Inferno; Legenden

Part 3

Chapter 33,664 wordsPublic domain

Ein Gefühl der Scham bemächtigte sich meiner Seele, und ich kehrte tief bewegt nach Hause zurück, fest entschlossen, jeder Versuchung, aus meiner Wissenschaft ein Geschäft zu machen, zu widerstehen. Ich säuberte mein Zimmer von den herumstehenden Apparaten und Reagentien; ich kehrte es aus; staubte ab, räumte auf; ich liess Blumen holen, besonders Narzissen. Nachdem ich dann ein Bad genommen und das Hemd gewechselt hatte, glaubte ich von dem Schmutz gereinigt zu sein. Darauf ging ich aus, um auf dem Kirchhof Montparnasse spazieren zu gehen; dort führte eine Heiterkeit der Seele mich zu milden Gedanken und einer ungewöhnlichen Zerknirschung.

O crux ave spes unica: so weissagten die Grabhügel mir mein Schicksal. Nichts mehr von Liebe! Nichts mehr von Geld! Nichts mehr von Ehre! Der Weg des Kreuzes, der einzige, der zur Weisheit führt.

4.

Das wiedergewonnene Paradies.

Den Sommer und den Herbst des Jahres 1895 zähle ich, trotz allem, zu den glücklichsten Etappen meines so bewegten Lebens. Alles, was ich angreife, gelingt mir; unbekannte Freunde bringen mir die Nahrung wie die Raben dem Elias; Geld fliegt mir zu: ich kann Bücher kaufen, naturwissenschaftliche Gegenstände, darunter ein Mikroskop, das mir die Geheimnisse des Lebens entschleiert.

Tot für die Welt, da ich auf die eitlen Freuden von Paris verzichte, bleibe ich in meinem Viertel, wo ich jeden Morgen die Toten des Kirchhofs Montparnasse besuche, um dann in den Luxemburggarten hinabzusteigen und meine Blumen zu begrüssen. Zuweilen besucht mich ein durchreitender Landsmann, um mich einzuladen, auf der andern Seite des Wassers zu frühstücken und ins Theater zu gehen. Ich versage es mir, weil das rechte Ufer mir verboten ist: das ist die sogenannte "Welt", die Welt der Lebenden und der Eitelkeit.

Obwohl ich sie nicht formulieren kann, hat sich eine Art Religion in mir gebildet. Eher ein Zustand der Seele als eine auf Lehren gegründete Ansicht; ein Wirrwarr von Empfindungen, die sich mehr oder weniger zu Gedanken verdichten.

Ich habe mir ein römisches Gebetbuch gekauft und lese es mit Sammlung; das Alte Testament tröstet und züchtigt mich in einer etwas dunklen Weise, während das Neue mich kalt lässt. Das hindert mich nicht, dass ein buddhistisches Buch auf mich einen stärkeren Einfluss als alle andern heiligen Bücher übt, weil es das positive Leiden über die Enthaltsamkeit stellt. Buddha zeigt den Mut, im vollen Besitz seiner Lebenskraft und im Genuss seines ehelichen Glücks auf Weib und Kind zu verzichten, während Christus jede Gemeinschaft mit den erlaubten Freunde dieser Welt vermeidet.

Übrigens grüble ich nicht über die Empfindungen, die in mir auftauchen; ich halte mich indifferent, lasse sie gewähren, indem ich mir dieselbe Freiheit bewillige, die ich andern schulde.

