Part 6
Der Russe ist aus Mangel an Beweisen aus dem Gefängnis entlassen: sein Freund, der Däne, ist mein Feind geworden. Die Gesellschaft der Cremerie plagt mich. Das letzte Mittagessen wurde wegen der Hitze im Hof aufgetragen: der Tisch war zwischen dem Müllkasten und den Abtritten aufgestellt. Über dem Müllkasten ist das Bild meines alten Freundes, des Amerikaners, aufgehängt, aus Rache, weil der Künstler auf und davon gegangen ist, ohne zu bezahlen, was er schuldig war. Neben dem Tisch haben die Russen eine Statuette aufgestellt: einen Krieger, der mit der traditionellen Sense bewaffnet ist. Um mir Furcht zu machen! Ein junger Bursche des Hauses geht hinter meinem Rücken in der deutlichen Absicht mich zu ärgern, auf den Abtritt. Der Hof, eng wie ein Schacht, erlaubt der Sonne nicht, die hohen Wände zu überschreiten. Die fast in allen Etagen wohnenden Kokotten haben ihre Fenster geöffnet und lassen einen Hagel von Zoten auf unsere Köpfe niederprasseln; die Hausmädchen kommen mit den Mülleimern und leeren sie in den Müllkasten.--Das ist die Hölle! Und meine beiden Nachbarn, notorische Päderasten, unterhalten ein widerwärtiges Gespräch, um mit mir Händel zu suchen.
Warum bin ich hier? Die Einsamkeit zwingt mich, menschliche Wesen aufzusuchen, menschliche Stimmen zu hören.
Da, als meine seelischen Qualen den höchsten Grad erreichen, entdecke ich einige Stiefmütterchen, die auf einer schmalen Rabatte blühen. Sie schütteln die Köpfchen, als wollten sie mir eine Gefahr anzeigen, und eins von ihnen, mit einem Kindergesicht mit grossen, tiefen, leuchtenden Augen, gibt mir ein Zeichen:
--Geh fort!
Ich erhebe mich und zahle; als ich hinausgehe, grüsst mich der Bursche mit versteckten Beschimpfungen, die mein Herz in Wallung bringen, ohne meinen Zorn zu erregen.
Ich empfinde Mitleid mit mir selber und schäme mich für die andern.
Ich verzeihe den Schuldigen, indem ich sie als Dämonen betrachte, die nur ihre Pflicht erfüllen.
Doch ist die Ungnade der Vorsehung gar zu deutlich, und, sobald ich ins Hotel zurückgekehrt bin, beginne ich mein Kredit und Debet aufzustellen. Bisher, und das war meine Stärke, habe ich mich nicht beugen können, den andern recht zu geben, jetzt aber, durch die Hand des Unsichtbaren zu Boden geschlagen, versuche ich, mir unrecht zu geben, und wie ich mein Betragen während der letzten Wochen gründlich untersuche, ergreift mich Furcht. Mein Gewissen sagt mir die Wahrheit, rückhaltlos und unerbittlich.
Ich habe aus Hochmut, Hybris, gesündigt, dem einzigen Laster, das die Götter nicht verzeihen. Durch die Freundschaft des Doktor Papus, der meine Forschungen gelobt hatte, ermutigt, bildete ich mir ein, das Rätsel der Sphinx gelöst zu haben. Ein Nacheiferer des Orpheus, hielt ich es für meine Aufgabe, die Natur, die unter den Händen der Gelehrten gestorben war, wieder zu beleben.
In dem Bewusstsein, dass die Mächte mich beschützen, schmeichelte ich mir, durch meine Feinde nicht besiegt werden zu können; das ging so weit, dass ich die einfachsten Begriffe der Bescheidenheit verachtete.
