Part 25
Gerade jetzt erinnere ich mich einer Nacht vor zwei Jahren, als ich mit demselben Freunde hier im Café war. Wir hatten über die verborgenen Fähigkeiten der Seele gesprochen, und ich leugnete aus manchen Gründen die Rolle des Grosshirns als Gedankenmaschine. "Es ist ja ein Darm oder eine Drüse, das können Sie doch sehen!"--"Glauben Sie das nicht! Kommen Sie, wir wollen vor die Tür gehen und uns eins kaufen!"--Wir gingen in die Hallen hinunter und verlangten ein Gehirn. Man wies uns durch Korridore und Gewölbe in einen Keller. Schliesslich befanden wir uns in einem Saal, der mit blutigen Körpern und Eingeweiden dekoriert war. Wir wateten durch Blut und gelangten an den Raum für Gehirne. Blutige Männer mit blutigen Keulen und Stemmeisen schlugen abgehauene Tierköpfe so, dass der Schädel brach und das Gehirn herausflog. Wir kauften eins und gingen hinauf ans Licht, aber die grausige Szenerie folgte uns bis zum Tisch des Cafés, wo die vermeintliche Gedankenmaschine demonstriert wurde.
Jetzt in der Nacht, nach meiner langen Einsamkeitskur, fühle ich mich wohl unter der Menschenmenge, es strömt Wärme und Sympathie von ihr aus. Zum ersten Mal seit langem werde ich von einem sentimentalen Mitleid mit diesen unglücklichen Weibern der Nacht er fasst. Und neben unserm Tisch sitzen ein halbes Dutzend allein, niedergeschlagen, ohne etwas Bestelltes vor sich zu haben. Sie sind fast alle hässlich, verschmäht, und wahrscheinlich ausser stande, sich etwas zu bestellen. Ich schlage meinem Freund, der ebenso uninteressierte Absichten hat wie ich, vor, zwei einzuladen, von den hässlichsten, die neben uns sitzen. Angenommen! Und ich lade zwei ein, indem ich frage, ob sie etwas trinken wollen, und, hinzufüge: aber ohne irgend welche Illusionen sonst, und vor allem anständig.
Sie scheinen ihre Rolle zu verstehen und bitten zuerst um Essen. Der Freund und ich setzen unser philosophisches Gespräch auf Deutsch fort, dann und wann ein Wort an unsere Damen richtend, die nicht anspruchsvoll sind und mehr auf Essen erpicht scheinen als auf Aufwartung.
Einen Augenblick trifft mich der Gedanke: Wenn ein Bekannter dich jetzt sähe? Ja, dann weiss ich, was er sagen würde, und ich weiss auch, was ich antworten würde.--Ihr habt mich aus der Gesellschaft verstossen, mich zur Einsamkeit verurteilt, und ich bin genötigt, die Gesellschaft von Menschen zu kaufen, von Parias, hinausgeworfen wie ich, hungrig wie ich gewesen bin. Meine einfache Freude ist, diese Verschmähten prahlen zu sehen mit einer Eroberung, die keine ist, sie essen und trinken zu sehen, ihre Stimmen zu hören, die doch die von Frauen gewesen sind.... Und die ich in keiner Form bezahlt habe, nicht einmal damit, dass ich als Zugabe Moral gebe.
Ich empfinde nur ein Wohlbehagen, mit menschlichen Wesen zusammen zu sitzen und vom Überfluss des Augenblicks geben zu können, des Augenblicks, denn in einem Monat kann ich so arm sein wie sie....
Es ist Morgen geworden; die Uhr zeigt fünf, und wir gehen; aber da fordert meine Dame fünfzehn Francs dafür, dass sie mir Gesellschaft geleistet hat; was ich von ihrem Gesichtspunkt aus erklärlich finde; denn meine Gesellschaft ist wertlos ebenso wie mein Schutz ihrer Polizei gegenüber. Dass das meine Selbstachtung erhöhen wird, glaube ich nicht, eher das Gegenteil.
