Inferno; Legenden

Part 19

Chapter 193,660 wordsPublic domain

"Ich habe mich mit mehreren von denen unterhalten, die, ehe sie starben, der Welt entsagt und sich in die Einsamkeit zurückgezogen hatten, um dort ein Leben zu leben, das der Betrachtung der himmlischen Dinge gewidmet war, und so sich einen sicheren Weg zum Himmel zu bahnen; beinahe alle hatten ein düsteres und schwermütiges Aussehen, schienen verdriesslich darüber zu sein, dass die anderen ihnen nicht glichen und dass sie selbst nicht mit grösserer Ehre und einem glücklicheren Los belohnt worden waren; sie wohnen an verborgenen Orten und leben dort als Einsiedler beinahe auf gleiche Weise, wie sie in unserer Welt gelebt hatten. Der Mensch ist geschaffen, in Geselligkeit zu leben; in der Gemeinschaft und nicht in der Einsamkeit findet er zahlreiche Gelegenheiten, Christenmilde gegen den Nächsten zu üben...."

"Im einsamen Leben sieht man nur sich selbst, man vergisst alle anderen; daher kommt es, dass man bloss an sich selbst denkt, an die Welt nur, um sie zu fliehen oder sie zu vermissen, was das Gegenteil von christlicher Liebe ist."

Was die sogenannten ewigen Strafen betrifft, so tritt der Seher im letzten Augenblick als Erlöser auf, indem er uns einen Strahl von Hoffnung aufschimmern lässt.

"Die unter ihnen, für die man auf Erlösung hoffen kann, werden an verwüsteten Stellen ausgesetzt, die nur ein Bild von Trostlosigkeit bieten; und man lässt sie dort zurückbleiben, bis ihre Trauer darüber, sich dort zu befinden, sie auf die Höhe der Verzweiflung gebracht hat, weil das die einzige Art ein dürfte, das Böse und Falsche, das sie beherrscht, zu meistern. So weit gelangt, schreien sie, dass sie nicht besser sind als Tiere, dass sie voll sind von Hass und allerhand Greuel und dass sie Verdammte sind; man verzeiht ihnen das als Schreie der Verzweiflung, und Gott mildert ihren Sinn, damit sie sich nicht in Vorwürfen und Schmähungen ergiessen über die Grenzen hinaus, die festgestellt sind. Wenn sie alles gelitten haben, was gelitten werden kann, so dass ihr Körper gleichsam tot ist, bekümmern sie sich nicht darum, und man bereitet sie zur Erlösung. Ich habe einige von ihnen zum Himmel fortführen sehen, nachdem sie mit all den Leiden, von denen ich gesprochen habe, geprüft worden waren. Als sie dort eingelassen wurden, legten sie eine grosse Freude an den Tag, dass ich davon bis zu Tränen gerührt wurde."

Was die Katholiken conscientia scrupulosa, Gewissenszartheit, nennen, leitet seine Herkunft von böswilligen Geistern her, welche die Gewissensqual um nichts und wieder nichts erwecken. Es macht ihnen Freude, so eine Last auf das Gewissen zu legen, und dieses Verhalten hat nichts mit der Besserung des Sünders zu tun.

Ebenso gibt es ungesunde Versuchungen. Böswillige Geister rufen in der Tiefe der Seele all das Böse hervor, das sie seit der Kindheit begangen hat, und zwar so, dass es nach der schlimmen Seite verdreht wird. Aber die Engel entschleiern, was sich von Gutem und Wahrem bei dem Gemarterten findet. Das ist der Streit, der sich unter dem Namen Gewissensqual offenbart.

Ich bleibe hier stehen, weil ich meinem Meister unrecht tun würde, wenn ich das zerrisse, was er so gut zusammengewebt hat, und die Fetzen als Probestücke vorzeigte.

Swedenborgs Werk ist unermesslich umfassend, und er hat mir auf alle meine Fragen geantwortet, wie pochend sie auch gewesen sein mögen.

Unruherfüllte Seele, leidendes Herz, nimm und lies!

9.

Canossa.

