Inferno; Legenden

Part 8

Chapter 83,724 wordsPublic domain

--Ich bin kein Atheist; aber ich denke, dass der Allmächtige die frühere Vertraulichkeit nicht mehr will. Man macht dem Ewigen nicht mehr den Hof, damit ist es aus! Ich halte mich an den Grundsatz des Mohammedaners, der um nichts als Gelassenheit bittet, damit er die Last des Daseins ertragen kann.

Grosse Worte, aus denen ich mir eigene Goldkörner heraushole. Er nimmt mir Gebetbuch und Bibel fort.

--Lies gleichgültige Sachen, von sekundärem Interesse, Weltgeschichte, Mythologie, und lass die Grübeleien. Vor allem: hüte dich vor dem Okkultismus, dieser Pseudowissenschaft. Es ist uns verboten, die Geheimnisse des Schöpfers zu erspähen, und wehe denen, die sie sich erlisten.

Als ich einwende, dass sich in Paris eine ganze Schule von Okkultisten gebildet habe, heult er:

--Wehe ihnen!

Am Abend bringt er mir Viktor Rydbergs "Germanische Mythologie", und zwar ohne Hintergedanken; ich bin wenigstens davon überzeugt.

--Hier sind Geschichten, bei denen man im Stehen einschlafen kann. Das wirkt besser als Sulfonal.

Wenn mein guter Freund gewusst hätte, welchen Zündfaden er da anzündete, er hätte lieber....

Die Mythologie in zwei Bänden, von zusammen tausend Seiten, öffnet sich unter meinen Händen wie von selber und meine Blicke heften sich alsbald auf diese Reihen, die sich meinem Gedächtnis in Feuerschrift einprägen:

"Nach der Legende blähte sich der durch seinen Vater unterrichtete Bhrigu vor Hochmut und bildete sich ein, seinen Meister zu übertreffen. Der sandte ihn in die Unterwelt, wo er zu seiner Demütigung tausend Schrecken beiwohnen muss, von denen er nie etwas geahnt hatte."

Das hiess also: der Hochmut, die Anmassung, die Hybris, bestraft durch meinen Vater und Meister. Und ich befand mich in der Hölle, von den Mächten dahingejagt. Wer war denn mein Meister? Swedenborg?

Ich blätterte in dem wunderbaren Buch weiter.

?Man vergleiche mit dieser Fabel die germanische Mythe von den _Dornenfeldern_, welche die Füsse der Ungerechten _geisseln_....

Genug! Genug! Die Dornen auch! Das ist zu viel!

Kein Zweifel, ich bin in der Hölle! Und wirklich bestätigt die Wirklichkeit diese Phantasie in einer so plausiblen Weise, dass ich ihr schliesslich glauben muss.

Der Docktor scheint zwischen den verschiedensten Gefühlen zu schwanken. Bald ist er gegen mich eingenommen, sieht mich über die Achsel an, behandelt mich mit einer demütigenden Brutalität; bald ist er selbst ganz unglücklich und pflegt und tröstet mich wie ein krankes Kind. Ein anderes Mal freut er sich, einen Mann von Verdienst, den er früher geschätzt hat, unter die Füsse treten zu können. Dann macht er den Henker und predigt mir vor.

--Man muss arbeiten, man muss einen übertriebenen Ehrgeiz unterdrücken, man muss seine Pflicht gegen Vaterland und Familie erfüllen. Lass die Chemie; es ist eine Chimäre, es gibt so viel Spezialisten, die Autoritäten sind, Gelehrte von Beruf, die ihre Sache verstehen....

Eines Tages schlägt er mir vor, für die letzte Stockholmer Zeitung zu schreiben.

--Die zahlt!

Ich antworte ihm, ich habe es nicht nötig, Artikel für die letzte Stockholmer Zeitung zu schreiben, da das erste Blatt von Paris und der Welt mein Manuskript angenommen habe.

Da stellt er sich zweifelnd und behandelt mich als Aufschneider, obwohl er meine Artikel im Figaro gelesen und meinen Leitartikel im Gil Blas selbst übersetzt hat.

