Inferno; Legenden

Part 23

Chapter 233,289 wordsPublic domain

Drei Monate lang suchte ich vergebens persönliche Verbindungen mit der Swedenborg-Gesellschaft in Paris einzuleiten. Eine ganze Woche gehe ich jeden Morgen nach dem Pantheon hinauf, um die Rue Thouin zu erreichen, wo Kapelle und Bibliothek des schwedischen Propheten liegen. Schliesslich treffe ich jemand, der mir sagt, dass der Bibliothekar nur nachmittags empfängt, gerade zu der Zeit, wo ich allein mit meinen Gedanken sein will und zu müde bin, um Spaziergänge zu machen. Gleichwohl mache ich immer wieder den Versuch, nach der Rue Thouin zu kommen. Das erste Mal fühle ich mich beim Fortgehen unbehaglich niedergedrückt, und am Ende der Saint-Michel-Brücke artete dieses Gefühl zu einer Angst aus, die mich zwang, nach Hause zurückzukehren. Ein ander Mal ist es Sonntag, und man will Gottesdienst halten. Ich komme eine Stunde zu früh, und meine Kräfte reichen nicht aus, eine Stunde auf der Strasse zuzubringen. Das dritte Mal finde ich auf der Rue Thouin das Pflaster aufgerissen, und Arbeiter versperren den Weg mit ihren Gestellen und Gerätschaften. Da denke ich, dass es nicht Swedenborg sein darf, der mich auf den guten Weg führen soll, und unter dem Eindruck dieser Ahnung kehre ich um. Bei der Heimkehr fällt mir ein, dass ich mich von Swedenborgs unsichtbaren Feinden habe betrügen lassen, und dass ich sie bekämpfen muss. Der letzte Versuch wird im Wagen vorgenommen. Dieses Mal ist die Strasse barrikadiert, wie um ausdrücklich meine Absichten zu hindern. Ich steige aus dem Wagen, klettere über Hindernisse; als ich aber an der Tür des Swedenborghauses anlange, sind Trottoir und Treppe fortgenommen. Trotz allem schlage ich mich nach dem Eingang durch, ziehe am Glockenstrang und ... erfahre von einem Unbekannten, dass der Bibliothekar krank ist.

Mit einer Art Linderung in der Seele kehre ich der düsteren und dürftigen Kapelle mit ihren dunklen Fensterscheiben, die von Regen und Staub beschmutzt sind, den Rücken. Es hatte mich immer abgestossen, dieses Haus in strengem, barbarischem, schwermütigem Methodistenstil, dessen Mangel an Schönheit mich an den Protestantismus des Nordens erinnerte, und erst nach ernsten Kämpfen gegen meinen Hochmut verstand ich mich dazu, dort Eintritt zu suchen. Eine Frömmigkeitspflicht gegen Swedenborg, weiter nichts. Als ich mit leichtem Herzen umkehrte, gewahre ich auf dem Trottoir ein verzinntes Eisenstückchen, wie ein Kleeblatt geformt, und aus Aberglauben nehme ich es auf. Und sogleich wird eine Erinnerung zum Leben erweckt. Als ich nämlich das Jahr vorher, den 2. November in dem schrecklichen Jahr 1896, eines Morgens in Klam in Österreich promenierte, ging die Sonne hinter einer Wolkenwand in Form eines Bogens mit kleeförmigen Aussenlinien auf, der von blauen und weissen Strahlen umgeben war. Und diese Wolke glich meinem verzinnten Eisenblech wie zwei Wassertropfen einander gleichen; mein Tagebuch, in dem noch die Zeichnung zu finden ist, kann diese Tatsache bestätigen.