Das grosse Ereignis der Pariser Saison war Brunetières Feldgeschrei über den Bankerott der Wissenschaft. Seit meiner Kindheit in die Naturwissenschaften eingeweiht, später Anhänger Darwins, hatte ich entdeckt, wie ungenügend diese wissenschaftliche Methode ist, die den Mechanismus des Weltalls bekennt, ohne einen Mechanismus anzunehmen. Die Schwäche des Systems zeigte sich in einer allgemeinen Entartung der Wissenschaft: die hatte eine Grenze abgesteckt, über die man nicht hinausgehen sollte. Wir haben alle Probleme gelöst: die Welt hat keine Rätsel mehr. Diese dünkelhafte Lüge hatte mich schon um 1880 gereizt, und während der folgenden fünfzehn Jahre hatte ich eine Revision der Naturwissenschaften vorgenommen. So hatte ich 1884 die Zusammensetzung der Atmosphäre in Zweifel gezogen: der Stickstoff der Luft ist nicht identisch mit dem Stickstoff, der durch Zerlegung eines stickstoffhaltigen Salzes gewonnen wird. 1891 besuchte ich das physikalische Institut in Lund, um die Spektren dieser beiden Stickstoffarten, deren Verschiedenheit ich entdeckt hatte, zu vergleichen. Brauche ich den Empfang zu schildern, den mir die gelehrten Mechanisten bereiteten?

Nun, in diesem Jahr 1895 hat die Entdeckung des Argon frühere Vermutungen bestätigt und meinen durch eine unbesonnene Heirat unterbrochenen Untersuchungen einen neuen Aufschwung gegeben.

Nicht die Wissenschaft hat Bankerott gemacht, sondern nur die veraltete, entartete Wissenschaft, und Brunetière hatte recht, obwohl er unrecht hatte.

Während alle die Einheit der Materie anerkannten und sich Monisten nannten, ohne es zu sein, ging ich weiter und zog die letzten Konsequenzen der Lehre, indem ich die Grenzen aufhob, die Materie und sogenannten Geist zu trennen. So hatte ich 1894 im "Antibarbarus" die Psychologie des Schwefels behandelt, indem ich sie durch die Ontologie, das heisst die embryonale Entwicklung des Schwefels, erklärte.

Wer sich dafür interessiert, sei auf meine im Sommer und Herbst 1895 niedergeschriebene Arbeit "Sylva Sylvarum" verwiesen, in der ich im stolzen Gefühl hellseherischer Kraft die Geheimnisse der Schöpfung besonders im Pflanzen- und Tierreich durchschaut zu haben glaubte; ferner auf meine "Kirchhofstudien", die zeigen, wie ich in Einsamkeit und Leiden zu einem schwankenden Begriff von Gott und Unsterblichkeit zurückgeführt wurde.

5.

Der Fall und das verlorene Paradies.

In diese neue Welt eingeführt, in die niemand mir folgen kann, fasse ich einen Widerwillen gegen die andern und habe einen unbesiegbaren Wunsch, mich von meiner Umgebung freizumachen. Ich benachrichtige also meine Freunde, dass ich nach Meudon gehen wolle, um ein Buch zu schreiben, das Einsamkeit und Stille verlange.

Zur selben Zeit führten unbedeutende Zwistigkeiten zu einem Bruch mit dem Kreis der Cremerie, so dass ich mich eines Tages recht rauh vereinsamt fand. Die erste Folge war eine unerhörte Ausdehnung meiner inneren Sinne: eine seelische Kraft, die sich zu betätigen verlangte. Ich glaubte mich im Besitz grenzenloser Kräfte, und der Hochmut flösste mir die tolle Idee ein, zu versuchen, ob ich ein Wunder tun könne.

In einer früheren Epoche, in der grossen Krisis meines Lebens, hatte ich bemerkt, dass ich eine Fernwirkung auf abwesende Freunde auszuüben vermochte. In den Volkssagen hat man sich mit der Frage der Telepathie und der Behexung beschäftigt. Ich möchte mir nun weder unrecht tun, noch mich von einer verbrecherischen Handlung ganz weiss waschen, aber ich glaube zu wissen, dass mein böser Wille nicht so böse war wie der Rückschlag, den ich davon empfing. Eine ungesunde Neugier, ein Ausbruch verkehrter Liebe, veranlasst durch die furchtbare Einsamkeit, flösst mir eine übermässige Sehnsucht ein, wieder mit meiner Frau und meinem Kind anzuknüpfen, da ich sie alle beide liebte. Aber wie, da der Scheidungsprozess schon im Gang war? Ein ausserordentliches Ereignis, ein gemeinsames Unglück, ein Blitzschlag, eine Feuersbrunst, eine Überschwemmung ... kurz eine Katastrophe, die zwei Herzen wieder vereinigt, wie sich in den Romanen feindliche Hände am Bette eines Kranken treffen. Da habe ich es! Eines Kranken! Die Kinder sind immer etwas krank; die Empfindlichkeit einer Mutter übertreibt die Gefahr; ein Telegramm, und alles ist gesagt.