Ich bin ihm nicht böse: er spielt nur die Rolle, die ihm die Vorsehung auferlegt hat.

Ich tue mir Gewalt an, den Hass, der gegen diesen unvermuteten Dämon wächst, zu unterdrücken, und ich verwünsche das Schicksal, das meine Gefühle der Dankbarkeit gegen einen hochherzigen Freund in Undankbarkeit zu kehren sucht.

Kleinigkeiten erneuern unaufhörlich den Argwohn, den ich über die böswilligen Absichten des Doktors hege.

Heute hat er auf der Veranda, die auf den Garten hinaus geht, Äxte, Sägen, Hämmer gelegt, ganz neue, die zu nichts dienen. Zwei Gewehre und ein Revolver in seinem Schlafzimmer, und in einem Korridor noch eine Sammlung Äxte, die zu gross sind, um im Haushalt verwendet zu werden. Welcher teuflische Zufall, dass dieser Folterapparat meinen Blicken ausgesetzt ist! Der beunruhigt mich, weil er keinen Zweck hat und ungewöhnlich ist.

Die Nächte sind ziemlich ruhig für mich geworden, während der Doktor beunruhigende Wanderungen zu machen beginnt. So werde ich mitten in der dunkelsten Nacht durch einen Flintenschuss geweckt. Taktvoll, tue ich, als habe ich nichts gehört. Am Morgen erklärt er mir die Sache: ein Volk Elstern sei in den Garten gekommen und habe seinen Schlaf gestört.

In einer anderen Nacht stösst die Haushälterin um zwei Uhr morgens heisere Schreie aus.

In einer dritten Nacht seufzt der Doktor, indem er den "Herrn Zebaoth" anruft.

Bin ich in einem Spukhaus, und wer hat mich hierher geschickt?

Ich kann ein Lächeln nicht unterdrücken, wenn ich beobachte, wie der Alp, der mich besessen hat, sich meiner Gefangenenwächter bemächtigt. Aber die ruchlose Freude wird bald bestraft. Ein furchtbarer Anfall überrascht mich; ich erwache davon, dass mein Herzschlag stockt, und höre Worte, die ich in meinem Tagebuch notiert habe. Eine unbekannte Stimme ruft: "Drogist Luthardt"!

Drogist! Vergiftet man mich langsam mit Alkaloiden, die Wahnsinn hervorrufen, wie Bilsenkraut, Haschisch, Digitalin, Stechapfel?

Ich weiss es nicht; aber seitdem verdoppelt sich mein Argwohn.

Man wagt mich nicht zu töten, man will mich nur verrückt machen, durch List, um mich dann in einem Irrenhaus verschwinden zu lassen. Der Schein spricht mehr und mehr gegen den Doktor. Ich entdecke, dass er meine Goldsynthese entwickelt hat, so entwickelt hat, dass er weiter gekommen ist als ich. Übrigens alles, was er sagt, widerspricht sich im nächsten Augenblick, und seine Lügen gegenüber nimmt meine Phantasie den Zaum zwischen die Zähne und fliegt über die Grenzen der Vernunft.

Am 8. August mache ich meinen Morgenspaziergang vor der Stadt. An der Chaussée singt eine Telegraphenstange; ich trete näher, lege mein Ohr daran und lausche wie bezaubert. Am Fuss der Stange liegt zufällig ein Hufeisen. Ich hebe es auf als ein gutes Zeichen und nehme es mit nach Haus.

10 August.--Am Abend wünsche ich dem Doktor, dessen Benehmen mich in den letzten Tagen mehr als je beunruhigt hat, eine gute Nacht. In geheimnisvoller Weise hat er mit sich selbst gekämpft; sein Gesicht ist fahl geworden, seine Augen sind erloschen. Den ganzen Tag über singt oder pfeift er; ein Brief, den er empfing, hat einen starken Eindruck auf ihn gemacht.

Am Nachmittag kommt er von einer Operation nach Haus, seine Hände sind mit Blut befleckt, er bringt einen zwei Monate alten Fötus mit. Er sah wie ein Schlächter aus und sprach in einer unangenehmen Weise über die Befreiung der Mutter.

