Inferno; Legenden

Part 22

Chapter 223,571 wordsPublic domain

Unter den Kastanienbäumen wird das Schauspiel hinreissend schön, als unter dem Laubwerk ein leeres Waldtaubennest auf einmal von girrenden Gatten eingenommen ist.

Schliesslich sind wir am Fleurus-Tor angelangt, wo mein Wegweiser mir ein Zeichen gibt, stehen zu bleiben, und in einer Sekunde ist er an das andere Ende des Gartens, ans Gay-Lussac-Tor, versetzt; eine Entfernung, die mir unermesslich erscheint, obgleich sie nur ein halbes Kilometer umfasst; und trotz der Entfernung kann ich den Unbekannten von seinem ovalen Lichtrand umgeben sehen. Ohne ein Wort hervorzubringen, befiehlt er mir mit kleinen Bewegungen der Mundmuskeln, mich zu nähern. Ich glaube seine Ansicht zu begreifen, in dem ich die endlose Allee zurücklege, den Hippodrom, den ich seit Jahren wohl kenne; in der Ferne begrenzt ihn das Kreuz des Pantheon, das sich in blutroter Farbe auf dem schwarzen Himmel abzeichnet.

Der Weg des Kreuzes, und vielleicht die vierzehn Stationen! wenn ich nicht irre. Ehe ich beginne mache ich Zeichen, dass ich sprechen, fragen, Aufklärung erhalten will; und mein Wegweiser antwortet mit einer Neigung des Hauptes, dass er bereit sei, zu hören, was ich vorzubringen habe.

Im selben Augenblick ändert der Unbekannte den Platz, ohne die kleinste Bewegung oder das geringste Rascheln vernehmen zu lassen; das einzige, was ich merke, ist, dass er, als er mir näher kommt, einen balsamischen Duft verbreitet, der mein Herz und meine Lungen schwellen lässt und mir Mut einflösst, den Strauss zu wagen.

Und ich beginne mein Verhör.

--Du bist es, der mich seit zwei Jahren verfolgt; was wünschest du von mir?

Ohne den Mund zu öffnen, antwortet mir der Unbekannte mit einer Art Lächeln voll übermenschlicher Güte, Nachsicht und Bildung:

--Warum fragst du mich, da du die Antwort selbst kennst? Und wie in meinem Innern höre ich eine Stimme widerklingen:

--Ich wünsche dich zu einem höheren Leben zu erheben? Dich aus dem Schmutz zu ziehen.