Was soll dies bedeuten? Die Dreieinigkeit, das ist klar. Und weiter?--

Ich verlasse die Rue Thouin, froh wie ein Schuljunge, der einer schweren Aufgabe entronnen ist, weil der Lehrer krank geworden. Und als ich am Pantheon vorbeigehe, finde ich den Tempel geöffnet, das grosse Tor sperrweit auf, und zwar auf eine herausfordernde Weise, die mir zurief: tritt nur ein. Tatsächlich habe ich trotz meinem langen Aufenthalt in Paris niemals diese Kirche besucht, hauptsächlich weil man mir über die Wandgemälde Lügen erzählt und versichert hat, sie behandeln Stoffe aus der Geschichte der Gegenwart, vor der ich Abscheu empfinde. Man denke sich mein Entzücken, als ich eintrete und eine Lichtdusche empfange, die vom Mittelgewölbe fällt, und mich mitten in einer goldenen Legende befinde, Frankreichs heiliger Geschichte, die unmittelbar vor dem Protestantismus schliesst. Die mehrdeutige Inschrift draussen "Aux grands hommes" hatte mich also betrogen. Wenig Könige, noch weniger Generäle und nicht ein Abgeordneter; ich atme wieder. Dagegen St. Denis, die heilige Genoveva, Ludwig der Heilige, St. Jeanne (d'Arc). Nie hätte ich geglaubt, dass die Republik in dem Grad katholisch wäre. Fehlt nur der Altar, das Tabernakel, und an Stelle des Gekreuzigten und der Himmelsmutter ist das Bild einer weltlichen Frau hier von Frauenverehrung errichtet; doch ich tröste mich mit dem Gedanken, dass diese Berühmtheit schliesslich unten in den Kloaken landen wird, wie so viele andere und ehrenvollere. Es ist schön und lieblich, in diesem Tempel, welcher der Heiligkeit geweiht ist, umher zu gehen, aber zugleich betrübt es, wenn man sieht, wie man die Tugendhaften und Wohltätigen enthauptet.

Muss man sich nicht um der Ehre des guten Gottes willen vorstellen, dass alle diese Fälle von schlechter Behandlung, die den Gerechten und Barmherzigen zuteil geworden, nur scheinbare Massregeln sind; und dass, wie wenig ermunternde sich auch der Weg der Tugend zeigen mag, der doch zu einem guten Endpunkt führt, der unserer Auffassung verborgen ist? Sonst müssten die Höllen dieser Schaffots und Scheiterhaufen, die den Heiligen angesichts triumphierender Henker vorbehalten sind, uns auf lästerliche Gedanken bringen über die Güte des höchsten Richters, der die Heiligkeit im Erdenleben zu hassen und zu verfolgen scheint, um sie in einer höheren Welt zu belohnen: "die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten."

Indessen werfe ich, als ich aus der Kirche trete, einen Blick nach der Rue Thouin und wundere mich, dass der Weg zu Swedenborg mich in den Tempel der heiligen Genoveva geführt hat. Swedenborg, mein Wegweiser und Prophet, hat mich gehindert nach seiner bescheidenen Kapelle zu gehen: hat er sich denn selbst verworfen und ist jetzt besser unterrichtet worden, so dass er sich zum Katholiken bekehrt hat? Während ich die Arbeiten des schwedischen Sehers studierte, hat es mich betroffen, wie er sich als Gegner Luther gegenüberstellt, der den Glauben allein pries; und in der Tat ist Swedenborg katholischer als er sich den Anschein hat geben wollen, da er den Glauben und die Werke gepredigt hat, ganz wie die römische Kirche.

Wenn es sich so verhält, dann bekämpft er sich selbst, und ich, sein Adept, werde zwischen Amboss und Hammer zermahlen werden.

Eines Abends nach einem von Gewissenbissen und Zweifeln erfüllten Tag, begab ich mich, nachdem ich mein einsames Mittagsmahl eingenommen hatte, nach dem Garten, der mich an sich lockt wie ein Gethsemane, wo unbekannte Leiden meiner warten. Ich habe ein Vorgefühl der Qualen und kann nicht entfliehen. Ich ersehne sie fast, wie der Verwundete sich einer grausamen Operation zu unterziehen wünscht, die ihm Genesung oder den Tod bringen wird.

Am Fleurus-Tor angelangt, befinde ich mich sogleich drinnen auf der Rennbahn, die in der Ferne vom Pantheon und dem Kreuz begrenzt wird. Vor zwei Jahren bezeichnete dieser Tempel für meinen weltlichen Sinn die Ehre, die "grossen Männern" gewidmet wird; jetzt lege ich das aus: den Märtyrern und den Leiden, die sie ausgestanden haben; so hat sich mein Gesichtspunkt verändert.

