Inferno; Legenden

Part 26

Chapter 262,220 wordsPublic domain

Ist mein Lehrer zornig, dass ich dies geschrieben habe? Ich kann es nicht glauben; vielleicht teilt er meine Meinungen jetzt, und hat erfahren, dass dort oben nicht Theologie disputiert wird. So wie er das Leben in der Geisterwelt geschildert hat, mit Kathedern und Auditorien, Opponenten und Respondenten, hat er mich zu der lästerlichen Frage verleitet: Ist Gott Theolog?

Ich hatte nun Swedenborg eingeschlossen, von ihm Abschied genommen, mit Dankbarkeit, als von dem, der mich, wenn auch mit Schreckbildern, wie ein Kind zu Gott zurück gescheucht hat. Und siehe, der Schwarze Christus plagt mich nicht mehr mit Unseligkeit, sondern der Weisse, das Kind das lächeln und spielen kann, nähert sich mit dem Advent; damit findet sich ein gewisser froherer Blick aufs Leben ein, so lange ich nämlich wache über meine Handlungen, Worte und sogar Gedanken, die, wie es scheint, nicht geheim gehalten werden können vor dem unbekannten Schutzengel und Strafengel, der mir überall folgt.

Rätselhafte Begebenheiten treffen immer noch ein, aber nicht mehr so drohend wie früher. Swedenborgs Christentum habe ich verlassen, wie es hasserfüllt, rachgierig, kleinlich, sklavisch war, aber ich behalte "L'Imitation" mit gewissen Vorbehalten, und eine stille Kompromissreligion ist auf diesen unseligen Zustand gefolgt, der das Suchen nach Jesus begleitet. Ich sitze eines Abends und diniere mit einem jungen französischen Poeten, der soeben "Inferno" gelesen hat und vom okkultistischen Gesichtspunkt aus Erklärungen suchen will für die ausgestandenen Attacken, denen ich ausgesetzt war.

--Haben Sie keinen Talisman? fragte er. Sie müssen einen Talisman haben.

--Ich habe "L'Imitation"! antwortete ich. Er sah mich an, und ich nahm, etwas verlegen, da ich eben desertiert war meine Uhr hervor, um mich mit etwas zu beschäftigen zu können. Im selben Augenblick fiel die Medaille von Sacré-Coeur mit dem Christusbild von der Kette. Ich wurde noch verlegener, sagte aber nichts.

Wir standen bald auf und gingen nach einem Café beim Châtelet, um ein Glas Bier zu trinken. Der Saal ist geräumig, und wir nahmen an einem Tisch, der Tür gegenüber, Platz. Dort sassen wir eine Weile, und das Gespräch drehte sich um Christus und seine Bedeutung.

--Er hat sicher nicht für uns gelitten, sagte ich, denn hätte er das, würden sich unsere Leiden ja vermindert haben. Aber das haben sie nicht getan, sondern sind noch ebenso intensiv.

Jetzt macht ein Kellner Lärm, und mit einem Besen und Sägespänen fängt er an den Boden zwischen uns und der Tür zu fegen, wo kein Mensch hingetreten hat, seit wir gekommen sind. Auf dem weissen Parkettboden sieht man einen Kranz von roten Tropfen; und während der Kellner kehrt, murmelt er und betrachtet uns mit scheelen Augen als die Schuldigen. Ich frage meinen Begleiter, was es ist.

--Es ist etwas Rotes.

--Dann haben wir es getan, denn niemand hat den Platz nach uns betreten, und als wir eintraten, war er rein.

--Nein, antwortete der Kamerad, wir haben es nicht getan, denn es ist keine Fussspur, sondern als habe jemand geblutet; und wir bluten ja nicht.

Das war unheimlich, und auch unangenehm, weil unsere Personen sich die Aufmerksamkeit der andern Gäste auf unangenehme störende Weise zuzogen.

Der Poet las meine Gedanken, doch er hatte nicht das Abenteuer mit der Medaille gesehen. Deshalb, und um mein Herz zu erleichtern, schloss ich:

--Christus verfolgt mich.

Er antwortete nicht, obwohl er gerne eine natürliche Erklärung gesucht hätte, die er nicht finden konnte.