--Die Schwachen töten und die Starken beschützen! Fort mit dem Mitleid, es bringt die Menschheit herunter!

Ein Schrecken hat mich vor ihm erfasst. Nachdem wir uns an der Tür, die unsere beiden Zimmer trennt, gute Nacht gesagt haben, spähe ich nach ihm. Zuerst geht er in den Garten, ohne dass ich hören kann, was er dort macht. Dann tritt er in die Veranda, die neben meinem Schlafzimmer liegt, und bleibt dort. Er hantiert mit einem ziemlich schweren Gegenstand und zieht eine Feder auf, die nicht zu einer Uhr gehört. Alles geht leise vor sich, was auf Geheimniskrämerei oder verdächtige Arbeit deutet.

Halb entkleidet, erwarte ich stehend und unbeweglich, meinen Atem anhaltend, die Wirkung dieser geheimnisvollen Vorbereitungen.

Da, durch die Wand, die mein Bett berührt, strahlt das gewöhnliche und wohlbekannte Fluidum, betastet meine Brust und sucht das Herz. Die Spannung wächst ... ich nehme meine Kleider, schlüpfe durchs Fenster und kleide mich erst an, als ich die Pforte hinter mir habe.

Wiederum auf der Strasse, auf dem Pflaster, die letzte Zuflucht, den einzigen Freund verlassend. Ich gehe und gehe, ohne ein Ziel zu haben. Als ich zu mir komme, gehe ich geradeswegs zum Arzt der Stadt. Ich muss läuten, ich muss warten, und ich bereite mich auf meine Aussage vor, da ich meinen Freund nicht anklagen will.

Endlich erscheint der Doktor. Ich entschuldige mich wegen meines nächtlichen Besuches: aber Schlaflosigkeit und Herzklopfen bei einem Kranken, der das Vertrauen zu seinem Arzt verloren hat usw.... Mein guter Freund, dessen Gastfreundschaft ich angenommen habe, behandle mich als eingebildet Kranken und wolle mich nicht anhören.

Als habe er meinen Besuch erwartet, ladet der Doktor mich ein, auf einem Stuhl Platz zu nehmen, und bietet mir eine Zigarette und ein Glas Wein an.

Es ist eine Befreiung für mich, wie ein wohlerzogener Mensch empfangen zu werden, nachdem man mich wie einen elenden Idioten behandelt hat. Wir plaudern zwei Stunden, und der Arzt enthüllt sich als Theosoph, dem ich alles mitteilen kann, ohne mich blosszustellen.

Schliesslich, etwas nach Mitternacht, erhebe ich mich, um ein Hotel aufzusuchen. Der Doktor rät mir, nach Haus zurückzukehren.

--Niemals! Er wäre fähig, mich zu töten!

--Wenn ich Sie begleite?

--Dann haben wir zusammen das Feuer des Feindes auszuhalten. Aber er wird mir nie verzeihen.

--Gehen wir jedenfalls!

So kehre ich auf meinen Spuren zurück. Da ich die Tür geschlossen finde, klopfe ich.

Als nach einer Minute mein Freund öffnet, da, bin ich es, der von Mitleid ergriffen wird. Er, der Chirurg, gewohnt, Leiden zu verursachen, ohne Mitleid zu empfinden, der Verkünder des überlegten Mordes, er sieht kläglich aus, ist blass wie eine Leiche; er zittert und stammelt; als er den Doktor, der hinter mir steht, erblickt, sinkt er zusammen, von einem Schrecken ergriffen, der mich mehr entsetzt, als alle vorhergehenden Schauder.

Ist es möglich, dass dieser Mann einen Mord beabsichtigt hat und dass er die Entdeckung fürchtete? Nein, das ist unmöglich, ich weise diesen Gedanken zurück: er ist ruchlos.

Nachdem wir nichtssagende Worte ausgetauscht haben, die von meiner Seite fast läppisch sind, trennen wir uns, um schlafen zu gehen.

Es gibt im Leben so schreckliche Zwischenfälle, dass die Seele sich in dem Augenblick weigert, die Spur zu bewahren; aber der Eindruck bleibt und tritt bald mit unwiderstehlicher Kraft wieder zum Vorschein.