--Geboren aus dem Schmutz, geschaffen für das Niedrige, mich vom Moder nährend, wie soll ich anders von der Grobheit befreit werden als durch den Tod? Nimm denn mein Leben!--Du willst nicht! Die auferlegten Strafen sollen also die Mittel zur Erziehung ausmachen. Aber ich versichere dir, die Demütigungen machen mich hochmütig, der Verzicht auf die kleinen Genüsse des Lebens erzeugt Verlangen, Fasten ruft Schwelgerei hervor, was nicht meine Haussünde ist; die Keuschheit verschärft die Begierde des Fleisches, die aufgezwungene Einsamkeit erzeugt Liebe zur Welt und ihren ungesunden Vergnügungen, Armut gebiert Geiz; und die schlechte Gesellschaft, auf die ich angewiesen bin, flösst mir Menschenverachtung ein und erregt in mir den Argwohn, dass die Gerechtigkeit schlecht gehandhabt wird. Ja, in gewissen Augenblicken scheint es, als sei die Vorsehung ungenügend unterrichtet von ihren Satrapen, denen sie die Regierung über die Menschenwelt anvertraut hat; dass ihre Präfekten und Unterpräfekten sich Unterschleife, Fälschungen, unbegründete Anzeigen zu schulden kommen lassen. So ist es mir geschehen, dass ich bestraft worden bin, wo andere gesündigt haben; Prozesse gehalten worden sind, bei denen ich nicht nur unschuldig war, sondern noch dazu Verteidiger der Billigkeit und Ankläger des Verbrechens; und gleichwohl hat die Strafe mich getroffen, während der Schuldige triumphierte. Gestatte eine offene Frage: sind etwa Frauen zu Mitregentinnen angenommen worden? Die gegenwärtige Regierungsart scheint mir so reizbar, so kleinlich zu sein, so ungerecht, ja ungerecht! Jedes Mal, wenn ich eine gerechte und gesetzliche Sache gegen eine Frau geführt habe, ist sie, wie gemein sie auch gewesen sein mag, freigesprochen und ich bin verurteilt worden! Du willst nicht antworten! Und da forderst du von mir, dass ich die Verbrecherischen lieben soll, die Seelenmörder, die das Gemüt vergiften und die Wahrheit verfälschen, die Meineidigen! Nein, tausendmal nein! "Ewiger, sollte ich nicht die hassen, die dich hassen? Sollte mir nicht grauen vor denen, die sich gegen dich erheben? Ich hasse sie aus dem Grunde: ich halte sie für meine Feinde." So spricht der Psalmist, und ich füge hinzu: ich hasse die Bösen, so wie ich mich selbst hasse! Und mein Gebet ist dieses: Strafe, o Herr, die mich verfolgen mit Lügen und Bosheiten, wie du mich gestraft hast, wenn ich boshaft und lügnerisch gewesen war! Habe ich nun gelästert, habe ich nun den Ewigen beschimpft, Jesu Christi Vater, den Gott des Alten und Neuen Testamentes? Ehemals hörte er auf die Einwürfe der Sterblichen und erlaubte den Angeklagten, sich zu verteidigen. Höre nur, wie Moses seine Verteidigungsrede vor dem Herrn formte, als die Israeliten Ekel vor dem Manna bekommen hatten: "Warum bekümmerst du deinen Diener? Und warum finde ich nicht Gnade vor deinen Augen, dass du so die ganze Last des Volkes auf mich legst? Habe ich nun alles dieses Volk empfangen und geboren, dass du zu mir sagst: Trage sie auf deinen Armen, wie eine Amme einen Säugling trägt, in das Land, das du ihren Väter zugeschworen hast? Woher soll ich nun Fleisch nehmen, das ich allen diesem Volk gebe? Denn sie weinen vor mir und sprechen: Gib uns Fleisch, dass wir essen. Ich vermag nicht allein zu tragen alles dieses Volk, denn es ist mir zu schwer." Ist das nicht Freimütigkeit von einem Sterblichen? Ist sie ganz gebührlich, diese Rede eines zornigen Dieners? Und sein Herr erschlägt den Aufrührerischen nicht mit dem Donnerkeil, sondern lässt sich belehren und nimmt ihm seine Last ab, indem er siebzig Anführer auswählt, die mit Moses die Bürde des Volkes teilen. Des Ewigen Art, das Volk zu erhören, da es ihm um Fleisch zum Essen anruft, ist nur ein bisschen verächtlich, wie die eines gutmütigen Vaters, der sich den Wünschen seiner unverständigen Kinder fügt: "Darum wird euch der Herr Fleisch geben, auf dass ihr esset: Nicht einen Tag, nicht zwei, nicht fünf, nicht zehn, nicht zwanzig Tage lang; sondern einen Monat lang, bis dass es euch zur Nase ausgehe und euch ein Ekel werde." Das ist ein Gott nach meinem Ideal, und er ist derselbe, den Hiob anruft: "O, dass es dem Menschen erlaubt wäre, mit Gott zu rechten, so wie ein Mann tut mit seinem vertrauten Freund!" Aber ohne diesen Zustand abzuwarten, nimmt der mit Unglück Geschlagene sich die Freiheit, Erklärungen von dem Herrn zu verlangen über die schlechte Behandlung, der er ausgesetzt worden ist. "Ich werde zu Gott sagen: Verdamme mich nicht; zeige mir, warum du gegen mich ins Gericht gegangen bist. Kann es dir gefallen, mich niederzudrücken, deiner Hände Werk zu verwerfen und die Absichten der Boshaften zu fördern?" Das sind doch Vorwürfe und Beschuldigungen, die der gute Gott ohne Groll hinnimmt, und auf die er antwortet, ohne sich des Donners zu bedienen. Wo ist er, der himmlische Vater, der zu den Torheiten der Kinder gutmütig lächeln und verzeihen konnte, nachdem er gestraft hatte? Wo verbirgt er sich, der Hausherr, der das Haus in guter Ordnung hielt und die Aufseher überwachte, um Ungerechtigkeiten zu hindern? Ist er vom Sohn abgesetzt worden, dem Idealisten, der sich nicht mit weltlichen Dingen befasst? Oder überlieferte er uns dem Fürsten dieser Welt, der Satan genannt wird, als er nach dem Fall der ersten Menschen seinen Fluch über die Erde schleuderte?

