Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert
Part 12
Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige Minuten darauf brach er aus: O daß ich keine Eltern kenne, und so süße Gefühle, wie die kindlichen, mir versagt wurden! Erst bei den Fündlingen erzogen, hernach unter deiner Leitung, die mich allerdings keinen Vater missen ließ, ahnte ich tiefere Empfindungen nicht. Allein, nachdem ich auf der Reise so oft das entzückende Schauspiel eines engen Familienbandes sah, beweinte ich im Stillen mein hartes Loos.
Gelino drückte ihm gerührt die Hand. Geduld mein Sohn, vielleicht findest du einst deinen Vater.
Stürmische Ungeduld entbrannte in dem Jüngling. Von süßen Hoffnungen wogte sein Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das Geheimniß seiner Geburt aufzuklären, wenn er anders den Schlüssel dazu hätte, oder wenn er nichts genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu nennen. Der Lehrer brach aber gemessen ab, empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lösung seines Schicksals. Es war Guido bekannt, daß er, wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat, er mußte sich also mit Geduld waffnen, obgleich die Neugier über seine Herkunft jetzt heißer als je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in ihm aufstieg. Er tröstete sich wohl über den Mängel an Kindesliebe, weil ihn Inis Liebe beseligte, und sein Herz so warm an den edlen Lehrer hing, doch meinte er immer wieder, dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glühend zu umfassen.
Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben, und einen Miethpallast, wie es deren für sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer Anwesenheit bestellt. Sie kamen nun dort, von den Dienern des Wechslers geleitet, an. Er war aus rothem und weißen Marmor gebaut, hatte ein stark übergoldet Bleidach, das im Strahl der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche, glänzende Dienerschaft, stand am Portal. Die innere Einrichtung entsprach der äußeren Pracht vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wände mit dem köstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere mit staunenerregenden Meisterwerken der Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal hier, den die Standbilder der neun altgriechischen Musen, zu Athen gefertigt, schmückten, und zum Personal des Pallastes gehörte zugleich das treffliche Orchester, was sich auf Verlangen des Miethers hören ließ. Eben so ein kleines Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. Ferner eine große Bibliothek, der einige Gelehrte vorstanden. Der Speisesaal war mit Silbergeschirren erfüllt, goldne Lampen hingen von den Decken nieder. Das Bad war den altrömischen ähnlich, welche die Kaiser Trajan oder Tiber anlegten. In der Küche bereitete man sich, wie einst bei Apicius, immer auf eine große Zahl von Gästen, doch viel schmackhafter noch als bei jenem waren die Speisen zugerichtet, was jetzt um so mehr anging, da die Küchenchemie eine eigne weitläuftige Wissenschaft galt, über die Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde gehört, lasen. Noch fand man im Hofe Wagen aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen andern mit Adlern, und mehrere schöne Gondeln, denn ein kleiner Kanalarm führte von dort nach dem Strome. Auch ein schönes Landhaus mit weitläuftigen Gärten gehörte noch zu diesem Miethpallast. Allerdings gab man aber auch eine Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten angemessen war.
Guido fragte: Wie ist es möglich, Unternehmungen der Art zu wagen?
