Part 20
Napoleon war im Sarge in seine grüne Uniform gekleidet. (Zauberer kennzeichnen sich durch ihre grüngefärbten Kleider.)
Chateaubriand schreibt: Napoleons Kapitänsvollmacht ist unterzeichnet von Ludwig XVI. am 30. August 1792, und der König entsagte der Krone am 10. August.
"Erkläre das wer kann. Welcher Beschützer förderte die Unternehmungen dieses Korsikaners? Dieser Beschützer war der Herr der Ewigkeit."
18. April. Ostertag.
Auf einem Feuerbrand im Kachelofen sah ich die Buchstaben J. N. R. J. (Jesus Nazarenus Rex Judaeorum.)
2. Mai.
Ich sah den Neumond und wurde froh davon.
3. Mai.
Mithin fange ich an "Inferno" zu schreiben.
Man erzählt mir, dass eine sehr bekannter Zeitungsmann plötzlich attackiert worden ist durch nächtliche Anfälle des jetzt üblichen Schlages. Und die Okkultisten setzen das in Zusammenhang mit einem rücksichtslosen Nachruf über einen verdienten Mann, der neulich verstorben ist.
Als ich Wagners "Rheingold" lese, entdecke ich einen grossen Dichter und begreife nun, warum ich das Grosse an diesem Musiker nicht verstanden habe: dessen Musik ist allein Begleitung zu seinen Textworten. Übrigens ist "Rheingold" für meine Rechnung geschrieben:
Wellgunde. Weisst du denn nicht, Wem nur allein Das Gold zu schmieden vergönnt?
Woglinde. Nur wer der Minne Macht versagt. Nur wer der Liebe Lust verjagt, Nur der erzielt sich den Zauber Zum Reif zu zwingen das Gold.
Wellgunde. Wohl sicher sind wir Und sorgenfrei: Denn was nur lebt will lieben, Meiden will keiner die Minne.
Woglinde. Am wenigsten er, Der lüsterne Alp:
* * * * *
Alberich.
(Die Hand nach dem Golde ausstreckend.)
Das Gold entreiss' ich dem Riff, Schmiede den rächenden Ring: Denn hör' es die Flut--So verfluch' ich die Liebe!
12. Mai.
Mit dumpfer Resignation habe ich fünf Monate lang Cichorienkaffee getrunken, ohne mich zu beklagen. Ich wollte sehen, ob es eine Grenze gebe für die Kühnheit einer unehrlichen Frau (die meinem Morgenkaffee kocht). Ganze fünf Monate habe ich gelitten, jetzt will ich mich des Göttertrankes mit dem berauschenden Duft erfreuen. Zu diesem Zweck kaufe ich ein Pfund der teuersten Kaffeesorte. Das war zur Mittagszeit.
Am Abend lese ich in Peladan, L'Androgyne, Seite 107: "Er erinnert sich folgender Anekdote eins alten Missionars. Am Ende seiner Missionsreise, während einer Anfangspredigt von grosser Wichtigkeit wurde ich von Unfähigkeit getroffen, sobald ich das Wort "meine Brüder" ausgesprochen hatte; kein Gedanke in meinem Gehirn, nicht ein Wort, auf meinen Lippen. Heilige Jungfrau--bat ich in mir--ich habe nur eine Schwäche beibehalten, meine Tasse Kaffee, ich opfere sie dir; und sofort kam die Spannkraft meiner Seele wieder, ich übertraf mich selbst und tat manchen Seelen viel Gutes."
Welche Rolle als Hausfriedensstörer hat nicht der Kaffe in meiner Familie gespielt! Ich schäme mich daran zu denken, umsomehr da ein glückliches Resultat nicht vom guten Willen und Geschicklichkeit abhängt, sondern von unberechenbaren Umständen.
Morgen also der grösste Genuss oder der grösste Schmerz!
13. Mai.
Die Aufwärterin hat den elendesten Kaffee gekocht, den man sich denken kann.
Ich bringe ihn als Opfer den Mächten dar, und von diesem Tage an trinke ich Schokolade, ohne zu murren!
