Inferno; Legenden

Part 2

Chapter 23,613 wordsPublic domain

"Das uns zur Untersuchung übergebene Pulver zeigt diese Eigenschaften. Farbe: grauschwarz; hinterlässt Spuren auf Papier. Dichtigkeit: sehr gross, grösser als die mittlere Dichtigkeit des Graphit; es scheint ein harter Graphit zu sein. Chemische Untersuchung: dieses Pulver brennt leicht und entwickelt dabei Kohlenoxyd und Kohlensäure; es enthält also Kohle."

Reiner Schwefel enthält Kohle!

Ich bin gerettet. Ich kann in Zukunft meinen Freunden und Verwandten beweisen, dass ich kein Tor bin. Bestätigt sind die Lehren, die ich in meiner Arbeit "Antibarbarus" aussprach. Als ich die vor einem Jahr veröffentlichte, behandelte die Presse sie wie das Werk eines Charlatans oder Toren, und meine Familie jagte mich davon als Taugenichts, als ein Cagliostro.

Jetzt, meine Gegner, seid ihr zu Boden geschlagen! Mein Ich schwillt von gerechtem Stolz, ich will das Krankenhaus verlassen, auf den Strassen schreien, vor dem Institut brüllen, die Universität niederreissen ... aber meine Hände sind mir gebunden, und als ich auf den Hof hinauskomme, rät mir die hohe Einfriedung: Geduld.

Als ich dem Apotheker das Ergebnis der Analyse mitteile, schlägt er mir vor, eine Kommission zusammenzubringen, vor der ich meine Behauptung durch versuche beweise.

Da ich aber nicht warten will und meine Scheu vor öffentlichen Auftritten kenne, schreibe ich einen Aufsatz über den Gegenstand und schicke den an die Temps.

Nach zwei Tagen erscheint der Artikel.

Die Losung ist gegeben. Man antwortet mir von verschiedenen Seiten, ohne die Tatsache zu leugnen. Ich habe Anhänger gefunden, ich bin Mitarbeiter einer chemischen Zeitschrift geworden, beginne einen Briefwechsel, der meine weiteren Untersuchungen fördert.

An einem Sonntag, dem letzten, den ich im Fegefeuer des heiligen Ludwig verbringe, sitze ich am Fenster und beobachte, was auf dem Hof vorgeht. Die beiden Diebe gehen mit ihren Frauen und ihren Kindern spazieren, küssen sie von Zeit zu Zeit und sehen glücklich aus, wie sie sich an der Liebe wärmen, die das Unglück schürt.

Meine Einsamkeit bedrückt mich, und ich verwünsche mein Schicksal, das ich ungerecht finde, indem ich vergesse, dass mein Verbrechen ihre an Nichtswürdigkeit übertrifft.

Der Briefträger bringt einen Brief von meiner Frau. Der Brief ist von eisiger Kälte. Mein Erfolg hat sie verletzt, und sie gibt vor, ihr Zweifel stütze sich auf die Ansicht eines Chemikers von Fach. Dann fügt sie hinzu, Illusionen seien gefährlich und könnten zu Gehirnkrisen führen. Übrigens, was erreichte ich mit all dem? Könnte ich mit der Chemie eine Familie ernähren?...

Noch einmal die Alternative: Liebe oder Wissenschaft! Ohne zu zögern, schlage ich sie mit einem letzten Abschiedsbrief zu Boden, mit mir zufrieden, wie ein Mörder, der seinen Anschlag ausgeführt hat.