Wirkungen des Reichthums, antwortete der Lehrer. Das ewige Zuströmen der Fremden nach dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie sendet es wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen, was die Fremden ferner anreitzen kann. Es prangen mehrere Gebäude der Art, und selten stehen sie leer, weil es vermögende Wanderer genug giebt. In den vergangenen Jahrhunderten wären Erscheinungen der Art unmöglich gewesen, weil man da weder Freiheit, noch Thätigkeit, noch Kenntniß genug, über den beweglichen Umlauf der Reichthümer, und ihre Vermehrung der Erzeugnisse während ihrem schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige Reiche und unerhört viel Armuth. Jetzt sieht man Jene in großer Zahl und diese ist meistens verschwunden. Große Entwürfe im Handel oder anderer Art, klug und glücklich ausgeführt, bereichern um so leichter, da sie auf den allgemeinen Wohlstand berechnet sind. Damit aber dennoch, nicht wenige Familien zuletzt so viel wuchernd an sich reißen können, daß andere von ihnen abhängig sind, ist die überaus weise Erbschaftsteuer eingeführt worden, die den Zweck vor Augen hat, den Erwerber zwar die Frucht seiner Thätigkeit vollkommen genießen zu lassen, dagegen aber die Unthätigkeit der Erben, die von der Arbeit des Todten müßig schwelgen möchten, nach Möglichkeit abzuschneiden. Je vermögender, je höher die Steuer vom Nachlaß, und sie steigt auch nach Maaßgabe der näheren oder weitläuftigeren Verwandschaft der Erben. Dies hat zur Folge, daß der Reichgewordene auch bei seinem Leben viel wieder in den Umlauf giebt, und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten, und insofern sie nicht unmoralisch ist, Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen, Künsten und Wissenschaften lohnen, dadurch empfängt das alles höheres Leben.
Wo bleiben aber die Summen, aus dieser Erbschaftsteuer? fragte Guido?
Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden zum Vortheil des Landes auf mannichfache Weise angelegt, so daß sie den niederen Ständen wieder zuströmen. Man gräbt Kanäle, wo sie noch fehlen, baut, macht Versuche mit nützlichen Erfindungen, wozu, wie du weißt, auch andere Summen vorhanden sind, unternehmende, aber nicht bemittelten Bürger können Anleihen nachsuchen. Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang, des, die Dinge und den Kunstfleiß darstellenden, Metalles, Endzweck. Hätte die Vorzeit die Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen können, traun, sie würde um einige Jahrhunderte früher geeilt haben, den Thron der Vernunft zu erhöhn, und in einem Erdtheil, wo die Menschen schon lange sich durch Bildung ähnlich wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht ging das aber auch nicht ehe an, bis der Zeitgeist alles von selbst schönerer Reife entgegen führte. Wie langer, vorbereitender Aufklärung, bedurfte es unter andern zu dem großen Schritte, die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten Kampfe der Politik, und hätte ihm vorausgehen können, wodurch der Christenstaat ohne jene schauderhaften Schlachten, wovon die Geschichte meldet, zu gründen gewesen wäre. Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller aus dem achtzehnten Jahrhundert, in deren Köpfen bereits so viel Licht anbrach, kann man nicht genug über die seltsame Verstocktheit ihrer Zeitgenossen staunen, welche es nicht nützen wollten, das Heil, die Bestimmung der Menschheit erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und Böses unterscheiden zu lernen. Indessen ist es nun einmal so. Das Genie der Verbesserung hat zu allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft mußte der große Mann erst begraben sein, ehe das Recht seiner Aussprüche erkannt wurde. Geht es doch bisweilen noch jetzt nicht anders. Sind wir doch, trotz aller Religion und Erkenntniß zuweilen genöthigt, mit Asien oder Afrika zu kriegen.
O schöner Voranflug seines Zeitalters! rief Guido. O daß ich der Menschheit irgend eine Wohlthat ersinnen könnte, daß die Nachwelt mein Andenken segnete!
Der Friede mit anderen Welttheilen wäre solch eine Wohlthat, antwortete Gelino. Er fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften werden nicht überall so glücklich bekämpft als in Europa, und auch hier, wir wollen nicht prahlen, gelang es noch nicht so weit damit, als wohl zu wünschen wäre. Im Geheim treiben sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere der Seele, wenn die Menschen in der Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie und da einen Fürstenrath, einen hohen Priester des Gesetzes von gewichtigem Ansehn, entscheidenden Einfluß, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern hervorruft. Man muß auf seine Tugend baun, wer vermag sie genau zu erkennen?
