Part 18
Vor einigen Tagen, als ich ein Trottoir hinunterging, sah ich, wie ein Gastwirt vor seiner Tür mit einem Scherenschleifer, der auf der Strasse hielt, laute und böse Worte wechselte. Es war mir unangenehm, die Linie zu durchschneiden, die diese beiden Individuen verband, aber es war nicht zu vermeiden; und ich versichere, dass ich ein starkes Unbehagen empfand, als ich den Raum zwischen den beiden zankenden Männern überschritt. Es war, als zerrisse ich ein zwischen ihnen ausgespanntes Seil, oder vielmehr ginge über eine Strasse, die man von beiden Seiten mit Wasser bespritzt.
Das _Band_, das Freunde, Verwandte und in höchstem Grad Gatten aneinander bindet, ist ein wirkliches Band, und zwar von einer greifbaren Wirklichkeit.
Wir beginnen ein Weib zu lieben, indem wir bei ihr Stück für Stück unserer Seele niederlegen. Wir verdoppeln unsere Persönlichkeit, und die Geliebte, die bisher gleichgültig, neutral war, beginnt sich in unser anderes Ich zu kleiden, und sie wird unser Doppelgänger. Wenn es ihr einfällt, mit unserer Seele fortzugehen, ist der Schmerz darüber vielleicht der heftigste, den es gibt, nur vergleichbar mit dem der Mutter, die ihr Kind verloren hat. Ein leerer Raum entsteht, und wehe dem Mann, der nicht über die Kraft verfügt, seine Zweiteilung wieder zu beginnen und ein anderes Gefäss zum Füllen zu finden.
Die Liebe ist ein Akt, durch den der Mann sich selbst befruchtet, weil es der Mann ist, der liebt; es ist eine süsse Illusion, das er von seiner Frau geliebt wird, seinem zweiten Ich, seiner eigenen Schöpfung.
Zwischen liebenden Gatten offenbart sich oft das unsichtbare Band auf eine mediumartige Weise: man kann einander aus der Ferne rufen, die Gedanken des andern lesen, Suggestion auf einander ausüben. Man fühlt nicht mehr das Bedürfnis, mit einander zu sprechen; man freut sich über die blosse Gegenwart des geliebten Wesens; man wärmt sich an der Strahlung, die von der Seele des andern ausgeht. Wenn man getrennt ist, dehnt sich das Band: das Vermissen, die Sehnsucht wächst mit der Entfernung, kann das Band zerreissen und damit den Tod bringen.
Seit mehreren Jahren habe ich Aufzeichnungen über alle meine Träume gemacht, und ich bin zu der Überzeugung gekommen: dass der Mensch ein doppeltes Leben lebt, dass die Einbildungen, die Phantasien, die Träume eine Wirklichkeit besitzen. Wir sind alle geistige Schlafwandler und begehen im Traume Handlungen, die uns im wachen Zustande je nach ihrer Natur mit dem Gefühl der Befriedigung, dem bösen Gewissen, der Furcht vor den Folgen erfüllen. Und aus Gründen, die ich ein ander Mal darlegen will, glaube ich dass die sogenannte Verfolgungsmanie oft einen guten Grund hat, nämlich in der Gewissensqual nach schlechten Handlungen, die man im "Schlaf" begangen hat und von denen neblige Erinnerungen bei uns spuken.
Die Phantasien des Dichters, die beschränkte Seelen so verachten, sind Wirklichkeiten.
Und der Tod? fragt ihr.
Dem Mutigen, der nicht zu grossen Wert auf das Leben legt, hätte ich früher folgendes Experiment empfohlen, das ich mehrere Male wiederholt habe, nicht ohne unangenehme, aber jedenfalls ohne schwer heilbare Folgen.
Nachdem Türen, Fenster und Ofenklappen geschlossen sind, stelle ich eine geöffnete Flasche mit Cyankalium auf den Nachttisch und lege mich aufs Bett.