Am Abend gehe ich in dem düsteren Viertel spazieren. Ich überschreite den St. Martins-Kanal, der schwarz wie ein Grab ist und eigens dazu gemacht zu sein scheint, damit man sich darin ertränkt. Ich bleibe an der Ecke der Rue Alibert stehen. Warum Alibert? Wer ist das? Hiess nicht der Graphit, den der Chemiker in meinem Schwefel fand, Alibert-Graphit? Was folgt daraus? Es ist eine Grille, aber der Eindruck von etwas unerklärlichem bleibt mir. Dann Rue Dieu. Warum Gott, wenn er von der Republik abgeschafft ist? Hat sie doch das Pantheon seiner ursprünglichen Bestimmung entzogen!--Rue Beaurepaire. Ein "schöner Aufenthalt" für Missetäter ... Rue de Bondy. Führt mich der Dämon? ... Ich lese die Strassennamen nicht mehr, gehe irre, kehre um auf meinen Spuren, ohne jedoch den Weg wiederzufinden. Ich fahre vor einem ungeheuren Schuppen zurück, der nach rohem Fleisch und verfaultem Gemüse, besonders nach Sauerkraut, stinkt.... Verdächtige Gestalten streifen an mir vorbei und lassen grobe Worte fallen.... Ich habe Furcht vor dem Unbekannten; wende mich rechts, dann links und gerate in eine schmutzige Sackgasse, wo Unrat, Laster und Verbrechen zu hausen scheinen. Dirnen versperren mir den Weg, Strassenjungen lachen mich aus.... Die Szene der Weihnacht wiederholt sich: Vae soli!

Wer legt mir diesen Hinterhalt, sobald ich mich von der Welt und Menschen trenne? Irgendjemand hat mich in diese Falle gehen lassen! Wo ist er? Dass ich mit ihm kämpfe!...

Ein mit schmutzigem Schnee gemischter Regen fällt, gerade wie ich zu laufen anfange.... Im Hintergrund einer kleinen Strasse zeichnet sich vom Himmelsgewölbe in Russschwarz ein ungeheures Tor ab, ein Werk von Cyklopen, ein Tor ohne Palast dahinter, das sich auf ein Meer von Licht öffnet....

Ich frage einen Polizisten, wo ich bin.

--Am St. Martins-Tor, mein Herr.

Zwei Schritte führen mich auf die grossen Boulevards, die ich hinuntergehe. Die Uhr des Theaters zeigt sechs ein Viertel. Es ist gerade die Absinthstunde, und meine Freunde erwarten mich aus Gewohnheit im Café Napolitain. Ich gehe eilig weiter und vergesse Krankenhaus, Kummer und Armut. Als ich aber am Café du Cardinal vorbeikomme stosse ich an einen Tisch, hinter dem ein Herr sitzt. Ich kenne ihn nur dem Namen nach, aber er kennt mich, und in einer Sekunde sagen mir seine Augen:

--Sie hier? Sie sind also nicht im Krankenhaus? Schwindel das Liebeswerk!

Ich fühle, dass dieser Mann einer meiner unbekannten Wohltäter ist, dass er mir Almosen gegeben hat, dass ich für ihn ein Bettler bin, der nicht das Recht hat, ins Café zu gehen.

Bettler! Das ist das rechte Wort, das mir in den Ohren klingt und mir die brennende Röte der Scham, der Demütigung, der Wut in die Wangen treibt.

Vor sechs Wochen sass ich hier; mein Theaterdirektor liess sich von mir einladen und nannte mich "lieber Meister", die Journalisten baten mich um Interviews; der Photograph bat mich um die Ehre, meine Bilder verkaufen zu dürfen.... Und jetzt: Bettler, gebrandmarkt, aus der Gesellschaft verbannt!

Gestäupt, gehetzt, zum äussersten getrieben, streife ich den Boulevard hinunter wie ein Nachtschwärmer und ziehe mich zurück in meinen Zufluchtsort bei den Pestkranken. Dort, im meinem Zimmer eingeschlossen, bin ich zu Hause.

Wenn ich über mein Schicksal nachdenke, erkenne ich wieder die unsichtbare Hand, die mich straft und mich auf ein Ziel hintreibt, das ich noch nicht ahne. Sie gibt mir den Ruhm, während sie mir zugleich die Ehren der Welt verweigert; sie demütigt mich, indem sie mich erhöht; sie erniedrigt mich, um mich zu erheben.

Wieder kommt mir der Gedanke, die Vorsehung habe mich zu einer Mission bestimmt, und dies sei der Anfang meiner Erziehung.

