Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert
Part 6
Dies geschah. Guido bestieg mit seiner Beute den Nachen, und man eilte durch die Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen erst anlangte, denn das Gefecht hatte eine unglückliche Wendung genommen, die Europäer waren weit zurück gedrängt worden.
Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der Feldherr war geblieben. Getrost, rief er, ich bringe vorerst eine Hülfe, das Weitere wird sich finden.
Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte die Flasche, mittelte die Bestandtheile aus, und traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge zu fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, die in großer Zahl schmachteten, versucht, und alle sahen sich nach wenigen Stunden hergestellt. Die Art des Gebrauchs enthüllte sich schon aus der Natur dieser Arzenei. Sie wurde auch schnell nach den rückwärts liegenden Ortschaften gesandt, wohin sich das Uebel auch schon verbreitet hatte.
Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im Heere, da keine Pestpfeile mehr zu fürchten standen. Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. Kein Neid trübte einen so rein verdienten Dank.
Die Aeltesten ordneten eine neue Heerführerwahl. Jeder im Heerhaufen nährte denselben Gedanken. Mag der Jüngling selbst nicht das erste Lehrjahr bestanden haben, sein Geist, seine Thaten erheben ihn zum Würdigsten. Man zog die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern umhergegangen war. _Guido_ stand auf jedem Papier.
Er war beschämt, verlegen -- doch klopfte sein Busen von nicht geringer Freude. »Was wird Ini sagen, wenn sie davon hört!« dachte er, dann -- gab er Befehle.
Eine weite Umzingelung des Feindes schien ihm in diesen Waldungen das Dienlichste. Jeder Krieger empfing eine kleine Viole von dem Gegengift, um nun bei einer Wunde sogleich einige Tropfen davon anwenden zu können. In der folgenden Nacht traten die Flügel ihren Weg an, um sich in den Rücken des Feindes zu begeben. Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an den Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. Ein Morast, durch den die Tatarn nicht dringen konnten, begünstigte an einer Seite den Entwurf, an der andern ließ Guido schnell eine Meile lang die Bäume mit Knallsilber umwerfen, daß auch dort der Ausweg gesperrt wäre.
Dann begann der Angriff von zwei Seiten in der nämlichen Minute. Die Tatarn erschraken, da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen nicht mehr inne wurden. Ja, Bestürzung verbreitete sich unter ihnen, als einige gewahrten, die Verwundeten der Europäer bedienten sich eines Gegenmittels. Die nehmliche Entdeckung hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit über diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit gesetzt nach dem Norden zu fliehn.
Man drang scharf ein. Die flüchtige Eil der tatarischen Rosse half nicht, da zu beiden Seiten der Feind anrückte. Im Nahekampf hatten die europäischen Waffen den Vorzug.
Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwägend, sammelte auf den Ton eines weitschallenden Instrumentes eine große Masse und suchte mit dieser durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, begann an der Spitze einiger Tausende ein Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf eine große Mine, deren Explosion in dem Augenblick erfolgte, als der Vortrab des Gegners den unterwühlten Boden betreten hatte.
Gräßlich schauderhafter Anblick, als Tausend entwurzelte Eichen dem Aether zuflogen! Doch wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als die Baumtrümmer, die zu Tausenden zerrissenen Gäule und Menschen, wieder dem Gesetz der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten als man erwartet hatte. Manche darunter wurden getödtet, selbst Guidos Pferd von einem großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging jedoch den Gefahren glücklich, und bestieg ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Tatarn zu vollenden.
Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, wandte sich nach einer andern Gegend. Guido ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von allen Seiten an. Nicht überall konnten die chinesischen Schilde decken, große Verheerungen bewirkten die europäischen Feuerröhre. Endlich traf Guido auf den Feldherrn selbst, ein innig gefühlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns beide kämpfen; wer fällt, dessen Schaaren sollen sich dem andern ergeben!
Der Tatarfürst war es zufrieden und warf seine Lanze. Sie würde, wohl zielend, Guidos Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht mit seinem Schwerte hinweggeschlagen hätte. Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht neben seinen Gegner hin, ihm den Degen in die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der Andere auch mit fechtender Geschicklichkeit den Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar sandte einen Pfeil nach, verwundete es tödtlich, und Guido mußte auf den Boden springen.
Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse über den Haufen zu rennen. Ohne hohe Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er dachte an Ini, und fühlte neue Kraft durch seine Adern strömen. Er wich rechts und links dem schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick und bohrte das Eisen in seinen Bauch. Mit großem Getöse fiel es in den Staub, nachdem es durch die letzte krampfhafte Bäumung den Reuter weggeschleudert hatte.
