Part 9
Als meine gute Tante, die ebenso aufrichtig fromm wie ihre Schwester ist, mich in das für mich bestimmte Zimmer führt, bleibe ich, wie von einer Vision erregt, auf der Schwelle stehen. Die Wände sind rosa gestrichen, rosa wie die Morgenröte, die mich auf meiner Reise nicht verliess. Die Vorhänge sind rosa, und die mit Blumen besetzten Fenster lassen das Tageslicht gefärbt ins Zimmer fallen. Eine peinliche Sauberkeit waltet hier, und das altertümliche Bett mit seinem von vier Säulen getragenen Himmel ist das Lager einer Jungfrau. Das ganze Zimmer, mit der Art seiner Einrichtung, ist ein Gedicht, die Eingebung einer Seele, die nur halb auf dieser Erde lebt. Das Kruzifix ist nicht da; aber die Jungfrau Maria; und der Weihkessel behütet den Eingang gegen die bösen Geister.
Ein Gefühl von Scham erfasst mich, ich fürchte diese Phantasie eines reinen Herzens zu besudeln, das diesen Tempel der jungfräulichen Mutter auf dem Grabe ihrer einzigen, seit mehr als zehn Jahren begrabenen Liebe errichtet hat. Und ich versuche in schlecht gesetzten Worten das hochherzige Angebot abzulehnen.
Aber die gute Alte gibt nicht nach:
--Es wird dir gut tun, deine irdische Liebe der Liebe zu Gott zu opfern und der Zärtlichkeit, die du für dein Kind hegst. Glaube meinem Wort: diese Liebe ohne Dornen wird dir den Frieden des Herzens, die Heiterkeit des Gemüts wiedergeben, und unter dem Schutz der Jungfrau wirst du nachts ruhig schlafen.
Ich küsse ihr die Hand, zum Zeichen der Dankbarkeit für das Opfer, das sie mir bringt, und mit einer Zerknirschung, der ich mich nicht für fähig gehalten hätte, nehme ich im Ernst an. Ich bin überzeugt, dass ich von den Mächten begnadigt werde, da sie die zu meiner Bestrafung bestimmten Züchtigungen eingestellt haben.
Doch unter irgendeinem Vorwand behalte ich mir das Recht vor, eine letzte Nacht in Saxen zu schlafen und die Übersiedlung auf den nächsten Tag zu verschieben. Ich kehre also, von meiner Tante begleitet, zu meinem Kinde zurück. Auf der Dorfstrasse bemerke ich, dass der Blitzableiter und sein Leitungsdraht gerade über meinem Bett befestigt sind.
Welcher teuflische Zufall, der wie persönliche Verfolgung auf mich wirkt!
Zugleich bemerke ich, dass die Aussicht, die sich vor meinen Fenstern ausbreitet, keine andere ist als das Armenhaus mit seiner Bevölkerung alter entlassener Verbrecher, Kranker, Sterbender. Eine traurige Gesellschaft, eine düstere Zukunft habe ich da vor Augen.
Wieder in Saxen angelangt, sammle ich meine Sachen für die Abreise. Mit Bedauern verlasse ich den Wohnsitz meines Kindes, das mir so teuer geworden ist. Die Grausamkeit der alten Dame, mich von Weib und Kind zu trennen, erregt meinen ungerechten Unwillen; in einem Anfall von Zorn erhebe ich die Hand gegen ihr in Öl gemaltes Porträt, das über meinem Bett hängt. Eine dumpfe Verwünschung begleitet die Gebärde.
Zwei Stunden später bricht ein furchtbares Gewitter über dem Dorf aus; die Blitze kreuzen einander, der Regen giesst in Strömen, der Himmel ist schwarz.
Als ich am nächsten Morgen in Klam anlange, wo das rosa Zimmer mich erwartet, sehe ich eine Wolke in Drachenform über dem Haus meiner Tante schweben. Dann erzählt man mir, der Blitz habe ein nahes Dorf in Brand gesteckt und der Platzregen habe unsere Gemeinde verwüstet, die Heuschober verheert, die Brücken fortgeführt.