Die Kohlensäure der Luft macht in kurzem die Blausäure frei, und die bekannten physiologischen Erscheinungen geben sich zu erkennen. Ein gelindes Zusammenschnüren der Kehle, ein unbeschreiblicher Geschmack, den ich aus Analogie "blau" nennen möchte, Lähmung der Armmuskeln, Schmerzen im Magen.
Die tödliche Wirkung der Blausäure ist noch immer ein Geheimnis. Verschiedene Autoritäten geben verschiedene Wirkungsarten dieses Giftes an. Einer sagt: Gehirnlähmung; ein anderer: Herzlähmung; ein dritter: Erstickung als sekundäre Wirkung davon, dass das verlängerte Mark angegriffen wird, usw.
Da sich indessen die Wirkung augenblicklich zeigen kann, ehe ein Verzehren stattgefunden hat, muss sie vielmehr als ... seelisch betrachtet werden; wird doch die Blausäure in der Medizin als beruhigendes Mittel in _sogenannten_ nervösen Krankheiten gebraucht.
Alles, was ich von dem Seelenzustand, der sich nun zeigt, sagen möchte, ist dies:
Es ist nicht ein langsames Erlöschen, es ist vielmehr eine Auflösung, in der das Angenehme die unbedeutenden Schmerzen überwiegt.
Der innere Sinn gewinnt an Klarheit, im Gegensatz zum Herannahen des Schlafes, der Wille herrscht, und ich kann das Experiment abbrechen, indem ich den Kork in die Flasche stecke, das Fenster öffne, Chlor oder Ammoniak einatme.
Nicht dass ich darauf bestehe, wenn aber der temporäre Todeszustand der Fakire durch einen Beweis bestätigt werden soll, würde das Experiment ohne Gefahr fortgesetzt werden können. Und im Fall eines Unglücks müsste man die verschiedenen Arten versuchen, mit denen man einen Scheintoten zum Leben zurückruft. Die Fakire wenden warme Umschläge auf den Gehirnhalbkugeln an; die Chinesen wärmen die Magengrube und rufen ein Niesen hervor. In seinem ausgezeichneten Buche "Le Positif et le Négatif" (Paris, Lemerre, 1890) erzählt Vial nach Trousseau und Pidoux: "Carrero erstickte und ertränkte 1825 eine grosse Anzahl Tiere, die er nachher ins Leben zurückrief, _sogar lange nach ihrem Tode_, indem er ihnen ganz einfach Nadeln ins Herz steckte." (Akupunktur.)
A. E. Badaire zitiert in "La Joie de mourir" (Paris, Chamuel. 194) mehrere bekannte Todesfälle, wie den des berühmten Richet, 1892, und den Hallers, bei welchen der Augenblick vor Eintritt des Todes unmöglich zu bestimmen war.
Chisac; ein Arzt in Montpellier, verdoppelt sich vor dem Tode, betrachtet sich als einen andern, stellt sich die Diagnose, fühlt sich den Puls und gibt Befehle. Darauf schliesst er die Augen, "um sie nicht mehr zu öffnen".
In "Inferno" habe ich von meinem Unglücksbruder, dem deutsch-amerikanischen Maler, erzählt, dessen Doppelgänger, der deutsch-amerikanische Arzt Francis Schlatter sein sollte. Jetzt ist der Augenblick gekommen, da ich genötigt bin, meinen Freund blosszustellen, in der einzigen Absicht, zur Erforschung des wahren Sachverhalts beizutragen.
Mein Freund hiess H.; gleichviel ob es sein wirklicher Name war oder ob er den angenommen hatte.
Nachdem ich im August 1897 nach Paris zurückgekehrt war, blätterte ich eines Tages in der Revue spirite von 1859. Da stiess ich auf einen Aufsatz mit der Überschrift: Mein Freund H.
Unter demselben Titel hatte ein Herr H. Lugner im Feuilleton des Journal des Debats vom 26. November 1858 eine Geschichte veröffentlicht, die er als tatsächlich hinstellt und der er selbst persönlich beigewohnt haben will, da er, wie er äussert, dem Helden dieses Abenteuers in Freundschaft verbunden war. Der Held war ein fünfundzwanzigjähriger junger Mann von untadeligen Sitten und unerschütterlicher Herzensgüte.