Im Februar verlasse ich das Krankenhaus, nicht geheilt, aber genesen von den Versuchungen dieser Welt. Als ich ging, habe ich die Hand der guten Mutter, die mir, ohne zu predigen, den Weg des Kreuzes gezeigt hat, küssen wollen, aber ein Gefühl der Ehrfurcht, wie vor etwas Heiligem hat mich zurückgehalten.

Möge sie nun im Geist diese Danksagung eines verirrten Fremdlings empfangen, der sich jetzt in einem fernen Lande verborgen hat.

2.

Der heilige Ludwig führt mich bei dem seligen Herrn Orfila ein.

In einem bescheidenen möblierten Zimmer, das ich mir gemietet habe, setze ich den ganzen Winter hindurch meine chemischen Arbeiten fort. Bis gegen Abend bleibe ich zu Hause, dann gehe ich aus, um in einer Cremerie, wo Künstler aus verschiedenen Länder einen Kreis gebildet haben, zu Mittag zu essen. Nach dem Essen besuche ich die Familie, die ich in einem Augenblick der Sittenstrenge verlassen hatte. Die ganze Gesellschaft von anarchistischen Künstlern ist dort, und ich bin zu ertragen verurteilt, was ich hatte vermeiden wollen: leichte Sitten, lockere Moral, absichtliche Gottlosigkeit. Aber sie haben viel Talent und sehr viel Geist; ein einziger hat Genie, ein wildes Genie, das sich einen Namen gemacht hat.

Jedenfalls ist es eine Familie, in der man mich liebt, und ich bin ihnen Dank schuldig; daher mache ich mich blind und taub gegen alles, was zu ihren kleinen Angelegenheiten gehört und mich nichts angeht.

Wenn ich diese Leute aus einem nicht gerechtfertigten Stolz geflohen hätte, so wäre die Strafe logisch gewesen; da aber der Grund meiner Flucht die Sehnsucht war, meine Persönlichkeit zu läutern und meine Seele zu bebauen, indem ich mich in der Einsamkeit sammelte, begreife ich in diesem Fall die Methode der Vorsehung nicht; ich bin nämlich von so weichem Charakter, dass ich mich aus reiner Umgänglichkeit und aus Furcht, undankbar zu sein, der Umgebung anpasse.

Durch meine klägliche und anstössige Armut aus der Gesellschaft verbannt, war ich glücklich, für die langen Winterabende eine Zuflucht zu finden, wenn ich auch unter der schlüpfrigen Unterhaltung sehr litt.

Nachdem ich entdeckt habe, dass die unsichtbare Hand meine Schritte auf dem holperigen Wege lenkt, fühle ich mich nicht mehr einsam, und ich beobachte mich streng in Handlungen und Worten, wenn es mir auch nicht immer gelingt. Sobald ich aber gesündigt habe, ertappt mich jemand auf frischer Tat, und die Strafe stellt sich mit einer Pünktlichkeit und einer Spitzfindigkeit ein, die keine Zweifel lassen, dass hier eine Macht eingreift, die verbessern will. Der Unbekannte ist mir eine persönliche Bekanntschaft geworden: ich spreche zu ihm, ich danke ihm, ich frage ihn um Rat. Manchmal stelle ich mir ihn als meinen Diener vor, dem Daimon des Sokrates ähnlich, und das Bewusstsein, durch den Unbekannten unterstützt zu werden, gibt mir eine Energie und eine Sicherheit, dass ich eine Kraft zeige, die ich mir nie zugetraut hätte.

Mit den Menschen zerfallen, werde ich in einer anderen Welt wiedergeboren, in die mir niemand folgen kann. Nichtssagende Geschehnisse ziehen meine Aufmerksamkeit auf sich; die Träume der Nacht kleiden sich in die Form von Vorahnungen; ich denke, ich bin gestorben und mein Leben verläuft in einer anderen Sphäre.

Nachdem ich nachgewiesen habe, dass Schwefel Kohlenstoff enthält, habe ich noch Wasserstoff und Sauerstoff zu entdecken, auf die aus Analogie geschlossen werden kann.