Hier ist der rechte Augenblick, die Geschichte meines geheimnisvollen Freundes einzuschalten, der eine entscheidende Rolle in meinem Leben spielte: als Führer, Ratgeber, Tröster, Strafer und ausserdem als Helfer, der mich in zuweilen eintretenden Zeiten der Not mit neuen Mitteln versorgte. Schon 1890 schrieb er mir einen Brief auf ein Buch das ich damals erscheinen liess. Er hatte zwischen meinen Gedanken und denen der Theosophen Berührungspunkte gefunden und wollte meine Ansichten über den Okkultismus und über die Priesterin der Isis, Frau Blawatsky, wissen. Der anmassende Ton seiner Epistel missfiel mir, und ich verhehlte ihm das in meiner Antwort nicht. Vier Jahre später veröffentliche ich den "Antibarbarus" und empfange im kritischesten Augenblick meines Lebens von diesem Unbekannten einen zweiten Brief, in dem er mir in gehobenem, fast prophetischen Ton, eine schmerzensreiche und glorreiche Zukunft vorhersagt. In gleicher Weise legt er dar, aus welchen Gründen er den Briefwechsel wieder aufgenommen habe; ihm habe dazu eine Ahnung bestimmt, dass ich augenblicklich eine seelische Krise durchmache und vielleicht ein Wort des Trostes nötig habe. Schliesslich bietet er mir seine Unterstützung an, die ich jedoch ablehne, da ich auf meine elende Unabhängigkeit eifersüchtig bin.
Im Herbst 1895 bin ich es, der den Briefwechsel wieder eröffnet, indem ich ihn bitte, mir bei der Herausgabe meiner naturwissenschaftlichen Schriften behilflich zu sein. Von diesem Tage an unterhalten wir durch die Post sehr freundschaftliche, selbst vertrauliche Beziehungen, wenn ich einen kurzen Bruch ausnehme, den er durch seine verletzende Sprache verursacht, als er mich über alltägliche Dinge unterrichten will und mir in hochmütigen Ausdrücken meinen Mangel an Bescheidenheit vorwirft.
Nachdem wir uns jedoch wieder versöhnt hatten, teilte ich ihm alle meine Beobachtungen mit, lieferte ihm meine Geheimnisse aus; was vielleicht nicht ganz klug war. Ich beichtete diesem Mann, den ich nie gesehen hatte, und ich ertrug von seiner Seite die strengsten Ermahnungen, weil ich ihn eher als eine Idee, denn als eine Person betrachtete: er war für mich ein Bote der Vorsehung, ein Paraklet.
In zwei Dingen aber waren wir so grundverschiedener Ansicht, dass wir zu lebhaften Auseinandersetzungen kamen, ohne jedoch in beleidigende Streitigkeiten zu geraten. Als Theosoph predigte er Karma, das heisst die abstrakte Summe der menschlichen Schicksale, die einander ausgleichen, um eine Art Nemesis zu ergeben. Er war also Mechanist und ein Epigone der sogenannten materialistischen Schule. Ich dagegen sah in den Mächten eine oder mehrere konkrete, lebendige, individualistische Personen, die den Lauf der Welt und die Bahnen der Menschen bewusst lenken; hypostatisch, wie die Theosophen sagen.
Die zweite Meinungsverschiedenheit bezog sich auf die Verleugnung und Abtötung des Ichs, die mir als eine Torheit erschien und noch erscheint. Alles, was ich weiss, wenn es auch noch so wenig ist, kommt vom Ich als dem Mittelpunkt her. Die Kultur, nicht der Kultus, dieses Ichs erweist sich also als der höchste und letzte Zweck des Daseins. Meine bestimmte und beständige Antwort auf seine Einwendungen lautete also: die Abtötung des Ichs ist Selbstmord.
Übrigens, vor wem soll ich mich beugen? Vor den Theosophen? Niemals! Vor dem Ewigen, den Mächten, der Vorsehung unterdrücke ich meine bösen Instinkte, stets und ständig, so weit es möglich ist. Kämpfen für die Erhaltung meines Ichs gegen alle Einflüsse, die der Ehrgeiz einer Sekte oder einer Partei auf mich ausüben will, das ist meine Pflicht; wie sie mir das Bewusstsein diktiert, das mir die Gnade meiner göttlichen Beschützer gegeben hat.