Hier fühlte sich Guido von einem Gedanken ergriffen, dem er in der Folge eifrig nachhing. Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige Erkenntniß des Menschen scheint mir nicht unmöglich, aber den Frieden aller Völker zu knüpfen, ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn ich Kaiser wäre, was ich da thun wollte. Da muß das Schicksal selbst freundlich zutreten.
Nun das wird auch einst geschehn, antwortete Gelino. Auch gebieten ja die Menschen dem Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit steigt. --
Die Reisenden erborgten in Paris vornehme Namen und knüpften Bekanntschaften an. Die angesehensten Einwohner, Künstler, Gelehrte, wurden zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach ihren Gärten geladen, und baten sie dagegen zu sich. Es war noch in Paris wie vormal, das Neue erregte viel Aufsehn, alle Welt sprach davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen Jünglings konnte auffallen, doch er selbst, sein Verstand, mehr noch seine Schönheit. Die Damen waren ganz entzückt, sie schwuren, nie eine so vollkommene männliche Gestalt erblickt zu haben. Dies benutzten Maler, Kupferstecher und andere Künstler, bildeten ihn vielfach ab, und wenn er ausging, sah er beschämt überall Gemälde, Gipsabdrücke, Statuen von sich. Auch Denkmünzen wurden auf ihn geschlagen und in den Gassen ausgerufen, viele Damen trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er empfing auch verliebte Zuschriften voller Witz, und übte wieder den eignen Witz, indem er die zärtlichen Anträge so ablehnte, daß sich die Schönen dennoch bezaubert fühlten. Dadurch entstand viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft witzigen Billets, die man eilig mit Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes gewiß.
Kurze Zeit nach seiner Ankunft hörte Guido von einem sonderbaren Rechtshandel. Er hatte sich schon über die Menge von Diamanten gewundert, welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; die Frauen der niederen Klassen waren so damit bedeckt, daß man auf Spatziergängen nicht nach der Seite blicken konnte, wohin die Sonne schien, selbst die Dienstmädchen in seinem Pallaste, trugen Haar, Ohren, Busen und Arme davon voll. Der Glaube, sie möchten unächt sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein man benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein Juwelenhändler vorhanden, der die edlen Steine um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei ein unerhört angefülltes Waarenlager hielt, und so auch den Pöbel in Stand setzte, den gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, wie man wohl denken kann, verschmähten ihn nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne Juwelenschimmer zeigen, hieß glänzen.
Die andern Kleinodienverkäufer sahen sich zu Grunde gerichtet, feindeten ihren Nebenbuhler an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff auch Niemand, wie der Mann das Theure so wohlfeil losschlagen könne. Neue Prüfungen über die Güte seiner Steine folgten, sie schlugen abermal zu seinem Vortheil aus. Man fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben er kaufe? Er antwortete: Dies habe er, zufolge der Handelgesetze, nicht nöthig zu erklären. Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes Handelshaus zu nennen, mit dem er Geschäfte pflege, ein Schiff, das seine Waaren herbeiführe.
Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, seine Steine würden nicht von Auswärts gezogen. Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, folglich sind sie, trotz allen Proben, unächt.
Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, doch eine Unwahrheit ist eure andere Behauptung. Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet keinen andern Gehalt finden, als ob die Steine von Golkonda oder Brasilien kämen. Ich betrog nicht, verkaufte ächte Diamanten, dem Käufer kann es gleich sein, ob die Natur, ob ich sie hervorbringe.
Bei näherer Untersuchung fand sich, daß der Mann, den lange schon in der Chemie genannten Bestandtheil, _reinen_ Kohlenstoff, so zu verdichten gewußt hatte, daß der wirkliche Diamant erzeugt wurde.
Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die große Zerrüttung des Werthes der Edelsteine, welche der glückliche Erfinder veranlaßte, machte ihm Bedenken. Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit: Dem Manne dürfe keine Strafe anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst ihm nicht untersagt werden. Möchten die Weiber gern schimmern, so wäre ihnen die Gelegenheit aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der wohlfeile Schimmer nicht, zeigten sie noch größere Thorheit als zuvor. Der Mann könne dann zu ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere Geschlecht mehr auf Pflege der wahren Schönheit hielt, mehr dem Manne durch weibliche Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen strebte, hätte das Gemeinwohl dem Künstler innig zu danken. Verlören übrigens manche Juwelenhändler, sei das zufällig, und das Gesetz könne ihres einzelnen Vortheils halber, keine irrige Grundsätze aufstellen. Dabei blieb es nun.
In der That, rief Guido, als er bald darauf einige mit Edelsteinen überladene Frauenzimmer sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr so köstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach.
So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen nicht frei, fiel der Lehrer ein. Doch möchte nur alles Schöne so gemein werden, daß man keine Auszeichnung darin fände, desto besser stände es um die Menschheit. Zum Glück ist es auch schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. Was die Vorwelt staunend gepriesen hätte, blikten wir oft als gleichgültige Alltäglichkeit an. Wohl uns! --
Sie begaben sich eines Tages nach der großen Oper. Das Haus war ungemein mit Zuschauern gefüllt. Guidos Blicke suchten das Theater. Er sah vor sich ein gefülltes Parterre, Logen, Kronleuchter, so gut als neben und hinter sich. Gelino lächelte. Wisse, sprach er daß der Vorhang ein Spiegel ist, der durch die ganze Mitte des Saales reicht. In diesen siehst du den Platz der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stück an, wird ihn eine Maschine empor winden.
Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, und nun zeigte sich die Bühne. Man sah jetzt kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil der Theatererhellung, die dem Tage vollkommen glich, waren sie sämmtlich erloschen, wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang niederschwebte, wurden sie alle durch eine elektrische Vorrichtung entzündet.
Die alte Mithe, Orpheus war der heutige Stoff. Im ersten Akt sah man eine Landschaft und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmöglich gemalt sein konnte. Guido begriff das nicht. Sein Lehrer erklärte ihm, wie dies Opernhaus mit einem Schraubenwerke versehen sei, wodurch es der Theatermeister, bei den Akten, die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis über die Häuser der Stadt höbe, daß, nach weggenommener Hinterwand, man das wirkliche Feld der Gegend erblickte.
Also schweben wir jetzt in solcher Höhe? fragte Guido.
»Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so sanft, daß Niemand sie merkte. Hat schon ein altrömischer Baumeister ein Schauspielhaus mit Achzigtausend Zuschauer gedreht, wird die Mechanik unserer Zeiten es doch wohl erheben können.«
Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden?
»Fürchte nichts. Die Polizei läßt vor den Darstellungen alles Maschinenwerk durch Sachverständige prüfen.«
Im zweiten Akt zeigte sich die Hölle. Ungeheure, weite, brennende Klüfte und Abgründe, in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten. Die Fernsten erschienen ganz klein, doch waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch ein Sehrohr überzeugte. Wie ist dies möglich? fragte er abermal.
Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit großen Kosten ein tiefes Souterrain aushöhlen lassen, was um so eher anging, da es auf der Höhe des Montmartre liegt. Will man nun weite Gebäude, oder Klüfte und Abgründe darstellen, wird das Haus durch jene Schraubenwerke in die Tiefe gesenkt, wo man sich nun der unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir befinden uns jetzt unter der Erdfläche, die letzten Gestalten sind einige Tausend Schuh von uns entfernt.
Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige Farben, ungemein zarte Umrisse aller Gegenstände wirkten mit bezaubernder Schönheit. Ein anderer Mond, andere Sterne mit einer tiefrührenden Idealität gezeichnet, blinkten daher, was aber Guido am meisten in Verwunderung setzte, war, daß ihre Strahlen durch Euridizens und der anderen Schatten Körper leuchteten. Und doch war Euridize die nämliche, welche er im ersten Akte gesehn, doch bewegte sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen Lehrer unterrichtet: Alle Gestalten, die wir jetzt sehen, sind nur der wirklichen, in einem Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch ungemein sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht. Daher muß das Licht diese Euridize durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es wirklich nur ihr Schatten. Daß auch die Blumen, Gebüsche, Hügel, so zarte Umrisse, so seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine große Platte von grünem doch klaren Glas, welche davor hängt, wie jener Spiegel, im ganzen Umfang der Bühne, ohne daß wir sie wahrnehmen.
Musik, Gesang, Tänze waren den übrigen Vorwürfen an Vollkommenheit ähnlich, und mit hohem Entzücken verließ Guido dies Schauspiel, sich lange noch Orpheus, und Ini Euridize träumend.
Sie sahen auch das große Trauerspiel. Der Dichter hatte in dem heutigen Stücke eine Thatsache der Vorzeit behandelt, und viel gegen die Empfindung wagend. Eine junge Monarchin, schön, liebenswürdig, geistvoll, ist mit einem Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzüge mangeln. Er kömmt eben zur Regierung, belegt aber durch seine ersten Schritte, dem großen Amte durchaus nicht gewachsen zu sein. Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche dem Volke zu seinem Wohl gegeben werden müsse, die Kraft ihres Genius regt sich kühn, von Liebe zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende Brust. Doch vermag sie nichts über den Gemahl, der sie nicht versteht, ihren schönen Sinn anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und Zerrüttung drohen dem Reich, die Monarchin fühlt, sie könne ihm eine gedeihenvolle Zeit blühen lassen.
Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige den Thron, herrsche, beglücke! Sie schaudert. Sie kann nur über den Leichnam des Gemahls jenen Stufen nahn. Es ist ein Unwürdiger, doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefühl empört der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr an den des Gemahls! Ihr Herz trägt solche Vorstellung nicht, ihre Einbildungskraft muß ihr entfliehn.
Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, durch ein Verbrechen ihn mit deiner Tugend zu schmücken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! Es wird die höchste deiner Tugenden, allen übrigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, wie laut der Beruf deiner Geistesgröße es verlangen, dann erniedrigt dein Säumen dich zur Frevlerin. Alles Wehleiden der Millionen auf dein Haupt, ihr Fluch beugt dich schwerer, da du ihn in Seegen hättest umwandeln können.
Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg. Eine kühne Missethat -- und dann ein schönes Leben, dem Ruhm, gottähnlich über ein geliebtes Volk zu herrschen, geweiht. Eine feige Tugend -- und nichts als der Anblick eines elenden geliebten Volkes. Hier steht sie -- weint, ruft sich selbst um Kraft an, mahnt ihren Genius, Licht in dies schauderhafte Dunkel zu werfen -- und -- stört endlich nicht, was der Vertraute vollbringen will.
Nun empfängt sie das Scepter, und hält den Hoffnungen des Ruhmes Wort.
Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel gegeben. Die feinsinnige Versammlung, sonst gewohnt, sich über alles Schöne oder Unedle ganz bestimmt zu äußern, die der Kunstwerke Vorzüge, nach dem richtigsten Takt mit Beifall lohnte, und ihre Mängel eben so durch Tadel strafte, wußte -- unerhört in den Annalen dieser Bühne -- heute sich nicht zu entscheiden. Kein Lob, kein Mißfallen, allgemeine Stille. So blieb es auch bei den folgenden, immer gedrängt besuchten Vorstellungen.
Gelino wollte aber auch auf dem kleinen Theater des Pallastes etwas sehn. Er sprach mit dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten bunte, regellose Sachen aufführte. Dieser trug ihm eine kurzweilige Posse an, genannt:
Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren.
Gelino war es zufrieden, und lud so viele Fremde, als der Raum nur fassen konnte.