Dieser stand aber auch gleich wieder auf den Füßen und Schwert gegen Schwert wüthete. Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an ihrer Kraft brachen beider Klingen. Nur die Arme blieben den ergrimmten Kämpfern noch übrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich umschlangen sie sich damit, und geriethen auf das Eis eines kleinen Sees, der dort lag.
Der Tatarfürst schien an Nervengewalt seinem Feinde nicht nachzustehen, doch lebte ihm keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine Heldenkraft verdoppeln konnte. Allein vor Guidos Seele stand Inis segnendes Bild und neue Götterflammen strömten in seine Brust. Mit des Bildes Erscheinung lebte auch das Triumphgefühl in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, hoch den Tatar empor zu heben und ungestüm gegen die gefrorne Fläche zu werfen. Der Fall des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, die Gebeine des Nackens waren zerschellt, weit glitt der Leichnam auf das klare Eis hin.
Guido nahm das zertrümmerte Schwert, den Panzer und eine Diamantkette, die an der Brust des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die Europäer ließen Sieggesang ertönen, die Räuberhorden flehten um Gnade und lieferten die Waffen ab.
Man fand großen Raub im Lager, den Guido unter die geplünderten Landleute vertheilen hieß. Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen sich zum Andenken des Tages zuzueigenen.
Noch wurde auf die hie und da zerstreuten Feinde Jagd gemacht, von denen auch keiner entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen bewachend eingeschlossen, eilte der Heerhaufen zurück nach dem großen Lager. Das Volk der Gegend erwartete Guido überall an den Wegen, und brachte dem Retter von Tausend Schrecken sein Dankopfer in Freudenthränen.
Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit Artillerie und andern Erfordernissen versehn. Es war im Anzuge, da man aus den Berichten entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu gering geachteten Feinde, nicht vollen Widerstand leisten können. Auch befanden sich viele Aerzte im Gefolge, die Natur der Seuche zu prüfen. Krankheiten waren diesem Zeitalter verhaßt und schrecklich, denn es war in Europa weit damit gekommen, sie auszurotten. Seit Jahrhunderten wußte man nichts mehr von Kinderblattern, die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, hatte man dadurch verbannt, daß einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, an einem ausgeschriebenen und der Menge geheim gehaltenen Tage, eine jede Person, ohne Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung bewerkstelligt wurde. Andere Welttheile waren klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und die Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. Dem Heere von Fiebern mancher Art, widerstanden die durch gute phisische Erziehung und Mäßigung in den Leidenschaften, gestählten Organisazionen. Geist und Körper bewegten sich bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam übte man die Sorge für gesunde Nahrung, als daß Gicht und Podagra hätten foltern können. Langer Gebrauch der Milch bei den Kindern, viel frühes Laufen in freier Luft, bildeten die Lungen vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten nur höchst seltne Erscheinungen sein. Jene Resultate von Verderbniß der Säfte, in alten Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, waren mit ihren Ursachen verschwunden. Die Aerzte fanden unten diesen Umständen wenig Beschäftigung, als bei zufälligen äußeren Wunden, oder der auch nicht schwierigen Geburtshülfe. Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel geübte, und auf das Leben überall angewandte Kunst, und bekleideten demnächst, bei den Erziehungsanstalten, heilsame Aemter. -- Immer höher reichte das Leben der Menschen hinauf, immer gewöhnlicher führte eine sanfte schmerzenlose Entkräftung hinaus.
Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des Zeitalters gegen den Mann sein, der die Verheerungen der Seuche durch seine tapfere List abgewendet hatte. Indem die Aeltesten in dem anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus und entgegnete: Es war immer doch nur zufällig, wenn ich das Gegenmittel fand. Hätte ich es selbst entdeckt, bereitet, dann wollte ich euer Lob annehmen.
Daß er den Feind schon überwältigt hatte, freute jene Soldaten desto weniger. Sie hätten gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch erklärten die Männer im großen Heeresrath einmüthig, man müsse beim Strategion darauf antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu Moskau hielt.
Wie würde mir, dem Jüngling, das ziemen, rief er. Nein, ich bitte um meine Entlassung, da ich meine ferneren Reisen anzutreten denke. Giebt es aber einst neuen Krieg, dann stell' ich mich.
Bescheidener! rief ein Unteranführer, du bist in solchem Fall nicht sicher, daß ein großes Heer dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein Name von Ohr zu Ohr gedrungen.
