Inferno; Legenden

Part 5

Chapter 53,667 wordsPublic domain

Einer widerspricht dem Andern, und ich bin schliesslich ebenso klug wie vorher, stelle mich jedoch so, als glaube ich alles, was man mir erzählt. Die allzu deutliche Feindseligkeit liess mich den Schwur tun, die Cremerie zu meiden; zu meinem Bedauern, denn einige Menschen waren mir wirklich sympathisch geworden. Von neuem durch diesen verwünschten Feind in die Einsamkeit getrieben, werde ich gegen ihn eingenommen und der Hass setzt mir zu und macht mich böse. Ich verzichte auf den Tod! Ich will nicht von der Hand des Mannes fallen, der meiner nicht wert ist: die Demütigung wäre zu tief für mich, die Ehre zu gross für ihn. Ich will kämpfen, mich verteidigen.

Um mir die Sache vom Herzen zu schaffen, begebe ich mich in die Rue de la Santé hinter Val-de-Grâce, um einen dänischen Maler, einen intimen Freund Popoffskys, zu besuchen. Dieser Mann, einst mein Freund, war vor sechs Wochen nach Paris gekommen und hatte mich, als ich ihn auf der Strasse traf, wie einen Fremden, fast wie einen Feind begrüsst. Am nächsten Tage dagegen machte er mir einen Besuch, lud mich in sein Atelier ein und sagte mir zu viele Artigkeiten, um nicht den Eindruck eines falschen Freundes auf mich zu machen. Als ich ihn fragte, ob er etwas Neues von Popoffsky gehört habe, verschanzte er sich hinter Ausflüchten, bestätigte aber die Neuigkeit, dass er bald nach Paris kommen werde.

--Um mich zu ermorden! ergänzte ich.

--Gewiss! Nehmen Sie sich in acht!

Als ich eines Morgens die Tür zu dem Hause meines Dänen öffnete, um seinen Besuch zu erwidern, lag--welcher Zufall!--eine dänische Dogge von riesiger Grösse und ungeheuerlichem Aussehen auf dem Pflaster des Hofes und versperrte mir den Weg. Mit einer instinktiven, aber entschiedenen Bewegung ging ich augenblicklich wieder auf die Strasse hinaus und kehrte auf meinen Spuren um, den Mächten dankend, dass sie mich gewarnt hatte; so überzeugt war ich, dass ich einer unbekannten Gefahr entronnen sei.

Als ich einige Tage später meinen Besuch wiederholen wollte, sass auf der Schwelle der offenen Tür ein Kind, das eine Spielkarte in der Hand hatte. Mit hellseherischem Aberglauben warf ich einen Blick auf die Karte. Es war die Pik zehn!

--Man treib ein hässliches Spiel in diesem Hause. Und ich zog mich zurück, ohne einzutreten.

Aber heute abend nach der Szene in der Cremerie war ich fest entschlossen, Cerberus und Pik zu trotzen; doch das Schicksal widersetzte sich dem: ich traf meinen Mann in der Brasserie des Lilas. Er war entzückt mich zu sehen, und wir setzten uns auf der Terrasse an einen Tisch.

Indem er unsere gemeinsame Berliner Erinnerungen durchging, fiel er in seine alte Rolle des guten Kameraden zurück, begeisterte sich an seinen eigenen Erzählungen, vergass die kleinen Uneinigkeiten und gestand Tatsachen ein, die er öffentlich geleugnet hätte.

Plötzlich schien er sich an seine Pflicht oder an gegebene Versprechungen zu erinnern: er wird stumm, kalt, feindlich, als ärgere er sich, dass er sich habe aushorchen lassen.

Als ich direkt frage, ob Popoffsky in Paris sei, antwortete er ein so schroffes Nein, dass die Lüge mir offenbar erschien, und wir trennten uns.