Wenn ich jedoch an die Eigenschaften dieses unsichtbaren Mannes denke, den ich liebe und bewundere, so dulde ich seine Anmassung, wenn er mich als inferior behandelt. Ich antworte ihm immer und verhehle ihm nicht, dass die Theosphie mir widerstrebt.
Schliesslich aber, mitten in dem Abenteuer Popoffsky, spricht er eine so hochmütige Sprache, wird seine Tyrannei so unerträglich, dass ich fürchten muss, er hält mich für verrückt. Er nennt mich Simon Magus, Schwarzmagier und empfiehlt mir Frau Blawatski. Ich antworte sofort, ich habe Frau B. durchaus nicht nötig und _niemand habe mir etwas zu lehren_. Und womit droht er mir darauf? Er sagt, erwerde mich mit Hilfe von Mächten, die stärker als meine seien, auf den rechten Weg zurückzuführen wissen. Da bitte ich ihn, nicht an mein Schicksal zu rühren; das sei gut behütet von der Hand der Vorsehung, die mich immer geleitet habe. Und, um meinen Gedanken durch ein Beispiel zu erläutern, erzähle ich ihm folgende Geschichte, eine Einzelheit aus meinem an providentiellen Zwischenfällen so reichen Leben, indem ich jedoch vorausschicke, dass ich fürchte, durch Auslieferung meines Geheimnisses mir die Rache der Nemesis selber zuzuziehen.
Es war vor zehn Jahren, mitten in meiner geräuschvollsten literarischen Epoche, als ich gegen die Frauenbewegung auftrat, die ausser mir jeder in Skandinavien unterstützte. In der Hitze des Kampfes liess ich mich hinreissen und überschritt die Grenzen der Schicklichkeit so weit, dass meine Landsleute mich für verrückt erklärten.
Ich wohnte in Bayern, mit meiner ersten Frau und meinen Kindern, als ein Jugendfreund mich brieflich einlud, mit meinen Kindern ein Jahr bei ihm zu verbringen; von meiner Frau war nicht die Rede.
Der Charakter dieses Briefes machte mich misstrauisch: der Stil war geschraubt, Streichungen und Änderungen zeigten, dass der Schreiber gezögert hatte, was für Gründe er anführen solle. Ich witterte eine Falle und lehnte das Anerbieten in unbestimmten und freundlichen Ausdrücken ab.
Zwei Jahre später, als meine erste Scheidung vollzogen ist, lade ich mich allein bei meinem Freund ein, der im Stockholmer Inselmeer als Zollinspektor lebt.
Der Empfang ist herzlich, aber die Luft ist voll von Unwahrheiten und Doppelsinnigkeiten, die Unterhaltung gleicht einem polizeilichen Verhör. Nachdem ich eine Nacht über die Sache nachgedacht habe, wird sie mir klar. Dieser Mann, dessen Eigenliebe ich in einem meiner Romane verletzt habe, grollt mir, obwohl er Sympathie für mich hat. Ein Despot ohnegleichen, will er mein Schicksal beeinflussen, meinen Geist zähmen und seine Überlegenheit zeigen, indem er mich unterwirft.
Nicht sehr gewissenhaft in der Wahl seiner Mittel, peinigt er mich eine Woche, vergiftet mich mit Verleumdungen, mit eigens erfundenen Fabeln, benimmt sich aber so ungeschickt, dass ich in meiner Überzeugung bestärkt werde, die Falle, die er mir früher gestellt hatte, habe keinen andern Zweck gehabt, als mich als Geisteskranken einzusperren.
Ich lasse ihn gewähren, ohne Widerstand zu leisten, indem ich auf meinen guten Stern vertraute, um mich zu befreien, wenn die Zeit gekommen ist.
Meine scheinbare Unterwerfung verschafft mir das Wohlwollen meines Henkers: mitten im Meer allein hausend, von seinen Nachbarn und Untergebenen verwünscht, gibt er dem Bedürfnis, sich anzuvertrauen, nach. Mit einer Naivität, die bei einem Mann von fünfzig Jahren unbegreiflich ist, erzählt er mir, seine Schwester sei im letzten Winter verrückt geworden und habe in einen Anfall von Wahnsinn ihre Ersparnisse verbrannt.