Zwei Monate vergehen unter Berechnungen und Grübeleien, aber ich habe nicht die nötigen Werkzeuge, um Versuche zu machen. Ein Freund rät mir, in das Laboratorium der Sorbonne zu gehen, das auch Fremden offen steht. Da ich scheu bin und die Menge fürchte, wage ich nicht, mich dazu zu entschliessen. So stehen meine Arbeiten still, und ein Augenblick der Abspannung tritt ein.

An einem schönen Frühlingsmorgen erhebe ich mich bei guter Laune, gehe die Rue de la Grande Chaumière hinunter und komme in die Rue de Fleurus, die sich auf den Luxemburg-Garten öffnet. Die hübsche kleine Strasse ist ruhig, die grosse Kastanienallee ist grün, leuchtend, breit und gerade wie eine Rennbahn, und ganz im Hintergrund erhebt sich wie ein Grenzstein die David-Säule, und in der Ferne, über allem, die Kuppel des Pantheon, dessen goldenes Kreuz sich fast in den Wolken verliert.

Über das symbolische Schauspiel entzückt, bleibe ich stehen. Als ich aber die Augen abwende, bemerke ich zu meiner Rechten in der Fleurusstrasse das Schild eines Färbers. Ah! eine Vision von unleugbarer Wirklichkeit. Auf das Schaufenster des Ladens sind die Anfangsbuchstaben meines Namens gemalt: A. S. Sie schweben auf einer silberweissen Wolke, und über ihnen wölbt sich ein Regenbogen.

Ich nehme das Omen an, indem ich mich an die Genesis erinnere: "Meinen Bogen habe ich in die Wolke gesetzt, und er soll das Zeichen sein des Bundes zwischen mir und er Erde."

Ich berühre den Boden nicht mehr, mit beflügeltem Schritt trete ich in den Garen ein, in dem sich niemand aufhält. Zu dieser frühen Stunde gehört der Park mir, gehört mir der Rosengarten, und ich besuche alle meine Blumen auf den langen, schmalen Beeten, die Chrysanthemen, die Verbenen, die Begonien.

Ich komme über die Rennbahn, erreiche den Grenzstein, gehe durch das Gittertor der Rue Soufflot und wende mich nach dem Boulevard Saint-Michel. Vor der Auslage der Buchhandlung von Blanchard bleibe ich stehen, nehme, ohne erst zu überlegen, einen alten Band der Chemie von Orfila in die Hand, öffne ihn auf gut Glück und lese: "Den Schwefel hat man unter die einfachen Körper eingereiht. Die scharfsinnigen Untersuchungen von H. Davy und dem jüngeren Berthollet gehen jedoch darauf aus zu beweisen, dass er Wasserstoff, Sauerstoff und eine besondere Base enthält, deren Ausscheidung bisher nicht möglich gewesen ist."

Man wird sich meine, ich möchte sagen religiöse, Ekstase vorstellen, als mir diese an ein Wunder grenzende Offenbarung wird. Davy und Berthollet hatten Wasserstoff und Sauerstoff nachgewiesen, ich Kohlenstoff. Mir kommt es also zu, die Formel des Schwefels aufzustellen.

Zwei Tage später liess ich mich in die naturwissenschaftliche Fakultät der Sorbonne (des heiligen Ludwig!) einschreiben, mit dem Recht, im Laboratorium Untersuchungen anzustellen.

Der Morgen, an dem ich mich nach der Sorbonne begab, war für mich ein feierliches Fest. Wenn ich mir auch keine Illusion machte, die Professoren, die mich mit der kalten Höflichkeit, die man dem Fremden, dem Eindringling zeigt, empfangen hatten, überzeugen zu können, so gab mir doch eine milde und ruhige Freude den Mut des Märtyrers, der eine Schar von Feinden angreift. Denn für mich ist bei meinem Alter die Jugend der natürliche Feind.