Hier ist zu beachten, dass dieser Däne vor mir der Geliebte der Frau Popoffsky gewesen war und mir noch immer grollte, dass seine Geliebte ihn für mich verlassen hatte. Jetzt spiele er die Rolle eines Hausfreundes, obwohl Popoffsky genau wusste, in welchen Beziehungen seine Frau zu dem schönen Heinrich gestanden hatte.

Der "Aufschwung" von Schumann klingt über die dicht belaubten Bäume, aber der Musiker bleibt unsichtbar, und ich weiss nicht, wo er sich befindet. Einen ganzen Monat dauert die Musik, jeden Abend von vier bis fünf Uhr.

Als ich eines Morgens die Rue de Fleurus hinuntergehe, um mich am Anblick meines Regenbogens beim Färber zu stärken, trete ich in den Luxemburggarten ein, der jetzt in voller Blüte steht und schön wie ein Feenmärchen ist, und finde auf der Erde zwei trockene Zweige, die der Wind abgebrochen hat. Sie bilden zwei griechische Buchstaben P und y. Ich hob sie auf und die Verbindung P--y, die Abkürzung von Popoffsky, entstand in meinem Hirn. Er verfolgte mich also, und die Mächte wollten mich gegen die Gefahr sichern. Unruhe erfasste mich, trotzdem der Unsichtbar mir dieses günstige Zeichen gab. Ich rufe den Schutz der Vorsehung an, ich lese die Psalmen Davids gegen seine Feinde; ich hasse meinen Feind mit dem religiösen Hass des Alten Testaments, habe aber zugleich nicht mehr den Mut, mich der Mittel der schwarzen Magie zu bedienen, die ich eben studiert habe.

"Ewiger, mach dich auf, mir zu helfen! Sprich zu meiner Seele: ich bin deine Hilfe. Es müssen sich schämen und gehöhnet werden, die nach meiner Seele stehen; es müssen zurückkehren und zu Schanden werden, die mir übel wollen.... Sie müssen sich schämen und zu Schanden werden alle, die sich meines Übels freuen."

Dieses Gebet schien mir damals gerecht zu sein, und die Barmherzigkeit des Neuen Testaments kam mir wie eine Feigheit vor.

Zu welchem Unbekannten nahm meine ruchlose Anrufung ihren Flug? Ich wüsste es nicht zu sagen; aber der Verlauf dieses Abenteuers wird wenigstens zeigen, dass der Wunsch erfüllt wurde.

7.

Auszug aus meinem Tagebuch 1896.

13. Mai.--Ein Brief von meiner Frau. Durch die Zeitungen hat sie erfahren, dass ein Herr S. im Ballon zum Nordpol fahren will: sie stösst einen Schrei der Angst aus, gesteht mir ihre unveränderliche Liebe und fleht mich an, auf einen Plan zu verzichten, der Selbstmord bedeute.

Ich kläre sie über ihren Irrtum auf: es ist der Sohn eines Vetters von mir, der sein Leben für eine grosse wissenschaftliche Entdeckung wagt.

14. Mai.--In der letzten Nacht habe ich einen Traum gehabt. Ein abgehauener Kopf war dem Rumpf eines Menschen angepasst, der wie ein durch Trunksucht heruntergekommener Schauspieler aussah. Der Kopf fing an zu sprechen: ich hatte Furcht und stiess meinen Bettschirm um, einen Russen vor mir herschiebend, um mich gegen den Angriff des rasenden Mannes zu schützen.

In dieser selben Nacht sticht eine Mücke mich, und ich töte sie. Am Morgen ist die Fläche der rechten Hand mit Blut bespritzt.

Als ich auf dem Boulevard Port-Royal spazieren gehe, sehe ich eine Blutlache auf dem Trottoir.

Sperlinge haben ihr Nest im Rauchfang gebaut. Sie zwitschern artig, als bewohnten sie mein Zimmer.

17. Mai und folgende Tage.--Der Absinth um sechs Uhr auf der Terrasse der Brasserie des Lilas, hinter dem Marschall Ney, ist mein einziges Laster, meine letzte Freude geworden. Wenn die Arbeit des Tages beendet ist, wenn Seele und Körper erschöpft sind, erhole ich mich am Busen des grünen Getränks, mit einer Zigarette, dem Temps und den Debats.