Am nächsten Tag neue vertrauliche Mitteilungen: ich erfahre, dass sein Bruder als geisteskrank auf dem Lande interniert ist.
Ich frage mich: ist es aus diesem Grunde, um sich am Schicksal zu rächen, dass er mich einzusperren wünscht?
Ich beklage sein Unglück und gewinne mir seine Zuneigung so vollständig, dass ich die Insel verlassen kann um mir auf einer benachbarten Insel, wo ich meine Familie wiederfinde, eine Wohnung zu mieten.
Einen Monat später ruft mich ein Brief zu meinem "Freund": er ist vor Schmerz gebrochen, weil sein Bruder sich in einem Anfall von Tobsucht den Schädel zerschmettert hat. Ich tröste ihn, meinen Henker, und um das Unglück voll zu machen, vertraut mir seine Frau unter Tränen, sie befürchte schon lange, dass ihr Gatte das Schicksal der andern teilen werde.
Ein Jahr vergeht, da berichten die Zeitungen, dass der ältere Bruder meines Freundes sich unter Umständen, die auf geistige Störung deuten, getötet hat.
Drei Blitzschläge auf das Haupt dieses Mannes, der mit dem Donner hatte spielen wollen.
"Welches Zusammentreffen," wird man sagen. Und was noch mehr ist: welches unglückliche Zusammentreffen, jedes Mal, wenn ich diese Geschichte erzählt habe, bin ich dafür bestraft worden.
Die grosse Julihitze ist gekommen; das Leben ist unerträglich: alles stinkt, und die hundert Aborte nicht am wenigsten. Ich erwarte eine Katastrophe, ohne sagen zu können, was für eine.
Auf einer Strasse finde ich ein Stück Papier auf dem das Wort "Marder" steht. Auf einer andern Strasse ein ähnliches Stück Papier, das, von derselben Hand geschrieben, das Wort "Geier" trägt. Popoffsky gleicht vollkommen einem Marder und seine Frau einem Geier. Sollten sie nach Paris gekommen sein, um mich zu töten? Er, der Mörder ohne Scham, ist zu allem fähig, nachdem er Weib und Kind ermordet hat.
Ich lese eine köstliche Arbeit, "Die Freude zu sterben", und der Wunsch wird in mir wach, diese Welt zu verlassen. Um die Grenze zwischen Leben und Tod kennen zu lernen, lege ich mich aufs Bett, entkorke das Fläschchen mit Zyankalium und es verbreitet seinen tödlichen Duft. Er nähert sich, der Mann mit der Sense: ein mildes Gefühl, eine Wollust überkommt mich; aber, im letzten Augenblick, tritt immer jemand oder etwas unvermutet dazwischen: der Diener kommt unter irgendeinem Vorwand, eine Wespe fliegt zum Fenster herein.
Die Mächte weigern mir die einzige Freude, und ich beuge mich ihrem Willen.
Anfang Juli gehen die Studenten in die Ferien und lassen das Hotel leer.
Darum erregt ein Fremder, der in das Zimmer neben meinem Arbeitstisch einzieht, meine Neugier. Der Unbekannte spricht niemals; erscheint sich hinter der Wand, die uns trennt, mit schreiben zu beschäftigen. Seltsam ist jedenfalls, dass er seinen Stuhl zurückschiebt, wenn ich meinen bewege; dass er meine Bewegungen wiederholt, als wolle er mich durch seine Nachahmung necken.
Das dauert drei Tage. Am vierten mache ich diese Beobachtung: wenn ich schlafen gehe, legt sich der andere in dem Zimmer neben meinem Zimmer nieder; bin ich im Bett, so höre ich, wie er sich in das andere Zimmer begibt und das Bett neben meinem Bett einnimmt. Ich höre ihn, wie er sich parallel mit mir ausstreckt: er blättert in einem Buch, löscht dann die Lampe, holt tief Atem, dreht sich auf die Seite und schläft ein.
Eine vollständige Stille herrscht in dem Zimmer neben meinem Tisch. Er bewohnt also beide Zimmer. Es ist unangenehm, von zwei Seiten belagert zu werden.