Ich kannte nicht die einfachsten Begriffe der Magie, aber ein unheilvoller Instinkt flüsterte mir ins Ohr, was ich mit dem Porträt meines geliebten Töchterchens vornehmen müsse, meines geliebten Töchterchens, das später mein einziger Trost in einem verfluchten Dasein werden sollte.

Ich werde die Folgen einer Handlung erzählen; wie die böse Absicht durch die Vermittlung des symbolischen Verfahrens zu wirken schien.

Indessen liessen die Konsequenzen auf sie warten, und ich setzte meine Arbeiten fort, hatte aber das Gefühl eines unerklärlichen Unbehagens, das von der Ahnung neuen Unglücks begleitet war.

Als ich abends allein vor dem Mikroskop sass, begegnete mir ein Zwischenfall, den ich damals nicht verstand, der aber doch einen starken Eindruck auf mich machte.

Ich hatte seit vier Tagen eine Walnuss keimen lassen und löste jetzt den Keim der, herzförmig und nicht grösser als ein Birnenkern, zwischen zwei Samenblättchen eingepflanzt ist, deren Aussehen an das menschliche Gehirn erinnert. Man stelle sich meine Erregung vor, als ich auf der Platte des Mikroskops zwei Händchen erblickte, weiss wie Alabaster, erhoben und gefaltet wie zum Gebet. Ist es eine Vision? eine Halluzination? Oh nein! Eine niederschmetternde Wirklichkeit, die mir Schrecken einflösst! Unbeweglich sind sie gegen mich wie in Beschwörung ausgestreckt, ich kann ihr fünf Finger zählen, der Daumen ist kürzer, richtige Frauen- oder Kinderhände.

Ein Freund, der mich vor diesem mich bestürzenden Schauspiel überraschte, wurde aufgefordert, die Erscheinung zu bestätigen; und er brauchte kein Hellseher zu sein, um zwei gefaltete Hände zu sehen, die den Beobachter um Barmherzigkeit anrufen.

Was war das? Die beiden ersten unausgebildeten Blätter eines Walnussbaumes, der Juglans regia, der Eichel des Jupiter. Weiter nichts! Und dennoch die unleugbare Tatsache, dass sich zehn Finger von menschlicher Form zu einer Gebärde des Flehens falteten: de profundis clamavi ad te!

Noch zu kleingläubig und durch eine empirische Erziehung verdummt, gehe ich darüber hinweg.

Der Fall ist getan! Ich fühle die Ungnade der unbekannten Mächte schwer auf mir ruhen. Die Hand des Unsichtbaren ist erhoben, und die Schläge fallen dicht auf mein Haupt.

Zuerst zieht sich mein anonymer Freund, der mich bisher unterstützt hat, zurück, von einem anmassenden Brief verletzt; und ich stehe ohne Hilfsmittel da.

Und als ich die Korrekturbogen von "Sylva Sylvarum" erhalte, entdecke ich, dass der Text wie ein gut gemischtes Spiel Karten umgebrochen ist. Nicht nur die Seiten sind umgestellt und falsch numeriert, auch die verschiedenen Abteilungen sind so durcheinandergeworfen, dass sie auf ironische Weise die Lehre von der "grossen Unordnung", die in der Natur herrscht, symbolisieren.

Nach endlosen Verzögerungen und Verschiebungen ist die Broschüre gedruckt; da aber präsentiert mir der Drucker eine Rechnung, deren Belauf die vereinbarte Summe ums Doppelte übersteigt. Mit Bedauern trage ich mein Mikroskop, den schwarzen Anzug und die wenigen Kostbarkeiten, die mir geblieben sind, zum Leihamt, aber ich bin schliesslich gedruckt, und zum erstenmal in meinem Leben bin ich sicher, etwas Neues, Grosses und Schönes gesagt zu haben.