Wie lieblich ist das Leben, wenn der Nebel eines gelinden Rausches seinen Schleier über das Elend des Daseins zieht. Wahrscheinlich neiden mir die Mächte diese Stunde eingebildeter Seligkeit zwischen sechs und sieben Uhr, denn von diesem Abend an wird das Glück von einer Reihe Verdriesslichkeiten gestört, die ich nicht dem Zufall zuschreiben kann.

Am 17. Mai also ist mein Platz, den ich seit zwei Jahren einnehme, besetzt; und alle andern ebenfalls. Ich muss in ein anderes Café gehen, was mich mehr betrübt, als ich sagen kann.

18. Mai.--Meine schöne Ecke in den Lilas ist frei; ich bin zufrieden, selbst glücklich, unter meiner Kastanie hinter dem Marschall Ney. Der Absinth ist da, richtig mit Wasser gemischt, die Zigarette ist angesteckt, der Temps entfaltet....

Da geht ein Betrunkener vorbei, dessen widriges und hässliches Aussehen mich quält, da er mich mit einem tückischen und verächtlichen Blick ausforscht. Das Gesicht ist weinrot, die Nase preussischblau, die Augen boshaft. Ich will meinen Absinth kosten, glücklich, dass ich nicht so aussehe wie dieser Trinker ... aber, ich weiss noch heute nicht wie, mein Glas ist umgekehrt und leer. Da ich wenig Geld habe, kann ich keinen andern bestellen; ich zahle, stehe auf und verlasse das Café, überzeugt, dass der böse Geist mich behext hat.

19. Mai.--Ich wage es nicht ins Café zu gehen.

20. Mai.--Wie ich das Café umschleiche, finde ich meine Ecke frei. Man muss gegen den bösen Geist kämpfen, und ich nehme den Kampf auf. Der Absinth ist bereitet, die Zigarette hat Zug, der Temps berichtet grosse Neuigkeiten. In diesem Augenblick--glaube mir, Leser, es ist wahr--bricht im Hause des Cafés, über mir ein Schornsteinbrand aus. Allgemeine Panik. Ich bleibe sitzen, aber ein Wille, der stärker ist als ich, lässt eine Wolke Russ fallen und lenkt sie so gut, dass zwei Flocken sich in mein Glas legen. Aus der Fassung gebracht, gehe ich, immer aber noch ungläubig und zweifelnd.

1. Juni.--Nach einer langen Enthaltsamkeit werde ich von neuem durch den Wunsch erfasst, mich unter der Kastanie zu trösten. Mein Tisch ist besetzt, und ich nehme einen andern, der allein steht und ruhig ist. Man muss gegen den bösen Geist kämpfen.... Da kommt eine Familie Kleinbürger und setzt sich an den Nebentisch; die Mitglieder dieser Familie sind nicht zu zählen, und immer neue Verstärkungen langen an. Frauen stossen an meinen Stuhl, Kinder verrichten ihre kleinen Geschäfte vor meinen Augen, junge Leute nehmen mir die Streichhölzchen, ohne um Entschuldigung zu bitten. Umringt von dieser lärmenden, unverschämten Menge, will ich doch nicht vom Platze weichen. Da folgt ein Auftritt, der ohne Zweifel durch geschickte und unsichtbare Hände in Szene gesetzt ist, denn er gelang zu gut, als dass ich ihn einer Intrige dieser Leute zuschreiben könnte, die mich gar nicht kennen.

Ein junger Mann legt mit einer Gebärde, die ich nicht begreife, einen Sou auf meinen Tisch, Fremd und allein unter so vielen Leuten, wage ich mich nicht zu sträuben. Aber von Zorn geblendet, suche ich mir klar zu machen, was sich zugetragen hat.

--Er gibt mir einen Sou wie einem Bettler. Bettler! Das ist der Dolch, den ich mir in die Brust stosse. Bettler! Ja, denn du verdienst nichts und du....