So kommt mir, als ich nach Hause zurückkehre, plötzlich eine Szene wieder, die sich im Salon des Doktors zutrug, als ich ihn in der Nacht aufsuchte.

Der Doktor verlässt mich um Wein zu holen; allein im Zimmer, betrachte ich einen Schrank mit Füllungen, deren Getäfel aus Nussbaum oder Erle gearbeitet ist, ich weiss es nicht mehr genau. Wie gewöhnlich bilden die Holzfasern Figuren. Hier zeigt sich ein Bockskopf in meisterhafter Ausführung. Ich kehre ihm gleich den Rücken. Pan selbst, nach den Überlieferungen der Alten; Pan, den das Mittelalter später in Satan verwandelte: der war es wohl!

Ich beschränke mich hier darauf, die Tatsache zu erzählen; der Arzt, der Besitzer des Schrankes, würde der Geheimwissenschaft einen Dienst leisten, wenn er die Füllung photographieren liesse. Dr. Mac Haven hat sich in der "Initiation" (November 1896) mit diesen Erscheinungen beschäftigt, die in allen Naturreichen so gewöhnlich sind. Ich empfehle dem Leser, das Gesicht, das auf dem Rückenschild der Krabbe gezeichnet ist, genau zu betrachten.

Nach diesem Abenteuer zeigt sich eine offenbare Feindseligkeit zwischen meinem Freund und mir. Er gibt mir zu verstehen, dass ich faulenze und dass meine Anwesenheit überflüssig sei. Ich antworte ihm, dass ich bereit sei, in ein Hotel zu gehen, um wichtige Briefe abzuwarten. Da spielt er den Beleidigten.

In Wirklichkeit kann ich mich vor Geldmangel nicht rühren. Übrigens ahne ich, dass in meinem Schicksal eine Änderung bevorsteht.

Meine Gesundheit ist wiederhergestellt: ich schlafe nachts ruhig und arbeite am Tage.

Der Zorn der Vorsehung scheint vertagt zu sein, und meine Versuche gelingen in allem. Wenn ich zufällig ein Buch aus der Bibliothek des Doktors hole, enthält es immer die gesuchte Erklärung. So finde ich in einer alten Chemie das Geheimnis meiner Art, Gold zu machen; nun kann ich durch die Metallurgie, mit Berechnungen und Analogien, beweisen, dass ich Gold gemacht habe, und das man immer Gold gemacht hat, wenn man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat. man es aus Erzen zu gewinnen geglaubt hat.

Ein Aufsatz, den ich über das Thema ausgearbeitet habe, wird an eine französische Zeitschrift gesandt, die ihn sofort druckt. Ich beeile mich, den Artikel dem Doktor zu zeigen; er kann die Tatsache nicht leugnen, ist aber gegen mich eingenommen.

Da muss ich mir sagen, dass er nicht mehr mein Freund ist, da meine Erfolge ihm unangenehm sind.

12. August.--Ich kaufe beim Buchhändler ein Album. Es ist eine Art Notizbuch, in bearbeitetes und vergoldetes Leder prächtig gebunden. Die Zeichnung erregt meine Aufmerksamkeit und--seltsam!--bildet ein Vorzeichen, dessen Deutung in der Folge gegeben werden wird. Die künstlerisch ausgeführte Komposition stellt dar: links den zunehmenden Mond im ersten Viertel, von einem blühenden Zweig umgeben; drei Pferdeköpfe (trijugum) gehen vom Monde aus; darüber ein Lorbeerzweig; unten drei Streifen (drei mal drei); rechts eine Glocke, aus der Blumen hervorquellen, ein Rad in der Form einer Sonne usw....

13. August.--Der Tag, den die Uhr auf dem Boulevard Saint-Michel angekündigt hat, ist da. Ich erwarte irgendein Ergebnis, aber vergebens. Doch bin ich sicher, dass irgendwo etwas geschehen ist, dessen Ergebnisse mir binnen kurzem mitgeteilt werden.