Die Abwesenheit des Unbekannten macht mich unruhig und ich empfinde eine Beklemmung der Brust. Einsam und zur Fehde bereit, fühle ich mich aus Mangel an einem sichtbaren Gegner matt werden. Gegen Schemen, Schatten zu kämpfen, das ist schlimmer als gegen Drachen und Löwen! Schrecken ergreift mich, und von dem Mut des Furchtsamen getrieben, gehe ich auf dem schlüpfrigen Boden zwischen den Platanen mit festen Schritten weiter. Ein eingeschlossener Geruch von schmutzigem Kabeljau, mit Teer und Talg gemischt, erstickt mich; ich höre das Schwappen der Wogen gegen Schiffsrümpfe und einen Kai; ich werde in den Hof eines gelben Ziegelgebäudes geführt, ich steige Treppen hinauf und gehe, durch unermesslich grosse Säle und zahllose Galerien, zwischen Schaukästen und Glasschränken voller ausgestopfter oder in Gefässen konservierter Tiere. Schliesslich ladet mich eine offene Tür in einen Saal von seltsamen Aussehen ein; er ist dämmrig und schwach von Lichtflecken erleuchtet, die von einer Menge in wohlgeordneten Schaukästen ausgestellter Münzen und Medaillen reflektiert werden. Ich bleibe vor einem mit Glas bedeckten Kasten in der Nähe eines Fensters stehen, und unter den Gold-und Silbermedaillen wird mein Blick von einer aus anderm Metall, das dunkel wie Blei ist angezogen. Es ist mein Bild, der Typus eines Frevlers und Ehrgeizigen mit hohlen Wangen, zu Berge stehendem Haar und hasserfülltem Mund. Und die Kehrseite der Medaille trägt die Devise: "Die Wahrheit ist immer rücksichtslos." O, die Wahrheit, die den Sterblichen so verborgen ist und die entschleiert zu haben ich übermütig genug war zu glauben, als ich das heilige Abendmahl verhöhnte, dessen Wunder ich jetzt bekenne. Ein gottloses Erinnerungszeichen, zur Unehre der Gottlosigkeit von lästerlichen Freunden errichtet! Es ist wahr, ich habe mich immer wegen dieser Verherrlichung der Brutalität geschämt und mich nicht darum gekümmert, dieses Erinnerungszeichen zu bewahren; ich habe es den Kindern zum Spielen hingeworfen, und es ist fortgekommen, ohne dass ich es vermisst hätte. In gleicher Weise wollte ein schicksalsschweres "Zusammentreffen", dass der Künstler der die Medaille machte, gleich danach geistesgestört wurde, nachdem er seinen Verleger betrogen und Fälschungen begangen hatte. O, diese Schmach! die nicht ausgetilgt werden kann, sondern immer im Gedächtnis bewahrt wird, da das Gesetz gebietet, dass dieses Anklage-Dokument in den Museen des Staates verwahrt wird. Da sieht man die Ehre.

Worüber habe ich mich zu beklagen, da die Vorsehung einer schimpflichen Bitte Erfüllung gewährt hat, die ich in meiner Jugend an sie richtete. Es war um mein fünfzehntes Jahr; müde der nutzlosen Kämpfe gegen das junge Fleisch, das auf Befriedigung der Leidenschaften pochte; erschöpft von den religiösen Konflikten, die meine Seele verheerten, welche lüstern war, das Rätsel des Daseins zu erfahren; in einer Umgebung frömmelnder Menschen, die mich unter dem Vorwand peinigten, meine Seele der Liebe zum Göttlichen zuneigen zu wollen, äusserte ich unumwunden folgende Worte zu einer alten Freundin, die mich zu Tode moralisiert hatte: Ich lasse die Moral fallen, wenn ich nur ein grosses Talent werden kann, das allgemein bewundert wird!--Später wurde ich in meiner Ansicht von Thomas Henry Buckle bestärkt, der uns lehrte, dass die Moral ein Nichts sei, das sie sich nicht entwickle, und dass die Intelligenz alles sei. Und mit zwanzig Jahren lernte ich von Taine, dass böse und gut zwei indifferente Sachen seien, denen unbewusste und verantwortungslose Eigenschaften innewohnten, wie die Acidität der Säure und Alkalität bei einem Alkali. Und diese Phrase, die von Georg Brandes im Fluge ergriffen und ausgearbeitet wurde, drückt ihr Gepräge von Immoralität auf die skandinavische Literatur. Ein Sophisma, das heisst, ein schwacher Vernunftschluss, der fehl geschossen hat, verführt eine Generation von freidenkenden Menschen! Eine solche Schwäche! Denn beim Analysieren von Buckels Epigramm: "Die Moral entwickelt sich nicht, also ist sie indifferent", entdeckt man leicht, dass der Schlusssatz besser so gezogen werden könnte: Die Moral, die unerschütterlich dieselbe bleibt, beweiset dadurch ihren göttlichen und ewigen Ursprung.