Der Kellner kommt und bietet mir einen bequemeren Platz an. Den Sou lasse ich auf dem Tisch liegen. Der Kellner bringt ihn mir nach--welche Beschimpfung!--und sagt mir höflich, der junge Mann habe ihn unter meinem Tisch gefunden und glaube, er gehört mir.

Ich schämte mich und um meinen Zorn zu dämpfen, bestelle ich einen zweiten Absinth.

Der Absinth ist serviert, und alles ist gut, als ein ekelhafter Geruch nach Schwefelammonium mich erstickt.

Was war das wieder? Etwas ganz Natürliches, durchaus kein Wunder, nicht die Spur einer bösen Absicht ... die Öffnung einer Kloake klafft am Rande des Trottoirs, wo mein Stuhl steht.

Jetzt erst fange ich an zu begreifen, dass gute Geister mich von einem Laster befreien wollen, das mich ins Irrenhaus bringen kann! Gesegnet sei die Vorsehung, dass sie mich gerettet hat.

25. Mai.--Trotz der Hausordnung des Hotels, die Frauen ausschliesst, ist eine Familie auf der Seite meines Zimmers eingezogen. Ein Säugling, der Tag und Nacht schreit, macht mir wirklich Vergnügen, denn er erinnert mich an die gute alte Zeit, an das blühende Leben zwischen dreissig und vierzig.

26. Mai.--Die Familie zankt sich! Das Kind heult! Wie sich doch alles gleich ist! Und wie süss dies--jetzt--für mich ist.

Heute abend habe ich die englische Dame wieder gesehen. Sie war reizend und lächelte mich mit einem guten mütterlichen Lächeln an. Sie hat eine Serpentinentänzerin gemalt, die einer Nuss oder einem Gehirn gleicht. Das Bild hängt, ziemlich versteckt, hinter dem Büffet der Madame Charlotte in der Cremerie.

29. Mai.--Ein Brief meiner Kinder aus erster Ehe meldet mir, eine Depesche habe sie eingeladen, nach Stockholm zu kommen, um dort dem Abschiedsfest beizuwohnen, das mir gegeben werde, bevor ich im Ballon zum Nordpol aufsteige. Sie können das nicht begreifen, und ich auch nicht. Welch unseliger Irrtum!

Die Zeitungen berichten das Unglück von Saint-Louis (Saint-Louis!) in Amerika, wo ein Zyklon tausend Menschen getötet hat.

2. Juni.--In der Strasse der Sternwarte fand ich zwei Kieselsteine, die genau die Form von Herzen haben. Abends fand ich im Garten eines russischen Malers den dritten, von derselben Grösse wie die andern und ihnen ganz gleich.

Der "Aufschwung" von Schumann hat aufgehört, und ich bin wieder ruhig.

7. Juni.--Ich besuche den dänischen Maler in der Rue de la Santé. Der grosse Hund ist verschwunden, der Eintritt ist frei. Wir speisen auf einer Terrasse des Boulevard Port-Royal. Mein Freund friert und fühlt sich nicht wohl; da er seinen Überzieher vergessen hat, lege ich ihm meinen über die Schultern. Zuerst beruhigt ihn das: er fügt sich mir und ich beherrsche ihn. Er wagt sich nicht mehr zu empören: wir sind in allen Punkten einig; er gesteht mir, dass Popoffsky ein Übeltäter sei, und das ich ihm mein Unglück zu verdanken habe. Auf einmal wird er nervös, zittert wie ein Medium unter dem Einfluss des Hypnotiseurs: wird aufgeregt, schüttelt den Überzieher ab; hört auf zu essen, wirft seine Gabel hin, erhebt sich gibt mir meinen Überzieher wieder und sagt mir adieu.