H. konnte nicht wach bleiben, sobald die Sonne untergegangen war. Eine unüberwindliche Mattigkeit beschlich ihn und er sank allmählich in einen festen Schlaf, den nichts abwenden konnte.
Kurz: H. lebte ein doppeltes Dasein; nachts war er in Melbourne als Verbrecher unter dem Namen William Parker tätig, der auch seiner Zeit hingerichtet wurde. Gleichzeitig fand man H. in Deutschland tot in seinem Bett.
Mag sie nun wahr oder nur eine Ausgeburt der Einbildung sein, diese Geschichte interessiert mich, weil der Name H. darin vorkommt und die Umstände auf eine offenbare Weise zusammenfallen.
Die Literatur der Gegenwart hat sich bereits mit der Erscheinung des Doppelgängers befasst: in dem bekannten Roman "Trilby" und in einem Stück von Pauls Lindau. Es wäre interessant zu wissen, ob die Verfasser nach der Natur gearbeitet haben oder nicht.
Wir kehren zu unserm Freund Martin zurück.
Nach einem langen Winter näherte sich der Frühling mit fehlgeschlagenen Hoffnungen. Der arme Doktor, der sich auf das Versprechen seiner Vorgesetzten verliess, das man ihn zum Dozenten berufen werde, erhielt einen schweren Stoss, als die Ernennung aufgeschoben wurde. Er musste bis zum Herbst warten, obwohl er wissenschaftliche Verdienste genug besass. Das war eine Schmach die ihn zur Verzweiflung brachte; indem er sein Pech verfluchte, stürzte er sich in Ausschweifungen, ohne jedoch sein Nüchternheitsgelübde zu brechen.
Genug, er ist Junggeselle, und eines Abends sucht er ein Mädchen, das einen Burschen sucht. Und er verlässt sie. Die Dirne war ihm unbekannt und wohnte in einem zweideutigen Viertel am Aussenrand der Stadt. Die Sache war durchaus nicht verwickelt, und er erwartete keine weiteren Folgen davon.
In der Dämmerung des nächsten Abends ist er in seinem Elternhaus mit seinen Arbeiten beschäftigt, als ein Lärm von draussen seine Aufmerksamkeit erregt.
Er öffnet das Fenster und gewahrt unten in seinem Garten eine Stiege Jungen zwischen fünfzehn und achtzehn Jahren. Da nichts zum Stehlen da ist, kann er sich die Anwesenheit einer Menge Leute in diesem Ort und zu so ungeeigneter Stunde nicht erklären. Die Schlingel trampeln dort unten herum, ohne dass die Veranlassung zu erkennen wäre. Er glaubt einem Blendwerk ausgesetzt zu sein, aber da ruft ihn seine Mutter. Als er herunterkommt, wird er von seiner Mutter gebeten, hinauszugehen und sich nach den Absichten der Eindringlinge zu erkundigen.
Als er auf den Hof tritt, erblickt er ein junges Weib, das wie ein Spalier an der Wand steht. Er geht näher, um den Zusammenhang zu ermitteln, der nach der schlimmen Seite zu neigen scheint. Vor dem Weibe angelangt, erkennt er das Mädchen von gestern; da er das Opfer eines Erpressungsversuchs zu sein glaubt, ruft er wütend:
--Was haben Sie hier zu tun? Gehen sie Ihrer Wege!
Ohne ein Wort zu sagen, begibt sich das Mädchen zur Pforte, und ohne irgendwie zu zeigen, dass sie den erkannt hat, der mit ihr gesprochen hat. Sie war offenbar nicht gekommen, um ihn zu schikanieren.
Aber im selben Augenblick und in Gegenwart seiner Mutter stürzen die zwanzig Strassenjungen aus dem hinteren Teile des Hofes hervor, umringen den Doktor und das Mädchen und zeigen mit den Fingern auf die beiden Unglücklichen, überhäufen sie mit groben Schimpfworten und lassen verstehen, dass sie die beiden in einer gewissen Situation überrascht haben.