Als mein Wunsch endlich erhört wurde, war ich das anerkannte, bewunderte Talent und der verachtetste aller Menschen, die in diesem Jahrhundert in meinem Lande geboren sind. In den Bann getan von den besseren Kreisen, missachtet von dem Geringsten unter den Geringen, verleugnet von meinen Freunden, den Besuch meiner Bewunderer in der Nacht oder im geheimen empfangend! Ja, alle beugen sich vor der Moral, und eine Minderheit verbeugt sich vor dem Talent: das gibt uns manches zu denken über das Wesen der Moral! Und noch schlimmer ist die Kehrseite der Medaille! Die Wahrheit! Als ob ich mich nie der Lüge ergeben hätte, trotzdem ich in dem Ansehen stand wahrhaftiger, aufrichtiger als andere zu sein. Ich verweile nicht bei den kleinen Lügen der Kindheit, weil die so wenig bedeuten, hervorgegangen, wie sie meist waren, aus Furcht oder der Unfähigkeit, die Wirklichkeit von den Einbildungen zu trennen; und weil sie aufgewogen wurden von ungerechten Strafen, die auf falsche Anklagen der Kameraden erfolgten. Aber es sind andere Lügen, ernster wegen der verderblichen Folgen, die das schlechte Beispiel und das Entschuldigen einer schweren Versündigung hervorbringen. Es ist die unwahre Darstellung, die meine Selbstbiographie "Der Sohn einer Magd" über die Krisis der Pubertät gibt. Als ich dieses Jugendbekenntnis schrieb, scheint mich der liberalistische Geist der damaligen Zeit verführt zu haben, mit zu hellen Farben zu malen, in der verzeihlichen Absicht, junge Männer, die einem frühreifen Laster anheimgefallen sind, von der Furcht zu befreien.

Als ich zum Schluss dieser bitteren Reflexionen gekommen bin, schrumpft das Münzkabinett zusammen, die Medaille zieht sich in die Ferne zurück und verkleinert sich zur Grösse eines Bleiknopfes. Und ich sehe mich in einer Bodenkammer auf dem Lande, am Strande des Mälar, in einem Pensionat für Knaben bei einem Künstler, im Jahre 1861. Kinder in ungesetzlichen Verbindungen geboren, Kinder von Eltern, die aus dem Land geflohen sind, schlecht erzogene Kinder, die in zu zahlreichen Familien im Wege stehen, leben hier zusammen, in einen Bodenraum zusammengepfercht, ohne Aufsicht, zu zweien das Bett teilend, einander tyrannisierend und einander misshandelnd, um sich am Leben zu rächen, das so grausam ist. Eine hungrige Herde kleiner Missetäter, schlecht gekleidet und schlecht genährt, ein Schrecken für die Bauern und besonders für die Gärtner. Genug, der älteste in der Bande spielt die Rolle des Verführers, und das Laster nistet sich ein in die junge Schar....

Dem Fall, jawohl dem Fall, folgt unmittelbar die Gewissensqual, und ich sehe mich bei dem schwachen Schein des grauenden Sommertages im Nachthemd am Tisch sitzen, das Gebetbuch vor mir. Schamgefühl und Gewissensqual, trotzdem mir die Natur der Sünde vollständig unbekannt war. Unschuldig, weil ich unbewusst war, und doch verbrecherisch. Verführt und nachher Verführer, Reue und Rückfall, Zweifel an der Wahrhaftigkeit des anklagenden Gewissens! Zweifel, dass ein Gott gnädig ist, der die schrecklichsten Versuchungen für einen Unwissenden auslegt. Für ein Kind, das als einen von der Natur herzlich gern gebotenen Genuss hinnimmt, was das göttliche Gesetz mit dem Tode bestraft. Ohne Schuld vor sich selbst und doch von Gewissensbedenken gepeinigt, die den Unglücklichen der Religion zu jagen; die aber vergibt oder tröstet nicht, sondern verurteilt zu Wahnwitz und Hölle--den unschuldigen Wicht, das Opfer, dem die Kraft fehlt, im ungleichen Kampf mit der allmächtigen Natur stand zu halten.

