Inferno; Legenden

Part 7

Chapter 73,689 wordsPublic domain

Selbst wenn die, welche das Geheimnis kennen, zugeben und eingestehen, dass es eine Intrige war, die Menschenhände eingefädelt hatten, grolle ich ihnen nicht, da ich jetzt überzeugt bin, dass eine andere stärkere Hand ihre in Bewegung setzte, ohne dass sie es wussten, ohne dass sie es wollten.

Nimmt man andererseits an, es sei keine Intrige gewesen, so hätte ich selber durch meine Einbildung diese Zuchtgeister geschaffen, um mich zu strafen. Wir werden im folgenden sehen, wieweit diese Annahme wahrscheinlich sein mag.

Am Morgen des letzten Tages stehe ich mit einer Resignation auf, die ich religiös nennen möchte; nichts bindet mich mehr ans Leben. Ich habe meine Papiere geordnet, die notwendigsten Briefe geschrieben, verbrannt, was zu vernichten war.

Dann gehe ich in den Jardin des Plantes, um der Schöpfung Lebewohl zu sagen.

Die schwedischen Magneteisenblöcke, die vor dem mineralogischen Museum aufgestellt sind, grüssen mich von meinem Vaterland. Die Akazie des Robin, die Zeder des Libanon, die Denkmäler der grossen Epochen der noch lebenden Wissenschaft, ich grüsse sie.

Ich kaufe Brot und Kirschen. Mein alter Freund Martin kennt mich persönlich, weil ich der einzige bin, der ihm beim Aufstehen und Schlafengehen Kirschen gibt. Das Brot bringe ich dem jungen Elefanten, der mir ins Gesicht spuckt, nachdem er alles gefressen hat, die undankbare und treulose Jugend.

Lebt wohl, Geier, Himmelsbewohner, nun in einem schmutzigen Käfig eingeschlossen; leb wohl, Bison, Behemoth, gefesselter Dämon; leb wohl, Robbenpärchen, das die eheliche Liebe über den Verlust des Ozeans und der grossen Horizonte tröstet. Lebt wohl, Steine, Pflanzen, Blumen, Bäume, Schmetterlinge, Vögel, Schlangen, ihr alle geschaffen von der Hand eines guten Gottes! Und ihr, grosse Männer, Bernardin de Saint-Pierre, Linne, Geoffroy, Saint-Hilaire, Haüy, deren Namen in goldenen Buchstaben am Giebel des Tempels stehen--lebt wohl! oder vielmehr: auf Wiedersehen!

Ich verlasse das irdische Paradies in dem ich an Seraphites erhabene Worte denke: "Leb wohl, arme Erde! Leb wohl!"

Als ich den Garten des Hotels wieder betrete, wittere ich die Gegenwart eines Menschen, der, während ich fort war, gekommen ist. Ich sehe ihn nicht, aber ich fühle ihn.

Was meine Unruhe noch vermehrt, ist die augenscheinliche Veränderung, die mit dem benachbarten Zimmer vorgegangen ist. Zunächst ist eine Decke über einen Strick gehängt, augenscheinlich um etwas zu verbergen. Auf dem Mantels des Kamins sind in Stapeln Metallplatten aufgehäuft, die durch Querhölzer voneinander getrennt sind. Auf jedem Stapel liegt ein Photographiealbum oder irgendein Buch, offenbar, um diesen Höllenmaschinen, die ich für Akkumulatoren halten möchte, ein unschuldiges Aussehen zu geben.

Dazu kommt, dass ich auf einem Dach der Rue Censier, gerade dem Pavillon, in dem ich wohne gegenüber, zwei Arbeiter bemerke. Was sie dort oben machen, kann ich nicht unterscheiden, aber sie zielen nach meiner Glastür, während sie mit Gegenständen hantieren, die ich nicht erkennen kann.

Warum entschliesse ich mich nicht zum Fliehen? Weil ich zu stolz bin und das Unvermeidbare ertragen muss.

