in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. Allein der Abkunft ist dies zuzuschreiben, ihre Vorältern lebten einst in argem Sittenverderb. Jetzt dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere Frauen, wie zu Berlin, und zwar sind sie das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen wissen, daß man nur durch Keuschheit sich die höchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin haben sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus umgewandelt. Merke dir übrigens das lehrende Wort, Guido!

Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, Ini zeichnete es mir mit heiliger Schrift in den Busen.

Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst hier einer Sitzung des ehrwürdigen Rathes, Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, und hier überhaupt lernen, welche Bewandniß es mit unserer Verfassung hat.

Noch wenig hörtest du von den Königen in diesem Erdtheil, wenn wir schon einige mit ihren glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist aber ein großer Segen für die Menschheit. Im Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu machen, und sie wählten das Verderben, über Fremde und Unterthanen gebracht, unter dem Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schöneren Beruf hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein, daß ihr Name wenig zur Sprache kömmt, denn so wird der Beweis, daß keine Noth über ihr Land hereinbricht, am besten geführt. Den Lohn für eine musterhafte Verwaltung empfangen sie beim Leben um so weniger, als Schmeichelei in Europa für das tiefste Verbrechen geachtet wird; doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, wohin ihre Urne gebracht werden soll. Haben sie die Bevölkerung gemehrt, erhoben sich Landbau, Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, kömmt sie in den Tempel der Unsterblichkeit, den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie aber die Regierung als einen Genuß, nicht als eine Pflicht an, gelangt sie in einen gemeinen Todtenacker, und wird der Vergessenheit übergeben. Auch ist es herkömmlich, daß dann die Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern nur sagt: In diesen Jahren herrschte ein König, dem das Gehorchen besser gewesen wäre.

Als nach vielen blutigen Jahren die neue Verfassung endlich gegründet werden konnte, wollte man erst die Könige wählen, und immer dem Weisesten in irgend einem Lande die Krone geben. Allein die Schwierigkeiten bei der Wahl mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes würde heuchlerischen Sinn hervorgebracht haben, und die Stifter des großen Bundes heiligten überall die Wahrheit. Aurelius, der große Kaiser, von dem du schon oft hörtest, behielt demnach die Geburtfolge bei, doch traf er die Einrichtungen so, daß, was früherhin nimmer geschehen war, auch die Könige zu ihrem Amte erzogen wurden.

Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit abweichend, je nachdem eingesammelte Erfahrungen die Ansichten umwandelten. Bei einer Erziehung, die es, unter sparsam eingepflanzten fremden Begriffen, auf möglichst vollkommene Entwickelung der Eigenthümlichkeit anlegte, hat sich gezeigt, daß sie dann mit dem wirklichen Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. Bei der möglichst sorgsamen, wissenschaftlichen Bildung ist es wohl geschehen, daß die Staaten Männer auf den Thronen erblickten, welche zu weit mit den Ideen über die Wirklichkeit hinaus drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum und Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu bringen, daß die Fürstensöhne, früh in ein Fündlinghaus gebracht, Herkunft und Beruf nicht erfahrend, solche Pflege genossen, daß an Körper- und Geisteskraft, vor allen Dingen Männer aus ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, bei welchen ihnen viel Willkühr gelassen wird, muß hauptsächlich ihr Nachdenken über die bürgerliche Verfassung wecken, sie gerathen in Lagen, wo sie, zum Handeln gezwungen, ihre ganze Thätigkeit kräftigen, hie und da giebt man ihnen, nach dem Maaße ihrer Fähigkeit, irgend ein Amt zu verwalten. Bisweilen schöpfen sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, oder an einem fremden Hofe lebend, wo sie sie ausgeübt beobachten, und müssen sich dann, unterrichtet über ihre Bestimmung, einer Prüfung des großen Rathes hingeben. Fällt diese Prüfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie regierungsfähig erklärt, wo nicht, sind neue Anstrengungen unerlässig. Denn, da es die Klugheit untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen, jemanden zu vertrauen, der nicht seine Tüchtigkeit dazu außer Zweifel gesetzt hätte, so gilt dies allerdings um so mehr vom höchsten, und eine so weit herangereifte Zeit als die unsere, kann sich nicht den Tagen roher Barbarei gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall überlassen blieb, ob ein Fürst sein Amt begreifen werde oder nicht, wo das frühe Gift der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die eigne Kraft so wenig Anreitz zum eignen Gebrauch fand, weil die Kraft der Diener für sie waltete, wo sie bald ihre Leidenschaften zum Gesetz erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte und ein sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter in unsinnigen Kriegen zertraten, bald ihres hohen Berufes vergessend, und mit elenden Kleinigkeiten ergötzt, ihre Völker jedem Sturm von Innen und Außen Preis gaben. Hart mußten solche Zeiten ihren Wahnsinn büßen, und das Loos der Könige fiel auch sehr traurig. Denn die reichen Genüsse freuten sie nicht, da sie keine Entbehrungen würzten. Die Wahrheit kam ihnen selten zu Ohr, und so im Dunkeln tappend, konnten sie fast nur durch ein Wunder, die ihrer Zeit jedesmal zuträglichen Maaßnehmungen ergreifen. Wissenschaft, die ihnen allein ein klares Auge hätte erziehen können, um durch die dicke Weihrauchumwölkung zu schauen, blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, eine Kunst, damals Politik genannt, und nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, ängstete sie unaufhörlich. Jetzt dagegen schirmt sie die Moral des Völkerrechtes, sie sind nicht nur heilig dem Unterthan, sondern allen Völkern, die das große Volk von Europa zusammenstellen, edel genug ist ihre Bildung um höhere Glückseligkeit, als die sinnlichen Genüsse oder eitlen blutigen Ruhm, erkennen und empfinden zu lernen.