Von den geheimnisvollen Verfolgungen ermattet, habe ich schon längst eine sorgfältige Prüfung meines Gewissens vorgenommen; getreu meinem neuen Programm, mir selbst dem Nächsten gegenüber unrecht zu geben, finde ich mein verflossenes Leben abscheulich, und Ekel erfasst mich vor meiner eigenen Persönlichkeit. "Es ist Wahrheit, dass ich die Jugend in Harnisch gebracht habe gegen das Bestehende, gegen Religion, Gesetze, Obrigkeit, Sittlichkeit. Es ist meine Gottlosigkeit, die jetzt bestraft worden ist, und ich nehme zurück."

Nach einer Pause im Gedankengang kehre ich dann die Frage um, indem ich das Gegenteil aufstelle, und ich frage: "Und die anderen, die Gegner meiner umstürzenden Ansichten, die frommen Verteidiger der Sittlichkeit, des Staates, der Religion, können die denn nachts schlafen, haben die Mächte denn ihnen Erfolg in ihren weltlichen Angelegenheiten geschenkt?"

Wenn ich einer Musterung der Stützen der Gesellschaft und ihrer Geschicke anstelle, bin ich genötigt zu antworten: nein!

Der tapfere Vorkämpfer für das Ideale in Poesie und Leben, ein Dichter für die zuverlässigen und guten Mitbürger, er kann des Nachts nicht schlafen, weil er von der grossen Hysterie betroffen ist; die weckt ihn mit Anfällen, die man Clownssprung und Schwibbogen nennt und in der Salpétrière bekannt sind. Auch liess ihn sein Schutzgeist im Stich, und der Dichter geriet in Schwierigkeiten, als er sich vor einigen Jahren auf geschäftliche Spekulationen einliess; die hätten ihn beinahe in eine entblösste Lage gebracht. Es ist mir keine Freude, daran zu erinnern, denn es vergrössert nur meinen Kummer, wenn ich sehe, wie die erhabenen Bestrebungen nur um Zusammenbruch führen.

Und meine Gegner in der Religion? Der mich einmal ins Gefängnis bringen wollte für Lästerungen, ist selbst in Haft genommen wegen betrügerischen Bankerotts. Glaube nun nicht, mein Leser, dass ich meine Lästerungen mit seinem Verbrechen entschuldige! Ich bin betrübt, nicht mehr an die reinigende Aufgabe des Christentums glauben zu können, angesichts eines so niederschlagenden Beispiels.

Und dann diese Frau, welche die Sittlichkeit unter den Schatten ihrer Flügel nahm, die Freundin der unterdrückten Frauen, die Prophetin, die in feurigen und aufrichtigen Vorträgen den jungen Männern das Cölibat predigte?

Wo ist sie geblieben? Niemand weiss es, aber auf ihrem Haupte lastet eine Anklage, die auf schauderhafte Dinge hinausläuft. Erbaulich, nicht wahr?

Was die anderen Stützen der moralischen und religiösen Ordnung betrifft, so übergehe ich sie, sei es, dass sie sich eine Kugel vor die Stirn geschossen oder aus Furcht vor unglücksbringendem Verhör das Feld geräumt haben.

Kurz, das Gericht scheint die Gerechten wie die Ungerechten zu treffen, ohne Unterschied, und der eine mag ebenso gut sein wie der andere!

Was ist es denn, was sich heute in der Welt zuträgt?

Ist es das Gericht, das unerbittlich über Sodom ausgesprochen wurde?

Müssen alle vergehen: gibt es keinen Gerechten? Nicht einen!

Mögen wir dann Freunde sein und gemeinsam leiden, als Mitschuldige und ohne uns über einander zu erheben.

Ich habe Abbitte getan für meine tadelnswerten Handlungen, und ich verleugne meine Vergangenheit. Lasst mich nun ein Wort zur Selbstverteidigung sagen.

Die Jugend ist zu jeder Zeit aufrührerisch, leichtfertig, ausschweifend gewesen; bin ich es da, der die Empörung, das Laster erfunden hat? Vorher war ich der Junge, der Verführte, das Kind meiner Zeit, der Schüler meiner Lehrmeister, das Opfer der Verführungen. Wer hat die Schuld, und warum hat man mich zum Sündenbock gemacht? Angenommen, es war eine Lüge, und ich bin nicht der, für den die Menschen mich halten.