Ehe ich meinen Freund, den Amerikaner verlasse, den ich zum Versuch mit dem Therapeuten Francis Schlatter identifiziert habe, muss ich einige Züge erzählen, die den Argwohn bestärken, dass dieser Mann einen "double" hatte.

Als ich die Bekanntschaft mit ihm jetzt wieder anknüpfte, sagte ich ihm alle meine Meinungen rund heraus, und zeigte ihm das Heft der Revue Spirite, in dem der Artikel "mein Freund H--" stand. Er schien unschlüssig, aber mehr skeptisch.

Nach einigen Tagen, als er zum Diner kam, war er ganz verwirrt, und er erzählte mit einer gewissen Bewegung, seine Geliebte sei verschwunden, ohne Abschied genommen zu haben und ohne eine Nachricht zu hinterlassen.

Sie blieb einige Tage fort und kam dann wieder. Als er ein Verhör anstellte, bekannte sie schliesslich, sie fürchte sich vor ihrem Herrn, dem sie den Haushalt führte. Nach weiteren Fragen erfuhr er: als sie in der Nacht aufwachte, während er schlief, war sein Gesicht kalkweiss und unkennlich; was sie auf unbeschreibliche Weise erschreckte.

Übrigens wagte er sich nie vor Mitternacht zu legen, denn dann wurde er geplagt, als sei er auf einen Bratspiess aufgespiesst, der ihn drehte und drehte, bis er das Bett verlassen musste.

Als er "Inferno" gelesen hatte, sagte er:

--Sie haben nicht Verfolgungsmanie gehabt, sondern Sie sind verfolgt worden, jedoch nicht von Menschen.

Von meinen erzählten Erfahrungen geweckt, begann er in seiner Erinnerung zu suchen und brachte unerklärliche Begebenheiten aus seinem Leben der letzten Jahre hervor. So gab es einen gewissen Fleck auf dem Pont Saint-Michel; auf dem wurde er durch ein Ziehen in einem Bein zurückgehalten, und das zwang ihn, stehen zu bleiben. Das kehrte regelmässig wieder, und er hatte die Sache von Freunden bezeugen lassen. Er hatte auch einige andere Eigentümlichkeiten bemerkt und hatte "bestraft" zu sagen gelernt.

--Wenn ich raucht, werde ich bestraft, und wenn ich Absinth trinke, werde ich bestraft. Eines Abends, als wir uns getroffen hatten, aber die Mittagsstunde noch nicht gekommen war, gingen wir in das Café de la Fregate an der Rue du Bac. In lebhaftem Gespräch nahmen wir den ersten besten Platz und verlangten Absinth. Das Gespräch ging weiter, aber mitten darin stockte mein Kamerad, sah sich um und rief aus:

--Haben Sie eine solche Sammlung Banditen gesehen? Das sind ja alles Verbrechertypen. Und als ich mich umsah, wurde ich bestürzt, denn es war nicht das gewöhnliche Publikum des Ortes, sondern eine Schar zusammengerafften Gesindels, von denen die meisten verkleidet aussahen und Grimassen schnitten. Aus Mangel an Platz hatte mein Kamerad als Lehne eine Eisensäule bekommen, die wie aus seinem Rücken aufstieg und in der Höhe seines Halses einen Wulst wie ein Halsband bildete.

--Und Sie sitzen am Schandpfahl! rief ich aus.

Alle schienen uns jetzt zu betrachten; wir wurden unlustig, beklommen und standen auf, ohne auszutrinken.

Das war das letzte Mal, dass ich mit dem Kameraden Absinth trank. Doch ich machte einen späteren Versuch allein, aber ich erneuerte ihn nicht. Meinen Genossen zum Diner erwartend, setzte ich mich auf das Trottoir am Boulevard Saint-Germain Cluny gegenüber und bestellte einen Absinth. Sofort langten drei Figuren an, ich weiss nicht von wo, und stellten sich vor mich. Zwei Kerle mit zerrissenen Kleidern und mit Schmutz bespritzt, als ob sie aus den Kloaken gezogen wären, und neben ihnen ein Weib, barhäuptig mit struppigem Haar, mit Spuren von Schönheit, berauscht, schmutzig; und alle betrachteten mich mit höhnischen Blicken, frech, cynisch, als ob sie mich kennten und erwarteten, an meinen Tisch geladen zu werden. Ich habe nie solche Typen in Paris oder Berlin gesehen, vielleicht nur an der Mündung von London Bridge, wo das Publikum wirklich ein okkultes Aussehen hat. Ich denke meine Zuschauer zu ermüden und zünde Zigaretten an, aber es gelingt nicht. Da trifft mich der Gedanke: das sind nicht "richtige" Menschen, das sind Halbvisionen; ich erinnere mich an meine früheren Abenteuer von der Brasserie des Lilas und stehe auf--seitdem habe ich nicht mehr gewagt Absinth anzurühren.