26. Mai.
Ausflug nach Buchenwald. Einige hundert Leute haben sich dort versammelt. Die singen Lieder aus der Zeit, da ich jung war, vor dreissig Jahren; sie spielen Spiele meiner Jugend und tanzen deren Tänze.
Die Traurigkeit bekommt Macht über mich, und mit einem Schlag rollt sich mein vergangenes Leben vor den Augen der Seele auf, ich kann die durchlaufende Bahn messen und werde wie erblindet. Ja, es ist bald zu Ende; ich bin alt, und der Weg geht abwärts, dem Grabe zu. Ich kann meine Tränen nicht zurückhalten--ich bin alt.
1. Juni.
Ein junger Arzt von weicher Natur und so empfindlicher Seelenanlage, dass er schon dadurch zu leiden scheint, dass er existiert, leistet mir abends Gesellschaft. Auch er ist bedrängt von Gewissensskrupeln; er bereut die Vergangenheit, die sich nicht bessern lässt, wenn sie auch nicht schlimmer ist als die aller anderen. Er legt mir das Mysterium von Christus aus.
--Man kann nicht ändern, was man einmal getan hat; man kann keine einzige schlechte Tat streichen: daher unsere Verzweiflung. Dann offenbart sich Christus. Er allein vermag die Schuld, die nicht bezahlt werden kann zu tilgen, das Wunder zustande zu bringen und die Last des Gewissens und der Selbstvorwürfe abzunehmen. Credo quia absurdum, und ich bin gerettet.
--Aber das kann ich nicht; und ich ziehe vor, meine Schulden selbst durch Leiden zu bezahlen. Es gibt Augenblicke, da ich mich nach einem grausamen Tod sehne, auf dem Scheiterhaufen lebendig verbrannt werden möchte, um die Schadenfreude zu empfinden, meinem eigenen Körper, diesem Gefängnis der Seele, die zu den Höhen strebt, wehe zu tun. Und das Himmelreich ist für mich, von materiellen Bedürfnissen befreit zu werden; Feinde wiederzusehen, um ihnen zu verzeihen und ihre Hände zu drücken. Keine Feinde mehr! Kein Groll! Das ist mein Himmelreich!--Weist du, was das Leben erträglich für mich macht? Dass ich mir zuweilen einbilde, es sei nur eine Halbwirklichkeit, ein böser Traum, der uns als Strafe auferlegt ist; und dass man im Augenblick des Todes zu der wirklichen Wirklichkeit aufwacht, indem man zum Bewusstsein kommt, das es bloss ein Traum war; alles Böse, das man getan hat, nur ein Traum. So werden die Gewissensbisse ausgetilgt in und mit der Handlung, die nicht begangen worden ist! Das ist Erlösung, Errettung!
25. Juni.
"Inferno" ist jetzt fertig geschrieben. Ein Marienkäfer hat sich auf meine Hand gesetzt. Ich warte ein Wahrzeichen ab für die Reise, die ich vorbereite. Der Marienkäfer fliegt auf und nimmt den Kurs nach Süden! Südwärts also.
Von diesem Augenblick setzte ich meine Abreise nach Paris fest. Aber es scheint mir zweifelhaft, ob die Mächte mir ihre Zustimmung geben. Ein Raub innerer Kämpfe lasse ich den Juli verfliessen, und mit dem Eintritt des August erwarte ich ein Zeichen, um mich zu bestimmen. Zuweilen fällt mir ein, dass die Lenker meines Schicksals nicht unter sich einig sind, und dass ich der Gegenstand einer längeren Erörterung bin. Einer treibt mich an, und ein anderer hält mich zurück.
Schliesslich am Morgen des 24. August steige ich aus dem Bett, ziehe die Fenstergardine auf und erblicke eine Krähe, die auf dem Schornstein eines sehr hohen Hauses sitzt. Sie nimmt sich ganz so aus wie der Hahn auf dem Turm der Kirche Notre-Dame-des-Champs (siehe "Inferno"), stellt sich, als fliege sie ihres Weges, mit den Flügeln schlagend und nach Süden gewandt.