Das höllische Kohlenfeuer ist angezündet, um bis ans Grab zu brennen, sei es, dass es in der Einsamkeit unter der Asche glüht oder Nahrung von den brennbaren Stoffen eines Weibes holt. Versucht man dieses Feuer durch Enthaltsamkeit zu löschen, so wird die Leidenschaft perverse Wege einschlagen und die Tugend auf unerwartete Weise bestraft werden. Begiesse den angezündeten Scheiterhaufen mit Petroleum, so bekommst du eine Vorstellung von der erlaubten Liebe!

Wahrhaftig, kommt ein Knabe und fragt mich jetzt, den Fünfzigjährigen: was soll man tun? so habe ich nur eine Antwort, nach so vielen Erfahrungen und so vielen Erörterungen und die ist:

--Ich weiss es nicht!

Und suchte mich ein junger Mann auf, um mich zu fragen, was vorzuziehen sei, unverheiratet zu bleiben oder die Ehe einzugehen, würde ich antworten: Das beruht auf Neigung und Geschmack; wenn Sie die Hölle des Junggesellen vorziehen, so wählen Sie die; gefällt Ihnen die eheliche Hölle besser, so treten Sie in diese ein. Für meine Person ziehe ich Gehenna an der Seite einer Gattin vor, weil das ein Paradies zur Folge hat, das allerdings künstlich ist aber entzückend und in dem es Erinnerungen an das goldene Zeitalter gibt: nämlich das Kind.

Ich möchte mich als Verführer der Jugend anklagen, aber kann es nicht, da der Zweck meines Bekenntnisses war, die Jünglinge von der Furcht zu befreien. Befreiung, das war die Losung für die skandinavische Literatur die ganzen achtziger Jahre. Ich befreite die Frauen, mit dem Erfolg, dass die Familienfrauen den Prostituierten gleich wurden und sich gegen ihren Befreier wandten, um ihn mit ihren zerbrochenen Ketten zu schlagen. Ich habe die Elenden und die Unterdrückten so befreit, dass die Gesellschaft von den schlimmsten Unterdrückern regiert wird, die zur Macht gekommen sind. Ich habe die Jugend von Gewissensqual und Verkehrtheit befreien wollen, und die Jugend, die in Laster und Verbrechen versunken ist, klagt mich an, ein Catilina zu sein, und Väter und Mütter haben mich auf den Index gesetzt! Also soll man das Befreien lassen, da das Leben ein Gefängnis ist; was ich nicht wusste; und das entschuldigt mich vor mir selbst, da ich in gutem Glauben und in guter Absicht gehandelt habe, um dem Vorbild des Erlösers zu folgen, der die Ehebrecherin und den Räuber frei sprach. Das einzige ist darin liegt der Hauptpunkt, dass ich die furchtbaren Gewissensqualen verleugnet habe, die den Fall eines Knaben begleiteten, und das ist mea culpa; das lässt mich erröten angesichts der Inschrift der Medaille, die ich nicht selbst besorgt habe.

Zu meinem Sohn möchte ich sagen: Versuch keusch zu bleiben, und auf alle Fälle weiche schlechten Weibern aus, denn die vergiften dich für das ganze Leben und sind _besessene_ Unglückswesen, deren böse Geister auf eine reine Seele übergehen; das ist die Ursache, warum diese Weiber, denen man zu existieren erlaubt, weil es die tatsächlich gibt, Versuchungen ausmachen, denen widerstehen zu können sich ein junger Mann zur Ehre anrechnen muss. Und noch eins, mein Sohn, erliege nicht den Versuchungen einer verheirateten Frau, wenn sie auch deine männliche Eitelkeit reizt, indem sie dich Joseph nennt! Die Ehre gebührt nicht Potiphars Frau, sondern Joseph, dessen Ehrentitel auf den Mann übergeht, der den Mut hatte, dem Erlöser Pflegevater zu bleiben, ohne über seine für einen Mann zweideutige Stellung Unwille zu verraten.