Als ich auf den Platz komme, wo die kleine Kirche der Sorbonne liegt, finde ich die Tür offen und trete ein, ohne eigentlich zu wissen, warum. Die jungfräuliche Mutter und das Kind grüssen mich mit einem milden Lächeln; der Gekreuzigte lässt mich kalt, erscheint mir wie immer unbegreiflich. Der heilige Ludwig, meine neue Bekanntschaft, der Freund der Elenden und Aussätzigen, lässt sich junge Theologen vorstellen. Ist der heilige Ludwig mein Schutzheiliger, mein guter Engel, der mich ins Krankenhaus getrieben, damit ich das Feuer der höchsten Not durchmache, bevor ich den Ruhm wiedererlange, der zu Unehre und Verachtung führt? Hat er mich nach der Buchhandlung von Blanchard geschickt? Hat er mich hierher gezogen?

Vom Atheismus bin ich in den vollständigen Aberglauben gefallen.

Als ich die Votivbilder betrachte, die vom glücklichen Ausgang der Prüfungen Zeugnis ablegen, tue ich das Gelübde, niemals die weltlichen Zeichen des Verdienstes anzunehmen, falls ich Erfolg habe.

Die Stunde hat geschlagen. Ich laufe Spiessruten durch die unbarmherzige Jugend; sie weiss, welche chimärische Aufgabe ich mir gestellt habe, und verhöhnt mich.

Als zwei Wochen vergangen sind, habe ich unbestreitbare Beweise erhalten, dass der Schwefel eine dreistoffige Verbindung von Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff ist.

Ich danke dem Leiter des Laboratorium, der sich stellt, als interessiere er sich nicht für meine Angelegenheiten, und verlasse dieses neue Fegefeuer mit einer unsagbaren inneren Freude.

Ich gehe morgens auf dem Friedhof Montparnasse spazieren, wenn ich nicht den Luxemburggarten besuche. Einige Tage nach meinem Auszug aus der Sorbonne entdecke ich bei dem Stern des Friedhofs eine Grabdenkmal von klassischer Schönheit. Ein Medaillon aus weissem Marmor zeigt die edlen Züge eines alten Weisen, den die Inschrift des Sockels mir als den Chemiker und Toxikologen Orfila verstellt. Es ist mein Freund und Beschützer, der mich später so manchesmal durch das Labyrinth chemischer Versuche geführt hat.

Eine Woche später, als ich die Rue d'Assas hinuntergehe, mache ich vor einem Haus von klösterlichem Aussehen Halt. Ein grosses Schild klärt mich über die Bestimmung des Gebäudes auf: Hotel Orfila.

Immer Orfila!

In den folgenden Kapiteln werde ich alles erzählen, was sich in diesem alten Haus zugetragen hat; in das mich die unsichtbare Hand getrieben, damit ich dort gezüchtigt, belehrt und, warum nicht, erleuchtet werde!

3.

Die Versuchungen des Teufels.

Der Scheidungsprozess wickelt sich sehr langsam ab, wurde von Zeit zu Zeit durch einen Liebesbrief, einen Aufschrei der Sehnsucht, Versprechungen der Versöhnung unterbrochen. Und schliesslich ein schroffes Lebewohl auf immer.

Ich liebe sie, sie liebt mich, und wir hassen einander mit dem wilden Hass der Liebe, die sich durch die Trennung steigert.

Um das unglückliche Band zu zerreissen, suche ich nach einer Gelegenheit, diese Leidenschaft durch eine andere zu ersetzen, und bald werden meine unredlichen Wünsche erhört.

Beim Mittagessen der Cremerie erscheint eine englische Dame, die sich der Bildhauerkunst widmet. Sie redet mich zuerst and und gefällt mir auf der Stelle. Sie ist schön, reizend, vornehm, gut gekleidet, und verführt durch eine künstlerische Ungezwungenheit. Mit einem Wort, eine Luxusausgabe meiner Frau, deren Bild sie verfeinert und vergrössert wiedergibt.