Ich öffne das Fenster. Da erhebt sich der Vogel, laviert, fliegt gerade auf mich zu und verschwindet.
Ich nehme das Wahrzeichen an und packe meine Sachen.
12.
In Paris.
Noch ein Mal--ob es das letzte ist?--steige ich auf dem Nordbahnhof aus. Ich frage jetzt nicht: was habe ich hier zu tun, da ich mich zu Hause fühle in der Hauptstadt Europas. In mir ist allmählich der Entschluss gereift, nicht ganz klar, das gestehe ich ein, im Benediktinerkloster zu Solesmes eine Zuflucht zu suchen.
Aber erst gehe ich und besuche die alten Stellen mit ihren schmerzlichen und doch so lieben Erinnerungen. So sehe ich wieder den Luxemburg-Garten, Hotel Orfila, den Kirchhof von Montparnasse, den Jardin des Plantes. In der Rue Censier bleibe ich einen Augenblick stehen, um einen verstohlenen Blick in das Gärtchen meines Hotels an der Rue de la Clef zu werfen. Gross ist meine Gemütsbewegung, als ich den Pavillon mit meinem Zimmer sehe, wo ich dem Tode entging in jener schrecklichen Nacht, als ich mit dem Unsichtbaren rang, ohne es zu wissen. Man kann sich meine Gefühle denken, als ich meine Schritte nach dem Jardin des Plantes lenke und die Spuren der Wasserhose sehe, die gerade meine Allee verheert hat, die vor den Bären und Bisonochsen.
Auf dem Rückweg die Strasse Saint-Jacques hinuntergehend, entdeckte ich die Buchhandlung der Spiritisten und kaufe das "Buch der Geister" von Allan Kardec, das mir bisher unbekannt war.
Ich nehme und lese. Das ist ja Swedenborg und vor allem die Blavatzky, und als ich überall meinen eigenen "Casus" wiederfinde, kann ich mir nicht verhehlen, dass ich Spiritist bin. Ich Spiritist! Hätte ich gewusst, dass ich als Spiritist enden würde, als ich mich über meinen früheren Chef an der Königl. Bibliothek in Stockholm lustig machte, weil er Anhänger des Spiritismus war! Man weiss nie, in welchen Hafen man schliesslich einläuft!
Während ich meine Studien in Allan Kardec fortsetze, bemerke ich ein stufenweise geschehendes Wiederauftreten der beunruhigenden Symptome von früher. Das Gepolter über meinem Kopfe beginnt, ich werde von Beklemmung angefochten, eine Furcht vor allem zeigt sich. Aber ich lasse mir nicht beikommen und fahre fort, die spiritistischen Zeitschriften zu lesen, während ich genau meine Gedanken und Handlungen überwache.
Da werde ich nach ganz unzweideutigen Warnungen eines Nachts genau um zwei Uhr von einer Herzaffektion geweckt.
Ich habe den Wink verstanden: Es ist verboten, in den Geheimnissen der Mächte zu forschen. Ich schleudere die unerlaubten Bücher weg, und sogleich kommt der Friede zurück; ein hinreichender Beweis für mich, das der höhere Wille befolgt worden ist.
Am folgenden Sonntag gehe ich in Notre-Dame und wohne der Vesper bei. Von der Ceremonie ergriffen, obwohl ich kein Wort davon verstehe, zerfliesse ich in Tränen und gehe mit der Überzeugung fort, dass sich hier in der Mutterkirche der erlösende Hafen befindet.
Doch nein, es war nicht so! Denn am Tage danach lese ich in La Presse, dass der Abt des Solesmes-Klosters soeben wegen Sittlichkeitsvergehens abgesetzt ist.
Bin ich denn immer ein Spielball, ein Gelächter für die Unsichtbaren! rief ich aus, von einem so gut gerichteten Stoss getroffen. Danach schweige ich und unterdrücke die ungebührliche Kritik, fest entschlossen, abzuwarten!
Das nächste Buch, das mir zufällig in die Hand fällt, lässt mich die Absichten meines Lenkers hervorschimmern sehen. Es ist die "Versuchung des heiligen Antonius" von Flaubert. "Alle diejenigen, die von Sehnsucht nach Gott gemartert werden, habe ich verschlungen", sagt die Sphinx.