Allein, ganz allein nehme ich das Mittagessen auf einem Tablett auf meinem Zimmer ein, und ich esse so wenig, dass der teilnehmende Diener Mitleid mit mir hat. Seit einer Woche habe ich meine Stimme nicht mehr gehört, und aus Mangel an Übung beginnt der Laut zu verschwinden. Ich habe keinen Sou mehr: Tabak und Briefmarken fehlen mir.
Da mache ich eine letzte Anstrengung und sammle meinen Willen. Ich _will_ Gold machen, auf trocknem Wege durch Feuer. Das Geld findet sich, Öfen, Tiegel, Löschkohlen, Blasebalg, Zangen.
Die Hitze ist übermässig; nackt bis zum Gürtel wie ein Grobschmied, schwitze ich vor dem offenen Feuer. Aber die Sperlinge haben ihr Nest in den Schornstein gebaut, und der Kohlendunst schlägt ins Zimmer. Nach dem ersten Versuch möchte ich aus der Haut fahren, weil ich Kopfschmerzen habe und meine Experimente eitel sind, da alles verkehrt geht. Nachdem ich die Masse drei Male im Schmiedefeuer geschmolzen habe, betrachte ich das Innere des Tiegels. Der Borax hat einen Totenkopf gebildet, dessen leuchtende Augen meine Seele wie eine übernatürliche Ironie durchbohren.
Wieder kein Metallkorn! Und ich verzichte auf einen neuen Versuch.
Im Lehnstuhl sitzend, lese ich in der Bibel, wie der Zufall sie mir aufschlägt: "Niemand geht in sich und hat weder die Kenntnis noch den Witz, zu sagen: ich habe die Hälfte hiervon im Feuer verbrannt, und doch habe ich Brot gebacken auf den Kohlen; ich habe Fleisch geröstet und davon gegessen; und übrigens sollte ich daraus ein Greuel machen? sollte ich einen Baumzweig anbeten? Er nährt sich von Asche, und sein getäuschtes Herz leitet ihn irre; und er wird seine Seele nicht befreien, und wird nicht sagen, was in meiner rechten Hand ist, ist das keine Falschheit?... So hat der Ewige, dein Erlöser, gesprochen, der dich vom Mutterleib bereitet hat, ich bin der Ewige, der alle Dinge geschaffen hat, der allein die Himmel entworfen, der allein die Erde geebnet hat; _der die Versicherungen der Lügner zerstreut, der die Wahrsager zum Unsinn macht, der den Geist der Weisen verkehrt, der ihr Wissen eine Torheit werden lässt_."
Zum ersten Male zweifle ich an meinen wissenschaftlichen Untersuchungen! Wenn es eine Torheit ist, ach! dann habe ich das Glück meines Lebens und das meiner Frau und meiner Kinder für ein Hirngespinst geopfert!
Wehe mir Toren! Der Abgrund öffnet sich zwischen meiner Familie und diesem Augenblick! Ein und ein halbes Jahr, so viele Tage und so viele Nächte, so viele Schmerzen für nichts!
Nein, das kann nicht sein! Das ist nicht so!
Habe ich mich in einem dunklen Walde verirrt? Nein, der Lichtbringer hat mich auf den rechten Weg geführt, nach der Insel der Seligen, und es ist der Teufel, der mich versucht! oder mich straft!
Ich sinke auf den Lehnstuhl nieder; eine ungewohnte Schwere bedrückt meinen Geist, ein magnetisches Fluidum scheint von der Wand auszuströmen, der Schlaf übermannt meine Glieder. Ich sammle meine Kräfte und stehe auf, um auszugehen. Als ich durch den Korridor komme, höre ich Stimmen, die in dem Zimmer neben meinem Tisch flüstern.
Warum flüstern sie? In der Absicht, sich vor mir versteckt zu halten.
Ich gehe die Rue d'Assas hinunter und trete in den Luxemburggarten. Ich schleppe meine Beine, ich bin von den Hüften bis zu den Füssen gelähmt, ich sinke hinter dem Adam mit seiner Familie auf eine Bank.