Ich bereite mich also auf die Nacht vor. Ich nehme ein Bad und achte sorgfältig darauf, dass meine Füsse weiss werden, denn meine Mutter hatte mir als Kind eingeprägt, dass schwarze Füsse ein Zeichen der Schande sind. Ich rasiere mich und parfümiere mein Hochzeitshemd, das ich vor drei Jahren in Wein kaufte.... Die Toilette des zum Tode Verurteilten.

Ich lese in der Bibel die Psalmen, in denen David die Rache des Ewigen auf seine Feinde herabruft.

Aber die Busspsalmen? Nein, ich habe nicht das Recht, zu bereuen, denn nicht ich habe mein Schicksal gelenkt; ich habe niemals das Böse um des Bösen willen getan, ich habe es nur getan, um meine Person zu verteidigen. Bereuen, das heisst, die Vorsehung kritisieren, die uns die Sünde als ein Leiden auferlegt, um uns durch den Ekel, den die schlechte Handlung einflösst, zu läutern.

Meine Rechnung mit dem Leben schliesst so ab: die Posten heben sich auf! Wenn ich gesündigt habe, auf mein Wort, ich habe genug Strafe dafür gelitten; ganz sicher! Die Hölle fürchten? Ich habe, ohne zu straucheln, hier auf Erden tausend Höllen durchwandert, und das hat den brennenden Wunsch in mir entfacht, die Eitelkeiten und falschen Freuden dieser Welt, die ich immer verabscheut habe, zu verlassen. Mit Heimweh nach dem Himmel geboren, weinte ich schon als Kind über den Schmutz des Daseins, fühlte mich fremd und heimatlos unter meinen Verwandten und in der Gesellschaft.

Seit meiner Kindheit habe ich Gott gesucht, und ich habe den Teufel gefunden. In meiner Kindheit habe ich das Kreuz Christi getragen, und ich habe einen Gott verleugnet, der sich begnügt, über Sklaven, die ihren Peinigern dienen, zu herrschen.

Als ich die Vorhänge meiner Glastür niederlasse, bemerkt ich im Privatsalon eine Gesellschaft von Damen und Herren, die Champagner trinken. Offenbar Fremde, die heute abend angekommen sind. Aber es ist keine Lustpartie, denn sie sehen alle ernst aus, diskutieren, machen Pläne, sprechen mit leiser Stimme wie Verschwörer. Um meine Marter vollständig zu machen, drehen sie sich auf ihren Stühlen um und zeigen mit den Fingern nach meinem Zimmer.

Um zehn Uhr ist meine Lampe gelöscht, und ich schlafe ruhig ein, resigniert wie ein Sterbender.

Ich erwache; eine Uhr schlägt zwei, eine Tür wird zugemacht, und ... ich bin aus dem Bett wie gehoben durch eine Saugpumpe, die mir das Herz aussaugt. Als ich auf den Füssen bin, trifft eine elektrische Dusche meinen Nacken und drückt mich zu Boden.

Ich erhebe mich wieder, fasse meine Kleider und stürze in den Garten hinaus, ein Raub des furchtbarsten Herzklopfens.

Als ich mich angekleidet habe, ist mein erster klarer Gedanke, die Polizei zu rufen, um eine Haussuchung vornehmen zu lassen.

Aber die Haustür ist verschlossen, ebenso die Portierloge; ich tappe mich im Finstern vorwärts, öffne eine Tür rechts und trete in die Küche, wo ein Nachtlicht brennt. Ich stosse es um und stehe in tiefster Dunkelheit.

Die Furcht bringt mich wieder zur Besinnung, und von dem Gedanken, wenn ich mich täusche, bin ich verloren, geleitet, kehre ich in mein Zimmer zurück.

Ich schleppe einen Sessel in den Garten und, unter dem Sterngewölbe sitzend, denke ich an das, was sich zugetragen hat.

Eine Krankheit? Unmöglich, da es mir gut ging, bis ich mein Inkognito lüftete. Ein Attentat! Offenbar, da ich selber die Vorbereitungen gesehen habe. Übrigens, hier in diesem Garten, ausser Bereich meiner Feinde, bin ich wieder hergestellt, und mein Herz funktioniert vollkommen normal.

Während ich diese Überlegungen anstelle, höre ich in dem Zimmer, das an meines stösst, jemand husten. Kurz darauf antwortet ein leises Husten im Zimmer, das darüber liegt.