Am 10. September hat ein Zyklon Paris verwüstet, und unter welch seltsamen Umständen! Zuerst, bei völliger Stille, beginnt er hinter Saint-Sulpice im Luxemburggarten, besucht das Theater du Châtelet und die Polizeipräfektur und löst sich beim St. Ludwigs-Krankenhaus auf, nachdem er fünfzig Meter Eisengitter niedergebrochen hat.
Wegen des Zyklons und des früheren im Jardin des Plantes fragt mich mein Freund der Theosoph:
--Was ist ein Zyklon? Wallungen des Hasses, Schwingungen einer Leidenschaft, Ausströmungen eines Geistes?
Dann fügt er hinzu:
-Sind die um Papus sich ihrer Offenbarungen bewusst?
Ein Zufall, der mehr ist als ein Zufall: in einem Brief, der den meines Freundes kreuzt, richte ich an ihn, der in die Mysterien der Hindus eingeweiht ist, die direkte und bestimmte Frage:
--Können die weisen Hindus _Zyklone hervorrufen_?
Damals fing ich an, die in der Magie Eingeweihten in Verdacht zu haben, dass sie mich verfolgten, entweder weil ich Gold machen wollte, oder weil ich mich hartnäckig weigerte, mit unter irgend einer Form ihren Gesellschaften anzuschliessen. Die Lektüre von Rydbergs germanischer Mythologie und Hylten-Cavallius' "Wärend und Wirdarne" hatte mich belehrt, dass die Hexen in einem Sturme oder in einem kurzen und heftigen Windstoss zu erscheinen liebten.
Ich erwähne dies, um meinen Seelenzustand zu beleuchten, wie er zu dieser Zeit war, als ich noch nicht die Lehren Swedenborgs kennen gelernt hatte.
Das Heiligtum bereitet, weiss und rosa, und der Heilige wird bei seinem Schüler hausen, der es seinem Landsmann schuldig ist, die Erinnerung an den begabtesten Mann wiederzubeleben, der in der Neuzeit vom Weibe geboren ist.
Frankreich hat Ansgar ausgesandt, um Schweden zu taufen; tausend Jahre später hat Schweden Swedenborg gesandt, um Frankreich durch Vermittlung St. Martins, seines Schülers, wieder zu taufen. Der Martinistenorden, der seine Rolle bei der Gründung des neuen Frankreichs kennt, wird die Tragweite dieser Worte nicht verkennen, noch weniger die Bedeutung dieses Jahrtausends herabsetzen.
10.
Swedenborg.
Meine Schwiegermutter und meine Tante sind zwei Zwillingsschwestern von vollkommener Ähnlichkeit; sie haben denselben Charakter, denselben Geschmack, dieselben Abneigungen; das geht so weit, dass die eine wie die Doppelgängerin der anderen aussieht. Wenn ich zu der einen in Abwesenheit der andern spreche, ist die Abwesende bald auf dem Laufenden; ich kann meine vertraulichen Mitteilungen gegen eine von beiden fortsetzen, ohne eine Einleitung nötig zu haben. Darum werfe ich sie in dieser Erzählung zusammen, die kein Roman ist mit stilistischen Ansprüchen und literarischer Komposition.
Am ersten Abend erzähle ich ihnen aufrichtig meine unerklärlichen Abenteuer, meine Zweifel, meine Qualen. Da rufen sie, mit einer gewissen Genugtuung in den Zügen, wie mit einem Mund aus:
--Du bist an einem Punkt angelangt, den wir schon passiert haben.
Von derselben Gleichgültigkeit gegen die Religion ausgehend, hatten sie den Okkultismus studiert. Von diesem Augenblick an schlaflose Nächte, geheimnisvolle, von Todesängsten begleitete Vorfälle, schliesslich nächtliche Krisen, Wahnsinnsanfälle. Die unsichtbaren Furien verfolgen die Jagd bis zum rettenden Hafen: das ist die Religion. Ehe sie aber so weit kommen, offenbart sich der Schutzengel, und das ist niemand anders als Swedenborg. Man nimmt mit Unrecht an, dass ich meinen Landsmann gründlich kenne; und, überrascht von meiner Unkenntnis, geben mir die guten Damen, jedoch nicht ohne Zögern, ein altes deutsches Buch.