Der Übermut, mit dem ich die Exemplare zur Post trage, ist leicht zu verstehen. Mit einer höhnisch-stolzen Gebärde werfe ich die Drucksachen in den Kasten, und trotzig gegen die feindlichen Mächte denke ich:

--Hörst du, Sphinx, ich habe dein Rätsel gelöst, und ich fordere dich heraus!

Als ich ins Hotel zurückkehre, wurde ich von der Rechnung überfallen, die von einem Brief begleitet war.

Gereizt von diesem Schlag, der mir unerwartet kam, weil ich seit einem Jahr der Gast des Hauses war, achte ich von jetzt an auf Kleinigkeiten, die ich bisher übersehen habe. So werden in den benachbarten Zimmern drei Klaviere auf einmal gespielt.

Ich sage mir, das ist ein Komplott dieser skandinavischen Damen, von deren Verkehr ich mich zurückgezogen habe.

Drei Klaviere! Und ich kann das Hotel nicht wechseln, weil ich kein Geld habe.

Ich schlafe ein, zornig auf diese Damen und das Schicksal, den Himmel verwünschend.

Am nächsten Morgen werde ich durch einen unerwarteten Lärm geweckt. Man hämmert im Nebenzimmer einen Nagel ein, gerade dort, wo mein Bett steht. Dann hämmert es auf der andern Seite.

Eine Kabale, ebenso dumm wie diese Künstlerinnen; ich lasse sie vorübergehen, ohne mich daran zu kehren.

Als ich mir aber nach dem Essen wie gewöhnlich ein Schläfchen auf meinem Bett leisten will, ist ein solcher Lärm über meinem Alkoven zu hören, dass mir der Gips der Decke auf den Kopf fällt.

Ich gehe zur Wirtin hinunter und beklage mich über das Betragen der Gäste. Sie behauptet, übrigens sehr höflich, nichts gehört zu haben, und verspricht mir, jeden, der es wagen würde, mich zu beunruhigen, fortzujagen. Es lag ihr nämlich viel daran, mich in ihrem Hotel, das nicht besonders ging, zu behalten.

Ohne den Worten einer Frau ganz zu glauben, verliess ich mich doch auf ihr Interesse, das sie zwang, mich gut zu behandeln.

Doch hört der Lärm nicht auf, und ich verstehe, dass diese Damen mich glauben machen wollen, es seien Klopfgeister. Wie einfältig!

Gleichzeitig ändern auch die Kameraden der Cremerie ihr Benehmen gegen mich, und eine geheime Feindseligkeit äussert sich in versteckten Blicken und tückischen Worten.

Des Haders müde, verlasse ich Hotel und Cremerie, ausgeplündert, Bücher und Bibelots zurücklassend, nackt wie ein kleiner Johannes. Und ziehe am 21. Februar 1896 ins Hotel Orfila ein.

6.

Das Fegefeuer.

Hotel Orfila, das wie ein Kloster aussieht, ist ein Pensionat für die Studierenden der katholischen Gesellschaft. Ein liebenswürdiger und milder Abbe hat die Aufsicht. Ruhe, Ordnung und gute Sitten herrschen hier. Was mich aber besonders nach so vielen Verdriesslichkeiten tröstet, ist, dass Frauen hier nicht zugelassen werden.

Das Haus ist alt; die Zimmer niedrig, die Korridore dunkel, und die hölzernen Treppen schlängeln sich wie in einem Labyrinth. In diesem Gebäude ist eine Atmosphäre von Mystik, die mich lange angezogen hat. Mein Zimmer geht auf eine Sackgasse hinaus; von der Mitte aus sieht man nur eine moosbewachsene Mauer mit zwei runden Fensterchen; sitze ich aber an meinem Tisch vorm Fenster, so blicke ich auf eine entzückende Landschaft, die ich nicht erwartet hätte.