Ich bin vergiftet! Das ist der erste Gedanke, der mir kommt! Und Popoffsky, der Weib und Kind mit giftigen Gasen getötet hat, ist hierhergekommen. Er ist es, der nach dem berühmten Experiment von Pettenkofer einen Gasstrom durch die Wand geleitet hat.
Was ist zu machen? Zur Polizei gehen? Nein! Wenn ich keine Beweise habe, wird man mich als einen Narren einsperren.
Vae soli! Wehe dem einsamen Menschen, dem Sperling auf dem Dache! Niemals war das Elend meines Daseins grösser, und ich weine wie ein verlassenes Kind, das sich im Dunkeln fürchtet.
Abends wage ich aus Furcht vor einem neuen Attentat nicht mehr an meinem Tisch zu bleiben. Ich lege mich zu Bett, ohne dass ich mich getraue einzuschlafen. Es ist Nacht, und die Lampe ist angesteckt. Auf der Mauer, meinem Fenster gegenüber, sehe ich den Schatten einer menschlichen Gestalt sich abzeichnen. Ob Mann oder Weib, ich wüsste es nicht zu sagen, aber der Eindruck, der mir geblieben ist, war der eines Weibes.
Als ich aufstehe, um nachzusehen, wird die Gardine mit einem kurzen Geräusch herabgelassen. Dann höre ich den Unbekannten in das Zimmer eintreten, das neben meinem Alkoven liegt, und Stille tritt ein.
Drei Stunden liege ich wach da, ohne den Schlaf zu finden, der sonst nicht auf sich warten lässt.
Da schleicht sich ein beunruhigendes Gefühl durch meinen Körper: ich bin das Opfer eines elektrischen Stroms, der zwischen den beiden benachbarten Zimmern läuft. Die Spannung wächst, und trotzdem ich Widerstand leiste, verlasse ich das Bett, von diesem Gedanken besessen:
--Man tötet mich! Ich will mich nicht töten lassen!
Ich gehe hinaus, um den Diener in seiner Zelle am Ende des Korridors zu suchen. Aber, ach, er ist nicht da. Also entfernt, fortgeschickt, geheimer Mitschuldiger, gekauft.
Ich steige die Treppe hinab und durchschreite den Korridor, um den Pensionsvorsteher zu wecken.
Mit einer Geistesgegenwart, deren ich mich nicht für fähig gehalten, schütze ich ein Unwohlsein vor, das von den Ausdünstungen der Chemikalien komme, und bitte um ein anderes Zimmer für die Nacht.
Infolge eines Zufalls, den die zornige Vorsehung herbeigeführt hat, liegt das einzige verfügbare Zimmer unter dem meines Feindes.
Sobald ich allein bin, öffne ich das Fenster und atme die frische Luft einer sternklaren Nacht ein. Über den Dächern der Rue d'Assas und der Rue Madame leuchten der grosse Bär und der Polarstern.
--Gegen Norden also! Omen accipio!
Als ich die Vorhänge des Alkovens zurückziehe, höre ich über mir meinen Feind, wie er aus dem Bett steigt und einen schweren Gegenstand in einen Koffer fallen lässt, dessen Deckel er mit einem Schlüssel abschliesst.
Er verbirgt also etwas; vielleicht die Elektrisiermaschine.
Am nächsten Tage, es ist ein Sonntag, packe ich meine Sachen unter dem Vorwand, ich wolle einen Ausflug an die Küste des Meeres machen.
Dem Kutscher rufe ich Bahnhof Saint-Lazare zu. Als ich aber am Odeon vorbeikomme, lasse ich mich von ihm nach der Rue de la Clef führen, in die Nähe des Jardin des Plantes. Dort will ich bleiben, inkognito, um meine Studien zu vollenden, bevor ich nach Schweden reise.
8.
Die Hölle.