Der Doktor, vernichtet vor Scham, sich in Gegenwart seiner Mutter skandalisiert zu sehen, beteuert ihr, dass er unschuldig sie, obgleich er auf frischer Tat ergriffen zu sein scheint.
Welche peinliche Szene für einen Sohn!
Als er mir dies Abenteuer erzählte, das mir wie ein böser Traum vorkam, unwahrscheinlich in seiner ungerechten Grausamkeit, sah der arme Doktor erbärmlich aus.
--Das ist ja der Teufel selbst, nicht wahr! Unschuldig an einer Sache sein, die übrigens keinen etwas angeht, und dann öffentlich auf diese Weise hingerichtet werden!
--Ja, der Vorfall erscheint mir dunkel. Das ist ja unglaublich! Zwanzig Jungen, die auf einen Hof kommen, ein liederliches Weib, dem nichts an der Ehre gelegen sein kann und das sich nicht zu rächen sucht! Was bedeutet das? Eine Lektion! Es ist deutlich, dass die Mächte in der Sittlichkeit strenger werden. Und wie modern sie geworden sind! Keine Träume, keine Geschichte, da die Leute sich an so etwas nicht mehr kehren. Nein, statt dessen ganze Inszenierungen von vollendeten Realismus, Dinge zum Anschauen ausgebreitet, bei denen man mit Räsonnement nicht weit kommt.
--Du glaubst also, dass es ein Verweis war. Aber, wenn ich dir sage, dass ich ohne Schuld war, wirklich unschuldig.
--Unschuldig gestern, ja, aber nicht am Tage vorher!
--Jedenfalls war es kein Komplott, da das Mädchen mich ja nicht erkannte. Ein teuflischer Zufall....
--Ja, aber ein Zufall, dessen Fäden von einer Meisterhand geflochten waren!
Um sich etwas Zerstreuung zu verschaffen, unternahm mein Freund Martin eine Rundreise nach Norrland und Norwegen; er erwartete davon ein wirkliches Gefühl von Freiheit und viel Vergnügen.
Nach einigen Wochen begegnete ich Freund Martin auf einer Strasse in Lund.
--Hast du eine schöne Reise gehabt?
--Eine teuflische Reise! Jetzt weiss ich nicht mehr, was man glauben soll. Es gibt ganz gewiss jemand, der mich herausfordert, und der Streit ist ungleich. Höre nur! Ich kam nach Stockholm, um mich auf der grossen Ausstellung zu amüsieren, und obgleich ich in der Stadt fast hundert Freunde habe, traf ich nicht einen einzigen. Alle waren auf dem Lande! Allein!--Ich wohne einen Tag in meinem Zimmer und werde dann von einem andern hinausgeworfen, dem mein Bruder aus Versehen ein älteres Versprechen gegeben hat. Das Pech macht mich so stumpfsinnig, dass ich nicht in die Ausstellung gehe, und als ich mich--auf den Strassen herumtreibe, schliesse ich mich einem Mädchen an. In diesem Augenblick fällt eine schwere Hand auf meine Schulter nieder, und ein Onkel, sehr ernst angelegt, den ich nicht mehr als zweimal in meinem Leben gesehen habe, dem ich zuletzt von allen hätte begegnen mögen, ladet mich ein, den ganzen Abend mit ihm--und seiner Frau zusammen zu sein!
Alles, vor dem mir ekelt, muss ich schlucken! Das ist verhext!--Weiter, tausend Kilometer--allein!--in einem Eisenbahnwagen durch eine tödlich langweilige Landschaft.
Am Oreskutan, dem hauptsächlichen Ziel meiner Exkursion, gab es nur ein einziges Hotel, und in diesem Hotel hatten alle meine Antipathien sich zusammengefunden. Der Chef der Freikirchlichen weidete die Herde, und man sang Psalmen morgens, mittags und abends. Man hätte wütend werden können, aber es ging ganz natürlich zu. Nur eine Sache erscheint mir immer noch etwas wunderbar--hm! okkult! Nämlich dass man in diesem ruhigen und geordneten Hotel des Nachts Warenkisten zunagelte!