O, dies anzunehmen, müßte ich noch weit mehr Wissen errungen haben, antwortete Guido. Doch einige Vorschläge, zu Verbesserungen, an dem schweren Geschoß, und den Minen, bitte ich noch von mir anzuhören. Die Erfahrung dieser Tage lenkte mich darauf.
Die künstlerischen Soldaten wurden hier ein wenig schwierig. »Wie, er diente nicht in unsrer Mitte, und hofft uns lehren zu können, was wir noch nicht wissen?«
Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten des Erfinders Freunde.
»Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!«
Auch diese hat er gesammelt.
»Aber nicht in zulänglicher Summe.«
Man sieht, daß die Männer, bei allem Voraussein eine Tradizion von ihren Urvätern durch den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig waren sie nicht. Sie prüften -- gingen vom Tadel zur Billigung über -- und nahmen an.
Guido hatte aber noch eine andere Idee umfaßt, die er gern zur Ausführung bringen wollte. Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches, sagte er im Rath der Anführer, habt ihr von mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel hatte, laßt mich nun etwas für die Schönheit thun, die ohnehin eine gute Wirkung nicht verfehlen wird.
Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer Erfindungen bestimmt war, wurden ihm beliebige Summen zugewilligt, über die nöthige Personenzahl konnte er entscheiden. Er ging eilig an die Ausführung, und der Arbeiter Gewandheit stillte bald seine Ungeduld.
Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig Adlern gezogen, die für einige Hundert Menschen Raum enthielt. Zwei Silberpauken, mäßigen Häusern an Umfang gleich, befanden sich darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch Maschinen gerührt. Zudem metallene Hörner von der Länge einer Tanne, deren hintere Mündung an einen großen Blasebalg gebunden war. Diesen konnten zwei Männer durch einen Schnellhebel leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur einen Ton, und es galt geübte Aufmerksamkeit der Spielenden, ihn richtig anklingen zu lassen, wenn das auszuführende Stück es verlangte. Aehnliche Trompeten waren auch in guter Zahl vorhanden, und Posaunen, welche sehr tief und kräftig ansprachen. Darüber hing ein reingestimmtes Glockenspiel, dem akkustische Kunst eine gewaltige Resonnanz gegeben hatte.
Guido sahe bald alles dargestellt, und übte ins Geheim seine Künstler zur Fertigkeit. Dann sagte er den Heeranführern: Rücket aus mit den Truppen. Ihr sollt eine Musik vernehmen, dem gesammten Heere, durch das Klirren der Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer Kanonen, hörbar. Töne ermuthigen in der Schlacht, füllen dem Tapfern mit noch edlerer Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie sollen alle Streiter bezaubernd ergriffen werden. Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen eines großen Kampfes. Zu den Wolken stieg der graue Dampf ihrer Röhre der Himmel war verhüllt. Da ließ Guido das mächtige Feldorchester über sie schweben, dreihundert Klafter hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. Die Musiker hatten die Ohren dicht verstopft, nicht Taubheit davon zu tragen.
Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm des Klanges niederbrauste, auf Meilenfernen in gleicher Gewalt hörbar. Es war, als ob der Gott der Heerschaaren in den Lüften waltete, seine Treuen durch himmlische Melodien zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzückt, wonnetrunken, horchten die staunenden Helden. Warum ist kein Feind da, den wir, von den Harmonien umströmt, bekämpfen können, riefen sie. Zu unüberwindlichen Löwen erhübe uns die wundervolle Magie.
Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, so flogen ihm nunmehr alle Herzen zu, denn diese Krieger bargen Schönheitssinn. Die Erfindung ward auch einmüthig angenommen, doch bestimmten die Anführer ihren Gebrauch nur für den Ernst, im Frieden sollte sich das Ohr der Soldaten nicht daran gewöhnen, damit einst in der Schlacht die Wirkung höher reichte.
Guido wandte sich nun heimlich von den Truppen, dem schmeichelhaften Abschied zu entfliehn, und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino freudig in die Arme schloß.