14. August.--Auf der Strasse finde ich ein Blatt, das aus einem alten Kontorkalender gerissen ist; es trägt in grossen Buchstaben: 13. August. (Das Datum der Uhr.) Darunter in kleinen Buchstaben: "Tue niemals heimlich, was du nicht öffentlich tun würdest." (Die schwarze Magie!)

15. August.--Ein Brief von meiner Frau. Sie beweint mein Schicksal; sie liebt mich noch immer und sie hofft unseres Kindes wegen, dass sich die Verhältnisse bessern werden. Ihre Eltern, die mich früher gehasst haben, sind nicht gefühllos gegen meine Leiden: ich bin eingeladen, mein Töchterchen, diesen Engel, der auf dem Lande bei den Grosseltern wohnt, zu sehen.

Das ruft mich ins Leben zurück! Mein Kind, meine Tochter nimmt für mich die erste Stelle ein, selbst vor der Gattin. Das arme unschuldige Kind, dem ich Böses habe tun wollen, umarmen, es um Verzeihung bitten, ihm das Dasein durch die kleinen Aufmerksamkeiten des Vaters erheitern, der seine seit Jahren aufgesparte Zärtlichkeit verschwenden möchte! Ich fange wieder an zu leben, ich erwache endlich aus einem bösen Traum, und ich begreife den wohlwollenden Willen des gestrengen Herrn, der mich mit harter und weiser Hand bestraft hat. Jetzt begreife ich die dunkeln und erhabenen Worte Hiobs: "Glücklich der Mann, den Gott züchtigt!"

Glücklich; denn um die "andern" kümmert er sich nicht.

Ich weiss nicht, ob ich dort unten an der Donau meine Frau treffen werde; das ist mir beinahe gleichgültig geworden, weil unsere Charaktere sich doch nicht vertragen. Ich rüste mich zu meiner Pilgerfahrt, denn ich weiss wohl, dass es eine Büsserreise ist und dass mir neue Golgathas bestimmt sind.

Dreissig Tage der Marter, dann öffnen sich die Türen der Folterkammer. Ich scheide ohne Bitterkeit von meinem Freund und meinem Henker. Er ist nur die Geissel der Vorsehung für mich gewesen.

Glücklich der Mensch, den Gott züchtigt!...

9.

Beatrice.

In Berlin bringt mich eine Droschke vom Stettiner zum Anhalter Bahnhof. Auf der halbstündigen Durchfahrt ist es mir, als führe ich durch eine Dornenhecke, soviel leibhaftige Erinnerungen bedrängen mein Herz. Zuerst fahre ich durch die Strasse, in der mein Freund Popoffsky mit seiner ersten Frau wohnte, unbekannt oder vielmehr verkannt, mit dem Elend und den Leidenschaften kämpfend. Jetzt ist die Frau tot, sein Kind ist tot, in diesem Haus linkst war es; und unsere Freundschaft hat sich in wilden Hass verwandelt.

Hier rechts die Bierstube der Künstler und Schriftsteller, der Schauplatz so vieler Geistes-und Liebesorgien.

Dort die Cantina Italiana, wo ich vor drei Jahren meine damalige Braut zu treffen pflegte; dort haben wir das erste Honorar, das ich aus Italien erhielt, in Chianti verwandelt.

Dort der Schiffbauerdamm mit der Pension Fulda, wo wir als junges Ehepaar wohnten. Hier mein Theater, mein Buchhändler, mein Schneider, mein Apotheker.

Welch unseliger Instinkt treibt den Kutscher mich durch diese via dolorosa, die mit begrabenen Erinnerungen gepflastert ist, zu fahren? Zu dieser nächtlichen Stunde werden die Erinnerungen wieder lebendig wie Gespenster. Ich kann nicht erklären, warum er gerade diese Gasse fährt, in der unsere Weinstube "Das schwarze Ferkel" liegt, einst berühmt als Lieblingslokal von Heine und E. T. A. Hoffmann. Der Wirt steht selber auf der Treppe unter dem Ungetüm, das als Firmenschild in der Luft hängt. Er sieht mich ohne mich zu erkennen! Eine Sekunde lang wirft der Kronleuchter von drinnen seine durch die hundert Flaschen der Auslage gefärbten Strahlen und lässt mich ein Jahr meines Lebens, das reichste an Kummer und Freude, Freundschaft und Liebe, wieder erleben. Zugleich aber fühle ich lebhaft, dass dies alles zu Ende ist und begraben bleiben muss, um Neuem Platz zu machen.