Dieses Buch macht mich krank, und ich werde bange, wenn ich darin die Gedanken erkenne, die ich in meinem Mysterienspiel ausgedrückt habe: das Einsetzen des bösen in die Rechte des guten Gottes. Und ich werfe es nach dem Durchlesen von mir als eine Versuchung des Teufels, der es verfasst hat. "Antonius macht das Zeichen des Kreuzes und versinkt wieder in Gebet." So schliesst der Verfasser sein Buch, und ich folge seinem Beispiel.
Danach und zu rechter Stunde bekomme ich "En Route" von Huysmans. Warum ist dieses Bekenntnis eines Okkultisten mir nicht früher in die Hände gefallen? Weil es notwendig war, dass zwei analoge Geschicke sich parallel entwickelten, damit das eine mittelst des andern gestärkt werden könnte.
Ein Neugieriger, der die Sphinx herausfordert und von dieser verschlungen wird, damit seine Seele am Fusse des Kreuzes erlöst werde.
So, nun mag meinetwegen ein Katholik zu den Trappisten gehen und vor dem Priester beichten, für mein Teil aber dürfte es genügen, dass ich mea culpa schriftlich coram populo bekannt habe. Übrigens können die acht Wochen, die ich in Paris zugebracht habe, während ich dieses Buch schrieb, gegen den Eintritt in das Kloster und mehr noch aufgehen, weil ich vollständig wie ein Eremit gelebt habe.
Eine kleine Kammer, nicht grösser als eine Klosterzelle, mit Gitterfenstern oben unter der Decke, hat mir zu Wohnung gedient. Durch das Gitter in der Fensteröffnung, die nach einem tiefen Hof zu geht, kann ich ein Stück vom Himmel sehen und eine graue Wand mit Efeu, der hinaufklettert dem Lichte zu.
Die Einsamkeit, die an und für sich schrecklich ist, wird noch düsterer im Restaurant unter einer lärmenden Schar Leute, zwei Male am Tage. Dazu die Kälte, ein beständiger Zug quer durchs Zimmer, von dem ich eine fressende Neuralgie bekommen habe; Sorgen, binnen kurzem ohne Hilfsmittel dazustehen, die Rechnung, die beständig wächst. Möchte glauben, dass das verschlägt!
Und dann die Gewissensbisse! Früher, als ich mich selbst für verantwortlich ansah, war es nur die Erinnerung an begangene Dummheiten, die mich peinigte. Jetzt ist es das Böse selbst, meine schlechten Handlungen, die meine Geissel ausmachen. Und zum Überfluss erscheint mir mein vergangenes Leben als ein einziges Gewebe von Verbrechen, wie ein Gewirr von Gottlosigkeiten, Bosheiten, Missgriffen, Grobheiten in Wort und Handlung. Ganze Szenen aus meiner Vergangenheit rollen sich vor meiner Anschauung auf. Ich sehe mich in der einen und der andern Situation, und immer ist es eine abgeschmackte. Ich wundere mich, dass jemand mich hat lieben können. Ich klage mich alles Möglichen an; keine Niedrigkeit, keine widrige Handlung, die nicht mit schwarzer Kreide auf dem weissen Schleier steht. Ich werde von Entsetzen vor mir selbst erfüllt und möchte sterben.
Es gibt Augenblicke, da die Schamröte das Blut in meine Wangen jagt, bis in meine Ohrläppchen. Selbstsucht, Undankbarkeit, Groll, Neid, Hochmut, all die Todsünden führen ihren Gespenstertanz vor meinem erwachten Gewissen aus.
Und während mein Gemüt sich martert, verschlechtert sich mein Gesundheitszustand, vermindern sich die Kräfte, und mit dem Hinschwinden des Körpers beginnt die Seele ein Vorgefühl von ihrer Befreiung aus dem Schmutz zu bekommen.