--Nimm, lies und fürchte dich nicht!
--Fürchten? Was?
Als ich in meinem rosa Zimmer allein bin, öffne ich den alten Band aufs Geradewohl und lese. Ich überlasse es dem Leser, sich meine Gefühle vorzustellen, als meine Blicke auf eine Beschreibung der Hölle fallen, in der ich die Landschaft von Klam, die Landschaft meiner Zinkschale, wie nach der Natur gezeichnet, wiederfinde. Das kesselförmige Tal, die mit Fichten bestandenen Hügel, die düsteren Wälder, die Schlucht mit dem Bach, das Dorf, die Kirche, das Armenhaus, der Düngerhaufen, die Mistjauche, der Schweinestall, alles ist da.
Die Hölle? Aber ich bin in der tiefsten Verachtung gegen die Hölle erzogen; ich habe sie als eine Phantasie betrachten gelernt, die man wie andere Vorurteile verworfen hat. Und doch kann ich die Tatsache nicht leugnen, nur mit dem Unterschied, und das ist das Neue in der Auslegung der sogenannten ewigen Strafen: wir sind schon in der Hölle. Die Erde, das ist die Hölle, das von einer höheren Vernunft gebaute Gefängnis. Ich kann ja nicht einen Schritt gehen ohne das Glück der andern zu verletzen; und die andern können nicht glücklich bleiben, ohne mir Leiden zuzufügen.
So malt Swedenborg, vielleicht ohne es zu wissen, das irdische Leben, indem er die Hölle darstellen will.
Das Feuer der Hölle, das ist der Wunsch emporzukommen; die Mächte erwecken den Wunsch und erlauben den Verdammten, das zu erreichen, nach dem sie trachten. Sobald aber das Ziel erreicht und die Wünsche erfüllt sind erscheint alles wertlos, und der Sieg ist nichtig! Eitelkeit der Eitelkeiten, alles ist nur Eitelkeit. Nach der ersten Enttäuschung blasen die Mächte das Feuer der Begierde und des Ehrgeizes an, und nicht der ungestillte Hunger foltert am meisten, die gesättigte Begier flösst den Ekel an allem ein. So erleidet der Dämon eine endlose Strafe, weil er augenblicklich alles, was er wünscht, erhält, also sich nicht mehr darüber freuen kann.
Wenn ich Swedenborgs Beschreibung der Hölle mit den Qualen der germanischen Mythologie vergleiche, so finde ich eine augenscheinliche Übereinstimmung; aber für mich persönlich bildet allein die Tatsache, dass die beiden Bücher mich im selben Augenblick in Beschlag nehmen, das Wesentliche. Ich bin in der Hölle, und die Verdammnis lastet auf mir. Wenn ich meine Vergangenheit untersuche, sehe ich, dass schon meine Kindheit als Gefängnis und Folterkammer eingerichtet war. Und um die Martern zu erklären, die einem unschuldigen Kind auferlegt wurden, bleibt einem nichts anderes übrig, als ein früheres Dasein anzunehmen, aus dem wir wieder auf die Erde geworfen sind, um die Folgen vergessener Sünden zu sühnen.
Infolge einer Geschmeidigkeit des Geistes, die bei mir nur allzu häufig ist, dränge ich die Eindrücke, welche die Lektüre Swedenborgs in mir hervorgerufen hat, in die Tiefen meiner Seele zurück. Aber die Mächte geben mir keine Frist mehr.
Bei einem Spaziergang, den ich in die Umgebung des Dorfes mache, führt mich der Bach zu dem Hohlweg, der zwischen den beiden Bergen läuft und "Schluchtweg" heisst. Der Eingang, dem eingestürzte Felsen ein wahrhaft erhabenes Aussehen geben, zieht mich in ganz seltsamer Weise an. Der Berg, der die verlassene Burg trägt, stürzt senkrecht herab, um das Tor der Schlucht zu bilden, in dem der Bach in den Mühlfall übergeht. Durch ein Spiel der Natur hat der Felsen die Form eines Türkenkopfes angenommen; niemand der Bevölkerung bestreitet die Ähnlichkeit.