Da legt die schwarze Magie sich in die Wagschale!

Aber es geschah aus Unwissenheit, dass ich sie versuchte.

Dann aber die Erhebung gegen die Unsichtbaren?

Jawohl, die Erhebung! Doch die andern, die ihr Leben auf den Knien zubrachten, unter Anbetung und Selbstverleugnung, und die alle desavouiert worden sind!

Geben wir zu, dass die Lage verzweifelt ist! Und dass wir alle dem Weltfürsten überliefert sind, um in den Staub gebeugt und erniedrigt zu werden, auf dass wir uns vor uns selber ekeln, auf dass wir Heimweh nach dem Himmel empfinden! Selbstverachtung, Entsetzen vor der eigenen Persönlichkeit, gewonnen durch die vergeblichen Anstrengungen, sich zu bessern: das ist der Weg zu einem höheren Dasein.

Und behalte noch eine Sache im Gedächtnis: der Weg nach Rom, der Kaiserweg, führte durch Canossa!

10.

Der Geist des Widerspruchs.

Trotz aller Marter, die ich ausgestanden habe, hält sich der Geist des Aufruhrs aufrecht und redet mir Zweifel ein, ob die Absichten meines unsichtbaren Wegführers wohlwollend sind.

Ein Zufall (?) hat mir die "Zauberflöte", Schikaneders Operntext, in die Hand gegeben. Die Prüfungen und Versuchungen des jungen Paares flössen mir den Gedanken ein, dass ich mich von den verleitenden Stimmen habe täuschen lassen; da ich die Mühen und Leiden nicht habe aushalten können, habe ich mich gekrümmt und sei unterlegen.

Sogleich erinnere ich mich an Prometheus, der immer die Götter anspeit, während der Geier seine Leber zerfleischt. Und zuletzt wird der Aufrührer, ohne öffentliche Abbitte zu leisten, in den Kreis der Olympischen aufgenommen.

Das Feuer ist jetzt angezündet, und sogleich tragen die bösen Geister Nahrung herbei.

Eine okkultistische Zeitschrift, die mit der Post gekommen ist, muntert meinen kleinmütigen Sinn auf, indem sie mir nur Umsturz-Lehren wie diese vorlegt.

"Wie man weiss, wird in den alten Vedabüchern die Schöpfung als eine einzige grosse Opferhandlung betrachtet, wo Gott, Priester und Opfer, sich selbst opfert, indem er sich teilt."

(Da haben wir ja meine Idee, die ich in dem Mysterium ausgedrückt habe, das ich "Inferno" voranstellte.)

"Alle Elemente, die zusammen das Weltall bilden, sind nichts anders als gefallene Gottheitspersonen, die durch das Stein-, Pflanzen-, Tier-, Menschen- und Engelreich wieder zu den Himmeln aufsteigen, um aufs neue herabzufallen."

Diese Idee, welche der berühmte Alexander von Humboldt wie der Historiker Cantü als erhaben bezeichneten....

(Ja, sie ist erhaben!)

"Wie man weiss, waren die Götter von Griechenland und Rom Menschen gewesen. Jupiter selbst, der grösste von allen, war auf Kreta geboren, wo er von der Ziege Amalthea gesäugt wurde. Er stiess seinen Vater vom Thron und traf alle Vorsichtsmassregeln, um nicht selbst entthront zu werden. Beim Angriff der Giganten, als die meisten der Götter ihn feige im Stich liessen und sich in Ägypten verbargen, indem sie Pflanzengestalten annahmen, hatte er das Glück, mit Hilfe der Tapfersten Sieger zu bleiben. Aber es war auch mit genauer Not."

"Bei Homer kämpfen die Götter gegen die Menschen und werden bisweilen verwundet. Unsere gallischen Vorväter stritten auch gegen den Himmel und schossen Pfeile gegen ihn ab, wenn sie sich von dort bedroht glaubten."