Während dieser meiner unzusammenhängenden Verteidigungsrede betrachtete der Unbekannte mich mit demselben nachsichtigen Lächeln, ohne Ungeduld zu verraten; als ich aber zu Ende gekommen war, war er verschwunden, eine erstickende Atmosphäre von Kohlenoxyd um mich zurücklassend, und ich fand mich einsam stehend auf der düsteren, schmutzigen, herbstschauerlichen Rue Medicis.

Während ich den Boulevard St. Michel hinunterging, war ich auf mich selbst ärgerlich, dass ich die Gelegenheit versäumt hatte, alles rund heraus zu sagen. Ich hatte noch viele Pfeile im Köcher, wenn nur der Unbekannte geruht hätte, zu antworten oder eine Anklage gegen mich zu richten.

Aber im selben Augenblick, wie sich jetzt die Menschenmenge um mich drängt, im starken Schein der Gaslaternen, und alle Realitäten der ausgestellten Handelswaren mich wieder an das Leben in seiner ganzen Kleinlichkeit erinnern, erscheint mir die Szene im Garten wie ein Wunder, und ich eile erschreckt nach meiner Wohnung, wo Meditationen mich in einen Abgrund von Zweifel und Angst versenken.

Etwas trägt sich zu in der Welt, und die Menschen warten auf etwas Neues, das sich in Schimmern hat wahrnehmen lassen. Es ist das Mittelalter, die Zeit des Glaubens und der Glaubenslehre, das in Frankreich wieder im Anzuge ist, nachdem es durch den Sturz eines Kaisertums und eines Miniatur-Augustus eingeleitet worden, ganz wie beim Verfall der Römermacht und den Einfällen der Barbaren; und man hat Paris-Rom in Flammen stehen und die Goten sich im Kapitol-Versailles krönen sehen. Die grossen Heiden Taine und Renan sind zur Vernichtung hinabgestiegen und haben ihren Skeptizismus mit sich genommen; aber Jeanne d'Arc ist wieder zum Leben erwacht. Die Christen werden verfolgt, ihre Prozessionen von Gendarmen auseinander getrieben, während an den Karnevalstagen Saturnalien gefeiert werden und ihre Schändlichkeiten auf offener Strasse ausbreiten, unter dem Schutz der Polizei und mit dem Gelde der Regierung, die den Unzufriedenen zum Trost Circenses bietet, mit oder ohne durch Gladiatoren gefällte wilde Tiere. Panem et circenses, (teures) Brot und Zirkusspiel! Alles ist feil für Geld; Ehre, Gewissen, Vaterland, Liebe, Rechtsprechung: wahrhaftig beweisende und regelrechte Symptome des Auflösungsprozesses einer Gesellschaft, bei der das Wort und die Sache Tugend seit dreissig Jahren in den Bann getan ist.