Weiter unten lehnt sich der Schuppen des Müllers an die Felswand des Berges. Am Türschloss hängt ein Bockshorn, das Wagenschmiere enthält: dicht daneben lehnt der Besen.
Obwohl dies alles natürlich und gewöhnlich ist, frage ich mich, welcher Teufel diese beiden Attribute der Hexen gerade dorthin gestellt hat und gerade diesen Morgen auf meinen Weg.
Niedergeschlagen gehe ich weiter auf dem feuchten und finstern Wege. Ein Holzhaus hält mich durch sein ungewöhnliches Aussehen auf. Es ist ein langer, niedriger Kasten mit sechs Ofentüren; Ofentüren!
--Um Gotteswillen, wo bin ich denn?
Das Bild der Danteschen Hölle spukt vor mir, mit den Särgen, in denen die Sünder rot geglüht werden ... und die sechs Ofentüren!!
Ein Alp? Nein, niedrige Wirklichkeit, die sich durch einen furchtbaren Gestank, einen Strom von Kot, einen Chor grunzender Schweine verrät.
Der Weg verengert sich, wird zu einem Gang zusammengedrängt, zwischen dem Berg und dem Haus des Müllers, gerade unter dem Türkenkopf.
Ich gehe weiter, aber im Hintergrund sehe ich eine mächtige dänische Dogge mit dem Fell eines Wolfes liegen, ganz ähnlich jenem Ungeheuer, welches das Atelier in der Rue de la Sante zu Paris bewachte.
Ich weiche zwei Schritte zurück; erinnere mich aber an den Wahlspruch des Jacques Coeur, "Einem tapferen Herzen ist nichts unmöglich", und dringe in die Schlucht ein. Der Cerberus tut, als sehe er mich nicht, und ich gehe weiter, jetzt zwischen zwei Reihen niedriger und düsterer Häuser. Da ist ein schwarzes Huhn ohne Schwanz und mit einem Hahnenkamm; dann eine Frau, die von weitem schön zu sein scheint und auf der Stirn einen blutroten Halbmond trägt; aus der Nähe gesehen, hat sie keine Zähne mehr und ist hässlich.
Wasserfall und Mühle machen einen Lärm, der dem Ohrensausen gleicht, das mich seit den ersten Pariser Unruhen verfolgt. Die Müllergesellen, weiss wie falsche Engel, bedienen das Räderwerk der Maschine wie Henker, und das grosse Schaufelrad tut seine Sisyphusarbeit, indem es das Wasser rinnen und rinnen lässt.
Dann kommt die Schmiede mit ihren nackten und schwarzen Schmieden, die mit Zangen, Haken, Kluppen, Hämmern bewaffnet sind, unter Feuer und Funken, glühendem Eisen und geschmolzenem Blei arbeiten: es ist ein Lärm, der das Gehirn in seinem Schädel erschüttert und das Herz im Brustkasten springen lässt.
Dann das Sägewerk und die grosse Säge, die mit den Zähnen knirscht, wenn sie auf der Folgerbank die riesigen Baumstämme martert, deren durchsichtiges Blut auf den klebrigen Boden rinnt.
Der Hohlweg läuft weiter am Bach entlang, durch den Wolkenbruch und Wirbelsturm verwüsten; die Überschwemmung hat die scharfen Kieselsteine, auf denen die Füsse ausgleiten, mit einer Schicht graugrünen Schlammes überzogen. Ich möchte das Wasser überschreiten, aber der Steg ist fortgerissen, und ich bleibe unter einem Abhang stehen; der überhängende Fels bedroht mit seinem Fall eine Jungfrau Maria, die mit ihren schwachen und göttlichen Schultern allein den unterwaschenen Berg hält.
Ich kehre auf meinen Spuren um, in tiefem Nachdenken über diese Verbindung von Zufällen, die zusammen ein grosses Ganzes bilden, das wunderbar ist, ohne übernatürlich zu sein.
Acht Tage und acht Nächte verlaufen ruhig in der Rosenkammer. Der Friede des Herzens kehrt wieder bei dem täglichen Besuch meines Töchterchens, das mich liebt, das geliebt wird und liebenswürdig ist; und meine Verwandten pflegen mich wie ein armes, verlorenes Kind.