"Die Juden wurden von denselben Gefühlen belebt wie die Heiden. Wie sie ihren Jehova (Gott) hatten, so hatten sie auch Elohim (die Götter). Die Bibel beginnt also:

"Und er der ist, der war und der sein wird Die Götter Die Einheit in der Mehrzahl."

"Als Adam diese ewig gesegnete Sünde begangen hatte, die, weit entfernt ein Fall zu sein, ein erhabener Schritt nach der Höhe war, wie die Schlange vorausgesagt hatte, sagte Gott: "Siehe Adam ist geworden wie _einer von uns_ und weiss, was gut und böse ist." Und er fügte sogleich hinzu: "Nun aber, auf dass er nicht seine Hand ausstrecke und nehme desgleichen vom Baum des Lebens, und esse, und lebe ewiglich...."

"Die Alten sahen also in den Göttern Menschen, die sich zu höchsten Machthabern aufgeschwungen hatten und durch einen Staatsstreich den Besitz der Macht zu behalten suchten, indem sie andere hinderten, sich ihrerseits aufzuschwingen. Daher kam der Streit von seiten der Menschen, um die Usurpatoren fortzujagen, und deren Widerstand, um sich die unrechtmässig angeeignete Macht zu bewahren."

Und da haben wir die Schleuse geöffnet.

--Denkt, wir sind Götter!

"Und die Söhne der Götter stiegen zur Erde nieder und ehelichten die Töchter der Sterblichen, und die gebaren Kinder. Und aus dieser Mischung stammten die Riesen her und alle berühmten Männer, Krieger, Staatsmänner, Schriftsteller, Künstler."

Das war eine gute Aussaat in ein aufsässiges Gemüt, und das Ich bläst sich von neuem auf: denkt, wir sind Götter.

Am selben Abend, als die Stimmung im Wirtshaus hoch ging, bildet man einen Kreis um einen Doktor der Musik.

Mein Freund, der Philosoph, dem ich die Entdeckung unserer Verwandtschaft mit den Göttern mitgeteilt habe, bittet Mozarts "Don Juan" hören zu dürfen, vor allem das Finale des letzten Aktes.

--Wovon handelt das? fragt einer, der nicht im klassischen Repertoire zu Hause ist.

--Der Teufel kommt und holt den Wüstling!

Und die höllischen Qualen, die Mozart so gut schildert, da er Gewissensbisse dieser Art gekannt haben dürfte, denn der Mann einer Frau, die er verführt hatte, beging seinetwegen Selbstmord,--die höllischen Qualen werden aufgerollt in jammererfüllten Tonfolgen wie eine schneidende Neuralgie. Das Lachen verstummt, die Spötteleien hören auf, und als das Stück zu Ende ist, herrscht ein ängstliches Schweigen.

--Nein, Prosit!

Man stösst an! Aber die Munterkeit ist fort, die olympische Stimmung ist erloschen, denn die Nacht ist im Anzuge, und die grauenhaften chromatischen Tonfolgen hallen wider gleich unermesslichen Wogen, die steigen und fallen

la--la--la--la--la--la--la--la la--la--la--la--la--la--la--la--la--la -la--la--la--la-

und das Menschenwrack hinauf in die Luft schleudern, um es im nächsten Augenblick zu ertränken.

Während die Abkömmlinge der Götter vergebliche Anstrengungen machen, eine ihrer hohen Geburt entsprechende Art anzunehmen, ist die Nacht hereingebrochen und das Restaurant wird geschlossen. Man muss aufbrechen und gehen ein jeder nach seinem einsamen Bett. Als man an der Domkirche vorbeiging, die in die Schatten der Nacht eingehüllt war, brach ein Blitz hervor und warf einen weissen Schein au die Fassade, wo Heilige und Verdammte vor dem Throne des Lammes knien.

--Was war das?

Denn es war kein Gewitter!

Man schauerte zusammen und blieb stehen.

Es war der Momentphotograph, der in seinem Laden bei Magnesiumblitzen arbeitete.

Man wird ärgerlich über seine Furchtsamkeit, und ich für meinen Teil kann eine Erinnerung an die Theaterblitze bei der Fortführung Don Juans nicht unterdrücken.