Das ist doch Mittelalter, Tracht und Haar des Primitiv-Weibes. Die jungen Männer kleiden sich in Mönchskutten, schneiden das Haar mit Tonsur und träumen von Klosterleben; schreiben Legenden und führen Mirakelspiele auf, malen Madonnen und schnitzen Christusbilder, Eingebung aus der Mystik des Magiers holend, der sie mit Tristan und Isolde, Parcifal und Gral verzaubert hat. Die Kreuzzüge beginnen von neuem, gegen Türken und gegen Juden; die Antisemiten und Philhellenen sorgen für die Sache. Die Magie und Alchemie haben sich schon eingenistet, und man wartet auf den ersten beweisbaren Fall von Verhexung, um den Scheiterhaufen zu errichten als Folge der Hexenprozesse. Mittelalter! Die Wallfahrten nach Lourdes, Tilli-sur-Seine, Rue Jean Goujon! Und selbst der Himmel gibt der dumpf und stumpf gewordenen Welt Zeichen, sich bereit zu halten; der Herr spricht durch Wasserhosen, Cyklone, Überschwemmungen, Donnerschläge.

Mittelalter ist der Aussatz, der von neuem auftritt und gegen den die Ärzte von Paris und Berlin soeben ein Bündnis geschlossen haben.

Das schöne Mittelalter, als die Menschen zu geniessen und zu leiden verstanden, als die Kraft und die Liebe, die Schönheit in Farbe, Linienspiel und Harmonie sich zum letzten Mal offenbarten, ehe sie durch die Renaissance des Heidentums, die man Protestantismus nennt, ertränkt und niedergesäbelt wurden.

Der Abend ist da, und ich brenne vor Sehnsucht, die Begegnung mit dem Unbekannten zu erneuern, wohl vorbereitet, wie ich jetzt bin, alles zu gestehen, und mich zu verteidigen, ehe ich verurteilt werde.

Nachdem ich mein tristes Mittagessen eingenommen habe, gehe ich also den Calvarienweg die Rue Bonaparte hinauf. Niemals ist mir diese Strasse so gross vorgekommen, wie jetzt am Abend, und die Ladenfenster gähnen wie Abgründe, in denen Christus in vielfacher Gestalt auftritt, bald gemartert, bald triumphierend. Und ich gehe und gehe, während mir der Schweiss in grossen Tropfen rinnt und die Stiefelsohlen gegen die Füsse brennen, ohne dass ich doch einen Schritt vorwärts komme. Bin ich Ahasver, der dem Erlöser einen Trunk Wasser verweigert hat, und bin ich jetzt, da ich ihm zu folgen und ihm nachzueifern wünsche, unfähig, mich ihm zu nähern?

Schliesslich und ohne selbst zu wissen wie, befinde ich mich vor dem Fleurus-Tor und im nächsten Augenblick im Garten, der dunkel, feucht und still da liegt. Sofort setzt ein Windstoss das Gerippe der Bäume in Zittern, und der Unbekannte nimmt eher Stellung, als dass er sich nähert, in seiner Hülle von Licht und Sommer.

Mit demselben Lächeln wie das vorige Mal, ladet er mich mit einem Zeichen ein, zu sprechen.

Und ich spreche!

