Ini: Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert

Part 10

Chapter 103,476 wordsPublic domain

Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als Leichname begraben. Man wollte den schauderhaften Zustand der Verwesung nirgend wissen, auch unter den Rasenhügeln empörte er die Gefühle einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen Kennzeichen des Todes, schafften ihn die Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt, und die festen Theile in Erde aufgelöset wurden. Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, den die Städte mit Baumpflanzungen und Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbürger des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz der Ruhe sollten nicht Lügen entheiligen. Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld, öde, ohne Strauch und Blumen, und die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches Feld auf ihrem Gebiete zu wissen.

Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, durch den Telegraphen, seinen Ausspruch nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. Der Kaiser ließ durch die akkustischen Röhre zurücksagen: Was eben berichtet sei, stimme ganz mit den Kunden überein, welche ihm von der Amtsführung jenes Königes auf anderen Wegen zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit, bestätigte ihren Spruch, und gebiete, die Urne nach Rom zu senden.

Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen und Lorbeeren festlich gekrönt, dann unter hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jungfrauen auf einem goldnen Wagen abgeführt. Ein Ausschuß der Greise des Völkertribunals begleitete ihn, wie Tausende der angelangten Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit froher Wehmuth nach, und gestand: wie die Rührung, welche er heute empfände, jede bisher gefühlte, überträfe.

Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger für unsern Jüngling. Denn jenes Königs Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte sich.

Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da jener in einem hohen Alter verstorben war. Bescheiden trat er in den Saal.

Der Greis, welcher im Namen des Kaisers den Vorsitz führte, fragte ihn:

Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn?

»Zuerst in einem Fündlinghause in Spanien.«

Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen Kraft, deines früh geübten Denkvermögens, abgelegt? Hat dein Gemüth sich in reinem Sinn bewährt?

»Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, jene Erziehungsanstalt meidend.«

Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath zufrieden. Der Alte fragte weiter:

Wo befandest du dich nachher?

»Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande und durch die Luft, umschiffte den Erdball.«

Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser Wanderung einst uns eingesandt. Wir haben daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. -- Wohin begabst du dich alsdann?

»Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.«

Wann erfuhrst du deine königliche Abkunft?

»Im fünf und zwanzigsten Jahre, da der alternde Vater eine Stütze neben sich sehen wollte.«

Wie ward dir bei der großen Nachricht?

»Ich fühlte die mir bis dahin unbekannten kindlichen Entzückungen mit Innigkeit, doch erschrack ich, daß einst das schwere Königsamt mich erwarte.«

Gut und auch nicht gut! Der kräftige Mann soll vor nichts erschrecken, der König am wenigsten. -- Wie brachtest du deine Zeit neben dem Vater hin?

»Ich wohnte den Sitzungen der Räthe bei, besah unsere Staaten, bis auf das kleinste Dorf, suchte mich über ihre Natur, ihre Gewerbe zu unterrichten, den Mann von Verdienst kennen zu lernen.«

Wohl! Machtest du oft Vorschläge zu Verbesserungen in deinem Lande?

»Dazu fühlte ich mich noch zu schwach, meinte nichts höher umfassen zu können, als der weise Vater.«

Schlimm, Königsohn, schlimm! Der Jüngling soll nicht stehen bleiben, sondern weiter dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe wecken.

Der Befragte erröthete. Sanft munterte ihn aber der Alte auf und fuhr fort:

Willst du den Thron deiner Väter besteigen?

»Wenn ihr, fromme Väter, mich dessen würdig achtet.«

Das kömmt nur auf dich selbst an. -- Was denkst du hauptsächlich beim Regieren zu thun?

»Ueberall das Gute zu fördern.«

Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier große Anmaaßung. Räume nur zuvor überall das Böse hinweg, so wird das Gute von selbst folgen.

»Ich hoffe -- nicht zu irren -- wenn ich strenge den Vater zum Vorbild wähle --«

So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater zu regieren.

»Ganz so freilich nicht.«

O, ihn zu übertreffen muß dein Vorsatz sein, wie gerechtes Lob er auch fand. Die neue entwickeltere Zeit läßt dir ja ihr Licht flammen. Durch deine Räthe empfängst du es, kannst seine Strahlen, in deiner Vernunft gesammelt, wohlthätig zurückgießen. -- Bist du vermählt?

»Noch nicht.«

Seltsam! Und aus welchem Grunde?