Wahrscheinlich sind es Zeichen, und sie gleichen genau denen, die ich der letzten Nacht im Hotel Orfila gehört hatte.

Ich mache mich an die Glastür des Zimmers im Erdgeschoss, um das Schloss aufzubrechen, aber es ist vergebens.

Vom nutzlosen Kampf gegen die Unsichtbaren ermüdet, sinke ich in den Sessel nieder; der Schlaf erbarmt sich meiner, ich schlummere ein, unter den Sternen einer schönen Sommernacht, während die Stockrosen sich im lauen Juliwind wiegen.

Die Sonne weckt mich. Ich danke der Vorsehung, dass sie mich vom Tode errettet hat, und packe meine wenigen Sachen, um nach Dieppe zu fahren. Dort werde ich Schutz bei Freunden finden, die ich zwar wie alle andern vernachlässigt habe, die aber nachsichtig und grossmütig gegen Unglückliche und Schiffbrüchige sind.

Als ich das Hotel verlasse, schleudere ich einen Fluch auf das Haupt der Übeltäter und rufe das Feuer des Himmels auf diese Räuberhöhle herab; ob mit Recht oder Unrecht, wer kann es wissen?

Meine guten Freunde in Dieppe erschrecken als sie mich mit meiner von Manuskripten beschwerten Reisetasche den kleinen Hügel der Orchideenstadt hinaufsteigen sehen.

--Woher kommen Sie, Unglücklicher?

--Ich komme vom Tode.

--Ich ahnte es, denn Sie sehen aus wie eine Leiche.

Die gute und reizende Dame des Hauses fasst mich bei der Hand und führt mich vor einen Spiegel, in dem ich mich betrachten kann. Das Gesicht von Rauch des Zuges geschwärzt, die Backen hohl, die Haare voll Schweiss und angegraut, die Augen verstört, die Wäsche schmutzig: es war ein Anblick zum Erbarmen.

Als die liebenswürdige Dame, die mich wie ein krankes und verlassenes Kind behandelte, mich vor der Toilette allein liess, musterte ich mein Gesicht genauer. Es war ein Ausdruck in den Zügen, der mich erschreckte. Das war weder der Tod, noch das Laster, das war etwas anderes. Und wenn ich Swedenborg gekannt hätte, hätte ich die vom bösen Geist hinterlassene Spur mich über den Zustand meiner Seele und die Begebenheiten der letzten Wochen aufgeklärt.

Jetzt dagegen schämte ich mich und entsetzte ich mich vor mir selber, und ich bereute es, gegen diese Familie undankbar gewesen zu sein, die mir einst diesen rettenden Hafen angeboten hatte, mir und so vielen andern Schiffbrüchigen.

Zur Busse bin ich von den Furien hierher gejagt worden. Es ist ein schönes Künstlerheim, ein guter Haushalt, eheliches Glück, reizende Kinder, Luxus und Sauberkeit, eine Gastfreundschaft ohne Grenzen, Hochherzigkeit im Urteil, eine Atmosphäre der Schönheit und Güte, die mir in die Seele brennt. Und unter all diesem fühle ich mich nicht glücklich, wie im Paradies ein Verdammter. Hier beginne ich zu entdecken, dass ich verdammt bin.

Vor meinen Augen breitete sich alles aus, was das Leben an Glück bieten kann, alles, was ich verloren habe.

Ich bewohne eine Dachstube, von der ich den Gipfel des Hügels sehe, wo ein Hospiz für alte Leute liegt. Am Abend entdecke ich zwei Männer, die sich gegen die Ringmauer lehnen, nach unserer Villa spähen und mit Gebärden die Stelle meines Fensters bezeichnen. Die Idee, durch Feinde, die Elektriker sind, verfolgt zu sein, nimmt mich von neuem in Besitz.