--Über deinem Kopf?
--Ja! Und sonderbar war, dass dieses Nageln mich nach Norwegen verfolgte. Wenn ich eine Erklärung vom Hotelwirt verlangte, behauptete er nichts gehört zu haben.
--Das ist ja ganz wie mit mir!
--Ja, es ist wie mit dir! Was mir aber in Christiania passierte, übertrifft alles, was meine schlimmsten Feinde hätten ausfindig machen können. Ich kenne viele Leute in Christiania, sie waren noch in der Stadt und ich konnte doch nicht einen einzigen treffen! Allein, immer allein!
Wie ich im Café des Grand Hotel so allein sitze, werde ich von einem jungen Mann angesprochen, der an einem Nebentisch sitzt. Glücklich, eine Gelegenheit zu finden, meine eigene Stimme wieder hören zu können, antworte ich, gegen meine Gewohnheit in solchen Fällen. Da er wohlerzogen aussah und es sich mit ihm sprechen liess, lud ich ihn schliesslich ein, mir Gesellschaft zu leisten.
Wir bringen den Abend zusammen zu. Ich muss zugeben, dass mir der junge Mann nach einigen Stunden den unbestimmten Argwohn einflösste, er sei nicht der, für den er sich ausgab. Er widersprach sich selbst und redete ohne Zusammenhang, und ich wusste nicht, wo ich ihn unterbringen sollte.
Schliesslich gegen Nacht, blieb ein norwegischer Freund, den ich drei Jahre nicht gesehen hatte, vor unserm Tisch stehen; er begrüsst mich mit einer pfiffigen Miene, die diesem ernsten Charakter ganz fremd war, und schielt nach meinem Begleiter. Darauf lacht er und schleudert mir eine Beschimpfung ins Gesicht, indem er sich stellt, als glaube er, mein Kamerad stehe in einem Verhältnis unnatürlicher Intimität zu mir. Auf meine Proteste antwortet er nur, indem er wiederholt:
--Genieren Sie sich nicht! genieren Sie sich nicht! Hier ist man wie bei sich zu Hause und braucht sich nicht zu genieren.
Was sollte ich sagen? Was sollte ich tun?
Der junge Mann wurde nicht böse, und da warf der norwegische Freund, der wohl ein Glas zu viel im Kopfe hatte, folgenden Einfall hin, vielleicht ganz ohne Hintergedanken:
--Übrigens ist nichts Böses dabei; das ist ein verkleidetes Weib.
Da steht der junge Mann auf und macht, mitten im Café, das vollgepfropft von Leuten war, eine Gebärde, wie um das Gegenteil zu beweisen.
--Das geht über alle Grenzen!
--Es ist ungeheuerlich, und es ist Wahrheit! Und niemand erhebt dagegen Protest; man lacht nur! Aber es ist noch nicht zu Ende! Im selben Augenblick, wie ich aufbrechen will, bittet der unbekannte Jüngling mich, ihm Geld zu leihen. Beschimpft, kochend vor Entrüstung, kann ich jedoch nicht nein sagen, da ich aber kein Wechselgeld habe, gehe ich ans Büffet, von dem Fremden begleitet. Stelle dir die Szene vor, wie ich diesem verdächtigen Schlingel, der aussieht, als bekomme er seine Bezahlung, Geld gebe. Ein alter Lehrer aus Lund, der hinter uns beiden stehen geblieben ist, fixiert mich mit einem Blick, der Gewissheit über den abscheulichen Argwohn ausdrückt. Das ist schön!
--Weisst du was: Ich muss bei dem, was du eben erzählt hast, an gewisse Märchen von Hoffmann denken. Und als ich neulich wieder einmal die "Elixiere des Teufels" las, kam es mir vor, als beruhten die Phantasien des deutschen Dichters auf erlebten Begebenheiten.
--Bald kann man alles Mögliche glauben!--Aber nun die moralische Seite der Sache? Ist eine Vernunft darin, mich vor einem Freund, vor einem ganzen Publikum in falsches Licht zu stellen! Was sollte denn bestraft werden?