Es ist übrigens hergebracht, daß vor dem dreißigsten Jahre kein Fürst das Szepter in die Hand nehmen darf, wird ein Thron früher erledigt, folgt eine Regentschaft.

Worin bestehn hauptsächlich die Geschäfte eines Königs? fragte Guido.

Er hat die Satzungen der drei Räthe entweder zu genehmigen oder zu verwerfen, und läßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit zur Vollziehung bringen, antwortete Gelino.

Aber könnten die Räthe nicht allein, durch Stimmenmehrheit, entscheiden, und mit Gewalt zum Vollbringen ausgerüstet sein? So bedürfte es keiner Könige.

»Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind dann, wie die Erfahrung bewies, leicht die Folge. Wir würden sie zwar weniger zu fürchten haben, als jene Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit selten, die Vernunft meistens den herrschenden Zügel führt, aber wenn alle Gewalten in eine Spitze auslaufen, ist die Rückwirkung nachdrücklicher.«

Beschränken übrigens diese Räthe den König?

»In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit andern Formen vertauschen, die er zuträglicher findet. Doch seit länger als einem Jahrhundert ließ sie jeder Monarch unangetastet weil er die Trefflichkeit der Einrichtung nicht verkennen konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am Besten befinden, muß er am vollkommensten mit dem Ganzen verinnigt sein. Die Räthe sind das Mittel dazu. Sie füllen den Raum vom Schlußstein der Piramide bis an ihre Ausbreitung, bilden diese vielmehr selbst. Unabhängige Gewalt ist den Königen darum verliehen worden, damit desto weniger Reitz zu ihrem Mißbrauch entstehen könne. Wer alles hat, kann nichts mehr fordern wollen. Die gute Verwaltung ist ihnen durch die Umstände auferlegt, denn verwalten sie schlecht, verlieren sie mit dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch hin. Doch ein Opfer müssen sie für den überwiegenden Genuß von Rechten, gegen andere Bürger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft muß die Güte des Opfers einsehn, und die Könige, auch ohnehin in Europa Republikaner, werden es dadurch gewissermaaßen noch mehr. Sie müssen sich -- dies ist Reichsgesetz und wird im Fall der Widersetzung durch die Gesammtkraft vollzogen -- der Süßigkeit entübrigen, ihre Kinder um sich zu sehn. Diese werden, wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, und das Gemeinwesen kann nur, vollkommen beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen, wenn sie überzeugt ist, sie der Einsicht zu übertragen.«

Welche Einkünfte genießen die Könige?

»Den Hunderttheil von allem Erwerb im Lande. Je bevölkerter und regsamer das Land ist, je höher steigt ihr Gewinn, also liegt es in der Natur ihres eigenen Vortheils, die Menschenzahl, durch Erweiterung der Subsistenz zu mehren, und die möglichste Freiheit zu ihrer Bereicherung zu gestatten. Und dies ist denn auch die beste Regierung. Geitz wäre Thorheit, und Thoren können die Throne einmal nicht besteigen, Verschwendung eben so, daher sieht man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, ihr Ruhm, sie den Königen auferlegt.

Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen, kann ihnen nicht einfallen, denn die Unsicherheit desselben würde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit lähmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, als sie im Einzelnen ungerecht sich bereicherten.«

Welche Ausgaben bestreiten die Könige?

»Sie solden die Räthe, ihre Hofhaltung, und legen eine jährliche Summe in den Gesammtschatz von Europa, den Krieg bestreiten zu helfen, wenn er gegen andere Erdtheile nothwendig wird.«

Von den drei Räthen habe ich manches erfahren, doch wünschte ich, du nenntest mir ihre eigentliche Bestimmung genau.

»Sie sind mit der Religion oder Moral, was Eines und Dasselbe geachtet wird, verbunden, und die Klugheit gilt auch wieder eben so viel. Die höhere Religion, auch mit dem alten Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen abgezogen, hat darauf keinen vom Staat gelenkten Einfluß, jeder Einzelne mag zu seiner inneren Würdigung davon zu erkennen suchen, was er vermag, die Feste des höchsten Wesens, vom Volke unter dem Himmelgewölbe begangen, sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert dort mit dem Herzen. Alles das ist dir bekannt, und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer eingestanden, welche bei solchem Anlaß über dich kamen. Doch die irdische Religion, in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das Leben schöner mit der Idee zu gatten, steigt auf zur Verehrung hoher Simbole und auch wieder nieder in die Welt vorhandener Dinge, kräftiger und erleuchteter zu heiligen. Du knietest oft gerührt im Christustempel, dem ersten von allen. Seine Priester haben einen obern Sinod, aus den würdigsten gewählt, sitzend im Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. Christus ist uns Heros, oder Beschützer und Verklärer der Erziehung und des Brudersinnes. In seinem Geist, und auf den Zeitfortgang merkend, haben also die Würdigen aus denen jener Sinod zusammen gestellt ist, über Erziehung und Brudersinn zu wachen, dem Volke Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, auf jede Weise zu bereiten, es durch Rath und auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fürsten Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschläge darzubringen, wie neue Stufen der Vollkommenheit zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung hat aber einen weiten Umfang. Es begreift nicht nur die Abhärtung und Bildung der Jugend, auch die Erziehung des Geschlechtes durch höheren moralischen Adel zu glücklicherer Wohlfahrt. Dies kann auf keinem anderen Wege geschehen, als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn der Lebensnothwendigkeiten erhöht. Daher stehen nicht nur die Schulen, sondern auch der Landbau, und alle nützlichen Handwerke, unter der Leitung des Christustempels. Der obere Rath spaltet sich in die besonderen Kammern und hält in den einzelnen Bezirken untere Verweser, gemeinhin Tempeldiener zugleich, welche heilsame Sorge tragen, und vorzüglich ihrem Beruf darin nachkommen, daß sie den weisesten Aufflug in Allem beachten, ihm, nach weisen Anzeigen, so viel als möglich die Richtung geben, und, indem alle Weisheit in ihre Körperschaft strömt, diese auch wieder der Quell sei, aus welchem das Volk schöpfen könne. Der Brudersinn ist zum Gedeihen aller Volkthätigkeit nothwendig, weil ohne ihn, ein Theil dem andern, überall Hindernisse legen würde. Er folgt jedoch aus ihrer höheren Vollkommenheit von selbst, denn weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, sich immer mehr verringern muß, sind die Hauptwurzeln aller Feindseligkeit auch immer mehr vertilgt. Ermahnungen in frommen, verständigen, öffentlichen Reden, Belebung des Funkens der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre und Beispiel, die rührenden Künste zur Mitwirkung rufend, werden keineswegs versäumt; doch strebt man am mühsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung und Geselligkeit, dem Sterblichen durch die Hand der Natur gegeben, in Einklang zu bringen, wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. Du lerntest nun übersichtlich den ersten Rath der Könige und seine ausgebreiteten Verwaltungzweige kennen. -- Der zweite Rath hängt mit der Verehrung des Moses zusammen. Dieser ist Heros der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich dies auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde dir im großen Feldlager kund. Reden wir von dem bürgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa uns ein weit größeres, vollständigeres Leben zu Theil wurde, das immer neue Verhältnisse schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie glücklich die, von Wahn gereinigte und durch die Künste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb zum freien Guten umgewandelt ist; in welche zarte Mistik, die Grundlinien der Bürgerehre verwebt wurden; wie klar das, in früher Erziehung geübte Kombinazionsvermögen, die Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erweiteten und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fernen suchten, was gereizte Begierden wecken, niedere Leidenschaften entflammen kann; immer war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf _sich_ beziehen, und sind die Verbrechen gleich bei weitem seltener als Ehedem, hören wir, Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen, die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur entweihten, so wird das Gesetz doch bisweilen umgangen, und ein ernsterer Widerstand in warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig. Er geht vom Mosestempel aus. Hier wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl, von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Strafsatzungen haben gemindert werden können, indem die traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten, abnahmen. Hier werden auch Streitigkeiten über Eigenthum, bei denen kein böser Wille, sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet. Doch nicht, wie vormals, hält sich die Gerechtigkeit verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor der Menge Augen, übt sie ihr wohlthätig Amt. Auch predigen die Richter dem versammelten Volke, erklären das Gesetz, beweisen sein Heil, schärfen seine Würde, und zeigen vorzüglich den Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft, auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine Klage über Gewaltthätigkeit -- die letzten Jahre zählten sie sparsam -- so dingt derjenige, welcher die Beschwerde zu führen hat, einen Maler, der die kränkende Handlung nach der Natur darzustellen hat. Das Gemälde wird vor den Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. So braucht es der Anwalde Beredsamkeit nicht. Doch, der Recht verwaltenden Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen auch die schönere Obliegenheit geworden, Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den Bürger vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung verdient machte, der irgend etwas erfand, wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer langen Reihe von Jahren durch häusliche Tugenden ehrwürdig, den alten treubewährten Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder Ehrenzeichen. Die ältesten, tadellosesten, weisesten unter allen Mosespriestern, bilden in der Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. -- Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die schönen das Leben schmückenden Künste, die Poesie, die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der Obhut der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung in der Gesellschaft gebührt, und ihre Moralität so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie eignen erhebenden Kultus, werden in Reden edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt, ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht erläutert, ihr Sinn für das Schöne und Gute geschärft, wodurch sie an Anmuth und Liebenswürdigkeit zunehmen. Bei uneinigen Ehen wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden. Die edleren unter den edlen dieser Priesterinnen, stellen des Königs dritten Rath zusammen. Eine frühere Zeit würde über den Rath von Frauen gelacht haben, und doch ist er so angemessen. Auch hat ihr feiner Sinn schon des Guten unendlich viel gestiftet.«

Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!

»Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht über den Frieden der Republik, läßt die Heere ins Feld rücken, wenn der Kampf unvermeidlich wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze der Rekrutirung sind bleibend, nicht der Fürsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch ziehn die Könige nicht mit ins Feld, da sie ihre Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch eines Krieges fällt. Die Uebung der Truppen und Flotten, die Vervollkommnung derselben durch besser erkannte Technik, stehen unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet über einzelne Fälle, theils allein, theils nachdem der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine Aussprüche zu sankzioniren, insofern von Streitigkeiten der Könige gegen einander, oder von Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom seinen Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum Grunde, daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen werden soll. Die Telegraphenlinie kann ihm zudem in wenigen Stunden von den Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser hat auch sein Königreich, und zwar das größere, aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen. Seine Vorfahren hätten bei ihrem großen Waffenglück leicht ganz Europa sich _unbedingt_ unterwerfen können, sie wollten es aber nur durch die gegenwärtige Verfassung _bedungen_, wodurch das weite Reich bequemer regiert, und der immer fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn gelassen wird.«

Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte viel über die Verfassung von Europa nach, es drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie noch gesteigert werden könnte, und er nahm sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen. Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine Vorschläge gut wären, er sicher auf das Vergnügen zählen könne, sie in Ausführung gebracht zu sehn.

Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht oder Völkertribunal seine Sitzungen hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen, ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden Fittigen über die majestätvolle Gruppe. Im inneren Marmorsaale empfand Guido fromme Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung der Greise sah, denen schneefarbne Bärte auf den Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben ein rührend Schauspiel.

Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs ward in den Saal gebracht, von seinen vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende Menge, aus der Ferne gekommen, die der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach, einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen den Tempel der Unsterblichkeit zu bewilligen.

Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete der hohe Senat, allein es darf uns nicht bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer König das Grab des Ruhmes verdiene?

Nun drängten sich besondere Sendungen der Räthe in den Staaten des Todten hervor. Sie reichten Schriften ein, worin die Zunahme der Volkzahl während seiner Regierung berechnet stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten; ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden sei. Die Papiere wurden laut verlesen. Bedächtig horchten die Greise, rührende Blicke auf die Urne wendend. Nach den Berathungen einer Stunde sprachen sie einmüthig aus: Seine Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab, wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.