--Was verlangst du von mir, und warum plagst du mich mit deinem Christus? Vor einigen Tagen legtest du mir auf unverkennbare Weise "Christi Nachfolge" in die Hand, und ich las das Buch wie in meiner Jugend, als ich die Welt verachten lernte. Wie kann ich recht haben, des Ewigen Schöpfung und die schöne Erde zu verachten? Und wohin hat deine Weisheit mich geführt? Dazu meine Angelegenheiten zu versäumen, dass ich für meine Mitmenschen eine Last geworden bin, dass ich als Bettler geendet habe. Dieses Buch, das Freundschaft verbietet, das den Verkehr mit der Welt in den Bann tut, das Einsamkeit und Entsagung fordert, ist für einen Mönch geschrieben und ich habe nicht das Recht, Mönch zu werden und mich der Gefahr auszusetzen, dass meine Kinder aus Mangel umkommen. Sieh, wohin die Liebe zu einsamen Leben mich geführt hat! Auf der einen Seite befiehlst du ein Eremitenleben, und sobald ich mich von der Welt zurückziehe, werde ich von den Dämonen der Verrücktheit angegriffen, meine Angelegenheiten geraten in Unordnung, und in meiner Isolierung besitze ich keinen Freund mehr, von dem ich Hilfe begehren könnte. Auf der anderen Seite, sobald ich Menschen aufsuche, treffe ich die Schlimmsten, die mich mit ihrem Hochmut quälen, und zwar nach dem Mass meiner Demut; denn ich bin demütig und behandle alle als gleiche, bis sie mich unter ihre Füsse treten; dann benehme ich mich wie der Wurm, der den Kopf erhebt aber nicht zu beissen vermag. Was verlangst du denn von mir? Mich um jeden Preis martern zu können, ob ich deinen Willen tue oder ihn verachte! Willst du mich zum Propheten machen? Das ist zu grosse Ehre für mich, und ich ermangele der Berufung. Übrigens kann ich die Haltung eines solchen nicht anlegen, weil alle Propheten, die ich gekannt habe, schliesslich entlarvt worden sind, halb als Charlatane, halb als verrückte Gesellen, und ihre Prophezeiungen sind nie eingetroffen. Und noch mehr, wenn du mir eine Berufung vorbehalten hast, müsste ich mit der Gnade der Auserwählung beschenkt worden ein; müsste befreit sein von allen verderblichen Leidenschaften, die erniedrigend für einen Prediger sind; meine Lebensbahn müsste von Anfang an unterstützt worden sein, statt dass ich jetzt von der Armut beschmutzt worden bin, die den Charakter verdirbt und einem die Hände bindet. Es ist wohl wahr, und ich gebe es zu, dass die Weltverachtung mich dazu geführt hat, mich selbst zu verachten und meinen Ruf durch Geringschätzung der Ehre zu schädigen; und ich gestehe ein, dass ich mich meiner Person schlecht angenommen habe, aber das ist infolge der Überlegenheit meines besseren Ichs geschehen, das sich aus dem unreinen Futteral erhob, in das du meine unsterbliche Seele gesteckt hast. Schon von den Kinderjahren an habe ich Reinheit und Tugend geliebt, ja das habe ich. Und doch hat mein Leben sich durch Unsauberkeit und Laster geschleppt, so dass ich oft glaube, die Sünden seien als Strafen auferlegt worden, und in der Absicht, dauernden Ekel vor dem Leben selbst zu erzeugen. Warum hast du mich zur Undankbarkeit verurteilt, die ich am meisten von allen Lastern verabscheue? Mir, der von Natur erkenntlich ist, hast du Schlingen gelegt, um mich zu zwingen, in Verbindlichkeit zu dem ersten Besten zu geraten. So bin ich in Abhängigkeit und Sklaverei verwickelt worden. Da die Wohltäter als Entgelt die Gedanken, Wünsche, Neigungen und Ergebenheitsgefühle verlangen, mit einem Wort die ganze Seele, bin ich immer gezwungen worden, mich schuldbeladen und undankbar zurückzuziehen, um meine Persönlichkeit und meine menschliche Würde zu retten; gezwungen worden, die Bande zu zerreissen, die meine unsterbliche Seele zu erwürgen drohten. Und zwar mit der Seelenqual und den Gewissensbissen eines Diebes, der mit fremdem Eigentum seiner Wege geht.