Als der Vorhang weggenommen war, wollten die Zuschauer fast vor Lachen sticken, über die närrischen Kleidertrachten, der dargestellten Zeit. Wie war es möglich, riefen viele, daß sich die Menschen jemals so unbequem, geschmackwidrig und lächerlich umhüllen konnten! Eine Hauptbedeckung, grade aufstehend, oben platt, einem umgekehrten Becher ähnlich, oder gar ein Dreieck mit abentheuerlichen Stülpen! Wie vielerlei Lappen hängen an den Männern, der natürlichen Form ganz zuwider, mit häßlichen Ecken, und dennoch übel gegen die Witterung schirmend. Wie muß dies vielfache Einschnüren die Körper verunstaltet, ihnen nach und nach Kraft und Gesundheit entzogen haben! Und so unanständig, pfui, so unanständig! Fürwahr diese Urväter mußten grobe Narren sein!
Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen dargestellt, wo denn aber das Gelächter oft mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah die Kirchlichkeit, wo unverschämte Priester ganz widersinnige, unnatürliche, die Gottheit herabwürdigende Mithen, einst einem tief rohen Zeitalter kaum anpassend, immer noch als Wahrheiten lehren wollten, und das thörichte Volk gauklerisch betrogen. Man sahe Fürstenhöfe, wo eine widrige Erziehung das Oberhaupt ärmer an Geist dastehen ließ, als die Unterthanen am Fuß der Staatspiramide, wo es, statt mit der Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben war, und blödsichtige engherzige Höflinge ihm eitel Lügen sagten, wo das wahnsinnige Volk endlich durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb. Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten ab, wo ein europäisches Volk das andere um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies mußte jetzt grade so viel Widerwillen erregen, als eine Darstellung des kleineren Faustrechtes, zwischen den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, wenn sie das neunzehnte sah. Die Thorheiten, allerhand Sisteme der Philosophie zu wechseln, durch Bücher voll Unsinn Irthümer auszubreiten, durch falsche Finanzoperationen ganze Länder verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit der Dingenmaaße und Sprachen, den Ideentausch zu erschweren, überströmte eine witzige Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am Ende begegnete sich alles in dem Ausruf: O ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino erläuterte aber der Versammlung, daß doch auch nicht jeder damals die Schellenkappe getragen habe, nannte ehrwürdige Namen von Männern, die sich ein großes Verdienst in Bezeichnung der besseren Pfade erworben hätten, und schloß: es sei für die Menschheit nothwendig gewesen, durch dies dunkle Labirinth zu gehen, um den Gegensatz erhellter Vernunft wohlthätiger zu begreifen. --
Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend Merkwürdigkeiten, welche aufzuzählen der Raum hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der Anatomie, welche sie als eine der vorzüglichsten Anstalten zu Paris besuchten, und wohin sich jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen drängte.
Die Veranlassung war diese:
Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung von ganz Europa, ein Bürger in Paris mehrere todeswürdige Verbrechen begangen. Das Gesetz zauderte lange mit seinem Spruch, und wollte ihn endlich nach Spitzbergen verweisen, wohin, wie wir schon wissen, solche Unglückliche kamen, deren Vernunft sie nicht von der Schönheit eines gesetzlichen Lebens überzeugen konnte. Die Kolonie in Spitzbergen hörte aber davon, und indem jeder Einzelne dort sich rein gegen jenen Bösewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht und verbat die Verunehrung.
Man wankte von einer Meinung zur anderen. Seit mehr als einem Jahrhundert war in Europa keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab keine Henker und Hochgerichte mehr. Dennoch hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen verwirkt, und hatte er das furchtbare, gräßliche Schauspiel unerhörter Frevel geben können, war das Beispiel einer eben solchen öffentlichen Ahndung gerecht. Zuletzt entschied man denn für seinen Tod, doch über die Art desselben konnte man sich nicht einigen.