Doch wandere ich nach Haus mit gutem Gewissen, nach einer wohlverbrachten Nacht, schlafe bis zehn Uhr, erwache ausgeruht und verbringe den Tag mit Arbeit und Betrachtungen. Aber die Nacht darauf bekam ich einen Anfall der schrecklichen Art, wie sie Swedenborg in seinen "Träumen" schildert. Das war also die Strafe. Wofür? "Dass er isst und trinkt mit Huren und Zöllnern, während Johannes in die Wüste ging...." Mit Huren weil er keine andere Gesellschaft findet.... Ich verstehe nichts mehr; hatte geglaubt, es sei eine neue Lektion in der Lebensart, ich solle lernen, dass alle Menschen gleich gut seien; und hatte mir wirklich einen Augenblick eingebildet, meine Rolle im Nachtcafé sei mehr die des Menschenfreundes als des Ausschweifers gewesen, mindestens aber moralisch indifferent.
Die folgenden Tage bin ich sehr beklommen, und eines Abends sah ich einer Schreckensnacht entgegen. Um neun Uhr hatte ich Ciceros "Natura Deorum" vor mir und wurde so eingenommen von Aristoteles' Ansicht, die Götter kennten unsere Welt nicht und würden sich verunreinigen, wenn sie sich mit diesem Schmutz befassten, dass ich sie abzuschreiben beschloss. Dabei merke ich, dass Blut auf der oberen Seite der rechten Hand ausgebrochen ist, ohne irgend welche Ursache. Und als ich das Blut abtrocknete, fand sich kein Zeichen einer Schramme. Doch ich entschlug mich des Gedankens und ging zu Bett. Um halb eins erwachte ich mit dem voll ausgebildeten Symptom, das ich den elektrischen Gürtel genannt habe. Ungeachtet ich dessen Natur und innere Bedeutung kenne, werde ich sogleich gezwungen, die Ursache ausser mir zu suchen; denke, nun sind sie hier! Sie! Wer? Nahm mich dann zusammen und zündete die Lampe an. Da die Bibel daneben lag, beschloss ich sie um Rat zu fragen, und siehe, sie antwortete:
"Ich werde dich verstehend machen, und ich werde dir den Weg zeigen, den du gehen musst, und mein Auge wird dir folgen. Sie nicht wie ein Pferd oder Maultier, das da mit Zaum und Trense gerissen werden muss, um zu Gehorsam gebracht zu werden!"
Das war Bescheid und ich schlafe wieder, ruhig, dass es nicht böse Menschen sind, sondern eine wohlwollende Macht, die zu mir spricht, wenn auch etwas undeutlich.
Nachdem ich mich mit einigen Tagen Einsamkeit beruhigt hatte, ging ich eines Abends wieder aus, mit dem Amerikaner und einem jungen Franzosen, der meine Manuskripte berichtigt. Es wurde etwas langwierig, und ich kam kurz vor Mitternacht nach Haus, mit schlechtem Gewissen, weil ich, in eine hitzige Konversation hineingezogen, genötigt gewesen war, von einem Abwesenden Böses zu sagen. Was ich sagte, war eine Selbstverteidigung gegen einen Lügner und zwar volle Wahrheit. Um zwei Uhr erwachte ich und hörte einen Menschen im Zimmer über mir poltern; dann, wie er die Treppen hinunter in das Zimmer, das neben meinem liegt hineinging. Also dasselbe Manöver wie im Hotel Orfila. Bin ich denn bewacht? Denn wer besetzt sonst zwei Zimmer in dem Hotel, wo ich wohne, eins über mir, eins an meiner Seite? Dieselbe Geschichte hatte sich ja im September hier im Hotel wiederholt, als ich drei Treppen hoch wohnte. Es kann kein Zufall sein. Wenn nun, was wahrscheinlich ist, mein unsichtbarer Mentor mich strafen will, wie raffiniert ist es, mich in Ungewissheit zu halten, ob es Menschen sind, die mich verfolgen oder nicht. Obwohl ich volle Gewissheit gehabt habe, dass niemand mich verfolgt, so muss ich gleichwohl in den alten Gedankenkreis, dass es jemand tut, gepeinigt werden. Und als