Sich hier selbst mehr gegeben, prüfte er seine Gestalt an Spiegeln, und ward froher noch über die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen Augenblick, wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn der tatarischen Horden zu überwältigen. Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte seine Schönheit zugenommen. Entwickelter zu einer reinen Uebereinstimmung, stellten sich die Verhältnisse der Arme, des Leibes, der unteren Theile dar, heller glühte das muntere Inkarnat der Wangen, durch die viele rüstige Bewegung in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte ein unglaublich frohes, edles Feuer, eine stolze Sicherheit, erzogen durch das siegende Bewußtsein vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des Stolzes im Selbstgefühl, wenn schon durch Bescheidenheit in gemessenen Schranken gehalten, daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit entstehn ließ, der andere durch Tadel beleidigte. Der Hochsinn, bei den Gefühlen der Liebe und den Entzückungen der Künste, hatte immer nur sanft des Oberhauptes Rundung emporgehoben, die ungestüme Heldengluth aber, in ihrer, besonders den hohen Theil im Gehirn bewegenden Seelenthätigkeit, hatte sie schnell hinausgedrängt, und wie es Guido schien, bis an die Linie welche Inis Ideal verlangte. Dagegen wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, konnte er mit seiner Stirn noch nicht zufrieden sein. Denn dort war immer noch nicht genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikuläre mit dem Kinn, da sie gleichwohl um ein Gutes hätte vordringen müssen. Guido sagte sich unter diesen Umständen, was ich bisher dachte, war noch immer nicht genug, der Summe nach, oft auch nur flüchtiger Aufflug der Imaginazion. Ich muß mehrere Gegenstände in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende schwere Kraftübung des Denkens, des Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich mich auch vorzüglich mit Dingen zu beschäftigen, die die Empfindung ausschließen, rein abgezogen sind. Nur so ist das vorliegende Mark des Schädels thätig, wächst an und stößt seine gestärkte Hülle weiter. Die Hoffnung, auch das werde gelingen, erhob seinen Muth.
Er schrieb an Ini, ihr seine Trophäen sendend:
»Einem andern Mädchen dürfte ich schon kühn nahen, und um ihre Hand werben. Denn ein stattlicher Ritter, leg' ich der Geliebten Feindes Waffen zu Füßen, und schmücke sie mit einer Eroberung. Du aber steigerst deinen Vertrag, und darfst, du Göttliche, höhern Preis auf dich setzen. Je mehr ich sinne und handle, je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife ich, wie deine Idee menschlicher Würdigkeit weit hinaus liegt, über alles, was schon Sterbliche thaten. Ich müßte vor diesem reineren Erkennen verzweifeln, deiner Forderung glorreich Genüge zu thun, hätte ich nicht die Wunderkraft fühlen lernen, die dein Bild in meine Adern gießt. So aber beginne ich hoffend den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in mir, das dich um Beistand anrufen kann, wie in jenes Kampfes Stunde, wo gnädig mich die Göttin erhörte.«
Gelino sagte darauf, laß uns eine andere Wohnung beziehn, wo wir mehr Schutz gegen die Kälte finden. Der Winter ist strenge, immer höher deckt sich der Boden mit Schnee.
Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, doch dem schwächeren Greis nachgebend, folgte er willig.
Sie traten am Abend in ein geräumig Haus, dessen Zimmer trefflich durch Oefen erwärmt und artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen über die Reise aufzeichnen, und die Geschichte deines Feldzugs? fragte Gelino. Der Jüngling dankte ihm für die Erinnerung, und eilte um so eher zu schreiben, weil ernsthaftere Beschäftigungen dem eben gefaßten Vorhaben entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, und einer Stunde beim Mahl, wich er nicht von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestört, weil ihm dünkte, das Haus bewege sich. Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Italien, die Zeit und die Stärke einer solchen Naturerscheinung zu berechnen, oder sie abzuwenden von den Städten, mittelst tief gewühlter Brunnen, durch welche das tiefe Feuer einen Ausweg findet?
Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind die Erdbeben selten, und träte ja der Fall ein, würden die Naturkundigen schon zeitig warnen. Glaube nicht, man sei hier noch so unwissend, wie in rohen Jahrhunderten einst durch ganz Europa, wo Städte zertrümmert wurden.
Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? fragte Guido staunend.
Sieh da die Folge deiner Säumniß, Geschichte zu lernen, strafte der Lehrer. Lissabon und selbst unser Messina haben einst furchtbar dadurch gelitten. Du weißt viel, erfindest viel, dennoch schöpfest du zu wenig aus dem rechten Quell.
Du hast Recht, gab Guido zur Antwort hier sieht mein Streber noch ein weites Feld. O ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben und manches Andere.
Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland kommen. Da magst du dich mit Elementen vertrauen und deinem künftigen Denken neue Richtungen geben.