Und an meine Töchter ein Wort, ein einziges: der Altar oder das Gelübde der Keuschheit! Das ist alles! Die freie Liebe und Rechnung der Frau hat es immer gegeben, und die freien Frauen sind Kokotten und Huren, und sie werden es bleiben, so lange die Welt steht; wie auch die ungetreue Gattin ihresgleichen werden wird, oder, richtiger, schlimmer als sie, weil sie einen Mann mordet und die Zukunft ihrer Kinder trübt.

Ich brenne vor Begierde, mich anzuklagen und mich zugleich zu verteidigen, aber es gibt kein Gericht, keine Richter, und ich verzehre mich hier in der Einsamkeit!

Als ich meine Verzweiflung nach allen Himmelsstrichen ausrief, wurde ich in ein Dunkel gehüllt, und als ich deutlicher zu sehen begann, fand ich mich mit dem Kopf gegen einen Kastanienbaum in der Fleurus-Allee lehnend. Es war der dritte Baum vom Eingang gerechnet, und die Allee hat siebenundvierzig auf jeder Seite und neun Bänke sind zwischen die Bäume als Haltepunkte gestellt. Bleiben also vierundvierzig Raststellen für mich, ehe ich die erste Station erreiche.

Einen Augenblick bleibe ich angesichts des ausgedehnten Tränenpfades ganz niedergeschlagen stehen, als sich unter den entlaubten Bäumen eine Lichtkugel nähert, die von zwei Vogelflügeln getragen wird.

Sie macht vor mir in gleicher Höhe mit meinen Augen Halt, und in dem klaren Schein, der sich um die Kugel breitet, sehe ich ein weisses Blatt Papier, das gleich einer Speisekarte verziert ist. Oben steht in rauchgefärbten Buchstaben: Iss! Und unten rollt sich in einer Sekunde mein ganzes verflossenes Leben auf, wie eine mikrographische Reproduktion auf einem ungeheuer grossen Plakat. Alles ist da zu finden! Alle Schrecken, die heimlichsten Sünden, die widerlichsten Szenen, in denen ich die Hauptrolle spiele.... Wehe, ich möchte vor Scham sterben, als ich im Bilde die Szenen sehe, die mein vergrösserndes Auge auf einmal auffasst, ohne lesen und verdolmetschen zu brauchen! Aber ich sterbe nicht, im Gegenteil, während einer Minute, die so lang ist wie achtundvierzig Jahre, sehe ich aufs neue mein ganzes Leben von der grünen Kindheit an bis auf diesen Tag. Mein Gebein verdorrt bis aufs Mark, mein Blut stockt, und vom Feuer der Gewissensqual verzehrt, falle ich mit dem Ausruf zu Boden: Gnade! Gnade! Und ich werde davon abstehen, mich vor dem Ewigen zu rechtfertigen, und ich werde davon abstehen, meinen Nächsten anzuklagen....

Als das Bewusstsein wiederkam, befand ich mich auf der Rue de Luxembourg, und bei einem Blick durch das Gittertor sah ich den Garten grünen, während ein Chor von kleinen lebhaften Spottvögeln mich hinter Buschen und Bäumen grüsst!

Die Rue Bonaparte hinuntergehend, fühle ich mich gegeisselt, und die Schmach weckt den Zorn, und die Widerspenstigkeit beginnt sich zu rühren.--Ich habe gesündigt, zugegeben, und ich bin bestraft worden. Das müsste doch genug sein, um die Zeichen auf der weissen Schiefertafel auszukratzen. Ein guter Vater kann verzeihen, nachdem er gestraft hat, und ich kenne welche, die begnadigen können, ohne Auge für Auge, Zahn für Zahn zu fordern; ich kenne welche, die nie anders strafen als durch milde Worte und nicht weiter davon sprechen, nachdem die Sache einmal ausgetragen ist. Aber ich habe nie einen gesehen, der über die Fehltritte und Versündigungen seiner Kinder Buch geführt hätte.