die Frage, wer ist es, aufsteigt, beginnt der Reigen von Vermutungen, bis mein Gewissen ihn aufhält. Das klagt mich an auch da, wo ich nur in reiner Selbstverteidigung gehandelt habe, indem ich ungerechte Beschuldigungen von mir abschüttele. Ich glaube mit dem Rücken an einen Pfahl gebunden zu sein, alle Vorbeigehenden haben das Recht, mich ungestraft anzuspucken, wenn ich aber wieder sie spucke, werde ich gestäupt, erstickt, von Furien gejagt. Die ganze Welt, auch der geringste Elende, hat mir gegenüber recht! Wenn ich nur wüsste warum! Die ganze Taktik erinnert so an Frauen, dass ich meinen Argwohn nicht lassen kann. Wenn nämlich eine Frau jahrelang einem Manne Schaden und Unrecht getan hat, ohne dass er aus angeborenem Edelmut die Hand zur Gegenwehr erhob, und er schliesslich um sich schlägt, wie man eine Fliege wegjagt, das macht sie ein Geschrei, ruft die Polizei und lamentiert: "Er verteidigt sich!" Oder wenn in der Schule ein unvernünftiger Lehrer einen unschuldig angeklagten Schüler überfällt, und dieser sich aus gekränktem Rechtsgefühl zu verteidigen sucht, was tut das der Lehrer? Er geht zur Körperstrafe über, indem er ausruft: "So, du antwortest."
Ich habe geantwortet und darum werde ich gepeinigt! Und die Pein geht nun acht Tage lang jede Nacht vor sich. Die Folgen davon sind, dass ich meine gute Laune verliere, und dass der Verkehr mit mir eine Plage wird. Mein Freund der Amerikaner ermüdet, zieht sich langsam zurück, und als er einen Haushalt zu Hause etabliert hat, befinde ich mich wieder allein. Aber es ist nicht ausschliesslich ein gegenseitiger Überdruss, der uns zum zweiten Mal getrennt hat; wir haben nämlich beide bemerkt, dass während unsers letzten Zusammenseins wunderliche Dinge geschehen sind; die können nur dem Einschreiten bewusster Mächte zugeschrieben werden, welche die Absicht gehabt haben, unsern Überdruss zu wecken. Dieser Mann, der fast nichts von meinem früheren Leben weiss, schien das letzte Mal die Absicht gehabt zu haben, mich an allen empfindlichen Punkten zu verletzen; es war, als habe er die geheimsten meiner Gedanken und Absichten gekannt, die doch nur ich kenne. Und als ich ihm diese meine Beobachtung sagte, ging ihm ein Licht auf.
--Ist das nicht der Böse! rief er aus. Ich ahnte, dass es etwas war, denn Sie konnten an dem Abend nicht den Mund öffnen, ohne mich auf das tiefste zu kränken, aber ich sah in Ihrem ruhigen Gesicht und dem freundlichen Ausdruck, dass Sie nichts Böses im Sinn hatten.
Wir versuchten zu trotzen. Aber drei Tage hinter einander ging er den langen Weg zu mir vergebens. Ich war nicht da, und auch nicht in meinem gewöhnlichen Restaurant, nirgends!
Und so schliess sich die Einsamkeit wieder um mich wie ein dichtes Dunkel. Es geht auf Weihnachten und das Entbehren von Heim und Familie bedrückt mich. Das ganze Leben wird widrig und ich beginne wieder ganz folgerichtig nach dem zu blicken, was von oben ist. Kaufe "Christi Nachfolge" und lese.
Es ist nicht das erste Mal, dass dieses wunderbare Buch mich trifft, aber dieses mal findet es den Boden bereitet. Lebend zu sterben von der Welt der verächtlichen, langweiligen, schmutzigen, das ist das Thema. Und der unbekannte Verfasser hat die ungewöhnliche Eigenschaft, nicht zu predigen oder zu strafen, sondern er spricht freundlich, überzeugend, logisch bindend und lockend. Er gibt unsern Leiden die Farbe, als seien sie nicht Strafen, sondern Prüfungen, und damit weckt er den Ehrgeiz, sie gut bestehen zu können.