»Ueber die rastlosen Arbeiten vergaß ich, mich nach einem geliebten Weibe umzusehn.«

So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. Die, welche sie leiteten, gaben dir nicht Freiheit genug. Du bist das Werk Anderer geworden, und die eigenthümlich waltende Kraft keimte zu wenig auf. Die Liebe hat ihren Götterfunken nicht in dir entzündet, darum so karger Aufflug deines Herzens. Wir können des edlen Vaters wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm hat mit dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen Staaten nichts gemein. Ich urtheile, daß dein Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt werden muß. Während dieser Zeit bemühe dich um Selbstvertrauen, um die Kraft des Muthes, die Königen ziemt. Vermähle dich liebend, dann kehre wieder und höre unsern neuen Spruch. So mein Urtheil, habt ihr es zu tadeln, Väter, so tretet auf und wir wollen die Stimmen sammeln.

Alles schwieg.

Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an:

Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, der Telegraph soll ihn zur Stelle nach Rom bringen.

Tief bestürzt stand der abgewiesene Thronfolger da vor der schauenden Menge. Wohl nicht hatte er dies erwartet. Um so erschütterter mußte er sein, als der Gram über des Vaters Tod ihn wirklich tief verwundet hatte. Dennoch galt keine Einwendung gegen das Machturtheil, er durfte die Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, und sich, wie ihm geboten worden, auf die neue Prüfung vorbereiten.

Still ging er nach einer Verneigung mit seinem Gefolge davon. Das im Saal versammelte Volk, sonst gewohnt, die Aussprüche welche ihm gerecht schienen, mit lautem Beifall zu begrüßen, verhielt sich diesmal still, und schonte so des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen mit dem Völkertribunal wäre zufrieden gewesen, sondern, weil es in diesem zarten Betragen, den Manen des Königs eine Huldigung darbringen wollte.

In älteren Zeiten würde ein solches Bundesgericht wohl schwerlich seine Bestimmung erfüllt haben. Die Macht des Goldes hätte ohne Zweifel seine Sprüche gelenkt. Allein man wählte die tugendhaftesten Männer zu den Richterstellen. Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte in der Kunst, die Tugend zu bilden, Fortschritte gemacht, die das achtzehnte oder neunzehnte nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft und unvermuthet. Ferner hatten sie den feinen Takt des Volkes zu fürchten, das über die Gerechtigkeit ihrer Verhandlungen scharf fühlte, und ihre Ehrliebe hätte ein mißbilligend Geräusch, seit länger als einem Jahrhunderte nicht erfolgt, kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das Recht zu, den mit der Strafe ewiger Entehrung zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu seiner Richtschnur wählte. Endlich durften die Könige insgesammt, wenn ihre Stimmenmehrheit das Verfahren dieses Gerichtes tadelnswürdig fand, Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste versammeln, um statt desselben zu richten, wo denn der Kaiser in Person vorsaß und das Recht der Billigung oder Verwerfung übte. Alle diese Maaßregeln erhielten die Ehre des Senats unsträflich.

Guido redete viel mit seinem Lehrer über die Antworten des Thronkandidaten. Er behauptete sehr keck, sie besser gegeben haben zu würden, und Gelino ermahnte ihn, im Gefühl seines Feuers auch nicht weiter zu dringen als Bescheidenheit es gestatte.

Aber, rief der Jüngling, war es denn nicht eben Bescheidenheit, was die Väter an dem Königsohn straften?

Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, die Jahre welche er vor dir voraus hat, leiteten des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein Purpur erwartet, sollst mehr streben als wähnen erstrebt zu haben.

Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der Jüngling, aber ich weiß auch, daß ich schon erstrebte.

Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen Schmerz aufwallend: O es muß göttlich sein, von einem Throne herab zu gebieten!

Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, schwer ist ihr Amt.

Leicht, leicht! schwärmte Guido. Darf ich die Kräfte zusammenfassen, kann ich auch mächtig damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse an den Wagen, ich will sie schon durch den Aether lenken!

»Und doch läßt jene Mithe den Verwegenen, der es unternahm, seinen Untergang finden.«

Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons Stelle flehte ich zu Ini, und Götterkraft durchglühte mich!

»Wahrlich, die Prüfung in jenem Tribunal scheint dich hoch zu entflammen.«

Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. Guido sann, von diesem Tage an, öfter einsam nach, warf Gedanken über manche Völkerangelegenheiten aufs Papier, schnelle Röthe überzog seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem Tempel der Unsterblichkeit und erklärte, einen heißen Drang zu fühlen, ihn zu sehn. Habe Geduld, versetzte Gelino, wir werden nach Rom kommen.

Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene Lehrstühle, denn, wie der Norden von Teutonien für das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder die hohe Schule zu Berlin die gelehrteste.

Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte von den seit etwa drei Jahrhunderten erfundenen neuen Lehrsätzen, und lächelte dabei über die geringfügigen Konzepzionen eines Archimedes, Galilei, Newton, la Place. Doch setzte er auch billig hinzu: Diese Männer bleiben dennoch im Verhältniß zu ihren Zeiten vortreffliche Köpfe, daß die unsrigen unendlich mehr aussprachen, ist eine Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen Fortgang und die immer mehr zusammengedrängten Volkmassen nothwendig wurde.

Guido, selbst ein geübter Rechner, bewunderte die arithmetischen Formeln, welche ihm hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul waren auch schon vollkommen ins gemeine Leben übergegangen, und die endlich gefundene Quadratur der Rundung, erleichterte die Messung aller Größen noch weit mehr.

Ueber die Mechanik vernahm er unerhörte neue Lehrbegriffe. Nur die Ausführung mancher davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung hinreissen. Denn man beschloß während seiner Anwesenheit, einen großen Pallast, welcher in der Straße, wo er gegenwärtig stand, keine vortheilhafte Ansicht darbot, nach einem freien Markte zu schaffen. Sein Fundament ward gestützt, unterhöhlt, gewaltige Hebemaschinen drängten das Gebäude im Gleichgewicht empor, Rollen, aus Marmorblöcken gehauen, empfingen dasselbe, und in wenigen Tagen war es unversehrt nach der neuen Stelle gebracht, wobei sich an den nöthigen Wendungen die schwierigste Kunst offenbarte.

Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen berühmten Astronomen, hörte er mehrere Vorlesungen. Daß man jetzt über Tausend Millionen Fixsterne zählte, wogegen vor etwa drei Jahrhunderten deren nur fünf und siebenzig Millionen angenommen wurden; daß die Zahl der Ehedem bekannten Dreihundert und neunzig Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und über die Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie umwallenden Dünste, kein Zweifel mehr bestand; daß die Vortrefflichkeit der Sehröhre schon die Planeten der nächsten Sonnensterne erblicken ließ, wußte er lange; ganz unerwartet erfuhr er hier aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie der Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor den Wärme- und Lichtstoff nimmer hatte wägen können, so war ihr dies nunmehr ganz bequem geworden. Es gab Waagen, die in Theilbarkeit der Schwere Subtilitäten gestatteten, die mit denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit erzielt, verglichen werden konnten. Nun hatte der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie, welche uns von den, viele Billionen Meilen entlegenen, Fixsternen, nach langen Jahrenreihen zuströmt, in luftleeren hohlen Körpern aufgefangen, gewogen und scheidekünstlerisch zerlegt. Er wies nun den Zuhörern seine merkwürdigen Resultate vor. Es wurde durch sie erklärt, weshalb das Licht vom Sirius weiß, das vom Arktur röthlich sei, warum die Glanzfarben an den Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, Leier, Kassiopea, Löwe, Eridan u. s. w. so von einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe schloß nun der gelehrte Mann auf die ihrer Planeten, sogar auf die dort nothwendigen Modifikazionen der anorgischen und organischen Körper, wodurch er einer ganz neuen, erhabenen Wissenschaft, ihr bewundernswürdiges Feld öffnete.

In einem Hörsal der Naturkunde fanden sich unsere Reisenden auch mit lebhaftem Antheil ein. Hier zählte man die Mineralien, Pflanzen, Säugethiere, Vögel, Amphibien, Fische, Insekten und Würmer auf, welche bis jetzt entdeckt waren. Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren des Meeres, von denen einige Tausend Gattungen in den Registern der Phisiker genannt wurden, wo man sonst nur Achthundert beobachtet hatte. Denn bei jeder Reise in den Grund des Ozeans -- wo sich die kühnen Erforscher der wundersamen Tiefe, nach Maasgabe ihres Weiterdringens, einen Ruf bereiteten, wie Ehedem die Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, und Tiefgebürge oder Meerthäler nach ihren Namen benannt sahen -- wurde man Arten ansichtig, die bis jetzt den Blicken verborgen geblieben waren, und nicht in die höhere Wasserregion zu dringen pflegten. Guido erfuhr viel Seltsames davon, wandte aber der Anatomie der Infusionsthiere noch größere Aufmerksamkeit zu, und die meiste, den Lehren über das Pflanzenleben. Hier spottete man jetzt der Vorzeit, welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet einsaugende und aushauchende Gefäße sowohl, als die Erzeugung durch Begatten, sie vom Gegentheil hätte überzeugen können.

Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche die Bailli und Gatterer der Vorzeit sich schwerlich würden gefunden haben. Sie wollte genau angeben, wann einst der Erdball, nur aus Urgebürgen bestehend, durch eine ätherische Revolution von Wasserfluthen wäre umfangen worden, die die Ursache aller Lebenserscheinungen in sich tragend, in dem Maaße abgenommen hätten, als diese aus ihren Mitteln hervorgebracht wären. Eben so berechnete sie die endliche vollkommene Kondensazion der Flüssigkeiten, und wies dann dem erstorbenen Felsball eine Trabantenstelle bei einem weit über den Uranus hinaus entstehenden oder dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an. Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der Erde, von der Begattung zweier Kometen her, da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaßen in Eigestalt, wo der Urgranit als das Gelbe, die Fluthen als das Weiße zu betrachten wären. Die allmählige Umwandlung der Verhältnisse des Flüssigen zum Festen, nannte diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und sein Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische Einherwandeln am Gängelbande der Sonnenanziehkraft aufhören, und der kecke Jüngling sich der Leitung seiner feurigen Wärterin entziehen werde, nicht mehr wärmende Pflege von ihr bedürfend. -- Freilich zeigte sich hier auch so gut wie vormals die Beschränkung des menschlichen Wissens, und Guido drängte den Lehrer bald mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte.

Die Philosophie sah dies gegenwärtig wohl ein und trug zur Belehrung nur ihre eigne Geschichte vor. Die letzteren Sisteme, die jüngsten Träume vom Uebersinnlichen, mußten nothwendig, nach einem um so größern Maaßstabe angelegt worden sein, als die Erkenntniß im Gebiet des Sinnlichen sich mehr ausgebreitet hatte. Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und überließ jedem Denker -- sich zum höchsten Wesen anbetend zu wenden.

Guido, bereits früh mit jugendlicher Weisheit ausgestattet, zeither, wie wir schon berichtet haben, eifrig dem Studium der weisesten Schriften dieser Zeit hingegeben, umfaßte nun, schnell in sich aufnehmend, was er hier sah und hörte, und vollendeter wurde der tiefe kräftige Denker. Die Hochgefühle seines stammenden Thatentriebes, wurden dadurch wechselnd gemildert und angefacht.

Wahre geistige Religion, in Bewunderung der Natur und Allmacht, lenkte sein Gemüth zum höheren Aufflug als je, und die Liebe, in ihrer immer reineren Mistik, schmiegte sich an alles Empfundene und Gedachte.

Allein der Ausdruck eines so schönen Geistes prägte sich auch immer vollendeter in seiner Gestalt aus. Er fühlte, sah es mit Frohlocken, schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein Herz nicht lüge, müsse er nun sehr nahe an seinem Götterziele stehn. --

Man besah noch das Innere von Berlin emsig. Ein altes Zeughaus lag in ehrwürdigen Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, indem bei der jetzigen, glücklichen Verfassung von Europa, in der Mitte des Staates keine Waffenvorräthe nöthig waren.

Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte: Diesem König war freilich Neigung zum blutigen Ruhm vorzuwerfen, und er führte Kriege, die allerdings zu vermeiden gewesen wären. Doch entschuldigt der rohe Charakter seiner Zeit viel daran. Hingegen wußte er den Monarchenberuf, der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller verinnigen, und das Staatsschiff im Strome der Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen vorauseilen zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen, so richtig zu erfüllen, daß manche Züge seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen Gekrönten Muster leihen dürfen. Deshalb prangt auch nicht allein hier sein Denkmal, sondern seine Reste wurden späterhin auch nach Rom gebracht. Du siehst seine Urne dort im Tempel der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich zur Größe aufzuschwingen verstanden, wie sein König, so ging vielleicht Europas schönere Entwickelung, von Friedrichs Monarchie aus.

An dem Marmorbilde einer Königin des Alterthums, weilte der Jüngling bewundernd. Gelino unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem Throne, Luise genannt, sei die schönste Frau ihrer Zeit gewesen. Auch wäre die Vorliebe für ihre Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen übergegangen, daß man sie in den Marientempeln, durch Künstler von Athen, noch immer nachahmen ließe.