Als ich in mein Zimmer trat, bekam eine zugleich eisige und erhitzende Angst Macht über mich. Und als ich den Überrock ausgezogen habe, höre ich, wie sich die Garderobentür von selbst öffnet.

--Ist jemand da?

Keine Antwort! Der Mut sinkt mir, und einen Augenblick fühle ich Lust, wieder hinaus zu gehen und die Nacht auf den schmutzigen dunklen Strassen zuzubringen. Aber Müdigkeit und Verzweiflung drücken mich nieder, und ich ziehe vor, in einem schönen Bett zu sterben.

Während des Auskleidens sehe ich einer schweren Nacht entgegen, und glücklich im Bett, nehme ich ein Buch, um mich zu zerstreuen.

Da fällt meine Zahnbürste vom Waschtisch auf den Boden herab! Ohne sichtbare Ursache. Weiter und unmittelbar danach hebt sich der Deckel von meinem Eimer und fällt mit einem Knall wieder zu. Und zwar vor meinen Augen, ohne dass eine Erschütterung stattgefunden haben könnte, so vollkommen still war die Nacht.

Das Weltall hat keine Geheimnisse mehr für Riesen und Genies, und doch kommt die Vernunft zu kurz vor einem Deckel, der den Gesetzen der Schwerkraft trotzt.

Und die Furcht vor dem Unbekannten lässt einen Mann zittern, der das Rätsel der Sphinx gelöst zu haben glaubte!

Ich war bange, schrecklich bange, aber ich wollte den Walplatz nicht verlassen, sondern fuhr fort zu lesen. Da fällt ein Funke oder ein kleines Irrlicht wie eine Schneeflocke von der Decke herab und erlischt über meinem Buch.

Und ich wurde nicht toll, Leser!

Der Schlaf, der heilige Schlaft, nimmt die Form des Hinterhalts an, in dem Mörder sich verbergen.

Ich wage nicht mehr zu schlafen und habe keine Kraft übrig, mich wach zu halten. Das _ist_ ja die Hölle! Als ich die Schlummerbetäubung mich überschleichen lasse, trifft mich ein galvanischer Stoss gleich einem Donnerschlag, ohne mich jedoch zu töten.

Schleudere deine Pfeile, stolzer Gallier, gegen den Himmel, der Himmel ruht nie!

Da aller Widerstand vergeblich ist, strecke ich die Waffen, jedoch nach Rückfällen in die Widersetzlichkeit. Während dieses letzten ungleichen Kampfes geschieht es oft, dass ich Irrlichter sogar am hellen Tage sehe, aber ich schreibe die Erscheinung einer Augenkrankheit zu.

Da erhalte ich von Swedenborg eine Aufklärung über die Bedeutung dieser Flackerflammen, die ich seitdem nie mehr gesehen habe.

"Andere Geister suchen mir das Gegenteil von dem einzureden, was die Lehrgeister mit gesagt haben. Diese _Widerspruchsgeister_ sind auf Erden Menschen gewesen, die infolge ihrer Frevelhaftigkeit aus der Gesellschaft verwiesen sind. Man erkennt ihr Nahen an einer _flackernden Flamme_, die sich einem vor das Gesicht zu senken scheint; sie nehmen auf dem Rücken des Menschen Platz, von wo sie sich bis in die Glieder vernehmen lassen. Sie predigen, man solle nicht glauben, was die Lehrgeister in Übereinstimmung mit den Engeln gesagt haben; man solle seinen Wandel nicht der Unterweisung anpassen, die man von ihnen genossen hat, sondern in Ungebundenheit und Freiheit leben, nach eigenem Behagen. Gewöhnlich finden sie sich ein, wenn die anderen verschwunden sind; die Menschen wissen, was sie gelten, und kümmern sich wenig um sie; lernen aber doch durch sie, was gut und böse ist, denn man erwirbt Kenntnis von der Beschaffenheit des Guten durch dessen Gegenteil."

11.

Auszug aus meinem Tagebuch.

1897.