Die Lektüre Swedenborgs beschäftigt mich am Tage. Der Realismus seiner Schilderungen zermalmt mich. Alles findet sich darin wieder, alle meine Beobachtungen, meine Eindrücke, meine Gedanken; seine Visionen scheinen mir erlebt zu sein, wie wahrhafte menschliche Dokumente. Es handelt sich nicht darum, blind zu glauben, es genügt, das Gelesene mit seinen eigenen erlebten Erfahrungen zu vergleichen.
Doch der Band, über den ich verfüge, enthält nur einen Auszug, und die Haupträtsel des geistigen Lebens werden mir erst später gelöst, als das Werk selber, "Arcana Coelestia", mir in die Hände fällt.
Während der Gewissenszweifel, die durch die Überzeugung, dass es einen Gott und Strafen gibt, erwacht sind, trösten mich einige Zeilen Swedenborgs, und alsbald bin ich bereit, mich zu entschuldigen und wieder hochmütig zu werden.
Am Abend also, als ich meiner Schwiegermutter beichte, sage ich zu ihr:
--Du hältst mich für einen Verdammten?
--Nein, obgleich ich noch nie ein Menschenschicksal wie deines gesehen habe. Aber du hast noch nicht den rechten Weg gefunden, der dich zum Herrn führen wird.
--Erinnerst du dich Swedenborgs und seiner Grundsätze des Himmels? Zuerst: die Herrschsucht, mit einem höheren Ziel. Das ist mein Herrschergeist, der nie nach weltlichen Ehren noch nach einer von der Gesellschaft verliehenen Macht getrachtet hat. Dann: die Liebe zu Glücksgütern und Geld, um das allgemeine Wohl fördern zu können. Du weisst, dass ich den Erwerb vernachlässigt und das Geld verachtet habe. Wenn ich Gold mache oder es machen sollte, so habe ich den Mächten geschworen, dass der Gewinn, wenn sich einer ergibt, menschenfreundlichen, wissenschaftlichen, religiösen Zwecken dienen wird. Schliesslich: eheliche Liebe. Muss ich noch sagen, dass sich seit meiner Jugend meine Gefühle für das Wie um die Idee der Ehe, der Gattin, der Familie gedreht haben? Dass das Leben mir das Los vorbehalten hat, die Witwe eines lebenden Mannes zu heiraten, ist eine Ironie, die ich nicht erklären kann; den Unregelmässigkeiten des Junggesellenlebens gegenüber kommt es nicht in Frage.
Nachdem sie einen Augenblick überlegt hatte, sagte die Alte:
--Was du sagst, kann ich nicht in Abrede stellen, und die Lektüre deiner Schriften hat mir einen Geist von hohem Streben gezeigt, der immer trotz seiner Anstrengung gescheitert ist. Sicher sühnst du Sünden, die vor deiner Geburt in einer andern Welt begangen sind. Du musst in einem früheren Leben ein grosser Menschentöter gewesen sein; darum wirst du tausend Male die Angst des Todes leiden, ohne jedoch zu sterben, bevor die Sühne vollendet ist. Jetzt bist du fromm, also ans Werk!
--Du meinst, ich soll die katholische Religion annehmen?
--Ohne Zweifel!
--Swedenborg sagt, es sei nicht erlaubt, die Religion seiner Väter zu verlassen, weil jeder zu dem geistigen Gebiet seines Volkes gehöre.
--Die katholische Religion ist eine höhere Gnade, die jedem, der sie sucht, bewilligt wird.
--Ich bin mit einem niedrigeren Grade zufrieden, und im schlimmsten Fall stelle ich mich vor den Thron hinter Juden und Mohammedaner, die auch zugelassen sind. Ich bleibe bescheiden!
--Die Gnade wird dir angeboten, und du ziehst das Linsengericht dem Erstgeburtsrecht vor!
--Die Erstgeburt für den Sohn der Magd? Das ist zu viel! viel zu viel!