Eins scheint mir sicher zu sein unter all meinem Schwanken, und das ist, dass ein Unsichtbarer Hand an meine Erziehung gelegt hat, denn es ist nicht die Logik der Begebenheiten, die hier spielt. Es ist nämlich nicht logisch, dass Schornsteinbrand ausbricht, oder sonst nicht vorhandene Gestalten vortreten, wen ich Absinth trinke; gewöhnliche Schicksalslogik wäre ja, dass ich krank würde. Logisch ist auch nicht, dass ich in der Nacht aus dem Bett genommen werden, wenn ich am Tage von einem Menschen etwas Böses gesagt habe. Aber es verrät sich in allen diesen Handlungen eine bewusste, denkende, allwissende Absicht mit gutem Endzweck, der zu gehorchen mir gleichwohl so schwer wird, hauptsächlich weil ich so schlechte Erfahrungen über Güte und Uneigennützigkeit von Absichten gemacht habe. Es hat sich indessen ein ganzes Signalsystem ausgebildet, das ich zu verstehen anfange, und dessen Richtigkeit ich geprüft habe.

So habe ich mich sechs Wochen lang nicht mit Chemie beschäftigt, und das Zimmer war nicht durch Hausrauch belästigt. Eines Morgens nahm ich zur Probe meine Goldapparate hervor und richtete die Bäder an. Sofort füllte sich das Zimmer mit Rauch; er stieg vom Boden auf, hinter dem Kaminspiegel, überall. Als ich den Wirt rief, erklärte er das unbegreiflich, weil es Steinkohlenrauch sei und man Steinkohlen im ganzen Hause nicht benutze. Also soll ich mich nicht mit Goldmacherei beschäftigen!

Die Holzharmonika, die ich oben erwähnt habe, bedeutet Frieden, das habe ich gemerkt, denn wenn sie fort ist, entsteht Unruhe.

Eine wimmernde Kinderstimme, die man oft im Schornsteinrohr hört, und die nicht natürlich erklärt werden kann, bedeutet: Du sollst fleissig sein; und daneben: Du sollst dieses Buch schreiben und dich nicht mit anderen Dingen beschäftigen.

Wenn ich in Gedanken, Worten oder Schrift aufrührerisch bin oder mich ungebührlichen Stoffen nähere, höre ich einen groben Basston wie aus einer Orgel oder aus dem Rüssel eines Elefanten, wenn er trompetet und böse ist.

Zwei Beweise, dass dieses nicht subjektive Wahrnehmungen bei mir sind, will ich anführen.

Wir dinierten am Bastilleplatz, der Amerikaner, der französische Poet und ich. Das Gespräch hatte sich einige Stunden um Kunst und Literatur gedreht, als beim Dessert der Amerikaner in das Junggesellenbereich hinüber glitt. Sofort hörte man in der Wand das Trompeten des Elefanten. Ich tat so, als höre ich nichts, aber meine Begleiter gaben darauf acht und wechselten unter einer gewissen Verstimmung den Gesprächsstoff.

Ein anderes Mal frühstückte ich mit einem Schweden, und in einem ganz andern Lokal. Er sprach gleichfalls gegen Ende des Desserts, über Huysmans "Là bas" und wollte die schwarze Messe schildern. Im selben Augenblick trompetet es, aber dieses Mal mitten im Saale, der menschenleer war.

--Was war das? unterbrach er sich.

Ich antwortete nicht; und er setzte die unheimliche Schilderung fort.

Es trompetet noch einmal, und zwar so heftig, dass der Erzähler stecken blieb, erst ein Weinglas umgoss und dann die ganze Sahnenkanne über seine Kleider leerte. Jetzt liess er das Thema fallen, das mich quälte.

Nachschrift.