7. Februar.

Ein Schlagregen von Steinen gegen die Fenster in meiner neuen Wohnung die ganze erste Nacht. Am nächsten Tage klärt man mich darüber auf, dass es Eissplitter gewesen sind.

12. Februar.

Aus dem Bett gezerrt, nachdem ich eine Frauenstimme gehört habe. Der heilige Chrysostomus, der Weiberhasse, gibt mir zu verstehen:

"Was ist das Weib? Der Feind der Freundschaft, die unvermeidliche Strafe, das notwendige Übel, die natürliche Versuchung, das ersehnte Unglück, die Quelle unversieglicher Tränen, das schlechte Meisterstück der Schöpfung in blendend weisser Ausstattung."

"Da schon das erste Weib einen Vertrag mit dem Teufel einging, warum sollten seine Töchter es nicht genau so machen? Geschaffen wie es ward aus einer krummen Rippe, ist seine ganze Sinnesrichtung krumm und schief geworden, geneigt nach dem Bösen!"

Gut gesagt, Sankt Chrysostomus, Goldmund!

28. Februar.

Der Buchfink zwitschert, der blaue Streifen des Meeres in der Ferne lockt und zieht mich an, aber sobald ich nach der Reisetasche greife, werde ich von den Unsichtbaren angefallen. In der Tat ist die Flucht für mich abgeschnitten; ich bin hier interniert.

Um mich zu zerstreuen, will ich anfangen an dem Buch "Inferno" zu schreiben; aber das wird mir nicht gestattet. So wie ich die Feder anfasse, ist das Gedächtnis wie ausgelöscht, und ich kann mich an nichts mehr erinnern; oder alles erscheint als Begebenheiten ohne eine Spur von Bedeutung.

2. April.

Ein deutscher Schriftsteller bittet mich um meine Meinung über Fürst Bismarck, für Rechnung einer Zeitschrift, in welcher der Kanzler allgemeiner Abstimmung unterzogen wird.

"Ich muss einen Mann bewundern, der es verstanden hat, seine Zeitgenossen so anzuführen wie Bismarck. Sein Werk soll die Einheit Deutschlands sein, und doch hat er das grosse Reich in zwei geteilt, mit einem Kaiser in Berlin und einem in Wien."

Am Abend verbreitet sich ein Duft von Jasminblüten in meinem Zimmer, ein lieblicher Friede bemächtigt sich meines Gemüts, und ich schlafe ruhig diese Nacht. (Swedenborg sagt, dass die Gegenwart eines guten Geistes, eines Engels, sich durch balsamischen Duft verrät. Die Theosophen behaupten dasselbe, aber übersetzen Engel mit Mahatma.)

5. April.

Man erzählt mir, dass ein grosses Skulpturwerk von Ebbe, ein gekreuzigtes Weib darstellend, während des Transportes nach der Stockholmer Ausstellung zerschlagen worden ist. Ein Gegenstück: meines Freundes H. Gemälde mit dem gekreuzigten Weib, das für Schulden in Beschlag genommen und in einem Hof über dem Kehrrichtkasten aufgehängt wurde. (Siehe "Inferno".)

10. April

Las allerlei. Chateaubriands "Mémoires d'outretombe". Las Cases' Tagebuch von St. Helena. Wer war Napoleon? Von wem war er eine Reïnkarnation?

Geboren in Ajaccio, einer griechischen Kolonie, die ihren Namen von Ajax herleitet. 1. Ajax, Telamons Sohn, wurde von Odysseus besiegt; wahnsinnig vor Gram, machte er die Viehherden der Griechen nieder, im Glauben, Tod unter den Feinden zu verbreiten. Eines Tages, als einer von Trojas Schutzgöttern beide Heere in eine Wolke gehüllt hatte, um die Flucht der Trojaner zu begünstigen, rief er: Hoher Gott, schenk uns das Tageslicht wieder und kämpfe gegen uns. 2. Ajax, Sohn des Oïleus, litt Schiffbruch auf der Heimfahrt von der Belagerung Trojas, rettete sich auf eine Klippe, wo er trotzig gegen die Götter schalt; zur Strafe wurde er in die Tiefe des Meeres versenkt. Ajax, den Göttern trotzend, ist eine feststehende Wendung geworden.