Ich schlafe diese Nacht in Berlin. Als ich am nächsten Tag erwache, grüsst mich über den Dächern vom östlichen Himmel ein rosiger, hochrosenroter Schein. Da erinnere ich mich, diese Rosenfarbe in Malmö, am Abend meiner Abreise gesehen zu haben. Ich verlasse dieses Berlin, das meine zweite Heimat geworden ist, wo ich meine seconda primavera und zugleich den letzten Frühling erlebt habe. Auf dem Anhalter Bahnhuf lasse ich mit diesen Erinnerungen jede Hoffnung auf einen neuen Frühling und eine neue Liebe, die niemals, niemals wiederkehren werden.

Nachdem ich eine Nacht in Tabor, wohin mir der rosige Schein gefolgt ist, verbracht habe, steige ich durch den Böhmerwald nach der Donau hinab. Dort hört die Bahn auf, und im Wagen dringe ich in diese Tiefebene ein, welche die Donau bis nach Grein begleitet; zwischen Apfel- und Birnbäumen, Getreidefeldern und grünen Wiesen fahre ich dahin. DA entdecke ich in der Ferne, auf einem Hügel jenseits des Flusses, die kleine Kirche, die ich nie besucht habe, die aber den höchsten Punkt der Landschaft bildet; diese Landschaft breitet sich vor dem Häuschen aus, in dem mein Töchterchen geboren wurde, in jenem unvergesslichen Mai vor zwei Jahren.

Ich fahre durch Dörfer, komme durch Marktflecken und Klöster. Den Weg begleiten unzählige Sühnkapellen, Kalvarienberge, Weihbilder; Denksteine über Unglücksfälle, Blitzschläge, plötzlichen Tod. Und am Ende dieser Pilgerfahrt, dort unten in der Ferne, erwarten mich sicherlich die zwölf Stationen von Golgatha.

Der Gekreuzigte mit der Dornenkrone grüsst mich jede hundert Schritte, ermutigt mich und fordert mich auf, Kreuz und Leiden auf mich zu nehmen.

Jetzt töte ich mein Fleisch ab, indem ich mir von vornherein sage, dass sie, wie ich schon wusste nicht da sein wird.

Da meine Frau das Familiengewitter nicht mehr abwendet, muss ich mir von den alten Eltern, die ich tief verletzt habe, weil ich nicht einmal Abschied von ihnen hatte nehmen wollen, Gleiches mit Gleichem vergelten lassen. Ich lange also an, in dem ich mich darein finde, dass ich bestraft werde, um Frieden zu gewinnen; als ich das letzte Dorf und das letzte Kruzifix hinter mir gelassen habe, ahne ich die Todesqualen es Verurteilten.

Einen Säugling von sechs Wochen hatte ich verlassen, und ein kleines Mädchen von zweieinhalb Jahren finde ich wieder. Bei der ersten Begegnung prüft sie mich bis auf den Grund der Seele, mit einer ernsten, aber nicht strengen Miene, deutlich um zu sehen, ob ich ihretwegen oder um ihre Mutter gekommen sei. Nachdem sie sich vergewissert hat, lässt sie sich küssen und schlingt ihre Ärmchen um meinen Hals.

Das ist Fausts Erwachen zum irdischen Leben, aber lieblicher und reiner: ich nehme die Kleine immer wieder in meine Arme und fühle ihr Herzchen gegen meines schlagen. Ein Kind lieben, heisst für den Mann zum Weibe werden, das Männliche ablegen, die geschlechtslose Liebe der Himmlischen empfinden, wie Swedenborg sie nennt. Dadurch beginnt meine Erziehung für den Himmel. Aber zuerst die Sühne!