Endlich tritt eine Pause in meinen Strafen ein. Auf dem Treppenabsatz des Gartenhauses in einem Sessel sitzend, verbringe ich Stunden damit, die Blumen des Gartens zu betrachten und über die Vergangenheit nachzudenken. Die Ruhe, die nach meiner Flucht eingetreten ist, beweist mir, dass mich keine Krankheit befallen, sondern dass mich Feinde verfolgt haben. Am Tage arbeite ich, und in der Nacht schlafe ich ruhig.
Von der Unsauberkeit befreit, fühle ich mich wieder jung werden, wenn ich die Stockrosen, die Blumen meiner Jugend, betrachte.
Der Jardin des Plantes, dieses den Parisern unbekannte Wunder von Paris, ist mein Park geworden. Die ganze Schöpfung, in einer Ringmauer gesammelt, die Arche Noahs, das wiedergefundene Paradies, in dem ich ohne Gefahr zwischen wilden Tieren lustwandle, es ist zu viel Glück. Von den Gesteinen ausgehend, komme ich durch das Reich der Pflanzen und Tiere, um zum Menschen zu gelangen, hinter dem ich den Schöpfer entdecke. Der Schöpfer, dieser grosse Künstler, der sich entwickelt, indem er schafft, Skizzen macht, die er wieder verwirft, unreife Gedanken wieder aufnimmt, einfache Formen vollendet und vervielfacht. Alles ist das Werk seiner Hand. Oft macht er ungeheuere Fortschritte, indem er die Arten erfindet, und dann kommt die Wissenschaft, stellt Lücken, fehlende Glieder fest und bildet sich ein, die Zwischenarten seien verschwunden.
Da ich nun vor meinen Verfolgern in Sicherheit zu sein glaube, sende ich meine Adresse ans Hotel Orfila, um wieder in Verbindung mit der Aussenwelt zu treten, indem ich meine durch die Flucht unterbrochene Korrespondenz wieder aufnehme.
Kaum aber habe ich mein Inkognito gelüftet, ist der Friede aus. Es geschehen wieder Dinge, die mich beunruhigen, und das frühere Unbehagen bedrückt mich. Zunächst werden in dem Zimmer des Erdgeschosses, das neben meinem liegt und bisher frei war, auch keine Möbel hatte, Gegenstände aufgestapelt, deren Gebrauch mir unerklärlich bleibt. Ein alter Herr mit grauen und boshaften Bärenaugen trägt leere Warenbüchsen, Blechplatten und andere Gegenstände hinein, aus denen man nicht klug wird.
Zur selben Zeit beginnen wieder die Geräusche von der Rue de la Grande-Chaumière über meinem Kopfe: man zieht Stricke, schlägt mit Hämmern, ganz als montiere und aufstelle man eine Höllenmaschine, wie die Nihilisten sie anwenden.
Dann ändert die Wirtin, die zu Anfang meines Aufenthaltes freundlich war, ihr Benehmen gegen mich, sucht mich auszukundschaften, grüsst mich auf herausfordernde Art.
Ferner wechselt die erste Etage über mir den Mieter. Der alte stille Herr, dessen schwere Schritte mir bekannt waren, ist nicht mehr da. Ein zurückgezogen lebender Rentier, bewohnt er das Haus seit Jahren, und er ist nicht verreist sondern hat nur das Zimmer gewechselt. Warum?
Das Mädchen, das mein Zimmer aufräumt und mir die Mahlzeiten bringt, ist ernst geworden und wirft mir verstohlen mitleidige Blicke zu.
Jetzt ist über mir ein Rad, das sich den ganzen Tag dreht und dreht.
Zum Tode verurteilt! Das ist mein bestimmter Eindruck. Durch wen? Durch die Russen, die Pietisten, die Katholiken, die Jesuiten, die Theosophen! Weshalb? Als Zauberer oder Schwarzmagier?
Oder von der Polizei! Als Anarchist? Das ist ja eine sehr gebräuchliche Anklage, um persönliche Feinde zu beseitigen.
In dem Augenblick, wo ich dieses schreibe, weiss ich nicht, was sich in jener Julinacht, als sich der Tod auf mich stürzte, ereignet hat, aber ich weiss wohl und werde nie vergessen, welche Lektion ich für mein Leben bekam.