Was war das? Das Nessusgewand! Hat sich mein Nervenfluidum in dem Mantel aufgespeichert und durch seine fremdartige Polarität ihn unterjocht? Das muss es sein, was Hesekiel Kapitel 13 Vers 18 sagen will:

"So spricht der Herr, HErr: Weh euch, die ihr Kissen machet den Leuten unter die Arme und Pfühle zu den Häuptern, beide, Jungen und Alten, die Seelen zu fahen ... ich will die Kissen von euern Armen wegreissen, und die Seelen, so ihr fahet und vertröstet, losmachen."

Bin ich ein Zauberer geworden, ohne dass ich es weiss?

9. Juni.--Ich besuchte meinen dänischen Freund, um mir seine Bilder anzusehen. Als ich kam, war er gesund und munter, nach einer halben Stunde aber bekam er einen solchen Nervenanfall, dass er sich ausziehen und zu Bett legen musste.

Was hatte er? War es das schlechte Gewissen?

14. Juni. Sonntag.--Ich finde einen vierten Kiesel in Herzform, dieses Mal im Luxemburggarten, aber von derselben Art wie die früheren. Am Stein klebt etwas goldgelber Flitter. Ich begreife das Rätsel nicht, ahne aber eine Voraussage. Ich vergleiche die vier Kiesel vor dem offenen Fenster, als die Glocken von Saint-Sulpice zu läuten beginnen; dann kommt der grobe Brummbass von Notre-Dame, und durch dieses gewöhnliche Läuten dringt ein dumpfes feierliches Rollen, als komme es aus den Eingeweiden der Erde.

Den Diener, der mir die Post bringt, frage ich, was das bedeutet.

--Das ist die grosse Savoyade von Sacre Coeur de Montmartre.

--Es ist also das Fest des heiligen Herzens?

Und ich betrachte meine vier Herzen aus hartem Stein, ein wenig gepackt von diesem auffallenden Zusammentreffen.

Ich höre dem Kuckuck aus der Richtung der Kirche Notre-Dame-des-Champs, und das ist doch unmöglich; meine Ohren müssten denn so überempfindlich geworden sein, dass sie Töne aus dem Wald von Medon wahrnehmen.

15. Juni.--Ich steige nach Paris hinab, um einen Scheck in Papier und Gold zu verwandeln. Der Quai Voltaire schwankt unter meinen Füssen; das setzt mich in Erstaunen, obwohl ich sehr wohl weiss, dass die Brücke du Caroussel unter dem Gewicht der Wagen erzittert. Aber heute morgen setzt sich die Bewegung bis in den Hof der Tuilerien und in die Opernstrasse fort. Eine Stadt zittert wohl immer, um es aber zu fühlen, muss man geschärfte Nerven haben.

Die andere Seite des Flusses ist für uns andere vom Montparnasse ein fremdes Land. Ein Jahr fast ist vergangen, seit ich dem Credit Lyonnais oder dem Café de la Régence meinen letzten Besuch machte. Auf dem Boulevard des Italiens erfasst mich Heimweh, und ich eile zum andern Ufer zurück, wo der Anblick der Rue des Saint-Pères mich tröstet.

In der Nähe der Kirche Saint-Germain-des-Pres treffe ich einen Leichenwagen, dann zwei kolossale Madonnen, die auf einem Wagen fortgeschafft werden. Die eine von ihnen, die auf den Knien liegt, die Hände faltet und die Blicke zum Himmel erhebt, macht einen starken Eindruck auf mich.

16. Juni.--Auf dem Boulevard Saint-Michel kaufe ich einen Briefbeschwerer aus Marmor; er ist mit einer Glaskugel geschmückt, welche die Madonna von Lourdes enthält, im Rahmen ihrer berühmten Grotte; vor ihr liegt eine verschleierte Dame auf den Knien. Ich stelle das Bild in die Sonne, und die wirft wunderbare Schatten auf die Wand. Auf der Rückseite der Grotte hat der Gips durch einen Zufall, den der Künstler nicht vorausgesehen hat, einen Christuskopf geformt.