Nun habe ich Jesus wieder, dieses Mal nicht Christus, und er schleicht sich bei mir ein, langsam aber sicher, als ob er auf Sammetsandalen komme. Und die Weihnachtsausstellungen auf der Rue Bonaparte helfen dazu. Da ist das Christuskind in der Krippe, das Jesuskind mit Königsmantel und Krone, das Kind auf dem Arm der Jungfrau, das Kind spielend, liegend, am Kreuz! Gut das Kind! Das verstehe ich. Der Gott, der so lange die Klagen der Menschen über das Elend des Erdenlebens gehört hat, dass er schliesslich beschloss niederzusteigen, sich geboren werden zu lassen und zu leben, um zu prüfen wie schwer es ist, sich mit einem Menschenleben zu schleppen. Den begreife ich.
Am Morgen eines Sonnabends ging ich an der Kirche St-Germain L'Auxerrois vorbei. Dieses Gebäude hat immer eine starke Ausstrahlung auf mich ausgebt, weil es so intim aussieht; die Vorhalle mit ihren Malereien ladet ein, und die Masse sind so klein, dass man nicht erdrückt wird oder verschwindet. In der Tür begegne ich Halbdämmerung und Orgelspiel, farbigen Bildern und Kerzen. Immer wenn ich in eine katholische Kirche trete, bleibe ich an der Tür stehen und fühle mich verlegen, unruhig, ausgestossen. Wenn der riesengrosse Schweizer sich mit seiner Hellebarde nähert, bekomme ich ein schlechtes Gewissen und meine, er will mich als Ketzer hinaus treiben. Hier in Saint-Germain L'Auxerrois fühle ich eine Angst, denn das Gedächtnis sagt mir, dass es in diesem Turm war, wo in der Bartholomäusnacht die Glocke ohne bekannte Ursache um zwei Uhr zu läuten anfing. (Um zwei Uhr nachts!) Heute beunruhigt mich meine Stellung als Hugenotte mehr als sonst, denn vor einigen Monaten las ich im Osservatore Romano einen Glückwunsch, den die katholische Priesterschaft an die Judenverfolger in Russland und Ungarn richtete, und einen hochgestimmten Vergleich mit den grossen Tagen, die auf die Bartholomäusnacht folgten und die der Verfasser bald zurückwünschte.
Die Orgel, unsichtbar, spielt Töne, Harmonien, die ich noch nie gehört habe, die mir aber vorkommen wie Erinnerungen; Erinnerungen an die Zeiten der Vorfahren oder an noch entferntere Tage. Wo hat der Komponist die her bekommen? frage ich mich immer, wenn ich grosse Musik höre. Aus der Natur und dem Leben nicht, denn hier gibt es keine Vorbilder, wie in den andern Künsten. Da habe ich keinen andern Ausweg, als mir seine Musik wie eine Erinnerung an einen Zustand zu denken, nach dem sich jeder Mensch in seinen besten Augenblicken zurücksehnt; und im Gefühl des Vermissens selbst muss ja ein dunkles Bewusstsein von etwas Vermissten liegen, das man früher besessen hat.
Sechs Lichter sind am Altar angezündet: der Priester in Weiss, Rot und Gold spricht nicht, aber seine Hand flattert, mit den graziösen Bewegungen eines Schmetterlings über einem Buch. Hinten treten zwei weissgekleidete Kinder vor und beugen die Knie. Es läutet eine kleine Glocke. Der Priester wäscht sich die Hände und bereitet eine Handlung, die mir unbekannt ist. Es geschieht etwas Seltsames, Schönes, Hohes da vorn in der Ferne zwischen Gold, Rauch und Licht ... ich verstehe nichts, aber fühle eine unerklärliche Ehrfurcht und ein unerklärliches Beben, und ein Gefühl schlägt in mich nieder; das hast du schon erlebt und mitgelebt....