Ich lese gegenwärtig Töpffers "Presbytere" und Dickens' Weihnachtserzählungen, und die schenken mir eine unsägliche innere Ruhe und Freude. Ich kehre zu den Idealen meiner besten Jugendzeit zurück und nehme von neuem die Kapitale, die ich im Spiel des Lebens verloren habe, in Besitz. Der Glaube kommt zurück, das Vertrauen zu der natürlichen Güte der Menschen, der Glaube an die Unschuld, die Uneigennützigkeit, die Tugend!
Die Tugend! dieses Wort ist verschwunden aus den modernen Sprachen, es ist verworfen worden als durch und durch lügenhaft!
(In diesem Augenblick ersehe ich aus den Zeitungen, dass mein Schauspiel "Frau Margit" in Kopenhagen aufgeführt worden ist. In diesem Stück siegen Liebe und Tugend, ganz wie im "Geheimnis der Gilde". Das Schauspiel hat nicht gefallen, ebenso wenig jetzt wie bei der ersten Aufführung im Jahre 1882. Warum nicht? Weil man findet, es sei veraltetes Geschwätz, diese Geschichte von der Tugend!)
Ich habe soeben wieder Maupassants "Horla" gelesen. Das ist ja das Finale aus dem "Don Juan", nicht wahr? Jemand kommt, unsichtbar, mitten in der Nacht ins Schlafzimmer hinein. Er trinkt Wasser und Milch und schliesst damit, Blut aus dem armen Don Juan zu saugen, der, zu Tode gejagt, gezwungen wird, Hand an sich selbst zu legen.
Dies ist etwas wirklich Erlebtes: ich kenne mich darin wieder, und ich leugne nicht, dass eine Geistesstörung vorhanden ist, aber ich sehe jemand dahinter.
Meine Gesundheit verschlechtert sich immer mehr, da Risse in den Wänden sind, so dass Rauch und Kohlendunst in mein Zimmer eindringen. Als ich heute auf der Strasse ging, bewegte sich das Pflaster unter den Füssen gleich einem Schiffsdeck in langen Schwankungen. Nur mit merkbarer Schwierigkeit kann ich die Höhe zum Luxemburggarten hinaufgehen. Der Appetit wird immer geringer, und ich esse nur, um die Schmerzen im Magen zu stillen.
Eine Erscheinung, die sich oft wiederholt nach meiner Ankunft in Paris, hat mir verschiedenes zu denken gegeben. Im Innern meines Rockes, auf der linken Seite, gerade da wo das Herz sitzt, hört man nämlich ein regelmässiges Klopfen; es erinnert an den Tick-tack-Laut, der in Wänden von dem Käfer hervorgebracht wird, der in Schweden "Zimmermann" genannt wird, aber auch "Totenuhr"; es soll jemandes Tod ankündigen. Ich glaube erst, es sei meine Taschenuhr, aber das hielt nicht Stich, da das Klopfen fortfuhr, nachdem ich die Uhr weggelegt hatte. Es sind auch nicht die Federn meiner Tragbänder oder das Futter der Weste. Ich nehme die Deutung der Totenuhr an, weil die mir am meisten behagt.
Vor einigen Nächten hatte ich einen Traum, der aufs neue meine Sehnsucht weckte, sterben zu dürfen, indem er mir die Hoffnung auf ein besseres Dasein wiedergab, wo man keine Gefahr läuft, einen Rückfall in die Qual des Lebens zu tun.
Als ich auf einem Vorsprung, der von einer jähen in Dunkel gehüllten Tiefe begrenzt wurde, zu weit vorgetreten war, fiel ich mit dem Kopf voran in einen Abgrund. Aber ich fiel eigentümlicher Weise hinauf statt hinunter. Und unmittelbar umgeben wurde ich von einem blendendweissen Lichtschimmer, und ich sah----
Was ich sah, flösste mir zwei gleichzeitige Vorstellungen ein: ich bin tot, und ich bin erlöst! Und ein Gefühl der höchsten Seeligkeit umhüllte mich bei dem Bewusstsein, dass das andere nun zu Ende sei. Licht, Reinheit, Freiheit erfüllten mein Gemüt, und indem ich ausrief: Gott!, empfand ich die Gewissheit, dass ich Vergebung bekommen habe, dass die Hölle hinter mir liege, dass sich der Himmel öffne.