Die Situation ist in wenigen Worten diese: meine Frau wohnt bei ihrer verheirateten Schwester, weil die Grossmutter, die im Besitz der Erbschaft ist, geschworen hat, unsere Ehe auflösen zu lassen; so hasst sie mich wegen meiner Undankbarkeit und noch anderer Dinge. Ich bin willkommen bei dem Kinde, das niemals aufhören wird, mein zu sein, und ich bin der Gast meiner Schweigermutter für unbestimmte Zeit. Ich nehme die Situation hin, wie sie ist, und zwar mit Vergnügen. Meine Schwiegermutter hat mir mit dem versöhnlichen und ergebenen Geist einer tief religiösen Frau alles verziehen.

1. September 1896.--Ich bewohne das Zimmer, in dem meine Frau diese beiden Jahre der Trennung zugebracht hat. Hier hat sie gelitten, während ich meine Qualen in Paris durchmachte. Arme, arme Frau! Ist es die Strafe für das Verbrechen, das wir begingen, als wir mit der Liebe spielten?

Am Abend fällt beim Essen dies vor. Um meinem Töchterchen, das sich nicht ganz allein bedienen kann, zu helfen, nehme ich ihre Hand, ganz sanft und in der freundlichsten Absicht. Sie stösst einen Schrei aus, zieht ihre Hand zurück und wirft mir einen Blick voll Schrecken zu. Als die Grossmutter fragt, was sie hat, antwortet sie:

--Er tut mir weh!

Ich bin bestürzt und kann kein Wort hervorbringen. Wie oft habe ich mit Willen weg getan: sollte ich jetzt weh tun, ohne es zu wollen?

In der Nacht träume ich von einem Adler, der mir die Hand zerreisst, zur Züchtigung für ein unbekanntes Vergehen.

Am Morgen besucht mich mein Töchterchen; sie ist zärtlich, liebevoll, freundlich. Sie nimmt den Kaffee mit mir und macht es sich an meinem Schreibtisch bequem, wo ich ihr Bilderbücher zeige.

Wir sind schon gute Freunde, und meine Schwiegermutter ist entzückt, dass ihr jemand die Kleine erziehen hilft.

Am Abend muss ich dem Schlafengehen meines Engels beiwohnen und ihm seine Gebete sprechen hören. Sie ist katholisch, und wenn sie mich auffordert, zu beten und das Zeichen des Kreuzes zu machen, kann ich nicht antworten, denn ich bin Protestant.

2. September.--Allgemeine Aufregung. Die Mutter meiner Schwiegermutter, die einige Kilometer weit am Ufer des Flusses wohnt, will einen Ausweisungsbefehl gegen mich erlassen. Sie verlangt, dass ich sofort abreise, und droht ihre Tochter zu enterben, falls ich nicht gehorche. Die Schwester meiner Schwiegermutter, eine gute Frau, die auch getrennt von ihrem Manne lebt, ladet mich ein, bei ihr im benachbarten Dorf zu wohnen, bis der Sturm sich gelegt habe. Zu diesem Zweck kommt sie, um mich abzuholen.

Wir steigen auf einen zwei Kilometer langen Hügel; als wir auf dem Gipfel angekommen sind, entdecken wir unten einen runden Talkessel, aus dem sich unzählige mit Fichten bestandene Hügel wie Krater eines Vulkans erheben. In der Mitte dieses Trichters liegt das Dorf mit seiner Kirche, und auf der Höhe des steilen Berges das Schloss mit dem Stiel einer mittelalterlichen Burg; eingeschlossen sind hier und dort Felder und Wiesen, und ein Bach bewässert sie, der sich unterhalb der Burg in eine Schlucht stürzt.

Der Anblick dieser seltsamen, einzigartigen Landschaft überrascht mich, und der Gedanke kommt mir: ich habe sie schon gesehen; aber wo? wo?

Auf der Zinkschale im Hotel Orfila! In Eisenoxid gezeichnet. Es ist dieselbe Landschaft, ohne Zweifel!

Meine Tante steigt mit mir ins Dorf hinunter, wo sie über eine Wohnung von drei Zimmer verfügt, in einem grossen Gebäude, das eine Bäckerei, eine Schlächterei, eine Schenke enthält. Das Haus ist mit einem Blitzableiter versehen, weil der Blitz vor einem Jahr den Boden eingeäschert hat.