Es ist die Nacht vom 25. auf den 26. Juli 1896. Meine Freunde habe ihr Möglichstes getan, um mich zu beruhigen; wir haben zusammen alle Dachkammern, die neben meinem Zimmer liegen, sogar den Boden untersucht, damit ich sicher sei, dass sich niemand in strafbarer Absicht dort versteckt habe. Als man aber die Tür einer Rumpelkammer öffnet, macht ein an sich gleichgültiger Gegenstand einen entmutigenden Eindruck auf mich. Es ist ein Eisbär, der als Teppich dient; aber der gähnende Rachen, die drohenden Eckzähne, die funkelnden Augen reizen mich. Warum muss dieses Tier gerade in diesem Augenblick dort liegen?

Ohne mich auszuziehen, lege ich mich aufs Bett, entschlossen, den verhängnisvollen Glockenschlag der zweiten Stunde abzuwarten.

Ich warte bis Mitternacht, mit Lesen beschäftigt.

Ein Uhr ist vorbei, und das ganze Haus schläft ruhig.

Endlich schlägt es zwei Uhr! Nichts geschieht! Da, in einem Anfall von Anmassung, und um die Unsichtbaren herauszufordern, vielleicht auch in der Absicht, ein physikalisches Experiment zu machen, stehe ich auf, öffne die beiden Fenster, stecke zwei Kerzen an. Ich setze mich an den Tisch hinter die Leuchter und biete mich mit unbedeckter Brust als Zielscheibe dar und fordere die Unbekannten heraus.

--Hier bin ich, ihr Einfältigen!

Da macht sich ein Fluidum, wie ein elektrisches, fühlbar, zuerst schwach. Ich blicke auf meine Magnetnadel, die ich als Zeuge aufgestellt habe; aber keine Spur der Abweichung: also keine Elektrizität.

Aber die Spannung nimmt zu, mein Herz schlägt kräftig; ich wiederstehe, aber schnell wie ein Blitz erfüllt ein Fluidum meinen Körper, erstickt mich und saugt an meinem Herzen....

Ich stürze die Treppe hinunter, um den Salon im Erdgeschoss zu erreichen, wo man mir, für den Fall der Not ein provisorisches Bett bereitet hat. Da liege ich fünf Minuten und denke nach. Ist es strahlende Elektrizität? Nein, da die Magnetnadel nichts angezeigt hat. Eine Krankheit, veranlasst durch die Furcht vor der zweiten Stunde? Auch nicht, da mir nicht der Mut fehlt, den Angriffen zu trotzen. Warum musste ich denn die Kerzen anstecken, die das unbekannte Fluidum, dessen Opfer ich war, anzogen?

Ohne Antwort zu erhalten, in einem endlosen Labyrinth verirrt, zwinge ich mich, einzuschlafen; da aber greift mich eine neue Entladung an, die Jagd beginnt wieder. Ich ducke mich hinter der Wand, ich lege mich unter das Gesims der Türen, vor die Kamine. Überall, überall finden mich die Furien. Die Seelenangst nimmt überhand, der panische Schrecken vor allem und nichts ergreift mich so, dass ich von Zimmer zu Zimmer fliehe; schliesslich flüchte ich mich auf den Balkon, wo ich mich zusammenkauere.

Der Morgen ist graugelb, und die sepiafarbigen Wolken zeigen seltsame, ungeheuerliche Formen, die meine Verzweiflung vermehren. Ich suche das Atelier meines Freundes, des Malers, auf, lege mich auf den Teppich und schliesse die Augen. Fünf Minuten später werde ich von einem störenden Geräusch geweckt. Eine Maus äugt nach mir, mit der deutlichen Absicht, sich zu nähern. Ich verjage sie: sie kommt mit einer zweiten zurück. Mein Gott, habe ich das Delirium? Ich habe doch diese letzten drei Jahre den Wein nicht missbraucht! (Am nächsten Tag überzeugte ich mich, dass es wirklich Mäuse im Atelier gab, aber durch wen vorbereitet, und zu welchem Zweck?)

Ich wechsle den Platz und lege mich auf den Teppich des Flurs. Der barmherzige Schlaf senkt sich auf meinen gefolterten Geist, und ich verliere das Bewusstsein des Schmerzes, vielleicht eine halbe Stunde lang.

Ein deutlich artikulierter Schrei "Alp!" lässt mich plötzlich auffahren.