Um sich mir angenehm zu machen, ladet der angesehene Künstler, der Doyen der Cremerie, diese Dame zu den Donnerstagabenden ein, die er auf seinem Atelier gibt. Ich gehe hin, halte mich aber abseits, weil ich nur widerwillig einem Publikum, das sich über einen lustig macht, meine Gefühle zeige.

Gegen elf Uhr erhebt sich die Dame und gibt mir ein Zeichen geheimen Einverständnisses. Ziemlich linkisch stehe ich auf, verabschiede mich, biete dem jungen Weibe meine Begleitung an und führe sie hinaus, während die schamlosen jungen Leute lachen.

Vor einander lächerlich gemacht, gehen wir davon, ohne ein Wort sagen zu können; wir verachten uns, als hätten wir uns vor der spottenden Menge nackt ausgezogen.

Nun müssen wir auch noch durch die Rue de la Gaieté, wo Zuhälter und Dirnen uns mit ihren gemeinen Schimpfworten ohrfeigen, als seien wir Eindringlinge in ihr Gewerbe.

Man ist nicht liebeswürdig, wenn man ingrimmig am Pranger steht; und unter Geisselschlägen gebeugt, kann ich mich nicht wieder aufrichten. Als wir den Boulevard de Raspail erreichen, werden wir von einem feinem Regen überfallen, der uns wie mit Ruten peitscht. Da wir keinen Schirm haben, ist es das Verständigste, in einem warmen und erleuchteten Café Schutz zu suchen; mir der Gebärde eines Grandseigneurs zeige ich auf das reichste Restaurant von allen. Leichten Fusses überschreiten wir den Boulevard ... pardauz, pardauz! Der Gedanke, dass ich keinen Sou bei mir habe, trifft mich wie ein Hammerschlag vor den Schädel.

Ich habe vergessen, wie ich mich aus der Verlegenheit gezogen, aber ich werde niemals die Empfindungen vergessen, die mich diese Nacht überfielen, als ich die Dame an ihrer Haustür verliess.

Diese Strafe, obwohl streng und unmittelbar, und erteilt von einer geschickten Hand, die ich nicht verkennen konnte, genügte mir noch nicht. Ein Bettler, der die Verpflichtungen gegen seine Familie nicht erfüllt, hatte eine Verbindung knüpfen wollen, die ein anständiges Mädchen blossstellen musste. Das war ganz einfach ein Verbrechen, und ich legte mir die regelrechte Busse auf. Ich verzichte auf die Gesellschaft der Cremerie, ich faste, ich vermeide alles, was die verhängnisvolle Leidenschaft hervorrufen kann.

Aber der Versucher wacht. An einem Atelierabend finde ich die Schöne wieder, und zwar in einer morgenländischen Tracht, die ihre Schönheit so hebt, dass sie mich betört. Ihr gegenüber aber weiss ich nichts zu sagen, benehme mich linkisch; obwohl ich entdecke, dass dieses Weib nur eine ehrliche und aufrichtige Erklärung verdient: "ich begehre Sie," gehe ich meiner Wege, bis auf die Knochen von einer unreinen Flamme verzehrt.

Am nächsten Tage komme ich wieder in die Cremerie. Sie sitzt da, ist reizend, liebkost mich mit ihrer einschmeichelnden Stimme, kitzelt mich mit ihren Katzenaugen. Das Gespräch kommt in Gang, alles geht aufs beste, als im kritischen Augenblick die junge Minna lärmend eintritt. Das war ein Künstlerkind, halb Modell, halb Geliebte, das sich für die Literatur interessierte, eine gutes Wesen hatte und überall willkommen war. Ich kannte sie auch, und eines Abends waren wir gute Freunde geworden, jedoch ohne die Grenzen des Erlaubten zu überschreiten. Genug, sie tritt ein, wirft sich mir in die Arme, denn sie war etwas berauscht, küsst mich auf die Wangen, duzt mich.

Die englische Dame erhebt sich, bezahlt und geht.

Damit ist es aus. Sie ist nicht wiedergekommen! Dank sei Minna, die mich übrigens vor dieser Dame gewarnt hatte, aus Gründen, die ich auf sich beruhen lasse.