Dann aber kommt das Schamgefühl des Heiden, des Ausgestossenen, der hier nicht zum Hause gehört. Und dann steht die ganze Wahrheit klar da: der Protestant hat keine Religion, denn der Protestantismus ist Freidenkertum, Empörung, Sonderung, Dogmatik, Theologie, Ketzerei. Und der Protestant ist in den Bann getan. Es ist der Bann, der Fluch, der über uns ruht und uns unbefriedigt, trist, irrend macht. Und in diesem Augenblick fühle ich den Bann, und ich verstehe warum der Sieger bei Lützen "in seinem Werke fiel" und warum seine eigene Tochter ihn dementierte; verstehe warum das protestantische Deutschland verheert wurde, während Österreich unberührt blieb. Und was wurde für uns gewonnen? Die Freiheit, ausgestossen zu sein, die Freiheit, uns zu sondern und abzusondern, um als konfessionslos zu enden.
Wogend bewegt sich die Gemeinde zu den Türen hinaus, und einsam bleibe ich zurück, indem ich, wie ich glaube, deren missbilligende Blicke ertrage. Es ist dunkel an der Tür, wo ich stehe, aber ich sehe, wie alle das Wasser im Weihkessel berühren und sich bekreuzigen, ehe sie hinausgehen; und da ich gerade davorstehe, sieht es aus, als ob sich alle vor mir bekreuzigen, und ich weiss, was das bedeutet, seit ich in Österreich Leute, die mir auf der Landstrasse entgegenkamen, das Kreuz vor dem Protestanten, der ich war, schlugen.
Als ich schliesslich allein bleibe, nähere ich mich dem Weihwasserbecken aus Neugier oder einem andern Grunde. Es ist aus gelbem Marmor in Form einer Muschelschale, und darüber ist ein Kinderkopf ... mit Flügeln hinten. Und das Gesicht des Kindes ist lebend, von einem Ausdruck verklärt, den man nur bei guten, schönen, wohlerzogenen Dreijährigen sieht. Der Mund steht offen, und die Mundwinkel halten ein Lächeln zurück. Die grossen herrlichen Augen sind niedergeschlagen, und man sieht, wie sich der kleine Schelm im Wasser spiegelt, aber unter dem Schutz der Augenlider, als sei er sich bewusst, etwas Ungesetzliches zu tun, ohne jedoch vor dem Strafer bange zu sein, den er, wie er weiss, mit einem einzigen Blick entwaffnen kann. Das ist das Kind, das noch das Gepräge von unserm fernen Ursprung trägt, einen Schimmer vom Übermenschen, das dem Himmel angehört. Man kann also im Himmel lächeln, und nicht nur das Kreuz tragen! Wie oft in den Augenblicken meiner Selbstanklage, wenn die ewigen Strafen wie objektive Wirklichkeiten vor mir stehen, habe ich nicht diese Frage aufgestellt, die mancher unehrerbietig finden wird: Kann Gott lächeln? lächeln zu der Torheit und dem Übermut der Menschenameisen? Kann er das, dann kann er auch verzeihen.
Das Kindergesicht lächelt mir zu und sieht mich durch das Augenlid an, und der geöffnete Mund sagt neckend: Versuch es, das Wasser ist nicht gefährlich!
Und ich berühre mit zwei Fingern das geweihte Wasser, es geht ein Kräuseln über die Fläche wie--ich glaube, es war im Teiche Bethseda--und nun führe ich den Finger von der Stirn nach dem Herzen und dann von links nach rechts, wie ich es meine Tochter habe tun sehen. Aber im nächsten Augenblick bin ich heraus aus der Kirche--denn der Kleine lachte, und ich--schämte mich, will ich nicht sagen, aber ich wünschte am liebsten, niemand hätte es gesehen.
Draussen an der Kirchentür steht ein Anschlag über etwas, und daraus werde ich belehrt, dass heute Advent ist! Draussen vor der Kirche sitzt in der schrecklichen Kälte eine Alte und schläft. Ich lege leise eine Silbermünze in ihren Schoss, ohne dass sie es merkt, und obwohl ich gern ihr Erwachen gesehen hätte, gehe ich. Welche billige und solide Freude, die Zwischenhand der Vorsehung bei der Erhöhung einer Bitte zu spielen, und einmal geben zu dürfen, wenn man so lange empfangen hat.