Und jetzt, da ich anfange meine Seele zu pflegen nach den Geboten in "Christi Nachfolge", ist es billig, von einem Menschen zu fordern, dass er sich Gott selbst zum Muster nehmen und sich einbilden soll, imstande zu sein, sich die Vollkommenheit des Vollkommenen zu erwerben? Das heisst ihm Grössenwahn einblasen. Aber wenn er nun durch die Unmöglichkeit, dem Erlöser nachzueifern, zur Einsicht über das Unsinnige seiner Absichten kommt, versinkt er in Verzweiflung und endet damit, in der Erfüllung seiner weltlichen Pflichten und in geistigen Genüssen Trost zu suchen. Wenn die Weisheit dieser Welt der Verachtung wert ist, warum lässt du uns in Schulden erziehen, in denen man Prügel bekommt, um die grossen Gelehrten verehren, die Heroen der Literatur, Künste, Wissenschaft lobpreisen zu lernen? Nein, dem Ewigen nachzueifern ist gottlos, und wehe dem, der sich die Fähigkeit zutraut. Da ist es bescheidener Mensch zu bleiben und sich nach den Besten unter den sündigen Sterblichen zu formen suchen, als davon zu träumen, den Göttern gleich zu werden. In diesem Fall sündigt man wenigstens nicht durch Hochmut, der die Todsünde ist. Jesu Christi Nachfolge macht mich zu einem Heuchler. Indem ich meinen Hass gegen die Bösen unterdrücke, lerne ich Nachsicht gegen die Bosheit und damit gegen mich selbst, während ich in der Tiefe meines Herzens meinen gerechten Unwillen bewahre. Böses mit Gutem vergelten, heisst das Laster, den Hochmut ermuntern; und die Apostel haben mich gelehrt, dass man gegenseitig die Fehler berichtigen soll, und ich versichere, dass meine Mitmenschen mich nie geschont haben.

Genau genommen, habe ich dadurch, dass ich den Königsweg des Kreuzes wählte, mich in die Dornenhecken der Theologie verstrickt, so dass Zweifel, schrecklicher als je, sich meines Geistes bemächtigt und geradezu in mein Ohr geflüstert haben, dass alles Unglück, alle Ungerechtigkeit, das ganze Erlösungswerk nur eine ungeheure Prüfung sei, der man tapfer standhalten müsse. In manchen Augenblicken glaube ich, dass Swedenborg mit seinen grauenhaften Höllen nichts anders ist als eine Feuer-und Wasserprobe, die man durchmachen muss; und obgleich ich in einer Dankbarkeitsschuld, die nie bezahlt werden kann, zu diesem Propheten stehe, der mich vom Wahnsinn gerettet hat, fühle ich in meinem Herzen immer wieder ein brennendes Verlangen, ihn zu verwerfen, ihm zu trotzen, als dem Geist einer Bosheit, der darauf erpicht ist, meine Seele zu verschlingen, um mich zu seinem Sklaven zu machen, nachdem er mich zu Verzweiflung und Selbstmord getrieben hat. Ja, er hat sich zwischen mich und meinen Gott geschlichen, dessen Platz er hat einnehmen wollen. Er ist es, der mich durch die Schrecken der Nacht bezwingt, und mir mit Wahnsinn droht. Mag sein, dass er sein Amt vollbracht hat, mich zum Herrn zurückzuführen, auf dass ich mich vor dem Ewigen beuge! Mag sein, dass seine Höllen nur eine Vogelscheuche sind, ich nehme sie hin als solche, aber ich glaube nicht mehr an sie, und ich habe kein Recht, an sie zu glauben, ohne den guten Gott zu verunglimpfen, der fordert, dass wir vergeben sollen, weil er selbst vergeben kann. Wenn Unglück und Trübsale, die mich treffen, nicht Strafen sind, so sind sie Aufnahmeprüfungen. Ich bin geneigt sie auf diese Weise auszulegen, und Christus mag das Muster sein, da er viel gelitten hat, obwohl ich nicht begreife, wozu so viel Leiden dient, wenn es nicht einen Vordergrund bilden soll, um die Wirkung der zukünftigen Seeligkeit zu erhöhen. Ich habe gesprochen! Gib mir jetzt Antwort!