Durch Swedenborg wieder aufgerichtet, bilde ich mir noch einmal ein, Hiob zu sein, der rechtschaffende und sittenreine Mann, der von dem Ewigen auf die Probe gestellt wird, um den Bösen zu zeigen, wie der redliche Mensch die unbilligen Leiden ertragen kann.
Dieser Gedanke erfüllt meinen Geist so, dass er sich von frommer Eitelkeit bläht. Ich rühme mich meiner widrigen Geschicke, die zu Ende gehen, und höre nicht auf, zu wiederholen: Seht, wie ich gelitten habe! Und ich beklage mich über den Wohlstand, den ich hier bei meinen Verwandten finde; die Rosenkammer ist ein bitterer Spott. Man macht sich lustig über meine aufrichtige Reue, indem man mich mit Wohltaten und kleinen Genüssen des Lebens überhäuft. In Summa: ich bin ein Auserwählter, Swedenborg hat es gesagt, und des Schutzes des Ewigen sicher, fordere ich die Dämonen heraus....
Acht Tage bin ich in dem rosa Zimmer, als die Nachricht ankommt, die Grossmutter, die am Ufer der Donau wohnt, sei krank geworden. Ein Leberleiden hat sie befallen, das von Erbrechen, Schlaflosigkeit und nächtlichen Herzkrisen begleitet ist. Meine Tante, deren Gast ich bin, wird zu ihr gerufen, und ich werde eingeladen, zu meiner Schwiegermutter nach Saxen zurückzukehren.
Ich wende ein, die Alte habe es verboten: aber sie scheint ihren Ausweisungsbefehl zurückgezogen zu haben, und es steht mir frei, zu weilen, wo ich will.
Dass die Grollende ihren Entschluss so plötzlich ändert, setzt mich in Erstaunen, und ich wage diesen glücklichen Umschwung nicht der ihr zugestossenen Krankheit zuzuschreiben.
Am nächsten Tag erzählt man, der Zustand der Kranken habe sich verschlimmert. Meine Schwiegermutter bringt mir als Zeichen der Versöhnung einen Blumenstrauss von ihrer Mutter, und sie vertraut mir an, die Alte bilde sich ein, eine Schlange im Magen zu tragen, habe auch andere Phantasien ähnlicher Art.
Dann erzählt man, der Kranken seien zweitausend Kronen gestohlen worden, und sie habe ihre vertraute Dienerin in Verdacht. Die ist entrüstet über den ungerechten Verdacht und will ihre Herrin wegen Verleumdung verklagen. Der häusliche Friede herrscht nicht mehr in dem Haus einer gebrechlichen Frau, die sich von der Welt zurückgezogen hat, um in Frieden zu sterben.
Jeder Bote bringt uns entweder Blumen oder Früchte oder Wildbret, Fasanen, Kücken, Hechte.
Ist es die göttliche Gerechtigkeit, die straft, und hat die Kranke eine Vorstellung davon? Erinnert sie sich, dass sie mich einmal auf die Landstrasse gestossen hat, die mich ins Krankenhaus führte?
Oder ist sie abergläubisch? Hält sie mich für fähig, sie behext zu haben? Sollten die angebotenen Geschenke nur Opfer sein, um den Rachedurst des Zauberers zu stillen?
Unglücklicherweise kommt gerade in diesem Augenblick ein Buch über Magie von Paris und gibt mir Auskunft über die Kunstgriffe, die man Behexung nennt. Der Autor rät dem Leser, sich nicht für unschuldig zu halten, weil er die magischen Kunstgriffe, die darauf hinauslaufen, jemand zu schaden, meide; man muss auch den bösen Willen überwachen, denn der genügt, um auf einen Menschen, auch wenn er abwesend ist, einen Einfluss auszuüben.
Diese Lehre hat für mich eine doppelte Folge: zuerst empfinde ich Gewissensskrupel, da ich in einer zornigen Regung die Hand gegen das Bild der Alten erhoben und eine Verwünschung ausgestossen hatte; dann erwacht wieder mein alter Argwohn, ich könnte selber der Gegenstand geheimer Freveltaten sein, nämlich von seiten der Okkultisten oder Theosophen.