Jetzt lese ich "L'Imitation" und Chateaubriand, "Le Génie du Christianisme". Ich habe das Kreuz auf mich genommen und trage eine Medaille, die ich auf Sacre-Coeur in Montmartre bekommen habe. Aber das Kreuz für mich ist das Symbol der geduldig ertragenen Leiden, nicht das Wahrzeichen, dass Christus an meiner Stelle gelitten hat, denn das muss ich schon selbst besorgen. Ich habe sogar eine Theorie aufgestellt: da wir Ungläubigen nicht mehr von Christus sprechen hören wollten, überliess er uns uns selbst, eine satisfactio vicaria hörte auf, und wir mussten uns allein mit unserm Elend und unserm Schuldgefühl schleppen. Swedenborg sagt ausdrücklich, dass Christi Leiden am Kreuz nicht sein Versöhnungswerk war, sondern eine Prüfung, die der Gott sich auferlegt hatte, weniger die eines Schmerzes als die einer Schmach.
Gleichzeitig mit "Christi Nachfolge" bekomme ich Schwedenborgs "Vera Religio Christiana" in die Hand, in zwei starken Bänden. Mit seiner Allmacht, die jedem Widerstand trotzt, schleppt er mich in seine Riesenmühle und fängt an mich zu mahlen. Zuerst lege ich das Buch fort und sage: Das ist nicht für mich. Aber ich nehme es wieder, denn es ist so viel darin, was mit meinen Beobachtungen und Erlebnissen stimmt und so viel weltliche Weisheit, die mich interessiert. Zum zweiten Mal werfe ich es weg; bekomme aber keine Ruhe, ehe ich es wieder vorgenommen habe, und das Schreckliche der Situation ist, wenn ich lese erhalte ich den bestimmten Eindruck: das ist die Wahrheit, aber ich kann nie dahin kommen! Nie! denn ich will nicht.--Dann fange ich an, mich zu empören und sage mir: er hat sich getäuscht, und dies ist der Geist der Lüge. Dann aber kommt die Furcht, dass ich mich geirrt habe.
Was finde ich denn hier, das das lebendige Wort sein soll? Ich finde die ganze Ordnung der Gnade und die ewige Hölle: die Kindheitserinnerungen an die Hölle der Kindheit mit ihrem ewigen Unfrieden! Aber nun habe ich den Kopf in die Schlinge eingesteckt, und ich bin gefangen. Den ganzen Tag, die halbe Nacht spielen meine Gedanken um dieses eine: ich bin verdammt, denn ich kann unter anderm das Wort Jesu nicht aussprechen, ohne Christus hinzuzufügen, der nach Swedenborg das Schibboleth sein soll, das die Teufel verrät.
Nun habe ich den ganzen Abgrund in mir, und der milde Christus in "L'Imitation" ist der Dämon geworden, der Peiniger! Ich fühle lebhaft, wenn dieses sich weiter entwickelt, werde ich Pietist, aber das will ich nicht! Will nicht!
Drei Tage sind vergangen, seit ich Swedenborg fortgelegt habe, aber eines Abends, als ich mich mit Pflanzenphysiologie beschäftige, erinnere ich mich, etwas besonders Sinnreiches über die Stellung der Pflanze in der Schöpfungskette gerade in "Vera Religio Christiana" gesehen zu haben. Vorsichtig beginne ich nach der berühmten Stelle zu suchen, finde sie aber nicht; dagegen finde ich alles andere: Die Berufung, die Erleuchtung, die Heiligung, die Bekehrung, und wie ich die Blätter wende und die Seiten zu überfliegen suche, bleibt das Auge auf den grausigsten Stellen haften, die stechen und brennen. Zweimal suche ich die beiden Bände durch, aber das Gesuchte ist verschwunden. Es ist ein verzaubertes Buch, und ich möchte es verbrennen, wage es aber nicht, weil die Nacht bevorsteht und die Uhr zwei werden kann.... Ich fühle, wie ich Heuchler werde, und ich habe in mir beschlossen, morgen, wenn ich nur diese Nacht in Frieden schlafen darf, einen Kampf gegen diesen Seelenverderber aufzunehmen; ich werde seine eigenen Schwächen mit dem Mikroskop besichtigen, ich werde seine Stacheln aus dem Herzen ausreissen, wenn es auch dabei zerrissen werden sollte, und ich will vergessen, dass er mich von dem einen Irrenhaus gerettet hat--um mich in das andere zu bringen!