Alp! das ist der deutsche Name für einen quälenden, bedrückenden Traum. Alp! das ist das Wort, das die Tropfen des Gewitterregens im Hotel Orfila auf mein Papier zeichneten.

Wer hat es ausgerufen? Niemand, da alle Bewohner des Hauses schlafen. Ein Spiel von Dämonen. Ein poetisches Bild, das vielleicht die ganze Wahrheit enthält.

Ich steige die Treppe hinauf und trete in meine Dachstube: die Lichter sind niedergebrannt, tiefes Schweigen herrscht.

Da läutet das Angelus: es ist der Tag des Herrn.

Ich nehme das römische Gebetbuch und ich lese: De profundis clamavi ad te, Domine! Getröstet, sinke ich auf das Bett wie ein Toter.

Sonntag, den 26. Juli 1896. Ein Zyklon verwüstet den Jardin des Plantes. Die Zeitungen bringen die Einzelheiten, die mich seltsam interessieren; warum, kann ich nicht sagen. Heute soll Andrées Ballon zu seiner Nordpolfahrt aufsteigen; aber die Vorzeichen verkünden Unheil. Der Zyklon hat mehrere Ballons, die an verschiedenen Stellen aufgestiegen sind, zu Boden geschleudert, und mehrere Luftschiffer sind dabei umgekommen. Elisée Reclus hat sich das Bein gebrochen. Gleichzeitig hat sich in Berlin ein Mann namens Pieska auf ungewöhnliche Weise getötet; er schlitzte sich nach Art der Japaner den Bauch auf. Ein blutiges Drama.

Am nächsten Morgen verlasse ich Dieppe. Dieses Mal segne ich das Haus, dessen berechtigte Freuden ich durch meine Qualen verdüstert habe.

Da ich den Gedanken, dass übersinnliche Mächte in mein Schicksal eingreifen, noch immer zurückweise, bilde ich mir ein, eine Nervenkrankheit zu haben. Darum will ich nach Schweden fahren, um einen befreundeten Arzt aufzusuchen.

Als Andenken an Dieppe nehme ich einen Stein mit, der eine Art Eisenerz ist, die Form eines Dreiblatts hat, einem Spitzbogenfenster gleich, und das Zeichen des Malteserkreuzes trägt. Ich habe den Stein von einem Kind erhalten, das ihn am Strande gefunden hat. Es erzählte mir auch, diese Art Steine fielen vom Himmel, und würden dann von den Wellen ans Land geworfen.

Ich möchte gern an seine Deutung glauben und behalte das Geschenk als einen Talisman, dessen Bedeutung mir noch verborgen ist.

(An der Küste der Bretagne sammeln die Strandbewohner nach einem Sturme Steine in der Form eines Kreuzes, die wie Gold aussehen. Das ist ein Erz, das Staurolith heisst.)

Ganz im Süden Schwedens, an der Küste des Meeres, liegt die kleine Stadt: ein altes Seeräuber- und Schmugglernest, in dem Weltumsegler exotische Spuren aus vier Weltteilen hinterlassen haben.

So sieht die Wohnung meines Arztes wie ein buddhistisches Kloster aus. Die vier Flügel des einstöckigen Gebäudes schliessen einen viereckigen Hof ein, in dessen Mitte ein kuppelförmiger Bau an das Grabmal des Tamerlan zu Samarkand erinnert. Die Struktur und die Bekleidung des Dachstuhls mit chinesischen Ziegeln erinnern an den äussersten Orient. Eine apathische Schildkröte kriecht über das Pflaster und versinkt mitten im Gras in ein Nirvana der Betrachtung, das sich bis in Unendlichkeit ausdehnt.

Ein dichtes Gesträuch bengalischer Rosen schmückt die äussere Mauer des westlichen Flügels, wo ich allein wohne. Zwischen diesem Hof und den beiden Gärten liegt ein Wirtschaftshof, auf dem eine Kastanie steht und schwarze Hühner zanken; es ist eine Art Gang, dunkel und feucht.

Im Lustgarten steht ein Pavillon im Stil der Pagode, von Pfeifenstrauch überwachsen.