Gewissensqual auf der einen Seite, Furcht auf der andern, und die beiden Mühlsteine beginnen mich feinzumahlen.
So schildert Swedenborg die Hölle. Der Verdammte bewohnt einen entzückenden Palast, findet das Leben lieblich und glaubt zu den Auserwählten zu gehören. Nach und nach lösen sich die Herrlichkeiten in nichts auf und verschwinden, und der Unglückliche bemerkt, dass er in einer elenden Baracke eingeschlossen ist, die Exkremente umgeben. (Siehe das Folgende.)
Dem rosa Zimmer habe ich Lebewohl gesagt, und als ich in ein grosses Zimmer einziehe, das neben dem meiner Schwiegermutter liegt, ahne ich, dass der Aufenthalt nicht von langer Dauer sein wird.
Tausend Kleinigkeiten, die das Leben unerträglich machen, vereinigen sich in der Tat, um mir die für meine Arbeit notwendige Ruhe zu rauben.
Die Bretter des Fussbodens schwanken unter meinen Schritten, der Tisch steht nicht fest, der Stuhl zittert, die Toilette wackelt, das Bett knarrt, und die andern Möbel bewegen sich, wenn ich durchs Zimmer gehe.
Die Lampe raucht, das Tintenfass ist so eng, dass der Federhalter sich beschmutzt. Es ist ein Landhaus, das Dünger, Jauche, Schwefelwasserstoffammoniak, Schwefelkohlenstoff ausdünstet. Den ganzen Tag hört man Kühe, Schweine, Kälber, Hühner, Puter, Tauben. Fliegen und Wespen stören mich am Tage, und nachts sind es die Mücken.
Beim Kaufmann des Dorfes ist fast nichts zu bekommen. Da ich keine bessere habe, muss ich ihre Tinte nehmen, die hochrosenrot ist! Seltsam: ein Päckchen Zigarettenpapier enthält zwischen hundert weissen Blättern ein rosenrotes Blatt (rosenrotes!).
Es ist die Hölle bei kleinem Feuer; gewohnt, die grossen Leiden zu ertragen, leide ich sehr unter diesen kleinlichen Stichen, um so mehr als meine Schwiegermutter mich trotz ihrer sorgsamen Pflege unzufrieden glaubt.
17. September.--Ich erwache in der Nacht davon, dass ich die Dorfkirche dreizehn Male schlagen höre. Sofort fühle ich die elektrische Einwirkung, und auf dem Boden über meinem Kopfe wird ein Geräusch hervorgebracht.
19. September.--Als ich den Boden durchsuche, entdecke ich ein Dutzend Spinnrocken, deren Räder mich an Elektrisiermaschinen erinnern. Ich öffne einen grossen Koffer: er ist beinahe leer und enthält nur fünf schwarz gestrichene Stäbe, deren Gebrauch mir unbekannt ist; in der Form eines Pentagramms liegen sie auf dem Boden. Wer hat mir diesen Streich gespielt, und was hat das zu bedeuten? Ich wage nicht danach zu fragen, und die Sache bleibt rätselhaft.
In der Nacht wütet ein furchtbares Gewitter zwischen Mitternacht und zwei Uhr. Gewöhnlich erschöpft sich ein Gewitter in kurzer Zeit und zieht davon; dieses bleibt zwei Stunden über dem Dorfe stehen. Ich empfinde das wie einen persönlichen Angriff: jeder Blitz zielt auf mich, ohne mich zu treffen.
An den Abenden erzählt mir meine Schwiegermutter die gegenwärtige Chronik der Gegend. Welche ungeheure Sammlung Tragödien, häuslicher und anderer! Ehebruch, Scheidung, Familienprozesse, Mord, Diebstahl, Vergewaltigung, Blutschande, Verleumdung. Die Schlösser, die Villen, die Hütten bergen Unglückliche aller Art, und ich kann nicht auf den Strassen spazieren gehen, ohne an die Hölle Swedenborgs zu denken. Bettler, Irre, Kranke, Krüppel halten die Gräben der grossen Landstrasse besetzt, zu Füssen eines Gekreuzigten, einer Madonna, eines Märtyrers kniend.