Nachdem ich die Nacht geschlafen habe, obwohl ich erwartet habe, erschlagen zu werden, ging ich am folgenden Morgen ans Werk, nicht ohne Skrupel, denn die Waffen zu ergreifen gegen einen Freund, ist die betrübendste von allen Unternehmungen. Aber es muss geschehen; es handelt sich um meine unsterbliche Seele, ob sie vernichtet werden soll oder nicht.
So lange Swedenborg in "Arcana" und der "Apokalypse" sich an Offenbarungen, Prophezeiungen, Auslegungen hielt, da machte er mich religiös, aber wenn er in "Vera Religio" anfängt über die Dogmen zu räsonieren, dann ist er Freidenker, Protestant, und zieht er blank mit der Vernunft, dann hat er die Waffen selbst gewählt, und schlechte Waffen. Ich will die Religion haben als eine stille Begleitung zu der eintönigen Alltagsmelodie des Lebens, aber hier handelt es sich um Berufsreligion, Kathederdisputation, also um Machtkampf.
Ich hatte schon beim Lesen von "Apokalypsis revelata" eine Stelle gefunden, die mich abstiess, weil sie eine menschliche Eitelkeit verriet, die ich bei einem Gottesmann nicht sehen möchte. Aber ich ging aus Rücksicht daran vorbei, jedoch nicht ohne sie zu notieren. Im Himmel trifft Swedenborg einen englischen König und beklagt sich ihm gegenüber, dass englische Zeitschriften es nicht geruht hätten, seine Schriften anzukündigen. Swedenborg drückte seinen Verdruss besonders über einige Bischöfe und Lords aus, die seine Schriften angenommen, aber ihnen keine Aufmerksamkeit geschenkt hätten. Der König (Georg II.) war erstaunt und wandte sich zu den Unwürdigen, indem er sagte: "Gehet eure Wege! Wehe dem, der so gefühllos bleiben kann, wenn er etwas vom Himmel und dem ewigen Leben hört." Hier will ich als mir unsympathisch anmerken, dass sowohl Dante wie Swedenborg ihre Feinde und Freunde in die Hölle schicken, während sie selbst die Höhen besteigen. Darf ich mir wie Paulus ein kleines Selbstlob erlauben, so ist der Augenblick gekommen, daran zu erinnern, dass ich mich im Gegensatz zu den hohen Meistern allein mitten in die Gluthaufen des Inferno gesetzt habe und die andern wenigstens über mich ins Fegefeuer.
In "Vera Religio" ist die Sache noch unangenehmer, denn dort trifft man Calvin in einem Bordell, weil er gelehrt hat, dass der Glaube alles ist und die Werke nichts (vgl. den Räuber am Kreuz!). Luther und Melanchthon, ungeachtet ihres Protestantismus, sind rohem Hohn und albernen Possen ausgesetzt.... Nein, es regt mich auf, diese Flecke in dem Bilde eines erhabenen Geistes aufzusuchen. Und ich hoffe, es ist Swedenborg in seiner geistigen Entwicklung ergangen, wie es nach seinen Worten Luther ergangen sein soll: "Als dieser in die Geisterwelt eintrat, machte er starke Propaganda für seine Dogmen, aber weil diese nicht im innersten Wesen seines Geistes eingewurzelt, sondern nur von Kindheit an eingesogen waren, ging ihm bald eine grössere Klarheit auf, so dass er schliesslich des neuen Himmelsglaubens teilhaftig wurde."