18. Juni.--Der dänische Freund tritt bestürzt und am ganzen Körper zitternd in mein Zimmer. Popoffsky ist unter dem Verdacht, eine Frau und zwei Kinder, seine Geliebte und seine beiden ehelichen Kinder, ermordet zu haben, in Berlin verhaftet worden. Als die erste Überraschung vergangen ist und das aufrichtige Mitleid mit einem Freund, der mir, trotz allem, soviel Eifer erwiesen hat, sich legt, breitet sich eine tiefe Ruhe über meinen Geist, den seit mehreren Monaten bevorstehende Drohungen gefoltert haben.

Unfähig, meinen gerechten Egoismus zu verheimlichen, lasse ich meinen Gefühlen freien Lauf:

--Es ist schrecklich, und doch erleichtert es mich, wenn ich an die Gefahr denke, der ich eben entgangen bin.

--Was hat ihn zu dem Verbrechen getrieben?

--Vielleicht war die legitime Gattin auf die illegitime Geliebte eifersüchtig; auch die Kosten, die diese verursachte, können mitgewirkt haben. Vielleicht auch....

--Was?

--Vielleicht haben seine blutdürstigen Triebe, die neulich hier in Paris keine Befriedigung fanden, einen andern Ausweg gesucht, gleichviel welchen.

In mir selber frage ich: ist es möglich, dass meine glühenden Gebete den Dolch abgelenkt haben, der nun durch meinen Gegenstoss den Mörder mitten ins Herz getroffen hat?

Ich forsche nicht weiter, sondern schlage, edelmütig wie ein Sieger vor:

--Retten wir unsern Freund wenigstens literarisch. Ich werde einen Aufsatz über seine schriftstellerischen Verdienste schreiben: Sie zeichnen ein sympathisches Porträt, und beides bieten wir der "Revue blanche" an.

Im Atelier des Dänen--der Hund bewacht es nicht mehr!--betrachten wir ein Porträt Popoffskys, das vor mehr als zwei Jahren gemalt ist. Es ist nur der Kopf, durch eine Wolke abgeschnitten, und darunter Totenknochen, wie man sie auf Grabtafeln sieht. Der abgeschnittene Kopf macht uns schaudern, und mein Traum vom dreizehnten Mai bedrückt mich wie ein Gespenst.

--Wie sind sie auf den Gedanken dieser Enthauptung gekommen?

--Schwer zu sagen, aber es ruhte ein Verhängnis auf diesem feinen Geist: er besass Spuren von entschiedenem Genie und trachtete nach dem höchsten Ruhm, ohne aber den Preis dafür zahlen zu wollen. Das Leben lässt uns nur die Wahl: entweder der Lorbeer oder die Sinnenlust.

--Sie haben das endlich auch entdeckt?

23. Juni.--Ich habe eine Nadel aus unechtem Gold mit einer falschen Perle gefunden. Aus dem Bad der Goldsynthese habe ich ein Herz aus Gold gefischt.

Als ich am Abend durch die Rue du Luxembourg gehe, sehe ich im Hintergrund der ersten Allee rechts, über den Bäumen, eine Hirschkuh am Himmel gezeichnet. Ich bewundere sie, so schön ist sie in der Form wie in der Farbe, und sie gibt mir ein Zeichen mit dem Kopf, in der Richtung nach Südost (Donau)!

Diese letzten Tage nach der Katastrophe des Russen hat mich eine neue Unruhe ergriffen. Es kommt mir vor, als beschäftige man sich irgendwo mit mir, und ich vertraue dem dänischen Maler an, dass der Hass des gefangenen Russen mich wie unter dem Fluidum einer Elektrisiermaschine leiden lässt.

Es gibt Augenblicke, in denen ich ahne, dass mein Aufenthalt in Paris bald ein Ende nehmen wird und eine neue Peripetie mich erwartet.

Der Hahn auf dem Kreuz von Notre-Dame-des-Champs scheint mir mit den Flügeln zu schlagen, als wolle er in nördlicher Richtung davonfliegen.

Im Vorgefühl meiner bevorstehenden Abreise beeile ich mich meine Studien im Jardin des Plantes zu vollenden.