Hinter einer Ringmauer, die mit Efeu bedeckt ist, liegt der Hof eines Klosters für junge Mädchen unter Platanen, Paulownien, Robinien. Eine köstliche Kapelle im Spitzbogenstil. Etwas weiter sind hohe Mauern mit unzähligen vergitterten Fensterchen zu sehen, die mich an ein Kloster denken lassen; dahinter im Tal ein Wald von Schornsteinen, die halbverborgene alte Häuser krönen; und in der Ferne der Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs, mit dem Kreuz und, ganz oben, dem Hahn.

In meinem Zimmer hängt ein Kupferstich mit dem heiligen Vincenz de Paul, ein zweiter, mit Sankt Peter, hängt im Alkoven über dem Bett. Der Pförtner des Himmels! Welche beissende Ironie für mich, der vor einigen Jahren den Apostel in einem phantastischen Drama lächerlich gemacht hat.

Mit meinem Zimmer sehr zufrieden, schlafe ich die erste Nacht gut.

Am nächsten Morgen entdecke ich, dass der Abtritt in dem Gässchen unter meinem Fenster liegt, und zwar so nahe, dass man das Auf- und Zuklappen des eisernen Deckels hört. Weiter erfahre ich, dass die beiden runden Fensterchen gegenüber ebenfalls zu Abtritten gehören. Schliesslich vergewissere ich mich, dass die hundert Fensterchen im Hintergrund des Tals zu ebenso viel Abtritten gehören, die auf der Hofseite einer Reihe Häuser liegen.

Ich wüte zuerst, da ich aber nicht die Mittel habe, mich zu rühren, beruhige ich mich, indem ich das Schicksal verwünsche.

Gegen ein Uhr bringt mir der Diener das Frühstück, und da ich meinen Arbeitstisch nicht in Unordnung bringen will, stellt er das Tablett auf den Nachttisch, in dem das Nachtgeschirr steht.

Ich machte ihn darauf aufmerksam, und der Diener entschuldigte sich damit, dass er keinen andern Tisch zur Verfügung habe. Er sah ehrlich und nicht boshaft aus, so dass ich ihm verzieh; und das Nachtgeschirr wurde fortgenommen.

Wenn ich zu dieser Zeit schon Swedenborg gekannt hätte, würde ich begriffen haben, dass ich von den Mächten zur Kothölle verurteilt sei. Jetzt aber tobte ich gegen das fortwährende Unglück, das mich seit so vielen Jahren verfolgte; dann beruhigte ich mich mit düsterer Resignation, die sich vor dem Schicksal beugt. Ich erbaute mich, indem ich das Buch Hiob las, überzeugt, der Ewige habe mich dem Satan überliefert, um mich zu prüfen. Dieser Gedanke tröstete mich, und das Leiden erfreute mich als Zeichen des Vertrauens von seiten des Allmächtigen.

Nun beginnt eine Reihe von Offenbarungen, die ich nicht erklären kann, ohne die Mitwirkung der unbekannten Mächte anzunehmen; und von diesem Augenblick an mache ich Aufzeichnungen, die sich allmählich anhäufen und ein Tagebuch bilden, aus dem ich hier Auszüge gebe.

Eine unangenehme Stille hat sich um meine chemische Untersuchungen gelegt. Um mich wieder aufzurichten und einen entscheidenden Schlag zu führen, nehme ich das Problem Gold zu machen, vor. Ich ging von der Frage aus: warum fällt schwefelsaures Eisen in einer Lösung von Goldsalz metallisches Gold? Antwort: weil Eisen und Schwefel in der Konstitution des Goldes auftreten. In der Tat enthalten alle Schwefeleisen der Natur mehr oder weniger Gold. Ich begann also mit Lösungen von schwefelsaurem Eisen zu bearbeiten.