Seit dieser Nacht fühle ich mich noch heimatloser als vorher hier in der Welt, und gleich einem müden, schläfrigen Kinde verlange ich, "heim gehen" zu dürfen, den schweren Kopf an einen mütterlichen Busen zu legen, im Schoss einer Mutter zu schlafen, der keuschen Gattin eines unermesslich grossen Gottes, der sich mein Vater nennt und dem ich nicht zu nahen wage.
Aber dieser Wunsch verbindet sich mit einem andern: nämlich die Alpen zu schauen und genauer bestimmt die Dent du Midi im Kanton Wallis. Ich liebe diesen Berg mehr als die andern Alpen, ohne erklären zu können weshalb. Vielleicht dass es die Erinnerung an meinen Aufenthalt am Genfersee ist, wo ich die "Utopien in der Wirklichkeit" (Schweizer Novellen) schrieb, und an die Landschaft dort, die mich an den Himmel "erinnerte".
Dort habe ich die schönsten Stunden meines Lebens gelebt, dort habe ich geliebt! Geliebt Frau, Kinder, die Menschheit, das Weltall, Gott!
"Ich hebe meine Hände auf zu Gottes Berg und Haus!"
Paris, Oktober 1897.
Zweiter Teil
Jakob ringt
(Ein Fragment)
Als ich Ende August 1897 nach Paris zurückkehrte, fand ich mich plötzlich isoliert. Mein Freund der Philosoph, dessen tägliche Gesellschaft für mich eine moralische Stütze geworden war, und der versprochen hatte, mir nach Paris zu folgen, um dort den Winter zuzubringen, hat sich in Berlin verzögert. Er ist nicht imstande, zu erklären, was ihn in Berlin zurückhält, da Paris das Ziel seiner Reise ist und er vor Verlangen brennt, die Lichtstadt zu schauen.
Ich habe nun drei Monate auf ihn gewartet und bekomme den Eindruck, dass die Vorsehung unter vier Augen mit mir hat sein wollen, um mich von der Welt los zu machen, mich in die Wüste zu treiben, auf dass die Zuchtgeister dort meine Seele recht schütteln und sieben könnten. Und darin hat die Vorsehung recht getan, denn die Einsamkeit hat mich erzogen, indem sie mich zwang, auf die mässig zugenommenen Freuden des Verkehrs zu verzichten, und mich jeder Stütze eines Freundes beraubte. Ich habe mich gewöhnt, zum Herrn zu sprechen, mich nur ihm anzuvertrauen, und habe so gut wie aufgehört, Bedürfnis nach Menschen zu empfinden; was mir stets vorgeschwebt hat als das Ideal von Unabhängigkeit und Freiheit.
Selbst dem Kloster, in dem ich den Schutz der Religion und der Geselligkeit für mich erwartete, muss ich entsagen. Das Leben des Eremiten war mir auferlegt, und ich habe es hingenommen als eine Strafe und eine Erziehung, trotzdem es einem hart ankommt, im Alter von achtundvierzig Jahren seine eingewurzelten Gewohnheiten gegen neue vertauschen zu müssen.
Ich wohne in einer kleinen Kamme, eng wie eine Klosterzelle, mit einem vergitterten Fensterloch oben unter der Decke, das auf einen Hof und eine Steinwand mit ungeheurem Efeu geht.
Dort sitze ich nach meinem Morgenspaziergang, bis halb sieben Uhr abends; das Frühstück lasse ich auf einem Tablett herauftragen.