--Man darf nicht auf die Mächte böse werden, weil sie sich solcher Massregeln bedienen. Glaubst du, ich tat Schritte, die falschen Gerüchten zu dementieren, die von einem deutschen Schriftsteller verbreitet wurden, als er mich unnatürlicher Instinkte beschuldigte: Nein! Ich verfluchte ihn damals, aber seitdem überwache ich meine Sinnlichkeit. Übrigens hat Swedenborg mich gelehrt, dass solche Bestrafungen, die ohne Unterschied zugefügt werden zu dem Zweck auferlegt werden, uns die Märtyrerschaft schmecken zu lassen, die wir selbst unschuldigen Menschen durch schändliche Verleumdungen und leichtsinnige Äusserungen verursacht haben.
--Mag sein, aber ich werde in den Gedanken meines Freundes immer mit dem Stempel des Lasters gezeichnet sein, und ich werde niemals diese seine Ansicht ausroden können.
--Das ist unangenehm, aber es ist nun einmal so!
Diese banalen und an sich widerwärtigen Geschichten hätte ich wahrhaftig nicht erzählt, wenn sie nicht durch ihre Ungereimtheit den Gedanken auf das Dasein einer Realität leiteten, die nicht reell ist und nicht Vision, sondern eine Phantasmagorie, hervorgerufen von den Unsichtbaren in dem bestimmten Zweck, zu warnen, zu lehren, zu strafen.
Dieser Zustand, von den Theosophen die Astralebene genannt, wird von Swedenborg, Arcana, letzter Teil, also geschildert:
"Visiones und Visa."
"Es gibt zwei Arten Gesichte, die ausserordentlich sind, in welche ich versetzt worden bin, bloss um zu wissen, wie es sich mit ihnen verhält, und was darunter zu verstehen ist, was man im WORT liest: dass sie vom Körper entzückt wurden und dass sie vom Geist fortgeführt wurden nach einem anderen Ort.
1. Der Mensch wird in einen Zustand versetzt, der mitten zwischen Schlaf und Wachen ist; und wenn er in diesem Zustand ist, kann er nicht anders wissen, als dass er vollkommen wach sei. Das ist der Zustand, von dem gesagt wird: entzückt werden vom Körper, und in dem man nicht weiss, ob man im Körper ist oder ausserhalb des Körpers.
2. Durch die Strassen einer Stadt und über Feld wandernd, auch da in Gespräch mit Geistern, wusste ich nicht anders, als dass ich so wach und sehend war, wie bei andern Gelegenheiten; so wanderte ich, ohne vom Wege abzuweichen, und inzwischen war ich in einem Gesicht und sah Haine, Flüsse und Paläste, Häuser, Menschen und anderes; nachdem ich aber so einige Stunden gewandert, war ich plötzlich in dem Gesicht des Körpers, und wurde gewahr, dass ich mich höchlich wunderte, und ich merkte, dass ich in einem solchen Zustand gewesen war wie die, von denen gesagt wird, dass sie vom Geist fortgeführt wurden an einen andern Ort."
Freund Martin wohnt nach der Rückkehr von seiner Vergnügungsreise allein im Elternhaus, weil die Familie sich nach verschiedenen Seiten zur Sommerfrische zerstreut hat. Ich will nicht behaupten, dass er ängstlich ist, aber er fühlt sich unbehaglich. Zuweilen hört er Schritte und andere Laute von dem Zimmer seiner abwesenden Schwester, bisweilen Niesen.
Vor einigen Tagen hörte er mitten in der Nacht einen knirschenden Laut, wie von einer Sense, die geschärft wird.
--Alles in allem, schloss er, es gehen sonderbare Dinge vor, aber im selben Augenblick, in dem ich mich mit den Mächten in Unterhandlungen einlassen würde, wäre ich verloren.
Das war sein letztes Wort, und da näherte sich der Herbst mit grossen Schritten.
8.
Studien in Swedenborg.