Eines Morgens erwachte ich mit der unbestimmten Lust, einen Ausflug aufs Land zu machen, obwohl das gegen meinen Geschmack und meine Gewohnheiten war. Ohne dahin zu wollen, kam ich nach dem Bahnhof Montparnasse und bestieg den Zug nach Meudon. Ich gehe ins Dorf hinunter, das ich zum ersten Mal besuche. Gehe die grosse Strasse hinauf und biege rechts ab in eine Gasse, die zwischen zwei Mauern läuft. Zwanzig Schritte vor mir, zur Hälfte in der Erde vergraben, erhebt sich ein römischer Ritter in eisengrauer Rüstung aus dem Boden. Obwohl recht sauber modelliert, wenn auch im kleinen, täuscht mich die Figur nicht darüber, dass sie nur aus rohem Stein ist. Tritt man näher, sieht man, dass es eine Augentäuschung ist, und ich bleibe stehen, mir geflissentlich die Illusion erhaltend, die mir Vergnügen macht. Der Ritter betrachtet die nahe Mauer, ich folge seinen Augen und bemerke auf dem Kalk eine Kohlenschrift. Die verschlungenen Buchstaben F und S lassen mich an die Initialen des Namens meiner Frau denken. Sie liebt mich noch immer!--In der nächsten Sekunde erscheinen mir, die chemischen Zeichen des Eisens und Schwefels, Fe und S, die sich trennen und meinen Augen das Geheimnis des Goldes zeigen.

Ich untersuche den Boden und finde zwei Bleistempel, die durch Bindfaden vereinigt sind. Der eine trägt die Buchstaben V. P., der andere eine Königskrone.

Ohne dieses Abenteuer näher deuten zu wollen, kehre ich nach Paris zurück, unter dem lebhaften Eindruck, etwas Wunderbares erlebt zu haben.

In meinem Kamin brenne ich Kohlen, die man wegen ihrer runden und gleichartigen Form Spatzenköpfe nennt. Als eines Tages das Feuer erlosch, ehe es ausgebrannt war, nehme ich ein Kohlenkonglomerat heraus, das die Züge einer phantastischen Gestalt zeigt. Ein Hahnenkopf mit prächtigem Kamm, der Rumpf eher menschlich und die Glieder gewunden. Man hätte sagen können, es sei ein Teufel, wie man sie auf den Hexensabbathen des Mittelalters darstellte.

Am andern Tage nehme ich wieder eine prächtige Gruppe zweier berauchter Gnomen oder Kobolde heraus, die sich umarmen, während die Kleider flattern. Es ist ein Meisterwerk primitiver Skulptur.

Am dritten Tag ist es eine Madonna mit dem Kinde, in byzantinischem Stil, von einer unvergleichlichen Linie.

Ich lasse alle drei auf meinem Tisch liegen, nachdem ich sie mit schwarzer Kreide abgezeichnet habe.

Ein befreundeter Maler besucht mich; er betrachtet die drei Statuetten mit wachsender Neugier und fragt mich:

--Wer hat das gemacht?

--Gemacht?

Um ihn auf die Probe zu stellen, nenne ich den Namen eines norwegischen Bildhauers.

--Wirklich? Ich hätte sie Kittelsen, dem berühmten Illustrator der skandinavischen Sagen, zugeschrieben.

Ich glaube nicht an die Existenz von Teufeln, aber ich bin begierig, zu sehen, welchen Eindruck meine Statuetten auf die Spatzen machen, die gewohnt sind, vor meinem Fenster Brot zu bekommen; ich stelle die Figuren also aufs Dach.

Die Spatzen erschrecken und halten sich fern. Es ist also eine Ähnlichkeit vorhanden, welche selbst die Tiere wahrnehmen können; es liegt eine Wirklichkeit hinter diesem Spiel der trägen Materie und des Feuers.

Die Sonne wärmt meine Figuren so, dass der Teufel mit dem Hahnenkamm platzt; das erinnert mich an die Volkssage, dass die Kobolde sterben, wenn sie warten, bis die Sonne aufgeht.

Es geschehen Dinge im Hotel, die mich beunruhigen.

Am Tage nach meiner Ankunft finde ich an der Tafel im Flur, an der die Zimmerschlüssel hängen, einen Brief, der an einen Herrn X., einen Studenten adressiert ist, der denselben Namen wie die Familie meiner Frau trägt. Der Poststempel ist Dornach, der Name des österreichischen Dorfes, wo meine Frau und mein Kind wohnen. Da ich aber sicher bin, dass es kein Postamt in Dornach gibt, bleibt die Sache rätselhaft.

Diesem Brief, der in so herausfordernder Art dahin gelegt ist, als habe man die Absicht, ihn zu zeigen, folgen andere.