Napoleon kam unvermutet zur Welt auf einem Teppich, der mit Darstellungen aus der Ilias geschmückt war.

Paola a Porta sagte eines Tages zu dem jungen Napoleon: Es ist nichts von neuer Zeit bei dir; du bist ein Mann aus Plutarch.

Rousseau hatte vor Napoleons Geburt sich mit Korsika beschäftigt, dessen Einwohner ihn zum Gesetzgeber haben wollten. "Es gibt noch ein Land in Europa, in dem es möglich ist, Gesetze zu geben: das ist die Insel Korsika ... Ich habe ein Vorgefühl davon, dass einmal _diese kleine Insel Europa mit Verwunderung schlagen wird_."

Nordille Bonaparte hatte 1266 seine Ehre zum Pfande gesetzt für Konradin von Schwaben, den Karl von Anjou hinrichten liess.

Der Zweig Franchini Bonaparte trug in seinem Wappen drei goldene Lilien wie die Bourbonen.

Napoleon war verwandt mit Orsini. Orsini war der Name des Mörders, der ein Attentat gegen das Leben Napoleons III. unternahm. Auf drei Inseln hatte Napoleon seine schweren Tage: Korsika, Elba und St. Helena. In einer Geographie, die er in seiner Jugend niederschrieb, erwähnt er die letzte mit den beiden Worten: "kleine Insel!" (Allzu klein, leider!) Während des Krieges mit den Engländern sandte er ohne ersichtliche Veranlassung einen Kreuzer in das Fahrwasser von St. Helena.

Napoleons Tod gibt der Einbildungskraft eines Okkultisten reichen Stoff.

"Es war ein schreckliches Wetter, der Regen fiel ununterbrochen, und der Wind drohte alles wegzufegen. Der Weidenbaum, unter dem Napoleon frische Luft zu holen pflegte, war umgebrochen worden; unsere Baumpflanzungen waren mit den Wurzeln ausgerissen, umhergestreut; ein einziger Gummibaum hielt noch stand, als ein Wirbelwind ihn ergriff, ihn aufhob und in den Schmutz legte. Nichts von dem, was der Kaiser liebte, durfte ihn überleben."

Der Kranke konnte das Licht nicht vertragen; man musste ihn in einem dunklen Zimmer pflegen. Er sprang, schon sterbend, aus dem Bett, um in den Garten zu gehen.

"Krampfhafte Zuckungen über dem Nabel und im Bauche, tiefe Seufzer, Klageschreie, konvulsivische Bewegungen, die beim Todeskampfe in ein lautes und schmerzvolles Schluchzen endigen."

Noverrez, der krank geworden war, fiel in Fieberphantasie: "Er bildet sich ein, dass der Kaiser bedroht sei, und ruft nach Hilfe."

Nachdem Napoleon den Geist aufgegeben hat, breitet sich ein friedvolles Lächeln um seine Lippen, und die Leiche behält noch nach neunzehn Jahren in der Gruft diesen Ausdruck der Ruhe bei. Als man im Jahre 1840 das Grab öffnete, war der Körper vollständig erhalten. Die Fusssohlen waren weiss. (Weisse plantae pedis bedeuten nach Swedenborg: Deine Sünden sind vergeben.)

Gut erhalten waren die Hände (die linke jedoch nicht weiss), waren weich geblieben und hatten ihre schöne Form bewahrt. Der ganze Körper mattweiss: "als sähe man ihn durch einen dichten Tüll." Im Oberkiefer fanden sich bloss drei Zähne. (Ein merkwürdiges Zusammentreffen: der Herzog von Enghien hatte nur noch drei Zähne, als er füsiliert worden war. Und in Parenthese sei hinzugefügt: der Herzog von Enghien kam zur Welt nach 48stündigen Wehen. Er war _schwarzblau_ und ohne ein Zeichen von Leben. In eine spiritusgetränkte Binde gewickelt, wird er zu nahe an ein brennendes Licht gehalten und fängt Feuer. Da erst beginnt er zu leben!)