Während sich dieses im täglichen Leben zutrug, setzte ich meine Schwedenborgstudien fort. Seine Arbeiten, deren schwer habhaft zu werden ist, fielen mir in die Hände, eine nach der andern, in recht grossen Zwischenräumen.
In den "Arcana Coelestia" ist es die Hölle für ewige Zeit, ohne Hoffnung auf ein Ende, von jedem Wort des Trostes entblösst. "Apocalypsis revelata" führt die Bussordnung aus, und zwar mit der Wirkung, dass ich bis zum Frühling unter ihrem Banne lebte. Bisweilen schüttelte ich ihn ab, indem ich mir eine Hoffnung einrede, dass der Prophet sich in den Einzelheiten getäuscht hat, und dass der Herr des Lebens und des Todes sich barmherziger erweisen wird. Was sich aber nicht verhehlen lässt, ist die in die Augen fallende Übereinstimmung zwischen Swedenborgs Visionen und allen grossen oder kleinen Begebenheiten, die mich und meine Freunde während dieses Schreckensjahres betroffen haben.
Erst im März finde ich bei einem Antiquar die "Wunder des Himmels und der Hölle" und nachher "Von der ehelichen Liebe". Erst dann werde ich von dem Alp befreit, der mich seit der ersten Offenbarung der Unsichtbaren heimgesucht hat.
Gott ist die Liebe; er regiert nicht über Sklaven, und deshalb hat er die Sterblichen sich eines freien Willens erfreuen lassen. Es gibt keine Mächte der Bosheit, sondern ein Diener des Guten versieht das Amt eines Zuchtgeistes. Die Strafen sind nicht ewige, es steht einem jeden frei, geduldig zu sühnen, was er verbrochen hat.
Die Leiden, die uns auferlegt werden, haben die Besserung des Ichs zum Zweck.
Die Verfahren, welche die Vorbereitung zu einem geistlichen Leben bilden, beginnen mit Verwüstung (vestatio) und bestehen aus Brustbeklemmungen, Atemnot, Erstickungssymptomen, Herzstörungen, Angstanfällen, Schlaflosigkeit, Alpdrücken. Diese Prozedur, der Swedenborg in den Jahren 1744 und 45 ausgesetzt war, wird in den "Träumen" geschildert.
Und die Diagnose dieses Krankheitszustandes entspricht in jedem Punkt den jetzt üblichen Affektionen, so dass ich nicht vor dem Schlusssatz zurückschrecke: wir befinden uns vor einer neuen Ära, in der "die Geister erwachen und es eine Lust ist zu leben". Diese angina pectoris, der Fall der Schlaflosigkeit, all die nächtlichen Schauder, die den Gemütern Schrecken einjagen und welche die Ärzte gern als Epidemien bezeichnen wollen, sind weiter nichts als die Arbeit der Unsichtbaren. Wie kann man das für eine epidemische Krankheit erklären wollen, dass gesunde Menschen systematisch von unvorhergesehenen, sonderbaren Begebenheiten, von Unruhe und Verdriesslichkeiten verfolgt werden? Eine Epidemie zusammentreffender Umstände? Das ist ja ein Unsinn!
Swedenborg ist mein Vergil geworden, der mich durch die Hölle geleitet, und ich folge ihm blind. Wohl ist er ein furchtbarer Strafer, aber er versteht auch ebenso gut zu trösten, und er kommt mir weniger streng vor als die protestantischen Pietisten.
"Ein Mann kann Reichtümer häufen, wenn er es nur auf ehrliche Weise tut und ebensolchen Gebrauch von ihnen macht; er kann sich kleiden und wohnen nach seinen Verhältnissen; mit Leuten von gleicher gesellschaftlicher Stellung verkehren, des Lebens unschuldige Freuden geniessen, froh und zufrieden aussehen und nicht wie ein mürrischer Mensch mit blassem Gesicht; er kann mit einem Wort leben und auftreten wie ein reicher Mann in dieser Welt und nach seinem Tode gerade hinein in den Himmel gehen, wenn er nur in seinem Innern Glauben an Gott und Liebe zu ihm besitzt und sich seinem Nächsten gegenüber so benimmt, wie es seine Pflicht ist."