Dieses Kloster, das unzählige Zimmer hat, wird von einem einzigen Menschen bewohnt, dem Leiter des Kreiskrankenhauses. Witwer, Einsiedler, unabhängig, hat er die harte Schule des Lebens und der Menschen durchgemacht und verachtet die Menschen mit dieser starken und edlen Verachtung, die zur tiefen Erkenntnis der relativen Nichtigkeit aller Dinge führt, das eigene Ich einbegriffen.

Dieser Mann trat so unerwartet auf die Bühne meines Lebens, dass ich sein Auftreten zu den Theatercoups ex machina zählen möchte.

Als ich jetzt, von Dieppe kommend, im gegenüberstehe, sieht er mich fest und prüfend an und ruft aus:

--Was fehlt dir? Nervenkrank! Gut! Aber da ist auch noch etwas anderes. Du hast böse Augen, und das habe ich noch nicht bei dir gesehen. Was hast du gemacht? Ausschweifungen, Laser, verlorenen Illusionen, Religion? Erzähle mir, alter Junge!

Aber ich erzähle nichts, da der erste Gedanke, der meinem argwöhnischen Geist kommt, der ist, dass er gegen mich voreingenommen sei, dass er Erkundigungen eingezogen habe, dass ich interniert bin.

Ich schütze Nervosität, Schlaflosigkeit, Alpdrücken vor, und dann sprechen wir von anderen Dingen.

Als ich mich in meiner kleinen Wohnung einrichte, bemerke ich alsbald das amerikanische eiserne Bett, dessen vier in Messingkugeln endende Pfeiler den Leitern einer Elektrisiermaschine gleichen. Fügt man dazu die elastische Matratze, deren kupferne Sprungfedern wie die Spiralen der Rühmkorffschen Induktionsrolle aussehen, so kann man sich denken, wie wütend ich über diesen teuflischen Zufall bin. Unmöglich kann ich bitten, das Bett zu wechseln, weil dann der Verdacht aufkommen könnte, ich sei wahnsinnig.

Ich will mich vergewissern, dass nichts über meinem Bett verborgen ist, und steige auf den Boden hinauf. Um das Unglück voll zu machen, liegt dort oben nur ein einziger Gegenstand, und zwar ein ungeheures, zusammengerolltes Netz aus Eisendraht, gerade über meinem Bett. Das ist ein Akkumulator, sage ich mir. Wenn ein Gewitter, das hier sehr häufig ist, ausbricht, wird das Eisennetz den Blitz anziehen, und ich werde auf dem Konduktor liegen. Aber ich wage nichts zu sagen.

Zugleich beunruhigt mich der Lärm, den eine Maschine macht. Ein Ohrensausen verfolgt mich, seit ich das Hotel Orfila verlassen habe, wie das Stampfen eines Wasserrades. Da ich zweifle, ob dieses Geräusch tatsächlich vorhanden ist, frage ich, was es ist.

--Die Presse der Druckerei nebenan.

Alles erklärt sich wunderschön und doch macht mich diese Einfachheit der Mittel verrückt, erschreckt mich.

Die gefürchtete Nacht kommt. Der Himmel ist bedeckt, die Luft ist schwer; man erwartet ein Gewitter. Ich wage nicht, zu Bett zu gehen, und bringe zwei Stunden damit zu, dass ich Briefe schreibe. Von Müdigkeit überwältigt, entkleide ich mich und schlüpfe zwischen die Laken. Ein furchtbares Schweigen herrscht im Haus, als ich die Lampe lösche. Ich fühle, dass jemand im Dunkeln auf mich lauert, mich berührt, nach meinem Herzen tastet, saugt.

Ohne zu warten, springe ich aus dem Bett, öffne das Fenster uns stürze mich auf den Hof; aber die Rosensträucher stehen dort, und mein Hemd schützt mich nicht im geringsten gegen das Geisseln der Dornen. Zerrissen, blutend überschreite ich den Hof. Meine nackten Füsse werden von Kieselsteinen geschunden, von Disteln zerstochen, von Nesseln verbrannt; über unbekannt Gegenstände strauchelnd, erreiche ich die Küchentür, die zur Wohnung des Arztes führt. Ich klopfe. Keine Antwort!--Da erst entdecke ich, dass es regnet. Oh, Elend über Elend! Was habe ich getan, um diese Qualen zu verdienen? Sicher ist das die Hölle! Miserere! Miserere!