Es befand sich auch ein Pantheon in dieser Stadt, wo die Bildnisse verdienter Männer in diesen Gegenden, aus neuer und älterer Zeit aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht, Waldemar, Luther, Copernikus, Guerike, Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen gewissen Rochow, einen gewissen B*** -- -- doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht unternehmen, die noch anzugeben, welche sein prophetischer Traum sah, mancher Aspirant der Unsterblichkeit würde zürnen, sich zu vermissen.

Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen, sprach Gelino. Hinlänglich sahst du das arbeitsame Treiben kleiner Städte und auf dem Lande in dieser Erdgegend. Laß uns die schnelle Luftpost dingen.

Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden warfen sich in die Gondel. Morgenschlummer sank noch über sie. Als sie davon aufdämmerten, ließ sich das Fahrzeug schon auf die Böhmische Bergkuppe nieder, wo sich die erste Station nach Wien befand. Neue Adler flogen muthiger über die lachenden Ebenen hin, man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altären, von denen dem Ewigen der Andacht Opfer emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich geschlängelten Silberfäden; Glockenklänge, Erntelieder, ineinander gewebt, tönten zu ihnen herauf. Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglänzte Prag vorüber, zwei Stunden danach nahmen sie auf einem Hügel in Mähren, wo die zweite Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. Dann ward wieder angespannt und das Sehrohr entdeckte schon die ehrwürdige gothische Piramide, Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan geweiht, nun ein Christustempel, noch dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. Am Abend zog man über die Wipfel des Prater hin, vielen Lustwandelnden in der Höhe begegnend, und der Fuhrmann senkte seine Passagiere auf die Platteforme des Gasthauses, zum Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen in dem Betracht nicht geändert hatte, daß ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables Thier bleiben wird.

Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als in Berlin, die Enkel waren hierin den Vätern treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische Beimengungen, stärkte die Lebensgeister und munterte höher zu Genüssen auf.

Am andern Tag besahen sie die Stadt und das von Schiffen wimmelnde Bassin der Donau, welches hervorzubringen, die alte Brigittenau zerstört worden.

Gelino erzählte seinem jungen Freunde: wie kunstreich-mühevoll denkende Regierungen bewirkt hätten, daß Seeschiffe die Donau stromauf hätten befahren können, was in alten Zeiten, bei allem erfinderischen Fleiß, nicht einmal mit kleinen Kähnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft mit Griechenland, große Summen und das Ausharren bei vieljähriger Arbeit, hätten dennoch allen Widerstand besiegt. Da der zu starke Fall des Stromes alle Hindernisse legte, waren zu seinen Seiten hohe Dämme aufgeführt, das Flußbette vertieft und geändert, und demnächst von dreißig Meilen zu dreißig Meilen bis zum schwarzen Meere Wasserfälle angelegt worden, die dem von Niagara flüchtig glichen. So hatte die Hidraulik die Fluthen zu einem ruhigen Lauf gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom entgegen -- entweder vom Winde oder von Maschinenruderwerken geleitet -- bis an einen Wasserfall, hob es eine Schleuse empor; im anderen Falle trug sie es nieder.

Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der Unternehmungsgeist hier vollbracht. Lange schon waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener Zweig der Steiermärkischen Gebirge, unter den alten Namen, Kalenberg und Leopoldsberg, bis ans Donauufer dringend, erkälte die Gegend und mache die Witterung unbeständig. Ohne ihn, war man überzeugt, müsse das Klima so freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn. Nicht nur auf sich, sondern auch auf die Enkel blickend, hatten also die Großväter -- diesen Namen zwiefach tragend -- eine Summe zusammengebracht, um funfzig oder achtzig Jahre hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere damit verpflegen zu können. Weit hinauf gegen Steiermark zu, wurden nun die Berge gesprengt, und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht zu erschüttern, sondern durch künstlich darin erzeugtes Eis, was auch früherhin begreiflich gewesen wäre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte, die Kraft, welche eine Bombe, mit Wasser gefüllt, das in Frost übergegangen ist, sprengt, auf 3351 Pfund berechnete. Die zerstückelten Felsen, schafften nun Prahmenwagen von ungewöhnlicher Größe, auf einer eigen dazu gefertigten Kunststraße aus Eisenerz, nach Mähren. Da sie aber keine Brücke hätte tragen können, mußte man sich entschließen, einen hohlen Gang unter der Donau hin zu wölben, gegen welchen die gepriesenen unterirdischen Kanäle im alten Rom, nur ein Spielwerk zu nennen waren. In Mähren ward das Gebirge wieder aufgeführt. Nun wehten die südlichen Lüfte freier, die aus Norden wurden beträchtlich gehemmt.