Eine Zinkwanne, in der ich Goldsynthesen auf feuchtem Wege vornehme, zeigt an den innern Seiten eine Landschaft, die durch die verdunsteten Eisensalze gebildet ist. Ich deute sie als ein Vorzeichen, aber ich bemühe mich vergeblich zu ahnen wo diese ausserordentliche Landschaft liegen wird. Mit Nadelbäumen, vor allem mit Fichten, bewaldete Hügel; zwischen den Höhen Ebenen mit Obstbäumen, Kornfeldern; alles weist auf die Nachbarschaft eines Flusses. Ein Hügel, mit Abgründen von schlichtenförmiger Formation, ist mit den Ruinen einer starken Burg gekrönt.

Ich finde mich noch nicht zurecht, aber ich werde es über ein Kleines tun.

25. Juni.--Bei dem Haupt des wissenschaftlichen Okkultismus, dem Herausgeber der "Initiation", eingeladen. Als wir, der Doktor und ich, in Marcolles en Brie ankommen, werden wir von drei schlechten Neuigkeiten empfangen. Ein Wiesel hat die Enten getötet, ein Kindermädchen ist erkrankt, die dritte ist mir entfallen.

Als ich am Abend nach Paris zurückkehre, lese ich in einer Zeitung die so berühmt gewordene Geschichte von dem Gespensterhaus in Valence en Brie.

Brie? Sehr argwöhnisch fürchte ich, dass bei den Bewohnern des Hotels mein Ausflug nach Brie Verdacht erregt; dass man mich beschuldigt, diesen Schwindel oder besser diese Hexerei durch meine alchemistischen Kenntnisse vorbereitet zu haben.

Ich habe mir einen Rosenkranz gekauft. Warum? Er ist schön und der böse Geist fürchtet das Kreuz. Übrigens erkläre ich mir nicht mehr die Gründe meiner Handlungen. Ich handle, wie es kommt: das Leben ist lustiger auf diese Weise!

In der Sache Popoffsky zeigt sich ein Umschwung. Sein Freund, der Däne, beginnt die Wahrscheinlichkeit des Verbrechens zu widerlegen, unter dem Vorwand, die Untersuchung habe den Verdacht als falsch erwiesen. Auch unser Artikel ist aufgeschoben, und die alte Kälte tritt wieder ein. Gleichzeitig erscheint auch das Untier von Hund wieder: ein Wink für mich, auf meiner Hut zu sein.

Als ich am Nachmittag an meinem Tisch, der vor dem Fenster steht, schreibe, bricht ein Gewitter aus. Die ersten Regentropfen fallen auf mein Manuskript und besudeln es so, dass die Buchstaben, die das Wort "Alp" bilden, auslaufen und einen Tintenklecks zeichnen, der dem Gesicht eines Riesen gleicht. Ich hebe diese Zeichnung auf; sie ist dem Donnergott der Japaner ähnlich, wie er in Flammarions "Athmosphäre" abgebildet ist.

28. Juni.--Ich habe meine Frau im Traum gesehen; es fehlten ihr die Vorderzähne; sie gab mir eine Guitarre, die den Donaubooten glich.

Derselbe Traum drohte mir mit Gefängnis.

Heute morgen fand ich in der Rue d'Assas ein Stück Papier in den Farben des Regenbogens.

Heute nachmittag zerrieb ich Quecksilber, Zinn, Schwefel, Chlorammonium auf einer Pappe. Als ich die Masse ablöste, behielt die Pappe den Abdruck eines Gesichts, das dem meiner Frau gleich war, wie ich es in der vergangenen Nacht im Traum gesehen hatte.

1. Juli.--Ich erwarte einen Ausbruch, ein Erdbeben, einen Blitzschlag, ohne zu wissen, von welcher Seite. Nervös wie ein Pferd beim Nahen der Wölfe, wittere ich die Gefahr, packe meine Koffer für die Flucht, ohne mich indessen rühren zu können.