Ich klopfe immerzu!

Es ist seltsam, dass nie jemand da ist, wenn man mich angreift. Immer diese Alibis: es ist also ein Komplott, an dem alle teilnehmen! Endlich die Stimme des Arztes:

--Wer da?

--Ich bin es! Ich bin krank! Öffne, oder ich sterbe! Er öffnet.

--Was ist dir geschehen?

Ich beginne meine Erzählung mit dem Attentat in der Rue de la Clef, das ich feindlichen Elektrikern zuschreibe....

--Schweig, Unglücklicher! Du leidest an einer Geisteskrankheit.

--Verflucht! Untersuche doch meinen Verstand; lies, was ich täglich schreibe und was man druckt....

--Schweig! Kein Wort zu irgendwem! Die Bücher der Irrenhäuser kennen diese elektrischen Geschichten aus dem Grunde.

--Das wäre noch schöner! Ich kehre mich so wenig an eure Irrenhausbücher, dass ich, um mir Klarheit zu verschaffen, morgen nach Lund fahren werde, um mich im dortigen Irrenhaus untersuchen zu lassen!

--Dann bist du verloren! Kein Wort mehr davon, und leg dich hier im Nebenzimmer schlafen!

Ich gebe nicht nach und verlange, dass er mich anhört. Er lehnt es ab und will nichts hören.

Wieder allein, frage ich mich: ist es möglich, dass ein Freund, ein Ehrenmann, der sich von schmutzigen Händeln rein erhalten hat, seine ehrenwerte Laufbahn damit beschliesst, dass er der Versuchung unterliegt? Wessen Versuchung? Die Antwort fehlt mir; aber die Vermutungen fliessen über.

Every man his price, jeder Mann hat seinen Preis! Hier war allerdings eine bedeutende Summe notwendig, im Verhältnis zu seiner Tugend.--Aber zu welchem Zweck? Eine gewöhnliche Rache bezahlt man nicht übermässig! Es muss sich um ein ausserordentliches Interesse handeln! Halt, ich habe es! Ich habe Gold gemacht, der Doktor hat es halb erkannt, aber heute hat er es abgeleugnet, dass er meine Versuche, die ich ihm brieflich mitgeteilt hatte, wiederholt habe. Er hat es abgeleugnet, und doch habe ich heute abend Proben von seiner Hand gefunden; sie lagen auf dem Pflaster des Hofes. Also hat er gelogen!

Übrigens hat er sich am selben Abend darüber ausgesprochen, was für traurige Folgen es für die Menschheit haben würde, wenn die Herstellung des Goldes sich bestätigte. Allgemeiner Zusammenbruch, überall Verwirrung, Anarchie, Ende der Welt.

Man müsste den Erfinder töten! das war sein letztes Wort.

Ferner, als wir über die wirtschaftliche Lage meines Freundes sprechen, die recht bescheiden ist, war ich erstaunt, ihn sagen zu hören, dass er den Hof, den er bewohnt, demnächst kaufen werde. Er hat Schulden, ist beinahe in Verlegenheit, und träumt davon Grundbesitzer zu werden.

Alles vereinigt sich, um mir meinen guten Freund verdächtig zu machen.

Verfolgungswahn! Mag sein; aber der Künstler, der die Glieder dieser höllischen Syllogismen schmiedet, wo ist er?

--Man müsste ihn töten! Das ist der letzte Gedanke, den ich in meiner Qual festhalten kann, bevor ich gegen Sonnenaufgang einschlafe.

Wir haben eine Kaltwasserkur begonnen, und ich habe das Zimmer für die Nächte gewechselt, die jetzt ziemlich ruhig sind, wenn auch einige Rückfälle eintreten.

Eines Abends bemerkt der Doktor das Gebetbuch auf meinem Nachttisch und gebärdet sich wie ein Rasender.

--Immer noch diese Religion! Das ist ein Symptom begreifst du das?

--Oder ein Bedürfnis wie andere!