Keine Liebe mehr! das ist die Losung, welche die Mächte mir gegeben haben, und ich bescheide mich, in der Gewissheit, dass ein höherer Zweck sich auch dahinter verbirgt.

Durch den Erfolg, den ich mit Schwefel gehabt habe, ermutigt, mache ich die Fortsetzung mit Jod. Nachdem ich im Temps einen Aufsatz über eine der Synthesen des Jod habe erscheinen lassen, sucht mich ein unbekannter Herr im Hotel auf. Er stellt sich als Vertreter aller europäischen Jodfabriken vor und sagt mir, er habe soeben meinen Artikel gelesen; in dem Augenblick, in dem die Sache sich bestätige, könnten wir einen Börsenkrach herbeiführen, der uns Millionen einbringen würde, falls wir nur ein Patent in Händen hätten.

Ich antworte ihm, ich hätte keine industrielle Erfindung gemacht, sondern eine wissenschaftliche Entdeckung, die noch nicht einmal reif sei; und die geschäftliche Seite interessiere mich nicht genug, um sie weiter zu verfolgen.

Er ging. Die Wirtin des Hotels, die einmal mit dem unbekannten Herrn in Verbindung gestanden hatte, erfuhr von ihm die grosse Neuigkeit, und zwei Tage lang wurde ich für einen zukünftigen Millionär gehalten.

Der Kaufmann kam wieder, diese Mal noch mehr begeistert. Er hatte Erkundigungen eingezogen und, überzeugt, dass mit der Entdeckung etwas zu verdienen sei, lud er mich ein, unverzüglich mit ihm nach Berlin zu fahren, um die nötigen Schritte zu tun.

Ich dankte ihm und riet ihm, erst die notwendigen Analysen vornehmen zu lassen, ehe er sich weiter engagiere.

Er bot mir hunderttausend Francs, vor Abend zahlbar, wenn ich ihm folgen wolle....

Ich hiess ihn gehen, da ich irgendeinen Schwindler witterte.

Bei der Wirtin unten nannte er mich einen Toren.

Die nächsten Tage waren ruhig, und ich hatte Zeit, um nachzudenken. Drohende Not, unbezahlte Schulden, eine unsichere Zukunft auf der einen Seite; auf der andern Unabhängigkeit, Freiheit, meine Studien fortzusetzen, ein sorgenfreies Leben. Und ausserdem, eine gute Idee ist ihren Preis wert.

Reue ergriff mich, aber ich hatte nicht den Mut, die Verbindung wieder anzuknüpfen. Da teilte mir eine Depesche des Kaufmanns mit, das ein Chemiker, Assistent an der Ecole de médicine, und ein Abgeordneter, der damals schon bekannt war und jetzt nur zu bekannt ist, sich für das Jodproblem interessierten.

Ich beginne also eine Reihe regelmässiger Versuche, die alle dasselbe Ergebnis haben: zu beweisen, dass Jod von Benzin abgeleitet werden kann.

Mittlerweile habe ich eine Unterredung mit dem Chemiker, und ein Tag wird bestimmt für eine Zusammenkunft, bei der die entscheidenden Versuche gemacht werden sollen.

An dem Morgen, der diese Sache entscheiden soll, nehme ich einen Wagen und bringe meine Retorten und Reagentien zu dem Kaufmann, der im Quartier du Marais wohnt. Der gute Mann war da; aber der Chemiker, der entdeckt hatte, dass es ein Feiertag war, hatte sich entschuldigt und die Sitzung auf den folgenden Tag verschoben.

Es war Pfingsten, was ich nicht gewusst hatte. Das schmutzige Kontor, das auf die finstere und unsaubere Strasse sah, bedrückte mir das Herz. Erinnerungen an die Kindheit erwachten: Pfingsten, das selige Fest, an dem die kleine Kirche mit grünen Zweigen, mit Tulpen, Lilien und Maiblumen geschmückt, sich für die Abendmahlskinder auftat; die jungen Mädchen weissgekleidet wie die Engel ... die Orgel ... die Glocken....