Wie der Leser wahrscheinlich durchschaut hat, ist diese zweite Abteilung "Jacob Ringt" ein Versuch, in sinnbildlicher Schilderung den religiösen Kampf des Verfassers zu zeichnen, und als solcher misslungen. Deshalb ist er ein Fragment geblieben und hat sich wie alle religiösen Krisen in ein Chaos aufgelöst. Daraus scheint hervorzugehen, dass das Forschen in den Geheimnissen der Vorsehung wie alles Himmelstürmende mit Verwirrung getroffen wird, und dass jeder Versuch, auf dem Weg des Räsonnements sich der Religion zu nähern, zu Absurditäten führt. Die Ursache ist wohl, dass die Religion wie die Wissenschaften mit Axiomen beginnt, welche die Eigenschaft haben, nicht bewiesen werden zu brauchen, und nicht bewiesen werden _können_; wenn man doch die selbstverständlichen notwendigen Voraussetzungen zu beweisen sucht, gerät man ins Sinnlose hinein.

Als der Verfasser 1894 prinzipiell seine Skepsis verliess, die alles intellektuelle Leben zu verwüsten gedroht hatte, und sich experimentierend auf den Standpunkt eines Gläubigen zustellen begann, erschloss sich ihm das neue Seelenleben, das in "Inferno" und diesen "Legenden" geschildert ist. Im Lauf der Sache, als der Verfasser allen Widerstand eingestellt hatte, sah er sich von Einflüssen, Kräften überfallen, die ihn in Stücke zu zerreisen drohten; und auf dem Weg zu ertrinken, griff er schliesslich nach einigen leichteren Gegenständen, die ihn schwimmend erhalten konnten; aber auch diese begannen zu weichen, und es war nur eine Frage der Zeit, wann er zu grunde gehen würde. In solchen Augenblicken wird der Strohhalm für das Auge des Erschreckten zu einem Baumstamm, und dann hebt der hervorgezwungene Glaube den Gesunkenen aus der Woge, so dass er auf dem Wasser gehen kann. Credo quia absurdum, ich glaube, weil das Ungereimte, das aus dem Räsonnement hervorgegangen ist, mich aufklärt, dass ich dabei war, eine Axiom zu beweisen. Und damit ist die Anknüpfung zu dem obigen gemacht.

Ein französischer Schriftsteller schrieb in den 80er Jahren ein Buch gegen die Jesuiten, und in diesem Buch fand ich neulich diesen Satz: "Im Jahr 1867 sagte ich in einem Revueartikel "Der providentielle Atheismus" voraus, dass Gott sich jetzt verbergen werde, um die Menschen zu zwingen, ihn desto eifriger aufzusuchen."

Im Jahr 1867! Das ist wie zu Haus bei uns, wo um dieses Jahr alle religiöse Erörterung unter den Gebildeten aufhörte und Gott aus der Literatur verschwand. Wenn er nun wieder kommt, sind wir nicht sicher, dass er derselbe ist wie früher, wenn er wie alles andere wächst und sich entwickelt. Ist er auch strenger geworden, muss er doch den Agnostikern und den Forschern in dem Verborgenen verzeihen, dass sie ihn nicht fanden, weil er fort war oder nicht empfing.

_Lund_, 23. April 1898.

_Der Verfasser._

Inferno.

1. Die Hand des Unsichtbaren 2. Der heilige Ludwig 3. Die Versuchungen des Teufels 4. Das wiedergefundene Paradies 5. Der Fall und das verlorene Paradies 6. Das Fegefeuer 7. Auszug aus meinem Tagebuch, 1896 8. Die Hölle 9. Beatrice 10. Swedenborg 11. Tagebuch eines Verdammten 12. Der Ewige hat gesprochen 13. Die entfesselte Hölle 14. Wallfahrt und Sühne 15. Der Erlöser 16. Trübsal 17. Wohin gehen wir?

Legenden.

Erster Teil

1. Der besessene Teufelsbeschwörer 2. Die Trostlosigkeit breitet sich aus 3. Erziehung 4. Wunder 5. Meines kleingläubigen Freundes Drangsale 6. Allerlei 7. Strahlung und Ausdehnung der Seele 8. Studien in Swedenborg 9. Canossa 10. Der Geist des Widerspruchs 11. Auszug aus meinem Tagebuch, 1897 12. In Paris

Zweiter Teil

JAKOB RINGT