Aber der Unbekannte, der mit bewundernswerter Geduld zugehört hatte, antwortete nur mit einer Miene milden Spottes und verschwand, mich in einer Atmosphäre zurücklassend, die nach Phenol stank.

Hinaus auf die Strasse versetzt, werde ich nach meiner Gewohnheit wütend, dass ich meine besten Argumente vergessen habe, die immer auftauchen, wenn es zu spät ist; und nun rollt sich eine ganze lange Rede auf, während mir das Herz schwillt und der Mut sich aufs neue hebt. Der furchtbare und teilnehmende Unbekannte hatte mir ja auf jeden Fall zugehört, ohne mich zu zermalmen. Er hat also geruht, auf Gründe zu hören, und er wird jetzt die Ungerechtigkeit erwägen, deren Opfer ich gewesen bin. Vielleicht ist es mir geradezu gelungen, ihn zu überzeugen, da er ja stehen blieb und keine Antwort gab.

Und die alte Einbildung, dass ich Hiob sei, schleicht sich in mein Gemüt. Ich habe ja wirklich mein Eigentum verloren, man hat meine bewegliche Habe, Bücher, Existenzmittel, Frau und Kinder genommen; gejagt von einem Lande zum andern, bin ich zu einsamen Leben in der Wüste verurteilt worden. Habe ich diese Klagelieder geschrieben oder ist es Hiob? "Meine Nächsten haben mich verlassen, und meine Freunde haben mich vergessen. Mein Weib stellt sich fremde meinem Geist, und meine Bitten erreichen nicht die Söhne meiner Mutter. Verachten mich auch die kleinen Kinder. Er hat mich zum Sprichwort gemacht unter den Leuten, und ich bin ein Saitenspiel für sie geworden. Ich treffe nur Verleumder, und mein Auge steht wach die ganze Nacht, während sie meine Seele stechen. _Meine Haut bricht_ und löst sich auf. Wenn ich sage: Das Bett soll mir Trost geben und fortnehmen etwas von er Plage, so erschreckst du mich _mit Träumen_ und _beunruhigst mich mit Gesichten._"

Das trifft entschieden bei mir zu: die Risse in der Haut, die Träume und die Visionen, alles stimmt. Aber dazu kommt ein Überschuss auf meine Rechnung: ich habe die äussersten Qualen ertragen, als zwingende Umstände, die von den Mächten gelenkt wurden, mich nötigten, die einfachsten Pflichten eines Mannes unerfüllt zu lassen: seine Kinder zu unterhalten. Hiob zog sich aus dem Spiele mit rein erhaltener Ehre, für mich ging alles verloren, sogar die Ehre, und doch überwand ich die Versuchung, mich selbst zu töten: ich besass den Mut, entehrt zu leben.

Alles in allem, ich bin jedoch nicht so verwerflich, und wenn ich der Gnade nicht würdig bin, kann ich Gutes von der Barmherzigkeit geniessen. Fünfundzwanzig Jahre lang habe ich Dienst getan als Henker und mich schliesslich als ein tüchtiger erwiesen, indem ich mich selbst hinrichtete, öffentlich vor den Menschen, die diesen meinen Akt von Selbsterkenntnis mit einstimmigen Beifall begrüsst haben.

Wenn ich in den Missgeschicken und Schiffbrüchen, die mich wahllos getroffen haben, nicht Güte habe finden können, sondern Übelwollen, bin ich schlechter als der untadelige Diener des Ewigen? Die Liebe, die Güte zeigt sich bei uns Sterblichen durch ergebene herzenswarme Handlungen und Worte, und ein guter Vater erzieht seine Kinder mit Zärtlichkeit und nicht mit den raffiniertesten Grausamkeiten!

Wie unbeholfen ich war, dass ich vergass, das alles dem Unbekannten zu sagen. Aber das nächste Mal werde ich den Schaden wieder gut machen.