Der zweite ist an Herrn Dr. Bitter adressiert und Wien abgestempelt; ein dritter trägt das polnische Pseudonym Schmulachowsky.

Jetzt mischt sich der Teufel ein. Denn dieser Name ist verstellt, und ich verstehe, an wen er erinnern will: es ist ein Todfeind von mir, der in Berlin wohnt.

Ein anderes Mal ist es ein schwedischer Name, der mich an einen Feind in meiner Heimat erinnert.

Schliesslich trägt ein in Wien abgestempelter Brief den Aufdruck: Bureau für Chemische Analyse von Dr. Eder. Das heisst, man spioniert nach meiner Goldsynthese.

Kein Zweifel mehr, hier wird eine Intrige gesponnen; aber der Teufel hat diesen Falschspielern die Karten gemischt. Meinen Argwohn nach vier Richtungen der Welt irren zu lassen, das ist zu erfinderisch für die einfältigen Sterblichen.

Als ich mich beim Diener nach diesem Herrn X. erkundige, gibt er mir die dumme Antwort, es sei ein Elsässer. Das ist alles.

Als ich eines Morgens von meinem Spaziergang zurückkehre, finde ich eine Postkarte in dem Fach neben meinem Schlüssel. Einen Augenblick ergreift mich die Versuchung, das Rätsel durch einen Blick auf die Karte zu lösen, aber mein Schutzengel lähmte meine Hand gerade in der Sekunde, in welcher der junge Mann aus seinem Versteck hinter der Tür hervortritt.

Ich sehe ihm ins Gesicht: er gleicht meiner Frau. Schweigend grüssen wir uns, und jeder geht seines Weges.

Ich habe die Intrige niemals erklären können, deren Personen ich noch nicht kenne, da meine Frau weder einen Bruder noch einen Vetter hat.

Die Ungewissheit, die beständige Drohung einer Rache waren mir sechs Monate lang genügende Tortur. Ich ertrug sie wie das andere als eine Strafe für bekannte und unbekannte Sünden.

Mit dem neuen Jahr gesellte sich ein neuer Mann dem Kreis der Cremerie. Maler und Amerikaner, kam er zur rechten Zeit, um unsere schläfrige Gesellschaft zu beleben. Ein lebhafter Geist, ein Kosmopolit, ein kühner Mensch, guter Kamerad, flösste er mir doch ein unbestimmtes Misstrauen ein. Trotz seinem sichern Auftreten witterte ich, dass seine Lage durchaus nicht gesichert sei.

Der Krach brach schneller aus, als man erwartet hätte. Eines Abends trat der Unglückliche in mein Zimmer und bat um die Erlaubnis, einen Augenblick bleiben zu dürfen. Er sah aus wie ein verlorener Mann, und er war es.

Der Hauswirt hatte ihn aus seinem Atelier gejagt, seine Geliebte hatte ihn verlassen, seine Gläubiger bedrängten ihn; auf der Strasse beschimpften ihn die Zuhälter seiner nicht bezahlten Modelle; was ihn aber vollständig vernichtete, war die Grausamkeit des Hauswirts, sein für die Ausstellung bestimmtes Gemälde mit Beschlag zu belegen; er hatte nämlich auf einen Erfolg gerechnet, weil er das Sujet für originell und stark hielt. Es war eine schwangere Emanzipierte, die von der Menge ans Kreuz geschlagen und ausgepfiffen wird.

Da er auch in der Cremerie überschuldet war, stand er mit leerem Magen auf der Strasse.

Nach der ersten Beichte vervollständigte er seine Aussage, indem er eingestand, er habe eine doppelte Dosis Morphium genommen, aber der Tod wolle ihn noch nicht.

Nachdem wir ernst und reiflich überlegt hatten, kamen wir schliesslich dahin, dass er das Viertel verlassen müsse. Ich wollte mit ihm in einer andern unbekannten Garküche zu Mittag essen, damit nicht der Mangel an Freunden ihm den Mut nähme, ein anderes Bild für den Salon der Unabhängigen fertig zu machen.