Abends gehe ich aus, um zu Mittag zu speisen, und gehe direkt, ohne mir erst einen Appetit-Likör zu verschaffen, der mir jetzt zuwider ist. Warum ich das kleine Restaurant am Boulevard St. Germain ausgewählt habe, würde mir schwer fallen zu erklären. Vielleicht ist es eine Erinnerung an die beiden schrecklichen Abende, die ich im vorigen Jahre mit meinem okkulten Freund, dem Deutsch-Amerikaner, dort verbrachte, die mich dort fest hext, bis zu dem Grad, dass jeder Versuch, nach einem andern Ort zu gehen, mit einem Unbehagen schliesst, das ich tendenziös nennen möchte und das mich zurück nach dieser Kneipe treibt, die ich verabscheue. Und die Gründe dafür: mein früherer Freund hat hier Schulden hinterlassen, und man hat mich als seinen Begleiter erkannt. Aus dieser Ursache und weil man uns hat deutsch sprechen hören, werde ich als Preusse behandelt, das heisst, sehr schlecht bedient. Es hilft nicht, dass ich stille Proteste einlege, indem ich meine Visitenkarte zurücklasse oder mit Absicht Briefumschläge, die in Schweden abgestempelt sind, vergesse. Ich sehe mich genötigt, für den Schuldigen zu leiden und zu bezahlen. Kein anderer als ich sieht die Logik in diesem Sachverhalt ein, dass es eine Sühne ist für ein Vergehen.... Es ist ganz einfach eine Rechtsübung in untadeliger Form, und zwei Monate lang kaue ich das entsetzlich schlechte Essen, das nach der Anatomie riecht.
Die Wirtin, die bleich wie eine Leiche an der Kasse thront, grüsst mich mit einer triumphierenden Miene, und ich übe mich in mir zu sagen:
Arme Alte, sie hat wohl 1871 während der Belagerung von Paris Ratten essen müssen!
Aber es scheint, als ob sie Mitleid mit mir empfinde, als sie meine dumpfe Ergebenheit und meine Ausdauer wahrnimmt. Es gibt Augenblicke, da sie mir noch bleicher zu werden scheint, wenn sie mich so allein kommen sieht, immer allein, und immer magerer. Es ist nur die nackte Wahrheit: als ich mir nach zwei auf diese Weise verlaufenen Monaten neue Halskragen anschaffte, musste ich an Stelle der Kragen von 47 Zentimeter solche von 43 kaufen, was 4 Zentimeter Unterschied macht. Die Wangen sind hohl geworden und die Kleider hängen in Falten.
Da zeigt man sich auf einmal bemüht, mir besseres Essen vorzusetzen, und die Wirtin lächelt mich an. Im selben Augenblick hörte die Verhexung auf, und ich ging meiner Wege, ohne Groll und wie von einer Last befreit, mit der Gewissheit, dass die Sündenbusse für meinen Teil erfüllt sei und vielleicht auch für den meines abwesenden Freundes. Falls es eine Einbildung von mir war, dass ich schlecht behandelt worden sei, und falls die Wirtin ohne Schuld daran war, bitte ich sie um Verzeihung; dann war ich es, der sich selbst gestraft hat, indem er sich eine wohlverdiente Züchtigung gab.
"Die Zuchtgeister nehmen die Einbildungskraft des Strafwürdigen in Besitz und wirken durch dieses Mittel zu seiner Besserung von der Schlechtigkeit, indem sie ihn alles in entstellter Form wahrnehmen lassen." (Swedenborg.)
Wie oft ist es mir nicht passiert, wenn ich mir eine wirklich feine Mahlzeit hatte leisten wollen, dass alle Gerichte mir Ekel einflössten, als ob sie faul wären, während meine Tischkameraden sich einstimmig in Lobreden über das gute Essen ergossen!
Der "beständig Unzufriedene" ist ein Unglücklicher unter der Geissel der Unsichtbaren, und mit allem Grund weicht man ihm aus, denn er ist dazu verurteilt, ein Freudenstörer zu sein, der, zur Einsamkeit und deren leiden verurteilt, verborgene Versehen sühnt.
So bleibe ich denn mit mir allein, und als ich, nachdem ich ganze Wochen lang nicht Gelegenheit gehabt habe, meine eigene Stimme zu hören, jemand aufsuche, überhäufe ich diesen Unglücklichen so mit meinem Redefluss, dass er sich ermüdet aus dem Spiele zieht und, ohne es zu wollen, zu verstehen gibt, dass er das Zusammensein nicht zu erneuern wünscht.