Der Zögling hatte nach dreien Tagen seine Arbeit vollendet. Freilich waren darin nur hingeworfene Bemerkungen und kurze Uebersicht der Thatsachen zu finden; die Ursachen der Erscheinungen aufzusuchen, fiel ihm noch nicht genug ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, hatte zu vielen poetischen Anstrich. Entzückt sein, hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino beruhigte sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem jugendlichen Genie könne erst die Gründlichkeit als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte Gelino.
»Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir bequem?«
Eine noch bequemere.
»Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig ins Freie. Seit drei Tagen kam ich nicht unter dem Dache weg.«
Sie traten hinaus. Guido sah einen großen schönen Platz, ihm unbekannt. Was ist das? fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und glaubte doch ganz Moskau durchirrt zu haben. Auch schien mir, unser Haus läge in einer engen Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen.
O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino lächelnd.
Guido blickte ihn verwundert an.
Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. Das Haus war ein Schlitten. Du hast nur einigemal einen kleinen Anstoß gespürt. Sonst glitten wir in den drei Tagen sanft über den Schnee hieher.
Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte er, wie mir vor dieser Reise ein wenig bangte. Durch die Luft, fürchtete ich, würde es dir zu kalt sein, und wie ein Wagen eine Bahn in der starren Winterdecke finden werde, konnte ich nicht begreifen.
Sie besahen nun die schöne Stadt, reich durch einen üppigen Handel, und einen glänzenden Fürstenhof. Guido nahm jedoch einen andern Nahmen an, denn sein Ruf war vorangeeilt, und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien betäuben, als in seiner Lernbegier stören lassen.
Unter den mannichfachen Sehenswürdigkeiten, gefiel unsern Reisenden nichts mehr als die Wintergärten, welche man hier angelegt hatte, um das Anschauen grünender Natur nicht so lange zu entrathen, als der unfreundliche Himmelstrich gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine solche liebliche Anstalt; die weitläuftigste darunter war jedoch öffentlich, wurde von der Gesammtheit erhalten, und es stand jedem Einwohner und Auswärtigen frei, sich dort zu vergnügen.
Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen Raum von mehreren Tausend Schuhen im Gevierte. Der ganze Boden war hohl, Pfeiler von großem Umfang trugen seine Gewölbe, und durch viele Eisenöfen, deren Züge und Röhren künstlich umhergeleitet waren, empfing die geläuterte, auf alle Weise fruchtbar gemachte Erde, die auf dem Gewölbe lag, Erwärmung.
Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand oben etwas inne. Man trat durch ein Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem geräumigen Saal führte, schon milder in seiner Temperatur als jene. Durch doppelte und verhüllte Thüren, damit die Kälte nicht eindränge, gelangte man weiter.
Aus diesem Saal führten andere Thüren in eine breite Gallerie, deren hohe bis zur Erde reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen gingen.
Und wohin? Durch die starre Kälte, wie Dezember und Januar unter dieser Breite geben, trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, das Haar mit Eis behangen. Aufwärter reinigten die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und säuberten des Ankömmlings Locken. Im andern Saale fand man den Pelz beschwerlich, und gab ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlüfte, das Auge blickte froh durch die Fenster hinaus auf liebliche Grüne, auf Veilchen, Jonquillen und Rosen.
Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund dar, reich an Florens Pracht, mit holdem Duft labend, begränzt durch dunkle Katalpenbüsche, aus denen reizende Marmorgebilde winkten.
Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße Wandlung durch den kleinen Platanenhain, an silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel, wo sich hinter Teichen weite Aussichten in reizende Gebirglandschaften öffneten. Der Staunende, nicht vertraut mit des kleinen Paradieses Kunst, begriff nicht, was er sah, und rief die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen und Hesperidengärten in die Erinnerung.
Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte sich von dem Heiligthume zu trennen? Im Dämmerlichte gewannen die mannichfachen Schönheiten erhöhten Reitz, Nachtigallen flöteten aus Blüthenzweigen nieder, in Jasminlauben horchten die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald stieg aber der Mond empor, hoch im Norden am Aether hangend, und goß seine Schimmer verklärend nieder. O Ini, seufzte Guido tiefbewegt, könnt' ich an deinem Arme hier den Himmel fühlen!
Und wie hatte der kluge Fleiß dies alles geschaffen? In den dicken Mauern der Umgebung lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die großen, hie und da zerstreuten, Eichen und Fichten, waren durch Kunst der Natur nachgeahmt, zum Theil hohl, um in den durchgeführten Röhren Wärme auszuhauchen, damit auch oben eine gleichmäßige Temperatur erzeugt würde, zum Theil bestimmt die hohe Glasdecke zu tragen, die sich zwischen ihnen in kleinen Gewölben senkte und hob.